Alle Beiträge, Antifaschistischer Kampf, DDR, Debatte, Deutsch-sowjetischen Geschichte, Geschichte, Gesellschaft, Ideologie, Kultur, Politik, Sowjetunion, Soziales

Die Sowjetunion und wir…


Die Sowjetunion und wir…

30. August 2018

ND48Der später völlig zurecht von seinem Posten als Chefredakteur des „Neuen Deutschlands“ abgesetzte Rudolf Herrnstadt hatte 1948 mit seinem Artikel „Über ,die Russen‘ und über uns“ in der sowjetischen Besatzungszone eine heftige Debatte ausgelöst, die weit über das hinausging, was einige führende Genossen des Politbüros als zuträglich empfanden. War es Wasser auf die Mühlen des Klassenfeinds? War Herrnstadts Kritik am zwiespältigen Verhältnis der Deutschen zur Sowjetunion unberechtigt? War Herrnstadt „zu weit gegangen“, indem er seiner Enttäuschung über die deutsche Arbeiterklasse Ausdruck gab? Nein keineswegs.

Wahrheiten des Hauptmanns Tregubow

Am 19. November 1948 erschien in der Tageszeitung „Neues Deutschland“ der Artikel ihres zeitweiligen Chefredakteurs Rudolf Herrnstadt „Über die Russen und über uns“. (s.Anhang). Der „RotFuchs“ berichtete bereits darüber. Der Autor ging von zwei Feststellungen aus:

  1. Es gibt für die deutsche Arbeiterschaft keine Orientierung im Klassenkampf, keine Überwindung der materiellen und ideologischen Schwierigkeiten, keinen Weg zum Sozialismus ohne richtige Einschätzung der Rolle der Sowjetunion, ohne rückhaltloses Bekenntnis zu ihr, ohne uneingeschränkte Unterstützung der UdSSR.

  2. Sogar die Einstellung der SED zur Sowjetunion, also des fortschrittlichsten Teils der deutschen Arbeiterbewegung, ist in dieser Frage nicht frei vom Einfluß des Gegners. Die Folge besteht bis heute darin, daß allein das Thema von Teilen der Partei als „Belastung“ empfunden wird.

Rudolf Herrnstadts Artikel löste in der sowjetischen Besatzungszone lebhafte Debatten aus. An zwei Diskussionsabenden wurde im großen Saal des Berliner Hauses der Kultur der Sowjetunion – dem späteren Maxim-Gorki-Theater – über diesen Artikel stürmisch diskutiert.

Das Wort hat Hauptmann Tregubow…

Am 7. Januar 1949 erteilte der Gesprächsleiter Prof. Peter Alfons Steiniger dem sowjetischen Hauptmann Tregubow das Wort. Angesichts der Greueltaten der deutschen Faschisten an der sowjetischen Bevölkerung und der Verwüstung weiter Landesteile der UdSSR zeigte dieser menschliche und politische Größe. Hier einige Ausschnitte aus seinen Ausführungen:

Wann begann das Problem eigentlich?

„… In der Diskussion über die ‚Russen und über uns‘ möchte ich zu Ihnen als ein Vertreter jener Nation sprechen, die heute hier zur Debatte steht. Aber ich möchte das Thema so formulieren: ,Über die Deutschen und über uns.‘ Ich hoffe, daß Sie mir das gestatten. Wie ich aus der Diskussion ersehe, ist die Problemstellung für Sie erst im Mai 1945 entstanden. Für uns aber ist das Problem ‚Die Deutschen und wir‘ bereits am 22. Juni 1941, als Hitlerdeutschland wortbrüchig die Völker der Sowjetunion überfiel, akut geworden. Tatsächlich entstand es für uns noch früher, nämlich an jenem Tage, als auf dem Opernplatz in Berlin die Bücherverbrennungen stattfanden, als Werke von Thomas Mann und Maxim Gorki, Marx und Lenin den Flammen zum Opfer fielen, ja überhaupt seit dem Tag des Machtantritts der Hitleristen.

Enttäuscht von der deutschen Arbeiterklasse…

Ich bin seit dem 22. Juni 1941 in der Sowjetarmee und weiß sehr gut, welche Gedanken die russischen Soldaten und Offiziere am Tage des Überfalls hatten. Jeder von uns wußte, daß der Hitlerismus alle demokratischen Kräfte Deutschlands zerschlug. Aber jeder von uns glaubte, daß die Arbeiter und Bauern Deutschlands doch nicht gegen die Macht der Arbeiter und Bauern in der Sowjetunion kämpfen würden. Mich, den einfachen Soldaten der Roten Armee von 1941, haben die deutschen Arbeiter und Bauern sehr enttäuscht. Nehmen Sie mir das nicht übel! Sie haben mich gezwungen, vier Jahre hindurch ununterbrochen die Waffe nicht aus der Hand zu legen.

Unsägliches Leid in der Sowjetunion

Vier Jahre lang dauerte der grausame Krieg, der durch den deutschen Hitlerismus entfesselt worden war. Vier Jahre lang floß das Blut von Millionen sowjetischer Menschen. Vier Jahre lang und noch heute weinten und beklagten Millionen russischer Frauen ihre Männer, Brüder und Kinder. Kein Land, welches von den Hitlerhorden überfallen wurde, hat so große Verluste erlitten wie meine Heimat und mein Volk. Ungeheure Anstrengungen kostete uns der Sieg über Hitlerdeutschland. Die Faschisten zerstörten 1710 sowjetische Städte, über 70 000 Kleinstädte und Dörfer. Sie zerstörten mehr als sechs Millionen Häuser und machten damit 25 Millionen sowjetische Menschen obdachlos.

Ein riesiger Schaden

Der Schaden, welcher der Volkswirtschaft und den Bürgern der UdSSR zugefügt wurde, überstieg die Summe von 128 Mrd. Dollar. Aber kann man den Wert des Lebens der Millionen und aber Millionen Gefallenen, der Wunden und des Blutes der Verstümmelten und des Leids der Hinterbliebenen ermessen?! Diese großen Opfer waren der Preis für den Sieg über den Faschismus. Die Rote Armee rettete nicht allein das eigene Land und dessen Menschen vor dem sicheren Untergang, sondern auch andere Länder und Völker, darunter das deutsche Volk. Wäre die Sowjetarmee 1945 nicht nach Deutschland gekommen, hätten sehr viele der hier Anwesenden den Tod in den Konzentrationslagern gefunden.

Der Unterschied

Doch seit dem ersten Tag des Krieges unterschieden die Russen, zu denen auch ich gehöre, zwischen dem Hitlerstaat und dem deutschen Volk. Wir kämpften gegen die Hitleristen, gegen den Hitlerismus, aber nicht gegen das deutsche Volk, nicht gegen seine Kultur, nicht gegen seine demokratischen Traditionen und seine nationale Souveränität. Die Sowjetarmee zerschlug den Faschismus und schuf dadurch die Voraussetzungen für den Aufbau eines neuen demokratischen Deutschlands.

Der sowjetische Soldat

Was war das für ein Soldat, der im Mai 1945 nach Berlin kam? War das ein Tourist, oder kam er etwa auf Einladung der Deutschen dorthin? Nein, das war ein Soldat, der 3000 Kilometer verbrannter sowjetischer Erde hinter sich gelassen hatte. Er zog vielleicht an seiner eigenen Heimatstadt vorbei, wo er sein Haus und seine Angehörigen nicht mehr fand. Seine Braut war vielleicht als Sklavenarbeiterin nach Deutschland verschleppt worden. Dieser Soldat befreite nicht nur seine Braut, sondern auch einen Teil der Deutschen, die zwölf Jahre lang Sklaven waren.

Aufregung? – Worüber?

Die Schreiberlinge bei den Zeitungen „Kurier“, „Telegraf“ und ähnlichen Tagesspiegeln, die sich mit Hetze beschäftigen, regen sich gar nicht darüber auf, daß jemand bei den Kriegshandlungen die Uhr abhanden gekommen ist, sondern sie regen sich darüber auf, daß dank der Sowjetarme in einem Teil Deutschlands den Kriegsverbrechern und Großindustriellen ihre Werke und den Großagrariern ihre Güter abgenommen und dem deutschen Volk übergeben wurden!

Nein, nicht Haß oder Rache!

Wir Russen ließen uns niemals von den Gefühlen des Hasses und der Rache leiten. Unser Volk will vergessen und hat schon fast alles vergessen, was uns Deutsche angetan hatten. Unser Volk führt einen hartnäckigen Kampf für die Einheit, die Souveränität und die Demokratie Deutschlands. Lesen Sie eine x-beliebige sowjetische Zeitung oder Zeitschrift! Hören Sie unseren Rundfunk! Sie werden dort keine Spur des Hasses gegen das deutsche Volk finden. Kübel von Schmutz einer verleumderischen Propaganda aber werden Tag für Tag über das Sowjetvolk ausgegossen.

„Sag mir, wie du zu den Russen stehst…“

Dieselben faschistischen Kräfte sind noch am Werk. Aber ich glaube, daß für die Mehrheit des deutschen Volkes klar ist: Wie sich auch der Faschismus tarnen möge, wie er sich kleiden und wie er heißen mag – daß er doch immer abscheulich und völkerfeindlich bleibt. Dieses Gift ist sogar in homöopathischen Dosen gefährlich und, wie Sie wissen, verabfolgen es manche dem deutschen Volk sogar eimerweise. Gegen solches verbrecherisches Tun muß es Stellung nehmen, wenn es für den Frieden sein will. Früher pflegte man zu sagen: Sag mir, mit wem du verkehrst, und ich sage dir, wer du bist. Heute kann man das in die Worte fassen: „Sag mir, wie du zu den Russen stehst, und ich werde dir sagen, wer du bist.“ (Stürmischer Beifall)

Quelle: RotFuchs Nr.217 vom Februar 2016

Nachbetrachtung

Nicht erst seit der Bemerkung Churchills in seiner berüchtigten Rede in Fulton, man habe (mit Hitler) das „falsche Schwein geschlachtet“ [1] brachten die imperialistischen Westmächte ihre Wut über den Sieg der Sowjetunion und ihren Haß auf den Kommunismus zum Ausdruck. Wie war nun die Haltung der Deutschen gegenüber ihren Befreiern? Hatten nicht viele Deutsche doch Angst vor „den Russen“? Herrnstadt wies 1948 daraufhin: „..erst die zulängliche Teilnahme am eigenen Klassenkampf schafft jede Einsicht in die Zusammenhänge, jene Erfahrung und Bereitschaft, die uns die Möglichkeit geben, uns in der Welt zu orientieren und – was ein Teil davon ist – die Argumente des Gegners zulänglich zu beantworten.“Das scheint mir doch ein wichtiger Satz zu sein. Welche Erfahrungen hatte denn die deutsche Arbeiterklasse (also nicht die Kommunisten, nicht die antifaschistischen Widerstandskämpfer!) im Kampf gegen den Faschismus gesammelt? Das Ergebnis war doch recht enttäuschend! Ähnlich enttäuschend wie der Widerstand gegen Gorbatschow u. Co.

Als er gefragt wurde: „Sie verteidigen also alles hinsichtlich der Sowjetunion?“ antwortete Herrnstadt, wohl wissend, welcher tödlichen Gefahr durch die äußeren und inneren Feinde die Sowjetunion ausgesetzt war und mit welchen Schwierigkeiten sie von Anfang an zu kämpfen hatte, ganz klar:  „Jawohl alles – prinzipiell alles! Sie haben recht, die Frage so zu stellen, denn das ist eine entscheidende Frage.“ Und er legte noch einmal nach, indem er sagte: „Alles, alles, alles!“ – Das besagt nichts anderes, als das, was Hauptmann Tregubow auch versuchte, seinen Zuhörern begreiflich zu machen: 3000 km verbrannter sowjetischer Erde, Millionen und aber Millionen Gefallene und ein wirtschaftlicher Schaden von umgerechnet über 100 Milliarden Dollar – das war das Ergebnis dieses mörderischen „Blitzkrieges“ der Deutschen.

Herrnstadt hatte sich 1948 ganz gewiß nicht geirrt, als er zur Verbundenheit mit der Sowjetunion mahnte. Und er konnte damals ganz sicher nicht ahnen, daß nach dem verräterischen Auftritt Chruschtschows auf dem XX.Parteitag der KPdSU ausgerechnet in der Sowjetunion eine wütende stalinfeindliche Kampagne einsetzen würde. Semjonow hatte damals Herrnstadt unter der Drohung „…in 14 Tagen werden Sie vielleicht schon keinen Staat mehr haben“, gezwungen, eine Mitteilung zu veröffentlichen, die die Arbeiter in der DDR verunsicherte und empörte. Grotewohl und Herrnstadt wußten,  daß das so kommen würde. Und dann kam, was kommen mußte: der 17. Juni.

Seiner Überzeugung treu bleibend ließ sich der Kommunist Herrnstadt von den revisionistischen Kräften in der UdSSR mißbrauchen, indem er versuchte, Walter Ulbricht zum Rücktritt zu bewegen. Das war sein Fehler! Denn die Entscheidung Ulbrichts, zum Aufbau des Sozialismus überzugehen, erwies sich später für viele Millionen Menschen nicht nur in der DDR als richtig und begründete den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus. Zurecht war also Herrnstadt aus dem ZK ausgeschlossen und nach Halle auf den Posten eines Archivars versetzt worden. (Interessant ist, was Kurt Gossweiler zu Herrnstadt sagt – siehe weiter unten).

Walter Ulbricht, auf dessen Veranlassung Herrnstadt seines Postens enthoben wurde, hatte damals schon sehr gut erkannt, daß mit Chruschtschow ein Antikommunist an die Spitze der Parteiführung der Sowjetunion gelangt war. 1985 sprach der Sozialdemokrat Willy Brandt aus, was viele in der DDR nicht wahrhaben wollten. Nach einer Begegnung mit Gorbatschow in Moskau, sagte er: „Ich habe in meinem Leben schon viel gesehen, aber noch nie einen Antikommunisten an der Spitze des Kreml.“ [2] Vier Jahre später resümierte er: “Ich habe mal 1960 (!) auf einem Parteitag der SPD in Hannover gesagt – da bin ich zum erstenmal zum Kanzlerkandidat nominiert worden – ich kann mir denken, daß sich die Enkel Chruschtschows noch Kommunisten nennen, auch wenn sie es vielleicht nicht mehr sind. Das ist nicht mehr Zukunftsmusik, sondern ziemlich aktuell.“ [3]

Sehr treffend beschreibt Prof. Schützler im ND vom die damalige Situation –  u.a. das Verhältnis zu „den Russen“, wie auch die Diskussion darüber. Doch dann kommt’s: In diesem ND-Artikel schreibt H.Schützler: „Doch die »Wahrheitsfindung« war begrenzt. Sie ging einher mit der Verbreitung eines geschönten Gesamtbildes; die Menschen erdrückende und vernichtende harte Wirklichkeit der stalinistischen Diktatur geriet nicht in den Blick.“ [4] Das ist auch die typische Sichtweise eines Antikommunisten! Daß er das hier so beschreibt, ist beschämend für einen DDR-Professor, der sich nach 1956 offenbar nicht mit mehr der Geschichte der Sowjetunion befaßt hat und nur noch die revisionistischen Fälschungen der Chruschtschowisten im Kopf hat. Und das schreibt er 2017! Hätte es nämlich diese „harte Wirklichkeit“ nicht gegeben, wäre die Sowjetunion schon kurz nach dem faschistischen Überfall untergegangen und der Faschismus hätte gesiegt!

[1] Rede von Winston Churchill in Fulton/USA, 5. März 1946.
[2] Zit. in Humanité, Paris, 10. Okt. 1992.
[3] Interview der “Süddeutschen Zeitung” mit Willy Brandt, 8./9.4.1989.
[4] neues deutschland, Sonnabend/Sonntag, 24./25. Juni 2017


Der Historiker Dr. Kurt Gossweiler schreibt dazu:

Bei den Versuchen, Walter Ulbricht von der Spitze der SED zu beseitigen, nutzten Chruschtschow und seine Verbindungsleute in der DDR die Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Animositäten, die es im Kreise der Parteiführung gab, zu dem Versuch aus, eine Politbüro- und ZK-Mehrheit gegen Ulbricht zustande zu bringen. Das war der Hintergrund für die „Affären“, die mit dem Ausschluß Rudolf Herrnstadts und Wilhelm Zaissers 1953 und Karl Schirdewans und Ernst Wollwebers 1958 aus der Führungsspitze und aus der Partei (Herrnstadt/Zaisser) endeten.

Meine persönliche Ansicht ist, daß die meisten der Genossen, die damals gegen Walter Ulbricht auftraten, dies nicht aus revisionistischer Gesinnung taten – es handelte sich dabei größtenteils um Genossen, die sich als Kommunisten und antifaschistische Widerstandskämpfer erwiesen hatten –, vielmehr in Unkenntnis dessen, daß sie Schachfiguren in einem ihren Interessen ganz fremden Spiel darstellten. Andererseits war es Walter Ulbricht natürlich nicht möglich, diese Hintergründe, über die er selbst sich als einer der erfahrensten Spitzenfunktionäre der Kommunistischen Internationale ganz gewiß im klaren war, im Zentralkomitee oder auch nur im Politbüro darzulegen.

Aus: STÄRKEN UND SCHWÄCHEN DER SED IM KAMPF GEGEN DEN REVISIONISMUS. (Referat, am 2. Mai 1993 auf der 1.Mai-Veranstaltung der Partei der Arbeit Belgiens in Brüssel in gekürzter Form gehalten)

Quelle: http://kurt-gossweiler.de/?p=757


Anhang:

Artikel Rudolf Herrnstadts „Über ,die Russen‘ und über uns“:

pdfimage Über „Die Russen“ und über uns