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Abschuß des US-amerikanischen Spionageflugzeugs U-2 – 01.05.1960:


Abschuß des US-amerikanischen Spionageflugzeugs U-2 – 01.05.1960

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Chruschtschow besichtigt das Wrack von Powers‘ U-2 (Bild: Wikipedia)

Kaum ein Flugzeug versinnbildlicht die us-imperialistische Spionage-Politik im „Kalten Krieg” gegen die sozialistischen Länder wie das eigens dazu entwickelte und von der CIA betriebene Spionageflugzeug Lockheed U-2.

Im Mai 1960 war der Abschuss eines solchen US-Spionageflugzeugs tief sowjetischen Luftraum Auslöser für eine schwere Krise zwischen Moskau und Washington.

Auch heute, über fünfzig Jahre nach dem Abschuss des Spionageflugzeug, sind die U2 der US Air Force im Dienst – und provoziert und/oder begleiten weiterhin Konflikte.

Ende Juli 2011 forderte die Volksrepublik China, die USA sollten ihre Aufklärungsflugzeuge speziell mit diesem Flugzeugtyp entlang der chinesischen Festlandsküste unterlassen, sie stünden der gegenseitigen Annäherung im Weg. Nach taiwanesischen Angaben hätten chinesische Abfangjäger im Juni 2011 versucht, eine U2 abzufangen, und seien dabei in Luftraum Taiwans eingedrungen. Die USA hingegen versichern, die Aufklärungsflüge finden in internationalem Luftraum statt, man werde weiter daran festhalten.

Im FAZ-Achiv fand ich folgenden Artikel:

Das Gespenst von Washington

Er war eine Ikone des Kalten Krieges. Der CIA-Pilot Francis Gary Powers wurde 1960 über der Sowjetunion mit seinem legendären Spionageflugzeug U 2 abgeschossen. Daraufhin ließen die Sowjets den Pariser Gipfel platzen. Eine neue Eiszeit begann. Heute möchte man in den USA den Vorfall am liebsten vergessen. Powers Sohn möchte ein Museum und ein Mahnmal

Peter Tautfest

Francis Gary Powers? Keine Ahnung wer das ist. War, nicht ist. Er ist schon lange tot. Schwer vorstellbar für Leute über 45, daß jemand nicht weiß, wer Powers war. Und U-2. Ist eine Rockband. Richtig. Die aber ist nach einem Spionageflugzeug benannt, das unerreichbar hoch und weit fliegen konnte. So hoch dann aber auch wieder nicht, daß sein Abschuß nicht eine Weltkrise auslöste. Das ist lange her, 1960. So lange aber auch wieder nicht, daß alle Erinnerung an den Mann, an seinen Höhenflug und seinen Absturz ausgelöscht wäre. Wie ein Gespenst treibt sich Gary Powers in Washington herum. Was er will? Was Gespenster so wollen, ein anständiges Grab mit einem ordentlichen Stein drauf.

Francis Gary Powers war der Pilot, der 1960 Amerikas U-2 auf einem Aufklärungsflug erstmalig quer über das ganze Territorium der Sowjetunion steuerte und über Swerdlowsk abgeschossen wurde. Er war eine Ikone des Kalten Krieges, wenn auch nie von Ruhm umgeben wie die Helden jener anderen, richtigen Kriege: Patton, Mac Arthur, Pershing.

Das ist Gary Powers Problem. Sein Sohn heißt wie sein Vater und sieht ihm täuschend ähnlich. Das und die Art, wie Amerika mit seinen Erinnerungen umgeht, hat ihn zum Gespenst seines Vaters werden lassen.

Gary Powers junior reist mit einer kleinen Wanderausstellung landauf, landab, stellt in Kasernen, Ministerien, Museen und Stadthallen aus, was von seinem Vater übriggeblieben ist: Jugendfotos, Zeitungsausschnitte, Briefe, dessen Buch „Operation Überflug“, einen Grundriß seiner Gefängniszelle in der Lubjanka und – dem Kronjuwel dieser Reliquiensammlung – ein Stück der abgeschossenen U-2.

Mit der Ausstellung wirbt und sammelt Junior für ein Mahnmal des Kalten Krieges, das in Washington auf der Mall stehen soll. Da, wo schon das Vietnam Memorial und das Koreadenkmal stehen und wo jetzt das Mahnmal für den Zweiten Weltkrieg geplant ist. „So ein Memorial braucht nicht groß zu sein“, sagt er, „ein schlichter Stein würde genügen“. Für das dazugehörige Museum des Kalten Krieges – ein Stück Mauer muß unbedingt dabei sein – hat er an erste Washingtoner Adressen gedacht, wie das noch nicht fertiggestellte Ronald-Reagan-Gebäude im Herzen der Hauptstadt, aber auch an weniger illustre Standorte wie eine ausgediente Raketenstellung in Virginia.

Gary Powers junior hat schon Sergej Chruschtschow (Anm.: genauso ein Revisionist und Verräter wie sein Vater) für seinen Verein gewonnen, dem Sohn des Alten, der damals mit seinem Schuh auf den Tisch der UNO-Vollversammlung schlug und 1960 die Pariser Viererkonferenz wegen des U-2-Zwischenfalls platzen ließ.

Francis Gary Powers senior wurde 1956 aus der Air Force abgezogen und von der CIA für das geheime U-2-Programm unter dem Codenamen „Operation Überflug“ angeworben. Nachdem die U-2 den 21.000-Meter-Rekord gebrochen hatte, war es soweit: Am 1. Mai 1960 startete Powers von Peshawar in Pakistan auf einen Flug, der ihn über 6.439 Kilometer nach Norwegen bringen sollte. Unterwegs sollten militärische Einrichtungen mit Hilfe hochsensibler Kameras fotografiert werden, die eigens für die U-2 entwickelt worden waren. „Schon nach dem damaligen Stand der Technik konnten wir aus zwanzig Kilometer Höhe Fotos machen, auf denen die Nummernschilder von Autos zu lesen waren“, erklärt Gary Junior.

Die Amerikaner hielten ihre U 2 für unerreichbar, und in der Tat kam keine der sowjetischen Migs an sie heran. Doch bei Swerdlowsk schließlich explodierte eine sowjetische SAM-Rakete nahe genug.

Wrackteile der von Francis Gary Powers geflogenen U-2 in einer Ausstellung im Zentralen Museum der Streitkräfte in Moskau (Bild: Wikipedia)

Die NASA gab – im Auftrag der CIA – nach dem Abschuß bekannt, eines ihrer unbewaffneten meteorologischen Forschungsflugzeuge werde vermißt. Der Pilot hätte per Funk durchgegeben, er habe mit seiner Sauerstoffversorgung Probleme. Seitdem werde er vermißt. Es sei nicht ausgeschlossen, daß er sich verflogen habe, man habe aber keine Ahnung, wo das Flugzeug niedergegangen sein könnte.

Ganze fünf Tage ließ die Sowjetunion sich Zeit, bis Nikita Chruschtschow auf einer Sitzung des Obersten Sowjets bekanntgab, ein amerikanisches Spionageflugzeug sei abgeschossen worden: Helle Empörung auf Seiten der sowjetischen Delegierten – und der Amerikaner. Wie man nur einen um Luft ringenden unbewaffneten amerikanischen Piloten abschießen könne, und das nur wenige Wochen vor der geplanten Pariser Viererkonferenz!

Sieben Tage nach dem Abschuß trat Chruschtschow abermals vor den Obersten Sowjet und verkündete, der Pilot sei am Leben, er habe den Spionageauftrag gestanden, die Filme der Kameras seien entwickelt worden. Chruschtschow schwenkte Aufnahmen von Kasernen, Luftwaffenbasen, Raketenstellungen. Noch etwas hielt Chruschtschow hoch: Rubel. Der Pilot habe russisches Geld dabeigehabt, eine Pistole mit Schalldämpfer und dann noch eine Ampulle mit dem tödlichen Gift Curare und darin eine kleine Nadel. All das ist noch heute im Zentralen Militärmuseum Rußlands zu sehen – Fotos davon in Gary Powers juniors Ausstellung.

Das also ist das Ausrüstungszeug amerikanischer Meteorologen“, höhnte Chruschtschow.

Nun hatte Eisenhower ein Problem: Entweder er mußte zugeben, daß der Flug ohne sein Wissen erfolgte, er somit nicht Herr im eigenen Haus war. Oder er mußte eingestehen, gelogen zu haben. Er entschied sich für letzteres.

Francis Gary Powers wurde vor ein Moskauer Gericht gestellt und zu zehn Jahren Haft verurteilt. 1962 wurde er nach dem Amtsantritt Kennedys gegen einen sowjetischen Agenten auf der Glienicker Brücke ausgetauscht. Bei seiner Rückkehr wurde Powers nicht mit Jubel empfangen – wie eigentlich üblich bei der Heimkehr verdienter amerikanischer Soldaten. Statt dessen wurde er 24 Tage an geheimem Ort vernommen. Die Protokolle des Verhörs sind zum größten Teil noch heute Verschlußsache.

Vor einem Senatsausschuß wurde Gary Powers anschließend noch einmal verhört. Zur Ausstellung seines Sohnes gehört eine in Bleistift gekritzelte Notiz Senator Goldwaters: „Sie haben alles richtig gemacht und sich wie ein Held verhalten.“ Doch so richtig zum Helden wurde Gary Powers nie. „Obwohl er die höchste Auszeichnung der CIA erhielt und von der Air Force das Fliegerkreuz“, sagt sein Sohn, „blieb er – um ein Wort John le Carrés zu benutzen – der Spion, der aus der Kälte kam“.

Junior lebt heute in Fairfax County, jenem gesichtslosen suburbanen Städtebrei im Norden Virginias. Was ihn von Kalifornien, wo er aufgewachsen ist, gerade hierher gebracht hat? Die Nähe zu Washington. Powers junior wußte schon als Schulabgänger, daß er sein Leben in Dienst der Erinnerungen an das Leben seines Vaters stellen wollte. Und dafür mußte er der CIA und dem NSA, der amerikanischen Abhörbehörde, möglichst nahe sein.

An den Wänden seines Reihenhauses hängen Bilder von Flugzeugen, von seinem Vater sowie das Siegel des CIA. Auf den Fensterbänken – Modelle der U 2 und der dreifach überschallschnellen SR 71. Seine Katze heißt SAM (Surface to Air Missile). Im Wohnzimmer vor dem Sofa steht eine Kiste mit Bildern und Material zum Fall seines Vaters. Im Schlafzimmer und auf dem Dachboden stehen noch drei solcher Kisten. Die meisten Unterlagen über seinen Vater hat er schon ans Aero Space Museum abgegeben. Was ihm noch bleibt, möchte er irgendwie erhalten, nur wie und wo? In ein Francis Gary Powers Museum würde ja wohl niemand gehen, so reifte in ihm der Gedanke an ein Museum des Kalten Krieges.

Ich bin ein Kind des Kalten Krieges“, sagt Gary Powers junior von sich. „Bei uns zu Hause hingen Luftaufnahmen und Konstruktionszeichnungen von Flugzeugen an den Wänden, bei meinen Klassenkameraden hingen Popstars im Schlafzimmer. Mein Vater hielt mich an, auf meine Worte zu achten und nicht alles herumzureden.“ Er sei ein verschlossenes Kind gewesen, sagt er. Besonders nach dem Tod seines Vaters – damals war er zwölf -, nach dem er erst erfahren hatte, wer sein Vater eigentlich war. Der Pilotensohn wurde von Klassenkameraden auch schon mal gefragt, ob er nicht Millionär sei, sein Vater habe für seine Dienste doch bestimmt viel Geld bekommen. „Was Leute sich so über Spione zusammenreimen“, meint Powers.

Gary redet unausgesetzt über die Erinnerung an etwas, wovon die meisten in den USA schon nichts mehr wissen wollen. Nein, der Kalte Krieg ist nicht etwas, was im amerikanischen Geschichtsbewußtsein fortbesteht, schon gar nicht als etwas Glorreiches.

Wie jeder Krieg hatte der Kalte Krieg seine Opfer und seine Helden“, sagt Gary Powers, „und denen gebührt ein Mahnmal“. Sein Vater sei beides zugleich gewesen. Und da sei er doch, sein Sohn, der beste Anwalt für dieses Projekt, das sich gegen das Vergessen richtet.

Hätte der Kalte Krieg sich nicht wie (fast) jeder Krieg verhindern lassen können? Hätte er vielleicht einen anderen Verlauf genommen, wenn es den U-2-Zwischenfall nicht gegeben hätte? Chruschtschow und Eisenhower hatten sich während einer Woche in Camp David im September 1959 geradezu angefreundet. Wer weiß, wie die Pariser Viererkonferenz ohne den Zwischenfall ausgegangen wäre. Aber vielleicht fürchtete der CIA gerade, daß sich in Paris eine Politik der Entspannung anbahnte, die die Aufklärung über der Sowjetunion unmöglich machen würde, vielleicht wollte sie noch schnell einen Spionageflug einschieben, bevor die Großen sich auf deren endgültiges Ende verständigten?

Auf all diese Fragen weiß Gary Powers keine Antwort, bei den Kursen über zeitgenössische Geschichte komme man in Schule und College nie über den Zweiten Weltkrieg hinaus, sagt er entschuldigend, aber gerade solche Fragen zu klären sei Aufgabe des Dokumentations- und Studienzentrums, fügt er schnell hinzu.

In Sachen Spionage dagegen kennt Gary sich aus. Und daher kommt wohl auch das Gefühl, daß er eigentlich seinem Vater hinterherspioniert. „Ich verbringe mein Leben damit, das Rätsel meiner Kindheit aufzuklären“, sagt er. Worin dieses Rätsel besteht, vermag er nicht genau zu sagen. „Doch“, fügt er nach langem Schweigen hinzu, „wieso eigentlich liegt noch immer ein Schatten auf dem Bild meines Vaters, der doch seine militärische Pflicht getan und keinen Verrat begangen hat?“ Den Namen des Vaters reinwaschen – stellvertretend für alle Helden des Kalten Krieges, die die Nation zu vergessen beginnt.

Für das Mahnmal will Gary Powers etwa fünf Millionen Dollar und für das Museum noch mal fünf bis zehn Millionen sammeln. Als Datum für die Eröffnung des Zentrums hat er sich das Jahr 2003 vorgenommen. Na klar, zum 50. Jahrestags des 17. Juni also. Gary Powers ist verwirrt. 17. Juni 1953? Von dem Berliner Aufstand gegen die sowjetische Besatzung Deutschlands hat er noch nie etwas gehört. „Aber das ist gut“, sagt er dann strahlend, „das Datum nehmen wir“.

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