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Genosse Domenico Losurdos „Flucht aus der Geschichte“, Teil 3: „Der Mangel an Autonomie und historischem Gedächtnis”


Genosse Domenico Losurdos „Flucht aus der Geschichte“

Teil 3: „Der Mangel an Autonomie und historischem Gedächtnis”

kurt-gossweiler-3Dr. Kurt Gossweiler

GENOSSE DOMENICO LOSURDOS FLUCHT AUS DER GESCHICHTE” [1] – KRITISCHE ANMERKUNGEN

Und das ist der Inhalt der ganzen Arbeit:

Vorbermerkung
Teil 1: „Flucht aus der Geschichte?
Teil 2: „Implosion oder Dritter Weltkrieg?”
Teil 3: „Der Mangel an Autonomie und historischem Gedächtnis”
Teil 4: „Die Jahre Lenins und Stalins”
Teil 5: „Warum ging der Dritte Weltkrieg verloren”
Teil 6: „Marxismus und Anarchismus”
Teil 7: „China und der Sozialismus”
Fazit
Anmerkungen

Teil 1, Teil 2, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7;

Vorbemerkung

Es verdient schon eine besondere Beachtung, wenn ein namhafter linker Philosoph eine umfangreiche Schrift verfasst mit der offen verkündeten Absicht, die Kommunisten von dem ihnen eingeredeten schlechten Gewissen – er selbst nennt es „Selbsthass“ – und zugleich von dem ihnen gleichfalls eingeredeten Fehlurteil zu befreien, alles Böse, das der kommunistischen Bewegung widerfahren ist, und alles Böse, das ihr zur Last gelegt wird, rühre von einem einzigen Manne her, von Stalin.

Und es verdient erst recht Beachtung, muss aber zugleich erhebliche Verwunderung hervorrufen, wenn einer Schrift mit einer derartigen Zielsetzung zu einer Massenverbreitung verholfen wird von solchen, einem Stalin ganz und gar nicht gewogenen Blättern wie der Tageszeitung „junge Welt“ und der Zeitschrift „Marxistische Blätter“.

Wem an einer vorurteilsfreien Darstellung der Geschichte der kommunistischen Bewegung gelegen ist, der kann sich darüber nur freuen. Und so freute auch ich mich, als ich am 15. März dieses Jahres den Teil 1 der Losurdo-Studie in Händen hielt. Die Freude war aber nicht von Dauer, weil das von Losurdo entworfene Bild der Geschichte der kommunistischen Bewegung schwerwiegende Lücken aufweist und seine Thesen zu den Ursachen des Unterganges der Sowjetunion mit der Wirklichkeit kaum etwas zu tun haben.

Dennoch hatte ich nicht die Absicht, mich schriftlich dazu zu äußern. Ich wollte nur in einem Brief an Freunde in aller Kürze meine Einwendungen gegen Losurdos Darstellung skizzieren. Aber beim Schreiben ergab sich für mich dann doch die Notwendigkeit, nicht nur die Einwände zu formulieren, sondern sie auch zu begründen und durch die historischen Fakten zu untermauern. So wuchsen diese Anmerkungen aus ihrer Brief-Form, von der nur rudimentäre Reste zu Beginn blieben, heraus und immer mehr in ihre jetzige Gestalt hinein.

Angesichts der großen Verbreitung und der Bedeutung der in ihr behandelten Fragen ist der Losurdo-Studie eine breite und gründliche Diskussion zu wünschen. Diese Anmerkungen möchten dazu einen Beitrag leisten.

Teil 3: „Der Mangel an Autonomie und historischem Gedächtnis”

Hatte ich beim ersten Lesen von Teil 1 und 2 zunächst den Eindruck weitgehender Übereinstimmung mit meinen Ansichten, so hat mich bereits der Ausgangspunkt, den Losurdo hier gewählt hat, verwundert. Er beschreibt in diesem Teil an vielen Beispielen, dass die Linken einschließlich von Kommunisten „im großen und ganzen sich der herrschenden Ideologie“ anschließen; und er wundert sich darüber: „Es ist, als ob ein ideologisches Hiroshima die Fähigkeit großer Teile der internationalen kommunistischen Bewegung zu eigenständigem Denken zerstört hätte“.(S. 20)

Losurdo und der Mangel an historischem Gedächtnis

Nun ist das Wundern am Leser: Ist denn Losurdo so jung, dass er das „ideologische (und politische!) Hiroshima“ der kommunistischen Bewegung und die von ihm ausgehende schwere Erschütterung der ganzen kommunistischen Weltbewegung, nämlich den XX. Parteitag der KPdSU, nicht miterlebt hat, auf dem erstmals der erste Mann der Partei Lenins keine eigenständige kommunistische Einschätzung der Geschichte der eigenen Partei gab, sondern in wesentlichen Teilen die Einschätzung der Feinde der Sowjetunion übernahm? Aber selbst dann muss er doch auf jeden Fall die Reden Chruschtschows und die Materialien der anschließenden heftigen Auseinandersetzungen mit dem Revisionismus auf den Internationalen Konferenzen von 1957 und 1960 zur Kenntnis genommen haben, ganz zu schweigen von der Kritik Togliattis, der Chruschtschow bescheinigte, dass seine Stalin-Verdammung „außerhalb der dem Marxismus eigenen verstandesmäßigen Urteilskraft“ liegt! Und ihm muss doch auch bekannt sein, wie unterschiedlich, ja gegensätzlich Gomulka, dieses Protektionskind Chruschtschows, auf der einen, Togliatti auf der anderen ein Folgeereignis des XX. Parteitages, den putschartigen Ausstand der Poznaner Arbeiter vom Juni 1956, beurteilten: In der „Unita“ vom 3. Juli 1956 schrieb Togliatti:

Der Feind existiert. Er ist stark, aktiv, und kennt keine Gnade. Die Ereignisse in Polen erinnern uns mit besonderer Eindringlichkeit daran. Wie viel Gewehre und Maschinengewehre kann man in Funktion treten lassen, wenn man 125 Millionen Dollar jährlich ausgibt. Der Feind existiert also. Er arbeitet jedoch auch an anderen Stellen, um uns von unserem Wege abzubringen, um zu verwirren und zu zersetzen, um die Wirklichkeit zu entstellen und mit allen Mitteln die Fortschritte des Sozialismus zu hemmen.“

Soweit der Leninist Togliatti. Und wie schätzte der von Chruschtschow wieder in den Sattel als Parteiführer gehobene Revisionist Gomulka auf dem 8. Plenum der Polnischen Partei vom Oktober 1956 das gleiche Ereignis ein?

Es wäre sehr naiv, wollte man den hoffnungslosen Versuch unternehmen, die bittere Tragödie von Poznan als das Werk imperialistischer Agenten und Provokateure hinzustellen.”

Also lange vor der Niederlage von 1989/90 erhebt sich gegen die Stimme des sein selbständiges Denken als Marxist-Leninist bewahrenden Togliatti die Stimme des die „herrschende imperialistische Ideologie“ transportierenden Revisionisten Gomulka!

Aber Losurdo scheint von all den Zeugnissen dessen, dass sich der Anschluss einer bestimmten Sorte von Kommunisten an „die herrschende (imperialistische) Ideologie” schon auf und im Gefolge des XX. Parteitages der KPdSU vollzogen hat, nie etwas gehört oder bemerkt zu haben, obwohl es unvorstellbar ist, dass ihm verborgen geblieben sein soll, dass der Keim für die Zerstörung der italienischen Partei spätestens mit dem Übergang zum „Euro-Kommunismus“ gelegt wurde, auf jeden Fall lange vor dem Desaster von 1989/90, das er immer wieder zum Auslöser der Verwirrung und des „Verlustes an Souveränität“ bei den Kommunisten vorführt.

Er sucht die Erklärung für das von ihm erst seit der Niederlage bemerkte Phänomen „einer kommunistischen Bewegung ohne oder mit bestenfalls beschränkter Souveränität“(S. 21) nicht in Prozessen innerhalb dieser Bewegung, sondern in einer übermächtigen Kraft außerhalb ihrer.

Carl Schmitt als Verständnishelfer für die „beschränkte Souveränität“ der Kommunisten

Seinen Erfolg bei dieser Suche dankt er dem „ultrareaktionären und genialen Juristen Carl Scmitt“ und dessen Aussage: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Losurdo meint nämlich, diese Formel Schmitts könne „nicht nur helfen, die konkrete Funktionsweise einer Verfassungsordnung… zu verstehen, sondern auch das Leben und den realen Grad von Autonomie einer politischen Bewegung“.(S. 20)

Es dient der Kennzeichnung der „Genialität“ dieses in der Tat ultrareaktionären, nämlich faschistischen Staatsrechtlers Carl Schmitt, dass dieser seinen von Losurdo zustimmend zitierten Satz anlässlich der Morde des 30.Juni 1934 – (an dem SA-Chef Röhm, am einstmals zweiten Mann nach Hitler, Gregor Strasser, am ehemaligen Reichskanzler und Reichswehr-Chef Kurt von Schleicher und vielen anderen) – wie folgt konkretisierte:

„Der Führer schützt das Recht vor dem schlimmsten Mißbrauch, wenn er im Augenblick der Gefahr kraft seines Führertums als oberster Gerichtsherr unmittelbar Recht schafft …  Der wahre Führer ist immer auch Richter. Aus dem Führertum fließt das Richtertum … Inhalt und Umfang seines Vorgehens bestimmt der Führer selbst.“ (Deutsche Juristenzeitung v. 1.8.1934)

Also mit dieses Schmitts Hilfe wurde Losurdo in den Stand gesetzt, uns darüber aufzuklären, woher es kommt, dass Kommunisten ihre eigenständige Urteilsfähigkeit verloren. Das ist schon ein recht merkwürdiges Verfahren: nicht Marx und Lenin und ihre Aufdeckung des Zusammenhangs von Kapitalismus/Imperialismus und Opportunismus sind für Losurdo der Schlüssel zum Verständnis dessen, dass in der kommunistischen Bewegung von vielen der ihr Angehörenden statt der eigenständigen kommunistischen Einschätzungen jene der Herrschenden übernommen werden, sondern dieser eine Satz des faschistischen Staatsrechtlers: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet“. Als ob die Aufgabe des Klassenstandpunktes und der Übergang auf den Standpunkt des Klassengegners – denn um nichts anderes handelt es sich bei dem von Losurdo beschriebenen Phänomen -, nur auf Situationen des Ausnahmezustandes beschränkt wären!

Aber eben dies: dass es sich um die Aufgabe des Klassenstandpunktes handelt, wird von Losurdo verschleiert und geleugnet, wenn er schreibt:

„So ergibt sich das betrübliche Faktum einer kommunistischen Bewegung ohne oder mit bestenfalls beschränkter Souveränität. Wenn souverän der ist, der über den Ausnahmezustand entscheidet, dann ist klar, dass der Souverän par excellence in Washington sitzt; und seine Souveränität ist derart voll und unumschränkt, dass er die eigenständige Urteilsfähigkeit von Kreisen, Presseorganen und Bewegungen, die sich als kommunistisch verstehen, einschränken und sogar beseitigen kann..”(S. 21)

Ja, wieso soll man da noch über einen Chruschtschow und einen Gorbatschow räsonieren, wenn man dank dem genialen Carl Schmitt erkannt hat, dass alles Übel der eigenen Bewegung von der Übermacht des Souveräns in Washington kommt!

Was aber bleibt dann zu tun? Losurdo weist wieder den Weg:

„Die Kommunisten sind aufgerufen, sich endlich frei zu machen von jener beschränkten Souveränität, welche die Sieger im Kalten Krieg bzw. im „Dritten Weltkrieg“ so gerne verewigen möchten“.(S. 24)

Ob dieser Ratschlag Losurdos ausreicht, erscheint aber sehr zweifelhaft angesichts der Tatsache, dass sogar ihm selbst nicht gelungen ist, ihm zu entsprechen; folgt er selbst doch bei der Beurteilung der Ereignisse in Ungarn vom Herbst 1956 ganz dem Urteil des allmächtigen Souveräns, statt dem eigenständigen kommunistischen Urteil. Dieses lautet bekanntlich: In Ungarn wurde durch die Intervention der Sowjettruppen eine blutige Konterrevolution gegen die sozialistische Ordnung niedergeschlagen. Wie aber beurteilt Losurdo diese Ereignisse? „Der dreißigste Jahrestag des ungarischen Aufstandes“ – (Aufstandes, nicht Konterrevolution, sagt Losurdo!) „war Grund, sich der sowjetischen Invasion in Ungarn 1956 zu erinnern; logischer- wie pflichtgemäßer Weise beschäftigten sich die Kommunisten damit in tiefgründiger und unbarmherziger Selbstkritik“.(S. 23) „Die Kommunisten“? Er meint offenbar jene, die mit dem Washingtoner Souverän in der Lobpreisung des „Aufstandes“ und der Verurteilung seiner Niederschlagung konform gingen, nicht aber jene, die ihren selbständigen kommunistischen Standpunkt beibehalten haben.

Jenen Kommunisten, deren Übernahme des Standpunktes des USA-Imperialismus er für gut heißt, kann er nun schlechterdings nicht fehlende Souveränität des Urteils vorwerfen, ohne sich selbst damit zu treffen; aber dass sie – im Unterschied zu ihm selbst – dennoch nur „eingeschränkt souverän“ urteilten, hält er ihnen nun mit dem Vorwurf vor, dass sie nicht in gleicher Weise die Jahrestage der Schandtaten der Gegenseite, z.B. der Kuomintang von 1947, der USA von 1989 in Panama, zu entsprechenden Verurteilungen benutzten.

„Man darf wohl sagen, dass die Linken und nicht wenige Kommunisten heute auch im Hinblick auf ihre historische Wahrnehmung und ihr historisches Gedächtnis nur über eine beschränkte Souveränität verfügen.”(S. 23)

So darf man sagen, aber man trifft damit nicht das Wesen der Sache, den Verlust des Klassenbewusstseins bzw. die Preisgabe des Klassenstandpunktes. Und schon gar nicht erklärt man damit deren Ursachen, ist doch bedauerlicherweise auch Losurdos historisches Gedächtnis von erstaunlicher Lückenhaftigkeit. Weshalb sonst fehlte bei ihm ein Hinweis darauf, dass kein anderer als Gorbatschow ein schier unglaubliches Zeichen der Unterwerfung unter den Souverän in Washington gab, indem er im Sommer 1990 einen Spitzenmanager aus dem Stabe des USA-Präsidenten ausborgte, um besser regieren zu können? Im „Neuen Deutschland“ vom 16./17. Juni 1990 berichtete Klaus Steiniger darüber:

Bush stellt Trainer….Präsident Bushs rechte Hand – John H. Sununu – wird für einige Zeit in den Moskauer Kreml umziehen. Der erfahrene…Politmanager soll Gorbatschows Stab seine Erfahrungen beim Aufbau einer effektiven Präsidialkanzlei und in der Zusammenarbeit mit dem Parlament vermitteln“.

Wieso eigentlich wundert sich Losurdo angesichts solch schmählicher Unterwerfungsrituale des ersten Mannes der Sowjetunion über „das betrübliche Faktum einer kommunistischen Bewegung ohne oder mit bestenfalls beschränkter Souveränität“?

 

Anmerkungen:

[1] Meine kritischen Anmerkungen wurden verfasst auf der Grundlage der in „junge Welt” vom 15. bis 23. März 2000 veröffentlichten Studie Losurdos „Flucht aus der Geschichte? Die kommunistische Bewegung zwischen Selbstkritik und Selbsthass“. Erst nach Fertigstellung meiner Anmerkungen konnte ich auch die Veröffentlichung der gleichen Studie als „Flugschrift 01“ der „Marxistischen Blätter” einsehen. Die Überschriften der sieben Teile werden nach „junge Welt” zitiert, die Seitenangabe für die Losurdo-Zitate beziehen sich auf die Ausgabe der „Marxistischen Blätter“.

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