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Die revisionistische Linie des 20. Parteitags der KPdSU (1956) und die grundlegenden Fehler der berechtigten Kritik der KP Chinas (1963) – Teil A


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Teil A:
Die Bedeutung der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus

Der Angriff der Chruschtschow-Revisionisten auf die Theorie und die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus

1. Die Demagogie mit der „exakten Analyse der neuen Bedingungen“
2. Praktisch-politische Konsequenzen der Chruschtschow- Revisionisten aus den angeblich neuen Bedingungen
a) Der „friedlich“ gewordene Imperialismus
b) Verabsolutierung der sozialistischen Länder zur angeblich weltweit „entscheidenden Kraft“
c) Die konterrevolutionäre These vom „friedlich-parlamentarischen Weg“
3. Das Geschrei der Chruschtschow-Revisionisten über die Gefahr des Dogmatismus

1. Die Demagogie mit der „exakten Analyse der neuen Bedingungen“

Die Chruschtschow-Revisionisten propagierten bekanntlich, daß der XX. Parteitag der KPdSU „eine neue Etappe in der Entwicklung der gesamten kommunistischen Bewegung“ eingeleitet habe.[32]

Um ihre gegen den wissenschaftlichen Kommunismus gerichtete Generallinie besser verkaufen zu können, beriefen sie sich auf „die tiefgreifenden Veränderungen (…) in der ganzen Welt (…), durch die Veränderungen des Kräfteverhältnisses zwischen Sozialismus und Imperialismus im Verlauf der letzten Jahre.“[33]

Die Chruschtschow-Revisionisten behaupteten unverfroren, daß infolge der Veränderungen in der Welt eine neue Epoche angebrochen sei und daher die von Lenin erarbeitete Definition nicht mehr den heutigen Verhältnissen entspreche.[34] Eine neue Charakteristik der Epoche, in der wir leben, sei nötig und möglich geworden:

„Die exakte Analyse der Veränderungen in der Welt hat es den Bruderparteien in aller Welt ermöglicht, eine marxistisch-leninistische Charakteristik der Epoche auszuarbeiten…“[35]

Der fundamentale Fehler dieser revisionistischen These besteht darin, den Zusammenhang zwischen einer kommunistischen Charakteristik der Epoche und einer exakten Analyse der Veränderungen in der Welt auf den Kopf zu stellen. Mit der Bestimmung der Epoche hält der wissenschaftliche Kommunismus die wesentlichsten Züge und die grundlegenden Gesetzmäßigkeiten fest, die in einem gegebenen historischen Abschnitt existieren, dessen einzelne Erscheinungen beherrschen und bestimmen. Indem Lenin und Stalin unsere Epoche als die „Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution“ definierten, hoben sie eben diese allen einzelnen Erscheinungen zugrundeliegenden allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und ihnen den Stempel aufdrückenden Tatsachen hervor. Genau das ist Sinn und Zweck der Definition der Epoche.

Für Kommunistinnen und Kommunisten ist somit völlig klar, daß die Lenin-Stalinsche Definition unserer Epoche gilt, solange der Imperialismus existiert und durch keinerlei Veränderungen und Entwicklungen innerhalb des Imperialismus außer Kraft gesetzt werden kann.

Es ist also nicht so, wie die modernen Revisionisten behaupten, daß man aufgrund von „neuen Erscheinungen“ im Imperialismus zu einer neuen Charakteristik unserer Epoche gelangen könnte. Man kann die gegebene Epoche auch nicht dadurch besser charakterisieren, daß man solche wirklich

oder vermeintlich aufgetretenen „neuen Erscheinungen“ und Details in die Definition der Epoche einbezieht, denn damit würde man höchstens den Begriff der Epoche mit einzelnen Phasen innerhalb der Epoche durcheinanderbringen und die Definition der Epoche würde ihren Sinn und Zweck verlieren.

Es ist eben nicht so, daß einzelne Erscheinungen, Entwicklungen und Veränderungen eine neue Definition der Epoche erfordern, sondern es ist umgekehrt so, daß man nur von der richtigen Bestimmung der Epoche ausgehend, also ausgehend von den großen allgemeinen Gesetzmäßigkeiten und Grundtatsachen eines gegebenen historischen Zeitabschnitts, die einzelnen Erscheinungen, Entwicklungen und Veränderungen richtig verstehen und einschätzen kann.

Die revisionistische Herangehensweise an die Frage der Epoche ist somit von Grund auf falsch, stellt die Dinge buchstäblich auf den Kopf und hat daher weitreichende und schwerwiegende Konsequenzen. Im Grunde läuft sie auf die Leugnung der wesentlichen Züge und der grundlegenden Gesetzmäßigkeiten unserer Zeit hinaus, auf die Leugnung der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus überhaupt.

Mit dieser Methode werden die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, die unter den Bedingungen der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution allgemeingültig sind, mit der Berufung auf „neue Bedingungen“, „Veränderungen“ negiert und als außer Kraft gesetzt betrachtet.

Diese Methode rechtfertigt und ebnet den Weg, um unter Berufung auf diese oder jene „Veränderungen“ und „Entwicklungen“ die gesamte Lehre des Leninismus von der Theorie, Strategie und Taktik der proletarischen Weltrevolution in schamlosester Weise zurechtzustutzen, zu verfälschen und zu verwerfen.

2. Praktisch-politische Konsequenzen der Chruschtschow-Revisionisten aus den angeblich neuen Bedingungen

Die Revision der Grundlagen des wissenschaftlichen Kommunismus durch die Führung der KPdSU war kein Selbstzweck, sondern diente bestimmten politischen Absichten. Die Chruschtschow-revisionistische Führung der KPdSU war ein Feind des wissenschaftlichen Kommunismus, weil dieser ihren konterrevolutionären Plänen unmittelbar im Weg stand.

Wie sie dabei die angeblich neu entstandenen Bedingungen benutzte, um die Prinzipien des Leninismus über Bord zu werfen, zeigen folgende drei Beispiele: die These vom angeblich „friedlich“ gewordenen Imperialismus und die Behauptung von der „entscheidenden Rolle“ der sozialistischen Länder für die Weltrevolution und vom angeblich möglichen „friedlich parlamentarischen Weg“ zum Sozialismus in den meisten Ländern des kapitalistisch-imperialistischen Systems.

a) Der „friedlich“ gewordene Imperialismus

Die Chruschtschow-Revisionisten griffen frontal die von Lenin aufgestellte These an, daß Kriege zwischen kapitalistischen Ländern unvermeidlich sind, solange der Imperialismus besteht.

Unter dem Vorwand der veränderten Kräfteverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg propagierte der XX. Parteitag der KPdSU direkt, daß diese These Lenins falsch sei:

„Für die damalige Zeit war die erwähnte These absolut richtig. Heute hat sich die Lage aber von Grund auf geändert. (…) eine verhängnisvolle Unvermeidlichkeit der Kriege gibt es nicht.“[36]

Diese offene Revision der Lehre Lenins diente zur Beschönigung des US-Imperialismus und der anderen imperialistischen Mächte. Nachdem sie die Lehre Lenins über Bord geworfen hatten, propagierten die Chruschtschow-Revisionisten in Bezug auf den US-Imperialismus:

„Wir (die USA und die Sowjetunion, A.d.V.) sind die mächtigsten Staaten der Welt. Wenn wir für den Frieden zusammenstehen, wird es keinen Krieg geben. Wenn es dann doch noch einen Besessenen gibt, der einen Krieg vom Zaun zu brechen versucht, sollte es genügen, wenn wir ihm mit dem Finger drohen, um ihn zum Schweigen zu bringen.“[37]

Dies war ein Hauptmanöver der Chruschtschow-Revisionisten, mit dem sie ihre Aussöhnung mit dem Weltimperialismus bemäntelten. Es gipfelte darin, daß sie insbesondere den US-Imperialismus in einem völlig falschen Licht darstellten. Einerseits taten sie so, als ob er der einzige potente Imperialismus wäre, der nach dem Zweiten Weltkrieg noch übriggeblieben sei, andererseits propagierten sie, unter diesen neuen Umständen sei auch er so „vernünftig“ geworden, daß man mit ihm im Interesse des Friedens und der Sicherheit der Welt zusammenarbeiten könne und müsse.

Dabei spekulierten die Chruschtschow-Revisionisten mit dem Umstand, daß aus dem Zweiten Weltkrieg der US-Imperialismus als einzige imperialistische Macht gestärkt hervorgegangen war -, während die anderen imperialistischen Mächte entweder im Krieg besiegt oder aber durch seine Folgen mehr oder minder geschwächt worden waren. Die Chruschtschow-Revisionisten stellten die Sache so hin, als ob sich die ganze Frage des Weltimperialismus auf das Problem des US-Imperialismus reduziert hätte, mit dem es nun gelte, sich zu verständigen, zusammenzuarbeiten und so alle Fragen der Zeit zu lösen. Damit leugneten sie alle Gesetzmäßigkeiten des Imperialismus. Die Überlegenheit des US-Imperialismus zum Vorwand nehmend, leugneten sie im Besonderen auch, daß sich die zwischenimperialistischen Widersprüche gesetzmäßig verschärfen, insbesondere aufgrund des unvermeidlichen Wiedererstarkens der zeitweilig daniederliegenden anderen imperialistischen Großmächte.

Wenn der US-Imperialismus „vernünftig“ und „friedlich“, die anderen Imperialisten aber mehr oder weniger unbedeutend und „ohnmächtig“ geworden waren, so wären damit faktisch alle imperialistischen Mächte in friedfertige, keinesfalls an einem Krieg interessierte Kräfte verwandelt und es blieb höchstens noch das Problem einiger „unbelehrbarer“ Einzelgänger, einiger „Besessener“, die aus der Geschichte leider nichts gelernt hätten und gegen die man den „drohenden Finger“ richten müsse. De facto lief es darauf hinaus, daß der US-Imperialismus seine paar „Ewiggestrigen“ in Zaum halten sollte, während die Chruschtschow-Revisionisten versprachen, den Revolutionären das Handwerk zu legen, die allen Ermahnungen zum Trotz am revolutionären Kampf und am Befreiungskrieg gegen den Imperialismus festhielten.

b) Verabsolutierung der sozialistischen Länder zur angeblich weltweit „entscheidenden Kraft“

Die Chruschtschow-Revisionisten nahmen die Tatsache, daß es nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr nur ein sozialistisches Land gab, sondern eine Reihe von weiteren Ländern den Weg zum Sozialismus beschriften hatten, zum Vorwand, um zu erklären:

„Der Widerspruch zwischen Kapitalismus und Sozialismus ist der Hauptwiderspruch unserer Epoche. Vom Ausgang des Kampfes der beiden Weltsysteme hängt in entscheidendem Maße das Schicksal des Friedens, der Demokratie und des Sozialismus ab.“[38]

Um diesen Standpunkt richtig einzuschätzen, muß man beachten, daß die Führer der KPdSU unter dem „sozialistischen Weltsystem“ keineswegs alle Kräfte des Lagers der proletarischen Weltrevolution verstanden, sondern lediglich die Länder des „sozialistischen Weltsystems“, die sie zur „Hauptkraft im Kampf gegen den Imperialismus“ erklärten.[39]

Im selben Sinn, bloß auf die Länder bezogen, propagierten die Chruschtschow-Revisionisten, daß „das sozialistische Weltsystem zum ausschlaggebenden Faktor der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft“ [40] geworden sei. Damit erklärten sie gegenüber den sozialistischen Ländern alle anderen Kräfte der proletarischen Weltrevolution für zweitrangig. Ja, sie gingen sogar so weit, zu erklären, daß es „ohne die Hilfe der sozialistischen Staaten unermeßlich schwieriger, ja auch völlig unmöglich“ sei [41], daß die Völker der anderen Länder ihre Aufgaben lösen und ihre Ziele verwirklichen könnten.

Dies diente ihnen dazu, die Rolle der sozialistischen Länder zu verabsolutieren, sie zum „ausschlaggebenden Faktor der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft“ schlechthin zu erklären und so den Widerspruch zwischen den sozialistischen Staaten und den Staaten des Weltimperialismus, der nur einer der verschiedenen grundlegenden Widersprüche unserer Zeit ist, zu ihrem zentralen Grundwiderspruch überhaupt zu erklären.

Damit setzen sie diesen einen Widerspruch faktisch an die Stelle aller grundlegenden Widersprüche, so daß der Kampf zwischen dem Lager des Weltimperialismus und dem Lager der proletarischen Weltrevolution reduziert wird auf den Kampf zwischen den Staaten des Sozialismus und denen des Weltimperialismus.

Es liegt auf der Hand, wenn der Widerspruch zwischen den Staaten des Sozialismus und denen des Imperialismus das Kernproblem ist, daß den anderen grundlegenden Widersprüchen, in denen sich der Widerspruch zwischen dem Lager der proletarischen Weltrevolution und dem des Weltimperialismus manifestiert, nämlich dem Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie in den imperialistischen Ländern sowie dem Widerspruch zwischen den unterdrückten Völkern und dem Imperialismus in den halbfeudalen und halbkolonialen Ländern, nur noch eine zweitrangige und abgeleitete Bedeutung zukommt.

Damit erhält der Kampf des Proletariats und der unterjochten Völker nur noch eine Hilfsfunktion und ist kein grundlegender politischer Faktor mehr. Grundlegende Bedeutung hat dann nur noch die Auseinandersetzung zwischen den sozialistischen Staaten und den Staaten des Weltimperialismus, was für die Chruschtschow-Revisionisten dann nichts anderes mehr war als der „friedliche Wettbewerb“ und die „friedliche Koexistenz“ als Generallinie, die angeblich den Imperialismus allmählich von der Welt drängen würde und auf diesem Wege den Völkern Glück und Segen brächten.

c) Die konterrevolutionäre These vom „friedlich-parlamentarischen Weg“

Die demagogische Berufung der Chruschtschow-Revisionisten auf die nach dem Zweiten Weltkrieg angeblich „grundlegend veränderten Bedingungen“ kulminierte in der zentralen revisionistischen These von der nunmehr angeblich realen Möglichkeit eines „friedlich-parlamentarischen Wegs“ zum Sozialismus. Ihr Hauptargument war, daß die gewaltsame Zerschlagung des alten Staatsapparats durch bewaffneten Kampf infolge der Existenz der dreizehn Länder des sozialistischen Lagers, welche die internationalen Kräfteverhältnisse völlig verändert habe, sozusagen „überflüssig“ geworden sei. Sie versuchten glaubhaft zu machen, daß infolge der „günstigen internationalen Lage“, sozusagen durch den Druck von außen, reale Bedingungen für den parlamentarischen, friedlichen Weg entstanden seien. Auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 verkündete Chruschtschow den frontalen Angriff auf den Weg der Oktoberrevolution als allgemeingültigen Weg der gewaltsamen proletarischen Revolution. Chruschtschow behauptete, es sei „durchaus wahrscheinlich, daß die Formen des Übergangs zum Sozialismus immer mannigfaltiger werden.“[42]

Was darunter zu verstehen ist, macht Chruschtschow im Weiteren klar: „…daß wir angeblich Gewalt und Bürgerkrieg als den einzigen Weg zur Umgestaltung der Gesellschaft anerkennen – das entspricht nicht den Tatsachen.“[43]

Damit lehnt Chruschtschow offen die Lehre von Lenin von der unbedingten Notwendigkeit der gewaltsamen Revolution ab, wobei er die Frage der Gewalt mit der Folge des Bürgerkriegs gleichsetzt. Lenin hat niemals eine Revolution ohne Gewalt, ohne gewaltsame Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparats auch nur theoretisch für möglich erachtet. Genau das ist aber der Kern von Chruschtschows konterrevolutionärer Theorie des „friedlichen Wegs“:

„Gleichzeitig hat die Arbeiterklasse in einer Reihe kapitalistischer Länder unter den gegenwärtigen Bedingungen die reale Möglichkeit, unter ihrer Führung die übergroße Mehrheit des Volkes zu vereinigen und den Übergang der wichtigsten Produktionsmittel in die Hände des Volkes zu erreichen (…), eine stabile Mehrheit im Parlament zu erobern und es aus einem Organ der bürgerlichen Demokratie in ein Werkzeug des tatsächlichen Volkswillens zu verwandeln. (Beifall). In einem solchen Fall kann diese für viele hochentwickelte kapitalistische Länder traditionelle Institution zum Organ einer wahren Demokratie, einer Demokratie für die Werktätigen werden.

Die Eroberung einer stabilen parlamentarischen Mehrheit, die sich auf die revolutionäre Massenbewegung des Proletariats, der Werktätigen stützt, würde für die Arbeiterklasse einer Reihe kapitalistischer und ehemals kolonialer Länder die Voraussetzungen schaffen, um grundlegende soziale Umgestaltungen durchzuführen.“[44]

Der „friedliche“, nämlich auf revolutionäre Gewalt verzichtende, auf die angebliche Möglichkeit „der Verwandlung“ des bürgerlichen Parlaments mittels der Stimmzettel in ein „Organ des Volkswillens“ gestützte „Weg zum Sozialismus“, den Chruschtschow verkündete, hat mit dem wissenschaftlichen Kommunismus nicht das mindeste zu tun. Das ist nichts anderes als der uralte revisionistische Weg des „parlamentarischen Übergangs“ zum Sozialismus ohne proletarische Revolution, wie das schon die Revisionisten der II. Internationalen von Bernstein bis Kautsky propagierten.[45]

1966 zeigte sich mit großer Dramatik in Indonesien, wohin jedes Zugeständnis an die Philosophie des „friedlichen Weges“ gegenüber den hochgerüsteten Kräften der Weltfront der imperialistischen Reaktion führen wird: Das faschistische Regime Suhartos vernichtete in einer großangelegten Militäraktion fast vollständig die damals starke Kommunistische Partei Indonesiens, ermordete und inhaftierte Hunderttausende revolutionärer Genossinnen und Genossen.

1973 zeigte sich erneut in Chile, daß der Verzicht auf den bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus, daß die Propaganda des „friedlichen Übergangs“ den Weg bereitet, die fortschrittlichen und revolutionären Kräfte eben den reaktionären Kräften auszuliefern: Durch den Militärputsch vom September 1973 wurden Zehntausende von Genossinnen und Genossen in wenigen Tagen ermordet, Hunderttausende gefoltert und inhaftiert.

3. Das Geschrei der Chruschtschow-Revisionisten über die Gefahr des Dogmatismus

Die Chruschtschow-Revisionisten entfachten nach dem XX. Parteitag einen wilden Lärm über die Gefahr des Dogmatismus. Dies war die Begleitmusik zu ihren vielfältigen Revisionen der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus.

Alle jene, die bereit waren, die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus zu verteidigen, sollten mit diesem Geschrei in Schach gehalten und eingeschüchtert werden.

Selbst das Zitieren von grundlegenden Texten und Passagen der Werke der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus wurde als Buchstabengelehrtheit und Doktrinarismus beschimpft. Es ging den Chruschtschow-Revisionisten darum, eine Atmosphäre zu schaffen, in der es faktisch verboten war, die Ansichten der Chruschtschow-Revisionisten mit den Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin zu konfrontieren, wollte man nicht als „stalinistischer Dogmatiker“ und „Anhänger des Personenkults“ diffamiert werden.

Die KP Chinas, die sich den Plänen Chruschtschows entgegenstellte, wurde ebenfalls in diesem Tenor abqualifiziert. Das revisionistische ZK der KPdSU erklärte, „daß die chinesischen Genossen von der realen Wirklichkeit völlig losgelöst sind, dogmatisch mit Buchweisheiten an die Probleme von Krieg, Frieden und Revolution herangehen und die konkreten Bedingungen der gegenwärtigen Epoche nicht verstehen…“[46]

Die Chruschtschow-Revisionisten haben also die Frage des Dogmatismus aufgeworfen. Dies ist keinesfalls neu. Seit jeher haben die Revisionisten aller Schattierungen versucht, mit Tagesereignissen und konkreten Details von den grundlegenden Gesetzmäßigkeiten, den Prinzipien und der Perspektive der proletarischen Revolution abzulenken.

Seit jeher haben die Revisionisten aller Schattierungen die Kommunistinnen und Kommunisten als „Dogmatiker“ beschimpft. [47]

Marx, Engels, Lenin und Stalin haben nicht nur die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, die ganze Perspektive des Weltkommunismus herausgearbeitet und verteidigt, sondern sie haben auch stets einen erbitterten Kampf gegen alle Versuche der Revisionisten geführt, unter dem Motto der Ablehnung von jeglichem „Dogmatismus“ die Grunderkenntnisse und Prinzipien ihrer Lehre anzugreifen und zu verwerfen.

Der ganze Fragenkomplex der richtigen Beziehung von Theorie, Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien einerseits und den Erfordernissen einer für den Kampf unerläßlichen kommunistischen konkreten Analyse andererseits ist von allergrößter Bedeutung. Eine falsche oder auch nur oberflächliche Behandlung dieses Fragenkomplexes führt unweigerlich zu faulen Kompromissen oder zum Zurückweichen vor den modernen Revisionisten.

Daher meinen wir, daß ein erneutes Studium des Kampfes der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus über diesen Fragenkomplex in jeder Hinsicht eine unerläßliche Voraussetzung für unseren heutigen ideologischen Kampf ist.

Das ist insbesondere auch unerläßlich, um im Folgenden die Antwort der KP Chinas und die Positionen der KP Chinas gegenüber dem Vorwurf der Chruschtschow-Revisionisten, sie seien dogmatisch, fundiert analysieren zu können.

II. Einige Lehren aus den Werken der Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus über die Bedeutung der Verteidigung der Prinzipien und zur Frage des Dogmatismus

Was heißt und was erfordert eigentlich „Verteidigung der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus“? Diese im Kampf gegen den modernen Revisionismus entscheidende Frage läßt sich am besten beantworten, wenn wir darauf zurückkommen, wie die Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus den Kampf um die Prinzipien gegen den Revisionismus geführt haben.

Marx, Engels, Lenin und Stalin haben nicht nur die Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien, die ganze Perspektive des Weltkommunismus herausgearbeitet, sondern sie haben auch stets einen erbitterten Kampf gegen alle Versuche der Revisionisten geführt, unter dem Motto der Ablehnung von jeglichem „Dogmatismus“ die Grunderkenntnisse und Prinzipien ihrer Lehre anzugreifen und zu verwerfen.

Bei einem genauen Studium des gesamten Kampfes zwischen wissenschaftlichem Kommunismus und Revisionismus zeigt sich, wie eng und untrennbar der Kampf zur Verteidigung der Theorie mit der Verteidigung des Konzentrats dieser Theorie, ihrer Ausgangspunkte und Schlußfolgerungen, der Prinzipien, verbunden ist.

Dies gilt in doppelter Hinsicht:

Zum einen zeigen gerade die Klassiker, Marx, Engels, Lenin und Stalin, daß sie sich bei der Verteidigung der Theorie nicht in untergeordnete Details verlieren, sondern stets den Kampf zur Verteidigung der Theorie zuspitzen auf entscheidende Prüfsteine, eben auf die Prinzipien und zentralen Schlußfolgerungen.

Zum anderen aber wird klar, daß die Klassiker die von ihnen erarbeiteten Prinzipien nicht losgelöst von der gesamten Theorie, sondern eben als deren Konzentrat, als aus ihr abgeleitet und durch sie begründet verteidigen, als grundlegende Anleitung zum Handeln, als entscheidendes Mittel für die Verbindung von Theorie und Praxis.

Dies hätte unbedingt Vorbild und Leitlinie im Kampf zur Verteidigung des wissenschaftlichen Kommunismus gegen den modernen Revisionismus sein müssen.

1. Der Kampf von Marx und Engels gegen die Verfälscher der Theorie und der Prinzipien des „Manifests der Kommunistischen Partei „in der „Kritik des Gothaer Programms“
2. Die Spekulationen der russischen „Volksfreunde“ mit den Besonderheiten Rußlands, um die allgemeine Gültigkeit der Theorie des Marxismus zu bestreiten
3. Lenins Verteidigung von Theorie und Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus gegen den aufkommenden Revisionismus in „Was tun?“
4. Die Verteidigung der theoretischen Grundlagen des Marxismus in Lenins Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“
a) Wie die Revisionisten versuchten, den von Engels im „Anti-Dühring“ gegen bürgerliche idealistische „Prinzipien“ geführten Kampf gegen die Prinzipien des Marxismus zu richten
b) Lenins Klarstellung, unter welchen Bedingungen Theorie und Prinzipien des Marxismus gültig sind
5. Lenins Kampf gegen den Revisionismus der II. Internationale unter den Bedingungen der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution
6. Der Revisionismus Kautskys und seine dogmatische Demagogie
7. Stalins Werk „Über die Grundlagen des Leninismus“ und der Kampf gegen die Leugnung der internationalen Geltung der Grundzüge der Oktoberrevolution durch die Revisionisten
Die Methode des Leninismus
Die Bedeutung der Theorie
8. Die allgemeine Gültigkeit des Leninismus für alle Länder und die Gefahr der dogmatischen Übertragung spezifischer Erfahrungen der Oktoberrevolution auf die Revolution halbfeudaler und halbkolonialer Länder
9. Die „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“ – eine Enzyklopädie zur Theorie und Praxis des Leninismus im Kampf gegen den Opportunismus
10. Stalins Kampf gegen das Aufkommen des modernen Revisionismus nach dem Sieg des Leninismus

1. Der Kampf von Marx und Engels gegen die Verfälscher der Theorie und der Prinzipien des „Manifests der Kommunistischen Partei“ in der „Kritik des Gothaer Programms“

Marx und Engels haben während ihres ganzen Lebens die von ihnen entwickelte kommunistische Theorie auf allen wesentlichen Gebieten gegen in den verschiedensten Formen auftretende Entstellungen und Verfälschungen verteidigt. Von besonderer Bedeutung für ein besseres Verständnis des Zusammenhangs zwischen kommunistischer Theorie und Prinzipien ist dabei unserer Meinung nach, die Betrachtung des Kampfes von Marx und Engels zur Verteidigung ihrer erstmals im „Manifest der Kommunistischen Partei“ zusammengefaßt dargelegten Lehre. Lenin schrieb in seiner Schrift „Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx“:

„Das im Jahre 1848 erschienene kommunistische Manifest’, von Marx und Engels gibt bereits eine geschlossene, systematische, bis heute unübertroffene Darlegung dieser Lehre.“ (Lenin: „Die historischen Schicksale der Lehre von Karl Marx“, Werke Band 18, S. 576.)

Marx und Engels haben in diesem programmatischen Dokument, das im Original bekanntlich den Titel „Manifest der Kommunistischen Partei“ trägt, theoretisch die Entwicklung des Kapitalismus und die weltgeschichtliche Rolle des Proletariats auf dem Weg zum Kommunismus dargelegt.

Die überragende Bedeutung des „Kommunistischen Manifests“ besteht gerade auch darin, daß aus der marxistischen Theorie bestimmte allgemeine Grundsätze, Prinzipien gefolgert wurden, die den Charakter von Axiomen haben und die bis zum Sieg des Weltkommunismus ihre volle Gültigkeit behalten.

Diese Prinzipien, wie etwa die Feststellung, daß das Proletariat „die revolutionärste Klasse“ ist, oder das Grundprinzip des proletarischen Internationalismus ,,Proletarier aller Länder, vereinigt euch“, sowie das Prinzip, daß „die Arbeiterklasse nicht die fertige Staatsmaschine einfach in Besitz nehmen kann“[48], sondern daß es darauf ankommt, sie zu zerschlagen, „alle Kräfte der Zerstörung gegen sie zu konzentrieren“ [49], – wurden von Marx und Engels ein Vierteljahrhundert nach Erscheinen des „Manifests“ in einem außerordentlich wichtigen und lehrreichen, in der heutigen kommunistischen Weltbewegung vielfach unterschätzten Kampf mit beispielhafter Konsequenz in ihrer „Kritik des Gothaer Programms“ verteidigt.

Um die in der deutschen Arbeiterbewegung bestehenden zwei Strömungen, die der „Eisenacher“ und die der „Lassalleaner“ zu vereinigen, sollte in Gotha 1875 ein Vereinigungsparteitag auf der Basis eines Entwurfs für ein gemeinsames Programm stattfinden, in dem wesentliche Prinzipien des Marxismus entstellt und verletzt wurden. Marx und Engels waren entschieden dafür, daß sich die in der deutschen Arbeiterbewegung existierenden verschiedenen Strömungen im Kampf gegen den gemeinsamen Feind vereinigen, doch für sie stand ganz außer Frage, daß eine Vereinigung unter Hintanstellung und Verletzung der Prinzipien, auch wenn sie als augenblicklicher Erfolg erschien und für den Moment große Vorteile versprach, in der Folge unweigerlich zu Niederlagen und Mißerfolgen führen mußte. Deswegen waren sie entschieden gegen eine Vereinigung auf solcher Basis und eröffneten einen energischen Kampf gegen den opportunistischen Entwurf des „Gothaer Programms“, der – wie Engels in seinem Vorwort zur „Kritik des Gothaer Programms“ von 1891 hervorhebt – mit „rücksichtsloser Schärfe“ geführt und in dem Marx und Engels ihre Kritik mit „Unerbittlichkeit“[50] ausgesprochen haben.

Sofort nach Erhalten des Entwurfes schrieb Marx in einem Brief, daß er es für seine Pflicht halte,

„ein nach meiner Überzeugung durchaus verwerfliches und die Partei demoralisierendes Programm auch nicht durch diplomatisches Stillschweigen anzuerkennen.“ (Marx: „Kritik des Gothaer Programms“, 1875, Marx/Engels Werke Band 19, S. 13)

Der Programmentwurf enthielt einige Passagen, die direkt dem „Manifest der Kommunistischen Partei“ entlehnt waren, aber so unredigiert wurden, daß sie

„entweder total Falsches enthalten oder aber reinen Blödsinn“.
(Engels an August Bebel, 12. Oktober 1875, Marx/Engels Werke Band 34, S. 159.)

So wurde etwa die Einheit des internationalen Proletariats zur internationalen „Völkerverbrüderung“ verwässert, die Bündnispartner der Arbeiterklasse wurden ohne Einschränkung als „reaktionäre Masse“ bezeichnet usw.

Gegen diese grobe Verfälschung der Prinzipien des „Manifest der Kommunistischen Partei“, wie auch gegen die Verfälschung der ökonomischen Theorie führten Marx und Engels einen scharfen ideologischen Kampf unter dem Leitmotto:

„Man lasse sich auf keinen Prinzipienschacher ein.“
(Marx: „Kritik des Gothaer Programms“, 1875, Marx/Engels Werke Band 19, S. 14)

Bei einem genauen Studium des Kampfes von Marx und Engels zur Verteidigung des „Manifests der Kommunistischen Partei“ zeigt sich, wie eng und untrennbar der Kampf zur Verteidigung der Theorie mit der Verteidigung des Konzentrats dieser Theorie, ihrer Schlußfolgerungen, der Prinzipien verbunden ist.

Dies gilt in doppelter Hinsicht:

Zum einen zeigen Marx und Engels, daß sie sich bei der Verteidigung der Theorie nicht in untergeordnete Details verlieren, sondern stets den Kampf zur Verteidigung der Theorie zuspitzen auf entscheidende Prüfsteine, eben auf die Prinzipien und zentralen Schlußfolgerungen.

Zum Ändern aber wird klar, daß Marx und Engels die von ihnen erarbeiteten Prinzipien nicht losgelöst von der gesamten Theorie, sondern eben als deren Konzentrat, als aus ihr abgeleitet und durch sie begründet verteidigten, als grundlegende Anleitung zum Handeln, als entscheidendes Mittel für die Verbindung von Theorie und Praxis.

Gerade eine solche Verteidigung der Prinzipien, die die ganze Fülle der Argumente der Theorie des Marxismus heranzieht, ist eine der wichtigen Lehren aus der Polemik von Marx und Engels gegen den Entwurf des „Gothaer Programms“ und Vorbild im ideologischen Kampf.

2. Die Spekulationen der russischen „Volksfreunde“ mit den Besonderheiten Rußlands, um die allgemeine Gültigkeit der Theorie des Marxismus zu bestreiten

Als Lenin Ende des 19. Jahrhunderts den Kampf zur Verteidigung des Marxismus aufnahm, existierte als starke politische und ideologische Strömung die Bewegung der sogenannten „Volksfreunde“.

Die „Volksfreunde“ führten einen Kampf gegen den Marxismus, der dadurch gekennzeichnet war, daß sie die theoretischen Arbeiten von Marx, insbesondere das „Kapital“, lediglich als wertvolle Sammlung von „peinlich genauer Untersuchung“ und „geringfügigen Details“ hinstellten.

Die „Volksfreunde“ räsonierten: „Das ,Kapital’ enthält glänzende Seiten historischen Inhalts, aber…“.[51] Während sie also Marx einerseits wegen seiner „konkreten Analyse“ lobten, behaupteten sie andererseits, „es handle sich hier doch nur um eine Periode“, die im „Kapital“ analysiert sei, noch dazu um eine solche, die für die in Rußland gegebene Situation keine Gültigkeit und keine Bedeutung habe.

Lenin charakterisierte diese Methode, den Marxismus abzulehnen, folgendermaßen:

„Überwältigt von der ungeheuren Beweiskraft der Darlegung, macht man seinen Kratzfuß vor Marx, man lobt ihn, übersieht aber gleichzeitig völlig den grundlegenden Inhalt seiner Doktrin…“
(Lenin: „Was sind die ,Volksfreunde’ und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten“, 1894, Werke Band l, S. 124.)

Lenin konzentrierte sich zunächst darauf, umfassend die grundlegende Bedeutung des „Kapitals“ für die historisch-materialistische Analyse der Entwicklung des Kapitalismus als Gesellschaftsformation darzulegen.

Gegenüber den Spekulationen, daß die Entwicklung des Kapitalismus vor Rußland halt mache, daß der Marxismus für Rußland also keine Gültigkeit habe, erklärte Lenin, daß Marx die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus aufgrund seiner umfangreichen Studien herausgearbeitet hatte und daß nur auf ihrer Basis Besonderheiten verschiedener Länder analysiert werden können:

„…die Analyse der materiellen gesellschaftlichen Verhältnisse bot sofort die Möglichkeit, die Wiederholung und Regelmäßigkeit festzustellen und die Zustände in den verschiedenen Ländern verallgemeinernd zu dem Grundbegriff der Gesellschaftsformation zusammenzufassen. Erst diese Verallgemeinerung bot dann die Möglichkeit, von der Beschreibung der gesellschaftlichen Erscheinungen (und ihrer Beurteilung vom Standpunkt des Ideals) zu ihrer streng wissenschaftlichen Analyse überzugehen, die beispielsweise das hervorhebt, was das eine kapitalistische Land von einem anderen unterscheidet, und das untersucht, was ihnen allen gemeinsam ist.“ (Ebenda, S. 131.)

Es geht hier im Wesentlichen um die grundlegende Notwendigkeit, „in dem komplizierten Netz der sozialen Erscheinungen wichtige Erscheinungen von unwichtigen zu unterscheiden“ [52], nicht an der Oberfläche der Erscheinungen zu bleiben, sondern ihre tieferen Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten zu erfassen.

Lenins Kampf gegen die „Volksfreunde“ beinhaltete in erster Linie eine Verteidigung der Theorie des Marxismus, der allgemeinen Gültigkeit der Analyse des Kapitalismus.

Lenin hat allerdings nicht behauptet, daß Marx für alle Länder oder auch nur für Rußland bereits zu der zur Debatte stehenden konkreten Frage Stellung genommen hat, ob in Rußland kapitalistische Produktionsverhältnisse existieren. Das Gegenteil ist der Fall. Lenin zitiert einen Brief von Marx, in dem Marx diese Frage bewußt nicht beantwortet, sich noch nicht über den erreichten Stand festlegt, aber gleichzeitig betont:

„Strebt Rußland dahin, eine kapitalistische Nation nach westeuropäischem Vorbild zu werden (…) so wird es dies nicht fertigbringen, ohne vorher einen guten Teil seiner Bauern in Proletarier verwandelt zu haben.“ (Zitiert nach: Ebenda, S. 266.)

Der Sinn der Äußerung war also: Wenn Rußland eine kapitalistische Nation wird, dann gelten eben die Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus auch für Rußland, dann werden unter anderem eben auch Lohnarbeiter gebraucht, die sich notwendigerweise aus der Bauernschaft rekrutieren müssen.

Marx hatte die zur Debatte stehende Frage also noch nicht gelöst!

Wovon mußte man also ausgehen, wenn man die Frage entscheiden wollte?

Klar war, daß es ohne Untersuchung der konkreten Realität Rußlands nicht ging. Hatte die Theorie von Marx überhaupt nichts geleistet für die anstehenden Aufgaben der Analyse Rußlands? Die Pseudomarxisten in Rußland sagen klipp und klar: Nein, die Theorie von Marx gilt nur für Länder wie Westeuropa, er hat genau England untersucht, ein Land wie Rußland hat er nicht untersucht, also ist seine Theorie auf Rußland nicht anwendbar!

Lenin widerlegt in seiner ganzen Schrift gegen die „Volkstümler“ und gegen die legalen Marxisten diese Angriffe auf das „Kapital“ von Marx und erklärt, daß Marx die Gesetzmäßigkeit des Kapitalismus überhaupt untersucht hat, die Kriterien und Merkmale des Kapitalismus zwar aus dem Material vor allem Englands gewonnen, aber für den Kapitalismus überhaupt herausgearbeitet hat. Wenn sich also in einem Land Kapitalismus ausbreitet und entwickelt, dann ist dies nur festzustellen, wenn man von dieser von Marx erarbeiteten Theorie ausgeht, seine erarbeiteten Kriterien als Maßstab anlegt!

Gleichzeitig ging Lenin, auf dem Boden der Theorie von Marx und des marxistischen Prinzips der Hegemonie des Proletariats stehend, dazu über, durch Daten und Statistiken aus Rußland die Gültigkeit der marxistischen Theorie auch in Rußland zu illustrieren, und schließlich 1899 durch sein Werk „Die Entwicklung des Kapitalismus in Rußland“ die Besonderheiten Rußlands in den Zusammenhang mit den von Marx und Engels entdeckten und herausgearbeiteten grundlegenden Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung in der Zeit des Kapitalismus zu stellen und damit nachzuweisen, daß nicht der Bauer, sondern der

„Arbeiter der einzige und natürliche Repräsentant der gesamten werktätigen und ausgebeuteten Bevölkerung Rußlands ist.“ (Ebenda, S. 302.)

Lenin versetzte den Volkstümlern mit seiner Schrift „Was sind die ‚Volksfreunde’…“ also einen doppelten Schlag. Er widerlegte erst einmal die sophistisch-empiristische Demagogie der Volkstümler, daß Marx lediglich interessantes Material über England zusammengetragen habe, daß er angeblich keine Gesetzmäßigkeiten der herrschenden Gesellschaftsformation, nämlich der kapitalistischen, entwickelt habe. Zum zweiten beschäftigt er sich konkret mit der Frage, wie sieht es eigentlich in Rußland aus, existiert dort der Kapitalismus oder nicht. Bei der Beantwortung dieser Frage verwendet er die von Marx allgemein entwickelten Kriterien zur Entscheidung. Die Entscheidung selbst aber trifft er durch die konkrete Analyse der Wirklichkeit Rußlands.

Wenn wir in der Diskussion über die Schrift Lenins „Was sind die ‚Volksfreunde’…“ die Frage stellen, was war denn eigentlich der Ausgangspunkt Lenins, die Prinzipien oder die konkrete Lage, so ergibt ein Studium dieser Schrift, daß die genaue Kenntnis der marxistischen Theorie selbstverständlich der Ausgangspunkt für Lenin war, aber Lenin betonte auch, daß mit Hilfe dieses allgemeinen Ausgangspunktes auf konkrete Fragen keine konkreten Antworten gegeben werden können. Von genereller Bedeutung ist, daß Lenin in diesem Kampf klar herausstellte, daß es ein fundamentaler Unterschied ist, ob man

„die Grundthesen des Marxismus im Einklang mit den sich verändernden Verhältnissen und mit den lokalen Besonderheiten der verschiedenen Länder“
(Lenin: „Eine unkritische Kritik“, 1899, Werke Band 3, S. 654.)

anwendet und entwickelt oder aber, ob man unter Berufung auf noch nicht bzw. oberflächlich analysierte Besonderheiten eines Landes oder überhaupt unter Berufung auf neu entstandene Bedingungen die Grundthesen des Marxismus verneint.

3. Lenins Verteidigung von Theorie und Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus gegen den aufkommenden Revisionismus in „Was tun?“

Nachdem international – und auch in Rußland durch den Kampf Lenins – die Strömungen des „vormarxistischen Sozialismus“, der offenen Ablehnung des Marxismus, geschlagen waren, bemühten sich die verschiedenen opportunistischen Strömungen, bei scheinbarer Anerkennung des Marxismus im allgemeinen, durch gewisse „Korrekturen“ an seinen Prinzipien ihn seines Kerns zu berauben und ihm seinen revolutionären Inhalt zu nehmen.

Es entstand international der Revisionismus.

Lenin schrieb darüber:

„Der vormarxistische Sozialismus ist zerschlagen. Er kämpft weiter, doch nicht mehr auf eigenständigem Boden, sondern auf dem allgemeinen Boden des Marxismus, als Revisionismus.“
(Lenin: „Marxismus und Revisionismus“, 1908, Werke Band 15, S. 21.)

Um ihre bürgerlichen, nur „marxistisch“ verkleideten Positionen durchsetzen zu können, bemühten sich die Revisionisten, zunächst mit Bernstein an der Spitze, als erstes darum, eine bestimmte Atmosphäre zu schaffen, eine Atmosphäre, in der Prinzipienfestigkeit und das Festhalten an grundlegenden Beweisführungen und Schlußfolgerungen des Marxismus als „unmodern“, „verkalkt“, „fortschrittsfeindlich“ galten.

Der „Dogmatismus“ wurde zum Feind Nummer l erklärt und die „Freiheit der Kritik“ zum Schlagwort der Revisionisten gemacht, wobei sie darunter „Freiheit“ verstanden, mit den Grundprinzipien des Marxismus nach

Belieben umzuspringen und gegen sie den Angriff zu führen. Lenin begann in „Was tun?“ den systematischen Kampf gegen diese internationale revisionistische Strömung. Im ersten Kapitel von „Was tun?“, „Dogmatismus und Freiheit der Kritik“, zeigt Lenin zunächst, daß nun, im 20. Jahrhundert, die revisionistischen Strömungen einzelner Länder

„zum ersten Mal aus einem nationalen zu einem internationalen“
(Lenin: „Was tun?“, 1902, Werke Band 5, S. 361.)

Strom geworden sind.

Die Revisionisten der verschiedenen Länder bildeten

„eine einzige Familie, sie alle loben einander, lernen voneinander und ziehen gemeinsam gegen den ‚dogmatischen’ Marxismus zu Felde.“ (Ebenda, S. 362.)

Die Revisionisten brauchten dieses Geschrei, weil die revolutionären Prinzipien des Marxismus ihrer reformistischen Politik im Wege waren.

Lenin faßte die für die Revisionisten charakteristische Haltung knapp zusammen:

„Geleugnet wurde die Möglichkeit, den Sozialismus wissenschaftlich zu begründen und vom Standpunkt der materialistischen Geschichtsauffassung seine Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit zu beweisen; geleugnet wurde die zunehmende Verelendung, die Proletarisierung und die Zuspitzung der kapitalistischen Widersprüche; der Begriff ‚Endziel’ selbst wurde für unhaltbar erklärt und die Idee der Diktatur des Proletariats völlig verworfen; geleugnet wurde der prinzipielle Gegensatz von Liberalismus und Sozialismus; geleugnet wurde die Theorie des Klassenkampfes, die auf eine streng demokratische, nach dem Willen der Mehrheit regierte Gesellschaft angeblich unanwendbar sei, usw.“ (Ebenda, S. 362; Hervorhebung im Original.)

Lenin brandmarkte diese Haltung in schonungsloser Weise und bewies in „Was tun?“, daß diese Art von „Freiheit der Kritik“ „das Freisein von jeder geschlossenen und durchdachten Theorie, daß sie Eklektizismus und Prinzipienlosigkeit bedeutet.“ (Ebenda, S. 379.)

Lenin erinnerte an den Kampf von Marx gegen den „Prinzipienschacher“ und betonte, daß jegliche Abkehr von den Prinzipien „scharf verurteilt“ werden muß. Lenin zeigte unwiderlegbar, daß die revisionistische Propaganda gegen den „Dogmatismus“ nur die Kehrseite der Verachtung der revolutionären Prinzipien und der revolutionären Theorie darstellt. Gerade zur Verteidigung der revolutionären Prinzipien prägte Lenin auch die berühmten Worte:

„Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ (Ebenda, S. 379.)

Lenin unterstrich in diesem Zusammenhang die von Engels festgehaltene Erfahrung der revolutionären deutschen Arbeiterbewegung, die besagte, daß der Klassenkampf nicht nur den politischen und ökonomischen Kampf, sondern insbesondere auch den ideologischen Kampf umfaßt, daß der Klassenkampf unbedingt auch auf theoretischem Gebiet, zur Verteidigung der marxistischen Theorie geführt werden muß.[53]

Nur wenn die Kommunistinnen und Kommunisten sich von der revolutionären Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus leiten lassen, können sie im Kampf gegen Imperialismus und Opportunismus ihre Aufgaben erfüllen, denn die Praxis wird, wie Stalin lehrt, blind, wenn sie ihren Weg nicht durch die revolutionäre Theorie beleuchtet. Nur die revolutionäre Theorie

„kann der Bewegung Sicherheit, Orientierungsvermögen und Verständnis für den inneren Zusammenhang der sich rings um sie abspielenden Ereignisse verleihen…“
(Stalin: „Grundlagen des Leninismus“, 1924, Werke Band 6, S. 79.)

Die Partei kann nur wirklich Vortrupp der Arbeiterklasse sein, wenn sie

„mit einer revolutionären Theorie, mit der Kenntnis der Gesetze der Bewegung, mit der Kenntnis der Gesetze der Revolution gewappnet“ ist. (Ebenda, S. 153.)

4. Die Verteidigung der theoretischen Grundlagen des Marxismus in Lenins Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“

Nach der Niederlage der Revolution 1905 entwickelten sich in der revolutionären Bewegung Rußlands Tendenzen des Zerfalls und der Zersetzung, zeigten sich bei vielen Revolutionären Schwankungen. Die Reaktion schürte diese Tendenzen und eröffnete die Offensive gegen den Marxismus.

Es wurde zur Mode, über das „Versagen“ des Marxismus zu reden und den Marxismus zu kritisieren. Dabei wurde versucht, die Tendenz zum Verrat an den Prinzipien der Revolution, die Tendenz zu Kleinmut und Kapitulation auch auf philosophisch-weltanschaulichem Gebiet zu untermauern.

Um in dieser Situation die Gewißheit vom zukünftigen Sieg der Revolution, von der Möglichkeit der planmäßigen und organisierten Vorbereitung der Revolution auch unter den neu entstandenen Bedingungen unter den Bolschewiki zu festigen und in die Arbeiterklasse hineinzutragen, wurde es von erstrangiger Bedeutung, Klarheit und Sicherheit in den grundlegenden theoretischen Fragen des Marxismus zu schaffen. Grundfragen der marxistischen Philosophie, des dialektischen Materialismus, traten in den Vordergrund.

Insbesondere die Frage, ob es überhaupt möglich ist, die Welt und ihre Gesetzmäßigkeiten zu erkennen sowie die Frage, wie lange und unter welchen Bedingungen solche Erkenntnisse im Allgemeinen und die Erkenntnisse des Marxismus im Besonderen gültig sind, wurde aktuell.

Die Beantwortung all dieser Fragen wurde erschwert durch die Tatsache, daß es durchaus „nicht üblich“ war, daß Revolutionäre sich mit den philosophischen Theorien der Bourgeoisie und ihrer opportunistisch-revisionistischen Helfer auseinandersetzen.

Es war das große Verdienst Lenins in dieser Zeit der Stolypinischen Reaktion, durch eine umfassende Verteidigung des dialektischen Materialismus die bolschewistische Partei mit einer festen und unerschütterlichen theoretischen Grundlage auszustatten und die immer raffinierteren Verfälschungen des Marxismus in seinem Werk „Materialismus und Empiriokritizismus“ zu zerschlagen.

„Die entschiedene Abwehr dieses Zerfalls, der entschlossene und hartnäckige Kampf für die Grundlagen des Marxismus trat wieder auf der Tagesordnung.“
(Lenin: „Über einige Besonderheiten der Entwicklung des Marxismus“, 1910, Werke Band 17, S. 27; Hervorhebung im Original.)

a) Wie die Revisionisten versuchten, den von Engels im „Anti-Dühring“ gegen bürgerliche idealistische „Prinzipien“ geführten Kampf gegen die Prinzipien des Marxismus zu richten

In ihrem Bemühen, dem Marxismus einen Schlag zu versetzen, versuchten die Revisionisten, den Marxisten Friedrich Engels gegen den Marxismus auszuspielen, indem sie mit Vorliebe einige Passagen aus Engels’ Werk „Anti-Dühring“ im Munde führten. Sie trommelten ununterbrochen auf zwei oberflächlich wiedergegebenen und im Kern verfälschten Thesen von Engels herum, um nachzuweisen, daß der Marxismus keine „objektive Wahrheit“ ausdrücke, seine Prinzipien mit jeglicher Veränderung der Verhältnisse ebenfalls geändert werden müßten und daher über den Augenblick hinaus keine Bedeutung hätten. Sie verkündeten sogar, Engels habe einen grundsätzlichen Kampf gegen jegliche Prinzipien geführt und hätte jegliche ewige Wahrheit abgelehnt.

Diese faule Behauptung diente ihnen dazu, alle Prinzipien des Marxismus zu bestreiten, ja die Gültigkeit des Marxismus überhaupt abzulehnen.

Im Kampf gegen diese Verdrehungen machte Lenin klar:

Erstens polemisierte Engels nicht gegen Prinzipien an sich, sondern nur gegen eine bestimmte Art von Prinzipien und eine bestimmte Auffassung von Prinzipien.

Was Dühring als von ihm entdeckte „Prinzipien“ lang und breit ausposaunte, waren nämlich der Wirklichkeit übergestülpte und sie vergewaltigende Konstruktionen und Schemata im Sinne bürgerlich-idealistischer Moralkodexe und Verhaltensregeln, die mit den theoretischen Prinzipien der marxistischen Lehre nicht das Geringste zu tun hatten. Engels lehnte solche künstlichen, wirklichkeitsfremden „Prinzipien“ natürlich ab und bewies, daß sie einfach falsch sind, Erfindungen der bürgerlichen Klasse, um das Proletariat niederzuhalten. Engels kämpfte gegen die bürgerlichen „Prinzipien“ Dührings, weil sie bürgerlich waren und nicht, weil es Prinzipien waren.

Die wirklichen, richtigen Prinzipien auf dem Gebiet der Naturwissenschaften und Gesellschaftswissenschaften können, wie Engel zeigte, keinesfalls Erfindungen begnadeter Gestalten vom Schlage Dührings sein. Vielmehr sind sie Produkt gründlicher wissenschaftlicher Analyse der Gesetzmäßigkeiten von Natur und Gesellschaft. Dies betonte Engels insbesondere, indem er gegenüber der Dühringschen Gedankenakrobatik darstellte, wie Marx bestimmte Gesetzmäßigkeiten und Prinzipien erst nach langen Untersuchungen und durch genaue Analysen formuliert hat. Engels unterstrich in diesem Sinne mit aller Deutlichkeit:

„Die Prinzipien sind nicht der Ausgangspunkt der Untersuchung, sondern ihr Endergebnis; (…) die Prinzipien sind nur insoweit richtig, als sie mit Natur und Geschichte stimmen.“
(Engels: „Anti-Dühring“, 1878, Marx/Engels Werke Band 20, S. 33.)

Damit machte Engels klar, welchen Charakter die Prinzipien des Marxismus haben und zeigte vor allem, wie sie entstanden sind.

Die Revisionisten versuchen immer wieder, diesen eindeutigen Zusammenhang der Worte Engels’ zu verleugnen und sie als Antwort auf eine ganz andere Frage zu mißbrauchen, um ihren Revisionismus zu rechtfertigen.

Diese andere Frage besteht darin, ob man die wissenschaftlichen, nicht künstlich erfundenen, sondern auf die von Engels beschriebene Weise herausgearbeiteten, den Erscheinungen zugrundeliegenden Prinzipien als Ausgangspunkt und Werkzeug weiterer Erkenntnis benutzen muß oder dieses Resultat einer gewaltigen theoretischen Arbeit negieren kann.

Hierzu hat Engels im „Anti-Dühring“ nicht Stellung genommen, und es wäre ein arges Mißverständnis und ein offenkundiger Mißbrauch, das oben genannte Zitat Engels als Antwort auf diese Frage zu betrachten.

Lenin mußte sich mit dieser revisionistischen Verfälschung der Feststellungen von Engels auseinandersetzen, weil die Revisionisten versuchten, Engels als Kronzeugen gegen den Marxismus und seine Prinzipien auszuspielen. Wie Lenin zeigte, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man nimmt die schon gewonnenen und bewiesenen Prinzipien, die Theorie des Marxismus als Ganzes, zum Ausgangspunkt weiterer detaillierter Untersuchungen – oder aber man betrachtet im Grunde die gesamte Arbeit von Marx und Engels als mehr oder minder wertlos, bzw. betrachtet die eigene Untersuchung als Ausgangspunkt.

In diesen zwei Herangehensweisen unterscheiden sich, wie Lenin in seiner Polemik insbesondere gegen Bogdanow herausstellte, Marxisten und Revisionisten.

Zweitens bestritt Engels, wie Lenin aufzeigte, keineswegs die Tatsache, daß es bewiesene Wahrheiten gibt, die ihren Wahrheitsgehalt auf Dauer behalten, insofern also sozusagen „ewige Wahrheiten“ sind. Die Frage stand anders.

„Dühring pflegte in den kompliziertesten Fragen der Wissenschaft überhaupt und in der Geschichtswissenschaft insbesondere mit Worten, um sich zu werfen wie: die letzte, die endgültige, die ewige Wahrheit. Engels verlachte ihn: Allerdings, antwortete er, gibt es ewige Wahrheiten, es ist aber unvernünftig, gewaltige Worte auf sehr einfache Dinge anzuwenden. Um den Materialismus fortzuentwickeln, muß man das abgeschmackte Spiel mit dem Wort ewige Wahrheit aufgeben…“
(Lenin: „Materialismus und Empiriokritizismus“, 1908, Werke Band 14, S. 127.)

Lenin führte aus, daß gerade die wesentlichen Schlußfolgerungen des Marxismus durch die Praxis bewiesene „objektive Wahrheiten“ sind. Auch keine zukünftige Entwicklung kann daran etwas ändern, daß aus der Praxis entstandene und durch die Praxis bewiesene Feststellungen und wissenschaftliche Erkenntnisse wahr sind und wahr bleiben. Dies zu leugnen würde bedeuten, den dialektischen Materialismus zu bloßem Relativismus zu verfälschen.

All diese Klarstellungen Lenins waren nicht nur notwendig, um Engels gegen seine falschen Freunde zu verteidigen, sondern gerade auch eine unbedingte Voraussetzung, um den zu jener Zeit zunehmenden revisionistischen Attacken auf die Gültigkeit der marxistischen Theorie und ihrer Prinzipien entgegenzutreten.

b) Lenins Klarstellung, unter welchen Bedingungen Theorie und Prinzipien des Marxismus gültig sind

Bogdanow und die anderen Revisionisten nach ihm haben immer wieder versucht, die Marxisten in eine Art Zugzwang zu bringen:

Marx hat zu seiner Zeit seine Theorie bewiesen, heute müßt ihr sie neu beweisen, wenn ihr behauptet, daß sie noch gültig sei – so verlangen sie im Chor mit den Ideologen der Bourgeoisie.

Die ganze Fragestellung ist aber demagogisch und falsch, denn Marx und Engels haben ihre Theorie eben nicht bloß aus vorübergehend wirkenden Erscheinungen geschöpft und mit kurzfristig auftretenden Umständen begründet, sondern haben ursächliche Zusammenhänge aufgedeckt, umfassende Verallgemeinerungen vorgenommen und Schlußfolgerungen erarbeitet, die – unabhängig von den Veränderungen der konkreten Erscheinungsformen – ihre Gültigkeit behalten. Die Marxisten müssen heute natürlich erneut diese Marxsche Beweisführung propagieren und auch mit neuem Tatsachenmaterial illustrieren – aber dabei handelt es sich selbstverständlich nicht um den Versuch, die Lehren des wissenschaftlichen Kommunismus und seine Prinzipien neu zu entwickeln und noch einmal von vorne zu

beginnen. Das Geschrei der Revisionisten, man müsse „neue Beweise“ für die Richtigkeit des wissenschaftlichen Kommunismus erbringen, ist umso demagogischer, als es ihnen noch nie gelungen ist, die „altbekannte“ Marxsche Beweisführung zu widerlegen.

Natürlich sind gesellschaftliche Gesetzmäßigkeiten bedingt. Zum Beispiel sind die Gesetze der Mehrwertproduktion gültig unter den Bedingungen des Kapitalismus, aber nicht gültig unter den Bedingungen sozialistischer Produktionsverhältnisse. Trotzdem bleibt auch unter sozialistischen Produktionsverhältnissen die Theorie der Mehrwertproduktion im Kapitalismus eine objektive Wahrheit, auch wenn die Gesetze der Mehrwertproduktion zum Beispiel im Kommunismus nicht wirken können.

Die Gültigkeit, d. h. die Wirksamkeit einer bestimmten Gesetzmäßigkeit unter diesen oder jenen Bedingungen, und ihr Charakter als eine objektive Wahrheit, das sind zwei ganz verschiedene Dinge, die man nicht durcheinanderbringen darf.

Eben das tun jedoch die Revisionisten. Sie stiften hier Konfusion, wie Lenin am Beispiel Bogdanows zeigt, der unter der Flagge des Kampfes gegen angeblichen „Dogmatismus“ die überragende Rolle der marxistischen Theorie als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen verleugnete.

Lenin schreibt dazu:

„Bogdanow zum Beispiel läßt Marx’ Theorie des Geldumlaufs als objektive Wahrheit nur, für unsere Zeit’ gelten und nennt es ‚Dogmatismus’, wenn man dieser Theorie eine ,übergeschichtlich-objektive’ Wahrheit zuerkennt.“ (Ebenda, S. 138.)

Lenin fährt, diese Konfusion entlarvend, fort:

„Daß diese Theorie der Praxis entspricht, kann durch keine künftigen Umstände geändert werden, und zwar aus demselben einfachen Grunde, aus welchem die Wahrheit, daß Napoleon am 5. Mai 1821 gestorben ist, ewig ist. Da aber das Kriterium der Praxis – d. h. der Verlauf der Entwicklung aller kapitalistischen Länder in den letzten Jahrzehnten – nur die objektive Wahrheit der ganzen sozialökonomischen Theorie von Marx überhaupt, und nicht die irgendeines Teils, einer Formulierung u. dgl. beweist, so ist klar, daß es ein unverzeihliches Zugeständnis an die bürgerliche Ökonomie ist, wenn hier von ,Dogmatismus’ der Marxisten gesprochen wird. Die einzige Schlußfolgerung aus der von den Marxisten vertretenen Auffassung, daß die Theorie von Marx eine objektive Wahrheit ist, besteht im Folgenden: Auf dem Wege der Marxschen Theorie fortschreitend, werden wir uns der objektiven Wahrheit mehr und mehr nähern (ohne sie jemals zu erschöpfen); auf jedem anderen Wege aber können wir zu nichts anderem gelangen als zu Konfusion und Unwahrheit.“ (Ebenda; Hervorhebungen im Original.)

An dieser Formulierung Lenins sticht unserer Meinung nach besonders hervor, daß in ihr betont wird, daß alle weiteren Untersuchungen nur fruchtbar sein können, wenn sie von der marxistischen Theorie ausgehen und sich auf sie stützen, während gleichzeitig gegenüber wirklichen Gefahren des Dogmatismus die Notwendigkeit unterstrichen wird, auf dem Wege der Marxschen Theorie fortzuschreiten, also den Marxismus ständig weiterzuentwickeln.

Lenin hat mit der Klarstellung dieser philosophischen Fragen die Partei der Bolschewiki in doppelter Hinsicht gewappnet:

Einerseits hat er durch das tiefe Verständnis der Bedingungen der Gültigkeit der Theorie und der Prinzipien des Marxismus klargestellt, daß die Revision, der für die ganze historische Periode des Kapitalismus geltenden Hauptsätze des Marxismus bekämpft und zurückgewiesen werden muß, soll nicht gerade das Wesentliche am Marxismus verlorengehen. Andererseits hat ihm aber die dialektisch-materialistische Betrachtung der Gültigkeit der einzelnen Thesen und Prinzipien der marxistischen Theorie ermöglicht, stets die Frage nach den Bedingungen der Gültigkeit von Schlußfolgerungen und Prinzipien von Marx zu stellen und so bei einigen nicht für die ganze historische Etappe des Kapitalismus gültigen Aussagen des Marxismus zu erkennen, daß sie in der neu anbrechenden Epoche des Imperialismus überholt sind, verworfen und durch neue, von bestimmten Bedingungen abhängige Schlußfolgerungen ersetzt werden müssen.

5. Lenins Kampf gegen den Revisionismus der II. Internationale unter den Bedingungen der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution

Lenins Weiterentwicklung der Ideen von Marx und Engels stand im Zusammenhang mit der neuen Epoche, der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution. Wesentliche Punkte dafür sind:

  • Die Epoche des Imperialismus zeichnet sich unter der Fragestellung der Vorbereitung und Durchführung der proletarischen Revolution dadurch aus, daß sie

„die Periode offener Zusammenstöße der Klassen, die Periode revolutionärer Aktionen des Proletariats, die Periode der proletarischen Revolution, die Periode der direkten Vorbereitung der Kräfte zum Sturz des Imperialismus, zur Ergreifung der Macht durch das Proletariat (ist).“
(Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus“, 1924, Werke 6, S. 150.)

Daraus ergeben sich für die Kommunistische Partei die Aufgaben,

„die Arbeiter im Geiste des revolutionären Kampfes, um die Macht zu erziehen, Reserven auszubilden und heranzuziehen, das Bündnis mit den Proletariern der benachbarten Länder herzustellen, feste Verbindungen mit der Befreiungsbewegung der Kolonien und der abhängigen Länder zu schaffen usw. usf.“ (Stalin: ebenda, S. 150.)

  • In der Epoche des Imperialismus sind die objektiven Bedingungen weltweit reif für die Zerschlagung des Kapitalismus und die Errichtung des Sozialismus. Die objektive Möglichkeit der Hegemonie des Proletariats in der sozialistischen Revolution vergrößert sich, weil durch die Monopolbildung und die Konzentration des Kapitals auch das Proletariat wächst und sich konzentriert. Aufgrund dessen arbeitete Lenin gerade die überragende Rolle des subjektiven Faktors, der Bewußtheit und Organisiertheit der Kommunistischen Partei und des revolutionären Proletariats für den Sieg der Revolution heraus.
  • Der Imperialismus ist aber auch die Epoche der Spaltung der Arbeiterbewegung. Mittels seiner Extraprofite züchtet der Imperialismus die Schicht der Arbeiteraristokratie heran. Diese bildet die wichtigste materielle Basis für die Spaltung der Arbeiterbewegung durch die Opportunisten, die Agenten der Imperialisten in der Arbeiterbewegung. Aufgabe der Opportunisten ist es, sich darauf zu konzentrieren, die Schaffung des subjektiven Faktors zu verhindern, der für den Sieg der Revolution notwendig ist: die revolutionäre Kommunistische Partei und die Bewußtheit und Organisiertheit der Arbeiterinnen und Arbeiter sowie das enge Bündnis vor allem mit den ausgebeuteten und werktätigen Massen der Bauernschaft im Kampf für die proletarische Revolution. Dieses konterrevolutionäre Ziel verfolgen sie ideologisch, indem sie den objektiven Faktor anbeten, die Spontaneität predigen. Durch den Reformismus, die Verherrlichung dessen, „was ist“, bleibt die Bewegung im Rahmen des Kapitalismus und Imperialismus, werden der bürgerliche Staat und die Herrschaft der Bourgeoisie nicht ernsthaft bedroht.
  • Nachdem die bürgerliche Ideologie durch den ideologischen und theoretischen Siegeszug des wissenschaftlichen Kommunismus gezwungen war, sich „marxistisch“ zu verkleiden, bringt es der Imperialismus mit sich, daß die proletarische Ideologie insbesondere durch die revisionistische Form der bürgerlichen Ideologie bekämpft wird, die formal den Marxismus anerkennt. Daraus ergibt sich, daß der Kampf gegen den Revisionismus in der Arbeiterbewegung und in der Partei eine entscheidende Grundlage der Kommunistischen Partei selbst ist.

Die ungeheuren Widerstände, gegen die sich Lenin und die Bolschewiki bei der Ausarbeitung und Durchsetzung der Grundlagen der leninistischen Partei neuen Typs durchsetzen mußten, lassen sich nur vor diesem Hintergrund verstehen. Die grundlegenden Werke Lenins müssen in dem Bewußtsein dieses gigantischen internationalen ideologischen Kampfes gegen den Revisionismus der II. Internationale studiert werden, auch wenn diese Werke unmittelbar vor allem als Waffen für den Aufbau der Kommunistischen Partei im damaligen Rußland entstanden sind.

Die Praxis bestätigte die Richtigkeit dieser Lehren durch den Sieg der proletarischen Revolution in Rußland 1917. Der Weg der Bolschewiki war auch der praktische Beweis für die sich revolutionierenden proletarischen und werktätigen Massen in vielen anderen Ländern, daß eine Kommunistische Partei wirklich machbar ist. Der Weg der Bolschewiki war die revolutionäre Alternative zum Weg des Verrats, des Sozialchauvinismus und der Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie der Parteien der II. Internationale, zum Weg des Revisionismus.

„Der revolutionäre Marxismus ist tot!“, hatten die antikommunistischen Propagandisten angesichts der Kriegskreditbewilligungen der sozialdemokratischen Parlamentsfraktionen 1914 in Deutschland und anderswo gehöhnt. Schon unmittelbar nach Kriegsausbruch hatte das ZK der Bolschewiki in einem von Lenin verfaßten Aufruf diesem ganzen Pack entgegengeschleudert:

„Die proletarische Internationale ist nicht untergegangen und wird nicht untergehen. Die Arbeitermassen werden trotz aller Hindernisse eine neue Internationale schaffen. (…) Es lebe der internationale Bruderbund der Arbeiter gegen den Chauvinismus und Patriotismus der Bourgeoisie aller Länder! Es lebe die vom Opportunismus befreite proletarische Internationale!“
(Lenin: „Der Krieg und die russische Sozialdemokratie“, 1914, Werke Band 21, S. 20/21.)

Mit der tiefen wissenschaftlichen Erkenntnis und Überzeugung, daß nicht der Marxismus „versagt“, sondern der Verrat der opportunistischen Führer zum Fiasko geführt hatte, gingen Lenin und die Bolschewiki in einer gewiß nicht einfachen Lage mit einer geradezu unglaublichen Energie daran, eine neue, vom Opportunismus gereinigte und ihn unversöhnlich bekämpfende Internationale zu schaffen.

Dieses Projekt einer neuen, weltumspannenden kommunistischen Organisation erschien zunächst ein geradezu hoffnungsloses Unterfangen zu sein. Doch die Entwicklung sollte schon bald zeigen, daß die Linie Lenins, sich einzig und allein von einer prinzipienfesten Politik leiten zu lassen, die einzig richtige Politik war. Da die Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus nichts idealistisch Ausgedachtes sind, sondern die Gesetzmäßigkeiten der objektiven Wirklichkeit, die Gesetzmäßigkeiten des Klassenkampfes widerspiegeln, konnte es nicht anders sein, als daß die Realität den Kräften, welche ungeachtet aller Schwierigkeiten die Grundinteressen des internationalen Proletariats verfochten, „zur Hilfe kam“.

Die noch auf den Kongressen der II. Internationale in Stuttgart 1907 und in Basel 1912 vorausgesagte gesellschaftliche Krise im Zusammenhang mit den Gräueln des imperialistischen Gemetzels trat ein:

  • In Rußland siegte die proletarische Revolution und das Proletariat erkämpfte unter der Führung der Bolschewiki die Diktatur des Proletariats. Der Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution 1917 hatte welthistorische Bedeutung: Die Oktoberrevolution hatte unter Führung der bolschewistischen Partei die Front des Weltimperialismus zum ersten Mal siegreich durchbrochen, sie hat auf einem Sechstel der Erde die Ausbeuter gestürzt, die Diktatur des Proletariats errichtet und begonnen, den Sozialismus aufzubauen im Klassenkampf gegen die Kräfte der internationalen Konterrevolution und die gestürzten Ausbeuter in der Sowjetunion selbst. Die proletarische Weltrevolution zur Vernichtung des Weltimperialismus hatte begonnen.
  • In Deutschland, Finnland, Österreich, Ungarn und anderswo führte die Empörung der Arbeiterinnen und Arbeiter zu machtvollen Klassenaktionen, um das imperialistische Morden zu beenden, Truppen rebellierten, um mit dem Krieg Schluß zu machen (Matrosenaufstände in Cattaro und Kiel), die Soldaten verbrüderten sich an der Front, und es kam zu bewaffneten Kämpfen und Erhebungen (Novemberrevolution in Deutschland, ungarische Räterepublik).

Im Zuge dieses Aufschwungs der Revolution, inspiriert durch den Sieg der Oktoberrevolution, schritten die antirevisionistischen Kräfte in verschiedenen Ländern zur Gründung Kommunistischer Parteien, so in Finnland, Ungarn, Polen, Österreich und Deutschland.

Als Ergebnis der Ausstrahlung der Oktoberrevolution, auf ihren Wogen und als Antwort auf den konterrevolutionären Verrat der II. Internationale wurde in Moskau im März 1919, mitten im wütenden Bürgerkrieg des Weltimperialismus gegen das erste Land des Sozialismus, die Kommunistische Internationale gegründet. Hervorgegangen aus dem Kampf gegen den Opportunismus, geschaffen im Feuer der Revolution, waren damit in der Tat die Kräfte der neuen, wahrhaft kommunistischen Internationale entstanden, die sich zum Schrecken der Bourgeoisie schon bald zu einer weltumspannenden revolutionären Organisation entwickeln sollte. Ihre historische Rolle sah die III., die Kommunistische Internationale selbst so:

„Sie betrachtet sich als die Vollstreckerin des historischen Vermächtnisses der von Marx unmittelbar geleiteten Organisationen, des ‚Bundes der Kommunisten’ und der Ersten Internationale, und als Erbin der besten Überlieferungen der Zweiten Internationale aus der Vorkriegszeit. Die Erste Internationale schuf die geistigen Voraussetzungen des internationalen Kampfes des Proletariats für den Sozialismus. Die Zweite Internationale bereitete in ihren besten Tagen unter den Massen den Boden für die breite Entfaltung der Arbeiterbewegung. Die Dritte, die Kommunistische Internationale führt das Werk der Ersten Internationale fort, sie erntete die Früchte der Arbeit der Zweiten Internationale, verwarf aber entschieden ihren Opportunismus und Sozialchauvinismus sowie die bürgerliche Verfälschung des Sozialismus und hat die Verwirklichung der proletarischen Diktatur begonnen.“[54]

Dabei legte die Kommunistische Internationale in ihrem Programm folgende prinzipielle Grundlage für ihre theoretische und praktische Tätigkeit fest:

„Gestützt auf die historische Erfahrung der revolutionären Arbeiterbewegung aller Weltteile und aller Völker, steht die Kommunistische Internationale in ihrem theoretischen und praktischen Wirken ohne jeden Vorbehalt auf dem Boden des revolutionären Marxismus und seiner weiteren Ausgestaltung, des Leninismus, der nichts anderes ist als der Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution.“[55]

Den jungen Kommunistischen Parteien der Kommunistischen Internationale stellten sich mit aller Schärfe eine ganze Reihe brennender Fragen:

  • Wie konnte verhindert werden, daß die Parteien der Kommunistischen Internationale nicht wie die Parteien der II. Internationale den Weg in den Sumpf gehen?
  • Was mußte getan werden, um die noch vorhandenen revisionistischen Einflüsse in diesen Parteien zu überwinden?
  • Wie konnten, wie mußten sich die jungen Kommunistischen Parteien konsolidieren, auf welchem Weg konnten und mußten sie sich zu starken Kommunistischen Parteien entwickeln, die fähig sind, die Mehrheit des Proletariats für den Kommunismus zu gewinnen, siegreich in den Kampf für die sozialistische Revolution zu gehen?

Die sozialistische Oktoberrevolution hatte in der Praxis zwar bewiesen, daß die Partei neuen Typs, die mit dem wissenschaftlichen Kommunismus ausgerüstet ist, das Instrument des Proletariats zum Sturz der Bourgeoisie im Bürgerkrieg und zur Errichtung der Diktatur des Proletariats ist. Doch die Verallgemeinerung dieser Erfahrungen und Lehren stand als Aufgabe großteils noch an, mußte gegen wütende Attacken der Revisionisten sowie auch falsche Vorstellungen in den Reihen der Kommunistischen Parteien durchgesetzt werden.

Getragen von Aufständen und Rätebewegungen in imperialistischen Ländern und der sich entwickelnden revolutionären Bewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern, entstand eine internationale Organisation, die zu Anfang vor allem aus Kommunistischen Parteien und Kräften bestand, die sich von den opportunistischen Parteien der II. Internationale erst teilweise ideologisch gelöst hatten.[56]

Die 1919 gegründete Kommunistische Internationale, die III. Internationale stellte sich angesichts dieser Situation die Aufgabe,

„die revolutionäre Erfahrung der Arbeiterklasse zusammenzufassen, die Bewegung von den zersetzenden Beimischungen des Opportunismus und Sozialpatriotismus zu reinigen, die Kräfte aller wirklich revolutionären Parteien des Weltproletariats zu sammeln.“[57]

In Bezug auf die Frage der Kommunistischen Parteien wurden diese Aufgaben vor allem durch die Schaffung von gedrängten und kompakten Resolutionen zur Partei neuen Typs angepackt, die sich die Aufgabe stellten, diese internationale kommunistische Organisation nicht durch die Ideologie und Traditionen der II. Internationalen verwässern zu lassen.

Vor allem in den „Leitsätzen über die Aufnahme in die Kommunistische Internationale“ („21 Aufnahmebedingungen“)[58] wird auf dem II. Weltkongreß 1920 ein Rahmen gesetzt für die Anforderungen an die zahlreichen revolutionären und kommunistischen Organisationen, die in einer Phase des revolutionären Aufschwungs nach dem Sieg der Oktoberrevolution der III. Internationale beitraten oder beitreten wollten. Sie richteten sich entschieden gegen die sich chamäleonartig anpassenden Opportunisten, die in die Kommunistische Internationale hineindrängten, um dort im Grunde die alte rechtsopportunistische Politik weiterzuführen. Die Kommunistische Internationale war gewissermaßen Mode geworden. Die“21 Aufnahmebedingungen“ sollten gegen das Eindringen opportunistischer und unzuverlässiger Elemente ein Hindernis aufrichten. Noch mehrsollten sie Instrument sein, um die Reinigung der neugegründeten Kommunistischen Parteien von den opportunistischen Elementen voranzutreiben.

  • In den „Leitsätzen“ wird als zentrale Lehre aus dem Versagen der II. Internationale für den Kampf gegen den Opportunismus gefordert:

Wirklich mit dem Opportunismus brechen; ihn nicht einfach dulden, ihm nicht tatenlos zusehen, sondern ihn unbedingt bekämpfen, und zwar nicht nur in Worten und Erklärungen, sondern ebenso durch Taten.

  • Die Leitsätze fordern daher von den Mitgliedsparteien der Kommunistischen Internationale, daß die gesamte Agitation und Propaganda wirklich kommunistischen Charakter trägt. Dieses bedeutet gerade und vor allem, die Diktatur des Proletariats als überzeugende Alternative für die Befreiung der proletarischen Massen und nicht nur als eingepaukte Formel zu propagieren.
  • Dies erfordert, nicht nur die Bourgeoisie, sondern auch ihre Helfershelfer, Reformisten und Opportunisten systematisch zu entlarven und aus der Arbeiterbewegung zu vertreiben. Es gibt kein Recht für notorische Opportunisten, als Angehörige der Kommunistischen Internationale zu gelten. Aus der Partei, aber auch aus den Gewerkschaften, Parlamentsfraktionen und Genossenschaften sind die Reformisten und Zentristen zu entfernen und durch proletarisch-revolutionäre, kommunistische Kader zu ersetzen.
  • Proletarischer Internationalismus muß jede Partei der Kommunistischen Internationale auszeichnen. Nach dem Überlaufen der Parteien der u. Internationale – im Gegensatz zu den Bolschewiki – auf die Seite der jeweils „eigenen“ Bourgeoisie im imperialistischen Krieg, trotz vorher gegenteiliger Erklärungen, fordert die KI von ihren Mitgliedsparteien:
  • Entlarvung des Sozialchauvinismus und auch des Sozialpazifismus.

In den Ländern, in denen die Bourgeoisie im Besitz von Kolonien ist und andere Nationen unterdrückt, eine „besonders ausgeprägte und klare Stellungnahme“ in den Fragen der Kolonien und unterdrückten Nationen einzunehmen. Die Kommunistische Partei ist verpflichtet,

„die Machinationen ‚ihrer’ Imperialisten in den Kolonien schonungslos zu entlarven, jede Freiheitsbewegung in den Kolonien nicht nur in Worten, sondern durch Taten zu unterstützen, die Verjagung ihrer eigenen Imperialisten aus diesen Kolonien zu fordern, in den Herzen der Arbeiter ihres Landes wahrhaft brüderliche Gefühle für die werktätige Bevölkerung der Kolonien und der unterdrückten Nationen zu wecken und in der Armee ihres Landes eine systematische Agitation gegen jegliche Unterdrückung der Kolonialvölker zu treiben.“
(Lenin: „Bedingungen für die Aufnahme in die Kommunistische Internationale“, 1920, Werke Band 31, S. 196.)

  • Jede Sowjetrepublik auf der Welt im Kampf gegen die konterrevolutionären Kräfte mit aller Kraft zu unterstützen.
  • Das Vertrauen in die bürgerliche Legalität, der Legalismus, der sich in der Zeit der „friedlichen Entwicklung“, der Zeit der II. Internationale, tief in den Reihen der Arbeiterbewegung festgesetzt hat und die revolutionären Kräfte dem Wüten der Reaktion schutzlos auslieferte, mußte im bewaffneten Kampf zerschlagen werden. Die KI stellte fest, daß der Klassenkampf in fast allen Ländern Europas und Amerikas in die Phase des Bürgerkriegs eintrat und forderte unbedingte Vorbereitung der Kommunistischen Partei auf den weißen Terror, den Aufbau eines illegalen Apparates und die Verbindung der legalen mit der illegalen Arbeit. In diesem Rahmen galt es auch, die Parlamentsfraktion als eine legale Stellung der Kommunistischen Partei für illegale Aktivitäten landesweit auszunutzen, wie es die Bolschewiki im zaristischen Rußland beispielhaft verstanden haben.
  • Im Gegensatz zum parlamentarischen Kretinismus sah die KI die Arbeit der kommunistischen Parlamentsfraktion nur als „Hilfsstützpunkte ihrer revolutionären Tätigkeit“, die „ganz und gar dem Massenkampf außerhalb des Parlaments“ unterzuordnen war und jegliche Illusionen in einen „friedlich-parlamentarischen Weg zum Sozialismus“ bekämpfen mußte.

In den „Leitsätzen“ wird gefordert, jede Parlamentsfraktion einer Revision zu unterwerfen, sie direkt der Parteileitung zu unterstellen und nicht unabhängig wirken zu lassen.

  • Im Kampf gegen legalistische, reformistische Vorstellungen fordert die Kommunistische Internationale die systematische und beharrliche revolutionäre Arbeit in den Massenorganisationen der Arbeiterinnen und Arbeiter, stellt die Wichtigkeit der Organisierung durch kommunistische Zellen in den Betrieben und Massenorganisationen heraus, wendet sich gegen eine Vernachlässigung der kommunistischen Arbeit auf dem Land und gegen einen Verzicht auf die systematische – meist illegale – revolutionäre Arbeit in der Armee.
  • Die Kommunistische Partei ist auf Grundlage des demokratischen Zentralismus aufzubauen.
  • Die kommunistische Presse, Zeitungen und Verlage, müssen der Parteileitung unterstellt sein.
  • Gerade die Kommunistischen Parteien, die in ihren Ländern legal arbeiten können, „müssen periodisch Reinigungen (Umregistrierungen) des Mitgliederbestandes der Parteiorganisationen vornehmen, um die Partei systematisch von kleinbürgerlichen Elementen zu säubern, die sich unweigerlich an sie anschmieren“.[59]

Unserer Meinung nach sind das alles prinzipielle Punkte, an denen die Theorie und Praxis jeder Kommunistischen Partei gemessen werden muß.[60]

6. Der Revisionismus Kautskys und seine dogmatische Demagogie

Mit der zunehmenden Verschärfung der Widersprüche des Kapitalismus, dem Herannahen der proletarischen Revolution verschärfte sich auch der Kampf zwischen der von Lenin geführten marxistischen Linie und der revisionistischen Strömung mit Kautsky als ihrem Hauptvertreter.

Angesichts des direkten politischen Verrats Kautskys, der die Arbeiterinnen und Arbeiter unmittelbar zur Unterstützung der imperialistischen Bourgeoisie aufrief, begnügte sich Lenin keinesfalls damit, lediglich diesen politischen Verrat zu brandmarken, sondern er analysierte zugleich allseitig die theoretische Verfälschung des Marxismus durch Kautsky. Dabei konzentrierte sich Lenin insbesondere in seinen Werken „Staat und Revolution“ und „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ auf die Widerlegung der revisionistischen Verfälschung der Hauptlehren des Marxismus über die Notwendigkeit der bewaffneten Zerschlagung des alten Staatsapparates und der Errichtung der Diktatur des Proletariats.[61]

Das war der Kern des Kautskyanertums. Der Kampf gegen den Revisionismus Kautskys war jedoch in der Zeit, als sich der vormonopolistische Kapitalismus in den Imperialismus verwandelte, durch eine Besonderheit erschwert.

Kautsky versuchte damals „den Spieß umzudrehen“, seinen Ruf als „orthodoxer“ Marxist, den er sich im Kampf gegen Bernstein erworben hatte, zu verteidigen und seinerseits die Bolschewiki, Lenin und Stalin, als „Revisionisten“ darzustellen.

Durch den Übergang des Kapitalismus in sein höchstes Stadium, in den Imperialismus, waren die Marxisten tatsächlich vor die schwierige Aufgabe gestellt, zu entscheiden, welche Thesen des Marxismus in dieser neuen Epoche ihre volle Gültigkeit behielten und welche Thesen in dieser Epoche nicht mehr anwendbar waren und durch neue Thesen ersetzt werden mußten.

Der Kampf Lenins gegen den philosophischen Relativismus und für den dialektischen Materialismus ermöglichte den Bolschewiki, beim Studium der Lehren von Marx und Engels genau zu analysieren, welchen geschichtlichen Zusammenhang bestimmte Prinzipien voraussetzten, in welchem sie also gültig und anwendbar waren.

So konnten die Bolschewiki unter Führung Lenins präzise jene Lehren von Marx und Engels, die aus der umfassenden Analyse des Kapitalismus gewonnen waren und für die ganze Zeitspanne der Existenz des Kapitalismus gültig sind, unterscheiden von jenen spezifischen strategischen Prinzipien, die aus den Besonderheiten des aufsteigenden Kapitalismus gewonnen waren und auch nur für diese Zeitspanne Geltung beanspruchen konnten.

Erstere Prinzipien des Marxismus mußten unbedingt verteidigt werden, die zweite Kategorie von Prinzipien jedoch mußte unter den Bedingungen des Imperialismus verworfen und durch neue ersetzt werden.

Die schädliche Rolle der opportunistischen Kautskyaner (und in ihrem Gefolge mit einigen Variationen auch von Trotzki und Sinowjew) bestand darin, daß sie in zweifacher Hinsicht genau das Gegenteil von dem taten, was für die Revolution zu tun nötig war:

Sie verwarfen einerseits die grundlegenden weiterhin gültigen Prinzipien des Marxismus, wie vor allem die Erkenntnis der Notwendigkeit der bewaffneten proletarischen Revolution und der gewaltsamen Zerschlagung des alten Staatsapparates – das war ihr Revisionismus -, und sie hielten zugleich andererseits an nun nicht mehr gültigen Schlußfolgerungen des Marxismus fest – das war ihr Dogmatismus.

Es zeigte sich, daß gerade jene, die Lenin und den Bolschewiki stets „Dogmatismus“ vorwarfen, in bestimmter Hinsicht selbst dogmatisch den Marxismus verfälschten, während gerade Lenin und Stalin der Feststellung von Marx in vollem Umfang entsprachen, daß seine Theorie „kein Dogma, sondern Anleitung zum Handeln“ ist.

Die „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“ charakterisierte diese demagogische Methode des Revisionisten Kautsky, die ihre Wurzeln unter anderem darin hatte, daß in der Tat ein qualitativer Einschnitt, eine neue Epoche entstanden war, so:

„Opportunismus bedeutet nicht immer die direkte Verneinung der marxistischen Theorie oder ihrer einzelnen Leitsätze und Schlußfolgerungen. Der Opportunismus äußert sich mitunter auch in Versuchen, sich an einzelne, bereits überholte Leitsätze des Marxismus zu klammern, sie in Dogmen zu verwandeln, um dadurch die Weiterentwicklung des Marxismus aufzuhalten, folglich auch die Entwicklung der revolutionären Bewegung des Proletariats aufzuhalten.“ („Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“, S. 445.)

7. Stalins Werk „Über die Grundlagen des Leninismus“ und der Kampf gegen die Leugnung der internationalen Geltung der Grundzüge der Oktoberrevolution durch die Revisionisten

Der Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution war ein riesiger Triumph für den unter den Bedingungen des Imperialismus weiterentwickelten Marxismus, den Leninismus. Unter den Revolutionären aller Länder entbrannte die Debatte über die Auswertung dieses gigantischen welthistorischen Sieges.

In dieser Situation bemühten sich selbstverständlich alle Opportunisten und Revisionisten, die ungeheure Autorität der Oktoberrevolution nicht nur durch direkte Verleumdungen, sondern auch durch alle möglichen Einschränkungen, durch vielfältiges „Wenn“ und „Aber“ bei gleichzeitigen heuchlerischen Verbeugungen vor ihr, zu untergraben. An den jeweils herrschenden Chauvinismus appellierend, erklärten revisionistische Banditen wie Kautsky und Turatti, daß die russische Revolution eben „typisch russisch“ sei und gerade für die „zivilisierten Länder“ kein Vorbild sein dürfe.

Lenin entfachte auf den ersten Weltkongressen der Kommunistischen Internationale eine Debatte über diese Frage und erklärte Punkt für Punkt die große internationale Bedeutung der Oktoberrevolution und setzte die Grundlagen der bolschewistischen Theorie als Vorbild für alle Länder auseinander.

Lenin stellte in seiner an die Kommunisten in allen Ländern gerichteten Schrift „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ heraus:

„In den ersten Monaten nach der Eroberung der politischen Macht durch das Proletariat in Rußland (25. Oktober / 7. November 1917) konnte es scheinen, daß infolge der ungeheuren Unterschiede zwischen dem rückständigen Rußland und den fortgeschrittenen westeuropäischen Ländern die Revolution des Proletariats in diesen Ländern der unsern sehr wenig ähnlich sein werde. Jetzt liegt uns bereits eine recht beträchtliche internationale Erfahrung vor, die mit voller Bestimmtheit erkennen läßt, daß einige Grundzüge unserer Revolution nicht örtliche, nicht spezifisch nationale, nicht ausschließlich russische, sondern internationale Bedeutung haben. Ich spreche hier von internationaler Bedeutung nicht im weiten Sinne des Wortes: Im Sinne der Einwirkung unserer Revolution auf alle Länder sind nicht einige, sondern alle ihre Grundzüge und viele ihrer sekundären Züge von internationaler Bedeutung. Nein, ich spreche davon im engsten Sinne des Wortes, d. h., versteht man unter internationaler Bedeutung, daß das, was bei uns geschehen ist, internationale Geltung hat oder sich mit historischer Unvermeidlichkeit im internationalen Maßstab wiederholen wird, so muß man einigen Grundzügen unserer Revolution eine solche Bedeutung zuerkennen. (…)

Aber im gegebenen historischen Zeitpunkt liegen die Dinge nun einmal so, daß das russische Vorbild allen Ländern etwas, und zwar etwas überaus Wesentliches aus ihrer unausweichlichen und nicht fernen Zukunft zeigt.“ (Lenin: „Der ‚linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“, 1920, Werke Band 31, S. 5f.; Hervorhebung im Original.)

Die Frage der internationalen Bedeutung der Oktoberrevolution ist organisch verbunden mit dem nachfolgenden Kampf Stalins zur Verteidigung des Leninismus als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution.

Das Werk „Über die Grundlagen des Leninismus“ hatte in diesem Kampf grundlegende Bedeutung.

Als Lenin im Januar 1924 starb, stellten sich die bewußtesten Arbeiterinnen und Arbeiter, die noch nicht in der Kommunistischen Partei waren, die Frage nach ihrem Verhältnis zur Kommunistischen Partei. Tausende suchten um die Aufnahme in die Partei nach. Die KPdSU(B) kam dieser Bewegung entgegen und verkündete eine Massenaufnahme, selbstverständlich bei streng individueller Prüfung jedes Ansuchens unter Einbeziehung auch der kritischen Meinung der breiten parteilosen Massen bei der Prüfung der Aufnahmeanträge. In kürzester Zeit wurden mehr als 240 000 Arbeiterinnen und Arbeiter Mitglieder der Kommunistischen Partei. Das war das „Lenin-Aufgebot“. Diesen Genossinnen und Genossen widmete Stalin die Schrift „Über die Grundlagen des Leninismus“, die als Abschrift seiner Vorlesungen an der Swerdlow-Universität erstmals von April bis Mai 1924 im Zentralorgan „Prawda“ veröffentlicht wurden, um die neuen Genossinnen und Genossen in den Grundfragen des Leninismus zu schulen. Gleichzeitig ging es Stalin auch grundsätzlich darum, den Leninismus gegen die sich verschärfenden Angriffe der Opportunisten zu verteidigen, die nach Lenins Tod mit Lenin-Zitaten jonglierend versuchten, den Leninismus anzugreifen. Diese Schrift ist zugleich eine konzentrierte Abrechnung mit den Hauptthesen des Revisionismus der II. Internationale und richtet sich dabei gegen die damals besonders hervortretende Abart des Sozialdemokratismus der II. Internationale, den Trotzkismus.

Die Methode des Leninismus

Die Methode des Leninismus ist – entgegen den Entstellungen der Revisionisten und Opportunisten – alles andere als eine lediglich formale Angelegenheit.

In „Über die Grundlagen des Leninismus“ macht Stalin vielmehr die prinzipielle Bedeutung methodischer Fragen klar. Nicht zufällig stellt er das Kapitel „Die Methode“ den Fragen der Theorie des Leninismus voran. Die Methode bestimmt die leninistische Herangehensweise an Fragen der Theorie und Praxis, erfordert die Einheit von Wort und Tat. Keine Furcht vor Kritik und Selbstkritik, keine Verheimlichung und Vertuschung von Fehlern, nicht den Anschein erwecken, alles sei in bester Ordnung, wodurch jeder lebendige Gedanke abgestumpft und die revolutionäre Erziehung der Partei anhand der eigenen Fehler gehemmt wird.

„Gerade dieser kritische und revolutionäre Geist durchdringt von Anfang bis zu Ende die Methode des Leninismus.“
(Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus“, 1924, Werke Band 6, S. 78.)

Stalin hebt vier Merkmale der Methode des Leninismus hervor, die im diametralen Gegensatz zu den verderblichen „Traditionen“ der II. Internationale stehen:

  1. Einheit von Theorie und Praxis, Überprüfung der Richtigkeit der Linie im Feuer des revolutionären Kampfes.
  2. Einheit von Wort und Tat, Überprüfung der Umsetzung der Beschlüsse, der Losungen der Kommunistischen Partei durch die revolutionäre Bewegung, nur so kann das Vertrauen der Massen gewonnen werden.
  3. Umstellung der gesamten Parteiarbeit auf eine revolutionäre Art, im Geiste der Erziehung und Vorbereitung des Proletariats zum revolutionären Kampf.
  4. Selbstkritik der Kommunistischen Parteien, Schulung und Erziehung anhand der eigenen Fehler.

Die vielleicht heute für kommunistische Kräfte wichtigste Passage im Kapitel „Die Methode“ betrifft die erbarmungslose Brandmarkung aller Versuche, Kritiken abzuwürgen, Selbstkritik zu verhindern oder als Angelegenheit des stillen Kämmerleins auszugeben.

Die Notwendigkeit von Kritik und Selbstkritik als ein Kernpunkt der leninistischen Methode, die anderen gegenüber ohne Ansehen der Person und ebenso sich selbst gegenüber kritisch und revolutionär ist, zieht sich wie ein roter Faden durch diese Schrift. Für manche, die nun bloß die revisionistischen Zerrbilder wirklich Kommunistischer Parteien vor Augen haben, mag es vielleicht verwunderlich klingen, aber Kritik und Selbstkritik sind nicht allein Prinzipien der proletarischen Revolution schlechthin, sondern gerade auch des Parteiaufbaus![62]

Über die Selbstkritik als Wesensmerkmal der Kommunistischen Partei – im Gegensatz zu revisionistischen Vorstellungen nach dem Motto „die Partei, die Partei hat immer recht“, das darüber hinaus auch als fest verankertes antikommunistisches Vorurteil weit verbreitet ist – wird in „Über die Grundlagen des Leninismus“ Lenin wie folgt zitiert:

„Das Verhalten einer politischen Partei zu ihren Fehlern ist eines der wichtigsten und sichersten Kriterien für den Ernst einer Partei und für die tatsächliche Erfüllung ihrer Pflichten gegenüber ihrer Klasse und den werktätigen Massen. Einen Fehler offen zugeben, seine Ursachen aufdecken, die Umstände, die ihn hervorgerufen haben, analysieren, die Mittel zur Behebung des Fehlers sorgfältig prüfen – das ist das Merkmal einer ernsten Partei, das heißt Erfüllung ihrer Pflichten, das heißt Erziehung und Schulung der Klasse und dann auch der Masse.“ (Ebenda, S. 77; Hervorhebungen im Original.)

Diese revolutionäre Herangehensweise an Kritik und Selbstkritik ist ein entscheidendes Mittel, um die Bewußtheit der Genossinnen und Genossen, aber auch der parteilosen Massen zu heben, um die Kommunistische Partei und die Diktatur des Proletariats unbesiegbar zu machen.

Die Bedeutung der Theorie

Neben der Darlegung der entscheidenden Leitsätze der Theorie der proletarischen Revolution in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution geht Stalin vor allem auf zwei Fragen ein:

  1. a) die Bedeutung der Theorie für die proletarische Bewegung;
  2. b) die „Kritik der Theorie der Spontaneität“.

Zur ersten Frage können wir uns relativ knapp fassen, da Stalin hier im Grunde den Kernsatz aus „Was tun?“ erläutert, daß es ohne revolutionäre Theorie auch keine revolutionäre Bewegung geben kann. Sehr wichtig

erscheint uns seine Definition der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus:

„Die Theorie ist die Erfahrung der Arbeiterbewegung aller Länder, in ihrer allgemeinen Form genommen.“ (Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus“, 1924, Werke Band 6, S. 79.)

Damit wird sehr deutlich, daß die Theorie des Kommunismus eben nichts Ausgedachtes ist, sondern reale Erfahrungen widerspiegelt, die sie wissenschaftlich verallgemeinert. Damit wird vor allem auch klar, daß hinter der Verachtung der Theorie die Verachtung der mit vielen Opfern erkauften geschichtlichen Erfahrungen ungeheurer Massen von Arbeiterinnen und Arbeitern steht. Die Kommunistische Partei braucht die revolutionäre Theorie, um die Gesetzmäßigkeiten der gesellschaftlichen Entwicklung, die Gesetzmäßigkeiten des Klassenkampfes zu verstehen, um sich nicht durch Oberflächenerscheinungen verwirren zu lassen, um auf wissenschaftlicher Grundlage vorausschauend handeln zu können:

„Die Theorie kann zu einer gewaltigen Kraft der Arbeiterbewegung werden, wenn sie sich in untrennbarer Verbindung mit der revolutionären Praxis herausbildet, denn sie, und nur sie, kann der Praxis helfen zu erkennen, nicht nur wie und wohin sich die Klassen in der Gegenwart bewegen, sondern auch, wie und wohin sie sich in der nächsten Zukunft werden bewegen müssen.“ (Ebenda, S. 79.)

Beim zweiten Punkt, der Kritik der „Theorie“ der Spontaneität“, beläßt es Stalin nicht bei der Darlegung des Kampfes gegen den Ökonomismus in Rußland. Vielmehr weist er nach, daß diese „Theorie“ auch dem Opportunismus der II. Internationale zugrunde lag und ihren Ausdruck in der sogenannten „Theorie der Produktivkräfte“ fand, womit die Führer der II. Internationale ihre verräterische Politik der „Vaterlandsverteidigung“ im imperialistischen Krieg rechtfertigten („Es kam eben, wie es kommen mußte“).

Ohne die Bedeutung der revolutionären Theorie im vollen Umfang zu verstehen, ohne die revisionistische „Theorie der Produktivkräfte“ zu entlarven, die von den modernen Revisionisten in verschiedenen Formen aufpoliert worden ist und sich gerade auch gegen die Fortsetzung des Klassenkampfes unter der Diktatur des Proletariats richtet, können wirklich Kommunistische Parteien nicht geschaffen werden, welche die kommunistische Umgestaltung der Welt auf ihre Fahnen geschrieben haben. Stalin setzte den ideologischen Kampf zur Durchsetzung des Leninismus gegen Leute wie Sinowjew fort, die bei der Definition des Leninismus das Überwiegen der Bauernschaft in Rußland hervorhoben. Stalin zeigte auf, daß das bedeutet,

„daß man den Leninismus aus einer internationalen proletarischen Lehre in ein Produkt spezifisch russischer Verhältnisse verwandelt. Das bedeutet, daß man Bauer und Kautsky, die die Tauglichkeit des Leninismus für andere, kapitalistisch entwickelter Länder leugnen, in die Hand arbeitet. (…) Ist etwa der Leninismus nicht die Verallgemeinerung der Erfahrungen der revolutionären Bewegung aller Länder? Eignen sich etwa die Grundlagen der Theorie und Taktik des Leninismus nicht für die proletarischen Parteien aller Länder, und haben sie nicht für sie alle Gültigkeit?“
(Stalin: „Zu den Fragen des Leninismus“, 1926, Werke Band 8, S. 13f.; Hervorhebungen im Original.)

Die Definition des Leninismus als Marxismus der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution drückt auch aus, daß die Gefahr des Dogmatismus sich nun anders stellt als am Anfang dieser Epoche. Bekanntlich ist der Imperialismus das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus und im Rahmen des Kapitalismus ist kein Übergang zu einer neuen Epoche mehr möglich. Solange der Kapitalismus existiert, solange also nun noch der Imperialismus als sein höchstes und letztes Stadium besteht, können die Kommunisten nicht mehr in eine Lage kommen, vergleichbar mit jener zur Zeit Lenins, als infolge des Übergangs des vormonopolistischen Stadiums des Kapitalismus in sein monopolistisches, imperialistisches Stadium, also infolge des Anbruchs einer neuen Epoche, die Notwendigkeit entstand, bestimmte grundlegende strategische Prinzipien zu verwerfen und durch neue zu ersetzen.

Daher kann auch die Gefahr des Dogmatismus als demagogische Methode, das Wesen des Marxismus zu revidieren, nicht mehr dieselbe Rolle spielen wie zur Zeit Kautskys.

Dennoch existiert, wenn auch in qualitativ anderem Umfang, wie gerade der Kampf Stalins gegen Trotzkis Linie in der chinesischen Revolution und überhaupt in Bezug auf die Revolution der unterdrückten Völker zeigt, die Gefahr des Dogmatismus.

Wenn man versucht zu systematisieren, wann die Klassiker in ihren Schriften der Begriff Dogmatismus verwendet haben, so kann man folgende, zum Teil recht verschiedene charakteristische Merkmale herausschälen, die wir kurz nennen wollen:

  • Die mangelnde Anwendung der Prinzipien auf die Praxis der Revolution, was zu bloßem Theoretisieren und Interpretieren gerät. Dagegen steht der Satz, daß der Marxismus kein Dogma, sondern Anleitung zum Handeln ist.[63]
  • Die mangelnde Weiterentwicklung der Theorie und der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus im Zusammenhang mit der Auswertung der bei seiner Anwendung gemachten revolutionären Erfahrungen. [64]
  • Die Methode der falschen historischen Analogie. Das ist im Grunde ein Schematismus, der sich vor allem auch in der Übertragung von Lösungen aus einer früheren Situation auf eine neue, geänderte Situation oder auch von Besonderheiten eines Landes auf ein anderes Land ausdrückt. [65]
  • Auf theoretischem Gebiet und bei der Schulung bedeutet Dogmatismus, die Theorie und die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus nicht als die Zusammenfassung historischer revolutionärer Erfahrungen zu sehen, sondern nur die daraus gezogenen Schlußfolgerungen „auswendig zu lernen, anstatt die Entstehung der Schlußfolgerungen zu begreifen, das Material zu kennen, aus dem sie entstanden sind.“[66]

Diese Auffassungen von Dogmatismus oder Schematismus, wie man ihn auch bezeichnen könnte, zeigen uns, daß einzelne dieser Formen des Dogmatismus durchaus hier und da zeitweilig eine große Gefahr darstellen können. Berücksichtigen müßte man auch, daß zwar landläufig „Dogmatismus“ für eine linke Abweichung gehalten wird, aber insbesondere der Dogmatismus in Gestalt der fehlenden Anwendung und der falschen historischen Analogien durchaus Hilfsmittel des Rechtsopportunismus sein kann.

Gerade die Gefahr der mangelnden Anwendung der grundlegenden Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus sowohl bei der theoretischen Arbeit als auch bei der propagandistischen Tätigkeit und bei den Aktionen der Partei kann zunehmend eine Gefahr werden, wenn die Kommunistische Partei bereits in der Lage ist, die Millionenmassen in den Kampf zu führen. In einer solchen Situation kann ein dogmatisches Nichtberücksichtigen der Besonderheiten, ein dogmatisches Nichtberücksichtigen des Bewußtseins der Massen und ihrer eigenen Erfahrung, zur sicheren Niederlage fuhren und dann zeitweilig sogar die Hauptgefahr darstellen. Gleichzeitig wollen wir aber daran festhalten, daß insgesamt gesehen die ganze Geschichte des Kampfes gegen den Opportunismus zeigt, daß in den Reihen der Kommunisten die größten Einbrüche durch die Revision der Prinzipien und des Verrats an der Revolution durch die Führer der Arbeiterbewegung aufgrund des Drucks der Imperialisten und der gesamten Atmosphäre der bürgerlichen Gesellschaft erzielt wurden. Insgesamt und auf lange Sicht gesehen ist der Revisionismus die größte Gefahr.

8. Die allgemeine Gültigkeit des Leninismus für alle Länder und die Gefahr der dogmatischen Übertragung spezifischer Erfahrungen der Oktoberrevolution auf die Revolution halbfeudaler und halbkolonialer Länder

Die Oktoberrevolution eröffnete die Ära des Sieges der proletarischen Weltrevolution. Die proletarische Weltrevolution umfaßt nicht nur die Revolution in den kapitalistischen Ländern, sondern wie Lenin hervorhob, auch die Revolutionen in den

„zurückgebliebeneren Staaten und Nationen, in denen feudale oder patriarchalische und patriarchalisch-bäuerliche Verhältnisse überwiegen.“
(Lenin: „Ursprünglicher Entwurf der Thesen zur nationalen und zur kolonialen Frage“, 1920, Werke Band 31, S. 137.)

War gegenüber den kapitalistischen Ländern Westeuropas, in denen

„die Hauptkräfte – und die Hauptformen der gesellschaftlichen Wirtschaft-…“
(Lenin: „Ökonomik und Politik in der Epoche der Diktatur des Proletariats“, 1919, Werke Band 30, S. 92; siehe auch Stalin: „Zu den Fragen des Leninismus“, Werke. Band 8, 1926, S. 14.)

die gleichen waren wie in Rußland, die hauptsächliche Gefahr, daß die grundsätzlichen Erfahrungen der Oktoberrevolution nicht als Vorbild genommen wurden, so bestand gegenüber der Revolution in Ländern mit vorkapitalistischen Verhältnissen doch stärker auch die Gefahr, Erfahrungen des kapitalistischen Rußlands dogmatisch auf diese Länder zu übertragen.

Auch gegenüber diesen Ländern galt es zwar in erster Linie, die Grundsätze der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus, ihre allgemeine Gültigkeit gegen alle revisionistischen Attacken zu verteidigen. Auch zahlreiche grundsätzliche Lehren der Oktoberrevolution wie etwa die Notwendigkeit der Hegemonie des Proletariats, der bolschewistischen Partei, der bewaffneten Zerschlagung des alten Staatsapparates usw. waren und sind ebenfalls für diese Länder gültig.

Dennoch aber standen die Kommunisten in Bezug auf diese Länder vor einer großen zusätzlichen Aufgabe, die Lenin so formulierte:

„Gestützt auf die allgemeine kommunistische Theorie und Praxis, müssen sie unter Anpassung an die spezifischen Bedingungen, die es in den europäischen Ländern nicht gibt, diese Theorie und Praxis auf Verhältnisse anzuwenden verstehen, wo die Hauptmasse der Bevölkerung Bauern sind und wo es den Kampf nicht gegen das Kapital [67], sondern gegen die Überreste des Mittelalters zu führen gilt.“
(Lenin: „Referat auf dem 2. Kongreß der kommunistischen Organisationen der Völker des Ostens“, 1919, Werke Band 30, S. 146.)

Sinowjew und Trotzki handelten genau entgegen dieser Forderung Lenins.

Ihrem europäischen Chauvinismus folgend propagierten sie gegenüber den unterdrückten Völkern in dogmatischer Pose gerade jene Erfahrungen der Oktoberrevolution, die auf deren Verhältnisse nicht übertragbar waren.

Es geht dabei insbesondere um die Frage der möglichen Abkommen mit der Bourgeoisie jener Länder im Kampf gegen Imperialismus und Feudalismus.

Trotzki und Radek lehnten unter Berufung auf die Erfahrungen der Oktoberrevolution jegliches Abkommen mit der Bourgeoisie der betreffenden halbfeudalen und halbkolonialen Länder ab. Tatsächlich gab es und gibt es für die russische Revolution und die Revolutionen der kapitalistischen Länder ein solches Prinzip, aber der Marxismus fordert gerade, Prinzipien tiefgehend im Zusammenhang mit den gegebenen Verhältnissen zu verstehen.

Woraus war dieses Prinzip der Ablehnung jeglicher Abkommen mit der Bourgeoisie abgeleitet? Und unter welchen Bedingungen war es daher gültig?

Trotzki bewies seine antimarxistische Methode, indem er sich diese Fragen gar nicht stellte und das genannte Prinzip zum Beispiel einfach auf die chinesische Revolution übertrug.

Stalin dagegen ging als Marxist von einer solchen Fragestellung aus und bekämpfte im Interesse der chinesischen Revolution und der Klarstellung des wissenschaftlichen Kommunismus die Methoden und Thesen Trotzkis. Stalin erklärte:

„Worin besteht der Ausgangspunkt der Komintern und der kommunistischen Parteien überhaupt beim Herangehen an die Fragen der revolutionären Bewegung in den kolonialen und abhängigen Ländern?

Er besteht in der strengen Unterscheidung zwischen der Revolution in den imperialistischen Ländern, in Ländern, die andere Völker unterdrücken, und der Revolution in den kolonialen und abhängigen Ländern, in Ländern, auf denen das imperialistische Joch anderer Staaten lastet. Die Revolution in den imperialistischen Ländern, das ist eine Sache – dort ist die Bourgeoisie die Unterdrückerin anderer Völker, dort ist sie in allen Stadien der Revolution konterrevolutionär. (…)

Etwas anderes ist die Revolution in den kolonialen und abhängigen Ländern – hier ist die Unterjochung durch den Imperialismus anderer Staaten einer der Faktoren der Revolution, hier ist dieses Joch, wie es nicht anders sein kann, auch für die nationale Bourgeoisie fühlbar, hier kann die nationale Bourgeoisie in einem bestimmten Stadium und für eine bestimmte Zeit die revolutionäre Bewegung ihres Landes gegen den Imperialismus unterstützen…“
(Stalin: „Vereinigtes Plenum des ZK und der ZKK der KPdSU(B)“, 1927, Werke Band 10, S. 9f.)

Der Leninismus berücksichtigt nicht nur die Erfahrungen der Oktoberrevolution, sondern die Erfahrungen der Revolutionen aller Länder. Es ist nötig, sich in jedem einzelnen Fall Klarheit zu verschaffen, durch welche Bedingungen bestimmte Leitsätze und Prinzipien des Leninismus begründet wurden und für welche Bedingungen sie demnach Gültigkeit haben.

Dies ist eine der großen Lehren des Kampfes Stalins zur Durchsetzung des Leninismus im Kampf gegen die trotzkistisch-sinowjewische Opposition und deren Verfälschung der Prinzipien des Leninismus.

9. Die „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“ – eine Enzyklopädie zur Theorie und Praxis des Leninismus im Kampf gegen den Opportunismus

1938 erschien auf Beschluß des ZK der KPdSU(B) unter direkter Anleitung des Genossen Stalin die „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“.

Dies ist nicht einfach ein Geschichtsbuch unter anderen, sondern eine Art historischer Leitfaden für das Studium des wissenschaftlichen Kommunismus, insbesondere für das Studium der grundlegenden Werke Lenins und Stalins im Zusammenhang mit den entscheidenden geschichtlichen Tatsachen. Wie es im Beschluß des ZK der KPdSU(B) heißt, stellt dieses Werk die Parteigeschichte der KPdSU(B) „auf der Grundlage der Entwicklung der Hauptgedanken des Marxismus-Leninismus dar und hat die Erziehung der Parteikader in erster Reihe auf Grund der Ideen des Marxismus-Leninismus im Auge.“[68]

Dieses Buch ist eine sorgfältig geprüfte Zusammenfassung und Auswertung der Erfahrungen der KPdSU(B), insbesondere auch der innerparteilichen Kämpfe, die in den Jahrzehnten seit ihrer Entstehung geführt wurden.

Der „Kurze Lehrgang“ ist dabei selbst auch das Ergebnis langjähriger Debatten über die Parteigeschichte, eine Absage an die Vulgarisierung und Verflachung dieser Geschichte durch antimarxistische, idealistische und mechanistische Entstellungen.

In unserem Zusammenhang hier ist von größtem Interesse, welche zentralen Schlußfolgerungen der „Kurze Lehrgang“ aus dem riesigen Erfahrungsschatz der bolschewistischen Partei zieht. Die Auswahl gerade dieser Schlußfolgerungen ist ganz gewiß mit größter Überlegung erfolgt. Sechs wichtige Schlußfolgerungen sind in der „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“ zusammengefaßt. Diese Schlußfolgerungen sind nichts speziell „Russisches“, sie stellen allgemeine Lehren in erster Linie aus den Erfahrungen der proletarischen Revolution in Rußland von 1917 und aus zwei Jahrzehnten Klassenkampf zur Festigung der Diktatur des Proletariats dar, aber auch die Erfahrungen im Kampf gegen den Opportunismus und Revisionismus der II. Internationale, des Trotzkismus und aus der Arbeit beim Aufbau und aus der Praxis der III. Internationale.

Sie haben grundlegende Bedeutung für den Aufbau der Kommunistischen Partei in allen Ländern und sind hoch aktuell vor dem Hintergrund der Erfolge des modernen Revisionismus. Den Aussagen des „Kurzen Lehrgangs“ sowie in weiteren Schriften Stalins [69] über den Kampf gegen Opportunismus und Revisionismus, gerade innerhalb der Kommunistischen Partei, kommt angesichts der inneren Zersetzung vieler ruhmreicher Kommunistischer Parteien ein besonderer Stellenwert bei, denen wir zentrale Bedeutung beimessen, um die richtigen Lehren aus den Niederlagen zu ziehen. Der „Kurze Lehrgang“ formuliert als Aufgabenstellung bzw. als Zielvorstellung im letzten Abschnitt des Buches die folgenden Schlußfolgerungen. [70]

„1. Die Geschichte der Partei lehrt vor allem, daß der Sieg der proletarischen Revolution, der Sieg der Diktatur des Proletariats unmöglich ist ohne eine revolutionäre Partei des Proletariats, eine Partei, die vom Opportunismus frei, gegen Paktierer und Kapitulanten unversöhnlich, gegenüber der Bourgeoisie und ihrer Staatsgewalt revolutionär ist.“ („Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“, S. 439.)

Die revolutionäre Partei ist unerläßlich. Eine Kommunistische Partei muß verschiedene Merkmale haben: Grundlegend für die eigene Klarheit sowie für die fundierte Aufdeckung und Entlarvung des Opportunismus ist aber die revolutionäre Theorie! Deswegen heißt es im nächsten Punkt:

„2. Die Geschichte der Partei lehrt weiter, daß die Partei der Arbeiterklasse die Rolle des Führers ihrer Klasse, daß sie die Rolle des Organisators und Führers der proletarischen Revolution nicht erfüllen kann, wenn sie nicht die fortgeschrittene Theorie der Arbeiterbewegung, die marxistisch-leninistische Theorie, gemeistert hat…

Nur eine Partei, die die marxistisch-leninistische Theorie gemeistert hat, kann mit Zuversicht vorwärtsmarschieren und die Arbeiterklasse vorwärtsführen.

Und umgekehrt – eine Partei, die die marxistisch-leninistische Theorie nicht gemeistert hat ist genötigt, tastend umherzuirren, verliert die Zuversicht in ihre Handlungen, ist nicht fähig, die Arbeiterklasse vorwärtszuführen.“ (Ebenda, S. 441)

Mit Lenins grundlegenden Werken zur bolschewistischen Partei, basierend auf den Arbeiten von Marx und Engels, hatten die Bolschewiki das theoretische Rüstzeug für die Schaffung einer wahrhaft kommunistischen Kampfpartei. Mit den theoretischen Arbeiten Lenins wie „Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, „Staat und Revolution“, „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“ und „Der ,linke Radikalismus’, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ wurden zentrale Fragen der proletarischen Revolution und der Diktatur des Proletariats theoretisch geklärt.

Die Geschichte der Sowjetmacht legt darüber Zeugnis ab, wie die Bolschewiki die führende und organisierende Rolle im Klassenkampf verwirklichten; sei es im Kampf um die Macht von Oktober 1917 bis Februar 1918; sei es der Kampf für einen Separatfrieden; sei es die nicht zu erschütternde Zuversicht in die Kraft der proletarischen und werktätigen Massen zur Zeit der militärischen Intervention und des Bürgerkriegs, während große Teile der Sowjetunion durch die Imperialisten und Weißgardisten erobert waren; sei es der Kampf für die sozialistische Industrialisierung oder sei es im Kampf gegen das Kulakentum, „die nach der Machteroberung schwierigste historische Aufgabe der proletarischen Revolution, die Überleitung der Millionen Wirtschaften bäuerlicher Kleinbesitzer auf den Weg der Kollektivierung, auf den Weg des Sozialismus“[71], oder schließlich der weltgeschichtlich mit den allergrößten Verbrechen verbundene Überfall der Nazifaschisten auf die Sowjetunion 1941. In den Schlußfolgerungen des „Kurzen Lehrgangs“ wird auch herausgestellt, daß die kommunistische Theorie kein Dogma ist, sondern als Anleitung zum Handeln, als Anleitung für den Klassenkampf sowie für den innerparteilichen Kampf verstanden werden muß.

„3. Die Geschichte der Partei lehrt weiter, daß ohne Zerschlagung der in den Reihen der Arbeiterklasse tätigen kleinbürgerlichen Parteien, die die rückständigen Schichten der Arbeiterklasse der Bourgeoisie in die Arme treiben und so die Einheit der Arbeiterklasse zerstören, der Sieg der proletarischen Revolution unmöglich ist. …

Ohne Zerschlagung dieser Parteien, die anfangs für die Erhaltung des Kapitalismus, später aber, nach der Oktoberrevolution, für die Wiederherstellung des Kapitalismus eintraten, wäre es unmöglich gewesen, die Diktatur des Proletariats zu behaupten, die auswärtige militärische Intervention zu besiegen, den Sozialismus zu errichten. …

‚Die Einheit des Proletariats’, sagt Lenin, ‚kann in der Epoche der sozialen Revolution nur durch die äußerste revolutionäre Partei des Marxismus, nur durch schonungslosen Kampf gegen alle übrigen Parteien verwirklicht werden.’“ (Ebenda, S. 446/447.)

Lenins Kampf für den Aufbau und die Schaffung der Kommunistischen Internationale ist geprägt vom Kampf gegen den Sozialchauvinismus und Opportunismus der II. Internationale und ihrer Führer. Er ist geprägt vom Kampf für die Schaffung der Kommunistischen Parteien, die keine Milde gegenüber dem Opportunismus und Revisionismus dulden, sondern die ihre Aufgabe im Kampf für die Bewußtmachung des Proletariats sehen, was ohne die Zerschlagung dieses bürgerlichen Einflusses der opportunistischen, revisionistischen Organisationen in der Arbeiterbewegung nicht gelingen kann. Wir haben dies genauer aufgezeigt im Abschnitt über die III. Internationale, insbesondere anhand der „21 Aufnahmebedingungen“ der Kommunistischen Internationale.

„4. Die Geschichte der Partei lehrt weiter, daß die Partei der Arbeiterklasse ohne unversöhnlichen Kampf gegen die Opportunisten in ihren eigenen Reihen, ohne Vernichtung der Kapitulation in ihrer eigenen Mitte die Einheit und Disziplin ihrer Reihen nicht aufrechterhalten, ihre Rolle als Organisator und Führer der proletarischen Revolution, ihre Rolle als Erbauer einer neuen, der sozialistische Gesellschaft nicht erfüllen kann.“ (Ebenda, S. 447.)

Die Geschichte der Kämpfe gegen den Opportunismus und Trotzkismus innerhalb der KPdSU(B) betrachtend, wird in den Schlußfolgerungen weiter festgestellt:

„Die Partei ist der führende Trupp der Arbeiterklasse, ihre vorgeschobene Festung, ihr Kampfstab. Man darf nicht zulassen, daß in dem führenden Stab der Arbeiterklasse Kleingläubige, Opportunisten, Kapitulanten, Verräter sitzen. Gegen die Bourgeoisie auf Leben und Tod kämpfen und Kapitulanten und Verräter in seinem eigenen Stabe, in seiner eigenen Festung haben – heißt in die Lage von Leuten geraten, die sowohl von der Front wie vom Rücken her beschossen werden. Es ist nicht schwer zu begreifen, daß ein solcher Kampf nur mit einer Niederlage enden kann. Festungen werden am leichtesten von innen genommen. Um den Sieg zu erringen, muß man vor allem die Partei der Arbeiterklasse, ihren führenden Stab, ihre vorgeschobene Festung (…) säubern.“ (Ebenda, S. 448.)

Der Kampf gegen den Opportunismus in der KPdSU(B) – zum großen Teil dokumentiert im Sammelband Stalins „Über die Opposition“ – legt Zeugnis ab über diesen vor allem ideologischen Kampf zur Überzeugung der Masse der Parteimitglieder und zur Isolierung der opportunistischen Kräfte, der trotzkistisch-sinowjewistischen Opposition und ihres schließlichen Ausschlusses. Deutlich wird daran auch: Erst wenn wirklich ausführlich der Mehrheit der Partei bewiesen und diese davon überzeugt ist, daß eine innerparteiliche Korrektur der Fehler der Opposition nicht möglich ist, erst dann sind organisatorische Maßnahmen gegen die führenden Kräfte der Opportunisten durchzuführen.

Der Kampf gegen die Zersetzung der Kommunistische Partei durch bürokratische, trotzkistische und revisionistische Elemente, der Kampf gegen die Kräfte der Restauration des Kapitalismus, der Zersetzung der Diktatur des Proletariats von innen heraus, spiegelt sich wider auf dem XVII. und XVIII. Parteitag 1934 und 1939. Zentral sind das Referat Stalins „Über die Mängel der Parteiarbeit“[72], der ZK-Beschluß „Über die Fehler der Parteiorganisationen beim Ausschluß von Kommunisten aus der Partei“[73] und der Bericht des Genossen A. Shdanow „Abänderungen am Statut der KPdSU(B)“.[74] In dieser Zeit, als die Bolschewiki bereits über 15 Jahre Regierungspartei waren, hatten sich viele karrieristische, kleinbürgerliche Elemente zusammen mit trotzkistischen Kräften in der Partei festgesetzt, so daß die Bolschewiki die Kommunistische Partei von Grund auf reinigen, von diesen Kräften befreien mußten. Der Kampf gegen die Opposition in der Kommunistischen Partei darf sich aber nicht auf den Kampf gegen opportunistische Elemente, die aus der Partei ausgeschlossen werden müssen, beschränken. Er muß immer dialektisch und auf Fakten beruhend verbunden sein mit dem Kampf gegen opportunistische Ideen, gegen Fehler und Mängel bei den eigenen Kadern, bei einem selbst, da sonst der Kampf gegen opportunistische Elemente umschlägt in einen Akt der Selbstbeweihräucherung. Wenn für eigene Fehler opportunistische Elemente als „Sündenböcke“ herhalten müssen, dann ist das lebenswichtige Prinzip von Kritik und Selbstkritik außer Kraft gesetzt und die Partei auf dem Weg, sich selbst zugrunde zu richten.

„5. Die Geschichte der Partei lehrt weiter, daß die Partei ihre Rolle als Führer der Arbeiterklasse nicht erfüllen kann, wenn sie, von Erfolgen berauscht, überheblich zu werden beginnt, wenn sie aufhört, die Mängel ihrer Arbeit zu bemerken, wenn sie sich fürchtet, ihre Fehler einzugestehen, sich fürchtet, diese rechtzeitig, offen und ehrlich zu korrigieren.

Die Partei ist unbesiegbar, wenn sie Kritik und Selbstkritik nicht fürchtet, wenn sie die Fehler und Mängel ihrer Arbeit nicht verkleistert, wenn sie an den Fehlern der Parteiarbeit die Kader erzieht und schult, wenn sie es versteht, ihre Fehler rechtzeitig zu korrigieren.

Die Partei geht zugrunde, wenn sie ihre Fehler verheimlicht, wunde Punkte vertuscht, ihre Unzulänglichkeiten bemäntelt, indem sie ein falsches Bild wohlgeordneter Zustände zur Schau stellt, wenn sie keine Kritik und Selbstkritik duldet, sich von dem Gefühl der Selbstzufriedenheit durchdringen läßt, sich dem Gefühlt der Selbstgefälligkeit hingibt und auf ihren Lorbeeren auszuruhen beginnt.“ (Ebenda, S. 449.)

Lenin hat betont:

„Alle revolutionären Parteien, die bisher zugrunde gegangen sind, gingen daran zugrunde, daß sie überheblich wurden und nicht zu sehen vermochten, worin ihre Kraft bestand, daß sie fürchteten, von ihren Schwächen zu sprechen. Wir aber werden nicht zugrunde gehen, weil wir nicht fürchten, von unseren Schwächen zu sprechen, und es lernen werden, die Schwäche zu überwinden.“
(Lenin: „XL Parteitag der KPR(B). Schlußwort zum politischen Bericht des ZK der KPR(B)“, 1922, Werke Band 33, S. 297; zitiert a. a. O., S. 450. Hervorhebungen im Original.)

Die Erfolge der Diktatur des Proletariats, die Industrialisierung des Landes in einer Zeit, als die hochindustrialisierten imperialistischen Länder sich in einer großen wirtschaftlichen Krise befanden; die Kollektivierung der Landwirtschaft, die erfolgreiche Revolution auf dem Lande gegen die Kulaken zur Liquidierung der letzten Ausbeuterklasse in der Sowjetunion – all das barg andererseits die Gefahr der Überheblichkeit in sich, die eigenen Fehler und Schwächen gering zu schätzen, sie nicht mehr zu beachten, und die Gefahr der Bürokratisierung, die dazu führt, sich von der Arbeiterklasse, den werktätigen Massen abzusondern.

Die öffentliche Selbstkritik, die Haltung, „Fehler nicht zu verheimlichen“, hat entscheidende Bedeutung für die wirkliche Verbundenheit mit den proletarischen Massen. Wenn die werktätigen Massen Vertrauen in die Kommunistische Partei haben sollen, so muß dies beruhen auf dem Wissen über den Zustand der Partei, auf der Kenntnis ihrer Stärken und Schwächen, der konkreten Mängel und Fehler von Parteiorganisationen und von Kadern.

„6. Schließlich lehrt die Geschichte der Partei, daß die Partei der Arbeiterklasse ohne umfassende Verbindungen mit den Massen, ohne ständige Festigung dieser Verbindungen, ohne die Fähigkeit, auf die Stimme der Massen zu lauschen und ihre brennenden Nöte zu verstehen, ohne die Bereitschaft, nicht nur die Massen zu belehren, sondern auch von ihnen zu lernen, keine wirkliche Massenpartei sein kann, die fähig ist, die Millionen der Arbeiterklasse und aller Werktätigen zu führen.“ (Ebenda, S. 450.)

Für die Kommunistische Partei besteht eine noch viel größere Gefahr des Bürokratismus während der Etappe der Diktatur des Proletariats als unter den Bedingungen des Klassenkampfs im Kapitalismus. Denn mit der Diktatur des Proletariats befindet sich die Partei der revolutionären Arbeiterklasse an der Macht und ist Regierungspartei. Stalin warnt daher vor der Gefahr, sich von der Arbeiterklasse, von der Masse der Werktätigen loszulösen, „die Verbindung mit ihnen zu verlieren, sich mit bürokratischem Rost zu bedecken, um jegliche Kraft einzubüßen und sich in ein Nichts zu verwandeln“.[75]

10. Stalins Kampf gegen das Aufkommen des modernen Revisionismus nach dem Sieg des Leninismus

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges hatten Stalin und das ZK der KPdSU(B) sowie das EKKI der Komintern im Kampf gegen trotzkistische Abweichungen in dem Sinne den vollständigen Sieg des Leninismus erreicht, daß Vertreter antimarxistischer Abweichungen nicht mehr offen gegen den Leninismus auftreten konnten.

Der welthistorische Sieg der sozialistischen Sowjetunion über den Nazifaschismus hat international die Autorität des Leninismus und seines konsequenten Verfechters Stalin weiter erhöht. Dies bedeutet jedoch nicht, daß auf ideologischem Gebiet nicht erneut revisionistische Attacken – nunmehr unter demagogischer Berufung auf den Leninismus – möglich waren. Im Gegenteil!

Die notwendige Konzentration auf den militärischen Sieg und die ungeheuren Verluste an qualifizierten Kadern begünstigten die Möglichkeit neuer revisionistischer Angriffe und Abweichungen.[76]

Stalin und das ZK der KPdSU begegneten dieser Gefahr, indem sie auf mehreren Gebieten, auf dem Gebiet der Philosophie, der Kunst und Literatur, der politischen Ökonomie etc. die Debatte eröffneten, die revisionistischen Abweichungen ans Tageslicht zerrten und bekämpften.

Im internationalen Maßstab waren großartige Siege errungen worden und deutliche Veränderungen erfolgt. Während das Kominformbüro[77] innerhalb der Kommunistischen Parteien der kapitalistischen Länder rechtsopportunistische Abweichungen unter der Flagge „des besonderen Weges“ aufdeckte und kritisierte und insbesondere den Kampf gegen den Tito-Revisionismus eröffnete, versetzte Stalin in seinem Werk „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ revisionistischen Versuchen innerhalb der Sowjetunion, verschiedene Prinzipien des Leninismus für überholt zu erklären und Gesetzmäßigkeiten des Imperialismus als nicht mehr gültig anzusehen, einen schweren Schlag.

In diesem Werk erklärte Stalin zunächst erneut die Existenz objektiver Gesetzmäßigkeiten im Rahmen bestimmter objektiver Bedingungen, daß sie zwar erkannt und ausgenutzt, aber nicht aufgehoben werden können. Er erklärte, daß die Anerkennung der Existenz solcher Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft Voraussetzung ist, um durch ihre wissenschaftliche Erkenntnis planmäßig und voraussehend als Kommunistische Partei führen und als sozialistischer Staat handeln zu können. Er warnte vor der Stimmung bei jenen, die von den außerordentlichen Erfolgen der Sowjetunion „von Schwindel befallen“ sind und forderte eine umfassende Erziehung im Geiste des wissenschaftlichen Kommunismus:

„Ich denke, daß die systematische Wiederholung sogenannter ‚allgemein bekannter’ Wahrheiten und ihre geduldige Erläuterung eines der besten Mittel zur marxistischen Erziehung dieser Genossen ist.“
(Stalin: „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“, 1952, Werke Band 15,8.301.)

Welche außerordentliche politische Bedeutung in internationalen Fragen der Kampf Stalins gegen aufkommende Tendenzen zur Mißachtung der Gesetzmäßigkeiten der Gesellschaft und folglich der Leitsätze und Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus hatte, ist von Stalin selbst im 6. Abschnitt seines Werkes in Bezug auf die Frage der Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen den kapitalistischen Ländern dargelegt worden.

Gegenüber den Leuten, die sich auf diverse „neue internationale Bedingungen“ beriefen und forderten, die „konkrete Analyse neuer Erscheinungen“ zum Ausgangspunkt zu machen, hob Stalin die Notwendigkeit hervor, die Gesetzmäßigkeiten des Imperialismus und insbesondere das Gesetz von der Unvermeidlichkeit von Kriegen zwischen kapitalistischen Ländern als nach wie vor gültig anzuerkennen.

Dieser Kampf zeigt, daß auch zur Zeit Stalins revisionistische Abweichungen in der KPdSU und in der kommunistischen Weltbewegung aufkamen, der springende Punkt ist jedoch, daß Stalin dem revisionistischen Geschwätz von den „neuen Bedingungen“ in entschiedener Form entgegengetreten ist und insbesondere ihre damaligen Hauptvertreter, die Tito-Revisionisten, entlarvt und die hauptsächlichen ideologischen Thesen der Revisionisten dieser Zeit energisch bekämpft und widerlegt hat.

 

III. Die Antwort der KP Chinas auf die Verfälschungen der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus durch die Chruschtschow-Revisionisten

1. Richtige Positionen der KP Chinas
2. Prinzipien oder „konkrete Analyse“ als Ausgangspunkt der Generallinie?
3. Praktisch-politische Konsequenzen der KP Chinas aus der Voranstellung der „konkreten Analyse“ vor den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus
a) Muß die Generallinie gegen den US-Imperialismus oder gegen den Weltimperialismus gerichtet sein?
b) „Konzentration der grundlegenden Widersprüche“ in Asien, Afrika und Lateinamerika?
c) Gibt es einen „friedlichen“ und einen „nichtfriedlichen“ Weg?

Die Chruschtschow-Revisionisten richteten bei ihren Angriffen gegen Theorie und Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus nicht zufällig ihre Speerspitze gegen Stalin, der in seinen Schriften das umfassende Werk Lenins verteidigt und besonders seine allgemeingültigen Prinzipien herausgestellt hatte.

Dieser Angriff auf Stalin und damit auf den Leninismus wurde, wie bereits gezeigt, unter der Flagge des Kampfes gegen den „Dogmatismus“ und der Durchsetzung angeblich den „neuen Bedingungen“ entsprechender neuer Schlußfolgerungen und Prinzipien geführt.

Unserer Meinung nach wäre es erforderlich gewesen, diesen Angriffen mit dem von Marx, Engels, Lenin und Stalin erarbeiteten umfangreichen Rüstzeug entgegenzutreten und deren entschiedenen prinzipienfesten Kampf gegen jeglichen Revisionismus fortzusetzen und weiterzuentwickeln.

Untersuchen wir nun im Lichte dieser Notwendigkeit, ob und inwieweit die KP Chinas das getan und richtig auf die Demagogie der Chruschtschow- Revisionisten geantwortet hat.

1. Richtige Positionen der KP Chinas

Gleich einleitend betont der „Vorschlag“ der KP Chinas „zur Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung“ völlig richtig:

„Die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung kann nur die revolutionären Theorien des Marxismus-Leninismus über die historische Mission des Proletariats zu ihrer Richtschnur nehmen, darf aber niemals von dieser Richtschnur abweichen.“ („25-Punkte-Vorschlag“, S. 4. Siehe S. 560.)

An anderer Stelle hebt die KP Chinas ebenfalls völlig richtig gegen die Chruschtschow-Revisionisten hervor:

„Ein standhafter Marxist-Leninist, eine echte marxistisch-leninistische Partei muß Prinzipien den ersten Platz einräumen.“ (Ebenda, S. 53. Siehe S. 593.)

Wir unterstreichen, daß diese Haltung der KP Chinas zur Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus und zu den Prinzipien mit den Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin unleugbar übereinstimmt.

Eine genauere Analyse des „Vorschlags“ zeigt jedoch, daß sich die KP Chinas in ihrem „Vorschlag“ keineswegs konsequent an diese von ihr formulierten Thesen hielt und sie nicht ihrem gesamten Vorgehen zur Zeit der Polemik gegen den Chruschtschow-Revisionismus zugrunde legte.

2. Prinzipien oder „konkrete Analyse“ als Ausgangspunkt der Generallinie?

Wenige Seiten nach der richtigen Betonung der Notwendigkeit, die revolutionären Theorien des wissenschaftlichen Kommunismus, und nur sie, zur Richtschnur zu nehmen, stellt der „Vorschlag“ allerdings eine These auf, welche die Gefahr enthält, diesen richtigen Ausgangspunkt zu verwischen und die Trennungslinie zu den modernen Revisionisten nicht wirklich prinzipiell zu ziehen:

„Weltpolitik und Weltwirtschaft in ihrer Gesamtheit und die konkreten Verhältnisse in der Welt, das heißt die grundlegenden Widersprüche in der heutigen Welt, vom Klassenstandpunkt aus konkret zu analysieren, bildet den Ausgangspunkt für die Bestimmung der Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung.“ („25-Punkte-Vorschlag“, S. 7. Siehe S. 562.)

Hier wird deutlich, daß die KP Chinas in ihrer versuchten Widerlegung der modernen Revisionisten der typischen Argumentation der Chruschtschow-Revisionisten nun doch nicht klar und deutlich die kommunistische Position entgegensetzt, im Kampf gegen den Revisionismus die Verteidigung der Prinzipien voranzustellen. Die Chruschtschow-Revisionisten sagten:

Wir müssen ausgehend von der neuen Lage durch neue „konkrete Analysen“ die Generallinie bestimmen. Statt aufzudecken und klarzumachen, was diese Voranstellung der sogenannten „konkreten Analyse“ gegenüber den Prinzipien bzw. der ganzen revolutionären Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus bedeutet, unterstreicht die KP Chinas hier sogar ihrerseits diesen Ausgangspunkt und diese Herangehensweise.

Die KP Chinas schreibt, daß die konkrete Analyse „vom Klassenstandpunkt aus“ erfolgen soll. Das macht die Sache aber auch nicht richtig klar.

Eine korrekte konkrete Analyse „vom Klassenstandpunkt aus“ kann zwar in der Tat nur auf der Grundlage der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus erfolgen und insofern sind die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus im „Klassenstandpunkt“ indirekt enthalten. Dieses kommunistische Verständnis von „Klassenstandpunkt“ wird aber nicht dargelegt und versteht sich auch keinesfalls von selbst. Es gibt nämlich auch ein weit verbreitetes Verständnis von „Klassenstandpunkt“, welches das Ausgehen von den Prinzipien nicht einschließt. Und dann wird es ganz falsch. Jedenfalls wird der herauszuarbeitende prinzipielle Gegensatz zur Position der Chruschtschow-Revisionisten durch die Formulierung der KP Chinas nicht klar. Letztendlich legt die KP Chinas das Gewicht darauf, der KPdSU vorzuwerfen, nicht richtig und konkret genug analysiert zu haben.

Damit ist die KP Chinas vor der entscheidenden Frage zurückgewichen, vor der Frage des Kampfes gegen die Revision der Theorie und Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus.[78]

Erinnern wir uns nochmals der Argumentation Lenins gegen Bogdanow, die große grundsätzliche Bedeutung für diese Frage hat:

„Auf dem Wege der Marxschen Theorie fortschreitend, werden wir uns der objektiven Wahrheit mehr und mehr nähern (ohne sie jemals zu erschöpfen); auf jedem anderen Wege aber können wir zu nichts anderem gelangen als zu Konfusion und Unwahrheit.“ (Lenin: „Materialismus und Empiriokritizismus“, 1908, Werke Band 14, S. 138.)

So eindeutig hat Lenin die Frage nach dem Ausgangspunkt beantwortet und so und nur so hätte den Chruschtschow-Revisionisten entgegnet werden müssen.

Man mag einwenden, daß es doch so oder so darum gehe, sowohl die Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus, die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus, als auch die konkrete Analyse für die Festlegung der Generallinie zu benutzen. Doch dieser Einwand bleibt an der Oberfläche. In der Tat ist beides nötig und wesentlich, aber beide Bestandteile sind nicht gleichgewichtig.

Zu der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus gelangen wir nicht durch die „konkrete Analyse“ der heutigen Bedingungen, ihre Prinzipien sind kein Ergebnis unserer heutigen Analysen, sondern das Ergebnis der Auswertung der Analyse der Gesetzmäßigkeiten der gesamten gesellschaftlichen Entwicklung und Zusammenhänge durch Marx, Engels, Lenin und Stalin. Wie Lenin sagt, kann nichts als Konfusion herauskommen, wenn man statt der kommunistischen Theorie die „konkrete Analyse“ der heutigen Bedingungen zum Ausgangspunkt machen will. Mag man sich dann in den Ergebnissen noch so sehr mit den modernen Revisionisten streiten, so oder so wird jeder, der nicht von der Theorie und den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus ausgeht, die Wirklichkeit nicht tiefgehend, nicht ausgehend von ihren Gesetzmäßigkeiten, nicht in ihren inneren Zusammenhängen, also nicht wirklich richtig erkennen können. Wir müssen diese zentrale These der KP Chinas daher als grundfalsch ablehnen und einen energischen Kampf darum führen, daß bei der Festlegung der Generallinie der kommunistischen Weltbewegung, wie auch zur Erklärung einiger neuer Phänomene, in erster Linie und vor allem die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus, seine grundlegenden Prinzipien als Konzentrat dieser Theorie, zum Ausgangspunkt genommen werden.

Im „Vorschlag“ und in der ganzen „Polemik“ der KP Chinas wird zwar sichtbar, daß sie die Thesen vom „friedlich gewordenen Imperialismus“ und von der „entscheidenden Rolle der sozialistischen Länder“ nicht akzeptiert und ihnen entgegenzutreten versucht.

Aber infolge ihrer falschen Herangehensweise an die Generallinie überhaupt und auch an den Chruschtschow-Revisionismus selbst, sieht die KP Chinas die Abweichungen der Chruschtschow-Revisionisten nicht auf dem Gebiet, auf dem sie hauptsächlich liegen, sondern sucht und findet sie woanders. Sie betrachtet sie als Fehler bei der Vornahme der „konkreten Analyse“ und nicht als Folgen des revisionistischen Verrats an den Prinzipien. So bemüht sich denn auch die KP Chinas nicht grundlegend, von der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus her die Auffassungen der Chruschtschow-Revisionisten prinzipienfest zu widerlegen, sondern stellt im Kern lediglich ihre – leider ebenfalls nicht von den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus ausgehenden – „konkreten Analysen“ denen der Chruschtschow-Revisionisten entgegen.

Propagiert die Führung der KPdSU, der US-Imperialismus sei friedlich, stellt die KP Chinas dem entgegen: Unsere „konkrete Analyse“ zeigt, daß der US-Imperialismus der internationale Hauptfeind ist. Propagiert die Führung der KPdSU, daß der Widerspruch zwischen sozialistischen Staaten und den Staaten des imperialistischen Lagers der hauptsächliche Widerspruch geworden sei, entgegnet die KP Chinas: Unsere „konkrete Analyse“ ergibt, daß sich in Asien, Afrika und Lateinamerika alle Widersprüche „konzentrieren“.

Propagiert die Führung der KPdSU, daß es heute angeblich einen „friedlich- parlamentarischen Weg zum Sozialismus“ gäbe, entgegnet die KP Chinas, daß es nach wie vor notwendig sei, sich „auch“ auf den nichtfriedlichen Weg vorzubereiten.

Ähnliches ergibt sich auf vielen anderen Gebieten. Gerade weil ein solcher ideologisch auf der gleichen Hintanstellung der Prinzipien beruhender „Antirevisionismus“ nicht wirklich dem Chruschtschow-Revisionismus entgegentreten kann, ist es nötig, diese Fehler der KP Chinas etwas genauer zu betrachten.

Wir werden im folgenden an drei Fragen exemplarisch aufzeigen, welche gefährlichen Konsequenzen die inkonsequente Position der KP Chinas hat, das Gewicht auf die „konkrete Analyse“ zu legen und nicht den Kampf um die Prinzipien zum Ausgangspunkt zu nehmen.[79]

3. Praktisch-politische Konsequenzen der KP Chinas aus der Voranstellung der „konkreten Analyse“ vor den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus

a) Muß die Generallinie gegen den US-Imperialismus oder gegen den Weltimperialismus gerichtet sein?

Wenn im „Vorschlag“ erklärt wird, daß die Generallinie „gegen die konterrevolutionäre Globalstrategie des US-Imperialismus gerichtet“ sein müsse [80] und daß weltweit eine „Einheitsfront gegen die USA-Imperialisten und ihre Lakaien“ errichtet werden müsse, so wird damit erklärt, daß Zielscheibe des weltweiten Kampfes also der US-Imperialismus nebst seinen unmittelbaren Handlangern und Lakaien sein müsse. Wenn es weiterhin heißt, daß die Generallinie der internationalen kommunistischen Bewegung „den Proletariern und Völkern aller Länder in ihrem revolutionären Kampf die grundlegende Richtung weisen“ [81] soll, so wird damit unmißverständlich betont, daß weltweit der Kampf auf eine imperialistische Großmacht konzentriert werden soll: eben auf den US-Imperialismus.

Unserer Meinung nach kommt hier wie auch an vielen anderen Stellen der „Polemik“ eine enge und beschränkte Vorstellung der Generallinie der kommunistischen Weltbewegung in unserer Epoche zum Ausdruck.

Selbstverständlich war und ist es unbedingt notwendig, den Kampf gegen die konterrevolutionäre Globalstrategie des US-Imperialismus zu richten. Hier ist aber nicht von einer wichtigen Aufgabe unter anderen die Rede, sondern von der Generallinie überhaupt. Damit ist an die Stelle des Kampfes gegen den Weltimperialismus der Kampf lediglich gegen ein besonders mächtiges imperialistisches Land gesetzt und der zugleich notwendige Kampf auch gegen alle anderen imperialistischen Mächte bzw. gegen den Weltimperialismus überhaupt praktisch aus der Generallinie entfernt. In der Theorie der „Supermächte“ und in den Vorstellungen der „Drei-Welten-Theorie“ hat dieser Fehler später seine Fortsetzung gefunden.

Die modernen Revisionisten vor allem deshalb zu kritisieren, weil sie einen bestimmten Imperialismus unterstützen und ihnen mit einer Gegenstrategie entgegenzutreten, die sich ihrerseits vor allem auf den Kampf gegen diesen einen bestimmten Imperialismus, der für der „hauptsächliche“ gehalten wird, beschränkt, während die Gesamtfrage der Haltung zum Weltimperialismus überhaupt und zu den anderen imperialistischen Großmächten im einzelnen unwidersprochen bleibt, ist schlimmer als eine Halbheit, ist im Grunde nur die Ersetzung des einen Revisionismus durch einen anderen.

b) „Konzentration der grundlegenden Widersprüche“ in Asien, Afrika und Lateinamerika?

Gegen die falsche, die Revolution der im Lager des Imperialismus befindlichen Völker verratende und nichts als einen Vorboten des Sozialimperialismus darstellende These, daß die „sozialistischen Länder die entscheidende Rolle“ spielen, setzte die KP Chinas ihrerseits die These:

„In den weiten Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas konzentrieren sich die verschiedenen Arten von Widersprüchen in der gegenwärtigen Epoche.“ („25-Punkte-Vorschlag“, S. 14. Siehe S. 566.)

Gegen die Verabsolutierung des Widerspruchs zwischen sozialistischen Staaten und Staaten des imperialistischen Lagers seitens der Führung der KPdSU setzte die KP Chinas damit faktisch die Verabsolutierung eines anderen Widerspruchs, nämlich des Widerspruchs zwischen Imperialismus und unterdrückten Völkern.

Daran ist um so schwerwiegender, daß die KP Chinas diese Auffassung gleich für eine nicht näher definierte „gegenwärtige Epoche“ festlegt, so daß nahegelegt wird, daß offenbar in der bisherigen Epoche die Dinge anders lagen.[82]

Wenn wir hier bereits auf diese These der KP Chinas unsere Aufmerksamkeit richten – wir werden ausführlich auf all diese Fragen zurückkommen – dann aus zweierlei Gründen:

Zum einen zeigt sich, daß die KP Chinas in Wirklichkeit dem Chruschtschow-Revisionismus nicht mit einer prinzipienfesten Darlegung der Grundlagen des wissenschaftlichen Kommunismus über die grundlegenden Widersprüche und ihre gegenseitige Beziehung entgegentritt.

Zum anderen aber zeigt sich, daß dies kein Zufall ist, sondern die logische Konsequenz ihrer Voranstellung der „konkreten Analyse“ vor die Grundlagen der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus.

c) Gibt es einen „friedlichen“ und einen „nichtfriedlichen“ Weg?

Gegen die Propaganda der Chruschtschow-Revisionisten von den angeblichen „zwei möglichen Wegen der Revolution“ – friedlich und nichtfriedlich – setzte die KP Chinas im „Vorschlag zur Generallinie“ der kommunistischen Weltbewegung ihre Auffassung der Frage. Sie erklärte, daß die Kommunistische Partei sich niemals erlauben dürfe, „ihre ganze Arbeit auf der Berechnung aufzubauen, daß die Imperialisten und Reaktionäre bereit sind, eine friedliche Umgestaltung zu akzeptieren“[83], daß die KP „gleichzeitig auch ausreichend auf eine nichtfriedliche Entwicklung der Revolution vorbereitet sein“ (ebenda) müsse.

Aus der Argumentation der KP Chinas geht hervor, daß der Widerspruch zu den modernen Revisionisten ihrer Meinung nach eher eine Frage der Akzentsetzung betrifft und nicht die Grundfragen des wissenschaftlichen Kommunismus.

Unsere Kritik an dieser zentralen Position der KP Chinas besteht in erster Linie darin, daß hier der prinzipielle Charakter der Auseinandersetzung mit den modernen Revisionisten über die Frage des „friedlichen Weges“ völlig außer acht gelassen wird und ihnen ganz unzulässige Zugeständnisse gemacht werden.

„Friedlicher Weg“ – das war für die Revisionisten das Programm der gewaltlosen „Errichtung des Sozialismus“, das Programm, die Notwendigkeit einer Diktatur über die Bourgeoisie zu bestreiten, das Programm der Ablehnung der Diktatur des Proletariats, das Programm des friedlichparlamentarischen Hineinwachsens der alten Gesellschaftsordnung in den „Sozialismus“ ohne Liquidierung der Bourgeoisie als Klasse. Es war das Programm des restlosen Bruchs mit der proletarischen Revolution, mit der revolutionären Theorie und Praxis überhaupt.

Konnte man sich unter diesen Umständen überhaupt mit den modernen Revisionisten darüber streiten, daß es falsch sei, die „ganze“ Arbeit auf den „friedlichen Weg“ zu konzentrieren?

Akzeptierte man damit nicht automatisch, daß der „friedliche Weg“ – und zwar so, wie ihn die modernen Revisionisten verstanden – zumindest die halbe Wahrheit sei?

Unserer Meinung nach hätte die KP Chinas niemals das Schema „friedlich/nichtfriedlich“ der modernen Revisionisten akzeptieren dürfen. Denn die Grundlagen dieses von den modernen Revisionisten geschaffenen Schemas – eines Schemas, das wir in keinem einzigen programmatischen

Dokument Lenins, Stalins oder der Komintern für die kommunistische Weltbewegung in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution finden werden, weil es eben durch und durch faul ist – waren revisionistisch.

***

Die vorangegangene Auswertung einiger Gesichtspunkte des Kampfes von Marx, Engels, Lenin und Stalin über die Bedeutung der Theorie und der darauf beruhenden Prinzipien des Marxismus bzw. des wissenschaftlichen Kommunismus sowie der grobe Überblick über die Haltung der Chruschtschow-Revisionisten und der KP Chinas zu den Prinzipien und deren praktisch-politische Konsequenzen zeigt unserer Meinung nach, daß eine umfassende Darstellung der Lehren Lenins und Stalins über die Epoche des Imperialismus und die Aufgaben des proletarischen Internationalismus unumgänglich ist, um eine möglichst klare kommunistische Position herausarbeiten zu können.

Wie wir schon weiter oben angedeutet haben, kann heute nicht der „Dogmatismus“, das heißt das Festhalten an durch eine neue Epoche überholten Leitsätze eine entscheidende oder die Hauptgefahr sein, denn wir leben immer noch in der von Lenin und Stalin definierten Epoche und werden darin bis zum Ende des Weltimperialismus leben. Wie schon dargelegt, ist der Imperialismus das höchste und letzte Stadium des Kapitalismus, und im Kampf zu und bis zu seiner völligen Vernichtung ist keine epochale Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Kommunismus möglich oder nötig. Daher können eben auch die hauptsächlichen Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus, wie sie Lenin und Stalin darstellten und entwickelten, nicht überholt sein.

Das heißt nicht, daß es keinerlei Weiterentwicklung des wissenschaftlichen Kommunismus innerhalb unserer Epoche, beispielsweise seit dem Tod Lenins, gegeben habe. Stalin und die besten Schüler von Lenin und Stalin haben selbstverständlich durch die Anwendung der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus auf bestimmte, neu entstandene Fragen, Probleme und Situationen den wissenschaftlichen Kommunismus bereichert und weiterentwickelt.

Aber sie konnten das nur unter Beibehaltung und Anwendung der Prinzipien des Leninismus, sie konnten und mußten kein einziges Prinzip des wissenschaftlichen Kommunismus verwerfen und durch einen anderen ersetzen.

Mit anderen Worten: Grundsätzlich und für unsere ganze Epoche gilt:

Der moderne Revisionismus ist und bleibt die Hauptgefahr in der internationalen kommunistischen Bewegung.

Einzelne dogmatische Mätzchen und Tricks benutzen auch die modernen Revisionisten und gewisse dogmatische Abweichungen wird es weiterhin geben und sie müssen selbstverständlich bekämpft werden. Solche Abweichungen bestehen vor allem darin, bestimmte, nur auf ganz spezielle Bedingungen und Situationen Bezug nehmende Aussagen Lenins und Stalins zu verallgemeinern, sie auf gänzlich andere Situationen schematisch zu übertragen usw. So könnte man zum Beispiel davon sprechen, daß es in diesem Sinne „dogmatisch“ ist, wenn die Politik der Allianz eines sozialistischen Landes mit imperialistischen Ländern, wie sie Stalin während des Zweiten Weltkriegs durchgeführt hat, heute unter gänzlich anderen Bedingungen von den „Drei-Welten-Theoretikern“ als Strategie vorgeschlagen wird.

Aber das ist nicht ein zentrales, primäres Problem des Klassenkampfes an der ideologischen Front. Die zentrale, bei weitem dominierende, wirklich entscheidende Aufgabe im ideologischen Kampf ist unserer Meinung nach heute vielmehr, die Mißachtung und revisionistische Verfälschung der in sich geschlossenen Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus zu bekämpfen, die Prinzipienlosigkeit zu geißeln, also vor allem dem modernen Revisionismus in allen seinen Schattierungen den schonungslosen Kampf anzusagen und ihn bis zum Ende zu fuhren.

In allen grundlegenden Fragen sehen wir uns heute in eine Situation gestellt, wie sie Lenin hinsichtlich der „Staatsfrage“ 1917 in „Staat und Revolution“ aufgezeigt hat. Auch die von ihm dort genannte Schlußfolgerung in bezug auf die Darlegung der Theorie des Marxismus erfaßt unserer Meinung nach haarscharf die Aufgaben, welche die Kommunistinnen und Kommunisten heute auf theoretischem Gebiet haben, um der grassierenden Verfälschung der Lehren von Marx, Engels, Lenin und Stalin konsequent entgegentreten zu können. Lenin schrieb:

„… bei der unerhörten Verbreitung, die die Entstellungen des Marxismus gefunden haben, besteht unsere Aufgabe in erster Linie in der Wiederherstellung der wahren Marxschen Lehre vom Staat. Dazu wird es notwendig sein, eine ganze Reihe langer Zitate aus den Werken von Marx und Engels selbst anzuführen. (…) Es ist aber absolut unmöglich, ohne sie auszukommen. Alle oder zumindest alle entscheidenden Stellen aus den Werken von Marx und Engels über die Frage des Staates müssen unbedingt möglichst vollständig angeführt werden, damit sich der Leser ein selbständiges Urteil bilden kann über die gesamten Auffassungen der Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus und über die Entwicklung dieser Auffassungen, dann aber auch, um deren Entstellung durch das heute herrschende ,Kautskyanertum‘ dokumentarisch nachzuweisen und anschaulich vor Augen zu führen.“
(Lenin: „Staat und Revolution“, 1917, Werke Band 25, S. 397f.; Hervorhebung im Original.)

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