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Begegnungen mit Ernst Thälmann


Begegnungen mit Ernst Thälmann

thaelmann-1Eine Hauptfigur des Hamburger Aufstands 1923 war Ernst Thälmann. Dieser Mensch, der schon mit 14 Jahren als Packer, Kutscher, Hafenarbeiter, Lastträger im Hafen begonnen hatte, der als Schiffsjunge, Helfer des Heizers und landwirtschaftlicher Arbeiter auf einer amerikanischen Farm gearbeitet hatte, erklärte irgendwann einmal: „Wenn ich sage, daß ich den Sinn des Lebens im Kampf für die Rechte Arbeiterklasse sehe, so werden Sie mich wohl kaum verstehen…”

In Hamburg war er zuhause. Er wurde am 16. April 1886 in dieser Stadt geboren, leitete ab 1912 die Gewerkschaft der Transportarbeiter Hamburgs. Auch was Krieg ist, wußte er nicht nur vom Hörensagen. Während des Ersten Weltkrieges diente er an der Westfront als Richtschütze bei der Artillerie. Da er Kampferfahrung hatte, leitete er später während des Hamburger Aufstand eine Kampforganisation der Kommunistischen Partei Deutschlands, führte eine „Proletarische Hundertschaft”.

Die Armut der Arbeiterfamilien hatte sich immer mehr verschlimmert. Unerträglich waren die Arbeitsbedingungen geworden. Hamburg war damals das Sprungbrett des deutschen Imperialismus. Das Hamburger Großkapital war einer der Haupttreiber der deutschen Weltmachtpolitik (Flottenrüstung und Kolonialismus). Bereits 1896/97 hatten rd. 18.000 Hamburger Hafenarbeiter für höhere Löhne und kürzere Arbeitszeiten gestreikt. Mit brutaler Gewalt war die Polizei gegen die streikenden Arbeiter vorgegangen. Doch trotz der Terrormaßnahmen des Senats festigte sich die Streikfront.

thelmann-2Man muß nicht ein Anhänger des Kommunismus sein, um anzuerkennen, daß Thälmann von seiner ganzen Natur aus ein einfacher und ehrlicher Mensch war. Man muß auch nicht seine Ideen übernehmen, aber es ist unmöglich, sich nicht für ihn als Persönlichkeit zu begeistern. Er war kein Theoretiker des Kommunismus. Sein Element war das Handeln.

1924 wurde Thälmann Vorsitzender des ZK der Kommunistischen Partei Deutschlands, und 1925 wurde er zum Abgeordneten des Reichstages gewählt und blieb es bis zum 3. März 1933, als die Nazis ihn der Brandstiftung am Reichstag bezichtigten und verhafteten. Einer, der ebenfalls von den Nazis verhaftet worden war, beschreibt seine Begegnung mit Ernst Thälmann.

Begegnung mit Ernst Thälmann

Jakob Weber

Nach meiner Überweisung aus dem KZ-Columbiahaus nach Moabit landete ich nach mehrfachem „Wohnungswechsel“ in einem Zellengang des Parterres in Einzelhaft. War es Gang A oder B? Jedenfalls lag er dem Gang gegenüber, in dem sich die Zelle des Genossen Thälmann befand. Meines Leidens wegen – ich konnte nur an zwei Krückstöcken gehen – genoß ich „Vorzugsbehandlung“, das heißt, ich hatte mir das Recht erkämpft, in der Freistunde sitzen zu können.

Ein Kumpel aus der benachbarten Zelle begleitete mich, meinen Schemel tragend. Da wir beim Einrücken stets die letzten der Abteilung waren, konnten wir beide jedesmal unmittelbar. vor dem Einschluß den Genossen Ernst auf einen Augenblick sehen, der dann zu seinem Alleingang in den Hof geführt wurde. Sein aufrechter Gang und der freie Blick waren mir jedesmal eine Stärkung.

thelman-turmaDie am Rondell hofwärts gelegene Eckzelle unseres Ganges war die sogenannte Krankenzelle, in ihr lagen etliche Körperbehinderte. Ein Berliner Genosse namens Scech konnte es nicht lassen, zu Ernst hinauszusehen, sooft ein Tag Ruhe erwarten ließ. Ein Schemel wurde auf den Tisch gestellt. Scech stieg hinauf, Erich Brünn, sein späterer Schwiegersohn, hielt ihn fest. Eines Tages kam Scech auf den Gedanken, Ernst anzusprechen. Ein Kumpel, der an der Tür auf die Tritte der Wärter horchte, mußte besonders gut aufpassen. Aber die Aufseher kamen meist nur zu bestimmten Zeiten. Noch von der Zeit der Weimarer Republik her im Amt, waren sie – überwiegend ehemalige Sozialdemokraten – einigermaßen loyal. Also schob Scech sein Gesicht fast ans Gitter. Er fragte, kaum den Mund öffnend, damit sich kein Schall verbreiten konnte: ,,Brauchst du etwas?“ Als Genosse Ernst nach etwa zwei Minuten wieder in der Nähe des Fensters vorbeikam, erhielt Scech die Antwort: ,,Einen Bleistift.“ Schnell wurden ein Bleistiftstummel und ein Stück Nähgarn miteinander verbunden, doch indessen war Ernst wieder herangekommen, so daß Scech nur signalisieren konnter ,,Paß auf!“ Scech warf den Bleistift hinaus, er fiel an den Innenrand der Gehbahn, und es war leicht, ihn auf den Zement zurückzuzupfen. Gespannt harrte Scech des großen Augenblicks. Thälmann kam wieder, trat mit einem Fuß auf das Garn, bückte sich, fingerte an den Schnürsenkeln und riß dabei den Stummel ab. Noch einen Rundgang wartete Scech ab, und nun lag auf Teddys Gesicht die feine, an Lächeln grenzende Freundlichkeit, die wir aus früheren Stunden, wenn es einmal ruhig war, an ihm kannten.

Alle Insassen der Zelle – es waren nicht allein „politische“ – zeigten Freude. Welche Qual war strenge Einzelhaft, ohne Sprech-, Lese- und Schreiberlaubnis, ohne Einkaufsberechtigung, mit nur ein paar handgroßen Zeitungsstücken als Toilettenpapier, auf deren Ränder man ein paar Zeilen schreiben konnte, wenn man einen Bleistift besaß. Vielleicht war der eben zugeschmuggelte der erste innerhalb der drei Jahre, die Ernst bereits in der Haft verbrachte.

Kurze Zeit danach wurde Scech doch ertappt, als er wieder einmal mit Teddy stille oder halblaute Zwiesprache hielt. Das brachte dem Genossen – soweit mir erinnerlich ist – 10 Tage strengen Arrest bei trockenem Brot und Wasser ein. Doch durch die Solidarität der Zellengenossen kam er schnell wieder hoch. Und bald kam für mich ein nie erhoffter Augenblick. Meist· setzte ich mich in den rechten Mauerwinkel, unmittelbar hinter dem Ausgang zum Hof. An einem späten Vormittag wurde ich beim Einrücken vergessen; mein Kumpel, der den Schemel zu tragen hatte, war wohl zum Arzt abgerufen worden. Sofort schoß es mir in den Sinn: ,,Ich werde Teddy sehen – ganz nah!“ Etwa eine gute Minute, nachdem der letzte meiner Abteilung im Eingang verschwunden war, kam Ernst, um die Gehbahn zu betreten. Der Aufseher – oder waren es zwei? – hielt am Fuß der Treppe erst einmal geruhsam Ausschau. Daher war ich für ihn völlig verdeckt. Thälmanns Blick und meiner trafen sich sofort. Während der vier bis fünf Schritte wechselte der Ausdruck seiner Augen von angenehmer Überraschung, Bedauern oder Teilnahme in Freude.

Was ich in diesen Augenblicken empfunden habe, brauche ich wohl nicht zu beschreiben: Erinnerung an Wissen und Erleben, Hamburg 1919, die gewaltigen Aufmärsche des Roten Frontkärnpferbundes, der Hamburger Aufstand, der Berliner Bezirksparteitag im Winter 1923/24 und manches mehr huschte im Geiste.an mir vorüber. Und als. unsere Blicke sich trennen mußten, wurde mir wieder seine aufrechte Haltung, sein freier, lebhafter Gang bewußt.

Was hatte er bereits gelitten, was lag vor ihm? Ein Scheintriumph des Mörderregimes, der grausamste Krieg aller Zeiten, pausenlose strenge Einzelhaft, 5 Jahre, 10 .jahre oder mehr. Und so sicher der Untergang des Faschismus auch war, keine Aussicht auf Wiedergewinnung der Freiheit. Denn ein Kommunist glaubt nicht an Wunder, es sei denn, daß er – da er ja doch auch Mensch ist – einmal davon träumt, um sich nachher selbst zu belächeln. Und ich wußte, daß nichts den Geist unseres Ernst Thälmann jemals werde brechen können,

Bevor Ernst den ersten Rundgang halb beendet hatte, war ich drinnen vermißt und draußen entdeckt worden. Ein Wärter nahm meinen Schemel „Schnell, schnell! Wenn Sie jemand sieht…!“ Lange habe ich mich innerlich mit diesem Erlebnis beschäftigt, es gab keine Möglichkeit, es Genossen zu vermitteln, die Klopfzeichen waren mir noch nicht geläufig. Einige Zeit, bevor im Mai 1936 meine Verurteilung erfolgte, sah ich Thälmann nicht mehr. Was nutzte das Raten: Krankheit, Sperre der Freistunde, Verlegung in einen anderen Gang? Doch die Begegnung ließ mich nicht los.

Einige Monate vor ihrem Untergang haben die Faschisten unseren Thälmann ermordet: Abertausende der Besten vor und nach ihm. Ihren Geist konnten sie nicht ausrotten. Im Geiste Ernst Thälmanns wurde die Partei, die nie aufgehört hatte zu bestehen, neu formiert. Thälmanns Vermächtnis liegt in guten Händen.

Quelle: Unser Lesebuch 8.Schuljahr, Volk und Wissen Volkseigener Verlag Berlin, 1963, S.121-123.

P.S. Wenn heute immer wieder einmal Stimmen laut werden, die eine Abschaffung von Straßennamen fordern, die nach Ernst Thälmann benannt sind, so zeugt das von einem ausgesprochen nazistischen Denken. Ja, die Kommunisten waren die ersten, die von den Nazis „abgeholt“ wurden. Sie waren die ersten, die in die KZ und Zuchthäuser eingesperrt wurden. Die Kommunisten waren die ersten, die von den Nazis auf offener Straße erschlagen wurden. Warum?
Was war der Grund dafür? Es gibt eine einfache Antwort darauf. Der bedeutende brasilianische Architekt Oscar Niemeyer sagte einmal: „Die Kommunisten sind die einzigen, die immer noch eine bessere Welt schaffen wollen.“ Eine bessere Welt – eine Welt frei von Ausbeutung und Unterdrückung. So steht das schon im Manifest der Kommunistischen Partei. Das wußten vor allem auch die Arbeiter. Denn mußten sich ihre Rechte hart erkämpfen. Und weil die Kommunisten das öffentlich aussprachen, deshalb wurden sie verfolgt, bekämpft und ermordet.

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