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Ljubow Pribytkowa: Sage mit, mit wem du umgehst…


Ljubow Pribytkowa: Sage mit, mit wem du umgehst…

Veröffentlicht am 12. August 2018 von

goworuchinVor kurzem starb der bekannte Filmschaffende, der Regisseur, Schauspieler und Schriftsteller Stanislaw Goworuchin. In der UdSSR kannten ihn alle. Wir haben seine schönen Filme „Die Abenteuer von Tom Sawyer und Huckleberry Finn“, „Das Leben und die merkwürdigen Abenteuer des Robinson Crusoe“, „Den Treffpunkt darf man niemals ändern“ und andere gern gesehen. Wir respektierten deren Schöpfer.

Ein nicht wieder gutzumachender Schaden…

Aber mit der Perestrojka hat sich vieles geändert. Es geschah ein bürgerliche Konterrevolution. Sie hat nicht nur die Wirtschaft, die Politik, das Gesundheitswesen und das Bildungssystem, sondern auch die Kultur des sowjetischen Staates zerstört. Sie hat der Geisteswelt des sowjetischen Volkes einen nicht wieder gutzumachenden Schlag versetzt. Sie hat einen großen Teil der sowjetischen Intelligenz, bekannte Wissenschaftler und Gesellschaftswissenschaftler, Regisseure und Schauspieler, Schriftsteller und Journalisten in den Sumpf der moralischen und politischen Prostitution gezogen. Hunderte und Aberhunderte in der UdSSR bekannte Menschen gingen buchstäblich auf dem Strich, sie wurden gekauft vom Geld des amerikanischen Finanziers George Soros.

Sie wähnten sich als Hirn der Nation

Den Erzfeinden der Sowjetunion Andrej Sacharow und Alexander Solschenizyn haben sich der Ideologe des ZK der KPdSU Alexander Jakowlew und der General Dmitrij Wolkogonow, die Schriftsteller Daniil Granin und Andrej Wosnessenski, die Gesellschaftswissenschaftler Jegor Gaidar und Gawriil Popow, sowie Jurij Afanasjew und Nikita Michalkow, Wachtang Kikabidse und Oleg Bassilaschwili, Oleg Tabakow und Bulat Okudschawa, Mstislaw Rostropowitsch und Galina Wischnewski und andere angeschlossen. Sie haben die Interessen des werktätigen Volkes verraten. Sind in die Dienste der Bourgeoisie getreten und haben ihr geholfen, die Volksmacht zu zerstören. Sie wähnten sich einst als das Hirn der Nation und wurden zu seiner Scheiße. Der Verrat der Intelligenz erschütterte die anständigen Menschen mehr, als die Zerstörung ihrer Betriebe. Nicht nur die bei uns beliebte Dichterin Julia Drunina, konnte das nicht ertragen und schied freiwillig aus dem Leben…

Sage mir, mit wem du umgehst und ich sage dir, wer du bist.

Nach dem Tod Stanislaws Goworuchins waren die offizielle Presse und die Webseiten im Internet voll von Beileidsbekundungen. Worte zum Abschied sprachen das Oberhaupt des bürgerlichen russischen Staates, Wladimir Putin, seine Freunde und Kollegen. Es verabschiedete sich sein Freund, der Vorsitzende des ZK der KPRF Gennadij Sjuganow. Die „Prawda“ veröffentlicht auf ihrer Titelseite seinen Nachruf an die Adresse „der hervorragenden Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und des Politikers“. Dabei erinnert uns diese unangebrachte Einschätzung Goworuchins durch Sjuganow an die Volksweisheit: Sage mir, wer deine Freunde sind, und ich sage dir, wer du bist!

„Totalitäre Begeisterung“

Stanislaw Goworuchin hat sich ab 1985 leidenschaftlich in die Politik eingereiht. Vom „demokratischen“ Aufbruch der Intelligenz geriet er, wie er dem Staat schrieb, in „totalitäre“ Begeisterung. Aktiv hat er sich damit beschäftigt, die sowjetische Vergangenheit in den Schmutz zu ziehen. 1990 flimmerte sein Film „So darf man nicht leben“ über die Fernsehbildschirme. Er sammelte und verstreute viel Schmutz über die sowjetische Wirklichkeit. Es wurde klar, daß der Regisseur, auch wenn er nicht wenige gute Filme über die sowjetische Zeit gemacht hat, das Wesen der sowjetischen Ordnung nicht begriffen hatte. Paradox, aber so ist es.

Geistige Prostitution

Von der Pseudodemokratie der Perestrojka war er so begeistert, daß er sogar Abgeordneter in der Staatsduma und Fraktionsvorsitzender der Demokratischen Partei Rußlands wurde. Und 20 Jahre nachdem die Zerstörung des Landes offenkundig geworden war, gestand er öffentlich ein, daß er Gorbatschow, der selbst nichts verstanden habe, der einfach ein Idiot, ein Feind des Vaterlandes gewesen sei, geglaubt habe. Vor dem applaudierenden Hörsaal nannte er die schöpferische Intelligenz eine Prostituierte. Er hatte wirklich nicht begriffen, daß er selbst einer ihrer Anführer war…

Schmutzige Verleumdungen

Nach diesem Film, der im wesentlichen nichts anderes tat, als die sowjetische Wirklichkeit auf übelste Weise zu bespucken, brachte er einen weiteren Film heraus: „Das Rußland, das wir verloren haben“. Und es war das Gejammer über das vorrevolutionäre Rußland – ein berstendes, bettelarmes und ungebildetes Land. Dieser Blinde hatte sich also entschlossen, jenes Rußland zu besingen, das bei den bedeutendsten russischen Schriftstellern und Dichtern nur Schmerz und Leid, anstatt Begeisterung, hervorgerufen hat. Lenin und die Bolschewiki nannte Goworuchin nun nicht mehr Gründer des ersten, gerechten Arbeiter- und Bauernstaates in der Welt, sondern bezeichnete sie als die Schuldigen an diesem „Verlust“. Er erklärte: „Zurück zu Lenin bedeutet, die Geschichte überhaupt nicht zu kennen. Durch die Hungersnot der Jahre 1921-22 sind 5 Millionen Menschen umgekommen, die alle Lenin auf dem Gewissen hat“. Wie versaut muß man sein, so etwas zu behaupten!

Goworuchin als Handlanger Sjuganows

Es wäre wünschenswert, wenn man sich solche groben Ausdrücke ersparen könnte, doch gegen solche Anwürfe kommt man nicht anders an. Man muß die Dinge beim Namen nennen. Vom Beginn der Perestrojka bis zum letzten Tag baumelte dieser „große“ Filmschaffende in der Politik, wie ein Haar in der Suppe1. Urteilen Sie selbst. 1996 war er während der Wahlkampagne Vertrauensperson beim Führer der „Kommunisten“ Gennadij Sjuganow. Die KPRF verlor. Dann wechselte er auf antikommunistische Positionen über und fing an, die Menschen zu überzeugen, daß ein „Zurück zu Lenin – der Untergang“ ist. Im Buch „Die Große kriminelle Revolution“ schrieb er haßerfüllt über die hervorragende Persönlichkeit, den langjährigen Führer der Sowjetunion, Stalin: „Wir werden schonungslos gegenüber Stalin sein (und gerecht!), und wir werden schonungslos gegenüber jedem sein, der in seine Fußstapfen tritt!“

Diebe und Banditen an der Macht

Goworuchin sagte offen heraus: „Ich bin ein überzeugter Gegner des Kommunismus“. Obwohl er den Lesern im Buch bewies, daß unter Jelzin ein verbrecherischer Staat geschaffen worden war, in dem Diebe und Banditen die Macht übernommen hatten, hob er hervor, daß man damit brechen müsse, allmählich und schrittweise… die Unstimmigkeit mit den Konterrevolutionären bestand bei ihm nur darin: „Ich war von der Dauerhaftigkeit einer solchen Konstruktion, wie des sowjetischen Imperiums niemals überzeugt…, doch man darf einen solchen Bau nicht sprengen, man muß die Bausteine ordnen. Und sie haben es gesprengt.“ Goworuchin war ein ausgesprochener Konjunkturritter. Als er die Wahlen der KPRF verloren hatte, lief er zu der bürgerlichen Partei „Einiges Rußland“ über. Und 2004 verhehlte er nicht sein Glück und er schrieb in „Argumente und Fakten“ über Putin: „Es ist ein Mensch gekommen – klug und gebildet, alle mögen ihn…“ – und so kam er 2012 dazu, den Vorbereitungsstab für die Präsidentschaftskandidatur Putins zu leiten.

Verstand ist nicht mehr notwendig

Der sowjetische Staat oder ein bürgerlicher, Kommunismus oder Kapitalismus, gesellschaftliches Eigentum an Produktionsmitteln oder Privateigentum, Arbeiterklasse oder Bourgeoisie, kommunistische Partei oder eine bürgerliche – diese Begriffe der marxistischen Ideologie, die er in der UdSSR zu beherrschen wußte, hat er als unnötig hinausgeworfen, sie haben aufgehört, für ihn einen Sinn zu haben. Emotionen sind vorhanden, Verstand ist nicht mehr notwendig. Nur noch oben bleiben und bekannt sein – das war seine Devise. Das Buch „Die Große kriminelle Revolution“ und die zahlreichen öffentlichen Auftritte Goworuchins während der bürgerlichen Konterrevolution haben gezeigt, daß er, nachdem er sich in die Politik gestürzt hatte, als Persönlichkeit nicht gewachsen, sondern gefallen ist. Er ging dorthin, er machte dies und jenes. Doch nichts von dem Geschehenen hat er verstanden. Das Schwarze nannte er weiß, das Weiße schwarz. Er begann, den Feinden der Arbeiterklasse zu dienen. Eine traurige Gestalt!

War Sjuganow blind?

Und hat der „oberste Kommunist“ Rußlands, Sjuganow, von der moralischen Tragödie dieses Intellektuellen nichts mitgekriegt, als er Goworuchin in seinem Nachruf als „hervorragende Persönlichkeit des öffentlichen Lebens und Politiker“ bezeichnete. Hat er ihn nicht verstanden? Hat denn Goworuchin seine antikommunistische Position so verheimlicht? Nein, natürlich nicht. Sjuganow hat das alles sehr gut verstanden. Aber er ist selbst ein solch begabter Konjunkturritter wie der Verstorbene. Und es war kein Zufall, daß er in den Minuten des Abschieds neben Putin, dem Führer der bürgerlichen Politiker, stand. Schon vor einer Ewigkeit hat selbiger sich von seinen kommunistischen Positionen losgesagt, anders ist es nicht zu erklären, daß im Druckorgan der KPRF „Otjetschestwennyje Zapisky“ („Vaterländische Notizen“) im Mai 2018 auf der Titelseite das Bild des russischen Zaren Nikolaj II. steht, mit den Worten „150. Geburtstag des letzten russischen Imperators“.

Der blutige Zar Nikolaj II. als Vorbild

Die „kommunistische“ Zeitung hat das Porträt des blutigen Zaren veröffentlicht, doch warum hat sie ihre älteren Leser nicht daran erinnert, und den jungen Lesern nicht erklärt, daß der 9. Januar 1905 in die Geschichte eingegangen ist, als der „Blutsonntag“, nachdem Nikolaj II, den Schießbefehl auf die unbewaffneten, friedlichen Menschen gegeben hatte, die mit einer Petition über ihre Wünsche zu ihm gekommen waren. Warum hat sie nicht mitgeteilt, dass im Oktober 1905 in Hunderten Städten Rußlands etwa 4.000 Arbeiter erschossen wurden. Warum hat sie nicht berichtet, daß im November 1905 in der Stadt Sewastopol auf dem Panzerkreuzer „Potemkin“ unter dem Kommando des Leutnants P.P.Schmidt ein Aufstand ausbrach und dieser Aufstand grausam unterdrückt wurde. Der Kommandeur des Schiffes und drei Matrosen wurden erschossen.

Die KPRF: Wie ihr Führer so ist auch die Partei…

Über die Hauptsache, warum Nikolaj II. als „der blutige Zar“ in die Geschichte einging, wurde nämlich nicht geschrieben, weil das unvorteilhaft ist. Das Prinzip der KPRF ist es, mit jeder beliebigen Partei ein Bündnis einzugehen, wenn damit nur mehr Stimmen zu den Wahlen einzufangen sind, um an der Macht zu bleiben und in der Staatsduma zu sitzen. Das unkommunistische Wesen der KPRF ist seit langem bekannt. Und daher muß man sich nicht wundern, wie die Partei, so ist auch ihre Presse und so ist auch ihr Führers. Und mit denen er umgeht, so ist er auch selber.

Ljubow Pribytkowa

Quelle: Kommunistische Allunions-Partei (Bolschewiki)

(Übersetzung: Florian Geißler, Jena, Zwischenüberschriften eingefügt, N.G.)

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3 Gedanken zu „Ljubow Pribytkowa: Sage mit, mit wem du umgehst…“

  1. Alles was man sich oft mühsam und auch mit Rückschlägen selber erarbeite hat und erarbeitet hat einen bleibenden Wert.
    Es fasziniert und fesselt mich, dass ich hier solch einen „Schatz“ finde.
    Endlich wird erarbeitetes schlüssig im Licht der Geschichte und ich hab es schwarz auf weiß vor meiner Nase.
    Passt, wie ich finde sehr gut mit dem was Sascha veröffentlicht hat.
    Geradezu aktuell zu dem ganzen Mist und Dreck der täglich in die Menschen eingehämmert wird.
    Ich mache fleißig weiter und lerne, was da Zeug hält.
    Für Danke gibts kein inflationär. DANKE!!!.

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  2. Entschuldigung, dass der Text nur unzureichend angekommen ist.
    Da sollte ich aber besser darauf achten, was ich auf den Weg schicke.
    …..soll heißen, was man sich selbst erarbeitet hatte und hat…….

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    1. Ach Ulrike, warum so selbstkritisch?
      Dein Kommentar (Text) ist bei mir schon richtig angekommen.
      Ich freue mich, das du meine Arbeit kommentierst und Schriftsteller sind wir doch alle nicht. Wenn auch mal ein Satz nicht so gelingt wie man es sich im Nachhinein gerne wünscht, ändert es doch nichts an der Absicht. Ich danke dir für deine Kommentare. Ich habe leider nicht so Zeit, ausgiebig darauf zu antworten. Sascha

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