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Einführende Bemerkungen zu Nina Andrejewa: „Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben“


Einführende Bemerkungen zu Nina Andrejewa: „Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben“

Dr. Kurt Gossweiler, Sommer 1999

nina andreevaEINFÜHRENDE BEMERKUNGEN ZU NINA ANDREJEWA: „ICH KANN MEINE PRINZIPIEN NICHT PREISGEBEN”

Als im März 1985 Gorbatschow zum neuen Generalsekretär der KPdSU gewählt worden war, stieg er bald zu einem Hoffnungsträger auch der Menschen in der DDR, weit über den Rahmen der SED-Genossen hinaus, auf. Das bewirkte er zum einen durch ein offenes und schonungsloses Ansprechen von Missständen, zum anderen durch das immer wiederholte Versprechen, diesen Missständen entschlossen auf Leninsche Art zu Leibe zu rücken. Vor allem durch seine ständigen Berufungen auf Lenin und die Versicherungen, auf allen Gebieten die Leninschen Normen wieder durchzusetzen, verschaffte er sich einen großen Vertrauensbonus. Wer konnte Feststellungen wie der folgenden seine Zustimmung verweigern?

„Unsere Leistungen sind gewaltig und unbestreitbar, und die sowjetischen Menschen sind zu recht stolz auf ihre Erfolge. Diese sind die stabile Grundlage für die Realisierung der heutigen Pläne sowie unserer Vorhaben für die Zukunft. Die Partei ist jedoch verpflichtet, das Leben in seiner ganzen Fülle und Kompliziertheit zu erfassen. Keine Erfolge, und seien sie noch so grandios, dürfen die Widersprüche in der Entwicklung unserer Gesellschaft oder die Fehler und Versäumnisse verhüllen.”

Und war es nicht geeignet, Vertrauen zu schaffen, wenn er Mängel offen benannte, die auch bei uns nur allzu bekannt waren? So, wenn er etwa feststellte:

„Das Wachstumstempo des Nationaleinkommens verringerte sich in den vergangenen drei Planjahrfünften um mehr als die Hälfte. Seit Anfang der 70er Jahre wurden die Pläne in den meisten Kennziffern nicht erfüllt. Die Wirtschaft im ganzen wurde Neuerungen gegenüber wenig aufgeschlossen und schwerfällig. Die Qualität eines erheblichen Teils der Erzeugnisse entsprach nicht mehr modernen Ansprüchen, und die Disproportionen in der Produktion verschärften sich. … Die Welt der Realitäten des Alltags und die des vorgespiegelten Wohlergehens entfernten sich immer mehr voneinander.”

Und wer wollte der von ihm gegebenen Zukunftsvision nicht begeistert und hoffnungsvoll zustimmen, wenn er hörte oder las:

„Wir wollen unser Land zum Vorbild eines hochentwickelten Staates umgestalten, zu einer Gesellschaft mit der fortgeschrittensten Volkswirtschaft, der breitesten Demokratie, mit der humansten und höchsten Moral, wo der arbeitende Mensch sich als vollberechtigter Hausherr fühlt und alle Güter der materiellen und geistigen Kultur genießt, wo die Zukunft seiner Kinder gesichert ist, wo er alles findet für ein erfülltes und inhaltsreiches Leben. Damit auch die Skeptiker eingestehen müssen: Ja, die Bolschewiken bewältigen alles. Ja, auf ihrer Seite ist die Wahrheit. Ja, der Sozialismus ist die Gesellschaftsordnung, die dem Wohl des Menschen dient, seinen sozialen und ökonomischen Interessen sowie seiner geistigen Entfaltung.” (Alle Zitate aus: Informations-Bulletin Nr.3 1987, Sonderausgabe: Plenum des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion 27.-28.Januar 1987, S. 3, 7, 8, 58.)

Aber bald riefen die ersten Maßnahmen und spätere Ausführungen des „Hoffnungsträgers” Fragen und Zweifel hervor: Was konnte z.B. das Alkoholverbot anderes bewirken als eine krasse Gefährdung der Volksgesundheit, da doch die voraussehbare Folge dieses Verbotes eine unkontrollierbare Zunahme der Schwarzbrennerei von Wodka sein würde? Und welches dringende Bedürfnis der Volksmassen wurde befriedigt durch, die groß aufgezogene Modeveranstaltung mit dem BRD-Mode-Verlag Burda und der Herausgabe der Modezeitschrift dieses Verlages in russischer Sprache in Moskau? Und wie konnte es geschehen, dass es der zu recht vielgerühmten sowjetischen Luftwaffe nicht gelang, einen BRD-Sportflieger daran zu hindern, bis Moskau zu fliegen und ungehindert auf dem Roten Platz zu landen? Wo blieb die „Glasnost”, die Aufklärung der Öffentlichkeit darüber, wie so etwas geschehen konnte?

Und was bedeuteten die neuen Formulierungen bei der Definition dessen, was die „Perestroika”, die Umgestaltung, sein sollte – wie z.B. „die allseitige Förderung des …sozialistischen Unternehmungsgeistes” und die auffällige Bevorzugung der Rolle des Individuums vor der Rolle des sozialistischen Kollektivs, wie es in der Formulierung zum Ausdruck kam, die Umgestaltung bedeute „das Höchstmaß an Achtung des Wertes und der Würde der Persönlichkeit”? Und was war davon zu halten, dass in der Definition dessen, was die Umgestaltung sein sollte, auch die aus dem Programm der Tito-Partei übernommene Phrase von der „sozialistischen Selbstverwaltung” auftauchte?

Und schließlich: was war davon zu halten, dass Gorbatschow den geschworenen Feind der Sowjetmacht, den Liebling der imperialistischen Medien, Sacharow, aus der Provinz wieder nach Moskau zurückkehren und dort geradezu Hof halten ließ mit täglichen Empfängen von Vertretern der Westmedien? Aus diesem Anlass notierte ich in mein politisches Tagebuch am 30. Dezember 1986:

„Seit Tagen ist das Spitzenthema der Westmedien: Sacharow. Seit seiner Rückkehr aus der „Verbannung” reichen sich die Westreporter die Klinke seiner Wohnung….. Damit erhebt sich natürlich unvermeidlich die Frage, ob vielleicht doch etwas dran ist an dem westlichen Gerede, dass Gorbatschow einen Sacharow als Helfer betrachtet bei der Überwindung der Widerstände einer „verknöcherten Bürokratie des Partei- und Staatsapparates. Eine solche Möglichkeit möchte man lieber nicht in Betracht ziehen, denn sie liefe im Grunde darauf hinaus, dass wir es in Gorbatschow mit einer zweiten Ausgabe des Nikita Chruschtschow zu tun hätten, gewissermaßen nach der ‘plebejisch-bäuerlichen’ nun mit einer ‘intellektuellen’ Ausgabe. Das würde ganz schlimme Perspektiven eröffnen, denn die unvermeidliche Folge wäre eine neue Serie schwerer Erschütterungen in vielen sozialistischen Ländern, nicht nur in der SU, aber vor allem natürlich dort.”

Bis zum 70. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution war Gorbatschow in seinen Reden und Auftritten sichtlich darum bemüht, von sich das Bild des entschiedenen Verteidigers der großen, ruhmreichen Vergangenheit des Sowjetlandes gegen alle unberechtigten Angriffe zu geben und zu erhalten, dessen kritische Bemerkungen zu Mängeln und „Deformationen” in der Geschichte der Sowjetunion nur deshalb erfolgten, um um so sicherer den Aufstieg zu neuen Höhen der Entwicklung des Sozialismus bewältigen zu können. Dementsprechend war auch sein Referat auf der Festsitzung zum 70. Jahrestag aufgebaut. Bösartige Angriffe auf die Sowjetmacht und das Anschwärzen ihrer Geschichte blieben bisher vor allem bestimmten Medien – wie den „Moskauer Nachrichten”, der „Neuen Zeit”, Literaturzeitschriften, bestimmten Schriftstellern, Theaterstücken und Filmen vorbehalten. Der gemeinsame Nenner und der rechtfertigende Vorwand für diese konterrevolutionären Attacken auf die eigene Vergangenheit war die „Abrechnung mit dem Stalinismus” , die seit Chruschtschows-Stalin-Verurteilung auf dem XX. Parteitag der KPdSU von den revisionistischen Usurpatoren der Parteiführung mit Erfolg zu einem Zentralthema der Geschichte der Sowjetunion und der Kommunistischen Weltbewegung gemacht worden war. Nach der Absetzung Chruschtschows im Oktober 1964 wurde diese „Abrechnung” nicht mehr in der unter Chruschtschow üblichen hetzerischen Art betrieben, blieb aber dennoch stereotyper Bestandteil der Behandlung der sowjetischen Geschichte. Nun aber, nach Gorbatschows Machtantritt, lebte sie nicht nur wieder auf, sondern tat dies mit einer mich erschreckenden Virulenz, der auch fast ausnahmslos alle Genossen nicht nur meiner Parteigruppe, sondern der SED überhaupt zum Opfer fielen.

Das war die Situation, in der im „Neuen Deutschland” vom 2./3. April 1986 ein großer, mehr als eine Seite einnehmender Artikel erschien, übernommen aus der „Sowjetskaja Rossija”, überschrieben „Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben”, verfasst als Brief von Nina Andrejewa, vorgestellt als Leningrader Dozentin. Auf mich hatte dieser Brief die Wirkung eines Blitzes, der ein lang erwartetes reinigendes Gewitter ankündigt. Er hat diesen Samstag für mich zu einem Festtag gemacht und mich für eine Woche lang hoffen lassen, dass nun in der Sowjetunion der von mir lange erwartete, dringend notwendige rettende Umschwung zur wirklichen Rückkehr zu Lenin vollzogen würde. Endlich wurde all das, was mich so sehr bedrückte und mich sorgenvoll in die Zukunft blicken ließ, in einem sowjetischen Parteiorgan offen angesprochen und als verderblich und feindlich gekennzeichnet. Da zu diesem Zeitpunkt Gorbatschow sich noch nicht als derjenige offenbart hatte, von dem all das, was Nina Andrejewa beklagte und attackierte, ausging, konnte sie sich sogar auf manche seiner Aussagen stützen, war er es doch, der in dem von uns bereits zitierten Referat auf dem Januar-Plenum des ZK der KPdSU von 1986 erklärt hatte: „Prinzipien, Genossen, sind eben darum Prinzipien, weil sie nicht aufgegeben werden dürfen”. (A.a.O.,S. 35).

Aber meine Hoffnungen wurden bereits nach einer Woche mit der nächsten Wochenendausgabe des „Neuen Deutschland” grausam zerstört. Sie druckte als Antwort auf den Brief Nina Andrejewas einen hoch offiziellen redaktionellen Artikel des zentralen Parteiorgans der KPdSU, der „Prawda” nach, in dem mit raffinierter Demagogie und perfiden Unterstellungen in feindseligstem Ton der Brief Nina Andrejewas verrissen wurde. Ihre Ansichten wurden als „Positionen der hausgemachten Sozialismus-Klageweiber” lächerlich und zugleich suspekt gemacht mit der Behauptung, sie träfen „mit den Positionen der ausländischen Gegner” zusammen. Dieser Prawda-Artikel enthält in konzentrierter Form alle wesentlichen Elemente der Gorbatschowschen „Kunst” der Massenverführung durch schön rednerische Demagogie und infame rufmörderische Verdächtigung aller, die die Prinzipien der kommunistischen Bewegung gegen ihre revisionistischen Verfälscher verteidigten. Es ist im Grunde ein Dokument des schmutzigen Verrates an eben diesen Prinzipien und verdiente eigentlich nicht, noch einmal zitiert zu werden. Dennoch ist es gerade jetzt – mehr als zehn Jahre danach – besonders nützlich, sich vor Augen zu führen, was die Gorbatschowianer als Ziel und Ergebnis der „Perestroika” versprachen, und was diese „Perestroika” dem Sowjetvolk und allen anderen Völkern in Wirklichkeit beschert hat. Das Studium des Prawda-Pamphlets ist eine nützliche Lektüre zur Schärfung des Blicks für das, was sich in Wahrheit hinter den Idealbildern gewisser „Humanisierer des Sozialismus” verbirgt.

Der Brief Nina Andrejewas aber ist geeignet, allen Kommunisten als Vorbild dafür zu dienen, dass man selbst unter schwierigen Bedingungen nicht aufhören darf, mutig und entschlossen den Kampf zur Verteidigung unserer Prinzipien zu führen.

Geschrieben im Sommer 1999, veröffentlicht in Heft 53 Der Schriftenreihe der KPD

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