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Die allgegenwärtige Bürokratie


Die allgegenwärtige Bürokratie

Sascha’s Welt, 26. Januar 2018

aktenWir haben heute oftmals von den vielen, endlosen bürokratischen Hürden und Hindernissen die Nase gestrichen voll. Jede nur denkbare Kleinigkeit muss beantragt werden. Formulare sind auszufüllen, Erläuterungen zu lesen, Paragraphen zu studieren, das Kleingedruckte zu beachten, Belege einzureichen, Begründungen zu schreiben… die Aktenordner werden immer dicker. Denn alles muss ja seine Ordnung haben. Und immer: Mit freundlichen Grüßen. Das klingt uns fast wie Hohn!

Welchen Wert hat da noch der Mensch?

Woher kommt das nur? Ist ein solcher Gesetzes- und Vorschriftenschungel denn noch normal? Oder zeigt sich darin, zeigt sich in dieser ganzen Bürokratie nur allein die undurchdringliche Macht des Beamtentums, die Macht der herrschenden Klasse? In der DDR wurden „Erscheinungen bürokratischen und herzlosen Verhaltens entschlossen bekämpft“ – so stand es im Programm der SED. Und so geschah es auch. In der kapitalistischen Bundesrepublik geschieht das nicht. Wozu auch? Hier steht ohnehin nicht der Mensch im Mittelpunkt, sondern ausschließlich der Profit. Es ist eine raffinierte Methode von Spitzbuben, jede Sache so undurchschaubar und kompliziert wie möglich zu machen, um so leichter lassen sich unwissende Menschen betrügen.

Was ist Bürokratie und woher kommt sie?

Bürokratie: wörtlich Herrschaft des Büros, des Beamtentums; gemeint ist damit die gesellschaftliche Erscheinung, dass eine besondere Schicht von Beamten, von Verwaltungs- und Leitungsspezialisten eine überragende Bedeutung bei der Leitung des Staates, der Wirtschaft und anderer Bereiche des gesellschaftlichen Lebens gewinnt.

Wie entsteht die Bürokratie?

Die Bürokratie entsteht im wesentlichen erst in der Feudalgesellschaft, erfährt ihre volle Ausgestaltung und höchste Entwicklung im Kapitalismus, insbesondere im staats-monopolistischen Kapitalismus, und wird im Sozialismus überwunden. Erst im absolutistischen Feudalstaat erforderte die Verwaltung in Staatsangelegenheiten die Herausbildung eine Gruppe von Menschen, welche die hierzu notwendige Büroarbeit leisteten. Naturgemäß gingen diese aus dem Bürgertum, insbesondere dem Kleinbürgertum, hervor.

Welche Rolle spielte die Bürokratie im Feudalismus?

Zunächst spielte diese Bürokratie eine gewisse positive Rolle, weil sie die Willkürherrschaft der feudalen Herrscher etwas beschränkte und zur Vereinheitlichung des Staates beitrug. „Die Bürokratie machte die Idee der Einheit gegen die verschiedenen Staaten im Staat geltend.“ (MEW, 1, 283); „die Bürokratie war das erste politische Werkzeug der Bourgeoisie gegen die Feudalen, überhaupt gegen die Repräsentanten der „altadligen“ Ordnung“. (LW, l, 455)

Welche Bedeutung hat die Bürokratie im Kapitalismus?

buerokratIm Kapitalismus wird z.B. zu einem wichtigen Herrschaftsinstrument der Bourgeoisie, die in deren Auftrag und Interesse die Verwaltung der Staatsangelegenheiten besorgt. Die Ministerialbürokratie in einem riesig aufgeblähten Staatsapparat, die Bürokratie des Wirtschaftsmanagements und die Justiz-Bürokratie sind im staatsmonopolistischen Kapitalismus eng miteinander verflochten. Mittels formal-demokratischer Prozeduren werden dieser Zusammenhang und die Verbindung der Bürokratie mit den Grundinteressen des Monopolkapitals geschickt verschleiert, so dass der Klassencharakter der Bürokratie. schwer zu durchschauen ist.

Ist die Bürokratisierung unvermeidlich?

Bürgerliche Theoretiker stellen die „Bürokratisierung der Gesellschaft“ oft als einen unumgänglichen Sachzwang dar, der sich angeblich in der ganzen Welt durchsetze. Auf diese Weise leugnen sie die soziale Grundlage und den Klassencharakter der Bürokratie und des Bürokratismus und versuchen ihn theoretisch als eine gesellschaftliche Erscheinung hinzustellen, die sich in gleicher Weise im Kapitalismus wie im Sozialismus durchsetze. Die Bürokratie und der Bürokratismus sind Formen der Entfremdung in der kapitalistischen Gesellschaft, weil die gesellschaftlichen Funktionen, die aus dem Lebensprozess der Menschen hervorgehen, ihnen als fremde und sie beherrschende Mächte gegenübertreten.

Gibt es auch im Sozialismus Bürokratie?

Im Sozialismus werden die sozialen Grundlagen der Bürokratie und des Bürokratismus beseitigt. Die politische Macht der Arbeiterklasse im Bündnis mit allen Werktätigen, die sozialistische Demokratie, steht sowohl ihrem Inhalt wie ihrer Funktionsweise nach in striktem Gegensatz zur Herrschaft einer vom Volk abgesonderten Bürokratie. Der sozialistische Staat kennt kein Berufsbeamtentum, sondern zieht in breitem Umfang Werktätige zur haupt- und ehrenamtlichen Arbeit in den gewählten Körperschaften wie auch in den Organen des Staates, der Wirtschaft, der Justiz, der Kultur usw. heran.

Wie war das in der DDR?

Die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) förderte die Bereitschaft der Werktätigen, sich für die Lösung der staatlichen und gesellschaftlichen Aufgaben einzusetzen und Verantwortung zu übernehmen. „Die staatlichen Organe sind verpflichtet, die Initiativen und Vorschläge der Bürger in ihrer Leitungstätigkeit sorgfältig zu berücksichtigen und für die Lösung der Aufgaben zu nutzen.“ (Programm der SED, S. 57). Die Tatsache, dass es im Sozialismus keine Bürokratie mehr gibt, schließt allerdings Erscheinungen des Bürokratismus wie ungenügende Beachtung der Interessen und Bedürfnisse der Werktätigen, engstirniges, bürokratisches, herzloses Verhalten, Überheblichkeit u.a. nicht aus.

Gab es noch Bürokratismus in der DDR?

Obwohl sie keine objektiven Grundlagen in der sozialistischen Gesellschaft haben, entstehen sie aus der Wechselwirkung objektiver und subjektiver Faktoren wie dem Nachwirken von Tendenzen und Gewohnheiten der Bürokratie, mangelnder politisch-ideologicher Qualifikation, moralischen Defiziten einzelner Leiter usw.

Die SED hält es für erforderlich, dass Erscheinungen bürokratischen und herzlosen Verhaltens entschlossen bekämpft werden.“ (Programm der SED, S. 57)

Quelle: Kosing, Alfred: Wörterbuch der marxisitsch-leninistischen Philosophie. Dietz Verlag, Berlin, 1985, S.91.

Weitere Hinweise und Zitate

Im Jahre 1895 beschreibt LENIN den Prozess der Herausbildung der Bürokratie wie folgt:

Die Bürokratie war das erste politische Werkzeug der Bourgeoisie gegen die Feudalen, überhaupt gegen die Repräsentanten der altadligen Ordnung; mit ihr betraten zum ersten mal nicht blaublütige Grundbesitzer die Arena der politischen Herrschaft, sondern Angehörige nichtprivilegierter Stände, das ,Kleinbürgertum‘.“ (LW, 1, S. 435)

Bürokraten sichern die Interessen der Ausbeuterklasse

Durch die bürgerliche Revolution, bei der es sich nicht um eine soziale, sondern um eine politische Revolution handelte, nämlich nur um die Beseitigung der politischen Gegensätze zwischen dem dritten Stand und den privilegierten Ständen, wurde die Bürokratie zum wirklichen politischen Repräsentanten der Interessen der Bourgeoisie.

Erst die Französische Revolution vollendete die Verwandlung der politischen Stände in soziale oder machte den Ständeunterschied der bürgerlichen Gesellschaft zu nur sozialen Unterschieden, zu Unterschieden des Privatlebens, welche in dem politischen Leben ohne Bedeutung sind,.. Stand im mittelaltrigen Sinn blieb nur mehr innerhalb der Bürokratie selbst, wo die bürgerliche und die politische Stellung unmittelbar identisch sind.“ (MARX/ENGELS l, 283 f.)

Ein starkes und feingesponnenes Netz….

„Die besondere Schicht, die in der modernen Gesellschaft die Macht in den Händen hat, ist die Bürokratie. Der unmittelbare und äußerst enge Zusammenhang dieses Organs mit der in der modernen Gesellschaft herrschenden Klasse der Bourgeoisie folgt sowohl aus der Geschichte … als auch aus den Bedingungen, unter denen sich diese Klasse herausbildete und ergänzte; der Zugang zu diesem Organ steht nur ,aus dem Volke emporgestiegenen Bürgerlichen offen, es ist mit dieser Bourgeoisie durch Tausende stärkster Fäden verknüpft.“ (LENIN 1, S. 435)

Der Mechanismus der Macht

Die Beziehungen zwischen der Bourgeoisie und der Bürokratie regeln sich im Prinzip auf folgende Weise: Da in der klassengespaltenden bürgerlichen Gesellschaft die Bourgeoisie zur Sicherung ihrer ökonomischen Vormachtstellung einer politischen Legitimation bedarf, Proletariat und Bourgeoisie aber – allerdings nur im günstigsten Fall – formal die gleichen politischen Rechte genießen, nutzt die Bourgeoisie ihre ökonomische Vormachtstellung aus, um sich die Bürokratie dienstbar zu machen, und die Bürokratie erfüllt ihre Funktion als politischer Repräsentant der Bourgeoisie, indem sie die ökonomische Vormachtstellung der Bourgeoisie politisch sichert und verteidigt.

Siehe auch: Philosophisches Wörterbuch 2. Bd., VEB Bibliographisches Institut Leipzig, 1975, Bd. 1., S. 235-238.

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