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Zur Rolle Stalins und zum Anteil des Chruschtschow-Revisionismus an der Zerstörung der Sowjetunion


Zur Rolle Stalins und zum Anteil des Chruschtschow-Revisionismus an der Zerstörung der Sowjetunion

Dr. Kurt Gossweiler, 27. März 2004

stalin-1ZUR ROLLE STALINS UND ZUM ANTEIL DES CHRUSCHTSCHOW-REVISIONISMUS AN DER ZERSTÖRUNG DER SOWJETUNION

Seit ich politisch zu denken angefangen hatte – dank meiner Mutter und ihres zweiten Mannes, beide waren Mitglied der KPD seit 1927 – also seit meinem zehnten Lebensjahr, war die Sowjetunion für mich das Land meiner Bewunderung und das Heimatland aller Kommunisten.

Aber es war keineswegs so, dass im Laufe der Zeit das Vertrauen in die Sowjetunion und ihre Führung nicht auch Belastungsproben unterworfen gewesen wäre.

Die erste waren für mich wie für meine Genossen aus dem illegalen KJVD die Moskauer Prozesse. Wir hatten damals auch eine Diskussion mit einem Jugendgenossen, der zu den Trotzkisten abgedriftet war und über die Prozesse schon damals alles das von sich gab, was seit den Chruschtschowschen und Gorbatschowschen Rehabilitierungen der damals Verurteilten nun auch zum Standardrepertoire aller „Erneuerer” und „Reformer” in verschiedenen kommunistischen und ehemals kommunistischen, inzwischen umbenannten Parteien gehört: dass alle Verurteilten natürlich unschuldig seien und nur sterben mussten, weil sie Stalins Allmachtstreben im Wege standen.

Auch das heute immer wieder ins Feld geführte angebliche „Testament” Lenins, in dem er vor Stalin gewarnt habe, brachte dieser junge Trotzkist schon damals vor.

Natürlich hatten wir damals keine Möglichkeit, all dies zu überprüfen. Aber dafür, zu überprüfen, ob unser Vertrauen zur Sowjetunion und zu Stalin gerechtfertigt war, gab es ein sehr einfaches und zugleich überzeugendes Mittel: die Prüfung der Taten der Sowjetunion und Stalins in der Auseinandersetzung mit dem Faschismus!

Im Sommer 1936 hatte Franco seinen Putsch gegen die Spanische Volksfrontregierung unternommen und damit das Startzeichen für die Intervention des faschistischen Deutschland und Mussolini-Italiens zugunsten der Errichtung eines faschistischen Regimes in Spanien gegeben, als Vorspiel zum geplanten großen Krieg. Damit wurde die Stellung zum Krieg in Spanien zum Prüfstein für die Stellung aller Staaten, Parteien und Einzelpersönlichkeiten zum Faschismus. Wie allen bekannt, gab es nur einen Staat in der ganzen Welt, der die Spanische Republik verteidigen half gegen die Hitler- und Mussolini-Aggressoren, und dieser Staat war nicht etwa das benachbarte Frankreich mit seiner Volksfrontregierung, es war auch nicht England und es waren auch nicht die USA – sie alle halfen vielmehr durch ihre heuchlerische Nichteinmischungspolitik Franco, Hitler und Mussolini bei der Erwürgung der Spanischen Republik.

Allein die Sowjetunion kam dem spanischen Volk und den Freiwilligen in den Interbrigaden mit Waffen und Soldaten zu Hilfe. Sie tat also genau das, was wir von ihr erwarteten. Sie hat unser Vertrauen nicht enttäuscht.

Eine zweite Belastungsprobe stellte im August 1939 der Abschluss des Nichtangriffsvertrages der Sowjetunion mit Hitlerdeutschland dar. Ich war damals zum Arbeitsdienst eingezogen und in ein RAD-Lager in Pommern verbracht worden. Die meisten der anderen „Arbeitsmänner” stammten aus Pommern und waren, wenn nicht Nazis, so doch auf keinen Fall bewusste Nazigegner. Aber mit mir war noch einer aus Berlin in meinem „Trupp”, und nicht nur das – auch er kam aus einem kommunistischen Elternhaus, und wir fanden schnell heraus, dass wir beide von der gleichen Farbe waren. Eines Tages im August erzählte er mir, sein Vater sei am Wochenende zu Besuch hier gewesen und habe ihm eine ganz unwahrscheinliche Ankündigung gemacht. Es werde – so habe er gesagt – in nächster Zeit zwischen Deutschland und der Sowjetunion ein Vertrag geschlossen werden, er solle sich schon darauf einstellen. Woher sein Vater das hatte, habe er ihm nicht gesagt.

Ich hielt das dennoch für eine ausgesprochene Latrinenparole und sagte das meinem Kumpel auch. Aber dann kam der 23. August, und da gab es keinen Zweifel mehr: Die Sowjetunion hatte mit Hitlerdeutschland einen Nichtangriffsvertrag geschlossen! Und die Nazipresse berichtete so darüber, als handelte es sich dabei um ein gegen die Westmächte gerichtetes Bündnis. Was sollten wir davon halten?

Das Wichtigste für uns beide war, den veröffentlichten Wortlaut des Vertrages daraufhin zu untersuchen, ob in ihm irgend eine Passage enthalten war, die über ein Abkommen zum gegenseitigen Nichtangriff hinausging und dem ganzen Bündnischarakter verliehen hätte. Es gab zu unserer großen Beruhigung keine einzige solche Passage. Bei der Suche nach Gründen, welche die Sowjetunion zu diesem Schritt veranlasst haben könnten, waren wir uns einig, dass die Sowjetunion damit sicher der ja offenkundigen Gefahr vorbeugen wollte, dass die Westmächte etwa mit Hitlerdeutschland ein neues Münchener Abkommen, diesmal aber auf Kosten der Sowjetunion, schließen würden (Anm.: und das nachzuholen versuchen, was ihnen im Interventionskrieg 1917-1921 nicht gelungen war, den Arbeiter- und Bauern-Staat, die Sowjetunion, zu beseitigen); wir wussten beide sehr gut, dass sie die Aufrüstung Nazideutschlands nicht nur geduldet, sondern gefördert hatten in der Hoffnung, die deutsche Aggression gegen die Sowjetunion lenken zu können.

Wenn es der Sowjetunion mit diesem Abkommen gelang, Zeit zu gewinnen, dann konnte uns das nur recht sein. Dass es nur um Zeitgewinn gehen konnte, dessen waren wir uns gewiss; denn soviel wussten wir: das wichtigste Kriegsziel Hitlers und seiner finanzkapitalistischen Hintermänner war die Vernichtung der „bolschewistischen Gefahr”, der Sowjetunion. Wenn sich Deutschland zunächst gegen den Westen wenden würde, dann auch mit der Absicht, sich den Rücken frei zu machen für einen späteren Krieg gegen die SU.

Auch die Besetzung der ostpolnischen Gebiete durch die Rote Armee am 17.September, die noch heutzutage von so genannten „demokratischen Sozialisten” in höchsten Tönen moralischer Entrüstung als grobe Verletzung des Völkerrechts verurteilt wird – von den gleichen Leuten also, die heute, sobald sie in die so heiß begehrten Regierungsämter gelangt sind, sich zu Bütteln der Durchsetzung der Programme des Kapitals zur Ausplünderung der Wähler hergeben, denen sie vorher die Vertretung ihrer Interessen versprachen, – diese Besetzung zu bejahen und zu begrüßen machte uns überhaupt keine Schwierigkeiten. Zum einen deshalb, weil, wo die Rote Armee Wache hielt, die Wehrmacht nicht weiter vorrücken konnte, die Bevölkerung also davor bewahrt blieb, unter den Stiefel der Faschisten getreten zu werden.

Aber noch viel wichtiger: wir wussten doch, dass dies Gebiete waren, die zu Weißrussland und zur Ukraine gehört hatten und 1920 vom Pilsudski-Regime gewaltsam und völkerrechtswidrig annektiert worden waren. Wir empfanden es als einen Geniestreich Stalins, die gegenwärtigen Verstrickungen der imperialistischen Mächte dazu auszunutzen, friedlich das zurückzuholen, was Sowjetrussland seinerzeit gewaltsam entrissen worden war.

Als ich im Oktober 1940 – jetzt schon als Angehöriger der Wehrmacht – für drei Monate Studienurlaub erhielt, nahm ich natürlich wieder die Verbindung zu den Genossen unserer KJVD-Gruppe auf. Auch sie hatten die genannten Ereignisse genau so beurteilt wie ich und mein Genosse im RAD-Trupp.

Im übrigen war unsere Haltung zur Sowjetunion in dieser komplizierten Zeit, und so abgesperrt, wie wir seit 1933 von Informationen waren, bestimmt von einem durch lange Jahre nie enttäuschten Vertrauen zur sowjetischen Führung. Wir waren auch ganz sicher, dass früher oder später die Wehrmacht den Befehl zum Überfall auf die Sowjetunion erhalten würde, und genau so sicher waren wir auch, dass dies dann der Anfang vom Ende des Hitlerregimes in Deutschland sein würde. Auch darin sollte unser Vertrauen in die Sowjetunion und ihre Führung nicht enttäuscht werden.

Am 21. Juni 1941 war es dann so weit, dass Hitler den Befehl zur Verwirklichung des „Planes Barbarossa”, zum Beginn des Überfalles auf die Sowjetunion gab. Vom ersten Tage an bis zum 14. März 1943, dem Tag meines Übertritts auf die Seite der Roten Armee, war ich gezwungenermaßen Teilnehmer des „Ostfeldzuges”. Natürlich war ich nach meinem Übertritt für die sowjetische Seite ein Kriegsgefangener und kam in ein Arbeitslager. Das Leben dort war hart, Arbeit im Torfmoor zur Torfgewinnung als Brennmaterial für ein nahe gelegenes Kraftwerk, mit nur zu oft kaputten Schuhen im Wasser der Entwässerungsgräben. Aber ich wusste, wie sowjetische Kriegsgefangene durch die Deutschen behandelt wurden, hatte selbst erlebt, wie Verwundete einfach abgeknallt wurden, wusste, dass in den „Stalags” in Deutschland sowjetische Kriegsgefangene in Massen durch Arbeit, Hunger und Krankheit vorsätzlich umgebracht wurden. Wir dagegen erlebten, wie sich sowjetische Ärzte bemühten, das Leben verwundeter deutscher Kriegsgefangener zu retten.

Die Verpflegung bei uns im Lager war so, dass der Hunger zwar nie völlig gestillt wurde, aber wir wussten auch: der Bevölkerung im nächsten Dorf ging es nicht besser. Wir haben erlebt, dass in einem besonders strengen Winter – ich glaube, das war 1945 auf 1946 – die Leute im Dorf ihren Mahlzeiten Baumrinde beigaben, während wir selbst in den schlechtesten Zeiten in unserem Essen Büchsenfleisch aus den US-Lieferungen fanden.

Kurzum, ich erlebte auch als Kriegsgefangener, dass man sich auf Stalins Wort verlassen konnte: „Wenn sich der deutsche Soldat ergibt, wird er entsprechend den internationalen Abmachungen behandelt”! Das ging – zum großen Ärger vieler „Landser” – so weit, dass auch die Vorschriften eingehalten wurden, die den Offizieren eine Vorzugsbehandlung einräumten.

Nach einigen Monaten wurde ich zusammen mit anderen Kameraden als Kursant auf die zentrale Antifa-Schule in Taliza geschickt, auf der wir – insgesamt zehn Kursanten – nach Absolvierung des Lehrgangs als Assistenten der dort als Lehrer wirkenden Emigranten-Genossen arbeiteten. Ich blieb dort bis zu meiner Entlassung nach Deutschland im Sommer 1947. Das waren Jahre angespanntesten Studiums, denn wir mussten uns die Kenntnisse aneignen, die nötig waren, um Vorlesungen zu halten und Seminare durchzuführen auf den Gebieten: Deutsche Geschichte, Geschichte Russlands und der Sowjetunion, Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Politische Ökonomie und marxistisch-leninistische Philosophie.

Diese Jahre an der Antifa-Schule – sie waren meine eigentliche Universität; und ich übertreibe nicht, wenn ich sage: von dem dort Gelernten zehre ich noch heute, denn ohne dem wäre es mir nicht möglich gewesen, die Chruschtschowerei als Verrat am Marxismus-Leninismus und als feindliche Diversion zu erkennen.

Das, was uns dort der stärkste Ansporn war und auch die größte Befriedigung gewährte, war das Bewusstsein, dazu beizutragen, dass Landser, die Hitler dazu missbraucht hatte, die Sowjetunion zu zerstören, als Antifaschisten in die Heimat zurückkehrten um zu helfen, das schwere geistige und materielle Erbe des Faschismus zu überwinden und eine neue, antifaschistische Ordnung in ganz Deutschland zu errichten.
Nach meiner Rückkehr in die Heimat im Sommer 1947 arbeitete ich bis zum Jahre 1955 in der Bezirksleitung der SED, um dann 1955 eine Doktor-Aspirantur an der Humboldt-Universität zu beginnen.

Am 5. März 1953, also noch in der Zeit meiner Arbeit im Parteiapparat, starb Stalin. Während der gewaltigen Trauerdemonstration, die in Berlin wie in der ganzen Welt stattfand, hörte ich nicht nur einmal die fast verzweifelte Frage: „Was soll denn nun werden? Wie wird es weitergehen?” Ich habe damals gedacht und wohl auch diesem und jenem gesagt: „Wie kann ein Marxist nur so fragen? Es werden andere an seine Stelle treten und seine Sache, die Sache Lenins, weiterführen”!

Nur zu bald sollte ich feststellen, dass ich unrecht, dass ich die Rolle der Persönlichkeit doch unterschätzt hatte.

Woher kam das? Mir war noch nicht klar, was ich erst langsam hinzulernte: dass nämlich die Rolle der Persönlichkeit in der sozialistischen Gesellschaft um vieles bedeutsamer ist, als im Kapitalismus. Im Kapitalismus wäre ganz unmöglich, dass ein Partei- oder Staatsführer durch eine Politik des Verrates an seiner Klasse die kapitalistische Ordnung unterminieren und Schritt für Schritt und Stück für Stück in eine nicht mehr kapitalistische, in eine sozialistische überführen könnte.

Im Sozialismus aber ist ein solcher Weg der Unterminierung der sozialistischen Ordnung und ihre Perestroika in eine kapitalistische mittels einer Politik des Klassenverrates durch die Partei- und Staatsführung nicht nur möglich, sondern von Chruschtschow begonnen und von Gorbatschow zum Erfolg geführt worden. Woran liegt das?

Die Erklärung kennen wir eigentlich alle, aber wir machen sie uns nicht bewusst: Der Kapitalismus ist ein sich selbst regulierendes System, dessen Gesetzen die Menschen unterworfen sind. Der Sozialismus ist in Theorie und Praxis eine Wissenschaft. Der sozialistische Aufbau muss also auch wissenschaftlich betrieben werden, d.h., der sozialistische Politiker und Ökonom muss die Gesetze der Entwicklung der Gesellschaft und die ökonomischen Gesetze des Sozialismus kennen und darauf seine Politik aufbauen. Oder anders gesagt: Während der Prozess der Entstehung und Entwicklung des Kapitalismus ein spontaner Prozess ist, ist der Prozess der Errichtung und Entwicklung des Sozialismus ein bewusster, organisierter Prozess.

Das aber bedeutet, dass die Führungsqualitäten der führenden Persönlichkeiten im Sozialismus eine für das Schicksal des Sozialismus, für das Gelingen oder das Scheitern des sozialistischen Aufbaus, entscheidende Rolle spielen.

Das bedeutet aber auch, dass die imperialistischen Politiker über ganz andere und wirkungsvollere Mittel der Einflussnahme auf die politische Entwicklung in den Ländern des Sozialismus verfügen, als umgekehrt. Das sozialistische System kann durch Einschleusung von Agenten des Imperialismus in seinen Herrschaftsapparat oder durch Korrumpierung von Führungskräften paralysiert und sogar zerstört werden, das kapitalistische System nur durch den Kampf der Massen.

Die Bourgeoisie weiß um diese besonders große Bedeutung revolutionärer Persönlichkeiten für den Sieg des Sozialismus offenkundig besser Bescheid, als wir. Daher gehört die Planung von Morden an besonders fähigen, populären und unbestechlichen Führern der kommunistischen Parteien und der antiimperialistischen Bewegungen ebenso zum Alltagsgeschäft der imperialistischen Geheimdienste wie die Zersetzung revolutionärer Bewegungen und der kommunistischen Parteien von innen.

Und daher auch ihre besonders großen Hoffnungen auf das Ableben von besonders populären und hervorragenden revolutionären Führern, und die besonders intensiven Bemühungen, nach deren Tod auf die Wahl des Nachfolgers Einfluss zu nehmen. Dazu gab es die Einteilung der Führer der kommunistischen Parteien in die „Tauben” die zu fördern und die „Falken”, die zu bekämpfen waren; später taufte man dann die zu Fördernden in die „Antistalinisten” und „Reformer” um, und die zu Bekämpfenden und zu Eliminierenden in „Stalinisten” und „Betonköpfe”.

Schon in den letzten Wochen und Tagen Lenins hoffte man im Westen auf die Schwächung und Zersetzung der Sowjetmacht durch Machtkämpfe um die Nachfolge Lenins nach dessen Tod. Und sie hatten Grund zu solchen Hoffnungen, denn der jahrzehntelange Gegner Lenins, der erst in den letzten Monaten vor der Oktoberrevolution, auf dem VI. Parteitag der Bolschewiki im August 1917, durch Eintritt in die Partei Lenins auf den Zug der von den Bolschewiki vorbereiteten und geführten Revolution aufgesprungen war, Trotzki, setzte alles daran, sich als Nachfolger Lenins an die Spitze der Partei zu setzen.

Wäre ihm das gelungen, wäre das gleichbedeutend gewesen mit dem Ende der Partei als marxistisch-leninistischer Partei, und damit gleichbedeutend mit dem Ende der Sowjetmacht. Denn im Gegensatz zu Lenin und der Mehrheit der führenden Genossen vertrat Trotzki vehement die These, dass der Sieg und der Aufbau des Sozialismus in einem Lande unmöglich sei.

Lenin hatte 1915 in einem Aufsatz in der Schweizer Zeitung „Sozialdemokrat” erstmals davon gesprochen, dass der Sieg des Sozialismus in einem einzeln genommenen Lande möglich sei. Er schrieb in dem Artikel „Die Vereinigten Staaten von Europa”: Als selbständige Losung wäre … die Losung Vereinigte Staaten der Welt wohl kaum richtig, denn erstens fällt sie mit dem Sozialismus zusammen, und zweitens könnte sie die falsche Auffassung von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und eine falsche Auffassung von den Beziehungen eines solchen Landes zu den übrigen entstehen lassen. Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen kapitalistischen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.” (Nachzulesen ist das in Bd.21, S.345 der Werke Lenins, Berlin 1960).

Sofort meldete sich Trotzki mit einem Gegenartikel zu Wort, in dem er schrieb: „Das einzige einigermaßen konkrete historische Argument gegen die Losung der Vereinigten Staaten wurde im schweizerischen ‚Sozialdemokrat’ in folgendem Satz formuliert: ‚Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus’. Daraus zog der ‚Sozialdemokrat’ den Schluss, dass der Sieg des Sozialismus in einem Lande möglich sei.” Dem widersprach Trotzki mit der Feststellung, es wäre aussichtslos, zu glauben, „dass zum Beispiel ein revolutionäres Russland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten … könnte.” (In: Trotzki, Schriften, Bd. III, Teil I, S.89).

Nach dem Sieg der Oktoberrevolution hofften natürlich alle Revolutionäre in Russland, dass ihrem Beispiel die Arbeiter in anderen Ländern, vor allem in Deutschland folgen würden. Als sich dann nach dem Abklingen der revolutionären Welle herausstellte, dass Sowjetrussland zunächst allein in einer kapitalistischen Umkreisung leben müsse, waren Lenins Worte von 1915 von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, noch dazu einem Lande wie Russland, das gewissermaßen einen eigenen Kontinent darstellte, der Leitfaden für das Handeln der wirklichen Bolschewiki.

Trotzki dagegen hielt an seiner These von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande fest und verkündete, ohne den Sieg der Weltrevolution sei die Sowjetunion zum Untergang verurteilt. Die Revolution müsse deshalb „permanent” gemacht werden und nötigenfalls mit den Bajonetten der Roten Armee nach Westen getragen werden – oder sie werde „auf dem Halm verfaulen”.

Trotzkis „Theorie der permanenten Revolution” verbarg in Wahrheit unter „revolutionärem” Etikett eine Theorie der Kapitulation für den Fall, dass die „Weltrevolution” nicht baldigst die russischen Revolution aus der Isolierung befreien würde. Diese Theorie war zugleich abenteuerlich und defätistisch, und auf jeden Fall konterrevolutionär. Der Kampf gegen sie war deshalb ein Kampf, von dessen Ausgang die Existenz der Sowjetmacht abhing.

Weil Stalin am entschiedensten gegen Trotzkis Untergangsthese von der „Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande” Lenins These von der Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande, in der Sowjetunion, verteidigte, konzentrierten Trotzki und die Seinen das Hauptfeuer auf Stalin. Sie haben immerhin erreicht, dass die meisten Leute heute glauben, Stalin sei der „Erfinder der Theorie von der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande” gewesen und keine Ahnung davon haben, dass diese Theorie von Lenin stammt, noch davon, mit welchen Argumenten Stalin diese Leninsche Theorie verteidigte und begründete. Deshalb sei hier vorgetragen, was Stalin dazu in seiner Arbeit „Zu den Fragen des Leninismus” 1926 geschrieben hat:

„Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande?
Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Errichtung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft in unserem Lande ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorherigen Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern.
Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen, endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern? Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollständigen Garantie gegen die Intervention und folglich gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat.” (Nachzulesen in Band 8, S.58 der Stalin-Werke.)

Nicht wenige Leute meinen heute, der Untergang der Sowjetunion beweise, dass Trotzki mit seiner These von der Unmöglichkeit des Sozialismus in einem Lande doch gegen Stalin recht behalten habe. Sie übersehen dabei jedoch erstens, dass die Sowjetunion nicht unterging, als sie noch der einzige sozialistische Staat der Erde war, sondern nachdem es sozialistische Staaten und Staaten sozialistischer Orientierung schon in allen Erdteilen außer Australien gab, die in den Jahren von 1948/49 an bis 1960, bis zum von Chruschtschow bewerkstelligten Bruch mit der Volksrepublik China und Albanien, eine sozialistische Staatengemeinschaft gebildet hatten, die bereits ein Drittel des Erdballs ausmachte. Das Problem des Sozialismus in einem Lande war damit gegen Trotzki im Sinne Lenins und Stalins gelöst. Und diese Leute vergessen nun ganz und gar, dass allein das bisherige Überleben des sozialistischen Winzlings Kuba im Würgegriff seines übermächtigen Nachbarn USA nach dem Untergang seiner wichtigsten Unterstützer die Trotzki-Theorie von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande der Lächerlichkeit preisgibt und beweist, dass Trotzki nie begriffen hat, wo die Wurzeln der Überlebenskraft der proletarischen Revolution liegen.

Noch vor Lenins Tod begann er den Kampf um die Macht. Selbst in der nach dem XX. Parteitag „entstalinisierten Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion” aus dem Jahre 1970 (erschienen in Berlin 1971), wurde dies noch wahrheitsgemäß berichtet:

„Trotzki machte sich den Umstand zunutze, dass der Führer der Partei, W.I. Lenin, infolge seiner schweren Erkrankung aus der Arbeit ausgeschieden war, und nahm den Kampf gegen die Partei erneut auf. Er hoffte, dass die Schwierigkeiten im Lande seine Pläne begünstigen würden, die Führung der Partei an sich zu reißen und eine Linie durchzusetzen, die letztlich zur Restauration des Kapitalismus geführt hätte.” (S.423).

Dabei setzte er vor allem auf Lenins Aufzeichnungen vom 23./24./25. Dezember 1922 und 4. Januar 1923, die als Brief an den bevorstehenden XIII Parteitag gedacht waren. Aus diesen Aufzeichnungen spricht die große Sorge Lenins, die Auseinandersetzungen in der Partei, vor allem zwischen Trotzki und Stalin, könnten zur Spaltung der Partei führen. Er gab in diesen Aufzeichnungen auch eine kurze Charakteristik der wichtigsten Genossen der Führung der Partei, – Trotzki, Stalin, Sinowjew, Kamenjew, Bucharin und Pjatakow, wobei er deren Vorzüge und Mängel benannte.

Dabei war Stalin der einzige, bei dem er an seiner politischen Haltung nichts auszusetzen hatte, wohl aber an, wie er sie nannte, Stalins Grobheit in den innerparteilichen Auseinandersetzungen. „Stalin ist zu grob”, schrieb er am 4. Januar 1924:

„… und dieser Mangel, der in unserer Mitte und im Verkehr zwischen Kommunisten durchaus erträglich ist, kann in der Funktion des Generalsekretärs nicht geduldet werden. Deshalb schlage ich den Genossen vor, sich zu überlegen, wie man Stalin ablösen könnte, und jemand anderen an diese Stelle zu setzen, der sich in jeder Hinsicht von Gen. Stalin nur durch einen Vorzug unterscheidet, nämlich dadurch, dass er toleranter, loyaler, höflicher und den Genossen gegenüber aufmerksamer, weniger launenhaft usw. ist. Es könnte so scheinen, als sei dieser Umstand eine winzige Kleinigkeit. Ich glaube jedoch, unter dem Gesichtspunkt der Vermeidung einer Spaltung und unter dem Gesichtspunkt der von mir oben geschilderten Beziehungen zwischen Stalin und Trotzki ist das keine Kleinigkeit, oder eine solche Kleinigkeit, die entscheidende Bedeutung erlangen kann.” (Die genannten Aufzeichnungen vom 22. 12. 1923 bis zum 4. 1. 1924 sind nachzulesen in Band 36, S.577-580, Berlin 1964 der Lenin-Werke).

Die trotzkistische Propaganda behauptet bis zum heutigen Tage, Stalin habe diese Kritik Lenins vor der Partei verheimlicht. Wie es sich wirklich verhielt, das wird in einem 1995 in Moskau erschienenen und natürlich antikommunistischen Buch mit dem Titel: Stalin. Briefe an Molotow 1925-1936, in Deutschland 1996 im Siedler Verlag herausgebracht, von einem der Herausgeber wie folgt beschrieben:

„Nur Nadeschda Krupskaja, Lenins Frau, kannte den vollen Inhalt des Dokuments, das sie nach Lenins Tod Anfang 1924 zusammen mit anderen Papieren dem Zentralkomitee übergab. Die Parteiführung entschied, Lenins Brief nicht in das offizielle Protokoll des bevorstehenden XIII. Parteitages aufzunehmen, sondern es den einzelnen Delegationen vertraulich zu verlesen. Stalin bot seinen Rücktritt als Generalsekretär an, dies wurde aber nicht akzeptiert. Der Brief selbst wurde nicht veröffentlicht.” (S. 33 des angegebenen Buches).

Veröffentlicht wurde jedoch Stalins Rede über „Die trotzkistische Opposition früher und jetzt” vom 23. Oktober 1927, in der Stalin auf die so genannte „Eastman-Affäre” einging und dann ausführte:

Man sagt, Genosse Lenin habe in diesem „Testament” dem Parteitag vorgeschlagen, man solle sich im Hinblick auf Stalins ‚Grobheit’ überlegen, ob man nicht Stalin als Generalsekretär durch einen anderen Genossen ersetzen solle. Das stimmt durchaus. Ja, Genossen, ich bin grob gegen diejenigen, die grob und verräterisch die Partei zersetzen und spalten. Ich habe das nicht verheimlicht und verheimliche es nicht. Möglich, dass hier eine gewisse Milde gegenüber den Spaltern erforderlich ist. Aber das bringe ich nicht fertig. Gleich in der ersten Sitzung des ZK-Plenums nach dem XIII. Parteitag ersuchte ich das Plenum des ZK, mich von der Funktion des Generalsekretärs zu entbinden. Der Parteitag selbst behandelte diese Frage. Jede Delegation behandelte diese Frage, und alle Delegationen, unter ihnen auch Trotzki, Kamenew, Sinowew, verpflichteten Stalin einstimmig, auf seinem Posten zu bleiben.
Was konnte ich tun? Von meinem Posten davonlaufen? Das ist nicht meine Art, ich bin niemals von irgendeinem Posten davongelaufen, und ich habe kein Recht, davonzulaufen, denn das wäre Desertion… Ein Jahr danach richtete ich erneut einen Antrag an das Plenum, mich von meiner Funktion zu entbinden, aber man verpflichtete mich erneut, auf meinem Posten zu bleiben. Was konnte ich weiter tun?
Was die Veröffentlichung des ‚Testaments’ angeht, so beschloss der Parteitag, es nicht zu veröffentlichen, da es an den Parteitag gerichtet und nicht für die Presse bestimmt war.”
(Zu finden in: Stalin, Werke, Bd. 10, S.153, Berlin 1953).

In der Tat hatte nicht Stalin, sondern hatten andere eine Veröffentlichung zu fürchten, hatte Lenin doch Trotzki „Nichtbolschewismus” bescheinigt, von Kamenew und Sinowjew gesagt, „dass die Episode im Oktober natürlich kein Zufall war” – (im Oktober 1917 hatten die beiden der bürgerlichen Presse den in der Parteiführung beschlossenen Termin für den Beginn des bewaffneten Aufstandes zugespielt, weshalb Lenin damals für diesen Verrat ihren Ausschluss aus der Partei verlangt hatte); und hatte Lenin doch von Bucharin gesagt, „er gilt mit Recht als Liebling der ganzen Partei, aber seine theoretischen Anschauungen können nur mit sehr großen Bedenken zu den völlig marxistischen gerechnet werden”.

Trotzki aber benutzte das „Testament” mit der Empfehlung, Stalin als Generalsekretär durch einen anderen zu ersetzen, dazu, der Parteiöffentlichkeit zu suggerieren, Lenin habe als seinen Nachfolger an der Spitze der Partei ihn, Trotzki, im Auge gehabt. Dabei gab ihm das 1925 herausgebrachte Buch eines amerikanischen Journalisten und Trotzki-Sympathisanten, Max Eastman, mit dem Titel: „Since Lenin Died”, kräftige Hilfestellung. Zu diesem Eastman und seinem Buch hatte Stalin in der erwähnten Rede ausgeführt:

„Es gibt da einen gewissen Eastman, einen ehemaligen amerikanischen Kommunisten, der dann aus der Partei hinausgeworfen wurde. Nachdem sich dieser Herr eine Zeitlang in Moskau unter Trotzkisten herumgetrieben und verschiedene Gerüchte und Verleumdungen in Bezug auf Lenins ‚Testament’ gesammelt hatte, fuhr er ins Ausland und gab unter dem Titel ‚Nach Lenins Tod’ ein Buch heraus, in dem er nicht an Farben spart, um die Partei, das Zentralkomitee und die Sowjetmacht zu verleumden, und in dem alles darauf aufgebaut ist, dass das ZK unserer Partei angeblich das ‚Testament’ Lenins ‚verheimlicht’. Da dieser Eastman eine Zeitlang mit Trotzki in Verbindung stand, forderten wir, die Mitglieder des Politbüros, Trotzki auf, sich von Eastman abzugrenzen, der dadurch, dass er sich an Trotzki klammert und sich auf die Opposition beruft, Trotzki für die Verleumdungen unserer Partei hinsichtlich des ‚Testaments’ verantwortlich macht. Da die Frage so offenkundig war, grenzte sich Trotzki wirklich von Eastman ab und gab eine entsprechende Erklärung an die Presse. Sie wurde im September 1925 in Nummer 16 des ‚Bolschewik’ veröffentlicht.”

Dieses Buch war eine unverhohlene Hilfestellung für Trotzki in dessen Kampf um die Nachfolge Lenins. Was von Eastmans „Enthüllungen” zu halten ist, schildert der Mitherausgeber der oben erwähnten Dokumentation der Stalin-Briefe an Molotow aus dem Jahre 1995 wie folgt:

„Frühere westliche Interpretationen sind stets davon ausgegangen, dass Eastmans Buch ‚lange Auszüge’ des Testaments ‚korrekt wiedergibt’. Als ich ‚Since Lenin Died’ las, stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass dies weit von der Wahrheit entfernt ist. Eastman gibt das Testament nicht nur stark entstellt wieder. Vielmehr dienen seine Entstellungen alle ganz offensichtlich einem politischen Zweck, der im Schlusssatz des Buches unzweideutig formuliert ist: Die Revolutionäre anderer Länder sollten sich daran erinnern, dass‚ sie nicht gelobt haben, im Namen des ‚Leninismus’ die internationale Autorität einer Gruppe zu akzeptieren, vor der Lenin in seinen letzten Worten warnt und die wesentlichen Texte Lenins unterschlagen hat, um diese Autorität aufrechtzuerhalten.
Eastman interpretiert das Testament als eine ‚direkte Bestätigung von Trotzkis Ansehen’. Um zu dieser Schlussfolgerung zu kommen, musste er die positiven Äußerungen über andere Führungspersönlichkeiten und die negativen Bemerkungen über Trotzki weglassen. Die Schuld für diese Fehler ist nicht in erster Linie Eastman anzulasten, der sich auf ‚drei verantwortliche hochgestellte Kommunisten in Russland’ berief, die das Testament gelesen und ‚sich seine wichtigsten Sätze eingeprägt’ hatten. In seinen Memoiren, die 1964 erschienen, erinnert sich Eastman, dass Trotzki auf dem XIII. Parteitag im Jahre 1924 ‚mich in eine verborgene Ecke des Palastes zog und mir dort die wichtigsten Sätze aus Lenins ‚Testament’ mitteilte. (In einem Memorandum an Stalin,… deutet Trotzki an, er habe Eastman während dieser Zeit nicht getroffen.) Vor der Veröffentlichung zeigte Eastman sein Manuskript Christian Rakowski, einem Gefolgsmann Trotzkis, der damals in Frankreich tätig war. Rakowski stimmte der Veröffentlichung zu. Die Verantwortung für die Entstellungen scheint deshalb bei der Trotzki-Gruppe selbst zu liegen.” (S.34/35)

Damit hatte Trotzki eine Grube gegraben, in die Stalin stürzen sollte, in die er aber nun selber fiel. Er konnte nicht anders, als der Forderung des Politbüros nachzukommen und sich von den Lügen und Verleumdungen Eastmans in dem von Stalin erwähnten Artikel zu distanzieren.

In seiner Rede über die trotzkistische Opposition zitierte Stalin eine lange Passage aus diesem Artikel Trotzkis. Trotzki hatte darin festgestellt:

„Es versteht sich von selbst, dass alle diese Briefe und Vorschläge (Lenins) stets bestimmungsgemäß weitergeleitet, den Delegierten des XII. und XIII. Parteitags zur Kenntnis gebracht wurden und selbstverständlich immer entsprechenden Einfluss auf die Beschlüsse der Partei ausübten, und wenn nicht alle diese Briefe veröffentlicht wurden, so deshalb, weil sie von ihrem Verfasser nicht für die Presse bestimmt waren…. Alle Redereien über ein verheimlichtes oder verletztes ‚Testament’ sind böswillige Erfindungen und sind ganz und gar gegen den faktischen Willen Wladimir Iljitschs sowie gegen die Interessen der von ihm geschaffenen Partei gerichtet.”

Das kam einer Selbstentlarvung gleich, denn jedem musste klar sein, dass die Quelle für Eastmans „Enthüllungen” nur Trotzki selbst und seine Gruppe sein konnte. Die „Eastman-Affäre” dürfte daher mit dazu beigetragen haben, dass der Versuch, Lenins Tod dazu auszunutzen, durch Entfesselung eines Machtkampfes die KPdSU zu schwächen und führungsunfähig und dadurch den Weg für eine kapitalistische Restauration frei zu machen, kläglich scheiterte. Das Hauptverdienst dafür kam Stalin zu. Es war ein Glücksfall für die KPdSU und für die Sowjetunion, dass nach Lenins Tod ein Mann wie Stalin bereitstand, der Lenins Ideen wie kein zweiter sich zu eigen gemacht hatte und die notwendige Elastizität und Härte besaß, die notwendig war im Überlebenskampf der Sowjetunion gegen die feindlichen Umkreisung, besonders, nachdem der Imperialismus die Sowjetunion mit dem Überfall des faschistischen Deutschland bedrohte.

Ich habe diese weit zurückliegende Geschichte so ausführlich erzählt, weil sie nach Stalins Tod – 5.März 1953 – wieder hervorgeholt wurde, um zu dem gleichen Zweck eingesetzt zu werden, zu dem sie damals von Trotzki und den Seinen eingesetzt worden war: wieder erhofften sich die Imperialisten vom Tode des verhassten und gefürchteten Bolschewikenführers eine Chance, in die unvermeidliche Situation der Unsicherheit während der Herausbildung der neuen Führung zu ihren Gunsten eingreifen und Leute ihrer Wahl an die Spitze bringen zu können.

Hätte ich damals, 1953, schon das westdeutsche „Keesings Archiv der Gegenwart” gekannt und dessen Veröffentlichungen verfolgt, es wäre mir schneller gelungen, dahinter zu kommen, dass man in London und Washington mit der neuen Moskauer Führung sehr zufrieden war und große Hoffnungen auf sie setzte. Ich hätte dann nämlich folgende Berichte lesen können: Der neue USA-Präsident Eisenhower hielt am 16.April 1953 eine Rede, in der er sagte:

„Die Welt weiß, dass mit dem Tode Stalins eine Epoche zu Ende ging… Jetzt ist eine neue Führergeneration in der Sowjetunion an die Macht gekommen. Die sie mit der Vergangenheit verknüpfenden Bande mögen auch noch so stark sein, sie bedeuten jedoch keine feste Bindung für sie.” (Zwischenfrage: Woher wussten die das?) Eisenhower fuhr fort: „Die Gestaltung der Zukunft hängt weitgehend von ihrem Willen ab… Die neuen sowjetischen Führer haben somit eine einmalige Gelegenheit, sich … darüber klar zu werden, welchen Grad der allgemeinen Gefährdung wir erreicht haben, und dass sie das ihre tun müssen, den Lauf der Geschichte zu wenden.”

Churchill am 11. Mai 1953 im Unterhaus:

Das wichtigste Ereignis ist natürlich die Änderung der Haltung und, wie wir alle hoffen, des Geistes, die im Sowjetbereich und insbesondere im Kreml seit dem Tode Stalins stattgefunden hat…. Es ist die Politik der (britischen) Regierung, es durch jedes Mittel in ihrer Macht zu vermeiden, etwas zu tun oder zu sagen, das irgendeine günstige Reaktion hemmen könnte, die sich ergeben könnte, sowie jedes Zeichen einer Verbesserung in unseren Beziehungen zu Russland zu begrüßen.”

Hätte ich das damals schon zu lesen bekommen, ich hätte mich bestimmt gefragt: Was ist denn da los? Woher auf einmal soviel Hoffnung auf und Wohlwollen gegenüber dieser neuen Kreml-Führung? Haben die da etwa einen Vertrauensmann drin?

Ich hatte es aber nicht gelesen und brauchte deshalb viel länger, bis ich wegen einer Abfolge von Ereignissen zwischen 1953 und 1956 schließlich doch auch auf die gleiche Frage gestoßen wurde. Die Ereignisse, die das waren, kann ich aus Zeitmangel hier nur benennen. Was es war, das mich stutzig und misstrauisch machte, habe ich in der Einleitung meines Buches (Die Taubenfußchronik) einigermaßen ausführlich genannt, und vielleicht haben wir in der Diskussion noch Zeit, darauf zurückzukommen.

Der erste Anlass dafür, dass ich mich fragte, warum die Freunde in Karlshorst so etwas zuließen oder vielleicht sogar die Anweisung dafür gegeben haben, war das Kommuniqué der SED-Parteiführung über den „Neuen Kurs” , das am 11. Juni 1953 veröffentlicht wurde. (Ausführliches kann man dazu in meinem Buch „Wider den Revisionismus” in dem Artikel über den 17. Juni 1953 nachlesen.)

Das zweite Ereignis, das mich überraschte und mir den Eindruck vermittelte, dass da drüben in der SU etwas nicht mehr ganz rund lief, war die Mitteilung im Dezember 1953 über die Erschießung Berijas, – nach Stalins Tod zusammen mit Malenkow, Molotow und Chruschtschow prominentes Mitglied der neuen „kollektiven Führung” der KPdSU, nun zum Tode verurteilt mit der Beschuldigung, seit dem Bürgerkrieg schon ein imperialistischer Agent gewesen zu sein.

Als Drittes dann im Mai 1955 Chruschtschows Totalrehabilitierung Titos mit der Erklärung, alle 1948 und danach gegen ihn erhobenen Vorwürfe seien Erfindungen von Staatsfeinden und imperialistischen Agenten gewesen, – eine Behauptung, die ganz offenkundig falsch war und die Frage aufwarf, was eigentlich mit dieser Geschichtslüge bezweckt wurde. Schließlich wusste ja alle Welt, dass Tito Jugoslawien in den Balkanpakt geführt hatte, dessen weitere Mitglieder die NATO-Staaten Türkei und Griechenland waren und der zum USA-geführten, gegen die Sowjetunion gerichteten Bündnissystem gehörte. Nicht weniger bekannt war, dass die USA, die ein striktes Waffenausfuhrverbot in die sozialistischen Staaten erlassen hatten, keinerlei Bedenken trugen, Tito-Jugoslawiens Armee mit Waffen auszurüsten.

Als Viertes und bislang Verwirrendstes – Chruschtschows Stalin-Verdammungsrede auf dem XX. Parteitag im Februar 1956. Sie schlug nicht nur allem ins Gesicht, was wir bisher aus der Sowjetunion über Stalin gehört, gelesen und in Filmen gesehen hatten, und es war das auch so sehr das Gegenteil dessen, was bisher Chruschtschow selbst über Stalin gesagt hatte, vor allem aber enthielt diese Rede nicht wenige ganz offenkundige Unwahrheiten, dass ich mich nunmehr ernsthaft fragte: Wer ist denn dieser Chruschtschow wirklich? Kann man ihm tatsächlich weiterhin voll vertrauen?

Und dann geschah schließlich im Herbst des Jahres 1956, in den Tagen der Konterrevolution in Ungarn, das absolut Unbegreifliche und Unverzeihliche: Die Rote Armee stand mit ihren Panzern im Lande und griff tagelang nicht ein, als das ungarische Faschistengesindel wie in den Tagen der Liquidierung der Räterepublik in Ungarn im Jahre 1919 die Kommunisten jagte und an den Bäumen aufknüpfte. Die Verantwortung dafür konnte nur bei der Spitze, bei Chruschtschow liegen.

Was aber sollte man von einem Manne halten, der einen Liebling des Imperialismus, wie Tito, trotz erwiesener Feindschaft gegen die Sowjetunion und ebenso erwiesener Mitgliedschaft im USA-geführten Paktsystem rehabilitierte und einen „Teuren Genossen” nannte – gleichzeitig aber den Rotarmisten in Ungarn den Befehl gab, tagelang tatenlos zuzusehen, wie die ungarischen Genossen ermordet wurden?

In meinem Buche – (Die Taubenfußchronik) – schildere ich, wie ich schließlich zu der Gewissheit gelangte, dass mit Chruschtschow als Generalsekretär der KPdSU das Undenkbare Wirklichkeit geworden war – dass nämlich ein als Marxist-Leninist getarnter Feind an die Spitze der Partei Lenins gelangt war.

Diese Feststellung klingt manchem noch heute ungeheuerlich, aber nach den Erfahrungen mit einem Gorbatschow als KPdSU-Chef wohl doch nicht mehr so ganz unwahrscheinlich und abenteuerlich, weil sich das Undenkbare nun doch vor aller Augen als nicht nur denkbar, sondern als traurige Wirklichkeit erwiesen hat.

Umso dringlicher aber stellt sich die Frage: Wie war das möglich?

Bis wir imstande sein werden, darauf eine umfassende Antwort zu geben, wird noch viel Zeit vergehen, weil es noch lange dauern wird, bis wir Zugang auch zu den Archiven bekommen, in denen ein Teil der Antwort verborgen ist. Aber Wesentliches zum Aufkommen und Wuchern des Revisionismus können wir doch schon heute sagen.

kennedy-chruschtschow

Opportunismus und Revisionismus – stete Begleiter der marxistischen Arbeiterbewegung

Erstens: Stalins Kampf gegen trotzkistische und opportunistische Abweichungen von der Linie Lenins (Aus Zeitmangel nur in Stichpunkten)

Proletarischer Klassenkampf – unerhört hart.
Stetige kleinbürgerliche Einflüsse in Richtung: Schwierigkeiten ausweichen, Gegensätze abmildern, Schwierigkeiten aus dem Wege gehen.
Beispiel 2. Internationale: als revolutionäre Bewegung daran zugrunde gegangen.
Der Kampf um Errichtung der sozialistischen Gesellschaft inmitten feindlicher imperialistischer Umkreisung: noch um vieles schwieriger.
Kann erfolgreich nur sein und bleiben, wenn harter und konsequenter Kampf nicht nur gegen den Klassenfeind, sondern auch gegen Opportunismus und Revisionismus in den eigenen Reihen.
In Sowjetrussland musste dieser Kampf von Anfang an geführt werden:
1917: Beschluss zum Bewaffneter Aufstand : dagegen Sinowjew und Kamenjew! Sie verraten diesen Beschluss an den Gegner durch Bekanntgabe in der bürgerlichen Presse. Lenin forderte dafür ihren Ausschluss, findet dafür aber keine Mehrheit.
1918: Brester Frieden: Dagegen: Trotzki. Seine verräterische Erklärung: „Weder Krieg noch Frieden”.
1920: Lenin : Übergang vom Kriegskommunismus zu einer neuen ökonomischen Politik (NÖP) Die einen: (z.B. Bucharin) „Die NÖP ist die Wirtschaftspolitik des sozialistischen Staates auf Dauer”. (s. Huar, Stalins Beiträge zur Ökonomie des Sozialismus, Offensiv 8/02, S41 f) Dagegen Lenin und Stalin: „Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau des Sozialismus durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes”. (Stalin, Werke, Bd.11, S.128)
1922: Bucharin fordert die Aufhebung des Außenhandelsmonopols des Staates. Lenin wendet sich entschieden und scharf gegen Bucharin: „Praktisch stellt sich Bucharin auf den Standpunkt der Verteidigung des Spekulanten, des Kleinbürgers und der bäuerlichen Oberschicht gegen das Industrieproletariat, das absolut nicht in der Lage ist, seine Industrie wiederherzustellen und Russland zu einem Industrieland zu machen, wenn das Land nicht ausschließlich durch das Außenhandelsmonopol, sondern nur irgendwie durch die Zollpolitik geschützt ist.” (Lenin, Werke. Bd. 33, S. 444)
1928-31: Sozialistische Industrialisierung: Stalin im Februar 1931: (Kurzer Lehrgang, S.425) „Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt.” Zehn Jahre später – das war das Jahr 1941! Dagegen: Trotzki, Sinowjew, Kamenjew: „Keine forcierte Industrialisierung, nicht nötig und nicht möglich. Statt dessen: verstärkt ausländische Konzessionsbetriebe ins Land holen.” (Kurzer Lehrgang, Kap.X,1,2)
1928/29: Kollektivierung, Übergang von der Politik der Einschränkung der Kulakenelemente zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse. Ganz im Sinne Rosa Luxemburgs: aus ihrer Rede auf dem Gründungsparteitag der KPD: „Es wäre ein Wahn, den Sozialismus ohne Landwirtschaft zu verwirklichen. Vom Standpunkt der sozialistischen Wirtschaft lässt sich überhaupt die Industrie gar nicht umgestalten ohne die unmittelbare Verquickung mit einer sozialistische umorganisierten Landwirtschaft.” (In: Rosa Luxemburg: Ich war, ich bin, ich werde sein, Berlin 1958, S.126 f). Gegen die durchgängige Kollektivierung und gegen Liquidierung des Kulakentums als Klasse trat vor allem Bucharin auf. „Das sei nicht nötig, denn die Kulaken würden friedlich in den Sozialismus hineinwachsen.” (Kurzer Lehrgang, Kap.XI,2)
Die Wahrheit über die Schärfe des Klassenkampfes auf dem Lande und den erbitterten Kampf der Kulaken gegen die Sowjetmacht – nachzulesen nicht nur im „Kurzen Lehrgang”, sondern auch bei Scholochow, Neuland unterm Pflug.
1933: Der Machtantritt des Faschismus in Deutschland bedeutet eine Verschärfung des Klassenkampfes sowohl international als auch innerhalb der Sowjetunion. Deutschland wird zum Stoßtrupp des Weltimperialismus gegen die Sowjetunion.
1936: Deutsch-italienische Intervention in Spanien.
1938: Münchener Abkommen.
Widersprüchliche Entwicklung in der Sowjetunion:
Zum einen: Die wirtschaftliche und politische Stabilisierung macht große Fortschritte. Zum anderen: wachsende Gefahr eines imperialistischen Überfalles auf die SU . Und: die geschlagene trotzkistische und Bucharin-Opposition vereinigt sich und geht vom offenen Kampf zu konspirativen Verschwörungen über.
Den Fortschritten entsprach der Beschluss vom Februar 1935,die alte Verfassung aus dem Jahre 1924 durch eine neue abzulösen. Die dazu gebildete Kommission legte den Entwurf im November 1936 dem VIII. Sowjetkongress vor, der die Annahme beschloss. (Kurzer Lehrgang,Kap.XII,3. Stalin, Werke, Rede über den Entwurf der Verfassung, Bd. 14, S.57 ff) H. H. Holz: Diese Verfassung – Vorbild für die Verfassung einer sozialistischen Gesellschaft.
In der Außenpolitik: SU tritt 1934 dem Völkerbund bei, schließt 1935 Militärbündnis mit Frankreich und Tschechoslowakei. Kämpft für kollektive Sicherheitsabkommen gegen einen Angriff von Seiten des faschistischen Deutschland. Kommt als einzige Macht dem republikanischen Spanien zu Hilfe, auch militärisch.
Die andere Seite: Verschärfung des Kampfes der Opposition: Dezember 1934: Mord am 1. Sekretär KPdSU Leningrad, Sergei Kirow. Die Suche nach den Hintermännern führte 1936 zum 1. Moskauer Prozess. Angeklagte: Trotzki (im Ausland), Sinowjew, Kamenjew und andere. (Über diesen und die folgenden Prozesse: Kurzer Lehrgang, Kap. XII,4. Ludo Martens, Stalin anders betrachtet, ab S.166., A. J. Wyschinski, Gerichtsreden, Berlin 1951, ab S.491)
Stalin auf dem Plenum des ZK der KPdSU am 3. März 1937:

„Es ist notwendig, die faule Theorie zu zerschlagen und beiseite zu werfen, dass der Klassenkampf bei uns mit jedem Schritt unseres Vormarsches mehr und mehr erlöschen müsse, dass der Klassenfeind in dem Maße, wie wir Erfolge erzielen, immer zahmer werde. Im Gegenteil, je weiter wir vorwärts schreiten, je mehr Erfolge wir erzielen werden, um so größer wird die Wut der Überreste der zerschlagenen Ausbeuterklassen werden, um so mehr Niederträchtigkeiten werden sie gegen den Sowjetstaat begehen, um so mehr werden sie zu den verzweifeltsten Kampfmitteln greifen, als den letzten Mitteln zum Untergang Verurteilter. Man muss im Auge behalten, dass die Reste der zerschlagenen Klassen in der UdSSR nicht alleine dastehen. Sie genießen die direkte Unterstützung unserer Feinde jenseits der Grenzen der UdSSR.” (In: J.W. Stalin, Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler, Berlin 1954, S.22 f)

Das war eine absolut zutreffende Einschätzung und Mahnung.
Chruschtschow machte aus ihr jedoch in seiner Geheimrede auf dem XX. Parteitag einen weiteren Anklagepunkt : Stalin habe diese Feststellung nur gebraucht, als Rechtfertigung für die unberechtigten Massenrepressalien.
Stalins Hauptsorge war es jedoch: Das Werk Lenins, das erste sozialistische Land so stark zu machen, dass es jedem imperialistischen Invasoren nicht nur standhalten, sondern ihn auch schlagen konnte. Und ferner, dafür zu sorgen, dass dem äußeren Feind keine Hilfe von inneren Feinden, von einer „Fünften Kolonne”, wie sie Franco in Spanien gegen die Verteidiger der Republik zu Hilfe kam, geleistet werden konnte. Denn er wusste, wie furchtbar die Folgen des Unterganges der Sowjetmacht nicht nur für das eigene Land und das eigene Volk, sondern für alle unterdrückten Völker, ja, für die ganze Menschheit sein würden.
Stalin am 7. Dezember 1926 auf dem VII. erweiterten Plenum des EKKI (Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale):

„Was wäre die Folge, wenn es dem Kapital gelänge, die Republik der Sowjets zu zerschlagen? Eine Epoche der schwärzesten Reaktion würde über alle kapitalistischen und kolonialen Länder hereinbrechen man würde die Arbeiterklasse und die unterdrückten Völker vollends knebeln, die Positionen des internationalen Kommunismus würden liquidiert!” (In: Stalin, Werke, Bd. 9, S.29) Auch das eine prophetische Voraussage, deren Wahrheit wir heute schmerzlich erleben!

1939: von Anfang bis August 39 bemüht sich SU, mit England und Frankreich zu einem gegenseitigen Beistandspakt gegen Nazideutschland.zu kommen. Westmächte ignorieren aber Stalins Warnung an ihre Adresse (10. März 1939 auf dem 18. Parteitag):

„Der Gedanke liegt nahe, man habe den Deutschen Gebiete der Tschechoslowakei als Kaufpreis für die Verpflichtung gegeben, den Krieg gegen die Sowjetunion zu beginnen…Es ist jedoch notwendig zu bemerken, dass das große und gefährliche politische Spiel, das die Anhänger der Nichteinmischungspolitik begonnen haben, für sie mit einem ersten Fiasko enden kann….
Die Aufgaben der Partei auf dem Gebiet der Außenpolitik bestehen in folgendem:
…2. Vorsicht zu beobachten und den Kriegsprovokateuren, die es gewohnt sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuer holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen.” (Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag…, Berlin 1949, S. 15-18)

Das war deutlich, aber die Westmächte, die schon in Geheimverhandlungen mit Nazideutschland getreten waren, unterschätzten, wie immer, die Sowjetunion und ihre Führung. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Am 23.August erfuhren sie die für sie niederschmetternde Nachricht, die Sowjetunion habe mit Deutschland einen Nichtangriffsvertrag unterzeichnet. Stalin und seine Genossen handelten damit ganz im Sinne Lenins, der im November 1920 in einer Rede ausgeführt hatte:

„Vorläufig sitzen die Imperialisten da und warten auf einen günstigen Augenblick, um die Bolschewiki zu vernichten. Wir aber schieben diesen Augenblick hinaus… Noch mehr würde uns der Umstand retten, wenn die imperialistischen Mächte sich in einen Krieg verwickelten. Wenn wir gezwungen sind, solche Lumpen wie die kapitalistischen Diebe zu dulden, von denen jeder das Messer gegen uns wetzt, so ist es unsere direkte Pflicht, diese Messer gegeneinander zu richten.” (In: W.I.Lenin, Sämtliche Werke, Bd. XXV, Wien-Berlin, 1930, S.633 f)

Der Nichtangriffsvertrag war der genialste Schachzug weitsichtiger sozialistischer Außenpolitik: Die Sowjetführung nahm die zeitweilige Verwirrung, die in den kommunistischen Parteien entstehen konnten, in Kauf, weil sie wusste, dass das wichtigste Kriegsziel Hitlerdeutschlands die Vernichtung der Sowjetunion war und blieb, der Überfall also früher oder später kommen würde. Dann aber würden die bisher von Hitler überfallenen Länder – ob ihre Regierungen wollten oder nicht – zu Verbündeten der Sowjetunion.

Der Nichtangriffsvertrag verhinderte das Schlimmste – eine Antisowjetische Koalition der Westmächte mit Hitlerdeutschland – und legte den Grund für die Anti-Hitlerkoalition.
Ohne Nichtangriffsvertrag – keine Anti-Hitlerkoalition!

Hat Stalin leichtfertig Hitler vertraut, wie Chruschtschow behauptete? Urteilt selbst!

Über die Hauptpunkte einer Rede Stalins vor Absolventen der Militärakademie am 5. Mai 1941 wurde im ND vom 8./9. Juni 96 berichtet (Artikel: Fakten wider Behauptungen):

„Die Situation ist äußerst ernst. Mit einem deutschen Angriff in naher Zukunft muss man rechnen. Die Rote Armee ist noch nicht stark genug, die Deutschen ohne weiteres schlagen zu können. … Die Verteidigungsanlagen in den neuen Grenzen sind unzulänglich. Die Sowjetregierung will mit allen ihr zur Verfügung stehenden diplomatischen Mitteln versuchen, einen bewaffneten Konflikt mit Deutschland zumindest bis zum Herbst hinauszuzögern, weil es um diese Jahreszeit für einen deutschen Angriff zu spät sein wird. Dieser Versuch kann gelingen, er kann aber auch fehlschlagen. Wenn er gelingt, wird der Krieg mit Deutschland fast unvermeidlich im Jahre 1942 stattfinden, und zwar unter viel günstigeren Bedingungen, da die Rote Armee dann besser ausgebildet und besser ausgerüstet sein wird.”

Die aus den Fingern gesaugten Behauptungen Chruschtschows über Stalins angeblichen Zusammenbruch am Tage des Überfalles hat schon Shukow in seinen Erinnerungen als Lügen entlarvt. Über Stalin am Tage des Überfalls ist die Wahrheit auch in Dimitroffs Tagebuch nachzulesen. (Von mir zitiert in: „Die Ursprünge des modernen Revisionismus, S.17)
Außerdem ausführlich bei U. Huar: Stalins Beiträge zur marxistisch-leninistischen Militärtheorie und -politik 1941-1942/43, in: Offensiv 14/03, S. 24 ff, und Schriftenreihe der KPD, Heft 150.
Stalins Reden während des Großen Vaterländischen Krieges – (Sammelband „Über den Großen Vaterländischen Krieg der Sowjetunion) – großartige Analysen der jeweiligen Situation, erstaunlich genaue Voraussagen und eine mächtige Quelle der Kraft und der Siegeszuversicht für das ganze Volk und die Rote Armee.
In der Rede vom 3. Juli 41 finden wir auch dies:

„In diesem Befreiungskrieg werden wir nicht alleine dastehen. In diesem großen Krieg werden wir treue Verbündete an den Völkern Europas und Amerikas haben, darunter auch am deutschen Volk… Unser Krieg für die Freiheit unseres Vaterlandes wird verschmelzen mit dem Kampf der Völker Europas und Amerikas für ihre Unabhängigkeit, für die demokratischen Freiheiten.”

In dieser Voraussage hat er sich nur im Hinblick auf den Beitrag des deutschen Volkes geirrt. Aber welcher Hitlergegner hat sich in diesem Punkte nicht geirrt?
Zugleich finden wir aber auch solche Worte, mit denen Stalin eindringlich klar machte, dass dies ein Kampf auf Leben und Tod der Sowjetmacht war, der mit äußerster Entschlossenheit und Härte geführt werden musste:

„Wir müssen einen schonungslosen Kampf organisieren gegen alle Desorganisatoren des Hinterlandes, gegen Deserteure, Panikmacher, Verbreiter von Gerüchten… Man muss sich vor Augen halten, dass der Feind heimtückisch und hinterlistig ist, erfahren im Betrug und in der Verbreitung falscher Gerüchte… Alle, die durch ihre Panikmacherei und Feigheit die Landesverteidigung behindern, müssen ohne Ansehen der Person sofort dem Kriegsgericht übergeben werden.”

Unvergesslich und wahrhaft von historischer Bedeutung ist Stalins Rede am 6. November 1941, zum Jahrestag der Oktoberrevolution: Die Deutschen Truppen standen vor Moskau, Hitler hatte schon lange geprahlt, an diesem Tage werde die Hakenkreuzfahne über dem Kreml wehen. Würde Stalin wie in jedem Jahr seine Ansprache halten? War er überhaupt noch in Moskau, oder nicht schon wie ein Großteil der Regierung in Kuibyschew? Stalin war in Moskau, und in Moskau fand am 6. November wie in jedem Jahr eine Festsitzung, diesmal des Moskauer Sowjets, zum Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution statt, und am 7. November die traditionelle Truppenparade auf dem Roten Platz. In seiner Rede auf der Festsitzung, die wegen der Gefahr eines Fliegerangriffes in der Metrostation Majakowskaja stattfand, sprach Stalin auch über die Ursachen der zeitweiligen Misserfolge der Sowjetarmee, konnte aber schon feststellen, dass der Blitzkrieg der deutschen Armeen gescheitert und ihre Niederlage unvermeidlich ist. „Die deutschen Landräuber wollen den Vernichtungskrieg gegen die Völker der Sowjetunion. Nun wohl, wenn die Deutschen einen Vernichtungskrieg wollen, so werden sie ihn bekommen!” Stalin sprach auch zu den Truppen, die von der Parade auf dem Roten Platz sofort in den Kampf gegen die deutschen Truppen am Stadtrand von Moskau zogen. Er schloss seine Reden mit der Losung, die zur Losung des Vaterländischen Krieges wurde: „Unsere Sache ist gerecht – der Sieg wird unser sein!”

Stalins Reden an diesem Tage waren für das Sowjetvolk, für seine Armee und weit darüber hinaus für die gegen Hitler kämpfenden Völker eine Quelle ungeheurer Kraft und Siegeszuversicht. Die sowjetische Schriftstellerin Vera Inber schrieb darüber in ihrem Tagebuch über die Belagerung Leningrads, das unter dem Titel „Fast drei Jahre” veröffentlicht wurde:

„Von Stalins Rundfunkrede hörte ich nur die zweite Hälfte… Die Vernehmlichkeit war ganz erstaunlich gut. Es war, als ob Stalin im gleichen Gebäude, im gleichen Saal…spräche. Unsagbar bezwingend ist Stalins Stimme. Man spürt – es spricht der, der alles weiß und der niemals etwas wider sein Gewissen sagen wird. Über unsere Beziehungen zu den Verbündeten sprach er in dieser Rede ruhig und sicher. Über den Sieg – mit unumstößlicher Gewissheit. Am Sieg zweifelt ja auch niemand. Es fragt sich nur, wann er kommen wird. Aber nach dieser Rede ist selbst dieses „wann” näher gerückt.“ (SWA-Verlag, 1947, S.51 f)

Sogar von Kommunisten in Deutschland wurde diese Rede gehört. Ein Illegaler der Berliner KPD-Organisation berichtete darüber:

„Plötzlich haben unsere Genossen, die ausländische Radiostationen abhörten, die freudige Nachricht vom 7. November erlauscht, über die ich heute nur mit größter innerer Erregung schreiben kann. Auf dem Roten Platz in Moskau fand die Parade der Roten Armee statt, und an sie, wie an das ganze Sowjetvolk, wandte sich Genosse Stalin mit einer Rede. Unseren Genossen ist es gelungen, fast den vollen Wortlaut seiner Rede auf dem Roten Platz festzuhalten, wie auch die wichtigsten Teile seines Referates in der Sitzung des Moskauer Stadtsowjets am 6. November… Das war der glücklichste Tag im Leben unserer Organisation seit Beginn des verfluchten Krieges. Jeder von uns fühlte sich neu gestärkt. Alles, was uns bisher quälte, wurde verständlich und klar.” (Deutschland im Zweiten Weltkrieg, Bd. 2, Akademie-Verlag Berlin, 1976, S.63.)

Rede Stalins am 9. Februar 1946, Wählerversammlung: Darin u.a. zwei wichtige Feststellungen.

Erstens über den Charakter des II. Weltkrieges:

Der 2. Weltkrieg gegen die Achsenmächte „nahm, zum Unterschied vom ersten Weltkrieg, gleich von Anfang an den Charakter eines antifaschistischen, eines Befreiungskrieges an… Der Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen die Achsenmächte konnte den antifaschistischen und Befreiungscharakter des zweiten Weltkrieges lediglich verstärken und hat ihn tatsächlich verstärkt.”

Zweitens über die Sowjetunion:

„Der Krieg brachte eine Art Examen für unsere Sowjetordnung, unseren Staat unsere Regierung, unsere Kommunistische Partei und zog das Fazit ihrer Arbeit, als wollte er uns sagen: da sind sie, eure Menschen und Organisationen, ihre Taten und ihr Leben – schaut sie euch aufmerksam an und würdigt sie nach ihren Werken….
Welches sind also die Ergebnisse des Krieges?…
Unser Sieg bedeutet vor allem, dass unsere sowjetische Gesellschaftsordnung gesiegt hat, dass die sowjetische Gesellschaftsordnung die Feuerprobe des Krieges mit Erfolg bestanden und ihre volle Lebensfähigkeit bewiesen hat. …Die sowjetische Gesellschaftsordnung ist erwiesenermaßen lebensfähiger und stabiler, als die nichtsowjetische Gesellschaftsordnung, (ist) eine bessere Form der Gesellschaftsorganisation als jede nichtsowjetische Gesellschaftsordnung.
Unser Sieg bedeutet zweitens, dass unsere sowjetische Staatsordnung gesiegt hat, dass unser sowjetischer Nationalitätenstaat alle Prüfungen des Krieges bestanden und seine Lebensfähigkeit bewiesen hat…Die sowjetische Staatsordnung hat sich als Vorbild eines Nationalitätenstaates erwiesen, die sowjetische Staatsordnung stellt ein System der Staatsordnung dar, worin die nationale Frage und das Problem der Zusammenarbeit der Nationen besser gelöst ist ,als in irgendeinem anderen Nationalitätenstaat.
So verstehen wir konkret den Sieg unseres Landes über seine Feinde.”

In der Tat: 1945 konnten nicht einmal die Feinde der Sowjetunion die Wahrheit dieser Feststellungen bestreiten. Und erst recht wäre kein Kommunist auf die Idee gekommen, solch merkwürdige Feststellungen zu treffen, wie sie heute leider in Veröffentlichungen auch der DKP zu lesen sind, wie dies: die Geschichte habe bewiesen, dass „das sowjetische Modell” ein unbrauchbares Modell für den Aufbau des Sozialismus gewesen sei.

Man kann sich nur wundern darüber, dass es Kommunisten gibt, die nicht erkennen können, dass die Sowjetunion der Chruschtschow, Breschnew und Gorbatschow, die wie ein morsches Haus zusammenbrach, eine ganz andere Sowjetunion war als jene, die die allerhärteste Prüfung, die es je in der Geschichte für einen Staat und eine Gesellschaftsordnung gab, siegreich bestand.

Was aber kann man von Sozialismusvorstellungen solch urteilsschwacher Leute erwarten?

Stalins Rolle bei der Neugestaltung der Welt nach dem Sieg über den Faschismus

  1. Hilfe beim Sieg der Volkskräfte in Jugoslawien, Polen, CSR, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Albanien. Dazu lesen: Dokumentensammlung „Teheran-Jalta-Potsdam“. Und: „Briefwechsel Stalins mit Churchill, Attlee Roosevelt und Truman, 1941-1945”.
  2. Ganz wichtig Stalins Rolle bei der Ausarbeitung der Charta der Vereinten Nationen. Nur weil bei der Ausarbeitung der Charta der Vereinten Nationen die sozialistische Sowjetunion und Stalin persönlich um deren demokratische Gestaltung mit Erfolg hartnäckig gerungen haben, konnte die UNO bis heute eine viel positivere Rolle spielen als der frühere Völkerbund.

Die neuen Waffen des Imperialismus im Kampf gegen die SU und den Sozialismus. (Ausführliches dazu in „Die Ursprünge des modernen Revisionismus”, in: Offensiv 10/03, S. 80 ff) Erstens: Die Atomwaffe. Zweitens: den neuen Revisionismus. Browder, Field, Tito.

Die Entschärfung dieser neuen Waffen durch Stalin

Zur Bombe: Truman und Stalin auf Potsdamer Konferenz (Ursprünge, S. 82). Hiroshima und Nagasaki. (6. u. 9. August 45). (Ursprünge, S. 81).Die sowjetische Atombombe: 25. September 49! Das USA-Monopol gebrochen! Atomerpressung unmöglich gemacht!
Zum „modernen Revisionismus”: (Ursprünge, S. 82 ff). Tito-Jugoslawien als „Gegenzentrum” gegen SU installiert. Durch Beschluss des Informbüros vom Juni 1948 durchkreuzt. „Schutzimpfung” für alle Kommunistischen Parteien und sozialistischen Länder. (Ursprünge, S.84 f).

Chruschtschow kommt mit seiner Verleumdung Stalins dem Imperialismus zu Hilfe. Die kommunistische Bewegung mit dem Antistalinismus zu verseuchen gelingt Chruschtschow vor allem mit der verleumderischen Behauptung willkürlicher massenweiser Liquidierung Unschuldiger durch Stalin. (Gegen diese Verleumdungen mit vielem Tatsachenmaterial: Ludo Martens: „Stalin anders betrachtet”, Kapitel „Die große Säuberung”. Ferner: Gossweiler, Wider den Revisionismus”, München 1997, und Artikel „Der Revisionismus – Totengräber des Sozialismus”, in: Offensiv 2/04)

Chruschtschows „Geheimrede” – eine Vergewaltigung des XX. Parteitages

Nicht nur der Inhalt, auch die Umstände, unter denen diese Rede gehalten wurde und wie sie verbreitet wurde, lassen erkennen: diese Rede war ein feindlicher Angriff auf die Partei, auf die Sowjetmacht! Wieso?

  1. Chruschtschow hat diese Rede dem schon an seinem Ende angelangten Parteitag putschartig aufgezwungen. Lasar Kaganowitsch, Teilnehmer an der Oktoberrevolution und Mitglied der Partei- und Staatsführung bis 1957, berichtet in seinen Erinnerungen, wie Chruschtschow den Parteitag überrumpelte:„Der XX. Parteitag ging seinem Ende entgegen. Plötzlich wird eine Pause eingelegt.
    Die Mitglieder des Präsidiums werden in den hinteren Raum, der zum Ausruhen bestimmt ist, zusammengerufen. Chruschtschow stellt die Frage, auf dem Parteitag seinen Vortrag über den Persönlichkeitskult Stalins und dessen Auswirkungen anzuhören. Gleichzeitig wurde uns der Entwurf des Vortrages in einem rotgebundenen maschinenschriftlichen Büchlein verteilt. Die Sitzung ging unter anormalen Bedingungen vor sich – in einer Enge, manche saßen, andere standen. Es war schwierig, in kurzer Zeit dieses umfangreiche Heft durchzulesen und seinen Inhalt zu durchdenken, um entsprechend den Normen der innerparteilichen Demokratie einen Beschluss zu fassen. Alles das in einer halben Stunde, denn die Delegierten saßen im Saal und erwarteten etwas für sie Unbekanntes, da die Tagesordnung des Parteitages bereits erledigt war. …
    Schon vor dem XX. Parteitag hatte das Präsidium die Frage ungesetzlicher Repressalien und begangener Fehler behandelt. Das Präsidium des ZK hatte eine Kommission gebildet, die beauftragt worden war, die Angelegenheiten von Repressierten an Ort und Stelle zu untersuchen… und konkrete Vorschläge zu formulieren. Nach der Beratung dieser Fragen im Präsidium war vorgesehen, nach dem XX. Parteitag ein ZK-Plenum einzuberufen, um den Vortrag der Kommission mit entsprechenden Vorschlägen anzuhören. Genau dazu sprachen die Genossen Kaganowitsch, Molotow, Woroschilow und andere zur Begründung ihrer Einwände. Außerdem sagten die Genossen, dass wir einfach außerstande seien, den Vortrag (Chruschtschows) redaktionell zu bearbeiten und Korrekturen anzubringen, die unbedingt nötig seien. Wir sagten, dass selbst ein flüchtiges Bekanntmachen zeigt, dass das Dokument einseitig und falsch ist. Die Tätigkeit Stalins könne auf keinen Fall nur von einer Seite beleuchtet werden, notwendig sei eine objektive Beleuchtung aller seiner positiven Seiten, damit die Werktätigen verstehen und allen Spekulationen der Feinde unserer Partei und unseres Landes eine Abfuhr erteilen.
    Die Sitzung zog sich hin, die Delegierten (im Saal) erregten sich, und deshalb wurde ohne jede Abstimmung die Sitzung beendet und wir begaben uns in den Saal. Dort wurde die Ergänzung der Tagesordnung verkündet: den Vortrag Chruschtschows über den Persönlichkeitskult Stalins anzuhören. Nach dem Vortrag fand keinerlei Aussprache statt, der Parteitag beendete seine Arbeit.”
  2. Chruschtschows Rede zur Verteufelung Stalins war also kein Parteidokument, sondern die Arbeit einer parteifeindlichen Gruppe, die – wie der schon zur Verteilung vorbereitete Druck der in der Tagesordnung überhaupt nicht vorgesehenen Rede belegt – die Vergewaltigung des Parteitages sorgfältig in allen Einzelheiten vorbereitet hatte. Weil sie kein Dokument des Parteitages war, wurde die Rede in der Sowjetunion bis Gorbatschows Machtantritt auch nicht veröffentlicht.
  3. Aber Chruschtschow und seine Komplizen hatten schon dafür Sorge getragen, dass diese „Geheimrede” in kürzester Zeit in der ganzen Welt verbreitet wurde, als erstes durch die „New York Times”.
  4. Die nächste Merkwürdigkeit: als ein Korrespondent dieser Zeitung, Turner Catledge, Chruschtschow in einem Interview, das der ihm am 14. Mai 1957 gab, fragte, ob der in der New York Times veröffentlichte Text mit dem seiner Rede übereinstimme, verleugnete Chruschtschow seine Rede, indem er die Veröffentlichung in der New York Times als ein Fabrikat der CIA bezeichnete – (womit er möglicherweise sogar die Wahrheit sprach und ganz gegen seine Absicht einen Hinweis gab auf die Stelle, die an der Vorbereitung dieses Putsches gegen die Partei ratgebend beteiligt gewesen war). Wörtlich sagte Chruschtschow:
  5. Ich weiß nicht, von welchem Text die Rede ist. Ich hörte davon, dass in den USA irgendein Text veröffentlicht wurde, der vom amerikanischen Geheimdienst fabriziert worden ist und dieser Text als Text meines Vortrages auf dem XX. Parteitag ausgegeben wurde. Aber die Veröffentlichungen von Allan Dulles erfreuen sich keiner Autorität in der SU. Ich habe keinerlei Wunsch, Literatur zu lesen, die von Allan Dulles fabriziert wird.” (Aus: Dokumentation der Zeit, Heft 144, 20. Juni 1957. Zitiert in der Taubenfußchronik, Bd.1, S.299).

Wäre Chruschtschows Ziel nicht gewesen, mit seiner „Geheimrede” Stalins Autorität ein für allemal zu zertrümmern, um nicht ständig an ihm gemessen zu werden, und um für seine konterrevolutionäre Kursänderung freien Bahn zu haben; und hätte zu seinen Absichten nicht auch gehört, der Überzeugung der Sowjetbürger in die Gerechtigkeit ihrer Sache und dem Stolz auf ihre Sowjetmacht einen tödlichen Schlag zu versetzen; hätte er wirklich nur im Sinn gehabt, den unschuldigen Opfern der „Säuberungen” Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und die geschichtliche Wahrheit über die Zeit der Repressionen darzulegen, dann hätte in seinem Bericht etwa das Folgende gesagt werden müssen:

„1936, nach der Errichtung der faschistischen Diktatur in Deutschland, nach der Aufrüstung des faschistischen Deutschland unter Duldung und sogar Mithilfe der Westmächte, nach dem Verrat der Westmächte an der spanischen Republik, standen wir vor der Gefahr, vom faschistischen Deutschland – möglicherweise sogar im Einvernehmen mit den Westmächten – überfallen zu werden und uns allein der stärksten Militärmacht der ganzen Kriegsgeschichte gegenübergestellt zu sehen, von der wir aus dem Spanienkrieg schon wussten, was sich dann in Norwegen und Frankreich später wiederholte, nämlich, dass der faschistischen Wehrmacht im Hinterland der überfallenen Länder „fünfte Kolonnen” von Quislingen und Verrätern zu Hilfe kamen.
Wie groß die Gefahr des Überfalles war, zeigte sich noch viel deutlicher mit dem Münchener Abkommen der Westmächte mit Hitler und der Auslieferung der Tschechoslowakei an ihn, mit der Weigerung der Westmächte, mit uns einen Vertrag über kollektive Sicherheit und gegenseitigen Beistand zur Bändigung Hitlerdeutschlands abzuschließen.
Unsere Vorbereitungen auf den faschistischen Überfall mussten also auch der Verhinderung der Bildung einer 5. Kolonne in unserem Hinterland gelten. Noch gab und gibt es bei uns Feinde der Sowjetmacht, einst von uns enteignete Kulaken und ihre Nachkommen, Reste der zerschlagenen Gruppen der Trotzkisten und anderer Oppositionsgruppen – hatte doch Trotzki mehrfach in seinen Veröffentlichungen dazu aufgerufen, im Kriegsfalle den Aufstand gegen den „Stalinismus” zu beginnen; ferner Leute, die mit den Deutschen sympathisierten, z.B. unter den Wolgadeutschen oder bei bestimmten Nationalitäten, wie den Krimtataren und den Tschetschenen.
Also mussten wir angesichts der tödlichen Bedrohung alles tun, um es möglichen Feinden der Sowjetmacht unmöglich zu machen, im Hinterland mit Fünften Kolonnen den faschistischen Überfall zu unterstützen.
Dabei mussten wir in Rechnung stellen und in Kauf nehmen, dass es bei Säuberungen so großen Ausmaßes, wie wir sie für notwendig erachteten, nicht auszuschließen war, dass auch Unschuldige,- sei es wegen absichtlicher Falschbeschuldigungen durch feindliche Elemente, sei es aus Übereifer örtlicher Organe, sei es durch Anlegen eine zu pauschalen Rasters -, in erheblichem Umfange von den Maßnahmen betroffen sein würden, wie es dann auch der Fall war.
Aber wir hatten damals abzuwägen, was schwerer wog: wenn wegen ungenügender Sicherungsmaßnahmen die Sowjetmacht zugrunde ging – oder wenn bei unseren Sicherungsmaßnahmen nicht nur echte Feinde, sondern auch unschuldige und sogar eigene Leute getroffen würden.
Die Partei hat sich für die Sicherung der Sowjetmacht als der allem anderen übergeordneten Pflicht entschieden.
Jetzt aber ist es an der Zeit, dabei begangenes Unrecht aufzuklären und wiedergutzumachen.”

So oder so ähnlich hätte eine ehrliche, kommunistische Stellungnahme zu der für jeden Kommunisten schmerzlichsten Seite der Geschichte der Sowjetunion lauten müssen. Eine kommunistische, das heißt wahrheitsgemäße Schuldzuweisung auch für diese Opfer hätte darüber hinaus klar aussprechen müssen, dass auch ihre Leiden und ihr Tod wie der von 227,5 Millionen Sowjetsoldaten und -bürgern und der von 65 Millionen Toten des Zweiten Weltkrieges auf das Konto derer geht, die die Führung der Sowjetunion vor eine solch grausame Entscheidung stellten – auf das Konto Hitlers und des deutschen Imperialismus in erster Linie, in zweiter aber auch auf das Konto derer, die Hitlerdeutschland aufrüsteten, um es als Stoßkeil gegen die Sowjetunion zu lenken und seine Bändigung durch ein kollektives Sicherheitsbündnis sabotierten.

Indem er statt dessen Stalin als Massenmörder hinstellte, übernahm nun der Führer der KPdSU die bisher nur über die westlichen Medien verbreiteten antisowjetischen Hetz-Lügen aus den Küchen der imperialistischen Spezialisten für psychologische Kriegsführung und verkündete sie als Wahrheit.

Von daher kommt es, dass ehrliche und überzeugte Kommunisten auch heute noch bedenkenlos die giftige Verleumdung weitergeben, Stalin habe mehr Kommunisten umgebracht, als Hitler.

Die Wahrheit ist, dass alle Kommunisten, alle Kämpfer gegen den Faschismus und alle Juden, die im vom Faschismus besetzten Europa überlebt haben, dies vor allem der Sowjetunion, der Roten Armee und damit auch Stalin verdanken.

Dessen waren sich damals die Menschen weltweit bewusst. Und selbst seine imperialistischen Gegenspieler vom Format eines Churchill konnten nicht umhin, Stalins historische Größe anzuerkennen. Er würdigte Stalin nach dessen Tod mit folgenden Worten:

„Er war eine herausragende Persönlichkeit, die in unserer rauen Zeit, in der Periode, in der sein Leben verlief, imponierte. Stalin war ein außergewöhnlich energischer, belesener und äußerst willensstarker Mann, heftig, schroff, schonungslos in der Sache wie im Gespräch, dem selbst ich, der ich im englischen Parlament groß geworden bin, nichts entgegenzusetzen vermochte…
In seinen Werken spürt man eine hünenhafte Kraft. Stalins Kraft war so groß, dass er unter den Führern aller Völker und Zeiten nicht seinesgleichen kennt… Die Menschen konnten seinem Einfluss nicht widerstehen. Als er den Raum der Konferenz von Jalta betrat, erhoben wir uns alle, buchstäblich wie auf Kommando. Und , so seltsam es ist, wir legten die Hände an die Hosennaht. Stalin besaß einen tief schürfenden, gründlichen und logischen Verstand. Er war ein unübertroffener Meister darin, in schweren Momenten einen Ausweg aus der ausweglosen Lage zu finden…. Er war ein Mann, der seinen Feind mit den Händen seiner Feinde vernichtete, der uns, die er offen Imperialisten nannte, zwang, gegen Imperialisten zu kämpfen. Er übernahm das Russland des Hakenpflugs und hinterließ es im Besitz der Atomwaffe.” (Zitiert von Nina Andrejewa in ihrem Artikel „Ich kann meine Prinzipien nicht preisgeben”. ND v. 2./3. 4. 1988 )

Warum konnten die Revisionisten in der Sowjetunion über die Leninisten siegen?

Auf diese Zentralfrage soll und kann hier keine umfassende Antwort gegeben werde. Ich will jedoch auf einige mir wichtig erscheinende Gesichtspunkte hinweisen.

Auf den Beratungen der Kommunistischen und Arbeiterparteien Parteien 1957 und 1960 wurde der moderne Revisionismus zur Hauptgefahr erklärt und wurden seine Hauptbestandteile aufgezählt. So lesen wir in der Erklärung der Beratung von 1957:

„Der moderne Revisionismus ist bemüht, die große Lehre des Marxismus-Leninismus in Verruf zu bringen, er erklärt sie für ‚veraltet’, behauptet, sie habe heute ihre Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung verloren.
Die Revisionisten sind bestrebt, die revolutionäre Seele des Marxismus auszumerzen und den Glauben der Arbeiterklasse und des schaffenden Volkes an den Sozialismus zu erschüttern. Sie wenden sich gegen die historische Notwendigkeit der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus, sie leugnen die führende Rolle der marxistisch-leninistischen Partei, sie lehnen die Prinzipien des proletarischen Internationalismus ab, sie fordern Verzicht auf die grundlegenden Leninschen Prinzipien des Parteiaufbaus und vor allem auf den demokratischen Zentralismus, sie fordern, dass die kommunistische Partei aus einer revolutionären Kampforganisation in eine Art Diskutierklub verwandelt wird.”

Diese Aufzählung ist sehr nützlich, hat aber auch zwei große Mängel.

Der erste: das ist zwar ein sehr hilfreicher Katalog der Kennzeichen des modernen Revisionismus. Es fehlt aber ein ganz wichtiges Merkmal des Revisionismus: die Verschleierung des unheilbar friedensfeindlichen Charakters des Imperialismus und seiner unversöhnlichen Feindschaft gegenüber dem Sozialismus, die Verbreitung der Illusion, der Imperialismus könne dazu gebracht werden, auf Dauer mit dem Sozialismus friedlich zusammenzuleben und zusammenzuarbeiten.
Diese Illusion ist lebensgefährlich für den Sozialismus, weil sie zur duldenden Hinnahme einer Politik der freiwilligen Entwaffnung und einschließlichen Selbstauslieferung an den Todfeind führen kann und tatsächlich ja auch geführt hat.
Die Verbreitung einer solchen Illusion auch in der kommunistischen Bewegung und in der Sowjetunion fand nach dem Ende des zweiten Weltkrieges einige günstige Bedingungen vor. Solche waren z.B.

1. Die Anti-Hitler-Koalition erleichterte Illusionen über eine Wandlung des Imperialismus und über das Verschwinden des antagonistischen Gegensatzes zwischen Imperialismus und Sozialismus.
2. Kriegsmüdigkeit, Friedenssehnsucht der Menschen.
3. Die Existenz der Atomwaffen: das revisionistische Argument erschien jetzt besonders einleuchtend: der Frieden kann nicht gegen, sondern nur zusammen mit dem Imperialismus gesichert werden.

Der zweite große Mangel: Es fehlt in diesem Katalog die klare Aussage darüber, wer die Träger dieser Auffassungen sind. Es werden zwar die inhaltlichen Merkmale des Revisionismus beim Namen genannt; aber über Namen und Adressen der führenden Revisionisten wurde geschwiegen.
Hätte man diese benannt, dann hätte zusammen mit Tito Chruschtschows Name an erster Stelle genannt werden müssen.

Er hat auf dem XX. Parteitag den Marxismus-Leninismus für veraltet erklärt, indem er verkündete, jetzt sei auch der parlamentarische Weg zum Sozialismus möglich!
Er hat den Glauben an die Gerechtigkeit des Sozialismus, des eigenen Werkes erschüttert, indem er auf dem XX. Parteitag der KPdSU die Geschichte der Sowjetunion als die Geschichte eines Landes darstellte, das seit 1924 von einem Verbrecher und Massenmörder geleitet wurde.
Er hat für die Gegenwart die proletarische Revolution und in der Sowjetunion die Diktatur des Proletariats für entbehrlich erklärt, als er verkündete, sie sei in der Sowjetunion von der „Herrschaft des Volkes” abgelöst worden.
Er erklärte solche Revisionisten, wie Tito und Gomulka, die die Notwendigkeit der führenden Rolle der Kommunistischen Partei beim Aufbau des Sozialismus leugneten, zu zuverlässigen Marxisten-Leninisten.
Er erklärte den Verzicht auf die Prinzipien des proletarischen Internationalismus, als er 1955 zusammen mit Tito die jugoslawisch-sowjetische Belgrader Deklaration unterzeichnete, in der es u.a. heißt: „die Fragen der inneren Ordnung, des Unterschieds zwischen den konkreten Formen der Entwicklung des Sozialismus sind ausschließlich Sache der einzelnen Länder”. Das war Chruschtschows Segen zum Tito-revisionistischen sog. „Nationalkommunismus!”.

Aber er blieb ungenannt, konnte sich vielmehr auf beiden Tagungen als Vorkämpfer gegen den Revisionismus aufspielen.

Auf der Moskauer Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien von 1960 wurde die Anonymität des Revisionismusvorwurfes durchbrochen, indem eine scharfe Kennzeichnung und Verurteilung des Tito-Revisionismus in die Abschlusserklärung aufgenommen wurde; aber wiederum blieb der gefährlichste aller Revisionisten, Chruschtschow, ungenannt:

Die kommunistischen Parteien haben die jugoslawische Spielart des internationalen Opportunismus, die einen konzentrierten Ausdruck der ‚Theorien’ der modernen Revisionisten darstellt, einmütig verurteilt. Die Führer des Bundes der Kommunisten Jugoslawiens, die den Marxismus-Leninismus verrieten, indem sie ihn für veraltet erklärten, haben der Erklärung von 1957 ihr anti-leninistisches revisionistisches Programm – (das „Laibacher Programm” von 1958, K.G.) – entgegengestellt. Sie haben den BdKJ der gesamten kommunistischen Weltbewegung entgegengestellt, ihr Land vom sozialistischen Lager losgerissen, es von der so genannten Hilfe der amerikanischen und anderen Imperialisten abhängig gemacht und damit die Gefahr heraufbeschworen, dass das jugoslawische Volk seiner im heroischen Kampf erzielten revolutionären Errungenschaften verlustig geht. Die jugoslawischen Revisionisten betreiben eine Wühlarbeit gegen das sozialistische Lager und die kommunistische Weltbewegung. Unter dem Vorwand einer blockfreien Politik entfalten sie eine Tätigkeit, die der Einheit aller friedliebenden Kräfte und Staaten Abbruch tut. Die weitere Entlarvung der Führer der jugoslawischen Revisionisten und der aktive Kampf dafür, die kommunistische Bewegung wie auch die Arbeiterbewegung gegen die antileninistischen Ideen der jugoslawischen Revisionisten abzuschirmen, ist nach wie vor eine unerlässliche Aufgabe der marxistisch-leninistischen Parteien.”

Diese Forderung war nur zu sehr berechtigt, aber sie kam viel zu spät.

Was hier verlangt wurde – Entlarvung Titos als Revisionist, und Abschirmung der kommunistischen Bewegung gegen die antileninistischen Ideen der jugoslawischen Revisionisten – das hatten die Parteien des Kommunistischen Informationsbüros – KPdSU, Polnische Arbeiterpartei, Ungarische Partei der Werktätigen, KP der CSR, Bulgarische Arbeiterpartei, KP Frankreichs und KP Italiens – schon 12 Jahre vorher mit ihrer Resolution vom Juni 1948 „Über die Lage in der kommunistischen Partei Jugoslawiens” getan.

Aber wir hatten ja schon gesehen, dass Chruschtschow 1955 mit seiner Totalrehabilitierung Titos diese – wie von der Beratung 1960 so nachdrücklich bestätigt – notwendige Schutzimpfung der ganzen kommunistischen Bewegung unwirksam gemacht hatte. Tito wurde von Chruschtschow zum Opfer von Verleumdungen von Parteifeinden und imperialistischen Agenten, fast zu einem unschuldig verfolgten Heiligen erklärt. Stalin aber, der genau das getan hatte, was in der Erklärung von 1960 verlangt wurde, – Stalin wurde auch dafür von Chruschtschow auf dem XX. Parteitag als Verfolger des unschuldigen Tito verdammt. Und wie erfüllte Chruschtschow nun, 1960, die Forderung der Beratung der kommunistischen und Arbeiterparteien? Überhaupt nicht!

Er tat das genaue Gegenteil! Er führte den Bruch mit den konsequentesten Kämpfern gegen des Tito-Revisionismus, mit China und Albanien, herbei und entfesselte ein beispiellose Hetzkampagne gegen diese beiden sozialistischen Bruderländer! Bereits auf dem Kongress von 1960 griff er Albanien und China massiv an. Von ihm war der Verlauf des Kongresses von 1960 ganz anders geplant gewesen: er hatte eine Anklageschrift gegen die KP Chinas verfasst, die vor Beginn des Kongresses an alle Delegationen verteilt wurde. Er wollte einen Kongress, der Jugoslawien erneut volle Rehabilitation gewährte und dafür Volkschina auf die Anklagebank setzte. Das ist ihm damals gründlich misslungen! Statt dessen wurde daraus ein Kongress, der seinen Schützling Tito verurteilte. Das war für ihn ein Betriebsunfall, der schnellstens korrigiert werden musste: Keine weiteren Entlarvungen der Tito-Revisionisten, sondern volles Feuer gegen Mao und Enver Hodscha, gegen Volks-China und Albanien!

Warum kam er damit durch?

Ein wesentlicher Grund war: Chruschtschow gelang es, wie schon auf der Beratung von 1957, durchzusetzen, dass in dem Dokument der Beratung der XX. Parteitag und seine Festlegungen als richtig bestätigt wurden.

Dazu schrieb die KP Chinas in ihrem Dokument vom 14. Juni 1963 Ein Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung”:

„Viele der falschen Ansichten im Erklärungsentwurf der Führung der KPdSU wurden abgelehnt… Auch die Delegation der KP Chinas und die Delegationen einiger anderer Parteien machten gewisse Zugeständnisse, nachdem die Führer der KPdSU damit einverstanden waren, ihre falschen Ansichten fallen zu lassen und die richtigen Ansichten der Bruderparteien anzunehmen. So zum Beispiel gingen unsere Meinungen über die Frage des XX. Parteitages der KPdSU… auseinander, aber mit Rücksicht auf die Bedürfnisse der KPdSU und einiger anderer Bruderparteien gaben wir unsere Zustimmung, in diesen …Fragen die gleiche Formulierung wie in der Deklaration von 1957 zu gebrauchen.” (In: Die Polemik über die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung, hgg. von der KAZ 1993, Nachdruck der Ausgabe des Oberbaumverlages, Berlin 1971).

Diese Formulierung lautete: „Die historischen Beschlüsse des XX. Parteitages der KPdSU haben nicht nur für die KPdSU und den kommunistischen Aufbau in der UdSSR große Bedeutung, sondern leiteten auch in der internationalen kommunistischen Bewegung eine neue Etappe ein und trugen zu deren weiterer Entwicklung auf der Grundlage des Marxismus-Leninismus bei.”

Um der Erhaltung der Einheit willen gingen damals die Parteien, die auf unterschiedlichen, ja gegensätzlichen Standpunkten standen, eine Art Handel ein: Lässt Du meine Formulierung an dieser Stelle zu, dann lasse ich auch Deine an jener Stelle zu. In Wahrheit wurde damit aber nicht die Einheit erhalten, sondern eine nicht vorhandene Einheit nach außen hin vorgezeigt – ein Vorgehen, dass der Forderung Lenins nicht gerecht wurde, sondern sie missachtete: vorhandene Gegensätze in grundsätzlichen Fragen müssen ausgetragen und dürfen nicht verkleistert werden!

Chruschtschow hatte – nach dem Zeugnis von Enver Hoxha in seinem Buch ”Die Chruschtschowianer” (S.502) – erklärt: „Das Dokument war ein Kompromiss, und Kompromisse haben ein kurzes Leben”. Er hat damit zum Ausdruck gebracht, dass er nicht im mindesten daran dachte, sich an das zu halten, was ihm an diesem Dokument nicht passte. Er wollte, was er 1953 begonnen und 1956 zu einem ersten Höhepunkt geführt hatte, siegreich zu Ende führen. Sein Sturz im Oktober 1964 verhinderte dies zunächst. Aber er hatte für Fortsetzer seines Zerstörungswerkes gesorgt. Es waren das solche wie Gorbatschow, die einer der Redenschreiber und Bewunderer Chruschtschows, Fjodor Burlatzki, als „Generation des XX. Parteitages” bezeichnete, (in seinem Buch „Chruschtschow. Ein politisches Porträt” , Düsseldorf 1990, S.13). Gorbatschow war der Chruschtschow der 80er und 90er Jahre, so wie Chruschtschow der Gorbatschow der 50er und 60er Jahre war.

chruschtschow-tito

Einige Schlussbemerkungen

1. Der Sieg des Revisionismus über den Marxismus-Leninismus in der KPdSU und anderen kommunistischen Parteien war die Voraussetzung für den zeitweiligen Sieg des Imperialismus und die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion und den sozialistischen Staaten in Europa.
Die Überwindung des Revisionismus in der gesamten kommunistischen Bewegung ist die Voraussetzung für ihren neuen Aufschwung und für neue Siege des Sozialismus über den Imperialismus

2. Der Anti-Stalinismus der revisionistischen Unterminierer und Zerstörer des Staatgewordenen Sozialismus, von Tito über Chruschtschow bis zu Gorbatschow, ist das stärkste Zeugnis für Stalin: Es gibt keinen stärkeren Beweis für die positive Rolle Stalins als die Tatsache, dass die Zerstörung seiner Autorität in der Sowjetunion und in der kommunistischen Bewegung die Voraussetzung war für die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion. Ohne „Entstalinisierung” keine Restauration des Kapitalismus!

3. Der Anti-Stalinismus ist komprimierter Revisionismus, also Anti-Leninismus, jedoch in der Maskerade eines Verteidigers des Leninismus. Der Angriff auf Stalin ist für die Revisionisten vom Schlage Tito-Chruschtschow-Gorbatschow nur der Beginn. Er zielt von Anfang an auf Lenin. Es ist deshalb nur folgerichtig, wenn der Chruschtschow-Zögling und Gorbatschow-Berater Jakowlew in seiner Autobiografie seine Hassorgien mehr noch als auf Stalin gegen Lenin richtet. Die FAZ v. 26. Januar 2004 zitiert aus seinem Buche („Die Abgründe meines Jahrhunderts”): „In der Geschichte hat es keinen Menschen gegeben, der Russland mehr hasste als Uljanow-Lenin. Was immer er anfasste, verwandelte sich in einen Totenacker, in ein Riesenfeld mit menschlichen, sozialen und ökonomischen Gräben. Alle wurden ausgeraubt – die Lebenden und die Toten”. Mit einigem Erstaunen stellt die FAZ fest, dass Jakowlew alle, die der Meinung seien, Stalin, nicht Lenin sei der wahre Unhold der Sowjetmacht gewesen, darüber belehrt, „die Geschichte des Stalinismus weise im Grunde nichts Neues auf”. In der Rezension des Jakowlew-Buches im „Neuen Deutschland” (29.01.04) wird der gleiche Tatbestand so beschrieben: „Nach Jakowlew gab es keinen strategischen Bruch zwischen der Periode des weltrevolutionär-internationalistisch begründeten Revolutionskonzepts W. I. Lenins und der Stalinschen Praxis eines nationalen Sozialismus”.
Die konsequentesten Anti-Stalinisten bestätigen damit auf ihre entstellende und verleumderische Weise die Richtigkeit der Feststellung des großartigen französischen Schriftstellers und Kommunisten Henri Barbusse: „Stalin – das ist der Lenin unserer Tage”! (Henri Barbusse: Stalin – eine neue Welt. Rotfront Reprint, Berlin 1996, S.279).

4. Den fünfzigsten Jahrestag des Todes Stalins (05.03.2003) begingen die imperialistischen Medien mit geballten Ladungen von Artikeln und Serien über den „Jahrhundertverbrecher” Stalin, die – was man kaum für möglich halten konnte – noch alles übertrafen, was in den letzten fünfzig Jahren seit Stalins Tod an Hetze gegen ihn „geleistet” wurde.
Wie soll man sich diese alles bisher auf diesem Gebiet Gebotene weit in den Schatten stellende Orgie der Anti-Stalin-Hetze erklären?
Es gibt darauf nur eine Antwort: Die Sieger von gestern sind sich der Dauerhaftigkeit ihres Sieges nicht sicher, sie haben Furcht! Ja, sie fürchten den Einfluss des vor einem halben Jahrhundert verstorbenen Stalin auf die heute Lebenden! Sie erschrecken davor, dass noch immer und sogar immer mehr Menschen in Russland und den übrigen Staaten der früheren Sowjetunion bei ihren Demonstrationen Stalin-Bilder mit sich führen. Sie fürchten, dass die Verlierer von Gestern die Sieger von morgen oder übermorgen sein könnten. Diese Furcht sitzt offenbar auch Jakowlew im Nacken. Weshalb sonst sollte er – wie im „Neuen Deutschland” zu lesen, „das Erhalten von Lenin-Denkmälern” beklagen und – wie die FAZ aus seinem Buche zitiert – höchst beunruhigt und empört feststellen: „Und heute wohnen wir seelenruhig der Reinwaschung Stalins durch einige Behörden und Massenmedien bei”! ?
Stalins Weitblick hat sowohl seine Verteufelung als auch deren schließliche Überwindung vorausgesehen. Während des Krieges hatte er zu Molotow geäußert: „Ich weiß, nach meinem Tode wird man mein Grab mit Haufen von Schmutz bedecken. Aber der Wind der Geschichte wird ihn schonungslos hinwegfegen”. Wir aber dürfen nicht auf den Wind der Geschichte warten – wir müssen selbst dieser reinigende Wind sein, der die Lügen vertreibt und die geschichtliche Wahrheit wieder in ihr Recht setzt.
Die Sieger von gestern haben allen Grund zur Furcht. Fünfzehn Jahre nach ihrem Triumph über den Sozialismus stecken sie in der tiefsten Krise ihres Systems: ökonomisch, politisch, sozial, kulturell, und nicht zuletzt: ideologisch. Immer deutlicher wird: die allgemeine Krise des Kapitalismus ist trotz der Niederlage des Sozialismus in Europa nicht überwunden, sondern dauert fort und vertieft sich. Und es wächst der Widerstand.

5. Ein Grund für die Furcht der Sieger von gestern ist mit Sicherheit auch die Erfahrung, dass es ihnen nicht gelungen ist, die Mehrheit der Jugend der ehemals sozialistischen Länder für sich zu gewinnen.
Das folgende Beispiel aus Ostdeutschland kann durchaus Gültigkeit auch für andere ehemals sozialistische Länder beanspruchen. Eine an der Leipziger Universität angefertigte und am 19. September 2002 auszugsweise im „Neuen Deutschland” veröffentlichte Studie macht deutlich: nachdem die DDR-Bürger 12 Jahre lang die Segnungen des realen, unverfälschten Kapitalismus über sich ergehen lassen mussten, haben selbst Jugendliche, die nur wenige Jahre noch als Bürger der DDR erlebt haben, die Erfahrung gemacht, dass die in der DDR herrschende sozialistische Gesellschaftsordnung – trotz ihrer fortgeschrittenen Deformation – menschenfreundlich war, die der Bundesrepublik dagegen dies ganz und gar nicht ist. In der Studie ist über die Ansichten der befragten Jugendlichen zu lesen:

Für 91 Prozent der Befragten gab es vor der Wende mehr Sicherheit, nur 1 Prozent ist der Meinung, dies sei heutzutage besser. …Die Zukunftsfähigkeit des jetzigen Gesellschaftssystems schätzen sie als ziemlich gering ein, nur ein kleiner Teil hofft, dass dieses System für immer erhalten bleibt. … Die Distanz gegenüber dem kapitalistischen System geht mit einer zunehmenden Identifikation mit sozialistischen Idealen einher. … Sozialistisches Gedankengut sei nicht aus den Köpfen der jungen Ostdeutschen verschwunden.” (Entnommen meinem Aufsatz: „Der unsterbliche Frühsozialismus, in: „In den Trümmern ohne Gnade. Festschrift für Peter Hacks”, Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2003, S.225)

6. Die Anti-Stalinisten haben bewirkt, dass seit einem halben Jahrhundert die wichtigsten marxistischen Werke nach denen von Marx, Engels und Lenin, die Werke Stalins, als Werke gelten, von denen ein anständiger Kommunist sich trennt und sie nie wieder in die Hand nimmt. Wie die Päpste die Schriften von „Ketzern” auf den Index setzten, so wurden die Schriften Stalins von den Führern der Parteien des „demokratischen” und „pluralistischen” Sozialismus und Kommunismus moralisch geächtet und also auf den Index gesetzt. (Mit den Werken Stalins, die durch diese Ächtung nach Chruschtschows Stalin-Verdammung auf dem Müll landeten, könnte man viele Bibliotheken füllen.).
Genau mit dem Beginn dieser Index-Zeit begann auch der Niedergang des Sozialismus und der kommunistischen Bewegung.
Zu den unabdingbaren Voraussetzungen für ihren neuerlichen Aufschwung gehört deshalb auch die massenhafte Hinwendung zum erneuten Studium der Werke Stalins, in denen der ganze Reichtum der Erfahrungen des erfolgreichen Aufbaus des Sozialismus auf den von Lenin gewiesenen Bahnen enthalten ist.

Vortrag, gehalten am 27. März 2004 in Bernburg

(Bilder von mir eingefügt)