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Bestrafte Menschlichkeit


Bestrafte Menschlichkeit

Sascha’s Welt, 22. Februar 2018

produktevernichtungImmer wieder fangen wir davon an: In der DDR gab es so was nicht! Ja, die DDR war ein sozialistischer Staat, ein Staat der Menschlichkeit und Menschenwürde. In der DDR gab es keine Armen, keine Hungernden und eben auch keine Arbeitslosen. Sicher paßte das nicht allen in den Kram, vor allem nicht den ehemaligen Nazis. Viel lieber hätten sie es gesehen, wenn die DDR gleich nach ihrer Gründung wieder von der Landkarte verschwunden wäre. Sie waren noch kurz vor Ende des Krieges in den Westen abgehauen, die enteigneten Kriegsverbrecher, die Nazischergen, die Adligen und SS-Leute – „vor den Russen“, wie es hieß. Ihre zusammengeraubten Reichtümer hatten sie mitgehen lassen, jedenfalls alles das, was nicht niet- und nagelfest war. Und so konnten wir zwar in Ruhe und Frieden unser Land wiederaufbauen, endlich frei von Ausbeutung und Unterdrückung, frei von Kapitalisten und Nazis, doch Feinde blieben sie uns trotzdem, die im Westen. Doch Lebensmittelvernichtungen wie im Kapitalismus gab es bei uns nie…

7.500 Dollar Strafe für eine Geste der Vernunft und Menschlichkeit

Harald Wessel

Der junge Mann, mit dem ich im Bekanntenkreis eine Folge von Konrad Wolfs Fernsehserie „Busch singt“ ansah, begriff diese alten bewegten Bilder nicht: Milch ins Meer, brennendes Getreide, verheizte Kaffeebohnen. Auf dem kapitalistischen Markt, dozierte ich, hängt der Preis von Angebot und Nachfrage ab. Steigt das Warenangebot bei gleichbleibender Nachfrage, so sinkt der Preis. Sinkt das Angebot, steigt der Preis. Die Nachfrage wiederum hängt vom Preis ab. Niedrige Preise sind für mehr Menschen erschwinglich als hohe. Mit der Vernichtung von Lebensmitteln werden dieselben künstlich verknappt, was die Preise so erhöht, daß die Kapitalisten einen sicheren Profit haben, ob­gleich ein Teil der Produktion vernichtet wurde. Zugegeben, für normale Menschen schwer zu verstehen!

Hunderttausende Tonnen Orangen vernichtet!

In bürgerlichen Medien wird über die bis heute geübten Praktiken der Vernichtung von Lebensmitteln kaum berichtet. Eine Ausnahme bildete im Sommer 1981 die Hamburger Zeitschrift „GEO – Das neue Bild der Erde“. Die Natur hatte dem sonnigen Kalifornien eine Rekordernte an Orangen geschenkt. Um die Preise profitabel hoch zu halten, wurden von den 1,5 Millionen Tonnen Nabelfrüchten 350.000 Tonnen auf abgesperrte Müllkippen gefahren oder auf alten Flugplätzen mit Spezialtraktoren in Matsch verwandelt. Da witterte GEO sensationell bunte Bilder und schickte einen Fotoreporter nach Kalifornien.

Das Ausmaß des Wahnsinns in Farbe

Die kilometerlange Betonpiste des stillgelegten Flugplatzes Famose nördlich der Stadt Bakersfield war völlig mit „ausrangierten“ Orangen übersät. GEO-Fotograf Peter Menzel mußte einen Hubschrauber mieten, um das ganze Ausmaß des Wahnsinns in „schönen Farben“ auf den Film zu bannen. Die Fotos erschienen in Heft 6/1981 von GEO. Dort wurde auch Skip Pescosolido vorgestellt, der in Visalia die „Exeter Orange Company“ betrieb. Skip hatte ein paar Lastzüge mit Orangeh, die vernichtet werden sollten, in die Slums von Oakland und San Francisco umdirigiert, in die Viertel der Armen, zu den Schwarzen und Mexikanern, die – wie GEO schrieb – den „American Dream von Wohlstand und Glück ganz vergebens träumen“.

Menschlichkeit wird betraft

Doch Orangen zu verschenken statt zu vernichten – diese Geste der Vernunft und Menschlichkeit widersprach den Spielregeln der Profiteure. Das war gesetzwidrig und wurde mit 7.500 Dollar Geldstrafe geahndet! Ich weiß nicht, ob und wie Skip Pescosolido sich vor Gericht verteidigt hat. Er hätte den bekannten nordamerikanischen Schriftsteller Upton Sinclair zitieren können, der sich 1933 angesichts der Krisennot in Kalifornien entschloß, für das Amt des Gouverneurs in diesem USA-Bundesstaat zu kandidieren. Auf Sinclairs Wahlprogramm unter dem Slogan „Schluß mit der Armut in Kalifornien“ stand auch der Punkt: „Die Vernichtung von Nahrungsmitteln oder anderem Reichtum oder die Einschränkung der Produktion ist ökonomischer Wahnsinn.“

Vergebliche Hoffnung auf Gerechtigkeit

Sinclair setzte vor 80 Jahren große Hoffnungen auf Franklin Delano Roosevelt, der im März 1933 ins Weiße Haus eingezogen war und das „New Deal“, einen neuen Kurs, ein neues Abkommen zwischen arm und reich, versprochen hatte. Roosevelt gelang es zwar, mit staatlich finanzierten Notstandsarbeiten die Massenarbeitslosigkeit einzudämmen und – erstmalig in der Geschichte der USA! – eine Art Altersrente einzuführen. Doch sein Programm zur „Wiederherstellung der Nationalen Wirtschaft“ (NIRA), das sozial geprägte staatliche Eingriffe in die Wirtschaft vorsah, wurde im Mai 1935 vom Obersten Bundesgericht für verfassungswidrig erklärt.

Die Preise auf profitabler Höhe

Statt Preiskontrollen im Interesse der Armen setzte sich die Praxis der staatlichen Prämien für brachgelegten Boden durch. Mit den Steuergroschen des kleinen Mannes werden bis heute Nahrungsmittel künstlich verknappt, um die Preise auf profitabler Höhe zu halten. Mit wirklichem Überfluß hat das nichts zu tun. Nachdem 1982 die öffentlichen Sozialausgaben zugunsten der Rüstung radikal gekürzt wurden, sammelten zu Weihnachten vernünftige Hollywood-Schauspieler Lebensmittelspenden für 30.000 hungernde Einwohner von Los Angeles, wo es anderthalb Millionen Notleidende gibt.

In Kassel verurteilt Europas Erntedankfest

In Heft 1/1983 brachte GEO übrigens einen neuen Bildbericht über Lebensmittelvernichtung. Schlagzeile: „Europas Erntedank“. Farbfotos zeigen riesige Halden von Äpfeln, Kartoffeln, Pfirsichen, Blumenkohl, Tomaten und Birnen – mit Steuermitteln aufgekauft und zum vorsätzlichen Verderb bestimmt, damit die Profite stimmen.

Laut Urteil des Verwaltungsgerichts Kassel ist es nicht gestattet, vom „überflüssigen“ Obst und Gemüse etwas kostenlos an Studentenküchen abzugeben. Die sollen gefälligst die künstlich erhöhten Preise bezahlen! Das Kasseler Urteil stammt vom April 1982. Wie hätte das ein DDR-Junge auch verstehen sollen!

Quelle: DDR-Zeitschrift Das Magazin 2/1983, S.27 (Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

Landwirtschaft und Lebensmittel in der DDR?

Wie war das nun in der DDR wirklich? In jeder kleineren und größeren Stadt der DDR gab es eine „GPG Obst und Gemüse“, mehrere LPG und landwirtschaftliche und gärtnerische Großbetriebe, die ohne lange Anfahrtswege die Einwohner mit Obst und Gemüse versorgen konnten. Das war eine Selbstverständlichkeit. Darüber hinaus hielten sich viele Städter einen Kleingarten, in dem sie eigenes Obst und Gemüse anbauten.

Hier ein Bild der Bauersfrauen einer LPG, sie hatten sichtlich Spaß an ihrer Arbeit:

Bauersfrauen

Es war auch nicht notwendig, die Lebensmittel derart häufig mit sog. Pflanzenschutzmitteln (also mit chemischen Giftstoffen) zu behandeln, weil lange Lagerzeiten ohnehin nicht erforderlich waren. Alles kam frisch in die Läden und auf die Wochenmärkte. Heute wird ein Apfel 30 mal pro Jahr gespritzt, in der DDR waren das kaum 2-3 mal. Die Vernichtung von Lebensmittel ist ein Verbrechen an der Menschheit. Wenn dann heute an Plakatwänden zu lesen ist: „Unsere Formel für mehr Gerechtigkeit in der Welt: H2O“ – so ist das nichts als eine zynische Verhöhnung der Opfer. Nach einem Bericht von UNICEF sterben an jedem Tag in der Welt 7.000 Babys kurz nach ihrer Geburt…

Begriffe:
LPG – Landwirtschaftliche Produktionsmgenossenschaft (siehe: Was ist eine LPG?)
GPG – Gärtnerische Produktionsgenossenschaft

Siehe auch:
Die Illusion von der Überwindung der Krisen im Kapitalismus
Das Märchen vom USA-Aufschwung
Wird es bald wieder eine Vollbeschäftigung geben?
Was ist deine Arbeit wert, Kollege?

Ein schönes Stück Zeitgeschichte ist auch der Film: Schlösser und Katen.

Bildergebnis für schlösser und katenIch habe den Film erst jetzt wieder entdeckt und ihn mir mehrmals angesehen.
Genauso wie in diesem Film geschildert, war diese Zeit auch in unserem Dorf, und wird in vielen Dörfern so gewesen sein. Die Klein- und Neubauern haben ums Überleben gekämpft und die Großbauern lebten in Saus und Braus, ließen die gesamte Landebevölkerung für sich arbeiten, selbst die Klein- und Neubauern (für die geliehenen Maschinen).
Dann, als es darum ging eine LPG zu gründen, haben sie lieber die Höfe ansteckt und sind in den Westen abgehauen. Drei Höfe sind mit dem gesamten Viehbestand, bis auf die Grundmauern, niedergebrannt. Im Westen haben Sie dann noch Schadenersatz dafür kassiert. Solidarität mit der DDR-Bevölkerung, den Klein- und Neubauern – Fehlanzeige. Im Westen haben sie dann noch jahrelang gegen die DDR gehetzt.
1989 kamen die Nachfahren diese Verbrecher dann wieder angekrochen als wäre nichts gesehen. Sie waren ja die Sieger der Geschichte.
Heute bewirtschaften sie als GmbH die „Großflächen der LPG” und sind leistungsfähiger als die Bauern in der BRD.
Und noch eins, dass Dorf besteht heute wieder aus Schlössern und Katen; reichen „Großbauern” und armer Landbevölkerung. Das Mehrfamilienwohnhaus, das die LPG gebaut hat, wurde von einem reichen Investor aus dem Westen gekauft und die Wohnungen sogleich in Eigentumswohnungen umgewandelt. Kaufen oder raus, war das Motto. Heute wohnen in diesem Haus die „Privilegierten“ der Großbauern. Sogar die Schnitterkaserne ist wieder bewohnt. (Schnitter = Wanderarbeiter in der Landwirtschaft, meist polnischer Abstammung) Die Geschichte wurde wieder vor 1946 (Bodenreform) zurückgedreht.
Dieser Film ist ein realistisches Stück Zeitgeschichte, der die Vergangenheit, die Gegenwort und die Zukunft so vieler Dörfer widerspiegelt. Er darf nicht vergessen werden darf.

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