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KLARTEXT: Israel hat die unmoralischste Armee der Welt


KLARTEXT: Israel hat die unmoralischste Armee der Welt

Palästina Nachrichten, Jens M. Lucke, 21. März 2018

Anm.: Wenn man bei den Armeen imperialistischer Lander, überhaupt von Moral schreiben kann.
Armeen dienen in Klassengesellschaften zur Durchsetzung der Interessen der herrschenden Monopol-, Finanz- und Medien-Bourgeoisie (Eliten) und haben nur eine Aufgabe, die Macht, die Ressourcen und die Märkte, die die herrschenden Klasse beanspruchen, zu sichern. Eine andere Aufgaben gibt es für sie nicht. Aus diesem Grund geht sie gegen Alle so brutal vor, die diesen Interessen zu wieder handeln.
Und für die Freiheit und Gleichberechtigung anderer Völker einzutreten, ist nun schon gar nicht die Aufgabe von Armeen, der herrschenden Klasse. Das zeigt ja wohl ganz eindeutig der Kriegsgeschichte über die Jahrhunderte.

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Der 15jährige Mohammed Tamimi, dem ein israelischer Soldat ohne Grund in den Kopf schoss. (Foto: social media)

Die israelischen Soldaten kamen wie immer in der Nacht. Gegen 2 Uhr in der Früh stürmten sie das Dorf Nabi Saleh, schlugen gegen Türen, drangen in Häuser und Wohnungen ein und zwangen Bewohner unter Waffengewalt aus ihren Betten. Als die Razzia, die sich in diesem Muster jede Nacht in der Westbank wiederholt, vorbei war, hatten die Soldaten zehn Palästinenser festgenommen, darunter sechs Jugendliche.

An sich wäre das nichts Bemerkenswertes. Nacht für Nacht überfallen israelische Soldaten Dörfer in den illegal besetzten Gebieten, reißen die Bewohner aus dem Schlaf, verwüsten Inneneinrichtungen, stehlen Geld und Schmuck und nehmen willkürlich und ohne jedes Maß mit, wer ihnen für ein Verhör oder eine Inhaftierung geeignet erscheint. Allein in den ersten zwei Monaten dieses Jahres verhafteten israelische Soldaten in den besetzten Gebieten 1.319 Palästinenser, darunter 274 Kinder und 23 Frauen.

Doch diese Razzia in Nabi Saleh Ende Februar hatte eine Besonderheit. Unter den sechs Jugendlichen, die man festnahm, war auch der schwerverletzte 15jährige Mohammed Tamimi, ein Junge, dem israelische Soldaten Wochen zuvor in den Kopf geschossen hatten und der kurz vor der nächsten schweren Operation stand.

Nachts gegen 3 Uhr holten sie das traumatisierte Kind mit angelegten Gewehren aus dem Bett, verschleppten es zu einer Polizeistation und verhörten es dort unter Druck bis zum Vormittag – ohne Beistand von Eltern oder eines Rechtsanwaltes. Nach fast sechs Stunden Terrorisierung hatten sie den schwer am Kopf verletzten Jungen soweit, dass er eine Erklärung unterschrieb: Seine schlimmen Verletzungen habe er sich bei einem Sturz vom Fahrrad zugezogen. Er sei beim Fallen auf den Lenker gestürzt.

Nachdem sie diese groteske Erklärung am Morgen endlich aus dem Kind gepresst hatten, ließen die israelischen Peiniger es gehen. Den Weg nach Hause musste der verängstigte und verletzte Junge alleine finden.

Doch damit nicht genug. Einen Tag später veröffentlichte Israels Koordinator für Regierungsaktivitäten in den (besetzten) Gebieten, Generalmajor Yoav Mordechai, auf der Facebook-Seite der Armee die Erklärung des Jungen und triumphierte angesichts des Ergebnisses dieses schäbigen Vorgangs. Die Wunden seien „selbstverschuldet“, schrieb er. Den verletzten Jungen verhöhnte er, indem er über den Facebook-Post in roter Schrift „Fake News“ setzte – womit er, Ironie, keineswegs die abenteuerlich erfundene Geschichte der Armee meinte, sondern die Berichterstattung in den Medien, wonach der Junge durch einen Kopfschuss von israelischen Soldaten so schwer verletzt wurde.

Mordechai FB post on Tamimi
Auf Facebook verhöhnte der israelische Generalmajor Yoav Mordechai den schwerverletzten Jungen, dem man mit Schlägen und Drohungen eine absurde Erklärung abgerungen hatte. (Foto: screengrab)

Rückblende

Am Freitag den 15. Dezember 2017 kam es überall in den besetzten palästinensischen Gebieten erneut zu Protesten gegen die einseitige Anerkennung Jerusalems als israelische Haupstadt durch den amerikanischen Präsidenten. Israelische Soldaten stürmten das Dorf Nabi Saleh, um gegen die Demonstranten vorzugehen. Der 15jährige Mohammed wollte es genauer sehen, und kletterte auf eine Leiter, um über eine Mauer zu schauen. Ohne Vorwarnung wurde ihm daraufhin aus wenigen Metern Entfernung in den Kopf geschossen und er stürzte blutüberströmt drei Meter in die Tiefe. Er habe noch den Soldaten gesehen, wie der seine Waffe auf ihn richtete, erzählte der Junge später. Aber dann fiel auch schon der Schuss, und an mehr kann er sich nicht erinnern.

Die Kugel durchschlug das Gesicht unterhalb der Nase, brach dem Jungen den Unterkiefer und blieb im Gehirn stecken. „Das Blut schoss aus seinem Gesicht“, berichtete eine Verwandte. „Es war schrecklich. Wir hatten Angst, ihn zu bewegen. Er war ohnmächtig, und wir fürchteten, er sei bereits tot.“

Über Umwege und unter mehrfacher Behinderung durch israelische Soldaten an militärischen Straßensperren brachten die Verwandten das schwerverletzte Kind nach Ramallah. Im dortigen Krankenhaus kämpften die Ärzte um das Leben des 15jährigen. In einer sechsstündigen Operation mit sieben Operateuren entfernte man ihm die Kugel und versuchte den Kiefer wieder zu richten. Einen Teil des linken Schädels musste man ihm bei der Notoperation entfernen, um dem schwerverletzten Bereich im Gehirn Luft zu schaffen. Dann versetzten die Ärzte den Jungen für 72 Stunden in ein künstliches Koma.

Entsetzliche Tage begannen für die Familie, denen man sagte, dass es schlimm um Mohammed stehe und zu befürchten sei, dass er später eventuell nur schlecht sehen und hören könne. Wie schwer Teile seines Gehirns beschädigt waren, sei noch nicht absehbar.

Als Mohammed Tamimi nach Tagen langsam zu Bewusstsein kam und die Umstehenden identifizieren konnte, schien es der Familie wie ein Wunder. Es flossen Tränen des Schocks und der vorsichtigen Erleichterung. Doch sein Anblick war erschütternd.

Gut eine Woche später wurde er in die Pflege nach Hause entlassen und kämpfte sich seither mit enormer Energie und Tapferkeit durch ein fürchterliches Leben aus Erschöpfung, mangelnder Konzentrationsfähigkeit und dem für einen in der Pubertät steckenden Jugendlichen entsetzlichen Anblick eines deformierten Schädels. Er stand unter Dauermedikation und wusste, dass ihm noch mindestens ein bis zwei schwere Operationen bevorstanden. Beim Laufen schwankte er und brauchte ständig Betreuung. Auf dem linken Auge konnte er kaum sehen. Wegen der fehlenden Schädeldecke, so die Ärzte, dürfte er für die nächsten sechs Monate das Haus nicht verlassen.

Die Armee verhaftet den schwerverletzten Jungen

Dann kam der 26. Februar 2018. Nachts um drei wachte Mohammed von lauten Schlägen an der Haustür und Geschrei auf. Er setzte sich im Bett auf, aber da wurde auch schon die Tür zu seinem Kinderzimmer aufgerissen und israelische Soldaten stürmten hinein.

Wenige Minuten später wurde das schwerverletzte Kind in Handschellen abgeführt. „Ich flehte die Soldaten an, ihn nicht zu verhaften und sagte, dass er verletzt ist und morgens und abends seine Medizin braucht“, so Mohammeds Mutter Emthal. Doch die Soldaten ließen sich nicht erweichen. Entgegen der Anweisung, das Haus nicht zu verlassen, rannte die verzweifelte Mutter hinter ihrem Kind her. „Ich bat die Soldaten, wenigstens seine Hände vor dem Bauch mit den Handschellen zu fesseln, weil seine Schulter schmerzt, aber sie haben ihm die Hände trotzdem hinter den Rücken gebunden.“

Mehr als sechs Stunden lang wurde der verletzte 15jährige anschließend, unter Verletzung geltenden Rechts ohne Anwalt, verhört und unter Druck gesetzt. Ungeachtet der schweren Kopfverletzung, schlug man ihm ins Gesicht und auf die Beine und ignorierte seinen Zustand. „Ich versuchte mein Bestes, meinen Kopf zu schützen, weil es ihnen völlig egal war. Sie schlugen und traten einfach weiter auf mich ein“, erzählte Mohammed nach seiner Freilassung.

Die Schläge verfehlten nicht ihren Effekt. Irgendwann war der Junge am Ende seiner Kräfte und fürchtete, dass die Soldaten ihn ins Gefängnis werfen würden. Nur vier Tage später sollte er erneut am Kopf operiert werden, in ihm stieg die Angst auf. Und so unterschrieb er die Erklärung, seine Verletzungen seien durch einen Sturz vom Fahrrad entstanden. Er wusste, es war eine Lüge. „Aber als ich das unterschrieb waren die Soldaten zufrieden und nickten.“ Kurze Zeit später ließen sie ihn gehen.

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Generalmajor Mordechai von der israelischen Armee. (Foto: Wiki)

Am Tag darauf verhöhnte ihn der Generalmajor der israelischen Armee öffentlich auf Facebook und deklarierte die Geschichte, dem Jungen sei ins Gesicht geschossen worden, als „Fake News“. Sarkastisch fragte er: „Und was ist die Wahrheit über Mohammed Tamimi? Sein Vater behauptet, dass sein Sohn eine gummiummantelte Stahlkugel im Kopf hatte und dass die Ärzte Teile seines Schädels entfernen mussten, um sie zu herauszubekommen. Wunder über Wunder. Heute hat der Junge selber zugegeben, dass sein Schädel im Dezember verletzt wurde, als er Fahrrad fuhr.“ Es handele sich hier um die „Tamimi-typische Kultur von Lügen und Aufwiegelung“, fuhr der Generalmajor ungerührt fort.

Die Familie ließ das nicht auf sich sitzen. Sie veröffentlichte den Krankenhausbericht über die Operation, aus dem eindeutig hervorgeht, dass dem Jungen ein Gummistahlgeschoss aus dem Kopf operiert wurde. Auch veröffentlichte sie Fotos der Kugel und einen CT-Scan, auf dem die im Schädel des Jungen sitzende Kugel eindeutig zu sehen war.

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Die herausoperierte Kugel und der CT-Scan, auf dem die Kugel im Kopf des Jungen lokalisiert wurde. (Fotos: Familie Tamimi)

Die israelische Armee erklärte daraufhin lapidar, der Junge sei von der Polizei verhört worden. Man könne die Ursachen für seine Verletzung nicht bestätigen.

Die unmoralischste Armee der Welt

Die Verhöhnung des schwerverletzten Jungen Tamimi zeigt, mit welcher Verachtung die israelische Armee der palästinensischen Bevölkerung begegnet. Es genügt ihr nicht, Kindern in den Kopf zu schießen. Sie macht sich anschließend auch noch lustig über die Opfer und spuckt ihnen ins Gesicht. Wie dem 16jährigen Mus‘ab Tamimi, einem Verwandten des 15jährigen Mohammed aus dem Nachbardorf Deir Nidham, dem ein israelischer Soldat nachweislich ohne Grund – nur weil er es konnte und wollte – am 3. Januar dieses Jahres mit scharfer Munition in den Hals schoss und ihn tötete. Zwei Tage später fielen israelische Soldaten erneut in Deir Nidham ein und schändeten das Trauerposter des toten Jungen, schrieben „Hurensohn“ und „Schlampe“ darauf und beschmierten es mit Davidsternen und Stinkefinger. Die gramgebeugten Eltern des ermordeten Jungen waren fassungslos vor Entsetzen.

Kann eine Armee moralisch noch tiefer sinken?

Der gegen den schwerverletzten Jungen hetzende Generalmajor Yoav Mordechai nahm übrigens vergangene Woche in Washington als Vertreter Israels an einer Konferenz der amerikanischen Regierung teil, auf der über „die humanitäre Krise in Gaza“ beraten wurde. Dass ausgerechnet Mordechai, der das schwerverletzte und von der Armee massiv terrorisierte und erpresste Kind öffentlich verhöhnte, der richtige Mann sein sollte, über humanitäre Krisen zu urteilen, spricht Bände. Einmal mehr machte die israelische Armee willentlich den Bock zum Gärtner.

Wer wissen will, wie tief eine illegale Besatzungsmacht moralisch sinken kann, dem liefert Israel Tag für Tag mit seinen Verbrechen in den besetzen palästinensischen Gebieten ausreichendes Anschauungsmaterial. Die israelische Armee füllt das Buch der Geschichte seitenweise mit Gräueltaten, Niederträchtigkeiten, Verletzungen Unschuldiger und skrupellos durchgeführten extralegalen Tötungen – auch von unbewaffneten Kindern und das ganz ungeniert selbst vor anwesenden Pressevertretern.

Eines Tages werden nachkommende Generationen dies in den Geschichtsbüchern lesen und fassungslos fragen, wie es möglich war, dass eine vermeintlich zivilisierte Welt derartige Verbrechen über Jahrzehnte tatenlos geschehen ließ. Man kann nur hoffen, dann nicht mehr am Leben zu sein. Sonst wäre man gezwungen, Antworten zu geben, die ihren Glauben an Zivilisation und Humanität für immer zerstören würden.

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