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Geschichte der Neuzeit 1870-1918 – als pdf-Datei und – Der Erste Weltkrieg und die Gegenwart aus marxistischer Sicht


Geschichte der Neuzeit 1870-1918 – als pdf-Datei

Da das Geschichtsbuch 1918 endet; es also keine scheinbare Verbindung zur heutigen Zeit hat, stelle ich einen Artikel aus dem Jahre 2014 von Hans Hautmann vorweg.
Der Artikel von Hans Hautmann stellt nicht nur die Verbindung zur heutigen Zeit her, sondern gewährt auch Einblicke in die bürgerlich-kapitalistische Geschichtsschreibung (Geschichtsklitterung), die leider ihren Siegeszug in unsere Zeit angetreten hat und sie allumfassend beherrscht.

 

Der Erste Weltkrieg und die Gegenwart aus marxistischer Sicht

logo-sb,  Hans Hautmann, 12. September 2014

Das Gedenken an den 100. Jahrestag der Entfesselung des Ersten Weltkriegs hat schon jetzt einen Boom an neuen Publikationen, Historikersymposien, Fernsehsendungen, Zeitschriften- und Zeitungsartikeln hervorgerufen, der sich im Sommer 2014 noch bis zur Hochflut steigern wird. In der kapitalistischen Welt der Meinungsmache und des Kommerzes ist das dem einen wie dem anderen Interesse geschuldet. Wer zuerst die den herrschenden Ideologiebedürfnissen genehmen Geschichtswerke auf den Markt wirft, kann mit guten Verkaufszahlen rechnen. Ein Beispiel dafür ist das 900 Seiten umfassende Buch des Cambridger Historikers Christopher Clark, das, in der Originalausgabe 2012 in London erschienen, 2013 in deutscher Übersetzung seine bereits 8. Auflage erlebte. (1) Dieses von den Medien hoch gerühmte Werk zeichnet sich dadurch aus, dass es die These vom „Hineinschlittern“ aller europäischen Großmächte in den Krieg wieder belebt und gerade deshalb in Deutschland und Österreich beifällig aufgenommen wird. Vertieft man sich in die Lektüre, entpuppt es sich noch dazu als das, was dem bürgerlichen Verständnis von Geschichtsabläufen voll entspricht, nämlich als typisches Produkt einer personalistischen Betrachtungsweise. Vom Imperialismus, dessen materiell-ökonomischen Grundlagen und insbesondere von den aggressiven Aspirationen des deutschen Imperialismus, die der Hamburger Historiker Fritz Fischer schon vor über fünfzig Jahren auf ebenfalls 900 Seiten quellengesättigt und unwiderleglich aufdeckte (2), ist bei Clark wenig bis nichts zu finden. So schraubt sich die historiographische Qualität zurück anstatt nach vorn, je länger die Herrschaft der einst wie heute an der Macht Befindlichen andauert, und wenn es, wie beim Ersten Weltkrieg, um die Frage geht, welches Gesellschaftssystem damals eigentlich für seine Auslösung verantwortlich war.

Aber auch die von Fritz Fischer 1961 vorgelegten Erkenntnisse waren nicht neu. Die marxistischen Analysen der Ursachen und des Charakters des Ersten Weltkriegs durch Lenin, Luxemburg, Liebknecht und die Geschichtsforschung etwa der DDR hatten sie schon längst vorweggenommen. Etwas entnervt von der Weitschweifigkeit, mit der Clark das Handeln der gekrönten Häupter, Diplomaten und Militärs in der Julikrise 1914 schildert, erklärt aus deren persönlichen Eigenschaften, Affekten, Schwächen und Irrtümern, griff der Verfasser dieser Zeilen nach einem anderen, kürzeren, die Ergebnisse der marxistischen Forschung zusammenfassenden Buch, dem des DDR-Historikers Willibald Gutsche. (3) Und siehe da: diese Darstellung von 200 Seiten, erschienen 1984, übertrifft an Präzision, Schlüssigkeit und Klarheit bei der Ausleuchtung der Hintergründe die Clarks meilenweit.

Was es mit dem Begriff der „Urkatastrophe“ auf sich hat

Wie schon zu den runden Jahrestagen 2004, 1994 und 1984 ist auch heuer wieder im Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg von der „Urkatastrophe“, der „Ursache aller Ursachen“, der „Ursünde des 20. Jahrhunderts“ usw. die Rede. Nichts wäre dagegen einzuwenden, wenn man damit die Betroffenen im Auge hätte, die die Katastrophe erdulden mussten, die Volksmassen, die als Soldaten im Geschosshagel an den Fronten und als Zivilisten im Hinterland an Hunger und Seuchen zu Millionen starben. Weiß man aber, von wem der Ausdruck „Urkatastrophe“ herrührt und was er damit inhaltlich Verband, ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Die Bewertung geht auf eine Formulierung des amerikanischen Diplomaten und Historikers George F. Kennan aus dem Jahr 1979 zurück („The great seminal catastrophe of this century“). Kennan war von 1944 bis 1946 an der US-Botschaft in Moskau tätig und verfasste im Februar 1946 das so genannte „Lange Telegramm“ an Präsident Truman, in dem er der Sowjetunion die Absicht unterstellte, „die innere Harmonie unserer Gesellschaft zu zerrütten“ und „unseren traditionellen Way of Life zu zerstören“.(4) Er gab damit die theoretisch-ideologische Begründung für den nunmehrigen Kurs des US-Imperialismus hin zur Konfrontation gegenüber dem einstigen Alliierten und zum Kalten Krieg.

Der antikommunistische Standpunkt Kennans erklärt, was er mit dem Terminus „Urkatastrophe“ im Wahrheit meinte: das Faktum nämlich, dass im Zuge des Ersten Weltkriegs die bis dahin unangefochtene globale Dominanz des Kapitalismus zerbrach, dass 1917/18 die Volksmassen gegen die Herrschenden aufstanden, sie in einem Land stürzten und in mehreren anderen an den Rand des Abgrunds brachten, und das Trauma, dass nach dem Zweiten Weltkrieg als einer Folge von 1914-1918 die Machtpositionen des Imperialismus eine erneute und diesmal vervielfachte Einschränkung erfuhren. Zur „Urkatastrophe“ und ihren Folgen für das 20. Jahrhundert wird in einem Aufwaschen auch das Entstehen der „anderen totalitären Bewegung“, des Faschismus, dazugerechnet, und zwar als „verständliche“, „defensive“ Angstreaktion der Besitzenden vor dem „Bolschewismus“, um die tragende Rolle der etablierten ökonomischen Machteliten bei der Errichtung und im Gefüge faschistischer Herrschaft unter den Tisch fallen zu lassen.

Das Paradigma von der „Urkatastrophe“ drückt also nicht etwa Mitleid mit den Millionen Opfern imperialistischer Kriege und Gewalt aus, sondern ausschließlich das Selbstmitleid der herrschenden Klassen über den Zustand ihrer vom Sozialismus bedrohten und verringerten Wirkungsmöglichkeiten im Gefolge des Ersten Weltkriegs.

Schon seit geraumer Zeit beschäftigt sich der Autor mit Themen dieser Geschichtsepoche: mit dem Entstehungsprozess der Kommunistischen Partei Österreichs,(5) mit dem Wirken der Arbeiter- und Soldatenräte in der österreichischen Revolution von 1918/19 (6) und mit den Staatsverbrechen des Habsburgerreiches in den letzten vier Jahren seiner Existenz.(7) Nachfolgend sollen drei Bereiche behandelt werden, die geeignet sind, Kontinuitätslinien vom Ersten Weltkrieg in unsere Gegenwart aufzuzeigen. Dass dabei auf Österreich bezogene Fragen den Schwerpunkt bilden, kann für die Leserinnen und Leser in der BRD insofern von Nutzen sein, weil in der Donaumonarchie gewisse Erscheinungen krasser als beim deutschen Bündnispartner zutage traten, die für den imperialistischen Krieg typisch waren.

Kriegs- und Humanitätsverbrechen

Nicht nur der Zweite, schon der Erste Weltkrieg war kein Krieg zwischen Armeen in herkömmlichem Sinne mehr. Er war auch ein Krieg gegen die Zivilbevölkerung, die man blutigen Repressalien unterwarf.

Drei große Verbrechen sind im Ersten Weltkrieg verübt worden: Die Gräuel der Deutschen in Belgien, der Völkermord der Türken an den Armeniern und die Exzesse der kaiserlichen Armee Österreich-Ungarns gegenüber den Ruthenen und Serben. Dabei können die letztgenannten Grausamkeiten den zweifelhaften Ruf für sich beanspruchen, am Unbekanntesten geblieben zu sein.

Von den Ereignissen in Belgien sei nur so viel gesagt, dass im Jahr 1956 ein gemeinsamer Ausschuss aus drei bundesdeutschen und drei belgischen Historikern nach gründlichem Studium feststellte, dass die Schauermeldungen über sadistische Untaten belgischer „Franktireurs“ an deutschen Soldaten, zusammengestellt im deutschen Weißbuch von 1915, „nachweislich anfechtbar sowie planmäßig verfälscht“ worden sind.(8) Unanfechtbar sind aber die deutschen Kriegsgräuel an der belgischen Zivilbevölkerung, denen laut einer neueren Darstellung 5521 Menschen zum Opfer fielen.(9)

Wie sah es aber bei dem mit Deutschland in „Nibelungentreue“ verbundenen Partner aus? Dazu nur die wichtigsten Fakten: Im Sommer 1914 wurden in Galizien an die 30.000 Ruthenen, darunter auch Frauen, hingerichtet, wobei die Mehrzahl der Erhängungen nicht aufgrund eines Urteils in einem feldgerichtlichen bzw. standgerichtlichen Verfahren erfolgte, sondern willkürlich, auf den bloßen Verdacht hin, für die Russen spioniert zu haben, an Ort und Stelle, unter Berufung auf die so genannte „Kriegsnotwehr“, die den Offizieren der kaiserlichen Armee die Befugnis gab, solche Tötungen anzuordnen. Dasselbe mit einer geschätzten Opferzahl von ebenfalls 30.000 geschah gegenüber der serbischen Bevölkerung auf dem Balkankriegsschauplatz. (Von beiden Verbrechen zeugen die zahlreich überlieferten „Galgenfotos“.) Nach dem Landesinneren wurden in Internierungslager Zehntausende „politisch Verdächtige“ deportiert, Ruthenen, Serben und Italiener. Im Ruthenenlager Thalerhof bei Graz starb im Winter 1914/15 von den rund 7000 Insassen ein Drittel an Flecktyphus. Mehrere Tausend Tschechen, Ruthenen, Serben, Slowenen und Italiener wurden von Militärtribunalen als Staatsfeinde zum Tode verurteilt und hingerichtet, wobei die Mehrzahl der Verfahren höchst zweifelhaft war und dem glich, was man üblicherweise „Justizmord“ nennt. Daneben gab es Tausende Verurteilungen zu hohen Kerkerstrafen; Hunderte dieser Delinquenten fanden in den Gefängnissen und in den beiden Militärstrafanstalten Theresienstadt und Möllersdorf, in denen entsetzliche Zustände herrschten, den Tod. In den von der österreichisch-ungarischen Armee besetzten Gebieten Serbiens, Montenegros, Albaniens und der Ukraine standen Geiselnahmen, Geiseltötungen und blutige Strafexpeditionen gegen Dorfbewohner auf der Tagesordnung, die man der Kollaboration mit Trägern des Widerstandes gegen die Okkupanten bezichtigte.

Diese österreichischen Kriegs- und Humanitätsverbrechen lassen sich aus der Situation der Habsburgermonarchie als Vielvölkerstaat mit herrschenden und beherrschten Nationen erklären. Die Jahrzehnte des immer schärfer werdenden Nationalitätenkampfes hatten ein ungeheures Aggressionspotenzial gerade bei denen angehäuft, die „Deutschtum“ mit angeborener „Höherwertigkeit“ gleichsetzten, die sich vom Aufbegehren der „geschichtslosen Völker“ als überlegene und zum Herrschen prädestinierte „Kulturnation“ bedroht fühlten. In der Vorkriegszeit noch unterdrückt und von Konventionen gezügelt, kamen die angestauten Ressentiments 1914 explosiv und mit furchtbaren Folgen zum Vorschein.

Die Exzesse der k.u.k. Armee ebenso wie die der deutschen Truppen in Belgien wurzelten aber auf einem noch umfassenderen Nährboden. Das wirkliche Substrat des Massenterrors war das jeglicher imperialistischer Machtpolitik inhärente sozialdarwinistische und rassistische Weltbild, das bei den Herrschenden und deren Handlangern die Bereitschaft wie den Willen auslöste, den Nietzsche-Ausspruch „Alles ist erlaubt!“ zur Maxime ihrer Behandlung von „Minderwertigen“ und „Subversiven“, ja von Beherrschten generell, zu erheben. Die unvermeidliche Folge war der Rückfall in die Barbarei, bei dem lediglich die ungeheure Schnelligkeit verblüfft, mit der er sich gleich in den ersten Kriegstagen vollzog.

Das Gesagte zerstört gründlich die Idylle, die vom Habsburgerreich, seinen herrschenden Kreisen und seiner militärischen Führung bis heute dominiert. Es blieb eben nicht dabei, dass diese Schicht die Elemente imperialistischer Ideologie in sich eingesaugt hatte, sie handelte auch danach und exerzierte die Schwertstreiche im Ersten Weltkrieg sogar radikaler als der deutsche Bündnispartner. Das war so, weil sich Österreich-Ungarn einem Kardinalproblem gegenübergestellt sah, das das wilhelminische Kaiserreich in dieser Form nicht kannte, das aber die Situation Hitlerdeutschlands im Zweiten Weltkrieg in einem wesentlichen Punkt vorwegnahm: das Problem, im eigenen Machtbereich nach Millionen zählende „minderwertige“ Völkerschaften, konkret die Slawen, politisch zu beherrschen, wirtschaftlich auszubeuten und ihre nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen niederzuhalten. Zu einem Mittel, dieses Ziel zu erreichen, musste unter den Bedingungen eines imperialistischen Krieges, der sich nicht nur gegen den äußeren, sondern auch gegen den inneren Feind richtete, die Anwendung nackten Terrors werden.

Diese Grausamkeiten konnten von den Völkern und Regierungen der siegreichen Ententemächte nicht ignoriert werden. Im Friedensvertrag von Versailles wurde Deutschland verpflichtet, seine Kriegsverbrecher an die Alliierten auszuliefern, um sie von Militärtribunalen aburteilen zu lassen. Die Liste umfasste 900 Namen, an der Spitze Kaiser Wilhelm II. Analoge Bestimmungen enthielt der Friede von Saint-Germain mit Österreich. Auf der von der Tschechoslowakei, Jugoslawien und Italien eingebrachten Kriegsverbrecherliste befanden sich die Namen des Armeeoberkommandanten Erzherzog Friedrich, der Generäle Erzherzog Eugen, Erzherzog Joseph, Kövesz, Potiorek, Lütgendorf, Krauß, des Obersts Kerchnawe als Stabschef des Militärgouverneurs im besetzten Serbien, der Kommandanten von Thalerhof, Theresienstadt und Möllersdorf usw. Den Auslieferungsbegehren wurde von Deutschland und Österreich in keinem einzigen Fall entsprochen, womit der erste Anlauf zur Verankerung völkerrechtlicher Straftatbestände scheiterte. Der zweite, 1945/46 mit den internationalen Militärtribunalen von Nürnberg und Tokio unternommen, glückte jedoch, nicht zuletzt deshalb, weil die Sowjetunion eine der Hauptmächte der Anti-Hitler-Koalition war und im Unterschied zu Großbritannien und den USA von Anfang an auf einem ordentlichen Gerichtsverfahren bestand. Wichtigster Inhalt der Prozesse waren die drei „klassischen“ Nürnberger Tatbestände: Führen eines Angriffskriegs, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Sie wurden von den Vereinten Nationen als Grundlage eines künftigen Völkerstrafrechts anerkannt.

Propaganda und Massenmanipulation

Der imperialistische Krieg war vom ersten Tag an von einem ohrenbetäubenden Propagandagetöse begleitet. Tonnen an Druckerschwärze wurden in die Schlacht geworfen, um die Gehirne der Menschen dahin zu bringen, den Zustand als Notwendigkeit zu empfinden, ja ihn als Überwindung alter Klassenschranken und -gegensätze, als Hoch und Nieder die gleichen Pflichten abverlangende „Volksgemeinschaft“ gutzuheißen. Zum Lohn für diese Bekennerhaltung wurde versprochen, dass man aus dem Krieg „erneuert“ und „verjüngt“ hervorgehen werde, worunter sich jeder das vorstellen konnte, was ihm als Ideal gesellschaftlichen Zusammenlebens vorschwebte. Ganze Tintenmeere wurden aber auch verspritzt, um den Krieg als gerechten, „heiligen Verteidigungskrieg“ hinzustellen, seinen räuberischen Charakter zu verschleiern und die Volksmassen dazu zu motivieren, sich freiwillig an falschen, gegen ihre ureigensten Interessen gerichteten Fronten gruppieren zu lassen. Dass das im Juli/August 1914 gelang, war einer der größten Triumphe, den Herrschende je feiern, und eine der bittersten Niederlagen, die Beherrschte je erleiden mussten.

Die orgiastische Kriegsbegeisterung und ihr nicht minder pathologisches Pendant, die Spionenhysterie, die in den ersten Kriegswochen überall wie eine Seuche grassierten, erscheinen, Historikern bis heute als eines der rätselhaftesten, rational unerklärlichsten massenpsychologischen Phänomene des 20. Jahrhunderts. Beide waren aber nur das traurige Ergebnis imperialistischer Ideologie, einer über Jahre hinweg in gigantischem Maßstab betriebenen Manipulierung und Verdummung der Menschen, eines Systems, das zur Einbindung der Volksmassen in sein Welt- und Gesellschaftsverständnis bewusst auf die Karte der Schürung von Emotionen und Ressentiments setzte, und das zur Stabilisierung seiner Herrschaft unter allen Umständen Feindbilder brauchte.

Die Gehirnwäsche in der Zeit vor 1914, betrieben von einer ganz neuen Technik zur Erzeugung „öffentlicher Meinung“, von der modernen Massenpresse, war aber nichts im Vergleich zu der ungeheuren Propagandamaschinerie, die in jedem beteiligten Land während des Krieges aufgebaut wurde. Um die Leiden und Entbehrungen erträglich scheinen zu lassen, mussten die Menschen mit Stimmungsmache über den hehren Zweck des Krieges und den Ruhm, für das Vaterland zu sterben, bis zur Besinnungslosigkeit überfüttert werden. Die imperialistische Kunst der Menschenverführung, der Manipulierung, Heuchelei und Lüge erreichte eine ungeahnte Perfektionierung.

Die Wahrheit über den Krieg haben revolutionäre Marxisten vom ersten Moment an ausgesprochen. Österreich kann sich glücklich schätzen, den wortgewaltigsten, konsequentesten und unbestechlichsten Kriegsgegner aus den Reihen des Bürgertums besessen zu haben: Karl Kraus. Seine Schriften aus dem Ersten Weltkrieg und sein dokumentarisches Drama „Die letzten Tage der Menschheit“ stehen ohne Vergleich da und sind bleibend aktuelle Lehrstücke für das Erkennen der Produktionsmethoden falschen Bewusstseins. Die Ereignisse von 1914 bis 1918 machten ihm klar, dass die von den Eliten verkündeten Leitbilder lediglich die ideologische Tarnung für einen ökonomisch motivierten Expansionskrieg abgaben. Der Krieg war für ihn die Folge der „Unterwerfung der Menschheit unter die Wirtschaft“. (10) Die „Helden“ werden an die Fronten geschickt, um den „Händlern“ ihre Märkte zu sichern. „Ich weiß genau, dass es zu Zeiten notwendig ist, Absatzgebiete in Schlachtfelder zu verwandeln, damit aus diesen wieder Absatzgebiete werden“. (11)

Aus den Erfahrungen der herrschenden Klassen mit der Waffe der psychologischen Kriegführung im Ersten Weltkrieg zogen der Faschismus, nach seiner Niederwerfung die „Kalten Krieger“ gegen den Weltsozialismus und gegenwärtig die „Globalisierer“ die Konsequenzen. Ausgestattet mit dem Massenmedium des Fernsehens, mit dem man durch Bilder die Lüge noch wirkungsvoller als durch Texte vorgaukeln kann, wuchert das Einhämmern sinnverfälschter Begrifflichkeiten üppiger denn je: „Reform“ für die Kürzung von Sozialleistungen und für die Abschaffung einstens erkämpfter wirklicher Reformen; „Mitarbeiter“ für die Lohnabhängigen, die aufs Pflaster geworfen werden, sobald sie für die Verwertungsbedürfnisse des „Mitarbeiters“ auf dem Chefsessel entweder überflüssig oder zu teuer sind; „Demokratie“ und „Menschenrechte“, wenn es darum geht, den Machtbereich der westlichen Monopolbourgeoisie territorial weiter vorzuschieben – siehe Libyen, Syrien und jüngst die Ukraine. Zum Einsatz kommen dann gut ausgerüstete Trupps von aufständischen „Freiheitskämpfern“.

Massenmanipulation und „Menschenrechts“-Imperialismus sind heute die Hauptwaffe der herrschenden Klassen. In sie Breschen zu schlagen, wird von allen Aufgaben die schwerste sein. Die Geschichte des Ersten Weltkriegs zeigt aber, dass das möglich ist.

„Der Hauptfeind steht im eigenen Land!“

Als Hugo Haase am 4. August 1914 im Namen der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands vor dem Reichstag erklärte: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich“, ordnete er wie die Führungen aller großen sozialdemokratischen Parteien Europas die Interessen der Arbeiterschaft denen der imperialistischen Bourgeoisie unter. Mit dem Überbordwerfen der Prinzipien des proletarischen Klassenkampfes und der internationalen Solidarität gaben die Reformisten den Herrschenden die Sicherheit im Inneren des Landes, die sie für einen Eroberungskrieg nach außen brauchten. Lenin schrieb damals:

„Der Sozialchauvinismus ist der vollendete Opportunismus. Er ist reif geworden zu einem offenen, oft ordinären Bündnis mit der Bourgeoisie und den Generalstäben. Es ist eben dieses Bündnis, das ihm eine große Macht und das Monopol des legal gedruckten Wortes, der Irreführung der Massen gibt.“ (12)

Für den enormen Effekt der imperialistischen „Volksgemeinschafts“-Propaganda steht die Tatsache, dass man die Schläge, die die Industrie- und Finanzoligarchie, die Regierungen und das Militär im Ersten Weltkrieg den Beherrschten verabreichten, lange Zeit mit kaum ins Gewicht fallenden Ausnahmen stumm und ohne Gegenwehr hinnahm – was in Deutschland und Österreich auch widerspiegelte, wie stark hier die Untertanenmentalität verbreitet war.

Ein Teil, und zwar der entscheidende, scherte jedoch in Österreich um die Jahreswende 1916/17 aus der Front der Regimeloyalität aus: die Arbeiterschaft. Sie schüttelte die ihr von den Machthabern, der Sozialdemokratischen Partei und der Gewerkschaftsführung verpasste Zwangsjacke des „Burgfriedens“ ab, besann sich auf ihre kämpferischen Traditionen und begann mit dem Mittel des Streiks gegen Entrechtung und Unternehmerwillkür, für Frieden und Brot offensiv auf den Plan zu treten.

Lenin hatte eine solche Entwicklung schon im Mai 1915 vorausgesehen, als er schrieb:

„Durch die Erfahrung des Krieges, wie durch die Erfahrung jeder Krise in der Geschichte, jeder großen Heimsuchung und jedes Umschwungs im Leben der Menschen, werden die einen abgestumpft und gebrochen, dafür aber die anderen aufgeklärt und gestählt, wobei sich in der Geschichte der ganzen Welt im großen und ganzen die Zahl und die Stärke der letzteren (…) als größer erwiesen haben als die der ersteren.“(13)

Die Arbeiterklasse war es also, die im Haltungsspektrum des österreichischen Volkes den Faktor des Aufbegehrens fortan verkörperte. Mehr noch: Sie brachte im Massenstreik des Jänners 1918 die Herrschaftsordnung ins Wanken und Österreich an einen Punkt, der näher an der Möglichkeit der sozialen Revolution lag als je zuvor und danach in seiner Geschichte. Und unter den nationalen Proletariaten des Habsburgerreiches war sie es, die 1917/18 das aktivste Element darstellte und die Rolle einer Avantgarde für sich beanspruchen konnte.

Für das bis heute übliche Erklärungsschema über den Untergang Österreich-Ungarns bedeutet das sehr viel. Die Habsburgermonarchie ist im Herbst 1918 eben nicht nur deshalb zerfallen, weil die nichtdeutschen Völker sich von ihr lostrennten. Auch die Österreicher hatten daran ihren Anteil. Es waren die österreichischen Arbeiterinnen und Arbeiter, die mit ihren Protestaktionen, Streiks und Massenbewegungen mindestens ebenso viel wie die beherrschten Nationalitäten dazu beitrugen, das Regime zu unterhöhlen und zum Einsturz zu bringen.

Indem sie das taten, handelten sie spontan im Einklang mit der Losung Karl Liebknechts, dass der „Hauptfeind im eigenen Land“ steht. Was war der Inhalt dieser Losung? Der Arbeiterschaft, die im „Burgfrieden“ und im Propagandanetz der Notwendigkeit der „Vaterlandsverteidigung“ gefangen war, klar zu machen, dass es keinen „besseren friedfertigen“, weil parlamentarisch-demokratischen, und keinen „schlechteren kriegerischen“, weil monarchisch-autoritären Imperialismus gibt (vice versa, denn für Ebert, Scheidemann, Südekum und die anderen war natürlich der deutsche Imperialismus der „bessere friedfertige“), dass er überall das gleiche Primärziel verfolgt, die Volksmassen ökonomisch und politisch in Botmäßigkeit zu halten und es deshalb unstatthaft ist, für eine der rivalisierenden imperialistischen Seiten Partei zu ergreifen.

Gegenwärtig existieren nur mehr Imperialismen mit „freiheitlich-demokratischer“ politischer Ordnung. Sie beschützen – wie man es täglich zu hören bekommt – die zivilisierte Menschheit vor den Gefahren des „Terrorismus“; und sie trachten bloß danach, auf die noch vorhandenen „autoritären Regime“ Druck auszuüben, um dort für die ihrer Rechte beraubten Bevölkerung endlich eine „Wende zum Guten“ herbeizuführen. Dabei setzen die eigentlichen Betreiber, die Träger des globalisierten Kapitals, auf eine ihrer großen Stärken, auf ihre Anonymität, auf die Tatsache, dass die Masse der Menschen von ihnen keine konkret fassbare Vorstellung hat und haben kann.

Deshalb ist die Orientierung, dass der „Hauptfeind im eigenen Land steht“, nach wie vor gültig. Denn wie diese Kräfte auf nationaler Ebene, bei uns in Deutschland, Österreich usw. agieren, das müssen die arbeitenden Schichten neben Lehrern, Studenten, Pensionisten und Sozialhilfeempfängern seit nunmehr einem Vierteljahrhundert drastisch erleben. Das Monopolkapital im eigenen Haus gilt es vorrangig zu bekämpfen. Nur so kann man an konkrete Bedürfnisse, Ängste, Sorgen, Wünsche der Menschen an der Basis der Gesellschaft anknüpfen, dadurch etwas in Bewegung bringen und ihr Ohnmachtsgefühl überwinden. Erfüllen alle antiimperialistischen Kräfte diese Aufgabe, wird das der wirksamste Beitrag zur Renaissance dessen sein, was man einst proletarischen Internationalismus und internationale Solidarität nannte.

Hans Hautmann, Prof. Dr., Wien, Historiker

Anmerkungen:

1) Christopher Clark, Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog, München 2013.
2) Fritz Fischer, Griff nach der Weltmacht. Die Kriegszielpolitik des kaiserlichen Deutschlands 1914/18, Düsseldorf, 2. Aufl. 1962.
3) Willibald Gutsche, Sarajevo 1914 = Schriftenreihe Geschichte, Berlin 1984.
4) Helmut Wolfgang Kahn, Der Kalte Krieg, Band 1: Spaltung und Wahn der Stärke 1945 bis 1955, Köln 1986, S. 71.
5) Hans Hautmann, Die Anfänge der Iinksradikalen Bewegung und der Kommunistischen Partei Deutschösterreichs 1916-1919, Wien 1970.
6) Hans Hautmann, Geschichte der Rätebewegung in Österreich 1918-1924, Wien-Zürich 1987.
7) Auswahlweise: Hans Hautmann, Bemerkungen zu den Kriegs- und Ausnahmegesetzen in Österreich-Ungarn und deren Anwendung 1914-1918, in: Zeitgeschichte, Heft 2, Wien-Salzburg 1975; Prozesse gegen Defätisten, Kriegsgegner, Linksradikale und streikende Arbeiter im Ersten Weltkrieg, in: Karl R. Stadler (Hrsg.), Sozialistenprozesse. Politische Justiz in Österreich 1870-1936, Wien-München-Zürich 1986; Sittenbilder aus dem Hause Habsburg im Weltkrieg, in: Alfred Klahr Gesellschaft. Mitteilungen, 15.Jg., Nr. 2, Juni 2008; Todesurteile in der Endphase der Habsburgermonarchie und im Ersten Weltkrieg, in: Claudia Kuretsidis-Haider/Heimo Halbrainer/Elisabeth Ebner (Hrsg.), Mit dem Tode bestraft. Historische und rechtspolitische Aspekte zur Todesstrafe in Österreich im 20. Jahrhundert und der Kampf um ihre weltweite Abschaffung, Graz 2008; Stichworte „Italiener im Ersten Weltkrieg“, „Ruthenen im Ersten Weltkrieg“ und „Serben im Ersten Weltkrieg“ in: Detlef Brandes/Holm Sundhausen/Stefan Troebst (Hg.), Lexikon der Vertreibungen. Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wien-Köln-Weimar 2010; Habsburg-Totenrummel und vergessene Vergangenheit, in: Alfred Klahr Gesellschaft. Mitteilungen, 18. Jg., Nr. 3, September 2011; Die Militärstrafanstalt Möllersdorf im Ersten Weltkrieg, in: Hans Mikosch / Anja Oberkofler (Hrsg.), Gegen üble Tradition, für revolutionär Neues. Festschrift für Gerhard Oberkofler, Innsbruck-Wien-Bozen 2012; Princip in Theresienstadt, in: Alfred Klahr Gesellschaft. Mitteilungen, 20. Jg., Nr. 3, September 2013; Von der Permanenz des Klassenkampfes und den Schurkereien der Mächtigen. Aufsätze und Referate für die Alfred Klahr Gesellschaft, Wien 2013.
8) Helmut Donat, Wer sich uns in den Weg stellt … Aus einem dunklen Kapital deutscher Geschichte: der Überfall auf Belgien im August 1914, in: Die Zeit, Hamburg, 17. August 1984, S. 28.
9) John Horne/Alan Kramer, Deutsche Kriegsgreuel (sic) 1914. Die umstrittene Wahrheit, Hamburg 2004, S. 121.
10) Karl Kraus, In dieser großen Zeit, in: Die Fackel, Nr. 404, 5. Dezember 1914, S. 8.
11) Ebenda, 5.4.
12) W.I. Lenin, Der Opportunismus und der Zusammenbruch der II. Internationale, in: W.I. Lenin, Werke, Band 22, Berlin 1960, S. 112.
13) W.I. Lenin, Der Zusammenbruch der II. Internationale, in: Ebenda, Band 21, Berlin 1960, S. 208f. Hervorhebung im Original.

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001 Geschichte der Neuzeit 1870-1918

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