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Buchtipp: „Hitlers amerikanische Lehrer“


Buchtipp: „Hitlers amerikanische Lehrer“

Exklusivabdruck aus dem Buch: „Hitlers amerikanische Lehrer – Die Eliten der USA als Geburtshelfer des Nationalsozialismus“

logo_kenfm_de   Hermann Ploppa, 16 März 2018

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Kaum sind nun die Nazis an der Macht, da erweisen sich Hitler und seine Freunde als überdurchschnittlich gelehrige Schüler ihrer Meister aus der US-Oligarchie. Dieser Übereifer trägt zuweilen groteske Züge.

Die amerikanische Schablone der Rassenaufartung der Nation soll eins zu eins auf Deutschland übertragen werden. So hatte es ja Hitler in „Mein Kampf“ und in seinen Reden angekündigt. Nun tritt jedoch das praktische Problem auf, dass es in Deutschland gar keine Bevölkerungsgruppe gibt, die, ähnlich wie Afroamerikaner, Chinesen, Indianer oder osteuropäische Ghettojuden in den USA, sofort und eindeutig zu identifizieren wäre.

Langfristig möchte Hitler Deutschland ausschließlich mit Menschen nordischer Rasse bevölkert wissen, ganz nach Vorgabe von Madison Grant. Allerdings, so hat es ja der NS-Rassentheoretiker H.F.K. Günther in seiner Adaption von Grants Agenda auf Deutschland verordnet, besteht die Bevölkerungsmehrheit der deutschen Nation aus Individuen der mediterranen, ostischen (alpinen) und der von ihm erfundenen dinarischen Rasse. Besonders die „ostischen“ Menschen hat der Rasse-Günther auf dem Kieker.

Nun wäre aber Adolf Hitler selber nach dieser Lehre ein ostisch-alpiner Typ. Zudem lebten die ostischen Mitbürger vornehmlich im süddeutschen Raum, besonders in Bayern. Mit anderen Worten: hier befanden sich Hitlers erste und treueste Mitstreiter und Stammwähler. Es war schlicht unvorstellbar, 1933 gleich mit dem Nordicizing, also der Aufnordung, zu beginnen und die Mehrheit der Deutschen zu verprellen.

Es galt also, künstlich eine Bevölkerungsgruppe zu erfinden, die man der in Amerika erfundenen Rassenaufartungsmaschine unterwerfen konnte. Die Wahl fiel auf die Juden. Nun waren die Juden schon lange in der deutschen Bevölkerung aufgegangen. Wer war überhaupt Jude, und wo lebten die Juden? Der Rassenhygieniker Fritz Lenz stützte sich nur auf grobe Schätzungen, wenn er 1920 von etwas unter einer halben Million Juden in Deutschland ausging. Die Nazis schätzten die aktuelle Zahl 1933 auf etwa 400.000 Juden.

Man musste die Juden ausfindig machen. Da kam, wie Edwin Black dokumentiert, die deutsche Filiale des US-Informatik-Konzerns IBM zu Hilfe. Die Dehomag entwickelte für die Nazis ein verfeinertes Lochkartensystem, mit dessen Hilfe sich herausfinden ließ, wer jüdische Vorfahren hatte, und wo genau „die Juden“ lebten.

Bereits im Jahre 1933 machten die NS-Volkszähler auf diese Weise die Juden in Preußen ausfindig. Um auf eine nennenswerte Zahl von Juden zu kommen, wurden nach dem System des US-Bundesstaates Virginia nicht nur „Volljuden“, sondern auch „Halbjuden“, „Dreivierteljuden“ und „Vierteljuden“ ermittelt. Bis auf Sechzehntelanteile („one drop only“) wie in den USA wollte man denn doch nicht feinauflösen. So wurden die ursprünglich 400.000 Juden auf 1.5 Millionen Juden mit unterschiedlichem Rasseanteil künstlich hochfrisiert. Somit hatte man zwar nicht 10% „Minderwertige“ zu „eliminieren“, wie es der ERO-Plan von 1914 vorsah, aber immerhin kam man jetzt auf etwa 2.5% der Gesamtbevölkerung.

Die Situation war gleichermaßen tragisch wie grotesk. Die Deutschen mussten auf Fragebögen ihre Herkunft bis auf die Großelterngeneration zurückverfolgen. Deutsche, die überhaupt keine Ahnung davon hatten, dass sie jetzt zu einer gefährdeten Personengruppe gehörten, fanden sich plötzlich als Juden wieder. Blonde, langschädelige, blauäugige Hünen mit „kerndeutschen“ Familiennamen galten plötzlich als „rassisch minderwertig“.

Eine Situation, mit der die deutsche Bevölkerung zunächst gar nichts anzufangen wusste. Die Boykottaktionen der paramilitärischen Verbände der NSDAP gegen jüdische Geschäfte im April 1933 waren nach einhelliger Meinung aller Experten ein Flop. Die SA konnte es sich auch bei der vorherrschenden Volksmeinung gar nicht erlauben, vor den jüdischen Geschäften flammende Kreuze aufzustellen, oder die Geschäfte gar niederzubrennen, so wie es der Ku Klux Klan zehn Jahre zuvor in den USA bei den damaligen Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte getan hatte.

Franz Neumann, der aus Deutschland in die USA emigrierte, sagte noch 1942: „Der spontane Antisemitismus des Volkes ist in Deutschland nach wie vor schwach.“ Und über das deutsche Volk: „Nach meiner persönlichen Überzeugung ist das Volk, so paradox das auch scheinen mag, noch das am wenigsten antisemitische.“ Und der Jude Leo Löwenthal, ein deutscher Soziologe, der vor dem Naziterror in die USA fliehen musste, zur Stimmung in der Weimarer Republik: „Im alltäglichen Leben hat es eigentlich gar keine Rolle gespielt, ob man Jude war oder nicht (…) Wir haben uns immer darüber lustig gemacht, eben weil es [der Antisemitismus] eine solche Randerscheinung war.“ Und Löwenthal beschreibt im Kontrast dazu seine Erfahrungen in den USA: „Wir haben auf einmal entdeckt, daß es hier etwas gibt wie wirklichen everyday-Antisemitismus und daß man sich nicht ungehemmt und frei als Jude in allen gesellschaftlichen Bereichen bewegen kann.“

Auch die Reichskristallnacht im November 1938 war eine exklusive Veranstaltung der nazistischen Paramilitärs – unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Das Ziel, irgendwann doch noch ein rassereines deutsches Volk von Nordics den aufgenordeten Völkern Skandinaviens, Großbritanniens sowie den USA hinzu zu gesellen, wurde indes nie aufgegeben.

Die SS betrachtete sich als Kerngruppe dieser Aufnordung. Zu nennen sind die „Forschungs“aktivitäten der SS-Stiftung „Ahnenerbe“. Für die rassereine Züchtung von Nordics war der „Lebensborn“ zuständig. Und Heinrich Himmler ließ exakt die Körpermaße seiner SS-Recken registrieren, und die Zugehörigkeit zu nordischer, fälischer oder dinarischer Rasse feststellen. Himmler war nicht ganz so optimistisch wie die ERO und andererseits nicht so „pessimistisch“ wie Hitler: seine Aufnordung des deutschen Volkes sollte 120 Jahre in Anspruch nehmen, und nicht etwa 70 Jahre oder 600 Jahre.

In zweiter Auflage erschienen beim Liepsen-Verlag, Marburg 2016. ISBN 978-3-9812703-3-4

Das Buch kann direkt bestellt werden beim Verlag über die Adresse: liepsenverlag@gmail.com.

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