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Rede über mein Buch „Chruschtschows Lügen” und meine weiteren Forschungen in Berlin


Rede über mein Buch „Chruschtschows Lügen” und meine weiteren Forschungen in Berlin

logo-offensiv, Grover Furr

grover-furrDer Anlass für meinen Vortrag ist die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung meines Buches „Chruschtschows Lügen“.

Dies ist eine überarbeitete und aktualisierte Fassung der russischen Ausgabe des Buches, die im Dezember 2007 bei Algoritm Publishers, Moskau veröffentlicht wurde.

Es gibt 16.500 gedruckte Exemplare dieser russischen Ausgabe, fast alle von ihnen verkauft.

In Russland wie im Westen ist Chruschtschow ein offizieller „Held“. Studenten in Russland studieren Chruschtschows „Geheimrede“, weil sie ein Wendepunkt in der sowjetischen und damit russischen Geschichte ist. Sie (die Rede) war auch ein Wendepunkt in der Weltgeschichte! Aber außerhalb Russlands lesen jetzt sehr wenige Menschen diese lange Rede voller Anspielungen auf Personen und Ereignisse, die sie noch nie gehört haben. Aus diesem Grund werde ich auch über einige andere Probleme in der sowjetischen Geschichte reden, die weit besser bekannt sind als diejenigen, die Chruschtschow in seiner Rede erwähnt hat.

Leider unterziehen sich nur sehr wenige Menschen der Arbeit, die ich tue. Fast alle anderen, die die Stalinzeit in der UdSSR erforschen und die Russisch fließend lesen können und die Forschungsfähigkeiten haben und die eine institutionelle Zugehörigkeit/ Verankerung besitzen, die ihnen mit Bibliothekseinrichtungen helfen und unentbehrliche und sehr teure Fernleihe-Einrichtungen bieten können, und die das Interesse und die Motivation haben, um diese Arbeit zu tun – fast alle sind anti-kommunistisch, ihnen fehlt jegliche Objektivität.

Die wenigen Personen, die Zugang zu diesen Einrichtungen haben und nicht Anti-Kommunisten sind, arbeiten zum größten Teil auf dem Gebiet der sowjetischen oder russischen Geschichte. Und in diesem Bereich bekommen Anti-Kommunisten sehr leicht Zugang zu den Archiven, Kommunisten jedoch nicht. Die dort forschenden Kommunisten müssen deshalb vorsichtig sein mit Äußerungen, die den Anti-Kommunisten widersprechen würden..

Zwei hervorragende Forscher der sowjetischen Geschichte haben mir gesagt, dass kein Buch, das nicht feindlich gegen Stalin ist, durch einen Wissenschaftsverlag veröffentlicht werden würde. Dies sind Forscher, die der Linken nicht nahestehen, die sich aber bemühen, objektiv zu sein. Was sie sagen, trifft sicherlich auf den Westen zu, aber ich glaube, dass es auch in Russland nicht anders ist.

Lassen Sie mich dies auf eine andere Weise sagen:

Wenn Sie Gelehrter im Westen auf dem Gebiet der Geschichte der Sowjetunion wären – wenn man die sowjetische Geschichte überhaupt in einer Geschichtsfakultät lehrte – könnten Sie nicht die Forschung tun, die ich tue. Wenn Sie es trotzdem täten, könnten Sie Ihre Forschungsergebnisse nicht in den Standard-Zeitschriften oder mainstream-wissenschaftlichen Verlagen veröffentlichen, und Sie würden bald nicht mehr auf dem Gebiet der Geschichte der Sowjetunion tätig sein können, weil Sie keinen Job mehr hätten!“!

Deshalb ist meine Position ungewöhnlich. Ich unterrichte in einem Englisch-Institut. Meine akademische Existenzgrundlage hängt nicht in irgendeiner Weise von meiner Forschung zur sowjetischen Geschichte ab.

Dies ist, was ich zu bieten habe. Und eine Menge Leute auf der ganzen Welt meinen, dass dies wichtig sei. Aber nicht nur Menschen auf der Linken. Die Anti-Kommunisten meinen auch, dass es wichtig ist. Und sie mögen es nicht.

Diese Forschung ist der Grund, warum ich vom amerikanischen Konservativen David Horowitz 2005 und 2006 angegriffen wurde. Es ist der Grund dafür, dass der konservative Kolumnist für die größte Zeitung im US-Bundesstaat New Jersey, den Star-Ledger, zwei seiner Kolumnen im Jahr 2005 Angriffen auf mich widmete.

Es ist der Grund dafür, dass meine Universität Dutzende von E-Mails von Anti-Kommunisten aus allen Gegenden empfängt, die verlangen, dass ich gefeuert werde. Es ist der Grund dafür, dass es einen Online-Blog mit dem Titel „stopgroverfurr.blogspot.com“ und einen weiteren Blog gibt, der fordert, dass meine Universität meinen Artikel über den Betrug des sogenannten Massakers von „Katyn“ von meiner Universitäts-Web-Seite entfernt. (http://researchingkatyn.blogspot.com/2013_10_01_archive.html)

Eine Menge Leute auf der Rechten wollen nicht, dass die Wahrheit über die Geschichte der kommunistischen Bewegung in der Sowjetunion während der Stalinzeit ans Licht kommt. Sie wollen auch weiterhin dämonisieren, um den Sozialismus mit Hitler und dem Faschismus gleichzusetzen. Und das ist, was sie tun – nicht nur „passiv“, durch ihre Ansichten oder Voreingenommenheit, sondern aktiv, indem sie bewusst Beweise, Quellen und die Geschichte verfälschen.

Was ich zu bieten habe, ist ein Korrektiv zu all dem. Und das ist, worüber ich mit Ihnen heute rede.
Das Problem ist der Beweis.
Wie Sie sicher bereits wissen, bekümmern sich viele Menschen nicht sehr um Beweisfragen.
Die meisten Menschen wollen „die Antworten“, „die Wahrheit“. Sie wollen sich nicht in Fragen der Forschung vertiefen.

Fragen wie zum Beispiel:

  • Wo liegen die Unterschiede zwischen primären und sekundären Quellen?
  • Wo sind primäre Quellen/Beweise zu finden und auf welche Weise?
  • Wie muss man die Beweismittel studieren und analysieren?
  • Wie zieht man die richtigen Schlüsse daraus?

Oft sagt man mir Dinge wie Folgendes:

Ich denke, Fragen der Forschung, Beweise usw, obgleich sie wichtig sind, sind etwas sekundär im Vergleich zu den Tatsachen, insbesondere für unsere Gruppe, da wir im Grunde eine politische und keine akademische Organisation sind.“

Wenn ich Dinge wie diese höre, kann ich überhaupt nicht zustimmen. „Tatsachen“ sollten nie von „Forschung“ und „Beweisen“ getrennt werden. Es ist durch Forschung und Beweise, dass wir feststellen, was „Tatsache“ ist und was nicht. Es geht nicht anders.

Chruschtschow war in der Lage, mehr als 50 Jahre durch das Zurückhalten von Beweisen mit seinen Lügen durchzukommen. Chruschtschow inspirierte alle Kalte Kriegs-Anti-Kommunisten, ob innerhalb der Sowjetunion (wie Roy Medwedew) oder im Westen (wie Robert Conquest). Fälschungen der Chruschtschow-Ära wirken weiterhin fort, die Stimmen der “Hauptrichtung” in der sowjetischen Geschichte heute zu ermöglichen.

Ich sollte etwas über mich selbst sagen, und woher ich komme. Mein erstes Spezialgebiet ist Mediävistik. Ich war darauf trainiert, tiefe historische Forschung zu tun.

Zum Beispiel, Primärquellen in anderen Sprachen als Englisch zu verwenden, nie sich auf „tradiertes Wissen“ oder „das, was Allen bekannt ist” zu verlassen oder den Bewertungen der „anerkannten Autoritäten“ zu vertrauen – und jeden Bezug, jede Fußnote zu überprüfen.
Als Doktorand in den Jahren 1965 bis 1969 war ich gegen den US-Krieg in Vietnam.

Einmal sagte jemand mir, dass ich die vietnamesischen Kommunisten nicht unterstützen sollte, weil sie von Ho Chi Minh geführt wurden, der von Stalin ausgebildet worden war, und „Stalin hat Millionen unschuldiger Menschen umgebracht“. Ich erinnerte mich an diese Bemerkung. Das war der Grund, dass ich in den frühen 1970er Jahren die erste Ausgabe von Robert Conquests Buch „Der Große Terror“ las, als es veröffentlicht wurde. Ich war erschüttert von dem, was ich da las!

Weil ich die russische Literatur in der Hochschule studiert hatte, konnte ich die russische Sprache lesen. So studierte ich Conquests Buch sehr vorsichtig. Ich habe jede von Conquests mehr als 1.000 Fußnoten überprüft. Offenbar hatte das niemand jemals getan! Ich entdeckte, dass Conquest überhaupt keine Quellenkritik hatte. Mit „Quellenkritik“ meine ich die Prüfung der Beweise, die in einer gegebenen Quelle zitiert werden, ob es objektiv echte Beweise oder beispielsweise Gerüchte oder Fälschungen sind. Conquest tut das nie. Seine Fußnoten unterstützen oder belegen nicht seine Anti-Stalin Schlussfolgerungen! Conquest verwendet jede Quelle, die Stalin feindlich gesonnen ist, unabhängig davon, ob sie zuverlässig ist oder nicht.

Schließlich beschloss ich, etwas über den sogenannten „Terror“ zu schreiben. Es dauerte eine lange Zeit, aber im Jahr 1988 habe ich endlich veröffentlicht: „New Light On Old Stories About Marshal Tukhachevskii: Some Documents Reconsidered“ („Neues Licht auf alte Geschichten über Marschall Tuchatschewski. Erneute Prüfung einiger Dokumente.“) Im Jahr 1996 habe ich diesen Artikel auf meine neue InternetSeite hochgeladen.

1999 kontaktierte mich Wladimir Bobrow, ein Moskauer Ingenieur und erfahrener Amateurhistoriker, zu diesem Artikel und schlug vor, dass wir zusammenarbeiten. Wladimir machte mich mit Dokumenten aus den ehemaligen sowjetischen Archiven bekannt, die Russland zu veröffentlichen begonnen hatte. Nach ein paar Jahren Zusammenarbeit habe ich beschlossen, das Studium der mittelalterlichen Literatur aufzugeben und mich hauptsächlich der Untersuchung der sowjetischen Geschichte der Stalinzeit zu widmen.

Chruschtschows „Geheimrede“

Chruschtschows „Geheimrede“ ist die einflussreichste Rede des 20. Jahrhunderts. Sie änderte grundlegend die historische Entwicklung der Sowjetunion und in der Tat die der Weltgeschichte. Sie wurde zu einer der Säulen der politischen Konzeption des „Anti-Stalinismus“, die grundlegende Quelle für das, was als „das Paradigma des 20. Parteitags“ gilt. Niemand, der sich für die Geschichte der Sowjetunion interessiert, kann ein Dokument von solcher Bedeutung vernachlässigen.

Als sich mir eine Vorstellung von dieser Arbeit bildete, war mein Ziel bescheiden. Ich wollte die „Enthüllungen“ in dem Bericht neben die historischen Quellen setzen, die öffentlich gemacht worden sind im Zuge der Veröffentlichung einiger Dokumente aus den ehemaligen sowjetischen Archiven. Während der letzten 20 Jahre wurden zahlreiche neue Quellen der Wissenschaft zur Verfügung gestellt, Dokumente, die eine objektive Bewertung der Aussagen in Chruschtschows Rede ermöglichen.

Und an dieser Stelle begann ein merkwürdiges Bild zu entstehen. Denn wie sich herausstellte, war von all den „Enthüllungen“ in der Rede nicht eine einzige wahr. Nicht eine einzige!

Ein paar von Chruschtschows Unwahrheiten waren natürlich früher bekannt, etwa seine absurde Erklärung, Stalin habe „militärische Operationen auf einem Globus geplant“. Aber es war erstaunlich zu entdecken, dass die ganze Rede aus „Offenbarungen“ wie dieser bestand.

Chruschtschows Lügen – Einige Beispiele

Ich identifiziere in meinem Buch 61 Anklagen von Verbrechen oder Gräueltaten, die Chruschtschow in seiner „Geheimrede“ entweder gegen Stalin oder, in einigen Fällen, gegen Berija tätigte. Ich habe dann jede einzelne von ihnen im Lichte aller mir bekannten Beweise erforscht, mit besonderem Augenmerk auf Dokumente aus den ehemals sowjetischen Archiven, die seit dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 veröffentlicht wurden.

Ich entdeckte, dass praktisch alle Anschuldigungen Chruschtschows falsch sind. In einem gesonderten Kapitel untersuche ich diese Unwahrheiten nach Art und Weise und schlussfolgere, dass mindestens 53 dieser Aussagen Lügen sind und dass Chruschtschow selbst bewusst in mindestens 41 Fällen gelogen hat.

Der Persönlichkeitskult“. Chruschtschow verurteilte den „Kult“ um Stalin und impliziert, Stalin habe ihn gefördert und genehmigte. In der Tat jedoch stellte sich Stalin im Laufe seines Lebens fest gegen diesen ekelhaften „Kult“, während Chruschtschow einer der größten Förderer des „Kultes“ war. Ich zitiere viele Primärquellen, die dies belegen/beweisen.
Lenins Testament“. Chruschtschow deutet, wie vor ihm Trotzki, an, Lenin habe Stalin als Generalsekretär entfernen wollen, und dass Lenin sich von Stalin entfremdete.

Jetzt verfügbares Beweismaterial zeigt, (a) dass Stalin mehrmals versuchte zurückzutreten, dass das Politbüro jedoch seinen Rücktritt ablehnte und (b) dass es keinen Bruch zwischen Lenin und Stalin gab. Im Gegenteil, es war Stalin, an den der verzweifelt kranke Lenin sich wandte, als er einen Kameraden suchte, der ihm Cyanid geben würde, wenn sein Leiden unerträglich würde. Stalin versicherte Lenin, dass er es tun würde, als er gebeten wurde, sagte aber dem Politbüro, er fände es unmöglich.

Chruschtschow behauptete, dass Stalin leitende Genossen, die sich ihm entgegenstellten „moralisch und physisch vernichtet hat“. Ich beweise, dass Stalin dies nie getan hat. Chruschtschow selbst hat jedoch genau dies getan – im Falle von Lawrenti Beria im Juni 1953.

Chruschtschow sagte, dass Lenin Sinowjew und Kamenew kritisierte, aber nie zu erschießen vorgeschlagen hatte. Hier legte Chruschtschow nahe, Sinowjew und Kamenew seien unschuldig in den Anklagepunkten, die sie beim ersten Moskauer Prozeß im August 1936 gestanden hatten. Wir haben heutzutage eine Menge von Beweismitteln sowohl aus den ehemals sowjetischen Archiven, als auch vom Trotzki-Archiv an der Universität Harvard, dass Sinowjew und Kamenew Drahtzieher des Komplotts zum Mord an Sergei Kirow im Dezember 1934 waren, und dass sie schuldig der Verschwörung gegen Stalin und andere sowjetische Führer und der Planung eines Staatsstreichs waren.

Chruschtschow hat darauf hingewiesen, dass Stalin sehr viele Listen unterzeichnete, die ihm vom NKWD geschickt wurden, zusammen mit den Urteilen, die das NKWD empfahl, falls die Angeklagte für schuldig befunden würde. Chruschtschow impliziert, und die anti-kommunistischen Gelehrten behaupten seither, dass es sich um „Ausführungslisten“ oder „Todesurteile“ handelte. In „Chruschtschows Lügen“ zeige ich, dass viele der Personen, deren Namen auf diesen Listen verzeichnet sind, nicht verurteilt wurden, und andere, die verurteilt wurden, nicht erschossen wurden. Darüber hinaus wissen wir nicht, welche anderen Materialien – Beweise, zum Beispiel – vielleicht neben diesen Listen vorgelegen haben.

Nicht „Stalin verteidigen“

Ich „verteidige“ nicht Stalin oder sonst jemanden. Als Forscher und Gelehrter beschäftige ich mich mit Tatsachen und Beweismitteln. Ich stimme Juri Shukow zu, wenn er schreibt:

Ich kann ehrlich sagen, dass ich gegen die Rehabilitierung Stalins bin, weil ich gegen Rehabilitierung im Allgemeinen bin. Nichts und niemand in der Geschichte sollte rehabilitiert werden – aber wir müssen die Wahrheit aufdecken und die Wahrheit sagen.“ (Shukow, KP, 21. Nov. 02)

Auch möchte ich nicht andeuten, dass dann, wenn Stalin nur alles, was er plante, auch gelungen wäre, die vielfältigen Probleme des Aufbaus des Sozialismus und Kommunismus in der Sowjetunion gelöst worden wären.

Deswegen entschied ich mich, die „Geheimrede“ zu erforschen, die angeblich Verbrechen der Stalin und Berija „aufgedeckt“ hat. Das Ergebnis dieser Untersuchung war, dass in Chruschtschows „Geheimrede“ nicht eine einzige dieser so genannten „Enthüllungen“ sich als wahr herausstellte. Ich sage es nochmals: Es ist hier nicht die Rede von einer „Verteidigung Stalins“, sondern um die Wahrheit: Nicht eine der „Offenbarungen“ und Behauptungen der „Geheimrede“ kann vor einer Konfrontation mit den Beweisen bestehen.

Angesichts der historischen Beweise, die ich in meinem Buche „Chruschtschows Lügen“ präsentiere, ist es unmöglich, die Geschichte der Sowjetunion weiterhin im Zerrspiegel dieser „Geheimrede“ zu sehen.

Die Folgen

Der amerikanische Historiker Arch Getty hat die historische Forschung der Zeit des Kalten Krieges „Produkte der Propaganda“ genannt – „Forschung“, die zu kritisieren oder in Einzelheiten zu korrigieren keinen Sinn macht, sondern die überall erneut von Anfang an getan werden muss. Diese tendenziöse, politisch aufgeladene und unehrliche „Forschung“ wird noch heute produziert.

Die Wiederentdeckung der sowjetischen Geschichte geht weit über die Kritik an Chruschtschows „Geheimrede“ hinaus. Alles, was nicht nur für „allgemein bekannt“, sondern auch für „Fachwissen“ über die Stalinzeit gilt, ist grundsätzlich falsch. Wann immer ich einen Vortrag über meine Forschung halte, sage ich dem Publikum:

Alles, was Sie denken, dass Sie über die Stalinzeit in der UdSSR wissen, ist falsch. Die gesamte sowjetische Geschichte muss neu geschrieben werden.“

Eine der berühmtesten Anschuldigungen gegen Stalin ist die Behauptung, dass er Sergei Kirow am 1. Dezember 1934 ermorden ließ. In seiner Geheimrede legt Chruschtschow nahe, dass das NKWD und möglicherweise Stalin selbst an der Ermordung Kirows beteiligt war. In meinem Buch „The Murder of Sergei Kirov“ (Der Mord an Sergei Kirow), das im Jahr 2013 veröffentlicht worden ist, beginne ich mit einer detaillierten Analyse des jüngsten Buchs zu diesem Thema, das von Professor Matthew Lenoe im Jahr 2010 in der Yale University Press veröffentlicht wurde. Ich prüfe alle Beweise, darunter viele, die Lenoe nie berücksichtigte, – entweder auslässt oder völlig ignoriert – und seinen Lesern noch nicht einmal sagt, dass sie existieren!

Es besteht kein Zweifel, dass Lenoe Unrecht hat. Wir haben eine große Menge an Beweisstücken, die jetzt bezeugen, dass die Männer, die für schuldig befunden und im zusammen mit Nikolaew erschossen wurden, in der Tat schuldig sind. Weiterhin haben wir eine große Anzahl von Beweisen, dass alle die Angeklagten der drei Moskauer Prozesse auch schuldig waren. Schuldig nicht nur dessen, was sie gestanden, sondern auch der Verbrechen, die sie nicht gestanden haben, über die wir aber seither mehr wissen.

Das gleiche gilt von den Militärs, die in der sogenannten „Tuchatschewski-Affäre“ verurteilt wurden. Wir besitzen jetzt eine Menge Beweise für ihre Schuld. Ihre Unschuld wird durch jede Autorität auf dem Gebiet geltend gemacht. Aber der Beweis erzählt die Geschichte. Mein Kollege Wladimir und ich haben viel zu diesem Thema geforscht.

Ich führe diese Beispiele an, um zu zeigen, wie allumfassend die betrügerische „kanonische“ [22] oder „offizielle“ Geschichtsschreibung der UdSSR war und ist. Leider ist diese Geschichte „kanonisch“ nicht nur für die pro-kapitalistischen Anti-Kommunisten, sondern für fast alle Leute der Linken seit Chruschtschow und bis heute.

Die politischen Kräfte, die zuerst eine größere Rolle des Marktes in der sowjetischen Gesellschaft gefördert haben und die dann die Rückkehr zu einem super-ausbeuterischen Kapitalismus in der UdSSR erzwangen, sind die gleichen, die Stalin und die Stalin-Jahre zu dämonisieren streben. Sie fördern auch die Forschung oder Propaganda, die diese Version der Geschichte ausbreitet, eine Version, die in Russland wie überall „kanonisch“ ist.

(22) Der Begriff „kanonisch“ stammt aus dem Kirchenrecht, eine kanonische Visitation bedeutet z.B.: „der Besuch eines Oberen mit Aufsichtsbefugnis zum Zweck der Bestandsaufnahme und Normenkontrolle“, übertragen bedeutet er: „als Richtschnur und klassisches Muster dienend“. (Red.)

Noch einmal über die Frage des Beweises

An einem gewissen Punkt in jeder meiner Klassen frage ich die Schüler: „Was ist das radikalste Wort in jeder Sprache?“ Ich bekomme eine Reihe häufiger Antworten. Zu den häufigsten zählen „Sozialismus“ und „Kommunismus“. Dann sage ich: „Sozialismus und Kommunismus sind gute, radikale Worte. Aber meine Stimme gebe ich für ein anderes Wort: „Beweis““. Fragen Sie nach Beweisen, überall und immer, dann wird man Sie bald genug einen „Kommunisten“ nennen!

Dies ist nirgendwo gültiger als in der Forschung über die Geschichte der kommunistischen Bewegung. Lügen überwiegen überall. Und wenn man hartnäckig immer wieder nach Beweisen fragt, dann beginnt es, interessant zu werden.

Leute sagen mir oft: „Professor Furr, ich finde, dass Ihre Argumente nicht überzeugend sind“. Meine Antwort lautet: „Überzeugungskraft ist eine Art von Propaganda oder „Public Relations“. Überzeugungskraft hängt von der Mentalität der Person ab, die Sie zu überzeugen versuchen“.

Eine Person mit sehr festen Vorurteilen kann man durch keinen Beweis überzeugen, egal wie gut er ist. Der amerikanische sozialistische Schriftsteller Upton Sinclair schrieb einmal: „Es ist schwierig, jemanden dazu zu bringen, etwas zu verstehen, wenn sein Gehalt davon abhängt, dass er es nicht versteht“.

Ebenso ist es schwierig, gar unmöglich, jemanden dazu zu bewegen, auf Beweise in objektiver Weise zu blicken, wenn derjenige mit der Möglichkeit konfrontiert wird, dass seine am meisten geschätzten Vorurteile und vorgefassten Meinungen falsch sind.

Ich kann Ihnen sagen: „Ich mache viele meiner Entdeckungen, wenn ich die Fußnoten in den Werken der akademischen Studien überprüfe, wenn ich überprüfe, ob die in diesen Notizen zitierten Primärquellen wirklich die Tatsachen, Ansprüche oder Aussagen belegen, die da getätigt werden“.

Andere Anti-Stalin‘sche Lügen

Im weiteren Verlauf meines Vortrags werde ich einiges aus der Forschung zu meinem neuen Buch zusammenfassen, dessen Title lautet: „Blut-Lügen“. Der Beweis, dass jede Anklage gegen Joseph Stalin und die Sowjetunion in Timothy Snyders Buch „Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin“,“ falsch ist.

Blut-Lügen“ ist eine gründliche Prüfung der unehrlichen Arbeit des Jale-Professors Timothy Snyder: „Bloodlands. Europa zwischen Hitler und Stalin.“ Erschienen im Jahr 2010 bei Basic Books (New York). Snyders „Bloodlands“ ist das bekannteste und bei weitem das erfolgreichste Buch auf dem neuesten Stand, das versucht, Stalin mit Hitler, die Sowjetunion mit Nazi-Deutschland und den Kommunismus mit dem Hitlerfaschismus gleichzusetzen. Es hat viele Preise und Auszeichnungen erhalten und wurde in 26 Sprachen übersetzt. Snyder selbst ist ein „öffentlicher Intellektueller“, dessen Aufsätze häufig in Fachzeitschriften wie dem New York Review of Books und Times of London erscheinen.

Als ich zum ersten Mal Snyders Bloodlands las, erkannte ich sofort, auf der Grundlage meiner früheren Forschung, dass eine Reihe von sogenannten „Verbrechen“ und „Gräueltaten“, die er gegen Stalin und die Sowjets behauptet, unwahr – im Klartext Lügen – sind. Gespräche mit Freunden und Kollegen versicherten mir, dass Bloodlands einflussreich, eine wichtige anti-kommunistische Arbeit ist, deren Ansprüche breite Akzeptanz finden. Ich beschloss, jedes einzelne Stück von Beweisen systematisch zu überprüfen – Fußnoten, Dokumentationen – die Snyder zitiert, um „Verbrechen“, Grausamkeiten oder Fehlverhalten seitens Stalin, der sowjetischen Führung oder pro-kommunistischer Kräfte zu beweisen.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich bereits seit etwa sechs Jahren die Vorwürfe und Anklagen gegen Stalin und die Sowjetführung seiner Zeit studiert. Ich dachte, ich wäre in der Lage zu beweisen, dass einiges, vielleicht vieles, was Snyder behauptet, falsch sei – anti-kommunistische, „Anti-Stalinsche Lügen“.

Ich dachte auch, dass ich endlich Beweise für einige Verbrechen, Grausamkeiten oder Fehlverhalten von Stalin und der Sowjetunion entdecken würde. Schließlich hat Snyder eine Phalanx von professionellen anti-kommunistischen Forschern, die ihm helfen.

Die meisten von ihnen kommen aus Polen und der Ukraine – aus Ländern, in denen die post-sowjetische nationalistische Mythologie auf anti-kommunistischen Lügen basiert. Andere sind Deutsch, Französisch und Russisch. Ich musste Polnisch und Ukrainisch lernen, um die für dieses Buch notwendige Forschung zu bewältigen. Ich konnte schon Russisch, Deutsch und Französisch.

Ich dachte: Sicher hat dieses Team von hochmotivierten anti-kommunistischen Forschern, mit den Ressourcen ihrer nationalen Regierungen und Archiven von Originalquellen und Universitäten hinter sich, zumindest ein paar wirkliche „Verbrechen des Stalinismus“ aufgedeckt. Ich habe mich geirrt.

Ich fand heraus, dass von den Dutzenden von Anschuldigungen wegen „Verbrechen“ und Gräueltaten in Snyders Buch nicht eine einzige wahr ist. Entweder unterstützen Snyders Beweise in der Tat nicht die Schlussfolgerungen, die er zieht. Oder Snyder zitiert sekundäre Quellen, die diese Ansprüche enthalten, aber entweder nicht durch Beweise unterstützen oder wiederum die Beweise, die sie zitieren, nicht ihre Schlussfolgerungen unterstützen. In vielen Fällen sind Snyder und die anti-kommunistischen Forscher, auf deren Werk er sich verlässt, schuldig des Frevels der Unterlassung – des Schweigens über Beweise, die ihre Ansprüche widerlegen, wovon aber nur wenige Leute wissen.

Blut-Lügen, mein Buch, ist 588 Seiten lang, weil ich die Primärquellen-Beweise reproduziere, die ich in den Originalsprachen – Polnisch, Ukrainisch oder Russisch – und zusammen mit meinen eigenen Übersetzungen zitiere. Das hat „Blut-Lügen“ deutlich länger gemacht. Aber es ist wichtig, diese Beweise möglichst vollständig anzuführen.

Eine der wichtigsten Lektionen meiner Forschung über die Geschichte der Sowjetunion der Stalin-Zeit ist diese:

es gibt so viel Unehrlichkeit in diesem Forschungsbereich, so viele anti-kommunistische Historiker sind schuldig so sehr vorsätzlicher Täuschung im Zitieren von Primärquellen und Verweisen, dass wir keinem der Historiker dieser Periode vertrauen dürfen.

Alle Primärquellen müssen überprüft werden.

Natürlich bedeutet dies, dass auch ich die Leser meines Buches nicht bitten kann, meine Schlüsse einfach zu akzeptieren. Ich muss meinen Lesern die ganzen primären Quellen und Beweise zur Verfügung stellen, so dass sie sie für sich selbst studieren können. Und das ist es, was ich getan habe.

Snyder und andere anti-kommunistische und anti-stalinistische Historiker tun dies nicht, weil sie es nicht tun können. Die Beweise können ihre anti-kommunistischen anti-stalinschen Ansprüche einfach nicht unterstützen. Also beziehen sie sich in ihren Fußnoten auf schwer zu findende Dokumente in seltenen Sammlungen oder Sekundärquellen in polnischer oder ukrainischer Sprache in schwer zu findenden Zeitschriften.

Und wenn Sie die Artikel endlich finden, haben Sie oft keine Primärquellen oder Nachweise, sondern einfach nur weitere Verweise auf noch andere schwer zu findende Bücher, die auch in Polnisch oder Ukrainisch geschrieben sind.

Bloodlands ist ein völlig betrügerisches Buch. Nicht ein einziger Vorwurf über „Verbrechen“, Gräueltaten oder Untaten irgendeiner Art von Stalin, der Sowjetunion oder pro-kommunistischen Kräften hält den Beweisen stand.

Meine Studie demontiert komplett Snyders gehässigen Vergleich der UdSSR mit Nazi-Deutschland und Stalins mit Hitler und beweist, dass Snyders Buch auf Lügen, schlicht und einfach auf Lügen basiert.

Neben Dutzenden von angeführten „Verbrechen“ von geringerer Tragweite konzentriert Bloodlands sich auf acht große.

Es sind dies:

  • die Kollektivierung der Landwirtschaft;
  • die Hungersnot von 1932 bis 1933, der sogenannte „Holodomor“;
  • der „Große Terror“ oder die Jeschowtschina und
  • die „polnische Operation“ als Teil der Jeschowtschina;
  • der Molotow-Ribbentrop-Pakt;
  • die angebliche „sowjetische Invasion in Polen“ im September 1939;
  • der Warschauer Aufstand 1944 und Stalins angeblicher Anti-Semitismus.

In meinem Buch diskutiere ich all diese Anschuldigungen im Detail, mit voller Bezugnahme auf die besten zeitgenössischen Wissenschaften. In diesem Vortrag werde ich sechs dieser historischen Unwahrheiten diskutieren. Diese Lügen sind so weit verbreitet, dass viele Personen in der „Linken“ an sie glauben. Sie wurden von anti-kommunistischen „Gelehrten“ seit vielen Jahren gefördert.

1. Kollektivierung der Landwirtschaft

Meine Diskussion der Hungersnot 1932-1933 wird durch beste, seit jüngstem erhältliche Primärquellen gestützt. Sie basiert vor allem auf der Forschung von Professor Mark Tauger an der West Virginia University. Tauger hat sein Berufsleben von mehr als 20 Jahren dem Studium der russischen und sowjetischen Hungersnöte gewidmet und ist der Welt-Experte zu diesem Thema.

Hunger hat Russland im vergangenen Jahrtausend mehrere hundert Mal geschlagen.

Eine im Jahr 1988 veröffentlichte Studie von russischen Wissenschaftlern verfolgt diese Hungersnöte entlang historischen Aufzeichnungen seit dem Jahre 736 nach Christi Geburt bis 1914. Viele dieser Hungersnöte suchten auch die Ukraine heim.

Die Kollektivierung der Landwirtschaft wurde entwickelt, um den Kreislauf der Hungersnöte, der Russland und die Ukraine seit Jahrhunderten gequält hatte, zu beenden.

Sie war eine Reform – eine deutliche Verbesserung der Sicherheit und des Lebens der Bauernschaft und damit der gesamten Bevölkerung. Sie basierte nicht auf „Steuern“ oder „Ausbeutung“. Im Gegenteil: während der zehn Jahre 1929-1939 brachte die sowjetische Regierung Milliarden Rubel für die Landwirtschaft auf.

Stalin und die Bolschewiki sahen die Kollektivierung als den einzigen Weg an, um schnell die Landwirtschaft zu modernisieren und der Verschwendung und dem arbeitsintensiven Anbau auf einzelnem Landbesitz, oft in kleinen und weit verstreuten Streifen, ein Ende zu machen. Sie nutzten als Modelle für die Sowchosen die großen, hochmechanisierten Landwirtschaften bestimmter amerikanischer Farmen im Westen.

Die Realität ist, dass die Kollektivierung den Hungersnöten in der Sowjetunion ein Ende setzte, mit Ausnahme der letzten schweren Hungersnot 1946-1947. Wheatcroft, Autor der neuesten Studie zu dieser Hungersnot, kam zu dem Schluss, dass diese Hungersnot aufgrund von Umweltursachen stattfand.

Kurz gesagt, die sowjetische Kollektivierung der Landwirtschaft war einer der größten Triumphe des Social Engineering (der Sozialreform) des 20. Jahrhunderts, wenn nicht aller Zeiten. Statt Verurteilung verdiente sie einen Nobelpreis – wenn denn solche Preise für die kommunistischen Erfolge ausgegeben würden.

2. Die Hungersnot von 1932-1933

Zwei falsche Erklärungen dieser Hungersnot werden fast überall akzeptiert. Ukrainische Nationalisten behaupten, dass Stalin und die bolschewistische Führung den ukrainischen Bauern Korn vorenthalten hätten, um es zu exportieren; oder dass sie absichtlich ukrainische Bauern aushungerten, um die ukrainischen Bestrebungen nach Unabhängigkeit zu unterdrücken; oder beides.

Das ist der Mythos des „Holodomor“. Er entstand in der anti-kommunistischen ukrainischen Diaspora und wurde bewusst auf den jüdischen Holocaust modelliert. Diese Kräfte hatten an der Seite der Nazis gekämpft, und als die Rote Armee vorgerückt war, flohen sie mit den deutschen Truppen in den Westen.

Eine allgemeiner akzeptierte, mehr „mainstream“, aber immer noch politisierte Interpretation besagt, dass die Hungersnot durch die Kollektivierung der Landwirtschaft und übermäßige staatliche Getreiderequisitionen verursacht war, die zu Störungen, Misswirtschaft und Bauernaufständen und letztlich zu Hunger und Verhungern führten.

Dies ist die offizielle Position der russischen Regierung und jener anti-kommunistischen Wissenschaftler, die den „Holodomor“-Mythos nicht akzeptieren.

Keine dieser Erklärungen wird durch primäre Quellenbeweise bestätigt. Taugers Forschungen zu den primären Quellen zeigen, dass die Hungersnot durch Umweltfaktoren hervorgerufen wurde und in der Tat ein Teil der fortlaufenden Reihe von schweren Hungersnöten in der russischen Landwirtschaft war, die 1100 Jahre lang das Land geplagt hatten.

3. Die Jeschowtschina und die „Polnische Operation“

Wir wissen jetzt aus den Primärquellen, dass Jeschow direkt gegen die Absichten Stalins und der sowjetischen Führung gehandelt hat. Wir haben jetzt das Telegramm vorliegen, dass am 17. Juni 1937 gesendet wurde, kurz vor dem Juni-ZK-Plenum, in dem Jeschow den Bericht von S. M. Mironow, dem NKWD-Chef in Westsibirien, überreichte, in dem vor der Gefahr von Aufständen durch subversive Kräfte gemeinsam mit japanischen Diensten gewarnt wird. Darin berichtet Mironow, dass Robert Eikhe, Erster Sekretär Westsibiriens, beantragen wird, eine „Troika“ zu bilden, um mit dieser Bedrohung fertig zu werden.

Anscheinend haben sich Eikhe und dann eine Reihe von anderen Ersten Sekretären, Stalin und dem Politbüro nach dem Plenum angenähert und um besondere Befugnisse gebeten, um mit Verschwörungen, Aufständen und Revolten in ihren Bereichen fertig zu werden. Dies führte zu dem Dekret des Politbüros „Über anti-sowjetische Elemente“ vom 2. Juli 1937, das alle Ersten Sekretäre ermächtigte, „Kulaken und Verbrecher“, die in ihre Gebiete zurückgekehrt waren, festzunehmen, um die „Gefährlichsten“ von ihnen zu erschießen und die übrigen ins Exil zu senden.

Dieser Bericht der organisierten internen Revolten in Verbindung mit ausländischen Mächten (Japan, im Fall Westsibiriens) trat in Zusammenhang mit der Tuchatschewski-Affäre weniger als einen Monat zuvor auf. In diesem Fall wurden höchste Kommandeure der Roten Armee der Zusammenarbeit mit ausländischen Mächten und der Verschwörung, die sowjetische Regierung zu stürzen, überführt und verurteilt.

Die Loyalität der Militärbefehlshaber stand ernsthaft in Zweifel – zu Recht, wie wir heute wissen.

Der NKWD schien die einzige Kraft zu sein, auf die die Sowjetmacht sich verlassen konnte. Erst viel später ist deutlich geworden, dass Jeschow selbst mit ausländischen Mächten verschworen war, um die Regierung und Parteiführung zu stürzen, und dass er mit massiven Hinrichtungen unschuldiger Menschen Ressentiments zu schüren versuchte.

Während der nächsten Jahre war Stalin mit Berichten von Verschwörungen und Revolten aus der ganzen UdSSR überschwemmt. Man hat eine große Anzahl von ihnen in russischer Sprache veröffentlicht. Zweifellos bleiben viel mehr unveröffentlicht.

Anti-Kommunisten wollen, dass jeder denke, dass diese Massenmorde Stalins Plan und Absicht wären. Der anti-kommunistische russische Forscher Wladimir Nikolajewitsch Chaustow ist ehrlich genug zuzugeben, dass die Beweise dies nicht belegen.

Chaustow räumt ein, dass eine große Verschwörung des Jeschow wirklich existierte, und hat erklärt, dass Stalin von Jeschow getäuscht wurde. Chaustow gibt zu, dass Stalin in gutem Glauben gehandelt hat auf der Grundlage von Beweismitteln, die ihm von Jeschow vorgestellt worden sind, von denen vieles falsch gewesen sein muss. Jeschow gesteht dies in denjenigen seiner Bekenntnisse, die bisher veröffentlicht sind.

Allmählich wurden Stalin und das Politbüro über die Aktivitäten Jeschows misstrauisch. Im August 1938 wurde Lawrenti Berija zum Stellvertreter Jeschows ernannt. Offensichtlich war der wahre Grund dafür, Jeschow zu beaufsichtigen. Am 23. November 1938 wurde Jeschow überzeugt, sein Amt niederzulegen. Fast sofort begannen Berichte über schrecklichen, von NKWD-Leute begangene Verbrechen wie eine Flut einzukommen.

Am 29. Januar 1939 legten Malenkow, Berija und Andreew Stalin einen Bericht über die massiven Verbrechen Jeschows vor. Im April wurden Jeschow und sein Hauptassistent, Mikhail Frinowski, festgenommen, und sie gestanden ihre Verbrechen. Von Anfang 1939 bis Februar 1940 wurden Jeschow und viele seiner Männer angeklagt, verurteilt und für massive illegale Hinrichtungen und Unterdrückung von Sowjetbürgern bestraft. Dank Berijas Untersuchungen wurden in den Jahren 1939 bis 1940 mindestens 100.000 Personen aus der Haft befreit.

4. Der „Molotow-Ribbentrop-Vertrag“

Die Wahrheit ist, dass im September 1939 die Sowjetunion Polen nicht überfiel. Allerdings wird dieses Nicht-Ereignis – der angebliche Überfall auf Polen – in der Geschichtsschreibung als „Wahrheit“ angenommen. Ich habe noch keine historische Studie der letzten Jahre in der englischen Sprache gefunden, die über diese Angelegenheit richtig liegt.

Natürlich ist die UdSSR nie ein „Verbündeter“ von Nazi-Deutschland gewesen. Der „Molotow-Ribbentrop-Pakt“ („MR-Pakt“) war ein Nichtangriffsvertrag, nicht eine Allianz.

Die Behauptung, die Sowjetunion und Hitler-Deutschland seien „Verbündete“, wird einfach wiederholt, wird aber nie mit Beweisen gesichert. Der vollständige Text des Paktes steht im Internet. Er ist kurz. Jeder, der den Text liest, kann sehen, dass er keine Frage eines „Bündnisses“ jeglicher Art ist.

Die geheimen Protokolle des „MR-Pakts“ haben nicht irgendeine Teilung Polens geplant. Die Sowjets wollten zum Schutz der Sowjetunion die Erhaltung eines unabhängigen Polen.

Falls die polnische Armee geschlagen würde, konnte sie und die polnische Regierung sich über die Linie der sowjetischen Interessensphäre zurückziehen und so Unterschlupf finden, denn Hitler hatte vereinbart, in Polen nicht weiter nach Osten als bis zu dieser Linie zu ziehen. Von dort aus konnten die polnischen Behörden den Frieden mit Deutschland schließen. Der polnische Staat würde noch existieren.

Natürlich bot die Sowjetunion das nicht aus Liebe für das anti-kommunistische und anti-sowjetische Polen an. Die Sowjets wollten eine polnische Regierung – eine polnische Regierung irgendeiner Art – als Puffer zwischen der UdSSR und den Nazi-Armeen. Der Verrat der polnischen Regierung am eigenen Volk vereitelte diesen Plan.

4. Das Massaker von Katyn

Anti-Kommunisten behaupten, dass es einen historischen Konsens über die „Massaker von Katyn“ gäbe. Das ist nicht wahr. Vielmehr akzeptieren Anti-Kommunisten ohne Frage die Version, die die Sowjets für alle Schießereien beschuldigt, und verlangen, dass alle anderen auch so tun, – oder die Anti-Kommunisten werden sie bei bösen Namen nennen.

Die einzige objektive Art und Weise, sich mit dem historischen Streit um das „Massaker von Katyn“ zu befassen, beginnt mit der Anerkennung, dass es einen solchen

Streit tatsächlich gibt.

Die Ansicht, dass die Sowjets alle Polen erschossen und dass der Nazi-Bericht von 1943, abgesehen von seinen anti-semitischen Äußerungen, völlig wahrheitsgemäß sei, ist ohne Frage von Anti-Kommunisten überall akzeptiert, auch in Russland. Die Ansicht, dass die Deutschen die Polen erschossen und dass der sowjetische Burdenko-Bericht des Jahres 1944 der wahrhaftige ist, teilen viele Kommunisten und Pro-Kommunisten (mit Ausnahme der Trotzkisten) und viele russische Nationalisten.

In den Jahren 1990-1992 haben Michail Gorbatschow und Boris Jelzin behauptet, dass die Stalin-Führung der UdSSR tatsächlich die Polen erschossen habe. Das bestätigte praktisch alle Details der anti-kommunistischen polnisch-nationialistischen Version.

Im Jahr 1992 präsentierte Jelzin polnischen Beamten Faksimiles von Dokumenten von „Closed Packet No. 1“, die, wenn diese Dokumente echt wären, die Schuld der Sowjetunion zweifelsfrei bestätigen würden.

Doch seit 1995 haben einige russische Wissenschaftler argumentiert, dass diese Dokumente gefälscht seien. (Anm: so der ermordete Jurist und Dumaabgeordnete Prof. W. I. Iljuchin) Die Analyse dieser Dokumente, vor allem von russischen Forschern, die die „offizielle Version“ von Katyn ablehnen, ist seither fortgeschritten und wird immer detaillierter und anspruchsvoller. Aber schon lange vorher haben sich die Positionen auf beiden Seiten verhärtet. Unter denen, die die Sowjets schuldig glaubten, änderten nur sehr wenige ihre Meinung auf der Grundlage der neuen Beweise.

Ich zähle mich zu den wenigen, da ich meine eigene Haltung änderte: von der Überzeugung, dass „die Sowjets es taten“, zu einer agnostischen Position [23].

Seit 2010 ist zahlreiches wichtiges Beweismaterial in den Vordergrund gekommen, das die stärksten Zweifel an der „offizielle Version“ von Katyn aufwirft. In Wladimir Wolinsk, Ukraine, fanden polnische und ukrainische Archäologen Hinweise, dass zumindest zwei polnische Polizisten, von denen behauptet wurde, dass sie im April oder Mai 1940 von den Sowjets in der Nähe von Kalinin (jetzt Tver), Russland, erschossen wurden, in der Tat 700 Meilen entfernt und erst in der zweiten Jahreshälfte 1941 von den Deutschen und ihren ukrainischen nationalistischen Verbündeten nach dem faschistischen Überfall auf die Sowjetunion ermordet wurden. Diese Tatsache allein demontiert die „offizielle“ Version der Katyn-Erzählung.

[23] Das Adjektiv agnostisch bedeutet, dass man die Existenz einer Gottheit oder einer anderen höheren Macht für nicht beweisbar hält. Deren Existenz wird somit nicht verleugnet, aber eben auch nicht für gesichert gehalten.

Diese Entdeckungen zeigen, wie korrupt die Geschichtsschreibung rund um das „Massaker von Katyn“ geworden ist. Die Entdeckung der Abzeichen der beiden polnischen Polizisten, von denen man behauptet hatte, dass sie 16 Monate früher und siebenhundert Meilen vom Fundort entfernt erschossen und begraben wurden, ist der wichtigste Fund von den Ausgrabungen in Wladimir Wolinsk. Warum aber hat dieser Fund nicht die Publizität empfangen, die er verdient? Zweifellos, weil mächtige politische Kräfte in Polen und der Ukraine nicht wollen, dass es veröffentlicht wird – weil es zumindest Zweifel an der sowjetischen Schuld aufwürfe.

Daher wurde vertuscht. Der polnische archäologische Bericht erwähnt nur eins der zwei Abzeichen der zwei polnischen Polizisten. Und das nur in einer Fußnote mit nur einem kryptischen Hinweis auf Katyn – buchstäblich eine „codierte“ Referenz, verständlich nur für diejenigen, die mit dem Thema Katyn sehr vertraut sind. Der ukrainische archäologische Bericht erwähnt die Entdeckung der Abzeichen des polnischen Polizisten überhaupt nicht!

Es gibt gute Belege, dass die ukrainischen nationalistischen Kräfte an den Massenmorden an den Opfern in Wladimir Wolinsk teilgenommen haben. Unterdessen wird die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) überall in der westlichen Ukraine geehrt. Wladimir Wolinsk hat sogar eine Straße nach dem OUN-Führer und Nazi-Kollaborateur Stepan Bandera benannt, dessen Männer an den Massenmorden teilnahmen.

Sowjetische Schuld an „Katyn“ ist ein wesentlicher Bestandteil des nach 1990 wieder erstandenden polnischen Nationalismus. Polen hat „Katyn“ in eine anti-kommunistische und anti-russische Orgie der Verehrung für seine Opfer verwandelt. Die polnischen Regierungen haben Hunderte von Millionen von Dollar verbraucht für Hunderte von Denkmälern und Gedenkstätten, die „Katyn“ gewidmet sind.

Hunderte von Zeremonien, einige von sehr großem Umfang, wurden „Katyn“ gewidmet, wie auch Hunderte oder Tausende von Publikationen und die Bemühungen von Dutzenden von Wissenschaftlern. Die „offizielle Version“ von Katyn wird in allen polnischen Schulen unterrichtet. Neben dem Motiv des Anti-Kommunismus wird „Katyn“ als Waffe lebendig gehalten, um Russland zu schlagen, weil Russland der Erbe der Sowjetunion ist. Polen setzt seinen jahrelangen Kampf fort, „Katyn“ für eine Instanz von „Völkermord“ zu erklären und Russland zu zwingen, Reparationen an die Familien der Opfer zu zahlen. (Anm: s.a. Europäischer Gerichtshof: Lügen über Katyn entlarvt!)

Doch jetzt wissen wir, dass kein „Katyn“ passiert ist – das heißt, keine einzige Kette von Ereignissen, in der Sowjets die polnischen Kriegsgefangenen erschossen haben.

Aber polnische, ukrainische und andere Anti-Kommunisten wollen dies in der Regel nicht bestätigen. Noch viel weniger wollen sie, dass ihre eigenen Bürger oder die Welt die große sowjetische Schuld an Katyn überhaupt anzweifeln.

Die Geschichte von „Katyn“ ist ein faszinierendes historisches Rätsel. Jedes ähnliche Ereignis in, zum Beispiel, der amerikanischen Geschichte würde schon vor langer Zeit die Aufmerksamkeit von Duzenden von Forschern, professionellen und Amateuren, erregt haben. Aber in Polen ist es „Tabu“, auch nur einmal für eine Minute die offizielle „Die-Sowjets-taten-es“-Version von Katyn in Frage zu stellen. Daher die Vertuschung und die Verweigerung.

Trotzki in den 30er Jahren

Meine nächsten zwei Bücher werden die Aktivitäten Leo Trotzkis in den 1930er Jahren untersuchen. In dem ersten Buche werde ich Dokumenten aus dem Harvard Trotzki-Archiv und der Nikolajewski Sammlung in der Hoover Institution in Stanford, Kalifornien auswerten. Dank diesen Materialien wissen wir jetzt, dass Trotzki mit fast allem, was er über seine eigenen Aktivitäten und über die Sowjetunion während der ganzen Zeit der 1930er Jahre verbreitete, absichtlich gelogen hat.

Ich werde auch die Beweise, dass Trotzki mit den Deutschen und Japanern die Zusammenarbeit plante, diskutieren – Vorwürfe, die von der Staatsanwaltschaft und Angeklagten bei dem zweiten und dritten Moskauer Prozess Januar 1937 und März 1938 präsentiert wurden, und die allgemein als falsch zurückgewiesen werden. Das Buch wird auch kritisch die wesentlichen Biographien über Trotzki prüfen, die allesamt unehrlich, inkompetent, oder – in der Regel – beides sind.

Mein zweites Trozki-Buch wird Dokumente untersuchen, die erst vor kurzem aus ehemals sowjetischen Archiven veröffentlicht wurden. Diese Beweise geben zusätzliche Informationen über Trotzkis Verschwörung mit den Deutschen und Japanern, über Juri Pjatakows heimliche Reise zu Trotzki in Norwegen im Dezember 1935 und über anderen Fragen.

Das erste Buch wird in diesem Jahr 2015 veröffentlicht; das zweite im nächsten Jahr.

Schluss

Die anti-kommunistischen „Wissenschaftler“ haben alle Ressourcen von Bibliotheken, Archiven und das Geld ihrer kapitalistischen Staaten hinter sich. Wenn es in der Tat irgendein „Verbrechen des Stalinismus“ gäbe, so wäre es unmöglich, dass solche spezialisierten anti-kommunisten Beweise für solche nicht gefunden hätten.

Die Tatsache, dass die professionellen anti-kommunistischen Wissenschaftler wie Professor Timothy Snyder von der Universität Yale nichts als Lügen wiederholen, ist der beste Beweis, den wir wahrscheinlich haben werden, dass es überhaupt keine „Verbrechen des Stalinismus“ gibt.

Ich setze weiterhin meine Bemühungen fort, das Studium der sowjetischen Geschichte der Stalinzeit so objektiv wie möglich zu halten, was bedeutet: die Primärquellen-Nachweise sorgfältig zu identifizieren, zu lokalisieren, zu erhalten, zu studieren und Konsequenzen daraus zu ziehen, die seit der Öffnung der Trotzki-Archive und der sehr teilweisen Öffnung einiger ehemals sowjetischer Archive zur Verfügung stehen.

Ein genaues Verständnis der Geschichte der Stalinzeit in der Sowjetunion ist unerlässlich, wenn wir die Lehren, positive und negative, aus den Erfahrungen des ersten Arbeiterstaates ziehen wollen. Heute verstehen wir diese Geschichte nicht! Alle Versionen dieser Geschichte – die von Chruschtschow, die post-sowjetischen Chruschtschow-Versionen, einschließlich die Gorbatschow-Version, die trotzkistische Version und natürlich auch die offen anti-kommunistischen Varianten der Zeit des Kalten Krieges – alle sind falsch, zusammengebraut aus Lügen. Viele dieser Lügen haben ihren Ursprung in der Sowjetunion selbst, bei Chruschtschow und seinen Autoren, und dann bei Gorbatschow.

Wenn wir die Lehren, positive wie negative, der Stalin-Zeit in der Sowjetunion nicht ziehen, sind wir am ehesten dazu verdammt, ihre Erfahrung zu wiederholen – was bedeutet, ihr Versagen zu wiederholen. Denn der Sozialismus der Sowjetunion entwickelte sich nicht zum Kommunismus. Es ist wichtig, für die Arbeiterklasse der Welt, dass wir lernen, was die Sowjets positiv, richtig taten, und das, was sie negativ, unrichtig taten, was in die Restauration des Kapitalismus geführt hat.

Das Chruschtschow-Paradigma ist seit langem die vorherrschende Meinung über die Geschichte der „Stalin-Jahre“ gewesen. Die Forschung, über die ich hier berichte, kann zu einem neuen Anfang beitragen. Die Wahrheit, die schließlich auftauchen wird, wird auch große Bedeutung haben für das großartige marxistische Projekt zum Verständnis der Welt, um sie zu ändern, das Projekt des Aufbaus einer klassenlosen Gesellschaft, der sozialen und wirtschaftlichen Gerechtigkeit.

Ich bin froh, auf eine kleine Weise zu diesem wichtigen Ziel beitragen zu können.

Vielen Dank!

Grover Furr, Berlin, Humboldt-Universität, 30.05.2015

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