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Klaus Hartmann: Was ist der Mensch?


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Gestern stand hier die Frage im Raum: „Kann man das Phänomen ‚Hitler‘ nur mit der Psychologie erklären“?
Ich bin der Meinung – Nein! Der Mensch ist ein komplexes Wesen und in der Gesellschaft eingebettet, wird durch die Gesellschaft geschaffen.
Ohne das man die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten der Zeit beleuchtet, bleicht eine solche Betrachtungsweise „ein Plätschern an der Oberfläche“, führt zu einer Personalisierung der Geschichte und damit zu einer Verfälschung der Geschichte.
(Aus diesem Grund habe ich die Artikelserie herausgenommen und werde sie auch nicht weiterverfolgen.)
Dankenswerter Weise ist im Freidenker 3-18, (s. o.) ein Artikel vom Vorsitzenden des Verbandes, Klaus Hartmann, erschienen, den ich hier veröffentlichen möchte: „Was ist der Mensch?“
Dort ist zu lesen: „der Mensch ist stets der Mensch einer historischen Epoche, einer gesellschaftlichen Formation, und in dieser Formation Angehöriger einer ganz bestimmten sozialen Gruppe, etc.; Festlegungen, welche den größten Veränderungen unterworfen sein können beim Wechsel von einer Epoche, Gesellschaft, Klasse, etc., zu einer anderen.“

Damit dürfte die Frage nach dem Phänomen ‚Hitler‘ beantwortet sein. Hitler schuf nicht das faschistische Deutschland, sondern die gesellschaftspolitischen Gegebenheiten, die Klassengesellschaften jener Zeit, schuf den Faschisten Hitler!

 

Siehe auch:
War Hitler ein Psychopath?
https://sascha313.wordpress.com/2014/09/18/war-hitler-ein-psychopath/
und
Starikow, Nikolai „Wer hat HITLER gezwungen STALIN zu überfallen?“
https://saschasweltsicht.wordpress.com/2018/01/28/nikolai-starikow-wer-hat-hitler-gezwungen-stalin-zu-ueberfallen/

 

Aus: „FREIDENKER“ Nr. 3-18, September 2018, S. 26-41, 77. Jahrgang

Klaus Hartmann

Was ist der Mensch?

Immanuel Kant hat diese Frage formuliert – aber bei allen Erörterungen von Fragen der Vernunft, des Erkenntnisvermögens, der Urteilsfähigkeit und des Verstandesgebrauchs nicht schlüssig beantwortet.
01-hartmannAber wie ist das Menschenbild des Marxismus beschaffen, verfügt der Marxismus überhaupt über ein tragfähiges Konzept für „die volle und freie Entfaltung des Individuums“? Die Beschäftigung mit dieser Frage wird durch eine Reihe von Faktoren erschwert:
Da ist zum einen die Propagierung des Individualismus durch die bürgerliche Ideologie als Inbegriff von Freiheit, in Fortsetzung heute durch die „neoliberal“ genannten Marktradikalen. Dann das spätbürgerliche antikommunistische Denken, gemäß dessen propagandistischem Trommelfeuer Sozialisten und Kommunisten Feinde der Freiheit seien, folglich also entschiedene Gegner des Individuums und Verfechter einer Diktatur des Kollektivismus. Auch manche Linke nähern sich dem Thema mit einem Anflug von schlechtem Gewissen: weil man angesichts der Angriffe hin und wieder in die Abwehrposition verfiel, das Kollektiv zu überhöhen und die Betonung des Individuums als etwas zutiefst bürgerliches oder kleinbürgerliches aufzufassen. Manche fragten und fragen sich: Darf ein Marxist etwa nur in Begriffen von Masse denken, muss der und die Einzelne negiert werden?
Damit verbunden stellen sich Fragen, ob die marxistische Theorie im Verhältnis von Gesellschaft und Individuum Einseitigkeiten enthielt. Und ob es in den Ländern, die den Sozialismus aufbauten oder als Ziel anstreben, nicht in der politischen Praxis ebenfalls Erscheinungen gab, den einzelnen Menschen und das Kollektiv als etwas Getrenntes, wenn nicht gar als Gegensatz aufzufassen.
In der Theorie begegnen wir zwei Aussagen – einmal zum Thema „menschliches Wesen“ in der 6. Feuerbachthese: „Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“. [1]
Und dann die bemerkenswerte Feststellung im Manifest: „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“. [2]
Isoliert gelesen, könnte man hier einen Widerspruch empfinden, man kann verleitet werden, das Gattungswesen Mensch mit dem konkreten Individuum gleichzusetzen oder zu verwechseln. Manche kritisieren gar: der Marxismus „habe gänzlich den Sinn verloren, was das ist: ein Mensch“, und der Kritiker namens Jean-Paul Sartre kommt zu dem Befund, es handle sich um eine „inhumane Anthropologie“. [Freidenker 3-18/S. 5]
Schließlich stellt sich die Frage, ob die sozialistischen Wissenschaftler den Marxismus in dieser Hinsicht adäquat und umfassend rezipiert haben. Einer der Kritiker hierzu ist Luden Sève, dessen Arbeiten nach mancher Einschätzung zu wenig Berücksichtigung fanden. Er lobt Marx für seine „geniale Weitsicht, unter dem bürgerlichen Individualismus, dessen Klassencharakter er besser als jeder andere nachgewiesen hat, eine tiefer liegende historische Tendenz hin zum universellen Aufblühen des uneingeschränkten Individuums zu erfassen, verwurzelt in dem, was die Entwicklung der menschlichen Welt zusammenträgt, und damit den Sinn des kommunistischen Strebens aufs engste zu verbinden.“[3]
Dann allerdings unterstellt er jenen, die er die „kommunistische Bewegung von einst“ nennt bzw. einem „orthodoxen Marxismus“, „diese Sichtweise (…) von unschätzbarer strategischer Bedeutung (…) im Wesentlichen weder begriffen noch berücksichtigt“ zu haben. Ob dies zutrifft, soll zunächst dahingestellt bleiben. Der Hinweis erscheint mir aber als provokativer Einstieg zweckmäßig, wenn wir nachprüfen wollen, ob und wie in der marxistischen Wissenschaft mit „Individuum und Gesellschaft umgegangen wurde.
Wie also wurde die Thematik bei den „Klassikern“ behandelt, wie wurde sie in der marxistischen Forschung beachtet, interpretiert und weiterentwickelt? Hier möchte ich sogleich um Verständnis bitten, dass in diesem Rahmen natürlich keine generelle Besichtigung aller verfügbaren Autoren und Werke möglich ist. Das ist schmerzlich: weder sowjetische Forscher wie Wygotzky, Leontjew oder Lurija werden hier dargestellt, ebenso wenig die in der DDR maßgeblich von Herbert Hörz mitentwickelte Konzeption des Menschen als bio-psycho-soziale Einheit. Dazu kann ich lediglich auf weitere Literatur verweisen, so gibt die Studie von Hans-Peter Brenner zur Entwicklung des Menschenbildes in der DDR einen repräsentativen Überblick. [4]
Ich will mich im Wesentlichen auf Erich Hahn, Alfred Kurella und Lucien Sève konzentrieren, wobei auch sie nur kurz angerissen werden können. Zuerst an der Reihe ist also Prof. Dr. Erich Hahn, der auch Beiratsmitglied des Freidenkerverbandes ist. Er hat in seinem 1965 erschienenen „Soziale Wirklichkeit und soziologische Erkenntnis“ die Positionen von Hauptrepräsentanten der zeitgenössischen bürgerlichen, positivistisch orientierten Soziologie untersucht (Durckheim, Parsons, Homans, Brown, Gurvitch) – und zwar anhand der leitenden Frage: „Bestimmt der Mensch seine Umwelt oder umgekehrt?“ [5]
Ohne hier im Einzelnen darauf eingehen zu können: Hahn findet bei allen „eine spezifische soziologische Form des Idealismus“ [6], denn „alle sehen die wesentlichen Bestimmungsgründe des Menschen in ideellen Faktoren“. Für alle untersuchten Autoren sei „charakteristisch, dass sie Individuum und Gesellschaft als ursprünglich voneinander getrennte Bereiche oder Größen ansehen“. Der wirkliche Bestimmungsgrund des gesellschaftlichen Bewusstseins, „die materiellen gesellschaftlichen Beziehungen, bleiben der Analyse verschlossen.“ [7]
Darauf passt nach Hahns Ansicht Lenins Kommentar aus den 1890er Jahren: „Bisher verstanden es die Soziologen nicht, zu den einfachsten und ursprünglichsten Beziehungen, wie es die Produktionsverhältnisse sind, vorzudringen und wandten sich unmittelbar der Erforschung und Untersuchung der politisch-juristischen Formen zu, dabei stießen sie auf die Tatsache, dass diese Formen aus diesen und jenen Ideen der Menschheit zu [Freidenker 3-18/S. 6] bestimmten Zeiten entstanden sind – und blieben dabei stehen“.[8]
Marx: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen, Verhältnisse aus, worin diese Individuen zueinander stehn“. [9]
„Die Produktionsverhältnisse in ihrer Gesamtheit bilden das, was man die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Gesellschaft nennt, und zwar eine Gesellschaft auf bestimmter, geschichtlicher Entwicklungsstufe, eine Gesellschaft mit eigentümlichem, unterscheidendem Charakter“.[10]
02-hahnDie Produktionstätigkeit sei die ursprünglichste Tätigkeit, so Hahn, weil sie die Qualität des gesellschaftlichen Zustandes als Ganzes bestimmt.
„Diese Weise der Produktion ist nicht bloß nach der Seite hin zu betrachten, dass sie die Reproduktion der physischen Existenz der Individuen ist. Sie ist vielmehr schon eine bestimmte Art der Tätigkeit dieser Individuen, eine bestimmte Art, ihr Leben zu äußern, eine bestimmte Lebensweise derselben. Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion. [11]
Hahn: „Alle übrigen, nichtökonomischen gesellschaftlichen Beziehungen sind diesen materiellen gegenüber abgeleiteter, sekundärer Natur, ein Reflex entsprechend der Mannigfaltigkeit der bewussten menschlichen Lebenstätigkeit. Das Ganze der gesellschaftlichen Beziehungen von der Ökonomie bis zur Religion ist verbunden durch eine inhaltliche, qualitativ determinierte Abhängigkeit, die ihren Ausgangspunkt von den materiellen Beziehungen nimmt. Das ist der Grundgedanke des historischen Materialismus. In dieser Hinsicht ist die materialistische Geschichtsauffassung eine monistische Konzeption.“ [12]
Am Ende seiner Untersuchung widmet sich Hahn der Problematik der Gruppe. Er will sie in das Kategoriensystem des historischen Materialismus einfügen, nicht diesen revidieren. Er begründet dies mit der Notwendigkeit „der Überwindung des Dogmatismus“, es gehe aber in erster Linie darum, „den Ein-fluss der Gesellschaft auf das Individuum und das einzelne Ereignis richtig zu bestimmen, und zwar nicht nur allgemeintheoretisch“.[13] So z. B. zur Beschaffenheit des sogenannten „subjektiven Faktors“ bzw. des unterentwickelten Klassenbewusstseins:
„… nicht alle Individuen, die ihrer Stellung im System der Produktionsverhältnisse nach Angehörige einer bestimmten Klasse sind, handeln gleichermaßen entsprechend den sich objektiv ergebenden Anforderungen und Interessen“. [14]
Zur weiteren Begründung verweist Hahn auf die jeweils konkrete Analyse des Handels der unterschiedlichen Gesellschaftskräfte z. B. in Engels’ „Der Deutsche Bauernkrieg“ oder Marx’ „Achtzehnter Brumaire des Louis Bonaparte“, wie auch auf neuere Werke wie die des polnischen Soziologen [Freidenker 3-18/S. 7] Szczepanski.
Erich Hahn führt die Thematik fort in seiner 1968 erschienenen Arbeit „Historischer Materialismus und marxistische Soziologie“, wobei die Konzepte weiterer bürgerlicher Soziologen bis hin zu Popper und Adorno betrachtet, aber insbesondere die Forschungsergebnisse sowjetischer Forscher verarbeitet werden. Ausgehend von erkenntnistheoretischen Prämissen von Materialismus und Positivismus, werden die Bedeutung der Empirie, die Subjekt-Objekt-Relation in der Erkenntnis sowie Kategorien wie Erfahrung oder Widerspiegelung behandelt. [15]
Zur Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft weist er auf den inneren dialektischen Zusammenhang hin[16], wie er in der „Deutschen Ideologie“ herausgearbeitet wurde: „Die Bedingungen, unter denen die Individuen, … miteinander verkehren, sind zu ihrer Individualität gehörige Bedingungen, nichts Äußerliches für sie, Bedingungen, unter denen diese bestimmten, unter bestimmten Verhältnissen existierenden Individuen allein ihr materielles Leben und was damit zusammenhängt produzieren können, sind also die Bedingungen ihrer Selbstbetätigung und werden von dieser Selbstbetätigung produziert.“[17]
Die Menschen, immer weit entfernt, eine Gesellschaft bilden zu wollen, ließen dennoch nur die Gesellschaft zu einer Entwicklung kommen, weil sie sich fortwährend nur als Vereinzelte entwickeln wollten, und kamen deshalb nur in und durch die Gesellschaft zu ihrer eigenen Entwicklung“. [18]
03-muchinaHahns Fazit: „Die ursprüngliche Realität (der) Einheit von Individuum und Gesellschaft ist die gesellschaftliche Produktion der Individuen. Diese Art und Weise der materiellen gesellschaftlichen Produktion prägt grundlegend den jeweiligen gesellschaftlichen Zustand und insofern das gesellschaftliche Wesen der menschlichen Persönlichkeit unter diesen Bedingungen. Sie macht die entscheidende, konkrete, empirisch feststellbare Qualität des Menschen als eines gesellschaftlichen Wesens aus.“ [19]
Zur stammesgeschichtlichen Entwicklung des Menschen bemerkt Leontjew: „Die Natur des Individuums wird durch dessen Zugehörigkeit zur Art bestimmt und spiegelt all das wider, was auf einer bestimmten Etappe der phylogenetischen Entwicklung erreicht worden ist.“[20] [Freidenker 3-18/S. 8]
Hahn: „So wie der Stoffwechselprozess zwischen Mensch und Natur die unabdingbare Eigenart der Arbeit aufweist, also die zweckmäßige Erzeugung von Gebrauchswerten mit Hilfe von Werkzeugen und Produktionsmitteln, so vollzieht sich die historische phylogenetische Entwicklung der Menschheit über die Objektivierung und Vergegenständlichung in den Produkten seiner Arbeit.“[21] „(…) In der Geschichte der Industrie vergegenständlichen sich die menschlichen Wesenskräfte, Erfahrungen, Fähigkeiten, Möglichkeiten der jeweiligen Entwicklungsstufe. Über die Vergegenständlichung aber vollzieht sich gerade ihre Übermittlung an die auf diese Entwicklungsstufe folgende Generation, vollzieht sich ein Tradierungsprozess“. [22]
04-kon„Die Aneignung dieser (Produktiv-)Kräfte ist selbst weiter nichts als die die Entwicklung der den materiellen Produktionsinstrumenten entsprechenden individuellen Fähigkeiten. Die Aneignung einer Totalität von Produktionsinstrumenten ist schon deshalb die Entwicklung einer Totalität von Fähigkeiten in den Individuen selbst“. [23]
Doch dieser Verweis auf das Individuum als gesellschaftliches Wesen vermittels des Produktionsprozesses bedeutet keine Reduktion, keine Negierung des Individuellen. Der sowjetische Philosoph Igor Semjonowitsch Kon (1928-2011) schreibt dazu in der Philosophischen Enzyklopädie:

  • – „Der Begriff menschliches Individuum kennzeichnet lediglich die Zugehörigkeit zur menschlichen Gattung und beinhaltet keine konkrete soziale oder psychologische Charakteristik.
  • – Der Begriff Individualität, der in der Psychologie eine Rolle spielt, bezeichnet die Gesamtheit der ererbten und im Prozess der Ontogenese erworbenen physischen und psychologischen Besonderheiten, die ein gegebenes Individuum von allen übrigen unterscheiden.
  • – Der Begriff Persönlichkeit bezeichnet den ganzen Menschen als Einheit seiner individuellen Fähigkeiten und der von ihm erfüllten sozialen Funktionen (Rollen)“. [24]

Zum Abschluss des Abschnitts zu Erich Hahn dessen Ausführung zur Dialektik der Einheit von Identität und Nichtidentität: „Individuum und Gesellschaft sind nicht identisch, insofern dem einzelnen Individuum gegenüber allen anderen Individuen und in diesem Sinne die Gesellschaft tatsächlich etwas Äußerliches, etwas Objektives, ein bedingender und bestimmender Faktor und Umstand darstellen. Individuum und Gesellschaft sind einander identisch, insofern jedes einzelne Individuum Züge und Merkmale der Gesellschaft an sich trägt, und zwar als Gattungswesen.“ [25] [Freidenker 3-18/S. 9]
„Der objektiven Dialektik der Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft ist theoretisch und methodologisch nur gerecht zu werden, wenn beide Seiten des gegensätzlichen Verhältnisses in ihrer Einheit betrachtet werden. Das heißt, wenn man davon ausgeht, dass die soziale Individualität, die Persönlichkeit sich nicht außerhalb des gesellschaftlichen Wesens konstituiert, welches für die gegebene ökonomische Gesellschaftsformation charakteristisch ist, sondern eine Besonderung und Individualisierung dieses gesellschaftlichen Wesens ist“. [26]
Was diesem Denken der Einheit und Differenz von Individuum und Gesellschaft bei Marx und Engels vorausging, erläutert der DDR-Wissenschaftler Alfred Kurella (1895 -1975). Seine Beiträge zum sozialistischen Humanismus wurden 1981 veröffentlicht. [27] Mit ihm kommen wir auch dem Geheimnis auf die Spur, warum die Entfremdung für die Menschheitsentwicklung unverzichtbar und notwendig ist.
05-kurellaKurella stellt fest, dass „jener Humanismus, der die Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft in mannigfach sich wandelnder Gestalt ständig begleitet und am Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts seine höchste Blüte erreicht hat, mit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einer fortschreitenden Zersetzung verfiel“.[28]
Diese „höchste Blüte“ sieht Kurella bei Hegel und Feuerbach: „Ausgangspunkt für die ganze Konzeption dieses neuen Menschenbildes (…), war die geniale philosophische Zusammenfassung des gesamten bürgerlichen Humanismus im Werke Hegels, (…) seine Herausarbeitung eines Begriffs der Wirklichkeit, der der Geschichte der Natur und der Geschichte der menschlichen Gesellschaft einen notwendigen inneren Zusammenhang gab, anders gesagt: die Auffassung der konkreten Wirklichkeit als eines sich nach den erkennbaren Gesetzen der Dialektik aus sich selbst heraus bewegenden Prozesses“.[29]
Der Begriff der „Selbstentfremdung“ findet sich nämlich bei Hegel, wenn auch in der Form, dass die Selbstentfaltung des objektiven Geistes neues gebiert, das dem Geist als Fremdes gegenübertritt.
„Dieser Begriff der Entfremdung wurde insbesondere von Feuerbach aufgenommen“ und „gab ihm so den Schlüssel zu seiner Religionskritik, deren Ergebnis die Feststellung war, daß nicht Gott den Menschen, sondern die Menschen Gott und die Götter geschaffen haben. (…) Feuerbach erkannte die Selbstentfremdung des Menschen in der Religion, die Erfindung von fremden, nichtmenschlichen Wesen, die dem Menschen gegenübergestellt wurden, als einen gesetzmäßigen und notwendigen Akt im fortschreitenden Prozeß der Selbsterkenntnis des Menschen.“[30]
Indem „Feuerbach die gleiche Methode der Kritik außer auf die Religion auch auf die spekulative Philosophie anwandte“, trug er „entscheidend dazu bei, (…) Hegels geniale Denkleistung von ihrem religiös-spekulativen Ballast (zu) befreien. Aber nach Kurella „fiel [Freidenker 3-18/S. 10] der große Materialist in vielen entscheidenden Punkten doch wieder hinter Hegel zurück, dessen dialektische Konzeption von der Entwicklung des Menschen er nicht in seiner ganzen Tragweite verstanden hatte.“ [31]
Feuerbachs Schwäche habe Marx darin gesehen, „die »Selbstentfremdung« auf die Religion, auf eine rein phantastische Produktion des menschlichen Geistes zu beschränken, während das »Gattungswesen« des Menschen als etwas Ewiges, der menschlichen Gattung unverändert Zugehöriges und nicht als etwas Werdendes, als Produkt der menschlichen Tätigkeit selbst bestimmt wurde“. Zugleich kritisiert er Hegel: „Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakt geistige.“ [32] Während Marx Hegel wie Feuerbach kritisiert, hat er von beiden das Bleibende übernommen, indem er es weiterentwickelt hat.
„Das Große an der Hegelschen ,Phänomenologie’… ist also einmal, daß Hegel die Selbsterzeugung des Menschen als einen Prozeß faßt, die Vergegenständlichung als Entgegenständlichung, als Entäußerung und als Aufhebung dieser Entäußerung; daß er also das Wesen der Arbeit faßt und den gegenständlichen Menschen, wahren, weil wirklichen Menschen, als Resultat seiner eignen Arbeit begreift. Das wirkliche, tätige Verhalten des Menschen zu sich als Gattungswesen …, d. h. als menschlichen Wesens, ist nur möglich dadurch, dass er wirklich alle seine Gattungskräfte – was wieder nur durch das Gesamtwirken der Menschen möglich ist, nur als Resultat der Geschichte – herausschafft, sich zu ihnen als Gegenständen verhält, was zunächst wieder nur in der Form der Entfremdung möglich ist … [Hegel] erfasst die Arbeit als das Wesen, als das sich bewährende Wesen des Menschen.“[33]
Marx entwickelt den von Feuerbach materialistisch gefassten Begriffs der »Entfremdung« weiter, an Stelle der Religion setzt er die produktive Arbeit als wesentliche „Selbstentäußerung« des Menschen. Das Wesen des Menschen ist das Resultat eines historischen Prozesses der produktiven Arbeit des Menschen.
„In der gewöhnlichen, materiellen Industrie … haben wir unter der Form sinnlicher, fremder, nützlicher Gegenstände, unter der Form der Entfremdung, die vergegenständlichten Wesenskräfte des Menschen vor uns.“ [34]
Industrielle Arbeit bedeutet

  • –  vollkommenere und den Entwicklungsprozess des Menschen beschleunigende Form der Entäußerung, und
  • –  eine Vergegenständlichung des menschlichen Gattungswesens auf Grundlage einer höheren, jedes Individuum zu vollkommeneren, verfeinerten Einzelleistungen befähigenden Arbeitsteilung.

Doch während die Arbeit und das Privateigentum zum Prinzip der bürgerlichen Ökonomie erhoben wurde, vollzog sie »die konsequente Durchführung der Verleugnung des Menschen« [35]. Mit der höheren „Verwertung der Sachenwelt nimmt die Entwertung der Menschen weit in direktem Verhältnis zu«. [36]
Kurella zur „entmenschenden Wirkung der kapitalistischen Produktionsweise auf den arbeitenden Menschen“: „Dadurch, dass die Wiederaneignung der Produkte der Arbeit an den Besitz von Geld gebunden ist, wird der arbeitende Mensch vollends von seinem in die Produkte seiner Arbeit hineingelegten menschlichen Wesen getrennt.“ »Wenn das Produkt der Arbeit mir fremd ist«, fragte Marx, »mir als fremde Macht gegenübertritt, wem gehört es dann? Wenn meine eigne Tätigkeit nicht mir gehört, eine fremde, eine erzwungne Tätigkeit ist, wem gehört sie dann? Einem ändern Wesen als mir. Wer ist dieses Wesen?« [37]
Doch die Entfremdung ausschließlich negativ zu lesen, wäre ein Kurzschluss, der uns [Freidenker 3-18/S. 11] den Zugang zum Verständnis unseres Themas verschlösse, denn: „der Schilderung der negativen Seite, die die »Entfremdung«, die Vergegenständlichung des menschlichen Wesens in der Produkten der konkreten Arbeit, in der künstlichen Umwelt des Menschen enthält und die in der Epoche der kapitalistischen Produktion ihre äußerste, verderblichste Ausprägung erhalten hat steht bei Marx ein umfassendes, großartiges Bild der positiven Seite dieses Prozesses der Entfremdung gegenüber, welches eine nahezu vollständige Bestimmung des menschlichen Wesens, seiner Geschichte und der Perspektiven seiner Entwicklung enthält.“
Marx „fasste die Entäußerung, Entfremdung, Vergegenständlichung der menschlichen Wesenskräfte in der vom Menschen geschaffenen künstlichen Umwelt als eine notwendige Form der Entstehung und Entfaltung der Menschheit auf“, als ständigen, unendlichen Vorgang, der „eine ständige notwendige Bedingung der Selbstentwicklung des Menschen“ darstellt: „…die Geschichte der Industrie und das gewordne gegenständliche Dasein der Industrie (ist) das aufgeschlagne Buch der menschlichen Wesenskräfte.“[38]
Woraus folgt, dass „die ganze sogenannte Weltgeschichte nichts anders ist als die Erzeugung des Menschen durch die menschliche Arbeit, als das Werden der Natur für den Menschen…“ Hier haben wir „den anschaulichen, unwiderstehlichen Beweis von seiner Geburt durch sich selbst“ [39], von seinem Entstehungsprozess. Erst hiermit ist der Mensch ganz auf sich selbst gestellt.
„Mit dieser Definition des menschlichen Wesens, an deren Anfang eine neue, umwälzende Erkenntnis vom Wesen und von der Bedeutung der produktiven Arbeit steht, sind die Umrisse des Bildes vom vollkommenen, ganzen, freien, tätigen, vom menschlichen Menschen gegeben. Sie enthält ein ganzes Programm für das Studium des menschlichen Wesens, das überhaupt erst noch zu beginnen ist.“ [40]
Gerade diese Auffassung von der positiven Bedeutung der produktiven Entfremdung im Verlauf der ganzen menschlichen Geschichte ist es aber wiederum, welche Marx erlaubte, die jüngste Form der Entfremdung, die kapitalistische Produktionsweise, an ihren richtigen historischen Ort zu stellen und sie als letzte Etappe der Trennung des Menschen von seinem gegenständlich gewordenen Wesen zu verstehen. In dieser letzten Etappe treten die negativen Seiten der Entfremdung in solchem Maße hervor, daß die Entfremdung sich selbst aufheben und zur Wiedervereinigung des Menschen werden muß, wenn nicht der ganze Prozeß der Entfaltung des Menschen zum Stillstand kommen und der Mensch in die Barbarei zurücksinken soll. Und das ist eben das Großartige in dieser dialektischen Konzeption des menschlichen Wesens, daß die Analyse gleichzeitig diejenigen Kräfte aufdeckt, durch die der Tiefpunkt der Entwicklung überwunden werden kann. [41]
(…) es genügt nicht, die Entfremdung zu erkennen und durch einen Gedankenakt aufzuheben, sondern sie muß konkret aufgehoben werden. Die positive Beseitigung des Privateigentums, seine praktische Aufhebung ist der Hebel für die Wiedermenschwerdung des Menschen. [42]
Den „Zusammenhang zwischen dem theoretischen bürgerlichen Humanismus und dem praktisch proletarisch-sozialistischen Humanismus“ sieht er von Marx formuliert:
„Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen; darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d. h. menschlichen Menschen.
Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter [Freidenker 3-18/S. 12] Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreits zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung.
Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung.“ [43]
Darauf bezieht sich das bewundernde Lob Lenins, sie sei „das Beste, was die Menschheit im 19. Jahrhundert in Gestalt der deutschen Philosophie, der englischen politischen Ökonomie und des französischen Sozialismus hervorgebracht hat.“ [44]
Nun zum schon eingangs zitierten Luden Sève. Er brachte sein international beachtetes Werk „Marxisme et théorie de la personnalité“ (Marxismus und Theorie der Persönlichkeit) erstmals 1968 heraus, die überarbeitete Fassung erschien 1972, ebenfalls in deutscher Sprache. Seit rund zwei Jahrzehnten hatte er sich zuvor mit Fragen der Psychologie befasst, und kam im Rahmen seiner Studien zu der Erkenntnis, dass man bei Lenin „die Grundlegung einer historisch konkreten, revolutionären Psychologie als Lehre von der Persönlichkeit erkennen“ könne. [45]
Hier soll nur ein zentraler Gedankengang von Sève beleuchtet und seine Argumentation gründlicher dargestellt werden, auch mit längeren Zitaten. Er wertet die soeben dargestellte „Entäußerung, Entfremdung, Vergegenständlichung der menschlichen Wesenskräfte“ als eine „Revolution der Anthropologie“ durch den Marxismus: nämlich mit der Entdeckung einer „außerordentlichen Neuigkeit in der Evolution der Lebewesen: dass das Genom seine Rolle als Auslöser der Fähigkeiten der Spezies abgibt an eine externe Wirklichkeit“.[46]
Der Mensch werde „biologisch als Exemplar von Homo sapiens sapiens geboren“, aber … „sein Menschsein liegt doch fast ganz außerhalb seines Organismus: er muss es sich erst aneignen.“ Dies erkläre der Marxismus mit dem Konzept von „Vergegenständlichung und Aneignung“. „Das Menschenjunge muss sich nicht nur durch die Ausbildung der mitgegebenen Fähigkeiten komplettieren, wie jedes Tier auch, nicht nur sich anpassen an seine Artgenossen, wie teilweise die Großaffen, es muss erst noch im eigentlichen Sinn Mensch werden, indem es ausgehend von der Welt der Menschen jene psychischen Funktionen aufbaut, die der Begriff beinhaltet.[47] Ein Individuum der menschlichen Spezies, das sich außerhalb der menschlichen Welt entwickeln würde, hätte trotz seines großen Gehirns und seiner psychischen Frühreife nichts anderes zu lernen als irgendein anderes höheres Wirbeltier.“[48]
(Hervorhebung von mir)
Marx’ Feststellung „Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung“ ist Sève zufolge nicht für eine Tierart anzuwenden: [Freidenker 3-18/S. 13]
„Zum einen weil keine Tierart eine soziale Geschichte hat -; wenn man darunter den kumulativ wirkenden Transformationsprozess versteht, den die kollektive Aktivität der Individuen von Generation zu Generation in das Leben der Gruppe einführt und der von Grund auf verschieden ist von der biologischen Evolution, durch die sich auf unvergleichlich viel langsamere und beschränktere Weise der tierische Organismus und das Verhaltensrepertoire der untersuchten Population verändert: es gibt keine Sozialgeschichte der Ameisenhaufen.
Zum anderen weil es, was damit zusammenhängt, auch in keiner Tierart eine Geschichte der individuellen Entwicklung gibt -; genauer gesagt: die zugleich genetisch regulierte und durch den Kontext modulierte Art und Weise, wie sich das Verhalten des Individuums im Laufe seines Lebens entwickelt, übernimmt in der Abfolge der Generationen nicht selbst kumulativ die Funktion einer Sozialgeschichte der Art. Diese ist nicht vorhanden. Die Bienen, über die Vergil im vierten Gesang der Georgica spricht, sind nacheinander Fütterungsbiene, Baubiene, Sammelbiene, genauso wie die, welche von Frisch zweitausend Jahre später beobachtet.
Was im Gegensatz dazu in dieser Hinsicht die entwickelte menschliche Gattung charakterisiert, ist das unaufhörliche und unerschöpfliche Auftauchen von neuen individuellen physischen und psychischen Fähigkeiten, neuen Formen und Motiven der kollektiven Aktivität. Während der gleichen zwei Jahrtausende hat sich die Liste dessen, was die Menschen leisten können, unglaublich erweitert: Vulkanausbrüche verstehen und nicht mehr länger den Zorn der Götter fürchten, Differenzialgleichungen lösen, ein Werkstück aufbohren mit einer Präzision von einem Mikrometer, am offenen Herzen operieren, Millionen Menschen ins Krematorium schicken, im Zustand der Schwerelosigkeit experimentieren, einen Streik organisieren, ein Schaf klonen, Massen von Lohnempfängern zur Arbeitslosigkeit verdammen um die Profitrate zu erhöhen, sechs Meter beim Stabhochsprung überspringen, eine falsche Note der zweiten Violine eines Orchesters heraushören, eine Bestellung im Internet aufgeben, sich entschließen das Geschlecht zu wechseln … Eine ins Unendliche erweiterbare Aufzählung. Das Menschsein der Menschen ließe sich sogar definieren durch die Unmöglichkeit, es in einer Definition zu erfassen.“ [49]
„Was also dringend nach einer Erklärung verlangt, ist, dass dieses in mancherlei Hinsicht exponentielle Aufblühen der psychischen Aktivitäten und Fähigkeiten unter im Großen und Ganzen unveränderten genetischen Voraussetzungen erfolgen konnte, wenn als gegeben anzusehen ist, dass nicht von größeren Veränderungen in diesem Bereich gesprochen werden kann in einem Zeitabschnitt, der sich nicht wie die markanten biologischen Evolutionen nach Millionen Jahren bemisst, sondern in Jahrhunderten, das heißt in um den Faktor Tausend kleineren Einheiten. Hier haben wir ein bedeutsames Rätsel vor uns, das bisher weder durch genetische Herangehensweise noch durch die Lehre von angeborenen psychischen Fähigkeiten geklärt werden konnte.
Kann sich irgendjemand angesichts derartig neuer Fähigkeiten, wie wir sie oben an Beispielen benannt haben – nennen wir nur eine davon: die heutigen Formen der mathematischen Intelligenz – vorstellen, dass diese hätten entstehen können als mindestens zum Teil vererbbare Fähigkeiten, aus einer auf mysteriöse Weise zielgerichteten Selektion von zufällig erfolgten genetischen Mutationen, wobei sich dieser verblüffende Vorgang noch dazu innerhalb weniger dutzend Generationen vollzogen haben müsste? Die Sache klar zu formulieren genügt bereits, um ihren absurden Charakter zu verdeutlichen. Es existiert also, seltsamerweise von vielen stillschweigend akzeptiert und dennoch ganz außergewöhnlich, wenn man genauer hinschaut, ein fundamentaler Erklärungsnotstand gegenüber dieser ins Auge fallenden, massiven, unausweichlichen Gegebenheit: der beeindruckenden Entwicklung der psychischen Fähigkeiten der Menschen im Verlauf der letzten Jahrtausende. [Freidenker 3-18/S. 14]
Dass die Fähigkeiten der Individuen sich derart entwickeln konnten wie sie es im Verlauf der letzten Jahrtausende getan haben und wie sie es auch in Zukunft ohne von vorneherein festgelegte Grenze und mit ständig zunehmender Geschwindigkeit tun werden, während nach allem, was man weiß, das menschliche Gehirn als genetisch definiertes biologisches Organ sich seit der Steinzeit nicht mehr weiter entwickelt hat – wie ist das möglich?“[50]
„Die von Marx vorgebrachte völlig neue Antwort auf diese Frage ist, dass die menschlichen Fähigkeiten nicht nur als subjektive Aktivitäten der Individuen, sondern auch in objektivierter – oder genauer: vergegenständlichter – Form von „Produktivkräften“ existieren, Arbeitsgeräten und Maschinerien, wo sich handwerkliches Können, wissenschaftliche Kenntnisse und technologische Prozeduren vereinigen, wo intellektuelle Vorgehensweisen Gestalt annehmen; ein außerorganischer Vorrat in lebhaftem geschichtlichem Wachstum, durch dessen stets singuläre individuelle Aneignung sich in jeder Generation die persönlichen Fähigkeiten ausformen. In dieser ständigen historischen Dialektik von Objektivierung / Subjektivierung liegt wohl das Geheimnis der grenzenlosen Entwicklung der menschlichen Möglichkeiten bei gleichzeitig unverändertem neuronalem Potential der Individuen. Eine Sichtweise, die in den „Grundrissen“ wieder aufgenommen und präzisiert wird: ,das eine Moment der gesellschaftlichen Tätigkeit – die gegenständliche Arbeit – [wird] zum immer gewaltigem Leib des andren Moments, der subjektiven, lebendigen Arbeit’. [51]
Aber im Kapitalismus ,erlangen diese angehäuften Bedingungen der gesellschaftlichen Aktivität eine immer gigantischer werdende Autonomie’ und stellen sich der Arbeit gegenüber ,als immer stärker werdende fremde und beherrschende Macht“ [52] dar: die Objektivierung ist zugleich Entfremdung.“ [53]
Die Rede von „der Mensch“ versetze „ein nur in (der) Einbildung existierendes menschliches Wesen nach außerhalb der historisch-gesellschaftlichen Realität“, „ein solches Patent-Wesen für jede Gelegenheit hat nie existiert und wird es nie geben: der Mensch ist stets der Mensch einer historischen Epoche, einer gesellschaftlichen Formation, und in dieser Formation Angehöriger einer ganz bestimmten sozialen Gruppe, etc.; Festlegungen, welche den größten Veränderungen unterworfen sein können beim Wechsel von einer Epoche, Gesellschaft, Klasse, etc., zu einer anderen.“
Durch den „scheinbar unschuldigen Rückgriff auf die abstrakte Fiktion, die sich hinter dem vermeintlich so selbstverständlichen Wort ,der Mensch’ verbirgt“, wird „diese Konkretheit zum Verschwinden gebracht.“
„Der definitive Abschied vom Pseudo-Konzept „der Mensch“, das alle bisherigen Philosophen gefangen hielt: das ist der erste Akt der Marxschen anthropologischen Revolution. … Die ,Deutsche Ideologie’ ist das Manifest dieser Revolution [54], [dieser] marxschen Dekonstruktion des Menschen.“ [55]
„Daher ist das Erbe, das uns Marx zu diesem Thema hinterlassen hat, von großer Bedeutung und sollte auch so behandelt werden in jeder anthropologischen Reflexion: Abschied ohne Wiederkehr von einer Abstraktion, die den irreführenden Sprachgebrauch schlechthin darstellt“. [56]
(Hervorhebung von mir.)
Sève sieht die Essenz der „Deutschen Ideologie“ in Marx’ Worten zusammengefasst: „Man braucht nicht hinzuzufügen, dass die Menschen ihre Produktivkräfte – die Basis ihrer ganzen Geschichte – nicht frei wählen; denn jede Produktivkraft ist eine erworbene Kraft, das Produkt früherer Tätigkeit. […] Dank der einfachen Tatsache, dass jede neue Generation die von der alten Generation erworbenen Produktivkräfte vorfindet, die ihr als Rohmaterial für neue Produktion dienen, entsteht ein Zusammenhang in der Geschichte der Menschen, entsteht die Geschichte der [Freidenker 3-18/15] Menschheit, die umso mehr Geschichte der Menschheit ist, je mehr die Produktivkräfte der Menschen und infolgedessen ihre gesellschaftlichen Beziehungen wachsen. Die notwendige Folge: Die soziale Geschichte der Menschen ist stets nur die Geschichte ihrer individuellen Entwicklung, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht. Ihre materiellen Verhältnisse sind die Basis aller ihrer Verhältnisse. Diese materiellen Verhältnisse sind nichts anderes als die notwendigen Formen, in denen ihre materielle und individuelle Tätigkeit sich realisiert“. [57]
Sève: „in dem gleichen Maße, in dem das Individuum sich von der Gemeinschaft loslöst, löst sich diese von ihm los, bis sie sich in der bürgerlichen Gesellschaft „ihm gegenüberstellt“ als eine objektive Macht, „die er zu verschlingen versucht, die aber ihn verschlingt“. Daher ist das historische Hervortreten der entwickelten Individualität zugleich die lange Chronik eines Märtyrologiums. Was es zu verstehen gelte, so sagen uns die „Theorien über den Mehrwert“, ist, dass „diese Entwicklung der Fähigkeiten der Gattung Mensch, obwohl sie sich zuerst auf Kosten der Mehrheit der Individuen und ganzer Klassen menschlicher Wesen vollzieht, dazu führt, dass dieser Antagonismus überwunden wird und zusammenfällt mit der Entwicklung des einzelnen Individuums, dass daher die Höherentwicklung der Individualität erkauft wird um den Preis eines historischen Prozesses in dem die Individuen geopfert werden …“[58]
Eine Schlussfolgerung, die im Band III des „Kapital“ so formuliert wird: „Es ist in der Tat nur durch die ungeheuerste Verschwendung von individueller Entwicklung, dass die Entwicklung der Menschheit überhaupt gesichert und durchgeführt wird in der Geschichtsepoche, die der bewussten Rekonstitution der menschlichen Gesellschaft unmittelbar vorausgeht.“[59] Wir befinden uns hier an der Orientierungstafel, wo die anthropologische Perspektive des Marxschen Kommunismus in ihrer ganzen Breite erkennbar wird.
Was folgern wir?
Wenn Sève schreibt, „dass ein Bourgeois, Anhänger der Konkurrenz und des privaten Profits, in den Begrifflichkeiten des Individuums denkt, liegt in der Natur der Sache“, so ist das für uns nicht Anlass, das Individuum zu negieren, sondern seine Rolle und Bedeutung im Licht des Marxismus zu begreifen und zu verfechten. Hier stellt sich in erster Linie die Aufgabe, die wir schon mehrfach formuliert haben: den Mensch aus seiner Objekt-Rolle zu befreien und zum Subjekt seiner Verhältnisse, der Geschichte zu machen. Ihn hierzu zu befähigen, wollen wir mit den uns zu Gebote stehenden Mitteln der Aufklärung beitragen.
Dies soll dem Ziel dienen, die schon zu lange währende Vorgeschichte der Menschheit endlich zu Ende zu bringen, die Verschwendung, die Destruktion, das „Märtyrologium“ zu beenden. Hier sind Fragen aufzuwerfen und ins Bewusstsein zu rücken wie:
Wohin mit den Ausgeworfenen, den Überschüssigen und Unnützen? Welche Folgen hat dies für die Weitergabe von Wissen an die nächste Generation? Wohlgemerkt, unter der ideologischen Begleitmusik des Hohelieds vom Individuum. Wie steht es um die Verschwendung durch die sogenannte Konsum- bzw. Wegwerfgesellschaft, aber insbesondere die ungeheure Verschwendung durch Hochrüstung und Kriege?
Es ist relativ leicht, zu zeigen, wie wir nicht leben wollen. Es kommt darauf an, positive Gegenentwürfe zu entwickeln, ihre Durchsetzbarkeit und Umsetzbarkeit begreifbar zu machen. Marx verweist uns auf „die kommunistische Gesellschaft, der einzigen, worin die originelle und freie Entwicklung der Individuen keine Phrase ist“. [60] [Freidenker 3-18/S.16]

Klaus Hartmann, Offenbach am Main,
ist Bundesvorsitzender des
Deutschen Freidenker-Verbandes

Anmerkungen:
[1] Karl Marx, Thesen über Feuerbach, 1845, MEW Bd. 3, Seite 5ff. Dietz Verlag Berlin, 1969
[2] Karl Marx / Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, London 1848, MEW Bd. 4, S. 459-493, Dietz Verlag Berlin (6. Auflage 1972, unveränderter Nachdruck der 1. Auflage 1959)
[3] Luden Sève, „Penser avec Marx aujourd’hui“ („Heute mit Marx denken“), Band II: „DER MENSCH“, Paris 2008; alle Zitate von Sève, falls nicht anders vermerkt, aus Marxistische Blätter 5-2009, S. 17 ff.
‚[4] Hans-Peter Brenner, Marxistische Persönlichkeitstheorie und die „bio-psycho-soziale Einheit Mensch“, Bonn 2002, Pahl-Rugenstein Nachf.-Verlag
[5] Erich Hahn, Soziale Wirklichkeit und soziologische Erkenntnis, Berlin 1965, S. 13
[6] Hahn 1965, S. 145
[7] Hahn 1965, S. 40
[8] Hahn 1965, S. 148
[9] Karl Marx, Friedrich Engels, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, Berlin 1953, S.176
[10] Karl Marx, Friedrich Engels, Werke Bd. 6, Berlin 1959, S. 408
[11] Karl Marx, Die Deutsche Ideologie, Werke Bd. 3, Berlin 1958, S. 21
[12]Hahn 1965, S. 155
[13] Hahn 1965, S. 168
[14] Hahn 1965, S. 169
[15] Erich Hahn, Historischer Materialismus und marxistische Soziologie, Berlin 1968
[16] Hahn 1968, S. 115
[17] Karl Marx / Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, Werke Bd. 3, S. 71/72
[18] Ebenda, S. 196
[19] Hahn 1968, S. 117
[20] A. N. Leontjew, Probleme der Entwicklung des Psychischen, S. 226
[21] Hahn 1968, S. 122
[22] H. Hiebsch / M. Vorwerg, Einführung in die marxistische Sozialpsychologie, S. 58
[23] Karl Marx / Friedrich Engels, Die Deutsche Ideologie, Werke Bd. 3, S. 67/68
[24] Filosofskaja Enziklopedija, Moskau 1964, Bd. 3, S. 196
[25] Hahn 1968, S. 128
[26] Hahn 1968, S. 130
[27] Alfred Kurella (Hrsg. Hans Koch), Das Eigene und das Fremde, Berlin 1981
[28] Kurella a.a.O., S.62, aus „Der Mensch als Schöpfer seiner selbst“, und zwar „Verfall und Triumph des Humanismus“ (1936), „Die kapitalistische Entfremdung und ihre sozialistische Aufhebung“ (1937)
[29] Kurella, S. 77
[30] Kurella, S. 78
[31] Kurella, S. 81
[32] Karl Marx: ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844. In: MEW, Ergänzungsband, Erster Teil, S. 574.
[33] ebenda
[34] ebenda, S.542/543
[35] ebenda, S. 531
[36] ebenda, S. 511
[37] ebenda, S, 518
[38] ebenda, S. 542
[39] ebenda, S. 546
[40] Kurella, S. 92
[41] Kurella, S. 93
[42] Kurella, S. 96
[43] Karl Marx: ökonomisch-philosophische Manuskripte, S.536
[44] W.I. Lenin: Drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus. In: Werke, Bd. 19, S. 4
[45] Lucien Sève, Marxismus und Theorie der Persönlichkeit, 1972 Frankfurt am Main, S. 5
[46] Lucien Sève, „Penser avec Marx aujourd’hui“, (dt.: «Heute mit Marx denken»), Band II: «DER MENSCH»?, Paris La Dispute 2008, s. Anm. 3
[47] Lucien Sève, „Penser…“, S. 104
[48] Lucien Sève, „Penser…“, S. 105
[49] Lucien Sève, „Penser…“, S. 91
[50] Luden Sève, „Penser…“, S. 92
[51] Karl Marx, Grundrisse, MEW 42, 742
[52] ebenda
[53] Luden Sève, „Penser…“, S. 40
[54] Luden Sève, „Penser…“, S. 56
[55] Luden Sève, „Penser…“, S. 309
[56] Luden Sève, „Penser…“, S. 62
[57] Karl Marx, Brief an Annenkow, Dezember 1846, MEW 4, 548
[58] Theorien über den Mehrwert, MEW 26.2, 111
[59] Das Kapital, Band III, MEW 25, 99
[60] Die Deutsche Ideologie, MEW 3, 424

Hier der Link zum Video der Arbeiterfotografie:
Klaus Hartmann: Was ist der Mensch?
Link zur Erstveröffentlichung des Videos: http://www.nrhz.de/flyer/beitrag.php?id=24890
Direktlink zum Video auf YouTube: https://youtu.be/d4CUVzBVun4
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