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Die revisionistische Linie des 20. Parteitags der KPdSU (1956) und die grundlegenden Fehler der berechtigten Kritik der KP Chinas (1963) – Vorbemerkung und Einleitung


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Ein unbedingtes MUSS für alle die verstehen wollen:

1. Warum die sozialistischen Staaten, mit dem Beginn des Chruschtchowschen Revisionismus 1956, in eine Entwicklung gerieten, die Zwangsläufig in die Jahre 1989/90 führen musste; warum man davon sprechen kann, dass seit dem Beginn der 70er Jahre, es schon lange keine sozialistischen Staaten mehr war – sondern Staaten, geprägt vom Revisionismus und Zentrismus;

2. Warum Russland und China heute kapitalistischen, wenn nicht sogar imperialistische Staaten sind.

Ich beginne heute mit der Veröffentlichung des Artikels: Zur „Polemik“ – Die revisionistische Linie des 20. Parteitags der KPdSU (1956) und die grundlegenden Fehler der berechtigten Kritik der KP Chinas (1963).

Es geht in diesem Artikel nicht nur um die damalige Auseinandersetzung zwischen der KPdSU und der KP Chinas, sondern um eine allgemeine Auseinandersetzung mit dem Modernen Revisionismus – „Es geht darum, all den revisionistischen Verwässerungen, Verfälschungen und Vereinfachungen klare programmatische Grundlagen, wirklich kommunistische Fundamente entgegenzustellen.“

Noch immer, – fast 30 Jahre nach der Konterrevolution der Revisionisten, – ist der Geist des Modernen Revisionismus nicht besiegt, schon gar nicht beseitigt, geistert er noch immer, auf allen Ebenen, durch die Medien, Parteien und Diskussionen. Selbst Parteien, die sich kommunistisch nennen, haben den Modernen Revisionismus noch in ihren Reihen.

Die Reinigung der kommunistischen Bewegung vom Modernen Revisionismus ist aber die Grundvoraussetzung, wie Kurt Gossweiler in seinem Artikel: „Die Überwindung des Anti-Stalinismus“, beschreibt, „für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung“.

„Grundlage dafür müssen sein, die im „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Marx und Engels geschaffene Basis, die Theorie und Praxis der sozialistischen Oktoberrevolution, die grundlegenden Schriften von Lenin und Stalin, die grundlegenden Dokumente der Kommunistischen Internationale und der von den Kommunistischen Parteien geführten revolutionären Kräfte der ganzen Welt.“

Sollte es der kommunistischen Bewegung nicht gelingen, sich vom Modernen Revisionismus zu befreien, wird sie in ihrer Bedeutungslosigkeit verharren und den Menschen keine Zukunftsaussichten bieten können – wird die Menschheit, nach meiner Meinung, in der Barbarei des Faschismus untergehen.

Anm.: Den Artikel habe ich vom Blog: Red Channel übernommen. Alle Links, auch die im Inhaltsverzeichnis, verweisen auf diesen Blog und können dort nachgelesen werden.
(Der Artikel wurde von mir redaktionell bearbeitet und meinem Blog angepasst.)

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Autorenkollektiv:

Zur „Polemik“
Die revisionistische Linie des 20. Parteitags der KPdSU (1956) und die grundlegenden Fehler der berechtigten Kritik der KP Chinas (1963)

Der „Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“, den die KP Chinas 1963 im Kampf gegen die revisionistische Linie des 20. Parteitages der KPdSU (1956) veröffentlichte, hat die wesentlichen, grundlegenden Fragen der programmatischen, strategischen und auch taktischen Arbeit der kommunistischen Bewegung in vielen Fällen treffend und glänzend behandelt. Aber diese Dokumente haben auch gravierende Mängel und Fehler. Die aufgeworfenen Fragen der inhaltlichen Bestimmung des Kommunismus, der Diktatur des Proletariats und der sozialistischen Demokratie, Fragen der Zurückweisung der Verleumdungen Stalins, Fragen der Ablehnung der Theorie eines „friedlichen Weges“, Fragen des Kampfes gegen den europäischen Chauvinismus sind heute so aktuell wie damals. Es geht darum, all den revisionistischen Verwässerungen, Verfälschungen und Vereinfachungen klare programmatische Grundlagen, wirklich kommunistische Fundamente entgegenzustellen.

Inhaltsverzeichnis

Vorbemerkung

Einleitung: Zur Notwendigkeit einer Einschätzung der Dokumente der „Großen Polemik“

Teil A: Die Bedeutung der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus

I. Der Angriff der Chruschtschow-Revisionisten auf die Theorie und die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus

II. Einige Lehren aus den Werken der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus über die Bedeutung der Verteidigung der Prinzipien und zur Frage des Dogmatismus

III. Die Antwort der KP Chinas auf die Verfälschungen der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus durch die Chruschtschow-Revisionisten

Teil B: Das Schema vom „friedlichen und nichtfriedlichen Weg“ widerspricht dem wissenschaftlichen Kommunismus

I. Die Thesen der Chruschtschow-Revisionisten über den „friedlichen Weg“ und der Kampf der KP Chinas dagegen (Überblick)

II. Einige grundsätzliche Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus über die Notwendigkeit der gewaltsamen Zerschlagung des alten Staatsapparates und die Vorbereitung des bewaffneten Kampfes der Volksmassen

III. Mit welchem Verständnis sprachen Lenin und Stalin von der ausnahmsweisen Möglichkeit einer „friedlichen Entwicklung“ der Revolution?

IV. Kritik der falschen und unzulänglichen Stellungnahmen der KP Chinas zur Frage des Weges der Revolution

Teil C: Über die Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution

I. Kräfte und Verlauf der proletarischen Weltrevolution (Über die falschen Theorien über die „Hauptkräfte der Weltrevolution“ und deren Wurzeln)

II. Kräfte der internationalen Konterrevolution (Über die falsche Theorie eines „internationalen Hauptfeindes“ und deren Wurzeln)

Teil D: Zu den Aufgaben und Zielen der Revolution in abhängigen, in kapitalistisch entwickelten und in sozialistischen Ländern

I. Über die Linie der KP Chinas zu den Aufgaben des Proletariats in den halbkolonialen, halbfeudalen und abhängigen Ländern

II. Über die Linie der KP Chinas für die „imperialistischen und kapitalistischen Länder“

III. Über die Linie für die Länder der proletarischen Diktatur: Zur Frage des Klassenkampfes bis hin zum Kommunismus

Teil E: Zur Geschichte und zur Methode des Kampfes gegen den modernen Revisionismus

I. Zur Geschichte des Kampfes gegen den modernen Revisionismus

II. Über die Methode im Kampf gegen den modernen Revisionismus und ihr Verhältnis zur Methode des Leninismus

Zusammenfassende Einschätzung

Anhang

Anhang zum Teil A
Anhang zum Teil B
Anhang zum Teil C
Anhang zum Teil E

Anmerkungen

Dokument: Ein Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung

Literaturverzeichnis

Fußnoten

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Vorbemerkung

Zur Aktualität der Auseinandersetzung mit der „Großen Polemik“

Lohnt es sich heute, vier Jahrzehnte danach, überhaupt noch, sich intensiv mit den Dokumenten der „Großen Polemik“ zu beschäftigen? Wir sagen eindringlich – ja!

Die im „Vorschlag“ und in der ganzen „Polemik“ aufgeworfenen Fragen sind heute ebenso aktuell wie damals. Aber nicht nur das: Nicht nur die Folgen der revisionistischen Ideen Chruschtschows, Breschnews und Konsorten, der Niedergang einer weltweit existierenden mächtigen, revolutionären kommunistischen Bewegung sind heute spürbarer denn je. Auch die revisionistischen Ideen selbst, die Mentalität des Opportunismus in all seinen Spielarten, die sogenannten „Theorien“ des Revisionismus, vor allem die verheerende Vorstellung eines angeblich „friedlichen Überwindens“ des Imperialismus sind heute deutlich feststellbar.

Und nicht zuletzt die Praxis der modernen Revisionisten, in ehemals sozialistischen Ländern ein Regime des staatlich organisierten Kapitalismus, der staatlich organisierten Ausplünderung und Unterdrückung der Mehrheit der ausgebeuteten und werktätigen Menschen zu etablieren, um sie dann auch weitgehend und direkt an das westliche Finanzkapital zur neokolonialistischen Ausplünderung zu übergeben, ist eines der Probleme der revolutionären Kräfte. Denn die wirklich kommunistischen Kräfte müssen nicht nur den Kapitalismus, das imperialistische System vernichten, sondern auch Vertrauen in eine sozialistische, kommunistische Zukunft als Ziel der sozialistischen Revolution schaffen.

Wir können den Revisionismus nur bekämpfen, indem wir in allen Fragen, in Fragen der Geschichte, der Gegenwart und der Zukunft, all den revisionistischen Verwässerungen, Verfälschungen und Vereinfachungen klare programmatische Grundlagen, wirklich kommunistische Fundamente entgegenstellen. Grundlage dafür müssen sein die im „Manifest der Kommunistischen Partei“ von Marx und Engels geschaffene Basis, die Theorie und Praxis der sozialistischen Oktoberrevolution, die grundlegenden Schriften von Lenin und Stalin, die grundlegenden Dokumente der Kommunistischen Internationale und der von den Kommunistischen Parteien geführten revolutionären Kräfte der ganzen Welt. Nur so kann eine wirklich solide – nicht eine oberflächliche und an Augenblicksinteressen orientierte – dauerhafte Zusammenarbeit der revolutionären, kommunistischen Kräfte der ganzen Welt geschaffen werden. Nur so kann der Mentalität des Opportunismus, der Theorie und Praxis der sich ständig neu verkleidenden Revisionisten erfolgreich der Krieg erklärt werden, nur so läßt sich der Revisionismus bekämpfen und besiegen, um gemeinsam das Ziel im Kampf gegen den Weltimperialismus, den Kommunismus zu erringen.

Zur Entstehung der vorliegenden Arbeit

Die verschiedenen Teile dieser Arbeit entstanden zwischen 1978 und 1988 in einer komplizierten Situation: In China harten nach dem Tod Mao Tse-tungs 1976 die Deng-Revisionisten die Macht vollständig an sich gerissen, nachdem es ihnen gelungen war, die revolutionären Kräfte auszuschalten und zu unterdrücken. [1]

Ausdruck dessen war der revisionistische XI Parteitag der KP Chinas 1977. [2]

International ging die revisionistische Entwicklung in China einher mit der verstärkten Propagierung der revisionistischen „Drei-Welten-Theorie“, die unter der Flagge eines ominösen „Kampfs gegen die Supermächte USA und Sowjetunion“ in aller Welt zur Unterstützung der imperialistischen Bourgeoisie und der Reaktionäre aufrief. [3]

Nachdem die Deng-Revisionisten 1978 die bisherige Unterstützung für Albanien eingestellt hatten, begann die Partei der Arbeit Albaniens (PAA) ihrerseits mit vollkommen prinzipienlosen Attacken gegen Mao Tse-tung und die KP Chinas zu Lebzeiten Mao Tse-tungs (siehe Hoxhas „Imperialismus und Revolution“)[4] und landete rasch völlig im revisionistisch-nationalistischen Sumpf (siehe den revisionistischen 8. Parteitag der PAA 1981).

Das was bis dahin als „kommunistische Weltbewegung“ galt, zerfiel rasch in verschiedenste Bestandteile: Die Mehrheit dieser Parteien und Organisationen, offene und versteckte Anhänger der revisionistischen „Drei-Welten“- bzw. der „Supermachts“-Theorie, begab sich in einem Rekordtempo ins Lager des offenen Sozialchauvinismus, andere näherten sich (wieder) den Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten an. Wieder andere verlegten sich verstärkt darauf, mit der Konstruktion sogenannter „Mao-Tse-tung-Ideen“ antileninistische Thesen zu propagieren. [5] Viele sich bis dahin als „kommunistisch“ vorstellenden Organisationen verschwanden überhaupt von der Bildfläche.

Um sich unter diesen Umständen als kommunistische Organisation zu halten und weiterzuentwickeln, stand ideologisch und theoretisch ein entscheidender Kampf an.

Was Lenin so drastisch über die Methoden zur Klärung von Meinungsverschiedenheiten in der Kommunistischen Partei gesagt hat, galt international für die Orientierung einer jeden kommunistischen Kraft, die nicht im Sog des modernen Revisionismus versinken wollte:

„Man muß den Mut haben, der bitteren Wahrheit offen ins Auge zu sehen. Die Partei ist krank. Die Partei wird vom Fieber geschüttelt. (…) Was muß getan werden, um eine möglichst rasche und möglichst sichere Heilung zu erreichen? Es ist notwendig, daß alle Mitglieder der Partei mit voller Kaltblütigkeit und größter Sorgfalt darangehen, erstens das Wesen der Meinungsverschiedenheiten und zweitens die Entwicklung des Kampfes in der Partei zu studieren. Sowohl das eine wie auch das andere tut not, denn das Wesen der Meinungsverschiedenheiten entfaltet sich, klärt sich, konkretisiert sich (und modifiziert sich zumeist auch) im Verlauf des Kampfes, der stets in jeder der verschiedenen Etappen, die er durchläuft, nicht die gleiche Zusammensetzung und Zahl der Kämpfenden, nicht die gleichen Positionen im Kampfe usw. aufweist. Man muß das eine wie das andere studieren und dabei unbedingt äußerst genaue, gedruckte, der Nachprüfung von allen Seiten zugängliche Dokumente fordern. Wer aufs Wort glaubt, ist ein hoffnungsloser Idiot, den man mit einer Handbewegung abtut.“
(Lenin: „Die Krise in der Partei“, 1921, Werke Band 32, S. 27/28; Hervorhebungen im Original.)

In einer Situation, als ohne irgendwelche ernstzunehmenden Analysen zum Teil völlig abstruse „Neueinschätzungen“ und charakterlose Kehrtwendungen präsentiert wurden, galt es, „möglichst kaltblütig“ gerade auch in Bezug auf die Einschätzung der „Polemik“ der KP Chinas auf Analysen und überprüfbaren Beweisen zu bestehen, vor allem aber sich selbst an das erneute kritische Studium der gesamten „Polemik“ zu machen.[ 6]

Eine erste entscheidende Schlußfolgerung war: Diese verheerende Entwicklung hätte so nicht erfolgen können, wenn der Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus nach dem XX. Parteitag 1956 mit der nötigen Konsequenz und Tiefe geführt worden wäre. Dabei zeigte sich, daß die konterrevolutionäre „Drei-Welten-Theorie“, die „Supermachtstheorie“ und andere revisionistische Thesen und Theorien im Kern nichts anderes sind als Spielarten eben des modernen Revisionismus, dessen „ausgefeilteste“ Form der Chruschtschow-Breschnew-Revisionismus ist. Es galt also, die Erfahrungen der Geschichte des antirevisionistischen Kampfes der sechziger Jahre neuerlich zu analysieren, kritisch und selbstkritisch zu den Dokumenten der „Großen Polemik“ zurückzugehen.

Vor allem aber wurde uns klar, daß im Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus der unerhört lehrreiche, richtungsweisende Kampf, den Lenin und auch Stalin gegen den Revisionismus der II. Internationale führten bzw. der konsequente Kampf, den Stalin gegen den Trotzkismus und andere dem wissenschaftlichen Kommunismus feindliche Strömungen geführt hat, nicht in genügendem Maß ausgewertet und zum Beispiel genommen wurde.

Die Haltung zum „25-Punkte-Vorschlag“ und zu den Kommentaren betrifft vor allem auch unsere eigenen Ausgangspunkte im Kampf gegen den modernen Revisionismus und ist somit auch eine wichtige Frage der unumgänglich notwendigen kommunistischen Selbstkritik.[7]

Zugleich hängen die Erfordernisse kommunistischer Kritik und Selbstkritik sehr eng mit der Frage des theoretischen Kampfes gegen den modernen Revisionismus zusammen. Eine der Wurzeln der Misere der internationalen kommunistischen Bewegung liegt zweifellos darin, daß die Notwendigkeit des theoretischen Kampfes viel zu wenig verstanden, grob unterschätzt und vernachlässigt worden ist. Lenin betont aber gerade:

„…man kann sich über einen Fehler, auch einen politischen Fehler, – nicht vollständig klar werden, wenn man nicht die theoretischen Wurzeln des Fehlers bei demjenigen, der den Fehler macht, aufspürt…“
(Lenin: „Noch einmal über die Gewerkschaften“, 1921, Werke Band 32, S. 81.)

Bezogen auf die Dokumente der Großen Polemik heißt das, daß man durch eine tiefgehende ideologische und theoretische Analyse Klarheit schaffen muß, was in ihnen richtig und was unrichtig war. Im Kern bedeutete das und bedeutet das, einen vertieften Kampf zur Verteidigung der Theorie und vor allem der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus aufzunehmen, gegen den modernen Revisionismus, der ideologisch nach wie vor die Hauptgefahr darstellt.

Dazu unseren Beitrag zu leisten, war der ausschlaggebende Grund, warum wir uns damals entschlossen hatten, die theoretische und ideologische Arbeit auf eine Kritik der programmatischen Dokumente der „Großen Polemik“ der sechziger Jahre, speziell des „ Vorschlags zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ („25-Punkte-Vorschlag“) durch die KP Chinas vom Juni 1963, zu konzentrieren. [ 8] Unseres Wissens ist eine solche Arbeit, die weitgehend programmatischen Charakter und fundamentale Bedeutung hat, bisher noch nirgends in systematischer Weise geleistet worden.

Die verschiedenen Teile der vorliegenden Arbeit, zuerst veröffentlicht in den Jahren 1978 bis 1988, wurden damals von einem Kollektiv aus Genossinnen und Genossen aus Österreich, Westberlin und Westdeutschland ausgearbeitet.[ 9]

Für die Neuherausgabe wurden die Texte überarbeitet, um Wiederholungen gekürzt, zum Teil aber auch ergänzt sowie anders gegliedert. Außerdem wurden Ergebnisse der kritischen und selbstkritischen Debatte über diese Dokumente eingearbeitet. Drei Aspekte sind hier zu nennen:

  • Zum Zeitpunkt der Erarbeitung und Veröffentlichung unserer Stellungnahme zur „Polemik“ mußten wir besonderes Gewicht auf die Kritik an falschen Positionen im „Vorschlag“ sowie in den „Kommentaren“ legen, um mit allem Nachdruck klarzumachen, daß dies nicht die im Wesentlichen korrekte internationale Plattform ist, von der ausgehend der Neuaufbau und die weitere Entwicklung der kommunistischen Weltbewegung erfolgen kann. Das erneute Studium der Dokumente der „Polemik“, vor allem aber die Erfordernisse der ideologischen Situation und Erfordernisse heute hat es demgegenüber notwendig gemacht, die richtigen Argumente in der „Polemik“ mehr ins Blickfeld zu rücken, ohne unsere prinzipiellen Kritiken abzuschwächen. Heute geht es doch viel mehr darum, den an Revolution und Kommunismus interessierten Kräften überzeugend klarzumachen, daß zur Zeit der „Großen Polemik“ ein riesenhafter Kampf gegen den modernen Revisionismus begonnen wurde, den man kennen muß, den es unter den heutigen Bedingungen fortzusetzen gilt, was die Kritik an den Mängeln und Fehlern der damaligen „Polemik“ erforderlich macht.
  • In der Erstveröffentlichung ist in diesem Zusammenhang folgender Mangel von Gewicht: Zu Recht wird dort unter prinzipiellen Gesichtspunkten die These der KP Chinas vom „schwächsten Kettenglied“ in Asien, Afrika und Lateinamerika kritisiert, wonach erst Revolutionen in den vom Imperialismus abhängigen Ländern und dann die Revolution auch in den imperialistischen Ländern siegen würde, da eine solche Festlegung einer Reihenfolge, teilweise gar noch für ganze Kontinente der leninistischen Lehre über das schwächste Kettenglied widerspricht. In unserer damaligen Kritik wurde aber nicht deutlich, daß die Betonung der revolutionären Kämpfe, vor allem der revolutionären Kriege in Asien, Afrika oder Lateinamerika als aktuelle Einschätzung, als Momentaufnahme durchaus richtig und gegen die revisionistische Mißachtung und Feindseligkeit gegen die revolutionären antiimperialistisch-demokratischen Befreiungsbewegungen durchaus auch wichtig war und ist.
  • Die Argumentation gegen das Schema vom „friedlichen und nicht friedlichen Weg“ wurde präzisiert. Dabei sind Ergebnisse aus der Auseinandersetzung mit der SED eingeflossen, die schon weit vor dem XX. Parteitag der KPdSU einen „besonderen deutschen Weg zum Sozialismus“, einen „friedlich-parlamentarischen Weg“ konstruiert hatte, dessen Kern die Leugnung der unbedingten Notwendigkeit der revolutionären Gewalt, des Prinzips der bewaffneten Revolution ist.[ 10] In der Neuherausgabe ist vor allem auch versucht worden, begrifflich deutlicher zu unterscheiden, daß das, was etwa Lenin unter „friedlicher Entwicklung der Revolution“ unter bestimmten Voraussetzungen verstanden hat, nichts zu tun hat mit dem revisionistischen „friedlichen Weg zum Sozialismus“. Ziel der jetzigen Veröffentlichung ist es, unsere bisherigen Positionen zu präzisieren und in einem Werk vorzustellen sowie vor allem Gelegenheit zur tiefgehenden Diskussion zu geben.

Autorenkollektiv

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Einleitung: Zur Notwendigkeit einer Einschätzung der Dokumente der „Großen Polemik“

Worum es in der „Großen Polemik“ 1963/64 ging, warum es nötig ist, sich auch heute damit noch auseinanderzusetzen, alles das kann nur deutlich werden, wenn man versteht, welche Bedeutung und welche Auswirkungen der XX. Parteitag der KPdSU 1956 hatte – und bis heute hat.[11]

Der XX. Parteitag der KPdSU 1956 als entscheidender Wendepunkt, als vollständiger Verrat an den Ideen des Kommunismus.

Im Februar 1956 – drei Jahre nach dem Tod Stalins – präsentierte der neue Parteivorsitzende Nikita Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU der Welt ein durch und durch revisionistisches Programm. Dieses propagierte der XX. Parteitag als richtungsweisend für die gesamte internationale kommunistische Bewegung. Das war ein grundlegender Einschnitt.

Denn in allen wesentlichen Fragen des Klassenkampfes revidierte dieser Parteitag die kommunistische Linie und ersetzte sie durch eine opportunistische Linie der Anpassung an den Weltimperialismus, der Beibehaltung oder Restauration des Kapitalismus. Abgesehen von der Verdammung Stalins in Chruschtschows berüchtigtem „Geheimbericht“ war inhaltlich die hervorstechendste „Neuerung“ auf dem XX. Parteitag die Propaganda Chruschtschows vom „friedlichen Weg“.

Die Hauptthesen des XX. Parteitags der KPdSU, welche die grundlegenden Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus unter dem Vorwand „großer Veränderungen im Weltmaßstab“ angriffen, waren:

  • Dem kommunistischen Prinzip von der unbedingten Notwendigkeit der gewaltsamen proletarischen Revolution stellte Chruschtschow die revisionistische These gegenüber:

„…die Arbeiterklasse (hat) die Möglichkeit (…) den reaktionären volksfeindlichen Kräften eine Niederlage zu bereiten, eine stabile Mehrheit im Parlament zu erobern und es aus einem Organ der bürgerlichen Demokratie in ein Werkzeug des tatsächlichen Volkswillens zu verwandeln…“[12]

Das war die Absage an die gewaltsame proletarische Revolution, an die unbedingt notwendige Zerschlagung des alten Staatsapparates durch die bewaffneten Arbeiterinnen und Arbeiter, das war die Propaganda des „friedlichen parlamentarischen Weges“ als angeblich möglicher Übergang zum Sozialismus.

  • Dem kommunistischen Grundsatz von der Unvermeidlichkeit der Kriege im Imperialismus stellte Chruschtschow die revisionistische These gegenüber: „Aber eine verhängnisvolle Unvermeidbarkeit der Kriege gibt es nicht.“[13]
  • Dem kommunistischen Grundsatz, daß in der Epoche des Imperialismus die imperialistischen Großmächte einen erbitterten Kampf auf Leben und Tod um die Neuaufteilung der Welt führen, stellte Chruschtschow die revisionistische These gegenüber: „Die Sowjetunion ist, wie auch Großbritannien, Frankreich, (…) zutiefst daran interessiert, das Entstehen eines neuen Krieges in Europa … nicht zuzulassen.“[14]

Damit werden also die imperialistischen Großmächte zu Friedensengeln erklärt.

  • Dem kommunistischen Grundsatz, daß die unterdrückten Völker sich nur durch die antiimperialistische und antifeudale Revolution unter der Hegemonie des Proletariats von Imperialismus, Kompradoren- und Großgrundbesitzerklassen befreien und nur so auf dem Weg zum Sozialismus voranschreiten können, stellte Chruschtschow die revisionistische These gegenüber:

„Somit befreiten sich im Laufe der letzten zehn Jahre mehr als 1,2 Milliarden Menschen oder nahezu die Hälfte der Bevölkerung des Erdballs von der kolonialen und halbkolonialen Abhängigkeit. (…) Volkschina und die unabhängige Republik Indien rücken in die Reihe der Großmächte auf.“[15]

Staaten wie Indien, in denen der Kolonialismus durch den Neokolonialismus ersetzt wurde, werden damit als „vom Imperialismus befreite Nationen“ hingestellt. Die Notwendigkeit des Sieges der antiimperialistischen und antifeudalen Revolution als Voraussetzung für wirkliche Unabhängigkeit und Befreiung wird damit bestritten.

  • Dem kommunistischen Grundsatz, daß der proletarische Internationalismus die Generallinie der Außenpolitik eines jeden sozialistischen Staates ist, stellte Chruschtschow die revisionistische These gegenüber: „Das Leninsche Prinzip der friedlichen Koexistenz von Staaten mit verschiedener sozialer Ordnung war und bleibt die Generallinie derAußenpolitik unseres Landes.“[16]
  • Dem kommunistischen Grundsatz, daß die proletarische Vorhutpartei stets unversöhnlich gegen alle Spielarten der bürgerlichen Ideologie kämpfen muß, stellte Chruschtschow die revisionistische These von der Verschmelzung mit der konterrevolutionären Sozialdemokratie gegenüber. Erforderlich sei, „die gegenseitigen Beschuldigungen einzustellen, Berührungspunktezu finden und auf dieser Basis die Grundlagen für eine Zusammenarbeit zu entwickeln.“[17]

Auf dem XXII. Parteitag der KPdSU im Jahr 1961 wurde die revisionistische Linie des XX. Parteitags noch „bereichert“ um die Thesen vom „Staat des ganzen Volkes“ und von der „Partei des ganzen Volkes“:

  • Dem kommunistischen Grundsatz, daß die Diktatur des Proletariats bis zum Kommunismus unverzichtbar ist, stellten die Chruschtschow-Revisionisten entgegen: „…in der UdSSR ist die Diktatur des Proletariats nicht mehr notwendig. Der Staat, der als Staat der proletarischen Diktatur entstand, ist in der neuen, gegenwärtigen Etappe ein Staat des ganzen Volkes.“ [18]

Hinter dieser Revision steckte die Liquidierung der proletarischen Macht in der UdSSR, ihre Umwandlung in eine bürgerliche Diktatur, die mit derartigen Phrasen verschleiert werden sollte.

  • Dem kommunistischen Grundsatz, daß die Kommunistische Partei als Avantgarde des Proletariats die Revolution, die Diktatur des Proletariats führen muß, stellten die Chruschtschow-Revisionisten in ihrem „Programm“ die revisionistische These gegenüber:

„Durch den Sieg des Sozialismus in der UdSSR und die Festigung der Einheit der Sowjetgesellschaft ist die Kommunistische Partei der Arbeiterklasse zur Avantgarde des Sowjetvolkes, zur Partei des ganzen Volkes geworden…“[19]

In Wirklichkeit gibt es keine über den Klassen stehenden Parteien. Und der Kommunismus kann nur von einer Avantgarde der Arbeiterklasse erkämpft werden und nicht von einer „Volkspartei“.

Die Linie des XX. Parteitag der KPdSU bedeutete also den vollständigen Verrat an den Ideen des Kommunismus.

Gegenüber einer Arbeiterklasse, welche über Jahrzehnte von der KPdSU(B) unter Führung Lenins und Stalins erzogen worden war und im Kampf gegen so gefährliche Renegaten wie Trotzki und Bucharin lehrreiche Erfahrungen gesammelt hatte, mußten die Chruschtschow-Revisionisten ihre konterrevolutionäre Linie der kapitalistischen Restauration äußerst geschickt tarnen und irgendwie legitimieren. Das taten sie im

wesentlichen unter „drei Flaggen“, mit drei Methoden, die allesamt auf die Revision der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus abzielten:

1) Die Flagge des „Kampfes gegen den Personenkult“ diente dazu, Stalin als den führenden Kader der KPdSU (B), der Völker der Sowjetunion, der kommunistischen Weltbewegung zu demontieren. Dazu diente die berüchtigte „Geheimrede“[20] über Stalin auf dem XX. Parteitag der KPdSU.

Damit wollten die Chruschtschow-Revisionisten den Weg freimachen für die Liquidierung aller revolutionären Errungenschaften, die unter Stalins Führung erkämpft wurden. Denn Stalins Leben und Werk steht für die prinzipienfeste Verteidigung und Weiterführung der sozialistischen Revolution, für den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus in der jungen Sowjetunion, für die mächtige Entfaltung einer prinzipienfesten und einigen kommunistischen Weltbewegung während einer ganzen Generation, und nicht zuletzt für den welthistorischen Sieg über den Nazifaschismus.

2) Die Flagge der „nationalen Besonderheiten“ diente dazu, revisionistische Strömungen und Tendenzen in den verschiedenen Ländern der Erde, sei es in Jugoslawien oder in den USA, in Kuba oder in Deutschland, zu einem einzigen weltweiten mächtigen revisionistischen Strom zusammenzufassen, um so den Sieg über den Kommunismus zu sichern. Es ist eine bereits von Lenin festgestellte Gesetzmäßigkeit der Epoche des Imperialismus, daß die bürgerliche Ideologie in den Reihen der Arbeiter- und revolutionären Bewegung in Gestalt des Opportunismus und Revisionismus wirkt. So gab es auch während des Zweiten Weltkriegs und danach in vielen Ländern der Erde sozialdemokratische, revisionistische Abweichungen und Strömungen. Diese opportunistischen Strömungen begründeten ihre Abkehr von den marxistisch-leninistischen Prinzipien mit „Besonderheiten ihres Landes“, die es nur bei ihnen gäbe, weshalb angeblich solche grundsätzlichen Prinzipien wie das von der notwendigen Zerstörung des alten Staatsapparates in der proletarischen Revolution bei ihnen nicht gelten würden. Unter der Flagge der „nationalen Besonderheiten“ konnten die Chruschtschow-Revisionisten all diesen Renegaten ein gemeinsames Dach unter den Fittichen der KPdSU bieten.

3) Als dritte Variante, um die kommunistischen Prinzipien zu demontieren, diente die Flagge der „neuen Bedingungen“. Damit sollte die Abkehr von den Prinzipien von Marx und Engels, gerade aber auch die Abkehr von den Grundlagen des Leninismus, vom Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, legitimiert werden. So wurde zum Beispiel die Existenz von Atombomben seit 1945, was in der Tat eine gewisse Bedeutung hatte, als Argument verwendet, um zu behaupten, daß nun Lenins Gesetz von der Unvermeidlichkeit der Entstehung imperialistischer Kriege in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution nicht mehr gültig sei, daß revolutionäre Befreiungskriege abzulehnen seien wegen des zu hohen „Atomkriegsrisikos“, das heißt, bei den „neuen Bedingungen“ ging es den Chruschtschow-Revisionisten darum, Klassenversöhnung und Kapitulantentum gegenüber dem Imperialismus zu predigen.

All diese Manöver dienten dazu, den umfassenden revisionistischen Angriff auf die revolutionären Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus zu ermöglichen, wie er auf dem XX. Parteitag vorgetragen wurde. Als Begleitmusik zu ihren vielfältigen Revisionen der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus entfachten die Chruschtschow-Revisionisten nach dem XX. Parteitag einen wilden Lärm über die Gefahr des Dogmatismus. All jene, die bereit waren, die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus zu verteidigen, sollten mit diesem Geschrei in Schach gehalten und eingeschüchtert werden. Selbst das Zitieren von grundlegenden Texten und Passagen der Werke der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus wurde als Buchstabengelehrtheit und Doktrinarismus beschimpft.

Es ging den Chruschtschow-Revisionisten darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es faktisch verboten war, die Ansichten der Chruschtschow-Revisionisten mit den von Marx, Engels, Lenin und Stalin formulierten Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus zu konfrontieren, wollte man nicht als „stalinistischer Dogmatiker“ und „Anhänger des Personenkults“ diffamiert werden.

Die Folgen waren verheerend: Alle Kommunistischen Parteien, die dem „neuen Weg“ des XX. Parteitags gefolgt sind, wechselten die Farbe. Die KPdSU wurde in eine konterrevolutionär-bürgerliche Partei unter Führung der Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten verwandelt. Auf dieser

Grundlage wurde der Kapitalismus unter sozialistischem Mäntelchen wiederhergestellt und die Sowjetunion in einen Staat der Ausbeutung und Unterdrückung verwandelt, in eine imperialistische Großmacht, die auf der Ausplünderung anderer Völker und der Völker innerhalb der UdSSR beruhte.

Ebenso verheerend zeigte sich praktisch, daß der sogenannte „friedliche Weg“ in blutige Katastrophen führt, wie bei der Ermordung Hunderttausender Kommunistinnen und Kommunisten in Indonesien 1965 und wie in Chile 1973, wo Zehntausende massakriert wurden.

Es ging bei der Frage der Haltung zum XX. Parteitag der KPdSU für die kommunistische Weltbewegung also buchstäblich um Leben oder Tod.

Umso brennender ist die Frage, welchen Protest, welchen Kampf es nach dem XX. Parteitag seitens der anderen Kommunistischen Parteien gab. [21]

Tatsache ist, daß es bis Anfang der sechziger Jahre keinen offenen und öffentlichen Protest oder Kampf irgendeiner Kommunistischen Partei gegen den XX. Parteitag gab. Schlimmer noch, es gab keine Partei, welche nicht den XX. Parteitag öffentlich begrüßte. Es sah also so aus, als würden praktisch alle Kommunistischen Parteien die revisionistischen Grundthesen und Linie des XX. Parteitags übernehmen bzw. zur Untermauerung und Systematisierung ihres eigenen schon vorhandenen Revisionismus verwenden. Allerdings veröffentlichte die KP Chinas wenige Monate nach dem XX. Parteitag 1956 die Artikel „Über die historischen Erfahrungen der Diktatur des Proletariats“ und „Mehr über die historischen Erfahrungen der Diktatur des Proletariats“. [22] Damit wurde weltweit öffentlich sichtbar, daß die KP Chinas mit der vollständigen Verteufelung Stalins durch die Chruschtschow-Revisionisten nicht einverstanden war. Daß die KP Chinas offenbar gewichtige inhaltliche Differenzen zur KPdSU unter Führung Chruschtschows hatte, wurde dann durch weitere öffentliche Stellungnahmen wie den Artikel „Es lebe der Leninismus!“[23] von 1960 unübersehbar. Eine öffentliche und direkte Kritik am XX. Parteitag gab es aber immer noch nicht.

Auf den Beratungen der Kommunistischen Parteien in Moskau 1957 und 1960 gab es interne Debatten und Widerstand vor allem seitens der KP Chinas und der Partei der Arbeit Albaniens gegen bestimmte offen revisionistische Positionen in den Dokumentenentwürfen. Aber der Chruschtschow-Revisionismus hat sich in diesen Dokumenten eindeutig durchgesetzt, der XX. Parteitag wird darin gar als „historisch“ hochgelobt.

Die Situation spitzte sich Anfang 1961 zu. Die Chruschtschow-Revisionisten riefen auf ihrem XXII. Parteitag 1961 und zu anderen Gelegenheiten direkt zum Sturz der Führung der Partei der Arbeit Albaniens auf und versuchten gleichzeitig mit demagogischen Mitteln, die inzwischen von der Partei der Arbeit Albaniens begonnene offene Polemik gegen den Chruschtschow-Revisionismus abzuwürgen.

Bis 1963 blieb die Situation aber weiterhin sehr unklar, da die KP Chinas noch immer nicht offen und öffentlich den XX. Parteitag der KPdSU verurteilt hatte, obwohl sie 1962 begonnen hatte, mit acht grundlegenden Artikeln direkt die extrem revisionistischen Positionen anderer Parteien, so der KP Italiens, der KP Frankreichs, der KP USA sowie der KP Indiens anzugreifen, welche die revisionistischen Grundpositionen des XX. Parteitags in noch offener reformistische Richtung vorantrieben.[24]

Sieben Jahre dauerte es, bis endlich im Juni 1963 die KP Chinas mit einem Donnerschlag die ganze Atmosphäre der faulen, dem revisionistischen Vormarsch dienenden „Einheit“ durch ein öffentlich unterbreitetes Dokument in Frage stellte: den „Vorschlag zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“.

Die besondere Bedeutung des „25-Punkte-Vorschlags“ der KP Chinas

Im sogenannten „25-Punkte-Vorschlag“ und in seiner Detaillierung in den neun „Kommentaren“25 setzte die KP Chinas in umfassender, systematischer Form ihre programmatischen Auffassungen zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung der revisionistischen Generallinie der Chruschtschow-Revisionisten entgegen. [26]

Eindringlich erklärte die KP Chinas in ihrem „25-Punkte-Vorschlag“ zur Bedeutung dieser Polemik, daß es sich dabei nicht um irgendwelche zweitrangigen Fragen handelt, sondern daß es dabei buchstäblich um alles geht, um Revolution oder Konterrevolution:

„Dabei handelt es sich letzten Endes um die Frage, ob die allgemeingültige Wahrheit des Marxismus-Leninismus, ob die allgemeine Bedeutung des Weges der Oktoberrevolution anerkannt wird, um die Frage, ob anerkannt wird, daß die Völker, die heute noch unter der imperialistischen und kapitalistischen Ordnung leben und die zwei Drittel der Bevölkerung der ganzen Welt ausmachen, die Revolution durchführen sollen, und ob anerkannt wird, daß diejenigen Völker, die den Weg zum Sozialismus eingeschlagen haben und ein Drittel der Bevölkerung der Welt darstellen, die Revolution noch zu Ende führen sollen.“ („25-Punkte-Vorschlag“, S. 5. Siehe S. 560.)

Die wesentlichen, grundlegenden Fragen der programmatischen, strategischen und auch taktischen Arbeit der kommunistischen Bewegung wurden zur Debatte gestellt, die revisionistischen Ansichten (zunächst von Chruschtschow, dann später von Breschnew etwas modifiziert vorgetragen) wurden kritisiert und angeprangert. Die eigenen Vorstellungen kommunistischer Theorie und Praxis wurden öffentlich formuliert: Fragen der inhaltlichen Bestimmung des Kommunismus, der Diktatur des Proletariats und der sozialistischen Demokratie, Fragen des Kampfes gegen den europäischen Chauvinismus, einer ersten Zurückweisung der übelsten Verleumdungen Stalins, Fragen der Ablehnung der Theorie des „friedlichen Weges“ und der Verabsolutierung der „friedlichen Koexistenz mit dem Imperialismus“ wurden im „Vorschlag“ und in den folgenden neun „Kommentaren“ aufgeworfen. In vielen Fällen wurden sie treffend und glänzend behandelt, in anderen Fällen – auch in sehr wesentlichen Fragen – noch halbherzig und zu kompromißlerisch angepackt. Aber diese Fragen wurden offen angeschnitten, der Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus war öffentlich begonnen worden. Damit wurden den modernen Revisionisten empfindliche Schläge versetzt.

Die KP Chinas trat mit diesem „Vorschlag zur Generallinie“ zu einem Zeitpunkt auf, als die meisten der ehemals ruhmreichen Kommunistischen Parteien bereits weitgehend oder vollständig vom Revisionismus zerfressen waren; zu einer Zeit, als aber auch der Widerstand der kommunistischen Kräfte innerhalb und außerhalb dieser Parteien anwuchs; zu einer Zeit, als es darum ging, den Kampf für die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus zu führen, mit dem modernen Revisionismus vollständig und allseitig zu brechen und überall dort, wo es nicht möglich war (das war in der überwiegenden Mehrzahl der Fall), die alte Partei dem Einfluß der Revisionisten zu entreißen und sie von ihnen zu säubern, auf soliden Grundlagen an den Neuaufbau kommunistischer Vorhutparteien zu gehen.

Für die wirklich kommunistischen Kräfte in aller Welt waren die Dokumente der „Polemik“ das Signal, in die längst überfällige Offensive zu gehen. Der revolutionäre Geist der Polemik, ihre mobilisierende und begeisternde Wirkung war für sie eine wichtige Kraftquelle, mit dem Legalismus und Reformismus der modernen Revisionisten zu brechen.

Für die revolutionären, sich am Kommunismus orientierenden Kräfte war begeisternd, daß der antirevisionistische Kampf der KP Chinas untrennbar verbunden war mit einer gewaltigen Massenmobilisierung in China zur Unterstützung und Solidarität mit den revolutionären Kämpfen und Kräften

weltweit. Während die Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten Seite an Seite mit den westlichen Imperialisten die Entfaltung des revolutionären antiimperialistischen Kampfes, des revolutionären Krieges gegen den Imperialismus wie in Vietnam zu unterdrücken suchten, spürten die revolutionär, vor allem die bewaffnet kämpfenden Kräfte international, daß die KP Chinas fest hinter ihnen stand, ihre Kämpfe propagierte, politisch, ideologisch und materiell unterstützte, sei es der Befreiungskampf in Vietnam, seien es die antirassistischen Kämpfe und Aufstände in den USA, sei es schließlich der Mai 1968 in Frankreich usw.[27] Die KP Chinas mobilisierte damals immer wieder Solidaritätskundgebungen in Peking, Shanghai und vielen anderen Städten und Regionen mit jeweils Hunderttausenden Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Schließlich hatte auch die 1966 von den antirevisionistischen Kräften in der KP Chinas unter Führung Mao Tse-tungs initiierte Kulturrevolution in China weltweit einen enormen Einfluß auf die revolutionären, sich dem Revisionismus entgegenstellenden Kräfte; schließlich ging es darum, in einem Kampf auf Leben und Tod in China gegen revisionistische Machthaber („Leute vom Schlage Chruschtschows“ wie Liu Schao tschi) und revisionistische Elemente überhaupt eine revisionistische Umwandlung der Kommunistischen Partei, eine konterrevolutionäre Umwandlung der Diktatur des Proletariats wie in der Sowjetunion zu verhindern.[28]

Das sind die unbestreitbaren Verdienste der von der KP Chinas geführten „Großen Polemik“.

Gleichzeitig haben der „Vorschlag“ und die „Kommentare“ unbestreitbar aber auch teilweise gravierende Mängel und Fehler, von denen hier nur einige genannt werden sollen:

  • Im „25-Punkte-Vorschlag“ und in den Kommentaren hat die KP Chinas den „friedlichen parlamentarischen Weg“ nicht prinzipiell als revisionistisches Konzept gebrandmarkt, sondern propagierte selbst die angebliche Notwendigkeit, sich auf „zwei Wege“, nämlich den friedlichen und den gewaltsamen, vorzubereiten.
  • Der Kampf des internationalen Proletariats und der Völker der Welt wurde fälschlicherweise hauptsächlich auf den damals stärksten Imperialismus, nämlich auf den US-amerikanischen, konzentriert und nicht gegen das gesamte imperialistische Weltsystem.
  • Entgegen den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus, die lehren, daß die Zielscheibe der Revolution in den abhängigen, halbkolonialen Ländern sowohl der Imperialismus als auch die feudalistischen Verhältnisse sein muß, propagierte die KP Chinas statt einer tiefgehenden Agrarrevolution lediglich eine „Bodenreform“ und schürte Illusionen in die angebliche Unabhängigkeit der Jungen Nationalstaaten“.
  • Zwar wurde die Diktatur des Proletariats gegen das revisionistische Konzept des „Staats des ganzen Volkes“ verteidigt, aber die KP Chinas verstand nicht wirklich die Notwendigkeit der von Lenin und Stalin erklärten Verschärfung des Klassenkampfes zur Festigung der Diktatur des Proletariats, die Notwendigkeit der Ausweitung und Vertiefung des Klassenkampfes beim Aufbau des Sozialismus, auch und gerade nach der weitgehenden Schaffung sozialistischer Produktionsverhältnisse im ganzen Land, nach der Liquidierung der Bourgeoisie als Klasse.
  • Die KP Chinas wandte sich zwar gegen die völlige Verdammung Stalins durch die modernen Revisionisten, kritisierte ihn in der Frage des Klassenkampfes unter der Diktatur des Proletariats und einigen anderen Fragen aber selbst mit falschen Positionen. Mit ihrem „25-Punkte-Vorschlag“ hat die KP Chinas die kommunistische Weltbewegung aber nicht einfach vor vollendete Tatsachen gestellt. Die KP Chinas unterbreitete den „25-Punkte-Vorschlag“ zumindest formal als Vorschlag, als eine Diskussionsgrundlage. Es bestand also für die kommunistischen Kräfte aller Länder die Möglichkeit, in einer tiefgehenden, kritischen und offenen Auseinandersetzung mit dem „Vorschlag“, gestützt auf die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus, seine Halbheiten und Fehler zu überwinden und eine gemeinsame prinzipienfeste Plattform auszuarbeiten. Es bestand zumindest theoretisch die Möglichkeit, daß in einer Atmosphäre der Kritik und Selbstkritik, des lebendigen „Hin und Her“ wie zu Zeiten der sozialistischen Sowjetunion Lenins und Stalins, zu Zeiten der Kommunistischen Internationale über die Grundfragen der proletarischen Weltrevolution diskutiert und gestritten wurde.[29]

Doch solch eine breite, internationale öffentliche Debatte der kommunistischen Kräfte der ganzen Welt wurde nicht wirklich entfaltet. Zum einen lag das daran, daß die KP Chinas oder auch die Partei der Arbeit Albaniens die Organisierung einer solchen internationalen Debatte aller wirklich kommunistischen Kräfte nicht in die Hand genommen hatte. Zum anderen lag es aber auch daran, daß sich quasi alle antirevisionistischen Kräfte, die sich neu formierenden kommunistischen Organisationen und Parteien durch das wütende Geifern der Revisionisten gegen den „Vorschlag“ dazu verleiten ließen, ihn völlig unkritisch zu übernehmen, ihn geradezu als fertiges Programm zu verwenden, das vorbehaltlos anzuerkennen war. [30]

Mit dieser Herangehensweise war es natürlich nicht möglich, die Fehler und Halbheiten des „Vorschlags“ und deren Ursachen aufzudecken, zu korrigieren, um wirklich auf der ganzen Linie mit dem modernen Revisionismus zu brechen.[31]

So blieb es über die Jahrzehnte hinweg dabei, daß eine für die feste Einheit der kommunistischen Weltbewegung lebensnotwendige allseitige kommunistische Antwort auf die Herausforderung des modernen Revisionismus, eine wirklich prinzipienfeste Plattform der kommunistischen Weltbewegung nicht existierte.

Das historische Versäumnis der Kommunistinnen und Kommunisten in ihrem Kampf gegen den modernen Revisionismus, den „Vorschlag“ nicht gründlicher kritischer Prüfung vom Standpunkt der Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin zu unterziehen, seine Inkonsequenzen, Halbheiten und direkten Fehler nicht aufzudecken und zu korrigieren, führte dazu, daß seine Mängel und Fehler ein Einfallstor für diverse falsche Auffassungen wurden, ja daß zum Teil direkte Anknüpfungspunkte und Brücken zu neuen Spielarten des modernen Revisionismus wie die „Drei-Welten-Theorie“

Deng Hsiao-pings nicht nur unangetastet blieben, sondern, besonders zunehmend ab Beginn der 70er Jahre, ihre gefährlichen Wirkungen entfalten konnten.

Fakt ist also, daß es heute keine wirklich kommunistische, gemeinsam erarbeitete Plattform der kommunistischen Weltbewegung gibt, daß es eine solche nach dem Tod des Genossen Stalin niemals gegeben hat, obwohl sie gerade nach dem Tod Stalins, dem anerkannten Führer der kommunistischen Weltbewegung, und nach dem Verrat der modernen Revisionisten in der Führung der KPdSU unbedingt hätte ausgearbeitet werden müssen, um dem allseitigen ideologischen Angriff der Chruschtschow-Revisionisten gegen den wissenschaftlichen Kommunismus wohlfundiert und konsequent, einig und geschlossen entgegentreten zu können.

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Ein Gedanke zu „Die revisionistische Linie des 20. Parteitags der KPdSU (1956) und die grundlegenden Fehler der berechtigten Kritik der KP Chinas (1963) – Vorbemerkung und Einleitung“

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