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Die Wahrheit im Journalismus


Die Wahrheit im Journalismus

Sascha’s Welt, 3. März 2018

Egon Erwin Kisch

kisch
Egon Erwin Kisch (1885-1948)

Wer heute geschichtliche Veränderungen begreifen will, wer Zusammenhänge und Hintergründe verstehen will und wer als Journalist oder Historiker die WAHRHEIT herausfinden will, der kann sich immer noch ein Beispiel nehmen an Egon Erwin Kisch. Kisch war Kommunist, und er beherrschte meisterlich die materialistische Dialektik, die marxistische Wissenschaft von den allgemeinsten Zusammenhängen der Natur, der Gesellschaft und des Denkens. Nur deshalb und nur so gelangt man zu richtigen Schlußfolgerungen und erkennt die Wahrheit. Wenn man heute Reportagen, Berichte oder auch nur Kommentare bürgerlicher Journalisten liest oder Reportagen in Video-Filmen sieht, wird man feststellen, daß dies in der Regel nicht so ist. Man braucht sich also über Irrtümer und Fälschungen in den bürgerlichen Massenmedien nicht zu wundern. Und man wird feststellen: Die Arbeitsweise von Kisch ist immer noch aktuell!

A. Einordnung

An Hand des „Rasenden Reporters“ [1], wie der weltberühmt gewordene Meister der Reportage nach einem seiner bekanntesten Werke gern genannt wurde, und vor allem auch an Beispielen aus unserem Gegenwartsschafien, in dem die Reportage eine wesentliche Rolle spielt, ist es möglich, charakteristische Wesenszüge dieses reizvollen, aber komplizierten Genres herauszuarbeiten. EGON ERWlN KISCH heranzuziehen ist in unserem Zusammenhang aus mehreren Gründen fruchtbar:

  • Es handelt sich bei ihm um eine bisher kaum wieder erreichte Begabung für die kleine Form der Reportage, der zufolge es überhaupt erst möglich war, daß sich aus der ursprünglich journalistischen Gebrauchsform ein künstlerisches Genre entwickelte;
  • der im Werk sich spiegelnde Weg seiner politisch-ideologischen Entwicklung, der Weg von der „sympathisierenden Beobachtung zur wirklichen Identifizierung mit dem Proletariat“ [2] umfaßt den Entwicklungs- und Lernprozeß, in dem sich heute mancher Schreibende oder zu schreiben Beginnende noch befindet.
  • Kischs umfangreiches Lebenswerk liegt uns in Neuauflagen der bekanntesten Sammelbände vor, die oft leichter zu erreichen sind als mancher hier herangezogene heutige Reportagenband. (Auch dieses Moment mußte in unserem Zusammenhang beachtet werden.)

1. Voraussetzung: Augenzeugenbericht

Im Anfang seiner journalistischen Laufbahn machte sich der junge Egon Erwin Kisch, in der damaligen Zeit „als Lokalreporter tief unten auf der Rangliste des Journalismus figurierend“, von den Redakteuren der Kulturrubriken als etwas Untergeordnetes behandelt wie einer, ,,der in den Beinen haben muß, was er nicht im Kopfe hat“, gründlich Gedanken über den Kern seiner Berufsaufgabe:

,,Ich definierte mir, was der Bericht überhaupt darstellt. Er ist eine Form der Äußerung, vielleicht sogar eine Kunstform, obwohl nur eine kleine … Spezifisch ist dem Bericht, daß ein wirklicher Vorfall sein Thema bildet. Könnte nicht. bloß vorgespiegelt werden, daß der Vorfall sich ereignet hat? Nein. Wenn die Begebenheit erfunden ist, mag es der Leser merken oder nicht, ist ihre Darstellung kein Bericht … ein Chronist, der lügt, ist erledigt.“ [3]

Damit gibt uns Kisch ein sehr wichtiges Charakteristikum der Reportage. In ihr geht es nicht um eine erfundene Begebenheit – wie meist im Roman, in der Dichtung – sondern um einen wirklichen Vorfall, um Realität. Der Reporter kann sich also nicht eine Fabel ausdenken. Der Stoff ist da, die lebendige Wirklichkeit liefert ihn. Der Inhalt der Reportage muß wahr sein, d.h. wirklichkeitsgetreu bis in die letzte Kleinigkeit, da er überprüfbar ist. Deshalb muß der Reporter unbedingt „dabei“-gewesen sein, er muß „sich an einem Schauplatz erproben“, wie Kisch es nennt. Er selbst erprobte sich z.B. zu allererst an einem sensationellen Mühlenbrand und lernte dabei viel.

Die Schittkauer Mühlen standen in Flammen, und der junge Reporter Kisch bemühte sich auftragsgemäß

„irgendwie irgendwo irgendwas zu eruieren [4]. Kein Wort eruierte ich… Schöner Reporter, der nicht einmal weiß, was er fragen soll.“ [5]

Er war tief beschämt, daß sein Notizblock leer blieb, leer bleiben mußte, da der Autor die Rolle des Details und die der Phantasie noch nicht erfaßt hatte. In bitterer Depression verhöhnt er sich selbst:

„Schluß mit der Reportage! … Beim größten Brand unserer Zeit, als die Schittkauer Mühlen niederbrannten, war ein Reporter dabei – Kisch hieß er –, der wußte nicht eine Zeile zu berichten. Hahahahaha! – So geht mein Name in die Geschichte der Reportage ein!“

Um unter den routinierten Berufskollegen bestehen zu können, nimmt er das Ereignis zum Ausgangspunkt für ein Phantasieprodukt, er konstruiert eine packende Obdachlosenszene, die unter den Berufskollegen verblüffenderweise geglaubt wird, wenn sie auch die unterschiedlichste Beurteilung erfährt. Die Lektion, die er selbst daraus für sich und seine weitere Arbeit entnimmt, ist ernst und gründlich:

„Gestern hatte ich zum erstenmal etwas erfunden, und alle haben es geglaubt … Sollte ich also bei der Lüge bleiben? Nein. Gerade weil mir bei der ersten Jagd nach der Wahrheit die Wahrheit entgangen war, wollte ich fürderhin ihr nachspüren.“

2. Abgrenzung: Bericht oder Reportage

Die Reportage ist nicht gleichzusetzen mit dem presseüblichen, rein sachlichen, unpersönlichen, darum oft nüchternen Bericht, sondern ist ein künstlerisch geformter, belletristischer Wirklichkeitsbericht. Wie aus dem Bericht die Reportage wird, das zeigt uns leicht eingängig und überzeugend der als Reporter sehr erfahrene Publizist Maximilian Scheer an folgendem Beispiel:

„Der Bericht wird zur Reportage, wenn der Reporter, sagen wir, eine Arbeiterfamilie besucht und nicht über sie schreibt, sondern sie beschreibt: Wie ist die Wohnung? wie sehen die Kinder aus? wieviele Ratenzahlungen gehen vom Lohn ab? was sagen sie? – so daß aus der Beschreibung ihres Lebens die Ursache des Streiks fühlbar und erlernbar wird, und wenn er z.B. in das Lebensmittelgeschäft an der Ecke geht, um herauszufinden, wieviele Arbeiter anschreiben lassen und wie sie abbezahlen, und wenn er ins Streikbüro geht oder durch die Straßen und so fort und immer beschreibt, was er sieht und hört, kurz: wenn er bildhaft darstellt, wie es zum Streik kam und wie eine Stadt im Streik aussieht, dann entsteht. eine Reportage.“

Während der Bericht eine Sache verstandesgemäß faßt und sich in der Darlegung hauptsächlich an den Verstand wendet, geht die Reportage darüber hinaus, indem sie außerdem, lebendig erregend, mit der Beschreibung, mit der Darstellung im Bild, an unser Gefühl appelliert und uns dadurch noch auf ganz anderer Ebene trifft. Bisher Unbekanntes oder etwas, das wir vielleicht als bloßen Bericht schon gehört oder gelesen haben, das uns dort aber im Grunde nicht tiefer berührte, bewegt uns nun als Erlebnis, d.h. ganz so, als wären wir selbst dabeigewesen. Maximilian Scheer kennzeichnet diese Wirkung der Reportage treffend mit den Worten: sie geht unter die Haut. (Wie stark hier als künstlerisches Mittel die Sprache wirksam eingesetzt wird, werden wir später sehen.)

B. Inhalt der Reportage „Ergründung der Wahrheit“

(Klärung gesellschaftlicher Vorgänge und Zusammenhänge)

Scheers Hinweis am Beispiel, in bildhafter Beschreibung (Formproblem!) zugleich Ursachen, Hintergrund, „Wesen der realen Erscheinungen, hier eines Streiks (Inhaltsproblem!), sichtbar zu machen, benennt, eine Seite der Meisterschaft Kischs, der in der „Ergründung der Wahrheit“, den Inhalt der Reportage sah. Die Wahrheit tritt zutage, wenn der Autor die Wirklichkeit in ihren gesetzmäßigen Zusammenhängen erfaßt – wie Scheer es uns im Beispiel zeigte – und wenn er diese Wirklichkeit so, nämlich gleichsam transparent gemacht, darstellt. Strittmatter erzählt einmal, daß ihm Brecht in einem persönlichen Gespräch eine gute Faustregel gegeben habe:

„Realismus ist nicht, wie die wirklichen Dinge sind, sondern wie die Dinge wirklich sind.“ [6]

Dem Reporter geht es um beides, um die anschauliche Darstellung der wirklichen Dinge und zugleich damit der Dinge, wie sie wirklich sind, wie sie sich zeigen, wenn man die ihnen innewohnende, jedoch noch nicht sichtbare Qualität aufgespürt hat, die Veränderbarkeit im Sinne des Fortschritts.

1. Die Reportage als Ausdruck der zwei Kulturen in der imperialistischen Gesellschaftsordnung

a) Ausbeutung und Klassengegensätze

In nie gestillter Wißbegierde sucht der Sozialist ·und spätere Kommunist Egon Erwin Kisch auf allen fünf Erdteilen vornehmlich die Bezirke menschlichen Schaffens, die Stätten der Produktion, dort lernend, Partei ergreifend für die Unterdrückten und Ausgebeuteten. Als scharfer, unbestechlicher Beobachter deckt er in seinen Tatsachen darstellungen zugleich die Gesetze der kapitalistischen Ausbeutung auf und macht so die Reportage zu einem Instrument, das gesellschaftliche Erscheinungen durcl: schauen und richtig beurteilen hilft. In dieser Hinsicht ist folgendes kurzes Beispiel aus Kischs Sammelband „China geheim“ [7] aufschlußreich:

„Wohlfeiler als die wohlfeilste Maschine ist der chinesische Mensch. Seine Hände sind der Elevator, seine Arme die Kette, seine Schultern das Lastauto, seine Beine die Betriebsbahn. Diese Maschine braucht keinen Mechaniker, kein Treiböl. Ein Defekt kostet den Unternehmer nichts; wenn seine Maschine ein Mensch ist.“

Selbst unbeirrbar klar im Urteil, versteht es hier Kisch, uns am fesselnden Bild gefühlsmäßig zu beteiligen und uns verstandesmäßig zu Einsichten zu führen. Die dieser gesellschaftlichen Realität innewohnenden Widersprüche werden deutlich, ohne daß ein langer Kommentar gegeben zu werden braucht. Als Kern werden gesellschaftliche Vorgänge und Zusammenhänge plötzlich deutlich sichtbar. –

Klassengegensätze aufdecken

Unüberbrückbaren Klassengegensatz, der nur überwunden werden kann, wenn der Hungernde, Unterdrückte, Ausgebeutete die Macht erkämpft und die Führung selbst in die Hand nimmt, zeigt Kisch z.B. in der „Wasserkatastrophe von Konopischt“. [7] Auf Schloß Konopischt residiert Erzherzog Franz Ferdinand, der als Erbe der Donau-Monarchie Österreich-Ungarn 25 Jahre vergeblich auf den Tod des alten Kaisers Franz Joseph wartet. (Er wird 1914 in Serajewo erschossen werden, ohne je den Thron bestiegen zu haben!) Ungeduld und Langeweile versucht der Thronfolger mit seltsamen Marotten und Nichtigkeiten zu vertreiben, u.a. will er die ominöse schwarze Rose züchten – einen „botanischen Unglücksraben“ – deren Blüte „Mordtat mit nachfolgendem Krieg“ bedeuten soll.

Dem dicken, schnauzbärtigen, jagdfanatischen Schloßherrn ist der so naheliegende und natürliche Gedanke an Hilfe für die von der Katastrophe schwer betroffene, arme Bevölkerung völlig fremd; ihn interessiert im Augenblick des Hochwassers nur der Schutz seines reichhaltigen Weinkellers und die etwaige Förderung seines düsteren Rosenexperimentes.

Kisch berichtet:

„Inzwischen war es Nacht geworden, und ich wollte in mein Zimmer hinaufgehen. Im Hausflur goß ein Gendarm mit grimmigem Gesicht sein Bier in sich, es war mein Instruktionskorporal vom 11. Regiment. Ich wollte ihn ausfragen, aber er kam mir zuvor: „Sagen Sie – als ein studierter Mensch werden Sie es wissen –: weshalb müssen wir den armen Leuten die krepierten Fische abnehmen und im Schloß abliefern? Sagen Sie mir bitte, was macht der Erzherzog mit den toten Fischen?“
Ich konnte keine Antwort auf die Frage geben …
Da ich nicht einschlafen konnte, legte ich mir die Tatsachen zurecht, die ich bisher erhoben. Sie bezogen sich auf das Schicksal der Dörfler, die waren brotlos, obdachlos, mittellos geworden. Aber nicht um deren Katastrophe zu beschreiben, war ich hierher entsandt. Für die Zeitung war das kleine Ungemach eines kaiserlichen Prinzen von Wichtigkeit, und nicht das große von ein paar hundert Bauern…
Wozu braucht der Erzherzog wirklich die krepierten Fische?
Ich mußte mich aber mit der Beantwortung nicht plagen, über den erzherzoglichen Befehl zum Einsammeln der Fische durfte ich ohnehin nichts schreiben, ebensowenig wie über die Einsetzung der Truppen zum Schutz des Weinkellers…
Diesmal war das breite Holztor des Rosariums geöffnet, zwei Handkarren voll mit toten Fischen fuhren eben hinein.
„Für drinnen?“ fragte ich einen Gärtnergehilfen.
„Ja, wir düngen immer mit Fischresten und gelegentlich auch mit toten Fischen. So teure aber und soviel auf einmal haben wir noch nie gehabt.“
Würdiger Dünger, dachte ich bei mir, würdiger Dünger für die schwarze Rose; tote Fische, entrissen hungernden Menschen. Das darf ich freilich auch in Wien nicht aussprechen. Aber selbst ohne den Dünger wird in meinem Bericht die schwarze Rose aufblühen, inmitten fröhlicher und heller Blumen des Friedens und der Freude, das unheilverkündende Gewächs.“

Wie hier ein zukünftiger „Herrscher“ ohne Bindung zu seinem Volk, in wirklichkeits- und lebensfremde Liebhabereien verloren, überheblich und ohne die geringste Spur von Verantwortung dahindämmert, das macht in scheinbar belanglosen Einzeltatsachen die Untergangsreife der österreichischen Monarchie sichtbar, ohne- daß sie auch nur mit einem Wort ausgesprochen wäre. Die dargestellten Erscheinungen dieser brüchigen Wirklichkeit sind so stark in ihrer Aussage, daß sie in dem Leser als schwer zu vergessendes Erlebnis haften. –

Die Wahrheit ergründen!

Immer wieder stößt Kisch in seinen großartigen Reportagen zum Kern der Erscheinungen vor, zeigt die wirklichen Dinge und an ihnen, wie die Dinge wirklich sind, entschleiert so die Wirklichkeit und ergründet die Wahrheit. Er sieht und lehrt viele sehen, daß dargestellte Armut und geschildertes Elend in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung nur eine Folge des Grundübels sind, der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, die er wieder und immer wieder anprangert. Das zeigen Sammelbände wie das bereits genannte „China geheim“ oder wie „Paradies Amerika“, in dem er das „demokratische“ Amerika wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtet.

Klar Marx hatte recht!

Das belegen Einzelreportagen wie die über das spanische Bergwerk, die unter dem dialektischen Titel „Menschen im Quecksilber – Quecksilber im Menschen“ [9] eine grausige Wechselbeziehung – Erwerb des täglichen Brotes und zugleich eines sicheren, qualvollen Todes durch die gleiche Arbeit – bloßstellt, oder „Borinage, vierfach. klassisches Land“ [10], eine berühmte Darstellung der helgischen Kohlengruben und Metallminen, auf deren Menschenverschleiß durch enorme Ausbeutung Karl Marx im „Kapital“ bereits hinwies.

Kisch sieht – 1934 – diese ausgemergelten Männer, die oft, tagelang ·von der Außenwelt abgeschlossen sind, die immer in Front liegen vor den Feinden Gas, Steinschlag, Wassereinbruch, für eine Nacht auf Urlaub: sie diskutieren in den sozialistischen Versammlungslokalen „als bewegte Rufer, Redner und Reisige für ein besseres Sein“. Wir aber erlebten 1958, wie die Streiks in der Borinage die internationale Solidarität der Arbeiterschaft der ganzen Welt auf den Plan riefen.

b) Lehrmeister des Neuen

Ganz von selbst richtet sich in diesem Zusammenhang der Blick auf den Lehrmeister des Neuen; darum gelten Kischs innerste Anteilnahme und ein intensives Studium dem wegweisenden Land des Sozialismus, der Sowjetunion, in der er „den jüngsten Kontinent der Welt“ entdeckt; die Sammeltitel dieser Reportagen sind „Zaren, Popen, Bolschewiken“ und „Asien völlig verändert“.

Die gleiche Liehe zur Sowjetunion und begeistertes Lernenwollen zeigen die Reportagenbände Fučíks „Die Welt, in der das Morgen schon Geschichte ist“ und „Im geliebten Land“, F.C. Weiskopfs „Umsteigen ins 21. Jahrhundert“ und „Zukunft im Rohbau“, Stefan Heyms „Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten“, Kubas (Kurt Barthel) „Gedanken im Fluge“ und die zum 40. Jahrestag der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution erschienene Sammlung „…und hörten die Signale.“ [11] Der letzte Buchtitel vereinigt eine Anzahl hervorragender Reportagen aus den zwanziger und frühen dreißiger Jahren von etwa 20 unserer namhaftesten Schriftsteller, die als Augenzeugen in vielfacher Weise miterleben, wie hier Länder Jahrhunderte überspringen oder, wie es Stefan Heym ausdrückt, „aus dem orientalischen Mittelalter direkt zum Sozialismus gelangen“.

Was aber befähigt einen Menschen, auch schon in der imperialistischen Epoche Vorgänge und Zusammenhänge durchsichtig zu machen, so daß sich die Wahrheit ergründen läßt? Auch diese Frage beantwortet Kisch mit seinem Werk. Von Moskau aus unternahm er 1932 seine Chinareise. Sein Buch „China geheim“, 1933 erschienen, handelt zwar von heute dort überholten Dingen, ist selbst aber keinesfalls überholt. Es bleibt aktuell trotz aller dort erfolgten politischen Wandlungen und des vollkommenen wirtschaftlichen Umbruchs, von denen uns z.B. Kubas [12] und Stephan Hermlins [13] Chinareportagen einen Eindruck geben, wie auch Horst Bartschs in einer Einzelreportage unter dem bildstarken Titel „Mit einer Bambusstange und zwei Körben“ [14] das kaum Vorstellbare dieses Aufbruchs der Volksmassen überzeugend darstellt. (Er tut es an einem symbolhaften Einzelfall: Mit kleinen, geflochtenen Körben tragen die Pekinger den Staudamm zusammen, das schützende Bollwerk, „eine neue chinesische Mauer…, eine Mauer gegen den alten Feind und Freund, das Wasser“)

Eine ungeheure Entwicklung…

Bei der Lektüre von Kischs Chinareportagen wird uns im Abstand zu damals besonders nachdrücklich klar, welche ungeheure Entwicklung sich in diesem Land vollzogen hat: 17 Jahre nach dem Erscheinen dieser Reportagen, 1950, ist China eine Volksrepublik. Wir wiederholen unsere Frage: Wie kommt es, daß Kisch damals schon die kommende Entwicklung so stark voraussieht, vorausspürt und spüren lassen kann?

Weltanschauliche Sichtweise

Eine solche Vorausschau, für die die bürgerliche Kunstbetrachtung eine billige Erklärung mit künstlerischem Weitblick, Kraft des Genies, Intuition zur Hand hat, erklärt sich für uns sehr natürlich aus dem Grundsätzlichen, aus der Weltanschauung. Es ist die wissenschaftliche Weltanschauung des Marxismus-Leninismus, der die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung erkennbar macht.

…nur so kommt man zur Wahrheit!

In Anwendung der materialistischen Dialektik, eines Teiles dieser Weltanschauung, gelangt Kisch zu Erkenntnissen, in denen die zukünftige Entwicklung bereits eingeschlossen ist. So ist es ihm möglich, die Wahrheit zu ergründen, „nicht diese oder jene Wahrheit, sondern die wesentliche, die entscheidende, die geschichtsbildende, also mit einem Wort die gesellschaftliche Wahrheit.“ [15]

Anmerkungen:

[1]„…der Beiname war mißverständlich und irreführend. Er wurde Lügen gestraft. allein durch die Arbeitsweise Kischs …. Und dennoch wurde der ‚rascnde Reportcr‘ zu einem klassischen Titel – für das Buch wie für den Verfasser. Nicht mehr wegzudenken aus dem Werk, nicht mehr zu trennen von dem literarischen und menschlichen Bild des Autors.“ B.Uhse, Einleitung zu „Der rasende Reporter“, Berlin, Aufbau Verlag 1952.
[2] Dieter Schlenstedt: „Die Reportage bei Egon Erwin Kisch“, Berlin, Rütten und Loening, o.J., S. 90.
[3] „Marktplatz der Sensationen“, Berlin, Aufbau Verlag 1951, S. 131 (Hervorhebungen vom Verf.).
[4] herausbringen, erforschen.
[5] „Debut beim Mühlenfeuer“, a.a.0. S.123ff.
[6] Vgl. Erbe und Gegenwart, 2. Aufl. S. 515, 3. Aufl. S. 535.
[7] Berlin, Aufbau Verlag 1949.
[8] „Marktplatz der Sensationen“, Berlin,Aufbau Verlag 1951, S. 170 ff.
[9] und [10] in „Der rasende Reporter“, Berlin, Aufbau Verlag 1952, S. 9 ff. u. S. 219 ff.
[11] Entdeckungsreisen deutscher Schriftsteller in die Sowjetunion, Berlin, Aufbau Verlag 1957.
[12] „Osten erglüht“
[13] „Ferne Nähe“
[14] Erbe u. Gegenwart, 2. u. 3.Aufl., S.4f.
[15] Bodo Uhse in Vorbemerkungen zu „China geheim“, Berlin, Aufbau Verlag 1949, S. 3.

Quelle: Literaturkunde. Beiträge zu Wesen und Formen der Dichtung. VEB Fachbuchverlag Leipzig 1963, S.88-93 (gekürzt)

P.S. Eine Bemerkung in diesem Zusammenhang kann man sich dennoch nicht verkneifen: Am Übelsten ist das, was man in bürgerlichen Zeitungen lesen muß: Demagogie, Lüge, Irreführung und Heuchelei pur! Aber auch nette belanglose Geschichten… Betrachtet man zudem die heutige Literatur – ob Dichtung, Roman oder Reportage – so hat das mit Literatur im klassischen Sinne (der Aufklärung) kaum noch etwas zu tun. Diese Bücher sind oft das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt wurden. Würde man sich sämtliche Telefonbücher der letzten Jahre ins Regal stellen, hätte das den gleichen Effekt. Ohne zu zögern könnte man eine ganze Buchhandlung ausräumen und alles in den Container werfen und würde danach wohl nur wenig vermissen…

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