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Heinz Ahlreip: „Wie die Lebensweise der Menschen, so ist ihre Denkweise“


Die Lehre von der Denkweise und des Materialismus

Heinz Ahlreip: „Wie die Lebensweise der Menschen, so ist ihre Denkweise“ [14]

DenkerSeit mehreren Jahrzehnten tritt in der Theoriegeschichte, die sich auf Karl Marx beruft, eine merkwürdige Erscheinung auf: ‚Die Lehre von der Denkweise‘, vertreten von der MLPD (Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands). 1995 erschien ein maßgebendes Buch von Stefan Engel: ‚Der Kampf um die Lehre von der Denkweise in der Arbeiterbewegung‘. Eine ‚ML-Partei‘ lässt die Grundlagen des Marxismus bestehen, es habe aber eine „Verschiebung“ stattgefunden, die nur sie bemerkt habe: die Marxisten-Leninisten hätten bisher nicht die Bedeutung der Denkweise im Klassenkampf erkannt. Die Bedeutung der Denkweise sei in die Theorie und Praxis der Befreiung des Weltproletariats einzuführen, weil sich die soziale Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 verändert habe [15] , ja zu einer ganzen Lehre von der Denkweise, zu einer neuen Theorie ist dies alles ausgearbeitet worden und es versteht sich fast von selbst, dass zum Beispiel der Zusammenbruch der aus der Oktoberrevolution hervorgegangenen Gesellschaftssysteme zurückzuführen sei auf eine kleinbürgerliche Denkweise von Revisionisten. Diese weltgeschichtliche Bedeutung soll also die westdeutsche Studentenschaft nach 1945 gehabt haben.

In der Tat ist aber die Lehre von der Denkweise keine Weiterentwicklung der marxistischen Theorie, sondern eine ziemlich lokal – bornierte Angelegenheit, die sich wohl nur im theorielastigen, zurückgebliebenen Deutschland bilden konnte, dem träumerischen und duseligen deutschen Volk sagte schon immer mehr die Flucht in das Denken zu, statt die harte Wirklichkeit konkret zu analysieren [16] . Eine rühmliche Ausnahme bildeten Marx und Engels, die in der „Deutschen Ideologie“ diesen Sachverhalt genau beschrieben. Ändere ich meine Denkweise, so ändert das an der Wirklichkeit nichts, ich sehe diese nur anders. Die ganze Geschichte der Philosophie ist ein fortlaufender Beweis, dass die Denker die Wirklichkeit stets anders dachten, einschließlich der Linkshegelianer, an deren Kritik Marx und Engels den historischen Materialismus entwickelten. „Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittelst einer anderen Interpretation anzuerkennen.“ [17] Die MLPD ist die konservativste Partei in Deutschland. [18] Bevor das menschliche Bewusstsein essentiell wurde in der Geschichte, gab es Essentielleres: elementare menschliche Bedürfnisse [19] und die daraus entspringenden neuen Bedürfnisse, Familie und Zusammenwirken mehrere Produzenten. „Jetzt erst, nachdem wir bereits vier Momente, vier Seiten der ursprünglichen geschichtlichen Verhältnisse betrachtet haben, finden wir, daß der Mensch auch „Bewußtsein“ hat.“ [20]

Die entscheidende Aussage betreffs der Bedeutung der Denkweise im historischen Materialismus stammt von Karl Marx im 18. Brumaire. „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum […] kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden.“ [21] Schon auf den ersten Blick wird klar, dass für Marx die materialistisch abgeleitete Denkweise von Individuen und Klassen lediglich Gegenstand der wissenschaftlichen Untersuchung ist, er wehrt sich ja gerade ganz entschieden dagegen, Denkweisen als eigentlichen Bestimmungsgrund und Ausgangspunkt des politisch-historischen Handelns zu nehmen, als habe er das Aufkommen pseudowissenschaftlicher Denkweisetheoretiker erahnt. Die Denkweise wird von Marx im Reich der Einbildung verortet, eine Theorie, die die Denkweise zur „…. entscheidenden Triebkraft des gesellschaftlichen Fortschritts“ hochstilisiert [22] , steht von vornherein dem Marxschen Wissenschaftsbegriff diametral entgegen. Um wissenschaftlichen Marxismus und Einbildung dennoch irgendwie zusammen zu biegen wird von Annette Roth (MLPD) gegen Marx ein Zitat von Engels [23] bemüht [24]. „Nach materialistischer Geschichtsauffassung ist das in letzter Instanz bestimmende Moment in der Geschichte die Produktion und Reproduktion des menschlichen Lebens. Mehr haben weder Marx noch ich je behauptet. Wenn nun jemand das darin verdreht, das ökonomische Moment sei das einzig bestimmende, so verwandelt er jenem Satz in eine nichtssagende, abstrakte, absurde Phrase. Die ökonomische Lage ist die Basis, aber die verschiedenen Momente des Überbaus […] üben auch ihre Einwirkung auf den Verlauf der geschichtlichen Kämpfe aus und bestimmen in vielen Fällen vorwiegend deren Form. Es ist eine Wechselwirkung aller dieser Momente…“ [25] Was leitet Frau Roth daraus ab? „Diese Wechselwirkung gilt auch im Sozialismus. Es hängt entscheidend von der vorherrschenden Denkweise ab, ob die Entwicklung im Sozialismus vorwärts schreitet zur klassenlosen Gesellschaft im Kommunismus oder ob sie zurückfällt zur Restauration des Kapitalismus.“ [26] Es steht natürlich jedem frei, sich mit dem Marxismus zu befassen, nur zu den Schlussfolgerungen aus dieser Beschäftigung, zu den Früchten sozusagen, möchten wir doch noch ein Wörtchen mitreden. Engels legt die Wechselwirkung zwischen Basis und Überbau in der Tat so dar, dass man sie wissenschaftlich-materialistisch und argumentativ verwenden kann, Basis und Überbau sind nicht gleichwertige Elemente [27] , schon gar nicht hat der Überbau das Übergewicht, so dass es entscheidend von der Denkweise abhinge, welchen Inhalt, welche Richtung eine gesellschaftliche Bewegung nimmt, sondern letztinstanzlich setzt sich durch die Wechselwirkung als Notwendiges die ökonomische Bewegung durch. [28] Engels äußert sich ganz deutlich, nach materialistischer Anschauung der Geschichte sind „… die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen …“ [29], sondern immer in der Ökonomie. Es gehört zu den Grundaussagen des Marxismus, dass der Überbau eindeutig von der Basis her bestimmt wird. Wie sehr der Überbau etwas von der Basis Abgeleitetes ist, wird deutlich im Kommunistischen Manifest, wo es heißt, daß sich das Proletariat nicht aufrichten kann, „… ohne daß der ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die Luft gesprengt wird. [30] Man kann doch im Manifest nachlesen, was das Proletariat alles aufhebt, letztendlich auch sich selbst, es endet selbst mit der Vernichtung der Bourgeoisie als Klasse. Das gewöhnliche Bewusstsein weiß nur etwas vom Sieg des Proletariats über die Bourgeoisie, weiß nicht, dass sein Sieg langfristig seine Aufhebung ist.

Also eins von beiden – entweder: Die ökonomischen Bedingungen sind schließlich die entscheidenden (Engels), oder: die Entwicklung zum Kommunismus hängt entscheidend von der Denkweise ab (Annette Roth) – und so zeigt sich die Lehre von der Denkweise genau auf der Schnittstelle zwischen Revolution und Konterrevolution liegend, zur letzteren abfallend. Nach Engels bestimmen die verschiedenen Momente des Überbaus die Form der geschichtlichen Kämpfe, also im Mittelalter alles zum Beispiel im religiösen Gewand – Thomas Müntzer wollte einen Bauernsozialismus, mit dem Schwert in der einen, mit der Bibel in der anderen Hand, im Vormärz war die intellektuelle Atmosphäre in Deutschland so stark philosophisch geprägt, dass sich die 48er Revolution in philosophischen Formen ankündigte -, aber wenn die Entwicklung vom Sozialismus zum Kommunismus nun ebenfalls entscheidend von der Denkweise abhängig gemacht wird, handelt es sich bei der Konstellation Sozialismus-Kommunismus um eine Frage der Form oder des Inhalts? Oder bei der Rückverwandlung des sowjetischen Sozialismus in einen Kapitalismus?

Der Grundtenor der MLPD-Darstellung lautet: im Gegensatz zur chinesischen Kulturrevolution habe unter Stalin die Kontrolle der Administration mit ihrer Tendenz zur kleinbürgerlichen Denkweise nicht durch die Mobilisierung der Massen, sondern zunehmend durch die politische Geheimpolizei stattgefunden. Dadurch sei die kleinbürgerliche Denkweise gegenüber der proletarischen dominant geworden und hier liege der Schlüssel für die Restauration. Aber ist denn nicht klar, dass, selbst wenn die Lehre von der Denkweise ein Körnchen wissenschaftlicher Wahrheit enthalten würde, es für den historischen Materialisten völlig unmöglich ist, die Ursache für einen ökonomischen Formationswechsel im Überbau zu suchen, und dass es zweitens für den dialektischen Materialisten darauf ankommt, in einem Transformationsprozess die dialektischen Grundgesetze herauszukristallisieren, also: Einheit und Kampf der Gegensätze, hier zwischen Marxisten und Revisionisten, die beide unter dem Banner der proletarischen Revolution kämpfen, wobei aber letztere im Kapitalismus gegen die proletarische Revolution, im Sozialismus für den Kapitalismus kämpfen, zweitens Umschlag von Quantität in Qualität, hier: wie und wann war der Restaurationsprozess quantitativ so stark, dass ein Umschlag gegen den Sozialismus erfolgen konnte und schließlich das dritte Grundgesetz der Dialektik, Negation der Negation, hier: die Oktoberrevolution 1917 liquidierte den Kapitalismus (über den Umweg der NEP), die Konterrevolution liquidierte den Leninschen Sozialismus, war der aus dieser zweiten Negation entstandene Kapitalismus der klassische oder welche spezifischen Eigentümlichkeiten trug er gegenüber dem westlichen etc.? Zudem muss man beachten, dass alle drei dialektischen Grundgesetze sich prozessual wechselseitig durchdringen, was natürlich die Darstellung ungemein schwieriger macht.

Willi Dickhut hat ein dickes Buch über die Restauration des Kapitalismus in der Sowjetunion geschrieben, aber die drei dialektischen Grundgesetze findet man darin nicht. Es stellt sich also die Frage: sieht er die Welt als ein Komplex von Prozessen oder als ein Komplex fertiger Dinge? Die Lehre von der Denkweise ist gerade so ein fertiges Ding, ein Deus ex machina, es tauchen zwangsläufig die Fragen auf: war zuerst die Bürokratie oder war zuerst die kleinbürgerliche Denkweise da? [31] Waren zuerst die Revisionisten oder waren zuerst die objektiven Tendenzen zum Kapitalismus da? Fragen dieser Art ergeben sich zwangsläufig in der metaphysischen Denkweise, die aus der Arbeitsteilung von Hand – und Kopfarbeit resultiert. Die marxistisch geschulten Arbeiter wissen nur zu genau, daß der Denkweiseschwindel nur in einer Partei verfangen konnte, in der die Kopfarbeiter dominieren. [32] Alle Ideologie läuft auf Versklavungsideologie hinaus. Und es hilft nichts, sich bei klassenbewussten Arbeitern dadurch anzubiedern, dass man sich völlig mit der Arbeiterklasse verschmelzen möchte, denn erstens ist dies wiederum unmarxistisch – wovon weiter unten – und zweitens erkennen die klassenbewussten Arbeiter auch die noch so geschickt getarnten Unterdrückungsinstrumente gegen sich selbst. Es liegt in der Konsequenz der Denkweiseapostel, dass sie von den drei Kampfformen des Proletariats: ökonomisch, politisch, ideologisch, den ideologischen Kampf als führenden Faktor bezeichnen. [33] Zwar darf der ideologische Kampf nicht vernachlässigt werden, aber von einer führenden Rolle weiß der Marxismus nichts. [34] Das sind eben diese modernen Zusätze, die die Weiterentwicklung des Marxismus ausmachen sollen.

Eine weitere Weiterentwicklung soll sein, dass es vor allem darauf ankomme, sich mit dem Proletariat zu verschmelzen. „Die Führer der kleinbürgerlichen ML-Bewegung waren unfähig, sich tatsächlich tief mit dem Proletariat zu verbinden, von ihm zu lernen, sich mit ihm zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen.“ [35]

Hier liegt nun wiederum eine Preisgabe des Marxismus vor. Das Proletariat wird als Fetischpopanz missbraucht, ungeachtet der Tatsache, dass zum Beispiel während der Pariser Kommune ein Teil der Arbeiter mit den Versaillern ging – als ob das Heilmittel in der Arbeiterklasse zu suchen sei, als ob die Arbeiterklasse von sich aus eine proletarische Denkweise (oder richtiger formuliert: die dialektisch-materialistische Weltanschauung) entwickeln kann. In wissenschaftlicher Hinsicht bleibt sie ganz auf dem Niveau der Kleinbourgeoisie, deren hervorstechender Theoretiker Proudhon von Marx wie folgt charakterisiert wird. Er begreift nicht „… die gegenwärtigen sozialen Zustände in ihrer Verkettung (engrènement)…“. [36] Wie Proudhon begreifen auch die Arbeiter selbst ihre eigenen sozialen Zustände nicht in ihrer Verkettung.

Von den drei Bestandteilen des Marxismus sind sogar zwei bürgerlicher Provenienz: die klassische deutsche Philosophie und die englische politische Ökonomie. Und es wäre gerade Ausdruck einer „kleinbürgerlichen Denkweise“, künstliche Schranken zwischen sogenannter bürgerlicher und sogenannter proletarischer Denkweise zu errichten. „Der Träger der Wissenschaft ist aber nicht das Proletariat, sondern die bürgerliche Intelligenz… Das sozialistische Bewusstsein ist also etwas in den Klassenkampf des Proletariats von außen Hineingetragenes, nicht etwas aus ihm urwüchsig Entstandenes.“ [37] Lenin bezeichnete diese Worte Kautskys als sehr treffend und wertvoll, denn Lenin setzte alles daran, die Arbeiterklasse mit der Wissenschaft zu verbinden, nicht aber die Wissenschaft in der Arbeiterklasse vor die Hunde gehen zu lassen, sich mit der Arbeiterklasse zu verschmelzen und eine proletarische Denkweise anzunehmen. [38]

Den gleichen Fehler begeht auch Georg Lukács in seiner Schrift über Lenin, Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken: er spricht von einem „restlosen Aufgehen im Leben der leidenden und kämpfenden Massen.“ [39] Als ob die Arbeiterklasse von der Durchdringung der Gesellschaft durch den Warenfetischismus ausgenommen wäre. Warum ist es Marx gelungen, in einer völlig vom Warenfetischismus durchdrungenen Gesellschaft eine wissenschaftliche Durchdringung dieses Phänomens darzustellen? Warum fällt der Marxismus nicht selbst unter die Fetisch-„Wissenschaften“? Es ist ihm dies nur gelungen durch die Entwicklung der materialistischen Dialektik, nicht zufällig lässt Marx im „Kapital“, das das Geheimnis des Fetischcharakters der Ware lüftet, seine dialektische Methode von dem russischen Ökonomen Illarion Ignatjewitsch Kaufmann (1848 – 1916) erläutern, und in dieser Erläuterung führt Kaufmann aus, dass Marx die gesellschaftliche Bewegung als einen naturgeschichtlichen Prozess betrachtet „… den Gesetze lenken, die nicht nur von dem Willen, dem Bewußtsein und der Absicht der Menschen unabhängig sind, sondern vielmehr umgekehrt deren Wollen, Bewußtsein und Absichten bestimmen …“ [40] Marx widerspricht dieser Darlegung keineswegs, sondern fällt das Urteil, dass Kaufmann eine treffende Charakterisierung seiner materialistischen Dialektik gelungen sei. Nun ist klar, dass die unmittelbare Denkweise der Arbeiter keine herausragende Rolle in der Geschichte spielen kann, denn die Menschen machen Geschichte aus dem Bestreben heraus, ihre Bedürfnisse zu befriedigen [41](30.) Die Lehre von der Denkweise ist keine Weiterentwicklung der Lehre von Marx, sondern führt die Arbeiterklasse in eine Sackgasse. Sie ist lediglich ein Schnuller, aus dem unsere Denkweiseoberlehrer beständig ihr abartig – apartes Avantgardebewusstsein saugen. Für die Geschichte ist es indes ganz unerheblich, ob ein MLPD-Mitglied tief in sein Innerstes eindringt und nach den Linien seiner kleinbürgerlichen oder proletarischen Denkweise forscht und sich abends fragt: habe ich heute gegen die proletarische Denkweise gesündigt – die Geschichte hat sie freigesprochen: sie dürfen sündigen, soviel sie wollen. Denn: „Auf den verschiedenen Formen des Eigentums, auf den sozialen Existenzbedingungen erhebt sich ein ganzer Überbau verschiedener und eigentümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden.“ [42] Abgesehen davon, dass diese Darstellung von Marx eine Art Quintessenz des Zusammenhangs der Grundkategorien Eigentum und Ideologie enthält, wird auch noch die Denkweise ganz in die Sphäre des negativ Illusionären gerückt, Klassen und Individuen unterliegen einer Täuschung, wenn sie meinen, ihre Denkweise bestimme ihr Handeln, unterliegen einer Täuschung , wenn sie meinen, entscheidend für richtig politisch-geschichtliches Handeln sei ihre Denkweise. Die Lehre von der Denkweise vertreten, heißt gerade Illusionen in der Arbeiterklasse zu verbreiten, heißt gerade die ganze marxistische Aufklärungsarbeit auszulöschen. Offensichtlich fragen sich die Ideologen der MLPD, was geht im Kopf der gewerkschaftlich organisierten und der unorganisierten Werktätigen, was im Kopf ihrer Parteimitglieder vor. Nun, was im Kopf ihrer eigenen Mitglieder vor sich geht, das zu erforschen bleibt diesen Ideologen vorbehalten. Zur Kopfarbeit der Werktätigen hat sich schon Marx in seiner ersten Schlüsselschrift des historischen Materialismus, im „Elend der Philosophie“ dahingehend eingelassen: „Aber in dem Maße, wie die Geschichte vor schreitet und mit ihr der Kampf des Proletariats sich deutlicher abzeichnet, haben sie nicht mehr nötig, die Wissenschaft in ihrem Kopfe zu suchen; sie haben nur sich Rechenschaft abzulegen von dem, was sich vor ihren Augen abspielt, und sich zum Organ des selben zu machen.“ [43]

Es führt kein Weg, keine Verschiebung in der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945 an der Aussage im Kommunistischen Manifest von 1848 vorbei: „Mit einem Wort, die Kommunisten unterstützen überall jede revolutionäre Bewegung gegen die bestehenden gesellschaftlichen und politischen Zustände. In allen diesen Bewegungen heben sie die Eigentumsfrage, welche mehr oder minder entwickelte Form sie angenommen haben möge, als die Grundfrage der Bewegung hervor!“ 44 (33.) Der Kern der marxistischen Weltveränderung ist die revolutionäre Liquidierung des bürgerlichen Eigentums. Die gegenmarxistische Lehr von der Denkweise resultiert aus der Veränderung der sozialen Zusammensetzung der westdeutschen Studentenschaft nach 1945, immer mehr Kleinbürger fanden den Weg in die Universitäten. Es konnte nicht ausbleiben: die Lehre von der Denkweise ist gerade Ausdruck dieser Verschiebung.

Nachtrag:

Woran es in der kritischen Auseinandersetzung mit der obskuren Denkweiselehre mangelt, ist die kaum vorhandene historische Sichtweise und Darstellung. Wir hatten oben bereits festgestellt, dass Marx für die Phase des klassischen Konkurrenzkapitalismus die Entwicklung einer Denkweiselehre für einen Rückfall in idealistische Positionen hielt, in der höchsten Phase des Kapitalismus, dem monopolistischen Kapitalismus, hatte uns Lenin zwar eine glänzende ökonomische Analyse dieser neuen Erscheinung geliefert, aber keine Lehre von der Denkweise.

Das für den Imperialismus ausschlaggebende Monopol und die mit ihm verbundene Konzentration der Produktion führten zirka siebzehn Jahre nach dem Beginn der imperialistischen Ära zum sowjetrussischen Sozialismus. Lenin lebte nach der Oktoberrevolution noch zirka sieben Jahre unter der Diktatur des Proletariats, ohne die Notwendigkeit zu verspüren, gegen eine bereits vorhandene Tendenz zur Bürokratisierung der Apparate eine Lehre von der Denkweise zu entwickeln.

1917 fand in der Theorie und Praxis der proletarischen Weltrevolution ein qualitativer Sprung statt und hiervon ausgehend muss man den Ideologen der MLPD ihr eigenes Problem verständlich machen, das ihnen im Grunde nicht bewusst ist. Sie sind angehalten, das Spezifische des qualitativen Sprunges herauszuarbeiten, das es nötig machte, entgegen der marxistischen Theorie vor 1917 nun eine Lehre von der Denkweise zu entwickeln. Denn kein Ideologe der MLPD wird bestreiten, dass die Ausarbeitung einer Lehre von der Denkweise vor 1917 nicht nötig war. 1845 schrieben Marx und Engels die ‚Deutsche Ideologie‘, aus der es unmöglich war, eine Lehre von der Denkweise abzuleiten, 1895 starb Engels. Also ein halbes Jahrhundert nichts zur Lehre von der Denkweise.

Diese wird ja auch als die ureigenste Entwicklung eines Herrn Willi Dickhut ausgegeben, der es zu seinen Lebzeiten versäumt hatte, sich dafür in einer psychiatrischen Klinik ein Patent ausstellen zu lassen. Ureigen im wahrsten Sinne des Wortes, denn die Klassiker beriefen sich auf die Klassiker, Engels auf Marx (und umgekehrt), Lenin auf Marx und Engels, und Stalin auf alle drei. Die Apostel der Denkweise berufen sich nicht auf die Klassiker, weil sie es nicht können, weil bei ihnen für eine idealistische Lehre nichts zu holen ist. Willi Dickhut ist für die MLPD ein ganz abgeschnittener, aparter Klassiker. Soviel haben wir also auch den Klassikern zu verdanken, dass durch sie schon allein formal sogenannte Weiterentwickler ihrer Lehrer als Scharlatane entlarvt werden.

Im Grunde ist die Lehre von der Denkweise eine Fehlgeburt. Die Wissenschaft ist immer kollektiv und kommunikativ, das galt für die Enzyklopädisten und Aufklärer, das Briefvolumen Voltaires ist enorm, das gilt noch mehr für unsere Klassiker, Marx und Engels beschränkten sich ja nicht nur auf einen Briefwechsel untereinander. Bis heute können uns die Ideologen der MLPD das Spezifische im qualitativen Sprung von 1917 nicht unterbreiten, dieses muss aber dargelegt werden, soll denn die Lehre von der Denkweise eine Weiterentwicklung des Marxismus sein. Bis heute tappen sie diesbezüglich wie Deppen im dichten Wald umher.

Die Oktoberrevolution hatte Theorie und Praxis proletarischer Emanzipation auf eine höhere Stufe gestellt, zum Beispiel durch die Sowjets. Diese siegten ohne proletarische Denkweise über den bürgerlichen Parlamentarismus, denn die Mehrheit der Sowjets bestand aus Kleinbauern und Kleinbäuerinnen oder Kleinbauernsöhnen und Kleinbauerntöchtern, die keine proletarische Denkweise haben konnten.

Nicht eine Denkweise, sei sie proletarisch, sei sie kleinbürgerlich, hat über den Sieg der Oktoberrevolution entschieden, sondern millionenfache Friedenssehnsüchte und millionenfacher Landhunger.

(Anm.: Eine Erkenntnis, die im Umkehrschluss lautet: Geht es den Leuten gut, gibt es keine Revolution.
Nimmt man noch die Aussage B. Brechts hinzu: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“, lässt sich vieles an der heutigen Situation erklären, z.b. die Frage: warum es, trotz Beseitigung vieler demokratischer und sozialer Errungenschaften, hunderttausender H-4-Enpfänger, vieler regionaler Kriege, Millionen Flüchtlingen, immer größeren wirtschaftlichen Schwierigkeiten (Schere: arm-reich), keine revolutionäre Situation gibt. Auch meine Feststellung, „dass sich solange nicht ändern wird, auch nicht durch eine revolutionäre Partei, solange nicht eine Katastrophe die Menschen dazu zwingt“, läßt sich an diesem Satz überprüfen. Hier fällt mir noch eine andere Tatsache ein. Ein deutsches Sprichwort sagt: „Ein voller Bauch studiert nicht gern“, und anders ausgedrückt: „Ein „voller Bauch“ macht auch keine Revolution“.
Seit über hundert Jahren wird den Menschen erzählt, dass der Kapitalismus an seiner Dekadenz kaputt gehen wird. Übersehen wird bei all diesen Vorhersagen aber, dass der Kapitalismus, besser nach Lenin: Imperialismus, in Laufe der Jahre unwahrscheinlich lernfähig geworden ist. Er hat es, bei Kenntnis der o.g. Tatsache, sogar geschafft, „die Uhren der Geschichte zurückzudrehen“, 1989/90.
Für mich setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch: Die Menschheit ist nicht fähig aus rein rationalen Erwägungen eine Klassenlose Gesellschaft anzustreben. Der Sozialismus, nach dem Sieg über den Faschismus, hatte alles und hat alles wieder verspielt – es muss also noch etwas anderes geben – damit es nicht funktioniert!
Ist es der Menschen, mit seinem Bauchgefühl? (Erst Fressen, dann Moral!)
.

Als die Matrosen, Arbeiterinnen und Arbeiter, Kleinbauern und Kleinbäuerinnen 1917 die Lehren von Karl Marx und von Lenin mit Variationen in die Praxis umsetzen, einen reinen Prozess kann es hier gar nicht geben, konnten sie nicht ahnen, dass eines Tages in Deutschland ein Herr Dickhut mit einer Lehre von der Denkweise aufsteht, durch deren Umsetzung in die Praxis der Weg zum Kommunismus sicherer zum Ziel führt als mit den Lehren von Marx und Lenin allein. Das versichern uns seine Jünger. Mit Verlaub, dem Gerber Joseph Dietzgen (dem Älteren), einem schlichten Handwerker, war es gelungen, unabhängig von Marx und Engels eine materialistische Dialektik zu entwickeln. ‚Dietzgen, das ist unser Philosoph‘ pflegte Marx zu sagen. Willi Dickhut, Sohn eines Fuhrunternehmers, kann für Marxisten-Leninisten im Gegensatz zu Dietzgen nur ein Name sein, der für die Verballhornung des Marxismus steht. Und eine Verballhornung muss herauskommen, wenn man Marxisterei mit einem simplen Geschichtsbild betreibt. Für die Denkweiseideologen gibt es im Grunde nur zwei entscheidende Ereignisse in der russischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, den Oktober 19 17 und den 20. Parteitag 1956, das erste ein Sprung vorwärts, das zweite einer rückwärts. 1917 gab es zwei Revolutionen und eine Doppelherrschaft, 1956 einen Parteitag und eine Geheimrede. Nun kann man zwar in den Naturwissenschaften elektrisches Licht ein- und ausschalten, in den Gesellschaftswissenschaften geht das nicht. Eine ökonomische Gesellschaftsformation kann nicht durch eine Geheimrede (Geheimrede) in eine frühere zurückverwandelt werden. Ökonomische Gesellschaftsformationen stellen in der Geschichte einmalig enorme Schwergewichte dar, dass eine Putschtheorie aus dem politischen Sektor zwischen ihnen nichts zu suchen hat.

Fußnoten:

14 Josef Stalin, Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks Verlag Singen, 1949, S.3.
15 Im Revolutionären Weg, dem theoretischen Organ der MLPD, wird im Ergänzungsband 1/94 – Konspekt zur Frage der Denkweise im Revolutionären Weg 1 bis 15 – in der Einleitung angeführt. „Die Grundlage des Marxismus-Leninismus bleibt, heute ist aber eine Verschiebung eingetreten. Der entscheidende Faktor im Parteiaufbau ist die Denkweise.“ (Gesprächsnotiz von Willi Dickhut vom 6.5.92). Auf Seite 81 wird dann näher auf diese Verschiebung eingegangen: „Die Studenten der früheren Jahrzehnte kamen im Wesentlichen aus Kreisen der Großbürger, Großagrarier und höheren Beamten. Nach dem II. Weltkrieg verschob sich das Schwergewicht der sozialen Herkunft mehr und mehr auf mittel – und kleinbürgerliche Schichten.“ Wie diese Verschiebung mit der Denkweise zusammenhängt wird in dem Band nicht erläutert.
16 Karl Marx/Friedrich Engels: Die Deutsche Ideologie, Werke Band 3, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 13.
17 a.a.O., S. 20.
18 Vgl.: a.a.O.
19 „Zum Leben aber gehört vor Allem Essen und Trinken, Wohnung, Kleidung und noch einiges Andere. Die erste geschichtliche Tat ist also die Erzeugung der Mittel zur Befriedigung dieser Bedürfnisse, die Produktion des materiellen Lebens selbst, und zwar ist dies eine geschichtliche Tat, eine Grundbedingung aller Geschichte, die noch heute, wie vor Jahrtausenden, täglich und stündlich erfüllt werden muß, um die Menschen nur am Leben zu erhalten …. Das Erste also bei aller geschichtlichen Auffassung ist, daß man diese Grundtatsache in ihrer ganzen Bedeutung und ihrer ganzen Ausdehnung beobachtet und zu ihrem Recht kommen läßt. Dies haben die Deutschen bekanntlich nie getan, daher nie eine IRDISCHE Basis für die Geschichte und folglich keinen Historiker gehabt.“ (a.a.O.,28) Durch die Verstrickung in die Lehre von der Denkweise ist es dahin gekommen, dass die MLPD keinen Historiker, keinen Gesellschaftswissenschaftler hat. Diese Partei, sollte sie sich vom Denkweiseschwindel, von Deutscher Ideologie je frei machen, muss dann wieder ganz von vorn anfangen, beim ABC des Marxismus in der „Deutschen Ideologie“.
20 a.a.O.,30.
21 Kar l Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 139.
22 Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995. Es ist schnell hingeschrieben: Die Denkweise entscheidet den Charakter der Gesellschaft, aber statt MLPD-Broschüren wiederzukäuen sollte Frau Roth sich lieber einmal folgende Passage aus dem „Elend der Philosophie“ durch ihren Denkweisekopf gehen lassen: „Die sozialen Verhältnisse sind eng verknüpft mit den Produktivkräften …. Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten.“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 130). In einer anderen Passage führt Marx aus, dass die Theoretiker des Proletariats. je mehr es sich entwickelt, es nicht mehr nötig haben „… die Wissenschaft in ihrem Kopf zu suchen ….“ (Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 143). Das wurde 1847 geschrieben. Seitdem hat sich das Proletariat mehr und mehr entwickelt, nur die MLPD fängt wieder mit „Kopfarbeit“ an. Sie ist die konservativste Partei in Deutschland.
23 In der Tat wird vom späten Engels eine Korrektur am Marxismus der „Deutschen Ideologie“ vorgenommen, aber es ist aufschlussreich, diese Korrektur genau zu studieren, sie zu durchdenken, denn keineswegs wird in die grundsätzliche Dialektik zwischen Basis und Überbau so gravierend eingegriffen, dass es entscheidend von der Denkweise abhinge, in welche Richtung sich eine Gesellschaft entwickelt: „… wir alle haben zunächst das Hauptgewicht auf die Ableitung der politischen, rechtlichen und sonstigen ideologischen Vorstellungen und durch diese Vorstellungen vermittelten Handlungen aus den ökonomischen Grundtatsachen gelegt und legen müssen. Dabei haben wir dann die formelle Seite über der inhaltlichen vernachlässigt: die Art und Weise, wie diese Vorstellungen etc. zustande kommen. Das hat dann den Gegnern willkommenen Anlaß zu Mißverständnissen resp. Entstellungen gegeben …. Die Ideologie ist ein Prozeß, der zwar mit Bewußtsein vom sogenannten Denker vollzogen wird, aber mit einem falschen Bewußtsein. Die eigentlichen Triebkräfte, die ihn bewegen, bleiben ihm unbekannt, sonst wäre es eben kein ideologischer Prozeß. Er imaginiert sich also falsche resp. scheinbare Triebkräfte. Weil es ein Denkprozeß ist, leitet er seinen Inhalt wie seine Form aus dem reinen Denken ab, entweder seinem eigenem oder den seiner Vorgänger. Er arbeitet mit bloßem Gedankenmaterial, das er unbesehen als durchs Denken erzeugt hinnimmt und sonst nicht weiter auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung untersucht, und zwar ist ihm dies selbstverständlich, da ihm alles handeln, weil durchs Denken vermittelt, auch in letzter Instanz im Denken begründet erscheint.“ (Friedrich Engels an Franz Mehring vom 14. Juli 1893, in: Briefe über den historischen Materialismus 1890-1895, Dietz Verlag 1979, S. 63f). Die Lehre von der Denkweise ist ein Musterbeispiel kleinbürgerlicher Verstrickung in Ideologie, in seiner ideologischen Verblendung hält der deutsche Kleinbürger die Denkweise für entscheidend ohne das Denken auf einen entfernteren, vom Denken unabhängigen Ursprung zu untersuchen. Da also aus dem Marxismus für eine Lehre von der Denkweise nichts zu holen ist, muss der umgekehrte Weg beschritten werde: sie muss ihm untergejubelt bzw. in ihn hineinprojiziert werden. Der ganze „Revolutionäre Weg-Ergänzungsband 1/94“ stellt diesen krampfhaften und peinlichen Versuch dar.
24 Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995.
25 Friedrich Engels an Joseph Bloch 21.9.1890, in: Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890-1895), Dietz Verlag Berlin,1979, S. 28.
26 Brief von Annette Roth an Heinz Ahlreip vom 3.5.1995.
27 Vergleiche Friedrich Engels an Conrad Schmidt 27.10.1890, in: Friedrich Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890-1895), Dietz Verlag Berlin, 1979, S. 35. In diesem Brief spricht Engels zum Verhältnis von Basis und Überbau als von einer „… Wechselwirkung zweier ungleicher Kräfte …“.
28 Vergleiche Friedrich Engels an Joseph Bloch 21.9.1890, in: Friedrich Engels, Briefe über den historischen Materialismus (1890-1895), Dietz Verlag Berlin, 1979, S. 29
29 Friedrich Engels, Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, Werke Bd. 20, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 24.
30 Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 473.
31 Nach dem Tenor der Denkweiseideologie wird wohl von der Präexistenz der kleinbürgerlichen Denkweise bei den Ideologen ausgegangen. Man kann natürlich alles Mögliche der Geschichte unterjubeln, es bleibt aber zum Beispiel die Frage offen, wie konnte die Minderheit des Kleinbürgertums seine Denkweise ausreichend zur Machtübernahme der ganzen Sowjetgesellschaft entfalten? Willi Dickhut und die MLPD teilen den Irrtum aller Philosophen und Ideologen, die eine Denkweise, die ein Produkt des Klassenkampfes ist, zur Grundlage desselben machen. Marx und Engels kritisierten die Linkshegelianer ja gerade deshalb, weil sie Veränderungen von Bewusstseinsverhältnissen für revolutionsinitiierend hielten, und jetzt kommt Dickhut daher und kehrt das Ganze um in restaurationsinitiierend. Beide ideologischen Richtungen schieben die Einbildung unter, durch eine Änderung der Denkweise, durch eine andere Interpretation der sie umgebenden Welt diese zugleich auch damit zu verändern. Als gäbe es keine elfte Feuerbachthese.
32 In seiner Schrift „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ von 1876, die ursprünglich den Titel „Über die drei Grundformen der Knechtschaft“ tragen sollte, erklärt Engels sowohl die Herkunft der Kopfdominanz als auch ihre idealistische Falschheit. Die Elemente des Überbaus stellten sich zunächst nur als Produkte des Kopfes dar und schienen die Gesellschaft zu beherrschen, dagegen traten die bescheideneren Erzeugnisse der Hand in den Hintergrund. Der Kopf schien alles zu regeln und produzierte so auch den Idealismus. „… die Menschen gewöhnten sich daran, ihr Tun aus ihrem Denken zu erklären statt aus ihren Bedürfnissen…“ (Friedrich Engels, Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen, in: Marx Engels Ausgewählte Werke Moskau 1975, S. 379) Man darf darauf gespannt sein, ob überhaupt und wenn ja wann bei der MLPD die Entwöhnungskur beginnt.
33 Programm der Marxistisch – Leninistischen Partei, Entwurf, Januar 1999, Verlag Neuer Weg, Essen, S. 31.
34 Vergleiche, Friedrich Engels: Der Bauernkrieg in Deutschland, Vorbemerkung zur dritten Auflage 1875, Werke Band 7, Dietz Verlag Berlin 1960, S. 541.
35 Stefan Engel: Die Maotsetungideen und die Lehre von der Denkweise, Beiträge zur Theorie und Praxis der internationalen Revolution Nr. 4, Verlag Neuer Weg, 1993, S. 28.
36 Karl Marx, Brief an W. P. Annenkow vom 28. Dezember 1846, Werke Band 4, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 547.
37 Karl Kautsky, Entwurf des Programms der Sozialdemokratischen Partei Österreichs, in: Die Neue Zeit 1901-1902.
38 Vergleiche Lenin, Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus, Ausgewählte Werke, Progress Verlag Moskau, 1971, S. 567. Aber natürlich ist der Lernprozess zwischen Avantgarde und Masse nicht einseitig. Für Lenin denken die Berufsrevolutionäre keineswegs für alle, nimmt die Menge keineswegs keinen Anteil an der Bewegung. (Vergleiche Lenin: Was tun? Brennende Fragen unserer Bewegung, Lenin Werke, Band 5, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 482). Und nach einer sozialistischen Revolution, die den bürgerlichen Ideologen die Mittel wegnimmt, ihr konterrevolutionäres Gift unter die Werktätigen zu mischen, kann dieser wechselseitiger Lernprozess wesentlich besser gedeihen.
39 Georg Lukács, Lenin, Studie über den Zusammenhang seiner Gedanken, Luchterhand Verlag 1969, S. 32.
40 Karl Marx, Das Kapital, Werke Band 23, Dietz Verlag Berlin,1960, S. 26
41 „Das Scheitern der Utopisten, darunter der Volkstümler, Anarchisten, Sozialrevolutionäre, erklärt sich unter anderem dadurch, daß sie die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens der Gesellschaft nicht anerkannten und – in Idealismus verfallend – ihre praktische Tätigkeit nicht auf der Grundlage der Bedürfnisse der Entwicklung des materiellen Lebens der Gesellschaft aufbauten…“ (Josef Stalin: Über dialektischen und historischen Materialismus, Volks – Verlag Singen (Hohentwiel), 1946, 23. Ein interessanter Hinweis zum Scheitern der MLPD.
(Anm.: … nicht nur der MLPD!)
Kleinbürgerliche Ideologen sind unfähig, die primäre Rolle der Bedingungen des materiellen Lebens anzuerkennen, kleinbürgerliche Politiker sind unfähig, ihre praktische Tätigkeit auf der Grundlage der Bedürfnisse des materiellen Lebens aufzubauen. Haben sich diese Herrschaften je mit der Aussage von Marx aus seinem Werk „Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850“ auseinandergesetzt?: „Eine Klasse, worin sich die revolutionären Interessen der Gesellschaft concentriren, sobald sie sich erhoben hat, findet unmittelbar in ihrer eigenen Lage den Inhalt und das Material ihrer revolutionären Thätigkeit, Feinde niederzuschlagen, durch das Bedürfniß des Kampfes gegebene Maaßregeln zu ergreifen; die Consequenzen ihrer eigenen Thaten treiben sie weiter. Sie stellt keine theoretischen Untersuchungen über ihre eigene Aufgabe an.“ (Karl Marx, Die Klassenkämpfe in Frankreich 1848 bis 1850, MEGA I/10, Dietz Verlag Berlin, 1977, S. 126). Hören wir auch auf Engels: „Eine Revolution ist ein reines Naturphänomen, das mehr nach physikalischen Gesetzen geleitet wird, als nach den Regeln, die in ordinären Zeiten der Entwicklung der Gesellschaft bestimmen. Oder vielmehr, diese Regeln nehmen in der Revolution einen viel physikalischeren Charakter an, die materielle Gewalt der Notwendigkeit tritt heftiger hervor.“ (Friedrich Engels, Brief an Karl Marx vom 13. Februar 1851). In dieser Aussage von Engels über den allgemeinen Charakter einer Revolution sucht man vergeblich die Bemerkung, dass es entscheidend von der Denkweise abhänge, welche Entwicklung eine Gesellschaft nimmt. Aber natürlich ist es schwierig für Leute, die sich ganz auf die Denkweise versteift haben, zu begreifen, was Engels mit der materiellen Gewalt der Notwendigkeit gemeint haben könnte. Ein Ergebnis der proletarischen Revolution ist, die im Verlauf der Zertrümmerung der bürgerlichen Zustände entstehende Diktatur des Proletariats und selbst nach ihrer Errichtung und der mit ihr verbundenen umerzieherischen Aufgaben bleibt die Denkweise etwas Sekundäres. Wie äußert sich Lenin zur Überwindung der kleinbürgerlichen Vorurteile des Proletariats? Es überwindet diese nicht durch die proletarische Denkweise, sondern „in langwierigen und schweren Massenkämpfen gegen den Masseneinfluß des Kleinbürgertums“. (Lenin, zitiert in Stalin, Grundlagen des Leninismus, Dietz Verlag Berlin 1952, S. 100). Künstliche Heranzüchtung einer proletarischen Denkweise oder schwere Massenkämpfe gegen kleinbürgerlichen Masseneinfluss – hier trennt sich die idealistische Spreu vom kommunistischen Weizen.
42 Karl Marx, Der XVIII. Brumaire des Louis Bonaparte, Werke Band 8, Dietz Verlag Berlin, 1960, S. 139.
43 Karl Marx, Das Elend der Philosophie, Marx Engels Ausgewählte Werke Band I, Dietz Verlag Berlin,1974, S. 302.
44 Karl Marx, Friedrich Engels: Manifest der Kommunistischen Partei, MEW 4, S. 493.

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