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Die Überwindung des Anti-Stalinismus


Die Überwindung des Anti-Stalinismus –

Eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung


Dr. Kurt Gossweiler
, 01.05.1994 (1)

(siehe auch: Sascha’s Welt)

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Die Auseinandersetzungen zwischen der Bourgeoisie und ihren Gegnern, zwischen der Ausbeuterklasse und den Ausgebeuteten scheinen sich erneut zu verschärfen. Man merkt das an den wütenden Reaktionen auf die (absolut berechtigten) Streiks im Bahn- und Flugverkehr. Und man merkt das an den Reaktionen auf Wahlniederlagen und die damit einhergehenden Machtverluste bürgerlicher Parteien. Die herrschende Klasse kriegt es mit der Angst zu tun, und die Arbeiterklasse erkennt allmählich ihre Macht. Wenn nun schon keine Wahlfälschungen und gehässige DDR-feindliche Propaganda mehr helfen, zieht die Bourgeoisie die Notbremse und verschärft die Gesetzeslage und die Brutalität ihrer Polizeieinsätze. Auf diesem Boden treten immer neue Gruppierungen und Versammlungen von Weltverbesserern in Erscheinung. Man sieht: linke Reformler und Barrikadenredner, Anarchisten, Revoluzzer und andere Abenteurer gibt es zuhauf. Wie soll man sich da zurechtfinden? Wo sind denn nun die Kommunisten?

Gewiss gibt es viele parteilose Kommunisten, und auch im sogenannten linken Spektrum finden sich Kommunisten, die sich ihrer Verantwortung, nämlich im Geiste des Marxismus-Leninismus zu handeln, durchaus bewusst sind. Doch warum gibt es bisher keine einheitliche, deutsche KOMMUNISTISCHE PARTEI, die getreu dem Erbe von Ernst Thälmann und im Sinne von Marx, Engels, Lenin und Stalin den Kampf gegen die herrschende Ausbeuterklasse fortsetzt und dabei die Massen ergreift? (Denn wir wissen: Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift) Dieser Frage ist Genosse Kurt Gossweiler nachgegangen.

Genosse Dr. Kurt Gossweiler hat den Text dieses Referates, das er auf dem internationalen Seminar Kommunistischer und Arbeiterparteien in Brüssel am 1. September 1994 gehalten hat, der Neuen Volksstimme („nVs“) zum Abdruck zur Verfügung gestellt. Es befasst sich mit einer wichtigen Voraussetzung für die Wiederherstellung der Kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen Marxistischen Bewegung. Es wurde auch in den »Weißenseer Blättern« und anderen deutschen Publikationen veröffentlicht, die daraus entstehende heftige Diskussion wird im Anhang ansatzweise dargestellt.

kurt-gossweiler-4Zur Person: Dr. sc. Dr. h.c. Kurt Gossweiler Kurt Gossweiler (*5. 11. 1917 in Stuttgart; † 15. 05. 2017 in Berlin): Er wurde 1917 in Stuttgart geboren, wuchs in einer kommunistischen Familie auf, wurde in der von Schulreformern geführten Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes. Als Student im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands leistete er illegale Arbeit im Kampf gegen den Faschismus und trat 1943 als Soldat der Wehrmacht auf die Seite der Roten Armee. Später war er Schüler und schließlich Lehrer an Antifa-Schulen in der UdSSR. Bis 1955 arbeitete er als Funktionär der SED und anschließend bis zu seiner Emeritierung an der Humboldt-Universität, Berlin und an der Akademie der Wissenschaft der DDR. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit war und ist die Faschismusforschung, er gehört zu jenen Historikern der DDR, denen internationale Anerkennung zuteil wurde. Nach 1990 kehrte Kurt Gossweiler seinem ursprünglichen Forschungsgegenstand den Rücken und wendete sich der Untersuchung der Niederlage des Sozialismus zu. Im Jahre 2002 erschien sein wohl wichtigstes Werk: „Die Taubenfußchronik oder die Chruschtschowiade“, ein zweibändiges Tagebuch aus der Zeit von 1953 bis 1976. (Siehe auch: Kurt Gossweiler zum 97. Geburtstag)

Der Antistalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte und der kommunistischen Bewegung

Für Marxisten ist es keineswegs überraschend, dass das Ende der Sowjetunion und der europäischen sozialistischen Staaten die Wiederkehr des Krieges nach Europa und den Beginn einer Generaloffensive des Kapitals gegen die Arbeiterklasse und das ganze werktätige Volk nach sich zog. Diese brutale Kapitaloffensive kann nur durch die gemeinsame, einheitliche Abwehr aller Betroffenen zurückgeschlagen werden. Allein schon deshalb ist die Wiederherstellung einer einheitlichen kommunistischen Bewegung dringlich erforderlich, gar nicht zu reden von der Aufgabe, die Herrschaft des Imperialismus zu beenden. Unglücklicherweise ist die kommunistische Bewegung jedoch noch weit entfernt davon, eine einheitliche Bewegung zu sein.

Meinungsverschiedenheiten

Dabei sind, so scheint es mir jedenfalls, das Haupthindernis für die Herstellung der Einheit der Kommunisten weniger Meinungsverschiedenheiten über die Gegenwartsaufgaben, als gegensätzliche Auffassungen über die Einschätzung des Charakters und der Politik der sozialistischen Länder, insbesondere der Sowjetunion, in der Vergangenheit. Einige sind der Überzeugung, die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder Europas – Albanien ausgenommen – seien seit dem XX. Parteitag überhaupt keine sozialistischen, sondern staatskapitalistische Länder gewesen, und sie betrachten jeden, der diesen ihren Standpunkt nicht teilt, als Revisionisten, mit dem es keine Gemeinsamkeit geben kann. Andere wieder sehen – wie es ihnen seit dem XX. Parteitag und seit Gorbatschow mit wachsender Intensität erzählt wurde – in Stalin den Verderber des Sozialismus, weshalb sie erklären, mit „Stalinisten“ könne es keine Gemeinsamkeit geben. Auf dieser Position stehen die meisten Organisationen, die sich nach dem Zerfall der kommunistischen Parteien aus deren Trümmern gebildet haben, und zwar nicht nur jene, die sich nunmehr offen als sozialdemokratische Parteien bekennen, sondern auch die Mehrzahl jener, die sich als kommunistische Parteien verstehen, und auch die zwischen diesen beiden manövrierende PDS.

Die Anti-Stalin-Kampagne

Der Antistalinismus ist heute tatsächlich das größte Hindernis für den Zusammenschluss der Kommunisten, wie er gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten war. Für diese Behauptung möchte ich nur zwei Kronzeugen anführen, die über jeden Verdacht erhaben sind, „Stalinisten“ zu sein. Der Erste ist der ehemalige US-amerikanische Außenminister John Foster Dulles, der Zweite kein anderer als Michael Gorbatschow. Dulles äußerte sich nach dem XX. Parteitag der KPdSU hoffnungsvoll so: „Die Anti-Stalin-Kampagne und ihr Liberalisierungsprogramm haben eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten ist.“ [1] Gorbatschow hat den Antistalinismus treffend gekennzeichnet – und damit unfreiwillig auch den Hauptinhalt seines eigenen Wirkens –, als er in einem Interview für die FKP-Zeitung „Humanite“ am 4. Februar 1986 auf die Frage nach dem „Stalinismus“ in der Sowjetunion sagte: „Stalinismus ist ein Begriff den sich die Gegner des Kommunismus ausgedacht haben und der umfassend dafür genutzt wird, die Sowjetunion und den Sozialismus insgesamt zu verunglimpfen.“ Niemand kann also sagen, Gorbatschow habe nicht gewusst, was er mit seiner Anti-Stalin-Kampagne getan hat!

Frisst die Revolution tatsächlich ihre Kinder?

Das bei weitem wirkungsvollste Element des Antistalinismus ist die Darstellung Stalins als eines machtgierigen Despoten, als eines blutdürstigen Mörders von Millionen Unschuldiger. Dazu wäre sehr viel zu sagen. Hier in Kürze nur folgende Anmerkungen:

Erstens: Man mag das zutiefst bedauern, aber es ist eine Tatsache, dass noch niemals eine unterdrückte Klasse das Joch der Unterdrückerklasse abgeworfen hat, ohne dass ihr revolutionärer Befreiungskampf und die Abwehr da konterrevolutionären Restaurationsversuche auch das Leben vieler Unschuldiger gekostet hat.

Zweitens: Noch immer hat die Konterrevolution diese Tatsache dazu benutzt, die Revolutionäre in den Augen der Massen zu verabscheuungswürdigen Verbrechen, zu Mördern und Blutsäufern zu stempeln: Thomas Müntzer, Cromwell, Robespierre, Lenin, Liebknecht, Luxemburg.

Drittens: Nur blinde Voreingenommenheit kann den kausalen Zusammenhang übersehen oder leugnen, der zwischen dem Machtantritt des deutschen Faschismus sowie dessen von den westlichen Siegermächten wohlwollend geförderter Aufrüstung und Ermunterung zur Expansion gen Osten hier und den Moskauer Prozessen sowie den repressiven Maßnahmen gegen Ausländer, die ausländischen Emigranten eingeschlossen, dort bestand. Bertold Brecht sah diesen Zusammenhang sehr wohl, als er formulierte: „Die Prozesse sind ein Akt der Kriegsvorbereitung.“ Noch exakter formuliert: Sie waren eine Antwort auf die faschistisch-imperialistische Vorbereitung zum Überfall auf die Sowjetunion. Ohne die Gewissheit des früher oder später erfolgenden faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion – keine Moskauer Prozesse und keine drakonischen „Säuberungen“ zur Verhinderung einer Fünften Kolonne im Lande.

Viertens: Nur politisch Blinden oder sehr Naiven blieb verborgen, dass Chruschtschow und Gorbatschow bei ihren Anklagen gegen Stalin gar nicht von Gefühlen des Abscheus gegenüber Unrecht und Unmenschlichkeit geleitet waren; wäre dem so gewesen, dann hätten sie den Imperialismus und seine Exponenten mindestens mit der gleichen Unversöhnlichkeit attackieren müssen, die sie Stalin gegenüber an den Tag legten. Das Gegenteil aber war der Fall: der hervorstechendste Zug ihrer Politik war die Vertrauenswerbung für den Imperialismus, trotz dessen blutiger Verbrechen an der Menschheit!

Fünftens: Im krassen Gegensatz zu dieser Haltung steht die Tatsache, dass selbst der diplomatische Vertreter der imperialistischen Hauptmacht, der Botschafter der USA, Joseph A. Davies, Stalin eine positive Bewertung zuteil werden lässt, dass aber diese und andere in gleiche Richtung gehende positive Äußerungen von Zeitzeugen über die Sowjetunion seit dem XX. Parteitag in der Sowjetunion unterdrückt wurden. Daher erstens einige Ausführungen zu den Moskauer Prozessen.

DIE MOSKAUER PROZESSE

Zunächst Auszüge aus dem 1943 in Zürich erschienenen Buch von J. E. Davies, „Als USA-Botschafter in Moskau. Authentische und vertrauliche Berichte über die Sowjetunion bis Oktober 1941“. Davies verfolgte – wie alle Diplomaten, die das wünschten – die Moskauer Prozesse als Augen- und Ohrenzeuge, (er war von Beruf Jurist). Seinen Eindruck über den Prozess gegen Bucharin und andere kabelte er am 17. März 1938 nach Washington. Die Depesche hat folgenden Wortlaut (Auszug):

„Trotz Vorurteil bin ich nach täglicher Beobachtung der Zeugen und ihrer Art und Weise, auszusagen, auf Grund der unbewussten Bestätigung, die sich ergab, … zu der Auffassung gelangt, dass, was die politischen Angeklagten betrifft, von den in der Anklageschrift aufgezählten Vergehen gegen die Sowjetgesetze eine genügende Zahl bewiesen und für vernünftiges Denken außer Zweifel gestellt sind, um den Schuldigbefund des Landesverrats und die Verhängung der vom Sowjetkriminalgesetz dafür vorgeschriebenen Strafen zu rechtfertigen. Die Meinung derjenigen Diplomaten, die den Verhandlungen am regelmäßigsten beigewohnt haben, war allgemein, dass der Prozess die Tatsache einer heftigen politischen Opposition und eines höchst ernsten Komplotts aufgedeckt hat, das den Diplomaten viele bisher unbegreifliche Vorkommnisse der vergangenen sechs Monate in der Sowjetunion erklärte.“(S.209)

Davies hatte 1937 bereits den Prozess gegen Radek und andere verfolgt und darüber am 17. Februar 1937 an den US-Staatssekretär berichtet. In diesem Bericht schrieb er u.a.:

„Objektive Betrachtung … ließ mich (jedoch) widerstrebend zu dem Schluss kommen, der Staat habe tatsächlich seine Anklage bewiesen, (wenigstens insofern, als das Vorhandensein einer ausgedehnten Verschwörung und geheimer Ränke gegen die Sowjetregierung unter den politischen Führern außer Frage gestellt und gemäß den bestehenden Gesetzen die in der Anklageschrift behaupteten Verbrechen begangen worden und strafbar seien). Ich habe mit vielen, ja fast allen Mitgliedern des hiesigen Diplomatischen Korps gesprochen, und nur vielleicht einer einzigen Ausnahme waren alle der Auffassung, die Verhandlungen hätten deutlich das Vorhandensein eines politischen Geheimplanes und einer Verschwörung zum Zweck der Beseitigung der Regierung bewiesen.“ (S.33 ff)

In einem Tagebuch notierte Davies am 11. März 1937 folgende bezeichnende Episode:

„Ein anderer Diplomat machte mir gegenüber gestern eine sehr aufschlussreiche Bemerkung. Wir sprachen über den Prozess, und er äußerte, die Angeklagten seien zweifellos schuldig; wir alle, die wir den Verhandlungen beiwohnten, seien uns darüber einig. Die Außenwelt hingegen schiene den Prozessberichten zufolge zu denken, dass der Prozess die reine Aufmachung sei (er nannte es eine Fassade); er wisse zwar, dass dies nicht zutreffe, es sei jedoch wahrscheinlich ebenso gut, wenn die Außenwelt dies annehme.“ (S.86)

Davies berichtete auch über die vielen Verhaftungen und sprach über die „Säuberungen“ am 4. Juli 1937 mit dem Außenminister Litwinow. Über Litwinows Ausführungen berichtete er:

„Litwinow… erklärte, man habe durch diese Säuberung die Sicherheit gewinnen müssen, dass keine Verräterei mit der Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Berlin oder Tokio mehr existierte. Eines Tages würde die Welt verstehen, dass das Geschehen notwendig gewesen sei, um ihre Regierung vor dem ‚drohenden Verrat‘ zu schützen. Ja, sie leisteten in Wahrheit der ganzen Welt einen Dienst, denn wenn sie sich vor der Gefahr der Weltherrschaft der Nazis und Hitler schützen, bilde die Sowjetunion ein starkes Bollwerk gegen die nationalsozialistische Bedrohung. Der Tag würde kommen, wo die Welt erkennen dürfte, welch überragend großer Mann Stalin sei.“ (S. 128)

Aufschlussreich ist auch Davies‘ Schilderung seines Gespräches mit Stalin in einem Brief an seine Tochter vom 9. Juni 1938. Er war von der Persönlichkeit Stalins stark beeindruckt, schrieb er doch:

„Wenn du dir eine Persönlichkeit ausmalen kannst, die in allen Stücken das volle Gegenteil von dem ist, was der rabiateste Stalingegner sich auszudenken vermöchte, dann hast du ein Bild dieses Mannes. Die Zustände, von denen ich weiß, dass sie hier herrschen, und diese Persönlichkeit gehen so weit auseinander wie zwei Pole. Die Erklärung liegt natürlich darin, dass die Menschen für ihre Religion oder für eine‚ Sache zu tun bereit sind, was sie niemals ohne dies tun würden.“ (S. 276)

Seine Einsichten fasst Davies 1941, nach dem Überfall der Faschisten auf die Sowjetunion, mit den Worten zusammen, die Landesverratsprozesse haben „Hitlers Fünfter Kolonne in Russland den Garaus gemacht.“ (S. 209)

Bereits 1936 hatte der Prozess gegen Sinowjew und andere stattgefunden. Ihn zu beobachten hatte der namhafte britische Kronanwalt D. N. Pritt Gelegenheit gehabt. Über seine Eindrücke hatte er in seinem Erinnerungsbuch‚ From Right to Left‘, 1965 in London erschienen, berichtet:

„Mein Eindruck war, … dass der Prozess im Allgemeinen fair geführt wurde und die Angeklagten schuldig waren … Der Eindruck aller Journalisten, mit denen ich sprechen konnte, war ebenfalls, dass der Prozess fair war und die Angeklagten schuldig; und gewiss dachte jeder ausländische Beobachter, von denen es etliche gab, vorwiegend Diplomaten, das Gleiche. … Ich hörte einen von ihnen sagen: natürlich sind sie schuldig. Aber wir müssen das aus Propagandagründen abstreiten.“ (Pritt, S. 110/111).

DIE URTEILE WAREN RICHTIG: SCHULDIG!

Es ergibt sich also, dass nach dem sachkundigem Urteil solcher bürgerlicher Rechtsexperten, wie Davies und Pritt, die Angeklagten der Moskauer Prozesse von 1936,1937 und 1938 zu recht verurteilt wurden, da die ihnen vorgeworfenen Verbrechen nachgewiesen wurden. In diesem Zusammenhang soll auch noch einmal in Erinnerung gerufen werden, was Bertold Brecht seinerzeit zu diesen aufwühlenden Prozessen an Überlegungen anstellte; er schrieb z. B. über die Konzeption der Angeklagten:

„Die falsche Konzeption hat sie tief in die Isolation und tief in das gemeine Verbrechen geführt. Alles Geschmeiß des In- und Auslandes, alles Parasitentum, Berufsverbrechertum, Spitzeltum, hat sich bei ihnen eingenistet. Mit all diesem Gesindel hatten sie die gleichen Ziele. Ich bin überzeugt, dass dies die Wahrheit ist, und ich bin überzeugt, dass diese Wahrheit durchaus wahrscheinlich klingen muss, auch in Westeuropa, vor feindlichen Lesern … Der Politiker, dem nur die Niederlage zur Macht verhilft, ist für die Niederlage. Der der ‚Retter‘ sein will, führt eine Lage herbei, in der er retten kann, also eine schlimme Lage … Trotzki sah zunächst den Zusammenbruch des Arbeiterstaates in einem Krieg als Gefahr, aber dann wurde er immer mehr die Voraussetzung des praktischen Handelns für ihn. Wenn der Krieg kommt, wird der ‚überstürzte Aufbau zusammenkrachen, der Apparat sich von den Massen isolieren, nach außen wird man die Ukraine, Ostsibirien und so weiter abtreten müssen, im Innern Konzessionen machen, zu kapitalistischen Formen zurückkehren, die Kulaken stärken oder stärker werden lassen müssen; aber all das ist zugleich die Voraussetzung des neuen Handelns, der Rückkehr Trotzkis. Die aufgeflogenen antistalinistischen Zentren haben nicht die moralische Kraft, an das Proletariat zu appellieren, weniger, weil diese Leute Memmen sind, sondern weil sie wirklich keine organisatorische Basis in den Massen haben, nichts anbieten können, für die Produktivkräfte des Landes keine Aufgaben haben. Es ist ihnen ebenso zuzutrauen, dass sie zu viel als zu wenig gestehen.“ [2]

CHRUSCHTSCHOW UND GORBATSCHOW HABEN GELOGEN

Wenn wir davon ausgehen, dass Davies und Pritt (und Brecht) mit ihrer Beurteilung der Moskauer Prozesse recht hatten, dann ergibt sich zwangsläufig die Frage: Taten diejenigen, die – wie Chruschtschow und Gorbatschow nachträglich die in den Prozessen Verurteilten zu unschuldigen Opfern erklärten, dies nicht vielleicht deshalb, weil sie mit diesen sympathisierten oder gar ihre heimlichen Komplizen waren und weil sie deren damals gescheiterte Sache zu Ende führen wollten? Und wenn wir dann bei genauerer Betrachtung ihrer – (der Chruschtschow und Gorbatschow und ihresgleichen) – politischen Tätigkeit feststellen müssen, dass sich die Geständnisse der Angeklagten der Moskauer Prozesse über ihre Absichten und Ziele und der zu ihrer Erreichung angewandten Methoden wie das Drehbuch zu ihrem – Chruschtschows und insbesondere Gorbatschows – Wirken liest, dann legt das einen doppelten Schluss nahe: Zum einen den, dass die Moskauer Prozesse als Schlüssel dienen können für die Erhellung und Entschlüsselung dessen, was seit dem XX. Parteitag der KPdSU die Sowjetunion, die anderen sozialistischen Länder und die kommunistische Bewegung auf die abschüssige Bahn geführt hat; und zum anderen den, dass das Wirken der Chruschtschow und Gorbatschow und dessen Ergebnis den Rückschluss zulässt, dass es sich bei den Moskauer Prozessen eben nicht um Inszenierungen von Schauprozessen gehandelt hat, sondern dass in diesen Prozessen Komplotte der gleichen Art aufgedeckt und vereitelt wurden, wie sie von Gorbatschow schließlich zum bereits damals geplanten Ende geführt werden konnten, weil ihm kein Moskauer Prozess mehr Einhalt gebot.

Diente die Darstellung Stalins als eines blutgierigen Despoten und „seines“ Regimes als das einer Hölle auf Erden dazu, den Widerstand gegen die Chruschtschow-Gorbatschow Konterrevolution zu paralysieren, so zielt die Darstellung Stalins als eines Verfälschers der Leninschen Grundsätze auf die theoretische und ideologische Entwicklung der kommunistischen Bewegung und aller Sozialisten. Der größte Teil solcher Art von Munition stammt aus dem Arsenal des Trotzkismus. Ich will dafür nur einige wenige Beispiele anführen.

l. DIE FRAGE DES SIEGES DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE

Der Zusammenbruch der europäischen sozialistischen Länder und vor allem der Sowjetunion wird als „Beweis“ für die Richtigkeit der trotzkistischen These von der Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande ins Feld geführt, wobei gewöhnlich verschwiegen wird, dass es Lenin war, der 1915 erstmals die These von der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande niederschrieb. Bekanntlich stellte Lenin damals in einem Artikel „Die Vereinigten Staaten von Europa“ [3] fest: „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.“ Trotzki, seit Jahren schon einer der verbissensten Gegner Lenins, widersprach sofort mit der Feststellung, es sei aussichtslos zu glauben, „dass zum Beispiel ein revolutionäres Russland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten… könne“. [4]

Stalin, nach der Behauptung heutiger Trotzkisten angeblich der Erfinder der These von der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande hat in Wirklichkeit diese Leninsche These gegen Trotzki verteidigt:

„Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande? Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Einigung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft im unserem Landes ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorherigen Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern. Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen, endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern? Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollständigen Garantie gegen die Intervention und folglich auch gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat.“ [5]

Stalin hat aber nicht nur Lenins These verteidigt, die KPdSU hat unter seiner Führung durch den sozialistischen Aufbau und die Behauptung der Sowjetmacht gegen die faschistische Aggressoren den Beweis für die Richtigkeit dieser Leninschen These erbracht. Dagegen wurde Trotzki ebenso oft von der Geschichte widerlegt, wie er den Zusammenbruch der Sowjetmacht vorausgesagt bat, und das geschah fast in jedem Jahr mehrfach. Eine seiner letzten derartigen Voraussagen, veröffentlicht am 23. Juli 1939, lautete: „Das politische Regime wird einen Krieg nicht überleben.“ [6] Der Wunsch war eindeutig der Vater dieser Prophezeiung! Dies sprach so deutlich aus allen Äußerungen Trotzkis aus jenen Jahren, dass der deutsche bürgerliche Schriftsteller Lion Feuchtwanger daraus die Schlussfolgerung zog: „Was also war wohl die ganzen Jahre der Verbannung hindurch, was muss heute noch Trotzkis Hauptziel sein? Wieder ins Land hinein, um jeden Preis wieder an die Macht kommen.“ Selbst um den Preis der Zusammenarbeit mit den Faschisten: „Wenn Alkibiades zu den Persern ging, warum nicht Trotzki zu den Faschisten?“ [7] (Auch Feuchtwanger war Augen- und Ohrenzeuge eines der Moskauer Prozesse, des zweiten, gegen Radek, Pjatakow und andere, Januar 1937)

2. STALIN UND DIE NÖP

Einer der Vorwürfe Gorbatschows gegen Stalin bestand in der Behauptung, Lenin habe in seinen letzten Arbeiten mit der Ausarbeitung der ‚Neuen Ökonomischen Politik‘ einen neuen Weg zum Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft gewiesen, den Stalin aber verlassen habe. Dieser Vorwurf wird von Antistalinisten verschiedenster Färbung aufgegriffen, wobei behauptet wird, Stalin habe Lenins Konzeption der NÖP durch einen „staatsmonopolistischen Kurs“ ersetzt und dadurch den Sozialismus ruiniert. Für Lenin bestand der Kern der Neuen Ökonomischen Politik in der Untermauerung des politischen Zusammenschlusses der Arbeiterklasse und ihres Staates mit der breiten Bauernschaft durch den ökonomischen Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft. „Wenn wir den Kapitalismus schlagen und den Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft herstellen, dann werden wir eine absolut unbesiegbare Kraft sein“, führte er auf dem XI. Parteitag 1922 der KPR(B) aus. [8] Genau so fasste Stalin die NÖP auf und führte sie nach Lenins Tod weiter:

„Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes, nicht aber durch direkten Produktenaustausch ohne Markt, unter Ausschluss des Marktes. Können kapitalistische Länder, zumindest die entwickelsten unter ihnen, beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne die NÖP auskommen? Ich denke, sie können das nicht. In diesem oder jenem Grade ist die Neue Ökonomische Politik mit ihren Marktbeziehungen in der Periode der Diktatur des Proletariats für jedes kapitalistische Land absolut unerlässlich. Bei uns gibt es Genossen, die diese These in Abrede stellen. Was bedeutet es aber, diese These in Abrede zu stellen? Das bedeutet erstens, davon auszugehen, dass wir unmittelbar nach Machtantritt des Proletariats bereits über hundertprozentig fertige den Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Kleinprodukten vermittelnde Verteilungs- und Versorgungsapparate verfügen würden, die es ermöglichen, sofort einen direkten Produktenaustausch ohne Markt, ohne Warenumsatz, ohne Geldwirtschaft herzustellen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie absurd eine solche Annahme wäre. Das bedeutet zweitens, davon auszugehen, dass die proletarische Revolution nach der Machtergreifung durch das Proletariat den Weg der Expropriation der mittleren und kleinen Bourgeoisie beschreiten und sich die ungeheuerliche Last aufbürden müsse, den künstlich geschaffenen Millionen neuer Arbeitsloser Arbeit zu beschaffen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie unsinnig und töricht eine solche Politik der proletarischen Diktatur wäre.“ [9]

Warum ein so ausführliches Zitat über ein so wenig aktuelles Thema? Erstens weil wir überzeugt sind, dass dieses Thema – die ökonomische Politik zum Aufbau des Sozialismus – nur vorübergehend in Europa von der Tagesordnung abgesetzt ist (und anderswo überhaupt nicht); zweitens – weil es notwendig ist, daran zu erinnern, dass es einen ungeheuren Reichtum an theoretischen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen erfolgreichen sozialistischen Aufbaus gibt, der aber von den revisionistischen Nachfolgern Lenins und Stalins als „Stalinismus“ auf den Index gesetzt wurde, damit er in Vergessenheit gerate; schließlich drittens, weil sich unter der antikapitalistischen Linken eine pseudo-linke Lehre breitmacht, deren bekanntester Propagandist Robert Kurz ist; nach ihm ist die Wurzel allen Übels nicht der Kapitalismus, sondern die Warenproduktion; der Sozialismus habe untergehen müssen, weil er die Warenproduktion beibehalten habe, statt zum direkten Produktenaustausch überzugehen. Angesichts solcher Lehren ist das obige Zitat sogar sehr aktuell!

Warum konnte es gelingen, die Ergebnisse von Jahrzehnten sozialistischen Aufbaus zu zerstören? Natürlich gibt es dafür viele Gründe. Ein ganz wichtiger ist nach meiner Überzeugung der: der Revisionismus trat lange Zeit stets als Anti-Revisionismus, als Verteidigung des Leninismus gegen dessen angebliche Verfälschung durch Stalin auf erst als sein Zerstörungswerk so gut wie vollendet war, legte Gorbatschow die Maske des Kommunisten des Leninisten ab und bekannte sich öffentlich als Sympathisant der Sozialdemokratie, also als Antikommunist und Anti-Leninist. Der Antistalinismus war aber von Anfang an seinem Wesenskern nach – Antileninismus, Antimarxismus, Antikommunismus. Doch selbst jetzt erkennen das viele sogar im kommunistischen Lager noch nicht, weil sie noch unter dem Einfluss der jahrzehntelangen antistalinistischen Hasspropaganda der antikommunistischen Generalsekretäre der KPdSU seit dem XX. Parteitag stehen, die Stalin mit Hitler gleichsetzten, – eben jenen Stalin, der – wie Ernst Thälmann das voraussagte – Hitler das Genick brach!

Wir müssen klarmachen, dass es beim Kampf gegen den Antistalinismus nur vordergründig um die Person Stalins geht, dem Wesen nach aber um die Existenzfrage der kommunistischen Bewegung: bleiben wir – wie Marx und Engels, Lenin und Stalin – fest auf dem Boden des Klassenkampfes oder begeben wir uns wie die Antistalinisten Chruschtschow, Gorbatschow und ihresgleichen – auf den Boden der Aussöhnung mit dem Imperialismus? Dies ist die Frage, von deren Beantwortung das Schicksal der kommunistischen Bewegung abhängt. Und weil diese Frage nur richtig beantwortet werden kann, wenn sie das revisionistische Gift in allen seinen Erscheinungsformen ausscheidet, muss sie auch den Antistalinismus in ihren Reihen überwinden.

Fußnoten:

[1] Aus: Archiv d. Gegenwart. 11. Juli 1956
[2] Bertold Brecht, Schriften zu Politik und Gesellschaft, Bd. I, 1919-1941, Aufbauverlag Berlin und Weimar, 1968, S. 172 f.
[3] Werke Bd. 21, S. 345
[4] Trotzki, Schriften, Bd. III, Teil 1, S. 89 f.
[5] Stalin, Werke Bd. 8, S. 58
[6] Leo Trotski, La lutte antibureaucratique en URSS, Paris, 1937 S. 257, zit. nach: Ludo Martens, Un autre regard sur Staline, Version non définitive, Bruxelles, 1993, S.133
[7] Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, erstmals erschienen 1937 im Querido-Verlag, Mexiko; Neuauflage im Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1993, S.89
[8] Lenin, Werke, Bd.33, S.272
[9] Stalin, Werke, Bd.11, 5.128f.

Anhang zu Gossweilers Vortrag

1. Das Vorwort von Hanfried Müller zur Veröffentlichung von Kurt Gossweilers Artikel in den »Weißenseer Blättern«

Eine vielleicht zweckmäßige Vorbemerkung betreffend die Instrumentalisierung des Antistalinismus gegen antiimperialistische Sammlung

In einem Heft eine Gratulation zum fünfundvierzigsten Geburtstag der Volksrepublik China und eine pointierte Abrechnung mit dem Antistalinismus als dem „Haupthindernis“ (wie der Autor meint) für eine Einigung von Kommunisten in der Gegenwart – da werden die einen sagen: nun ist klar: Die WBl sind maoistisch, die anderen: Wir haben es doch immer gewusst, stalinistisch sind sie. Sie sind weder noch! – Und wenn sie einen Autor erläutern ließen, was er zum Beispiel gegen die Verurteilung Trotzkis zu bedenken geben möchte oder etwa für die Beurteilung Bucharins, dann wären sie darum auch nicht einfach trotzkistisch oder bucharinistisch – was dann übrigens auch kaum einer behaupten würde. Es gibt in der Redaktion der WBl keinen Konsens über alle möglichen historischen Fragen, und die Redaktion bedarf auch keines solchen.

Erst kürzlich hatten wir einen lebhaften Disput untereinander über Recht oder Unrecht des Umgangs der Alten Kirche mit der Gnosis, eine Frage, die vielen, deren Adrenalinspiegel sooft steigt, wenn sie das Wort Stalin hören, belanglos er scheinen wird. Allerdings könnte sie für Gegenwartshaltungen viel mehr bedeuten. Denn sie hängt ja eng damit zusammen, ob wir geneigt sind, beim Anblick der Welt zu resignieren, oder welche Hoffnung wir für sie haben – und was der Grund unserer Hoffnung ist. Aber ob solch Dissens über Vergangenes eine Gemeinschaft in der Gegenwart belastet oder gar sprengt, hängt davon ab, ob eine Seite den Konsens über Probleme der Vergangenheit zum Maßstab möglicher Zusammenarbeit in der Gegenwart macht. Genau das halten wir für falsch! Wo es geschieht, scheint es uns, dass die Vergangenheit die Gegenwart – und dann auch die Zukunft! – gefangen nimmt und die Freiheit nach vorn orientierten Denkens und Handelns verloren geht.

Natürlich verkennen wir nicht, dass sich auch im Subjekt Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart treffen, indem die je eigene Herkunft die Perspektive der Zukunft mitprägt. Darum ist es wohl heilsam, gegenüber der eigenen Geschichte kritisch zu sein und diese nicht etwa zu verabsolutieren, vor allem nicht in ihr zu erstarren oder sie gar wiederholen zu wollen, sondern frei aus ihr heraus in die Zukunft zu gehen. Aber gefährlich scheint es uns, Menschen zwingen wollen, ihrer Geschichte abzuschwören. Das kann nur allzu leicht in Verzweiflung oder Nihilismus enden. Und genau dies geschieht mit der unkritisch pauschalen Ächtung einer ganzen historischen Periode sozialistischer Entwicklung. Eines der Mittel dazu ist die zumeist fast terroristische Handhabung des dunklen Begriffs „Stalinismus“ – wollte man spotten, möchte man sagen, mit einer „stalinistischen“ Verwendung dieses Wortes. Denn wo man den politischen Gegner des „Stalinismus“ anklagt, braucht man ihm nicht mehr konkret einen Irrtum oder ein Fehlverhalten nachzuweisen, um ihn zu verurteilen: Verdammenswert ist er dann sowieso, einfach darum, weil er „Stalinist“ ist – ganz so, wie sich in Stalins Zeit der Begriff Trotzkismus bis dahin ausweitete, dass im Einzelfall kaum mehr nachgewiesen werden musste, was eigentlich an etwas verwerflich sei, wenn man es nur „trotzkistisch“ nannte.

Wir kennen solche Methoden aus unserer eigenen Geschichte der kirchlichen Ketzer- und Judenverfolgungen: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!“ Und solche Verhorreszierung wirkt – bis dahin, dass ich vermute, ich hätte diesen „Vorspann“ für überflüssig gehalten, wenn in den WBl etwa nicht die Rede von Kurt Gossweiler über den Antistalinismus, sondern, sagen wir eine solche von Wolfgang Harich über den Antitrotzkismus als Hindernis kommunistischer Einigung hätte dokumentiert werden sollen. Das hat seinen Grund. Antitrotzkismus – wie Antimaoismus und Ähnliches – im Wesentlichen eine innerkommunistische Angelegenheit, wie übrigens der Antistalinismus dann auch, wenn man ihn historisch konkret fasst. Und beispielsweise auf die leider allzu blutig entschiedenen Auseinandersetzungen Stalins mit Trotzki und Bucharin oder auf die Streitfragen zwischen Stalin und Tito bezieht. Täte man nur das, dann stünden mit diesem Begriff geschichtliche Sachfragen zur Diskussion: zum Beispiel das Problem, dass die sozialistische Umwälzung notwendig globalrevolutionären Charakter trägt, aber in der Realität auf die ungleichmäßige Entwicklung der sozialen Widersprüche stößt, aus denen sie erwächst, sodass sie sich nur regional und temporal differenziert vollzieht – scheinbar keineswegs als weltweit qualitativer Umschlag, sondern in widersprüchlichen Schritten des Übergangs.

Oder – übrigens so eng mit diesem Problem verbunden, dass man Stalin diesbezüglich geradezu als Repräsentanten der „Mitte“ zwischen Trotzki und Tito interpretieren könnte – die Schwierigkeit, die Internationalität des Kommunismus in der sozialistischen Übergangsphase mit der Spezifik und Nachwirkung historisch gegebener nationaler Besonderheiten zu vermitteln – eine Frage notabene gerade auch an Stalin selbst, denn hat nicht gerade er den sowjetischen Sozialismus deutlich regional eurasisch geprägt, etwa besonders anschaulich in der Bezeichnung des antifaschistischen Krieges zur Verteidigung des Sozialismus (und also allenfalls des s o z i a l i s t i s c h e n Vaterlandes) als „Großen Vaterländischen Krieg“ (und das in erheblicher Anknüpfung an die zaristische Geschichte Russlands von 1912/13)? Aber solche – denkbare – innerkommunistische Spezifik ist ja im Begriff „Stalinismus“ kaum gemeint. (Sie war es allenfalls ansatzweise in jener ganz kurzen Periode nach dem Kriege, in der die kommunistische Bewegung selbst Stalin zum „Klassiker“ erklärte und sich folgerichtig „marxistisch-leninistisch-stalinistisch“ nannte)

Inzwischen bezeichnet der Begriff keineswegs nur – wie die Begriffe Trotzkismus, Titioismus, Maoismus – einen innerkommunistischen Gegensatz, sondern er ist zugleich und (weil die Ideen der herrschenden Klasse die in der Gesellschaft herrschenden Ideen zu sein pflegen) sogar primär ein Kampfbegriff der Bourgeoisie, die sich mit ihm die innerkommunistische Problematik der revolutionären Entwicklung der Sowjetunion zur Zeit Stalins zu Nutze macht. Darum ist der Antistalinismus sozusagen die Speerspitze des Antikommunismus und richtet sich gleichermaßen gegen Apologeten wie gegen Ankläger Stalins, sofern sie nur Marxisten und Kommunisten sind. „Stalinismus“ meint in diesem Sprachgebrauch einfach jegliche prinzipienfeste, gesinnungstreue, nicht opportunistisch erweichte und entschieden antirevisionistische kommunistische Option, die sich weder auf fromme Wünsche im Sinne einer sozialistischen Vision noch auf kosmetische Operationen am Imperialismus in Richtung sozialer Reformen reduzieren lässt, sondern in den Niederungen harter historischer Realitäten, wie der Imperialismus sie setzt, Wichtigeres kennt, als beim Reinigen dieses Augias-Stalles eine weiße Weste zu behalten.

In der durch diesen Gebrauch des Begriffs „Stalinismus“ vergifteten Atmosphäre wird jeder Versuch, die pauschal vornormierte Verurteilung der Stalin-Ära historisch-kritisch und nüchtern zu überprüfen, zum tabuisierten Sakrileg. Tabus, die darauf zielen, dass bestimmte Fragen nicht mehr aufgeworfen werden dürfen und diejenigen, die das doch tun, mundtot gemacht werden, bevor man sich die Mühe gemacht hat, sie zu widerlegen, haben die WBl noch nie respektiert. Stalin muss und wird umstritten bleiben in der sozialistisch-revolutionären Tradition wie Robespierre in der bürgerlich-revolutionären. In beiden Fällen besteht die Gefahr das revolutionäre Erbe zu verspielen, wenn der Konterrevolution aus Scham über revolutionäre Exzesse ein auch nur relatives historisches Recht eingeräumt wird. Denn was sind schon alle Exzesse von Revolutionen – so tief sich auch die Revolution mit ihnen ins eigene Fleisch geschnitten hat – gegenüber dem andauernden Elend von Armut, Hunger und Sterben unter den Verhältnissen, die die Revolutionen umzustürzen unternahmen, ganz zu schweigen von der Grausamkeit konterrevolutionären weißen und braunen Terrors. So wenig wie ärztliche Kunstfehler ein Argument gegen die Notwendigkeit medizinischen Kampfes gegen Krankheit, sind revolutionäre Kunstfehler ein Argument gegen die Notwendigkeit, lebensgefährlich gewordene Gesellschaftsordnungen, und sei es gewaltsam, zu beseitigen – so verhängnisvoll tödlich auch in beiden Fällen Kunstfehler zu sein pflegen.

2. Reaktion im »Neuen Deutschland« vom 4.11.1994 Stalin-Weihe

Zwei Seiten „Vorbemerkung“ wendet diesmal Hanfried Müller auf, um den Vorwürfen, die massiv über die »Weißenseer Blätter« hereinbrechen werden, zumindest die Spitze zu nehmen. Und er findet auch Worte, die das Skandalon, das er dann druckt, zumindest sozialpsychologisch erklären: „Gefährlich scheint es uns, Menschen zwingen zu wollen, ihrer Geschichte abzuschwören. Das kann nur allzu leicht in Verzweiflung … enden.“ Wohin individuelle Notwehr gegen den Zeitgeist einen Menschen treiben kann, offenbart dann der Text, den die WBl [4/1994) dokumentieren: eine Rede des Historikers Kurt Gossweiler, gehalten auf einem, internationalen Seminar kommunistischer und Arbeiterparteien“ am l. Mai 1994 in Brüssel. In ihr stellt Gossweiler die These auf: „Der Antistalinismus ist heute das größte Hindernis für, den Zusammenschluss der Kommunisten, wie er gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten war.“ Was sich in früheren Artikeln andeutete, lesen wir jetzt im Klartext: Nicht der Stalinismus war das Grundübel der kommunistischen Bewegung, sondern der „Revisionismus“ mit dem Chruschtschow und Gorbatschow diesen Stalinismus zu überwinden trachteten. Und weil dessen wirkungsvollstes Element die Darstellung Stalins als eines blutdürstigen Mörders sei, rehabilitiert Gossweiler im Umkehrschluss Stalin und die Moskauer Prozesse (1936-38) als legitime „Antwort auf die faschistisch-imperialistische Vorbereitung zum Überfall auf die Sowjetunion“. Als „Beweis“ aber bietet er nicht neue Tatsachen, sondern Zitate aus der damaligen Zeit! Es tut immer weh, wenn ein guter Mann in die Irre geht. Gefährlich aber wird es, wenn er seine, fürs eigene Seelenheil ja vielleicht taugliche Sicht der Linken als „Theorie“ offeriert. Ein „Zurück zum Klassiker Stalin“ – das ist nach den Verbrechen des Stalinismus der denkbar schlechteste Dienst, den ein Kommunist der linken Opposition heute überhaupt erweisen kann. [Brigitte HERING]

3.Resonanz auf das Referat in den Weißenseer Blättern (Auswahl)

Kurt Gossweiler: Zu Revisionismus, „Kindheitsmustern“ und revolutionären Exzessen

Natürlich wusste ich, worauf ich mich einlasse mit meiner Zustimmung zum Abdruck meiner Brüssel-Rede in den WBl, und ich nehme an, dass auch die WBl wussten, worauf sie sich damit einließen. Der Startschuss zu dem unvermeidlichen Echo, der am 4. November im ND abgegeben wurde, gab immerhin eine ‚Tonlage vor, die, einem harten Widerspruch angemessen, sachlichen Meinungsstreit nicht hemmt. Kopfschütteln hat allerdings die Überschrift „Stalin-Weihe“ und die Kennzeichnung meiner Rede als „Skandalon“ bei mir bewirkt. Wieso soll es denn – angesichts des auf der offenen Weltbühne aufgeführten Skandals der „Gorbatschowiade“ – ein „Skandalon“ sein, wenn die Auffassung laut wird, nicht der so genannte „Stalinismus“ – den noch keiner zu definieren vermochte –, sondern der Revisionismus von Gorbatschow und seinem Vorläufer Chruschtschow hätten den Untergang des Sozialismus bewirkt?

Es kann schon traurig und bestürzt machen, wenn sogar Genossen und Genossinnen, die man schätzt und die einen für einen „guten Mann“ halten, sich eine solche Meinung nur psychologisch als individuelle Notwehr gegen den Zeitgeist erklären können. Es ist jedoch in Wahrheit viel schlimmer. Dieser „gute Mann“ hat sich seine Meinung nicht erst ausgedacht, nachdem der jetzige Zeitgeist über uns gekommen ist. Nein, ich habe mir schon vor Jahrzehnten die Meinung gebildet, dass die Chruschtschow-Politik zur Restauration des Kapitalismus führen wird, wenn ihr nicht Einhalt geboten wird. Leider wurde ihr nur zeitweilig und höchst inkonsequent Einhalt geboten, so dass sie zwanzig Jahre nach Chruschtschow als „Perestroika“ wieder aufleben konnte und prompt zu dem Ergebnis führte, das ich schon vor Jahrzehnten befürchtet, von dem ich aber bis 1988 angenommen hatte, dass es abwendbar sei.

Behauptet wird auch, ich rehabilitierte die Moskauer Prozesse „ohne Beweis“. Ich habe jedoch nur – weil das seit dem XX. Parteitag der KPdSU hier zu Lande niemand mehr lesen konnte – Aussagen von Augen- und Ohrenzeugen der Prozesse zitiert, die übereinstimmend aussagten, die Angeklagten seien der ihnen zur Last gelegten Delikte schuldig gewesen. Welche Beweise kann denn der, der den Aussagen von Augen- und Ohrenzeugen keine Beweiskraft zubilligt, dafür bringen, dass der damalige USA-Botschafter Davies und all jene Diplomaten und Journalisten des Auslandes, die an den Prozessen teilnahmen, Unrecht hatten, Recht dagegen alle, die sie als „Schauprozesse“ bezeichneten – von der Hearst- bis zur Hitler-Presse –, außer der Tatsache, dass sich von einem bestimmten Zeitpunkt an auch Sowjetführer diese Version zu eigen machten, zum Beispiel Chruschtschow, der zur Zeit der Prozesse zu den wütendsten und gefürchtetsten „Entdeckern“ von „Volksfeinden“ gehörte, oder Gorbatschow, der zu dieser Zeit gerade erst geboren wurde, also seine Meinung, die Prozesse seien „getürkt“ gewesen, nicht aus eigener Anschauung gewonnen hatte, sondern dadurch, dass er als Angehöriger der „Generation des XX. Parteitages“ durch ihn und den XXII. Parteitag eine unauslöschliche Anti-Stalin-Prägung erhalten hatte – wie auch die meisten Angehörigen dieser Generation in allen sozialistischen Ländern.

Chruschtschow und der Krypto-Sozialdemokrat Gorbatschow verankerten (bekleidet mit der Autorität von Führern der KPdSU, die immer noch das Denken und Handeln der Kommunisten in den Ländern des Warschauer Paktes maßgeblich formten) ihr Geschichtsbild so fest in den Köpfen, dass heute die Infragestellung dieses Geschichtsbilds als kaum begreifliches Abweichen vom Denken in normalen Bahnen erscheint. Für mich zeugt das nur davon, wie tiefgreifend und langanhaltend die Prägung der „Kindheitsmuster“ das Denken von Generationen bestimmt; aber auch davon, wie notwendig es ist, ihnen vor Augen zu führen, dass sie sich in einem Bannkreis bewegen, aus dem man ausbrechen maß, wenn man Geschichte wieder vorurteilslos und objektiv betrachten und beurteilen will. Nur so aber kann man aus der Vergangenheit der kommunistischen Bewegung die richtigen Schlussfolgerungen für ihre Programmatik und künftige Politik ziehen.

Noch etwas. Die ND-Kolumne erweckt den Anschein, mir ginge es um die Rehabilitierung der Person Stalin, um ein „Zurück zum Klassiker“ Stalin, und ich leugnete, dass in der Sowjetunion unter Stalins Führung viele Menschen schreckliches Leid und Unrecht bis zu Todesurteilen und Lagertod aufgrund haltloser Beschuldigungen erlitten haben. Hätte ich wirklich versucht, erwiesene Tatsachen zu leugnen, und ließe mich menschliches Leid und Unrecht, das auf unser Konto, das Konto der der kommunistischen Bewegung geht, tatsächlich kalt, dann gäbe es dafür keine mildernden Umstände, auch nicht sozial-psychologischer Art, wie sie mir im ND immerhin mit der Vermutung eines Aktes „individueller Notwehr gegen den Zeitgeist“ eingeräumt werden. Wer aber meine Rede sorgfältig gehört hat, wird zugeben, dass Vorwürfe auf der Linie „Stalin-Weihe“ oder „Zurück zum Klassiker Stalin“ zu Unrecht erhoben werden.

Was ich fordere und zu erreichen suche, ist ganz einfach: auch die Oktoberrevolution, ihre führenden Gestalten und deren Handeln aus den Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen dieser Revolution, aus den Bedingungen auch des Kampfes um ihre Verteidigung, zu erklären – so wie das für die Revolutionen und die Revolutionäre vergangener Jahrhunderte längst selbstverständlich ist. Die Erklärung revolutionärer Exzesse aus dem bösen Charakter der Revolutionäre sollten wir endlich auch in Bezug auf die Oktoberrevolution der Konterrevolution und ihren Ideologen überlassen.

4. Ein Leserbrief von Hanfried Müller zum Artikel im »Neuen Deutschland« vom 4.11.1994

Zur „Stalin-Weihe“ in den Weißenseer Blättern – oder zur antistalinistischen Panik und zum Revisionismussyndrom

Ich habe Kurt Gossweilers Thesen in den WBl zur Diskussion gestellt, weil ich sie für diskussionswürdig halte. Ich hätte das kaum gekonnt, wenn sie als „Stalin-Weihe“ zu verstehen wären. Denn für „Weihen“ haben die WBl keinen Sinn – sie bleiben evangelisch und werden nicht katholisch. Und ich hätte das auch nicht getan, wenn Gossweilers Rede zu der Parole führte, die das ND hineingelesen hat, nämlich „Zurück zum Klassiker Stalin“. Wir wollen jedenfalls vorwärts! Allerdings muss man Gorbatschow und Chruschtschow preisgeben, um über Stalin hinausgehen zu können, das heißt (ich füge dies an, weil ich weiß, dass hier noch mehr Missdeutungen als Missverständnisse lauern): um Stalin endlich hinter sich lassen zu können. Denn seine Zeit ist vergangen, und unsere Zeit mag alle möglichen Alternativen stellen, die Alternative „für oder gegen Stalin“ stellt sich schon darum nicht, weil es, soweit ich sehe, zwar eine Unzahl Antistalinisten, aber kaum noch Stalinisten gibt. Darum ist die Stalinhysterie anachronistisch und lenkt von den wirklichen Gegenwartsaufgaben im antiimperialistischen Widerstand ab. Und wenn das nicht immer ihr Zweck ist, so ist es doch stets ihr Ergebnis. Dazu gehört es, wenn jeder, der das Thema „Stalin“ zu versachlichen versucht, behandelt wird wie im Palästina der Zeitenwende jemand, der Aussätzige berührt hat. Wenn Mut dazu gehört, bestimmte historische Erscheinungen vorurteilsfrei zu untersuchen, fördert das nicht gerade eine wissenschaftlich-kritische Geschichtsschreibung.

Dr. Kurt Gossweiler wird vorgeworfen, er argumentiere mit zeitgenössischen Zitaten. Das gehört allerdings zur Methode seriöser Historiografie. Beweiskräftiger für eine Zeit sind allemal ihre eigenen Äußerungen als spätere Reflexionen über sie. Und hinsichtlich der „neuen Tatsachen“ ist zu differenzieren zwischen neu entdeckten alten und wirklich neuen Tatsachen. Zu letzteren gehören die Ergebnisse vergangenen Handelns. Sie können zwar vergangenes Handeln nicht erklären, sind aber wichtig, um es zu beurteilen. Eine solche neue Tatsache – die für das historische Urteil gravierend ist – ist die Niederlage des Sozialismus. Kurt Gossweiler fragt nach den Gründen, nämlich, ob der Sozialismus durch Zurückweichen vor seinen Gegnern, also durch Revisionismus und Opportunismus bei der (nicht durch die) Beendigung der Stalin-Ära oder durch revolutionäre Exzesse in ihr mehr geschwächt wurde.

Die Grundsatzfrage lautet: Ist die Niederlage des Sozialismus eine Fernfolge revolutionärer Exzesse oder die unmittelbare Folge der Unfähigkeit, sie sachgerecht statt opportunistisch zu überwinden? Sie erregt die Gemüter, wie mir scheint, weil es leichter fällt, den Vätern die Schuld revolutionärer Exzesse zuzuschreiben, als sich selbst die Schuld, die Errungenschaften des Sozialismus preisgegeben zu haben, zuerst von Chruschtschow, dann von Gorbatschow verführt. Die Leidenschaften brechen auf, wo man den Imperialismus beschwichtigen möchte und nicht hören will, dass Revisionismus keineswegs zur Domestizierung des Imperialismus, sondern stets zur Domestizierung seiner Opfer dient. Dass Gutwillige nicht merken, dass es nicht um Stalin, sondern um den Revisionismus als Selbstkastration revolutionärer Kräfte geht, finde ich in diesem Zusammenhang besonders schlimm. Aber es ist schwierig, dieser Verwirrung zu begegnen, solange jede Warnung vor Revisionismus und Opportunismus nur dazu führt, sich die Ohren zuzuhalten, die Augen zu verschließen und voller Entsetzen „Stalinismus“ zu rufen.

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