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Die revisionistische Linie des 20. Parteitags der KPdSU (1956) und die grundlegenden Fehler der berechtigten Kritik der KP Chinas (1963) – Anmerkungen


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Anmerkungen

Anmerkung 1: Neueinschätzungen erfordern gründliche Analyse und objektive Beweise
Anmerkung 2.: Zum sogenannten „Geheimbericht“ Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956
Überblick über die üblen Methoden Chruschtschows
Zur Frage des Personenkults
Chruschtschows konterrevolutionäre Spekulation mit den Problemen des Klassenkampfes in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren
Ein unwiderlegbarer Beweis für Chruschtschows wahre konterrevolutionäre Absichten: die Versöhnung mit den Tito-Revisionisten
Konterevolutionärer Ökonomismus: Chruschtschows „materieller Anreiz“
Wo war eigentlich Chruschtschow?
Anmerkung 3.: Über einige Quellen der heutigen „antidogmatischen“ Strömung
Anmerkung 4.: Wie die modernen Revisionisten die Rolle der Theorie herabmindern am Beispiel Fidel Castros
Anmerkung 5.: Das „sympathische Konkrete“ und das „unsympathische Abstrakte“
Anmerkung 6.: Die revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen: Eine von zwei „Hauptkräften“, aber auch „Reserve“ – ein Widerspruch?
Anmerkung 7.: Über die angeblich neue „Epoche der Mao Tse-tung-Ideen“
Anmerkung 8.: Mögliche Wurzeln einiger Fehler der KP Chinas: Schematische Übertragung der eigenen Praxis auf andere Länder
Anmerkung 9.: Charakter und Probleme des Zweiten Weltkriegs
Anmerkung 10.: Einheitsfront der Weltrevolution und Einheitsfront gegen den imperialistischen (Welt-)Krieg

Anmerkung 11.: Das falsche Schema vom „Übergewicht“ der revolutionären Kräfte im Weltmaßstab
Anmerkung 12.: Zu einigen revisionistisch-chauvinistischen Positionen, die den Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie in den kapitalistisch-revisionistischen Ländern als „Hauptwiderspruch“ unserer Epoche bezeichnen
Anmerkung 13.: Zum VIII. Parteitag der KP Chinas
Anmerkung 14.: Nicht jede unter Führung des Proletariats stehende revolutionäre Staatsmacht ist eine Diktatur des Proletariats
Anmerkung 15.: Die Haltung der PAA zum XX. Parteitag der KPdSU
Anmerkung 16.: Der Artikel „Die gefährlichen Manöver der Chruschtschow-Gruppe im Zusammenhang mit dem sogenannten Kampf gegen den ,Personenkult’ muß man bis zum Schluß enthüllen“ (1964) – ein herausragendes Dokument der PAA zur Verteidigung Stalins gegen die modernen Revisionisten
Anmerkung 17.: Auswirkungen der revisionistischen Umwandlung einer KP eines sozialistischen Landes auf die zwischenstaatlichen Beziehungen
Anmerkung 18.: Der V. Parteitag der PAA 1966 über den prinzipiellen und offensiven Kampf gegen den modernen Revisionismus

Anmerkung 1.: Neueinschätzungen erfordern gründliche Analyse und objektive Beweise

In der Zeit nach dem Tod Mao Tse-tungs war es bei vielen sich als „antirevisionistisch“ verstehenden Organisationen in Mode gekommen, unter Vernachlässigung der erforderlichen tiefgehenden wissenschaftlichen Analysen, mit für so weitreichende Schlußfolgerungen nicht ausreichenden Nachweisen und ohne überzeugende Argumente bisherige Einschätzungen über den Haufen zu werfen und durch praktisch gegenteilige zu ersetzen.

Das betrifft insbesondere die Einschätzung des Wesens, der Rolle und der Linie der KP Chinas seit 1935, des Charakters der gesellschaftlichen Ordnung in China, der Person und des Werkes Mao Tse-tungs sowie des Charakters der Kulturrevolution in China, damit aber auch des Wesens und der Bedeutung der chinesischen Beiträge und Dokumente zur Polemik der sechziger Jahre. Ein Musterbeispiel negativer Art ist dafür Enver Hoxhas Buch „Imperialismus und Revolution“ aus dem Jahr 1978.

Wir haben damals öffentlich dargelegt, daß solche abrupten Neueinschätzungen und Neuinterpretationen, solange sie sich nicht auf genügend gesicherte und der ganzen Weltbewegung zugänglich gemachte wissenschaftliche marxistisch-leninistische Analysen stützen können, und gar, wenn sie auf tiefschürfende, hieb- und stichfeste, wirklich überzeugende und unwiderlegbare Beweisführung verzichten – gleichgültig, wieviel Richtiges sie enthalten mögen -, schädlich sind, nur die zunehmende ideologische Verwirrung verstärken und immer weiter gehenden Spekulationen Vorschub leisten.

Mit diesem unseriösen Vorgehen war auch eine andere gefährliche Tendenz verbunden: Es wurde gar nicht mehr wirklich auf den Inhalt von Dokumenten wie der „Polemik“ geschaut, sondern vor allem darüber spekuliert, welche Motive die KP Chinas damals gehabt habe oder gehabt haben könnte. So wurde etwa behauptet, die Polemik der KP Chinas gegen den Chruschtschow-Revisionismus sei bloß ideologische Maskerade und Zweckmittel für Chinas egoistische und chauvinistische Ziele gewesen.

Eine beweiskräftige gründliche Untersuchung des objektiven Inhalts dieser Polemik und ihrer Dokumente, der in ihr ausgedrückten politischen Linie und der damit verbundenen konkreten Auswirkungen wird damit im Grunde nebensächlich und tritt in den Hintergrund, an ihrer Stelle tritt in den Vordergrund die Frage der subjektiven Absichten der handelnden Personen.

Wir halten eine solche Herangehensweise an die Probleme in mehrfacher Hinsicht für unrichtig und voll negativer Auswirkungen:

Diese Methode würde uns hindern, klar herauszuarbeiten, was am Inhalt der damaligen Politik, der damaligen politisch-ideologischen Linie, am Inhalt der damaligen Dokumente richtig und was daran falsch war. Sie

würde es nicht erlauben, die Fehler konkret und im Detail aufzudecken, so daß der Kampf gegen die Wurzeln des modernen Revisionismus chinesischer Prägung nicht konsequent geführt werden könnte.

Diese Methode wird nicht zuletzt auch dem außerordentlich großen Einfluß der KP Chinas, ihrer richtigen und ihrer falschen Auffassungen und insbesondere der Dokumente der „Polemik“, auf die sich die in den sechziger Jahren im Kampf gegen den Chruschtschow-Revisionismus neu formierende marxistisch-leninistische Weltbewegung stützte, ganz und gar nicht gerecht.

Dieser Einfluß hat zur Folge, daß die gründliche ideologische Auseinandersetzung mit der Politik der KP Chinas, wie sie insbesondere in den Dokumenten der „Polemik“ der sechziger Jahre zum Ausdruck kommt, zugleich eine selbstkritische Untersuchung und Auseinandersetzung mit unseren eigenen Fehlern und Schwächen ist. Einfach die Beweggründe und Absichten der chinesischen Führer in der damaligen und der ihr folgenden Zeit in den Vordergrund zu stellen und zu verurteilen und vielleicht gar noch den Inhalt dieser Dokumente selbst als völlig richtig darzustellen und lediglich zu kritisieren, daß den Worten nicht Taten folgten, also davon auszugehen, daß die KP Chinas 1963 eine marxistisch-leninistische Linie erarbeitet habe, allerdings bloß als „Maskerade“ – alles das verhindert eine fundierte Kritik, wie es unserer Meinung nach überhaupt eine gewisse Tendenz ausdrückt, um die notwendige Selbstkritik herumzukommen und sie sich zu „ersparen“.

Im Grunde unterscheidet sich ein solches unseriöses Herangehen kaum von den Demagogien bürgerlicher Autoren und Journalisten, die inhaltlich nicht richtig wiedergeben, worum es im Kampf zwischen wissenschaftlichem Kommunismus und Revisionismus wirklich geht.

Anmerkung 2.: Zum sogenannten „Geheimbericht“ Chruschtschows auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956[558]

Die sogenannte „Geheimrede“, bekannt auch unter der Bezeichnung „Geheimbericht“[559], ist – in Verbindung mit den damals offiziell veröffentlichten revisionistischen Dokumenten des XX. Parteitags – ideologisch mit

Sicherheit das folgenschwerste revisionistische Dokument in der Geschichte der kommunistischen Weltbewegung, ja das entscheidende Grunddokument des Antikommunismus überhaupt. Es gibt kaum eine der „gängigen“ Attacken und Verleumdungen gegen die Diktatur des Proletariats, die darin nicht enthalten ist.[560]

Die Angriffe Chruschtschows gegen Stalin lösten in der gesamten internationalen kommunistischen Bewegung eine tiefe ideologische und moralische Erschütterung aus. Dieser Frontalangriff erfolgte schließlich nicht von Seiten der Imperialisten oder entlarvten Revisionisten wie Tito, also erklärten Feinden des Kommunismus, sondern aus dem Zentrum der KPdSU, von deren Generalsekretär persönlich.

Die besondere Gefährlichkeit und Wirksamkeit des „Geheimberichts“ bestand und besteht dabei gerade in seiner pseudokommunistischen, pseudoleninistischen Verkleidung. Der Revisionist Chruschtschow konnte durch seine von „innen“ kommenden „Enthüllungen“ eine Wirkung erzielen, welche die offenen Propagandisten des Imperialismus so niemals hätten erreichen können.

Die Verkleidung als „Geheimbericht“, der auf dem Parteitag „in geschlossener Sitzung“ gehalten wurde, war dabei ein raffinierter demagogischer Schachzug. Denn völlig unklar blieb für die Kommunistinnen und Kommunisten in aller Welt, ob der vom US-Außenministerium veröffentlichte „Geheimbericht“ überhaupt echt war oder ob dieser ganz oder teilweise gefälscht war. Beabsichtigte Wirkung war Verunsicherung, Lähmung des antirevisionistischen Widerstands und Zersetzung der kommunistischen Kräfte. In der Tat gelang es den Chruschtschow-Revisionisten auf diese Weise, eine direkte Abrechnung der KP Chinas, der Partei der Arbeit Albaniens und anderer antirevisionistischer Kräfte international mit dem „Geheimbericht“ zu verhindern.

Dokumente der KP Chinas wie die 1956 veröffentlichten Broschüren „Über die historischen Erfahrungen der Diktatur des Proletariats“ und „Mehr über die historischen Erfahrungen der Diktatur des Proletariats“ polemisieren de facto zwar unverkennbar gegen die Verteufelung Stalins im „Geheimbericht“, gehen aber nicht direkt darauf ein.

Im Kommentar „Zur Stalinfrage“ greift die KP Chinas allerdings den „Geheimbericht“ Chruschtschows direkt an:

„…in seinem Geheimbericht auf dem XX. Parteitag der KPdSU hat Genosse Chruschtschow Stalin völlig negiert und damit die Diktatur des Proletariats, das sozialistische System, die große Kommunistische Partei der Sowjetunion, die große Sowjetunion und die internationale kommunistische Bewegung verunglimpft. Weit davon entfernt, die Methode von Kritik und Selbstkritik einer revolutionären proletarischen Partei anzuwenden und sorgfältig und seriös die historischen Erfahrungen der proletarischen Diktatur zu analysieren und zusammenzufassen, behandelte Chruschtschow Stalin wie einen Feind und schob ihm allein die Verantwortung für alle begangenen Fehler zu.

In seinem Geheimbericht brachte Chruschtschow eine ganze Reihe Lügen vor und griff zur übelsten Demagogie, er warf mit Behauptungen um sich, Stalin hätte ,unter Verfolgungswahn gelitten’, hätte sich an die ,brutalste Willkür’ gewöhnt, wäre ,den Weg der Massenverfolgung und des Terrors gegangen’, hätte ,das Land und die Landwirtschaft lediglich aus Filmen gekannt’, hätte ,seine strategischen Operationen auf einem Globus geplant’. Stalins Führerschaft wäre ,ein großes Hindernis in der Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft geworden’ usw. usf. Chruschtschow leugnete alle hervorragenden Verdienste ab, die sich Stalin bei der Führung des sowjetischen Volks im entschiedenen Kampf gegen innere und ausländische Feinde, bei der sozialistischen Umgestaltung und Festigung des ersten sozialistischen Staats der Welt und bei der Erringung der großen Siege im antifaschistischen Krieg sowie bei der Verteidigung und Entwicklung des Marxismus-Leninismus erworben hatte.

Die völlige Verleugnung Stalins durch Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU bedeutete im Grunde die Verleugnung der proletarischen Diktatur und der von Stalin verteidigte und entwickelten Grundtheorien des Marxismus-Leninismus.“[561]

Das Anprangern der schmutzigen Verleumdungen Stalins, der proletarischen Diktatur und des wissenschaftlichen Kommunismus durch die Chruschtschow-Revisionisten war richtig und notwendig. Allerdings gibt es in der gesamten „Polemik“ der KP Chinas sowie auch den Stellungnahmen der Partei der Arbeit Albaniens gegen den Chruschtschow-Revisionismus kein Dokument, das sich inhaltlich direkt mit dem „Geheimbericht“ auseinandersetzt, seine hauptsächlichen antikommunistischen Demagogien prinzipiell und konkret entlarvt.

Überblick über die üblen Methoden Chruschtschows

Chruschtschow betont in seinem 55seitigen „Geheimbericht“ zunächst, daß bereits unmittelbar nach dem Tod Stalins eine angebliche „Aufklärungspolitik“ über das Übel des Personenkults eingeleitet worden sei. Nun gehe es angeblich darum, die Fakten auf den Tisch zu legen. Um seinen reaktionären Inhalt vorzubringen, bedient sich Chruschtschow einer ganzen Palette von üblen Methoden:

  • Die Rede ist gespickt mit einer ganzen Reihe von Behauptungen, die völlig unbewiesen sind, für die es keinerlei Beleg gibt.
  • Bei einer ganzen Reihe von Behauptungen führt Chruschtschow dubiose, nicht überprüfbare, nicht veröffentlichte Quellen an.
  • Eine demagogische Methode Chruschtschows ist auch, „Tatsachen „ in den Raum zu werfen, die als Anklagepunkte gegen Stalin angeblich für sich sprechen; so etwa die Tatsache, daß zwischen dem XVIII. Parteitag 1939 und dem XIX. Parteitag 1952 der lange Zeitraum von zirka 13 Jahren lag, was keinesfalls normal sei (S. 541). Jeden Anflugeiner Analyse, warum dies so war (etwa der Zweite Weltkrieg, die ungeheuren Zerstörungen), welche Gründe es dafür gegeben hat, seien diese nun berechtigt oder zu hinterfragen, vermeidet Chruschtschow allerdings tunlichst.
  • Ein demagogischer Schachzug Chruschtschows besteht auch darin, sich die dokumentarisch nicht bewiesenen Behauptungen seines Geheimberichts durch „prominente“ Zeugen unter seinen Zuhörern, den Delegierten des XX. Parteitags, „bestätigen“ zu lassen.
  • Typisch für die ganze Rede Chruschtschows ist die „Knallfroschmethode“, das Aneinanderreihen von Verblüffungseffekten, die immer wieder zu „Entrüstung im Saale“ (S. 542), „Erregung im Saale“(S. 544), „Bewegung im Saale“ (S. 547) oder „Tumult im Saal“(S. 570) geführt hätten. Dabei wechselt Chruschtschow praktisch ständig die Ebenen, reiht eigentlich wichtige Fragen und offensichtlich völlig nebensächliche Aspekte mit sprunghafter Beliebigkeit aneinander.

Chruschtschow ist zu Beginn seines Geheimberichts mit dem Anspruch angetreten, „das diese Angelegenheit (Stalin, A.d.V.) betreffende Materialzugänglich zu machen.“ (S.530). Tatsächlich haben Chruschtschow und die anderen Revisionisten weder hier in diesem Bericht noch später prüfbares Material vorgelegt, welches die schweren Beschuldigungen gegen Stalinwirklich belegen und beweisen könnte. Die Rede Chruschtschow ist die Aneinanderreihung von „Geschichten“, die man „glauben“ kann oder nicht.[562]

Andererseits fällt auf, daß Chruschtschow es geradezu panisch vermeidet, auf vorhandene, für alle überprüfbare Dokumente zurückzugreifen.

Trotz der Schwere seines Vorwurfs etwa gegen Stalins Thesen über die Verschärfung des Klassenkampfes unter der Diktatur des Proletariats wagt er es nicht, irgendetwas von Stalin zu zitieren, geschweige denn die wirklichen Positionen Stalins im Zusammenhang darzustellen. „Frei referiert“ verdreht er Stalins wirkliche Position zur Verschärfung des Klassenkampfes beim Aufbau des Sozialismus in die von Stalin nie behauptete angebliche „These, daß die Zahl der Feinde wächst, je mehr wir uns dem Sozialismus nähern“ (S. 547).

Ebenso wird keins der offiziellen Prozeßprotokolle gegen die Konterrevolutionäre zitiert oder auch nur erwähnt, die zu den Moskauer Prozessen 1936 bis 1938 veröffentlicht worden sind.

Für Chruschtschow trifft voll und ganz zu, was Engels einmal gesagt hat:

Der Schluß von der Schlechtigkeit des Mittels auf die Schlechtigkeit des Zwecks ist ganz gerechtfertigt.

Zur Frage des Personenkults

Das zentrale demagogische Schlagwort des „Geheimberichts“ ist der angebliche „Kampf gegen den Personenkult“. Das ist durchaus nicht ungeschickt.

Denn unbestreitbar gab es in der Sowjetunion Übertreibungen und unverdiente Lobpreisungen Stalins, gab es auch formalistische bis ins floskelhafte gehende Überbewertungen der Verdienste und der Person Stalins. Zunächst führt Chruschtschow einige Zitate von Marx, Engels und Lenin an, worin diese sich gegen den Personenkult ausgesprochen haben; Hier stellt sich schon die Frage, warum Chruschtschow nicht auch Stalins mehrmalige scharfe Äußerungen gegen den Personenkult anführt. Wiederholt hat Stalin die Idealisierung einzelner Personen bekämpft.

„Lenin lehrte uns, nicht nur die Massen zu lehren, sondern auch von den Massen zu lernen.“ (Stalin, „Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler“, 1937, Werke Band 14, S.153)

Stalin hat auch sehr selbstkritisch von seinen eigenen Leistungen und Fehlern gesprochen (siehe Werke Band l, Vorwort des Verfassers, S. XIII) und Übertreibungen oder gar Lobpreisungen bekämpft.

In einem Brief vom 16. Februar 1938 an den Verlag „Djetisdat“ (Kinderbuchverlag) hat sich Stalin beim ZK des Komsomol gegen die Veröffentlichung eines ihm zur Begutachtung vorgelegten Buches über seine Person gewandt. Dieser Brief lautet:

„Ich wende mich entschieden gegen die Veröffentlichung der ,Erzählung über Stalins Kindheit’.

Das Buch enthält eine unzählige Menge von unwahren Behauptungen, von Entstellungen, Übertreibungen und unverdienten Lobpreisungen. Die Autoren haben die Liebhaber von Erzählungen irregeführt, sie sind Lügner (vielleicht auch ,gutwillige’ Lügner) und Speichellecker. Das ist bedauerlich für die Autoren, aber Tatsache bleibt Tatsache.

Aber das ist nicht der wichtigste Punkt. Der wichtigste Punkt liegt darin, daß das Buch die Tendenz besitzt, im Bewußtsein der sowjetischen Kinder (und der Menschen überhaupt) den Personenkult, den Führerkult, den Kult, um unfehlbare Helden zu verankern. Das ist gefährlich und schädlich. Die Theorie von den ,Helden’ und der ,Masse’ ist keine bolschewistische Theorie, sondern eine Theorie der Sozialrevolutionäre. Die Helden bringen das Volk hervor, verwandeln es aus einer Masse in ein Volk – sagen die Sozialrevolutionäre. Das Volk bringt die Helden hervor – antworten die Bolschewiki den Sozialrevolutionären. Das Buch gießt Wasser auf die Mühlen der Sozialrevolutionäre. Jedes Buch dieser Art wird Wasser auf die Mühlen der Sozialrevolutionäre gießen, wird unserer gesamten bolschewistischen Arbeit Schaden zufügen.“ (Der Brief Stalins wurde in „Voprosy istorii“ (Fragen der Geschichte) Nr. 11, 1953veröffentlicht. Zitiert nach: J. W. Stalin, Werke, Ergänzungsband 1929-1952, Berlin1977, Storm-Knirsch Verlag, Hervorhebung im Original.)

Eine unterwürfige Haltung und Einstellung gegenüber seiner Person als auch gegenüber anderen Personen lehnte Stalin als nicht kommunistisch ab. Sicherlich ganz bewußt wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ein Brief von Stalin in dessen Gesammelten Werken erstmals veröffentlicht, worin es heißt:

„Siesprechen von ihrer ,Ergebenheit’ mir gegenüber. Mag sein, daß Ihnen diese Worte nur zufällig entschlüpft sind. Mag sein… Sollten Ihnen aber diese Worte nicht zufällig entschlüpft sein, so würde ich Ihnen raten, das ,Prinzip’ der Ergebenheit gegenüber Personen über Bord zu werfen. Das ist nicht bolschewistische Art. Seien Sie der Arbeiterklasse, ihrer Partei, ihrem Staat ergeben. Das ist notwendig und gut. Aber verwechseln Sie diese Ergebenheit nicht mit der Ergebenheit gegenüber Personen, mit diesem hohlen und unnützen intelligenzlerischen Phrasengeklingel.“ (Stalin: „Brief an Genossen Schatunowski“, 1930, Werke Band 13, S. 17.)

Und 1946 schrieb Stalin dem Oberst der Roten Armee, Prof. Dr. Rasin, der Stalins Leistungen im Großen Vaterländischen Krieg gegen den Überfall der Nazi-Wehrmacht auf die Sowjetunion überschwänglich lobte: „Das Ohr verletzen auch die Lobeshymnen auf Stalin – es ist einfachpeinlich, sie zu lesen.“ (Stalin: „Antwortschreiben“, 23. Februar 1946, Werke Band 15, S. 58. Veröffentlicht in „Neue Welt“, Heft 7/April 1947, S. 23.)

Stalin brandmarkte den Personenkult also als Werk von Lügnern und Speichelleckern, als zutiefst dem wissenschaftlichen Kommunismus widersprechend und sehr schädlich für die bolschewistische Arbeit.[563]

Wer aber waren denn die Speichellecker und Lügner zu Lebzeiten Stalins?

Wer hat denn hemmungslos unwahre Tatsachenbehauptungen aufgestellt, sich in Entstellungen, Übertreibungen und unverdienten Lobpreisungen ergangen? Dieser Frage weicht Chruschtschow in seinem ganzen Bericht aus. Würde er diese Frage aufwerfen und ohne Lügen beantworten, so müßte Chruschtschow in erster Linie auf sich und seinesgleichen zeigen. Chruschtschow gehörte nämlich zu den eifrigsten Lobhudlern Stalins, zu jenen Kräften in der Parteileitung, welche sich als mindestens 150-Prozentige gebärdeten. Hier nur einige Kostproben. Am 10. Juni 1936 schrieb Chruschtschow in der Prawda einen unterzeichneten Artikel über die Terroristengruppe von Sinowjew und Kamenew. In diesem stand unter anderem:

„Jämmerliche Zwerge! Sie erheben ihre Hände gegen den größten aller Menschen, unseren Freund, unseren weisen Führer, Genossen Stalin. Du, Genösse Stalin, hast die große Fahne des Marxismus-Leninismus über die ganze Welt erhoben und sie weitergebracht. Wir versprechen Dir, Genosse Stalin, daß die Moskauer Bolschewiken, die treu das Stalinsche Zentralkomitee stützen, ihre Wachsamkeit verschärfen werden. Sie wollen ihre Reihen schließen … um das Stalinsche Zentralkomitee und den großen Stalin.“[564]

Am 6. Juni 1937 tat sich Chruschtschow auf der V. Moskauer Gebietsparteikonferenz als scheinbar radikalster Säuberer gegen die konterrevolutionären Trotzkisten hervor:

„Unsere Partei wird unbarmherzig die Verräterbande zerschlagen und den ganzen Abschaum der rechtsstehenden Trotzki-Clique von der Erde hinwegfegen… Die Garantie dafür ist die entschlossene Leitung des ZK unserer Partei und unseres Führers, Genossen Stalin… Wir werden die Feinde völlig vernichten, bis auf den letzten Mann, und ihre Asche in den Wind streuen.“[565]

Chruschtschow gehörte also zu jenen, die mit ihrer Lobhudelei und ihren widerlichen Übertreibungen dem wirklichen Kampf für die Festigung der Diktatur des Proletariats gegen alle Feinde schadeten. Vor allem zeigt sich an Chruschtschow auch, daß die Lobhudelei faktisch die Demontage vorbereitet.

Keiner konnte so gut den Personenkult „entlarven“ wie Chruschtschow.

Fest steht, daß der Kampf gegen den Personenkult zu Lebzeiten Stalins hätte energischer und tiefgehender geführt werden müssen. Fest steht aber auch, daß es erwiesenermaßen vor allem Stalin war, der dieser schädlichen Erscheinung mehrmals entgegengetreten ist. Und fest steht auch, daß der nötige verschärfte Kampf gegen die Tendenzen zur Lobhudelei und Übertreibungen der Rolle Stalins gerade doppelzünglerische Kräfte wie Chruschtschow hätte treffen müssen und getroffen hätte.

Chruschtschows konterrevolutionäre Spekulation mit den Problemen des Klassenkampfes in der Sowjetunion in den dreißiger Jahren

Die Gefährlichkeit und Wirksamkeit der Demagogie Chruschtschows hängt zu einem nicht geringen Teil auch damit zusammen, daß er mit wirklichen Fehlern, Mißständen und Problemen spekuliert, die es in der UdSSR zur Zeit Lenins wie zur Zeit Stalins gab.

So sagte er:

„Unter Berufung auf Stalins These, daß die Zahl der Feinde wächst, je mehr wir uns dem Sozialismus nähern, und unter Berufung auf die Entschließung des Februar-März-Plenums des Zentralkomitees, die sich auf den Jeschow-Bericht stützte, begannen die Provokateure, die im Verein mit gewissenlosen Karrieremachern die Staatssicherheitsorgane durchsetzt hatten, den Massenterror gegen Parteikader, Kader des Sowjetstaates und gewöhnliche Sowjetbürger mit dem Parteiinteresse zu bemänteln.“ (S. 547)

Abgesehen von der dümmlichen Entstellung der Position Stalins, der nie behauptet hat, „daß die Zahl der Feinde wächst“, ist Chruschtschow hier sogar einmal nahe an der Wahrheit: In der Tat benützten Provokateure und gewissenlose Karrieristen den notwendigen Kampf gegen die Trotzkisten und andere Konterrevolutionäre für ihre eigenen konterrevolutionären Ziele, wobei sie dies mit angeblichen „Parteiinteressen“ bemäntelten.

Chruschtschow vermeidet es tunlichst näher darauf einzugehen, wer denn die von ihm selbst genannten „Provokateure“ usw. gewesen seien.

Chruschtschow dient der Verweis darauf in Wirklichkeit auch nur dazu, den verschärften Klassenkampf gegen alle Feinde der Diktatur des Proletariats selbst zu diskreditieren und abzulehnen, indem er „Stalins These“ dafür faktisch verantwortlich macht.

Es ist wichtig zu verstehen, daß Chruschtschow hier mit Fehlern, Mängeln und Mißständen spekuliert, welche die KPdSU(B) unter Führung Stalins damals bereits erkannt hatte.

  • 1937 prangerte Stalin in seiner Rede „Über die Mängel der Parteiarbeit…“ das formale und herzlos-bürokratische Verhalten nicht weniger Parteimitglieder gegenüber dem Schicksal einzelner Parteimitglieder, zur Frage des Ausschlusses von Parteimitgliedern aus der Partei beziehungsweise zur Frage der Wiedereinsetzung Ausgeschlossener in die Rechte von Parteimitgliedern an und wies auf sehr schlimme Haltungen der Bürokraten zu den Kadern der Kommunistischen Partei hin.

„Entweder sie loben sie in Bausch und Bogen und ohne Maß, oder sie prügeln sie ebenso in Bausch und Bogen und ohne Maß, schließen sie zu Tausenden und Zehntausenden aus der Partei aus.“ (Stalin: „Über die Mängel der Parteiarbeit und die Maßnahmen zur Liquidierung der trotzkistischen und sonstigen Doppelzüngler“, 1937, Werke Band 14, S. 157.)

Daß es hier tatsächlich nicht nur um einige Einzelfälle ging, geht aus den Parteidokumenten dieser Jahre deutlich hervor:

  • Im Beschluß des Plenums des ZK der KPdSU(B) vom Januar 1938 „Über Fehler der Parteiorganisationen beim Ausschluß von Kommunisten aus der Partei, über die formal-bürokratische Behandlung der Berufung von aus der KPdSU(B) Ausgeschlossenen und Maßnahmen zur Beseitigung dieser Mängel“ heißt es über die Säuberung der KPdSU(B), „daß bei der großen Arbeit zur Säuberung ihrer Reihen von trotzkistischen rechten Agenten des Faschismus ernste Fehler und Entstellungen begangen wurden, welche die Reinigung der Partei von Doppelzünglern, Spionen und Schädlingen behindern. Trotz mehrmaliger Hinweise und Warnungen des ZK der KPdSU(B) handhaben die Parteiorganisationen in vielen Fällen den Ausschluß von Kommunisten aus der Partei völlig falsch und mit verbrecherischer Leichtfertigkeit.“[566] Erinnert wird an verschiedene ZK-Beschlüsse gegen solche Praktiken, zugleich aber festgestellt, daß derartige üblen Praktiken weiterhin fortgesetzt wurden:

„Es sind nicht wenige Tatsachen bekannt, daß Parteiorganisationen ohne irgendwelche Überprüfung und folglich unbegründet Kommunisten aus der Partei ausschließen, ihnen die Arbeit nehmen, sie oft sogar völlig grundlos zu Volksfeinden erklären, Gesetzeswidrigkeiten begehen und gegenüber den Parteimitgliedern ganz willkürlich verfahren.“ (S. 2S2)[567]

Über die Ursachen von diesen in großer Zahl aufgetretenen Missständen heißt es:

„Das Plenum des ZK der KPdSU(B) ist der Meinung, daß alle diese und ähnliche Tatsachen in den Parteiorganisationen vor allem deshalb verbreitet sind, weil es unter den Kommunisten einzelne noch nichtentdeckte und entlarvte Kommunisten gibt, die Karrieristen sind, die bestrebt sind, sich durch Parteiausschlüsse und durch Repressalien gegen Parteimitglieder auszuzeichnen und hervorzutun, die bestrebt sind, sich vor möglichen Anschuldigungen über Mängel an Wachsamkeit durch Anwendung von wahllosen Repressalien gegen Parteimitglieder zu sichern. „ (S. 235, Hervorhebungen im Original)

In der Resolution folgt eine genauere Charakteristik solcher „karrieristisch eingestellter Kommunisten“ und es wird gefordert, „solche, mit Verlaub zu sagen, Kommunisten zu entlarven und sie als Karrieristen zu brandmarken, die bestrebt sind, sich durch Parteiausschlüsse einzuschmeicheln, die bestrebt sind, sich durch Repressalien gegenüber Parteimitgliedern rückzuversichern.“ (S. 236, Hervorhebungen im Original)

Auf einen weiteren Mißstand wird hingewiesen, nämlich: „Es sind weiterhin viele Tatsachen bekannt, daß getarnte Volksfeinde und doppelzünglerische Schädlinge in provokatorischer Absicht die Eingabe von verleumderischen Beschuldigungen gegen Parteimitglieder organisieren und unter dem Vorwand der Entfaltung der Wachsamkeit den Ausschluß von ehrlichen und der Partei ergebenen Kommunisten aus der KPdSU(B) anstreben, um so den Schlag von sich selbst abzulenken und sich selbst in der Partei zu halten.“ (S. 236)

Wiederum folgt die Aufzählung einer Fülle von Tatsachen dazu, die zeigen,

„daß viele unserer Parteiorganisationen und ihre Leiter es bis jetzt noch nicht verstanden haben, den geschickt getarnten Feind zu erkennen und zu entlarven, der erstens seine feindliche Einstellung mit Geschrei über Wachsamkeit zu tarnen und sich in der Partei zu halten versucht und der sich zweitens bemüht, durch Repressalien unsere bolschewistischen Kader zu zerschlagen und Unsicherheit und unnötiges Mißtrauen in unseren Reihen zu säen.“ (S. 238, Hervorhebungen im Original)

Die Dramatik wird noch gesteigert durch die Feststellung, daß praktisch alle Parteiorganisationen unterhalb des ZK der KPdSU(B) diesbezüglich weitgehend versagt hatten:

„Allen ist bekannt, daß sich viele unserer leitenden Parteifunktionäre als politisch kurzsichtige, prinzipienlose Praktiker erwiesen haben, daß sie den Volksfeinden und Karrieristen ermöglichten, sie hinters Licht zu führen, daß sie leichtfertig zweitrangigen Funktionären die Entscheidung von Fragen überließen, die das Schicksal von Parteimitgliedern betrafen, und daß sie es in verbrecherischer Weise unterließen, diese Angelegenheit zu leiten. (…)

Es hat keinen einzigen Fall (!! A.d.V.) gegeben, daß Gebietskomitees, Regionskomitees und Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien nach Klärung einer Angelegenheit die Praxis der unterschiedslosen und summarischen Behandlung von Parteimitgliedern verurteilt und die Leiter der örtlichen Parteiorganisationen für den unbegründeten und unrechtmäßigen Ausschluß von Kommunisten aus der Partei zur Verantwortung gezogen hätten. (…)

Die Gebietskomitees, Regionskomitees und die Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien, die es ablehnten, Berufungen von Ausgeschlossenen zu überprüfen, haben die Beschlüsse der Rayon- und Stadtkomitees der KPdSU(B) in dieser Frage, entgegen dem Parteistatut, in unwiderrufliche und endgültige Beschlüsse verwandelt. (…)

Die Gebietskomitees, Regionskomitees und die Zentralkomitees der nationalen Kommunistischen Parteien fördern selbst die Praxis der massenweise, unterschiedslosen Parteiausschlüsse, indem sie diejenigen leitenden Parteifunktionäre straflos ausgehen lassen, die Kommunisten gegenüber willkürlich verfahren.“ (S. 240f.) Die Resolution stellt dann den Begriff der bolschewistischen Wachsamkeit klar:

„Es ist an der Zeit zu begreifen, daß die bolschewistische Wachsamkeit ein Maximum an Vorsicht und kameradschaftlicher Sorge bei der Entscheidung von Fragen des Parteiausschlusses oder der Wiederaufnahme in die Partei nicht nur nicht ausschließt, sondern im Gegenteil voraussetzt.“ (S. 241 f.)

Das ZK der KPdSU(B) beschloß unter anderem, daß alle noch ausstehenden Überprüfungen von Berufungen aller aus der Partei Ausgeschlossenen innerhalb von drei Monaten zu erfolgen haben und legte verbindlich fest:

„Alle Parteikomitees werden verpflichtet, in ihren Beschlüssen über den Ausschluß von Kommunisten aus der Partei klar und genau die Motive darzulegen, die als Begründung für den Ausschluß gedient haben, damit die übergeordneten Parteiorgane die Möglichkeit haben, die Richtigkeit dieser Beschlüsse zu überprüfen. Jeder solcher Beschluß eines Rayon-, Stadt- oder Gebietskomitees bzw. eines Zentralkomitees einer nationalen Kommunistischen Partei ist unbedingt in der Presse zu veröffentlichen.“ (S. 242f.)

Außerdem wurde die falsche und schädliche Praxis verboten, die aus der KPdSU(B) Ausgeschlossenen umstandslos aus ihrer Arbeit zu entlassen (S. 243).

  • Auf dem XVIII. Parteitag der KPdSU(B) 1939 zog Stalin zur Parteireinigung das Resümee:

„Es läßt sich nicht behaupten, daß die Reinigung ohne ernstliche Fehler durchgeführt wurde. Leider wurden mehr Fehler begangen, als anzunehmen war. Es unterliegt keinem Zweifel, daß wir die Methode der Reinigung im Massenmaßstab nicht mehr anzuwenden brauchen. Doch war die Reinigung in den Jahren 1933-1936 unerläßlich und zeitigte im wesentlichen positive Ergebnisse.“ (Stalin: „Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag über die Arbeit des ZK der KPdSU(B)“, 1939, Werke Band 14, S. 214.)

Das ist eben der springende Punkt: Bei der Parteireinigung gab es zwar ernste, ja sehr ernste Fehler, die Reinigung selbst war aber notwendig.

Ebenso ist es mit dem Klassenkampf überhaupt gewesen: Bei der Verschärfung des Klassenkampfes wurden zwar Fehler gemacht, die Verschärfung selbst war und ist aber notwendig.

„Im Bericht Shdanows auf dem 18. Parteitag der KPdSU(B) von 1939 wird eine ganze Fülle von Mißständen und Mißbräuchen angeprangert, denen der entschiedene Kampf angesagt wird. Dabei behandelte er auch das Problem der Verleumdung:

„Die Verleumdung ehrlicher Mitarbeiter unter der Flagge der , Wachsamkeit’ ist gegenwärtig die verbreitetste Methode zur Tarnung und Maskierung der feindlichen Tätigkeit. Die noch nicht entlarvten Wespennester der Feinde sind vor allem unter den Verleumdern zu suchen.“ [568]

„Ihre Hauptanstrengungen richteten die Feinde darauf, die ehrlichen bolschewistischen Kader zu zerschlagen.“[569]

„Diese landläufige Formel – ,Beziehungen zu Volksfeinden’ – wurde von parteifeindlichen Elementen weitgehend ausgenutzt, um über ehrliche Kommunisten herzufallen.“[570]

Tatsächlich gab es also große Mißstände und auch Fehler. Gegen Chruschtschow, der dies alles dem Sinn nach verdreht und dann auch noch Stalin in die Schuhe zu schieben versucht, ist aber die Feststellung wesentlich, daß diese negativen Erscheinungen nicht in der Linie und Politik von Stalin und dem leninistischen ZK der KPdSU(B) selbst begründet waren, sondern Abweichungen davon darstellten, die zu einem großen Teil erkannt, denen in Theorie und Praxis der Krieg erklärt wurde. Dieser nötige Kampf konnte nur auf der Grundlage der von Stalin führend vertretenen und propagierten Linie erfolgreich geführt werden. Chruschtschows Ziel aber ist umgekehrt gerade die Diskreditierung und Liquidierung der leninistischen Linie Stalins. Das ist der entscheidende Punkt.

Das Wutgeheul Chruschtschows über „Massenrepressalien“ usw. richtet sich im Grunde dagegen, daß die Kommunistinnen und Kommunisten der Sowjetunion in den 30er Jahren mit Erfolg einen äußerst komplizierten Kampf gegen die gefährlichsten Feinde führten, die Feinde mit dem Parteimitgliedsbuch in der Tasche.

Eine Schwäche des Klassenkampfes des Proletariats in der UdSSR unter Führung der KPdSU(B) war seit den 30er Jahren bis zum Tod Stalins aber ohne Zweifel, daß eine ganze Garnitur bzw. Kategorie von Doppelzünglern, nämlich jene vom Typ Chruschtschows, Mikojans und anderer moderner Revisionisten nicht oder noch nicht ausreichend als gefährliche Feinde erkannt und entlarvt worden sind, so daß es ihnen nach dem Tod Stalins gelingen konnte, die Macht an sich zu reißen.

Ein unwiderlegbarer Beweis für Chruschtschows wahre konterrevolutionäre Absichten: die Versöhnung mit den Tito-Revisionisten

Chruschtschows „Geheimbericht“ enthält über weite Strecken Vorwürfe, die insofern schwer zu widerlegen sind, weil die Faktenlage nicht klar ist.

So klar und deutlich der Revisionismus von Chruschtschow ideologisch bei seinen Attacken gegen die Fortsetzung und Verschärfung des Klassenkampfes unter der Diktatur des Proletariats bis zum Kommunismus zum Vorschein kam, so eindeutig wurde seine konterrevolutionäre Position politisch durch seine Umarmung mit den Tito-Revisionisten deutlich. In seinem Geheimbericht behauptet Chruschtschow, daß Stalin die Tito-Revisionisten angeblich willkürlich und völlig zu Unrecht verurteilt habe.

Da habe es nämlich nichts gegeben, „was sich nicht durch Parteidiskussionen unter Genossen hätte regeln lassen.“ (S. 568) Schließlich handele es sich um die Jugoslawischen Genossen“ (S. 569). Damit wendet sich

Chruschtschow direkt gegen die Position der kommunistischen Weltbewegung, welche die Tito-Revisionisten gerade erst vor acht Jahren ideologisch als Antimarxisten entlarvt und deren Übergang ins Lager des Imperialismus angeprangert hatte.

Konterrevolutionärer Ökonomismus: Chruschtschows „materieller Anreiz“

Gegen Ende seines Geheimberichts kommt Chruschtschow auch noch auf die Agrarpolitik zu sprechen. Auch hier scheint Chruschtschows eigene revisionistische Linie sehr deutlich hinter seinen Attacken gegen Stalin hervor. Chruschtschow erklärt, er habe schon zu Lebzeiten Stalins vorgeschlagen, die Preise für Agrarprodukte zu erhöhen, „um den Kolchos-, Sowchos- und MTS-Arbeitern einen materiellen Anreiz für die Entwicklung der Viehzucht zu geben.“ (S. 579) Das Voranstellen des „materiellen Anreizes“ war ein konterrevolutionärer Kernpunkt der Politik Chruschtschows spätestens seit 1956, im Grunde nur die köderhafte Verbrämung des Appells an die auf den Kapitalismus hinauslaufende und dessen Durchsetzung dienende Mentalität des Eigennutzes.

Wo war eigentlich Chruschtschow?

Da die Frage angesichts von Chruschtschows antikommunistischen „Enthüllungen“ förmlich in der Luft lag, hielt es Chruschtschow es für opportun, sie selbst aufzuwerfen:

„Manche Genossen mögen nun fragen: Wo waren die Mitglieder des Politbüros des Zentralkomitees? Warum setzten sie sich nicht rechtzeitig gegen den Persönlichkeitskult zur Wehr? Und warum tut man das erst jetzt?“ (S. 581)

Das ist für Chruschtschow in der Tat eine sehr peinliche Frage, bei der er sich windet und wendet:

„Zunächst müssen wir bedenken, daß die Mitglieder des Politbüros diese Dinge zu verschiedenen Zeiten verschieden beurteilten. Anfangs gaben viele von ihnen Stalin tatkräftige Unterstützung, weil er einer der stärksten Marxisten war und mit seiner Logik, seiner Festigkeit und seinem Willen die Kader- und Parteiarbeit erheblich beeinflußte. Es ist bekannt, daß Stalin nach Lenins Tod und insbesondere in den ersten Jahren danach aktiv für den Leninismus eintrat und ihn gegen die Feinde der leninistischen Lehre und gegen Abweichler verteidigte.“ (S. 581)

Nur „anfangs“ also hätten „viele“ des Politbüros Stalin unterstützt. Und später? Darüber schweigt sich Chruschtschow aus. Zu schwer wiegt doch die offenkundige Tatsache, daß keiner von den „vielen“, die Chruschtschow meint, zu Lebzeiten Stalin irgendwie nachweisbar ihm die Unterstützung entzogen hätte. Falls Kräfte im Politbüro Stalin später nicht mehr unterstützten, dann taten sie es jedenfalls nicht offen und ehrlich, sondern heimlich, als Intriganten und Doppelzüngler, als verkappte Revisionisten, als die sie sich in der Tat erst nach Stalins Tod offen gezeigt haben. Solange Stalin aber lebte, zogen sie es vor, ihre wahren konterrevolutionären Absichten und Handlungen hinter Hochrufen auf Stalin zu verbergen.

***

Nachdem die „Geheimrede“ Chruschtschows in der imperialistischen Presse veröffentlicht worden war und es aus vielen kommunistischen Parteien Anfragen gab, was denn nun wahr und was erlogen sei, veröffentlichte das revisionistische ZK der KPdSU Ende Juni/Anfang Juli 1956 eine Resolution, worin der Inhalt der „Geheimrede“ indirekt bestätigt wurde.

Darin wird auch der Versuch gemacht, zu erklären, warum das ZK der KPdSU „nicht offen Stellung bezogen und ihn aus der Führung entfernt hatte“, wenn Stalin angeblich doch so viel Unheil angerichtet habe:

„Das war unter den entstandenen Verhältnissen nicht möglich… die Erfolge im Aufbau des Sozialismus und in der Konsolidierung der UdSSR wurden Stalin zugeschrieben, solange der Personenkult bestand.

Jedes Auftreten gegen ihn wäre unter diesen Bedingungen vom Volk nicht verstanden worden. Und es handelt sich hierbei keineswegs um Mangel an persönlichem Mut, Es ist klar, daß niemand, der sich in dieser Atmosphäre gegen Stalin gewandt hätte, die Unterstützung vom Volk bekommen hätte. Darüber hinaus wäre ein solches Auftreten unter diesen Bedingungen als ein Auftreten gegen den Aufbau des Sozialismus, als in der Atmosphäre kapitalistischer Einkreisung äußerst gefährliche Untergrabung der Einheit der Partei und des ganzen Staates angesehen worden. Es kommt hinzu, daß die Erfolge, die die Werktätigen der Sowjetunion unter der Führung ihrer kommunistischen Partei erzielten, das Herz jedes Sowjetmenschen mit berechtigtem Stolz erfüllten und eine Atmosphäre schufen, in der einzelne Fehler und Mängel auf dem Hintergrund der gewaltigen Erfolge weniger bedeutend erschienen und die negativen Folgen dieser Fehler rasch durch die kolossal anwachsenden Lebenskräfte der Partei und der Sowjetgesellschaft ausgeglichen wurden.“[571]

Tatsache ist, daß die Erfolge beim Aufbau des Sozialismus und in der Festigung der Diktatur des Proletariats in der UdSSR von den Arbeiterinnen und Arbeitern und anderen werktätigen Massen nicht einfach unreal Stalin „zugeschrieben“ wurden. Die riesigen Erfolge wurden real von der Arbeiterklasse der UdSSR unter der Führung der KPdSU(B) erzielt, an deren Spitze zu Recht kein anderer als Stalin stand, der sich in all den Jahren härtesten Kampfes in allen Sphären des Klassenkampfes in der Tat als überragender Genösse bewährt hatte.

Anmerkung 3.: Über einige Quellen der heutigen „antidogmatischen“ Strömung

Die heute unter den sich als „antirevisionistisch“ verstehenden Kräften verbreitete weitgehende Prinzipienlosigkeit, die Mißachtung der großen Bedeutung der kommunistischen Theorie, die katastrophale Unterschätzung der Notwendigkeit der Verteidigung der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus und die mehr oder weniger offene Propagierung der Auffassung „Hauptgefahr Dogmatismus“ – all das hat seine tiefste ideologische Wurzel sicherlich im Verrat der Chruschtschow-Revisionisten und der revisionistischen Umwandlung nahezu aller ehemals kommunistischen Parteien.

Auf der Basis dieser Erkenntnis wollen wir im Folgenden auf einige damit verbundene Quellen und Nährböden der heutigen „antidogmatischen“ Strömung eingehen, wie sie sich uns gegenwärtig in verschiedenen Formen präsentiert.

Die Studentenbewegung der 60er Jahre, die mehr oder weniger stark zahlreiche Länder der imperialistischen Welt durchlief, war in verschiedener Hinsicht eine Kampfansage auch an den Verrat der modernen Revisionisten, die jeglichen wirklichen Kampf gegen Imperialismus und Faschismus oder die Unterstützung etwa des Befreiungskriegs gegen den US-Imperialismus in Vietnam sabotierten. Einen großen Einfluß auf diese Bewegung hatte auch die Kulturrevolution in China.

In ideologischer Hinsicht war diese Jugend- und Studentenbewegung jedoch weitgehend von Konfusion und vom Vorherrschen antimarxistischer, antileninistischer Ideen geprägt. Im Grunde warf diese Bewegung den wissenschaftlichen Kommunismus mit dem modernen Revisionismus in einen Topf, wobei die modernen Revisionisten vielfach sogar noch als „Stalinisten“ angegriffen wurden. Die Studentenbewegung verstand sich als „antidogmatisch“, kämpfte nicht gegen den Verrat an den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus. Das rührte daher, daß der Verrat der modernen Revisionisten auf die „Dogmatisierung“ dieser Prinzipien zurückgeführt wurde und nicht auf deren Revision. Unbewußt fiel diese Bewegung in den weltweiten Chor ein, daß der Dogmatismus die Hauptgefahr darstelle und heftete sich so mehr oder weniger direkt an die Fersen der modernen Revisionisten, auch wenn diese in ihrer konterrevolutionären politischen Praxis vielfach angegriffen wurden.

In dieser ideologisch solcherart geprägten Situation fiel es bürgerlichen Ideologen im „marxistischen“ Gewand nicht schwer, die besten Bestrebungen der Jugend- und Studentenbewegung zu mißbrauchen, ideologisch und geschickt extrem revisionistische Auffassungen unter die Leute zu bringen.

Dieser „Aufgabe“ widmeten sich bürgerliche Professoren wie Habermas, Adorno, Marcuse, Horkheimer usw., aber auch alte Renegaten und extreme Revisionisten wie Fischer und Marek, Bloch, Lukacs, Djilas usw. spielten keine unbedeutende Rolle. Sie alle waren von vornherein geschworene Feinde des wissenschaftlichen Kommunismus, den sie insbesondere als „Stalinismus“ bzw. als „Dogmatismus“ bekämpften.

Sie nutzten den Verrat der Chruschtschow-Revisionisten aus, um die gesamte Lehre des wissenschaftlichen Kommunismus als „fragwürdig“, „gescheitert“ usw. hinzustellen.

Die bürgerlichen Ideologen in der Jugend- und Studentenbewegung hatten die Aufgabe, den wissenschaftlichen Kommunismus völlig seines revolutionären Gehalts zu berauben. Gleichzeitig aber mußten sie sich ein „marxistisches“ Mäntelchen umhängen, um sich bei der rebellierenden Jugend als Freunde ausgeben zu können. Um dem Marxismus die revolutionäre Spitze abzubrechen, haben sie eine alte Idee wieder neu aufpoliert:

Der Marxismus sei letztlich nur eine wissenschaftliche Methode, ein Arbeitsverfahren. Stammvater dieser Ansichten war Georg Lukacs, der bereits 1919 in „Was ist orthodoxer Marxismus?“ propagierte:

„Orthodoxer Marxismus bedeutet also nicht ein kritikloses Anerkennen der Resultate von Marx’ Forschung, bedeutet nicht einen ,Glauben’ an diese oder jene These, nicht die Auslegung eines ,heiligen’ Buches. Orthodoxie in Fragen des Marxismus bezieht sich vielmehr ausschließlich auf die Methode.“[572]

Diese Auffassung wurde dann von solchen Führern der Studentenbewegung wie Rabehl aufgegriffen, der behauptete, die „Ablehnung jeglicher Revision“ beziehe sich lediglich „auf die Marxsche Methode der Klassenanalyse“ [573].

Man könne also durchaus die Resultate, das heißt die Schlußfolgerungen von Marx bzw. des wissenschaftlichen Kommunismus kritisieren und ablehnen, Hauptsache sei, man anerkenne die „Marxsche Methode“. Damit ist der Marxismus auf ein Torso reduziert: Abgelehnt wird damit nämlich das Wichtigste am Marxismus, seine Ergebnisse, abgelehnt wird damit seine Theorie und Strategie, abgelehnt wird der Marxismus als Anleitung zum Handeln, abgelehnt wird die Feststellung Lenins, daß nur der ein Marxist ist, der die Diktatur des Proletariats anerkennt usw. usf.

Dies war eine direkte Rechtfertigung des Verrats sämtlicher Revisionisten und insbesondere des Verrats der modernen Revisionisten an der Diktatur des Proletariats, an der gewaltsamen proletarischen Revolution.

Im Weiteren wird behauptet, daß Marx usw. trotz richtiger Methode zu durchaus falschen Resultaten gelangt sein könnten, was in sich schon schleierhaft ist. Die entscheidenden Schlußfolgerungen des Marxismus bzw. des wissenschaftlichen Kommunismus werden als „Glaubenssätze“ diffamiert, womit ihr objektiver Wahrheitsgehalt geleugnet wird. Schließlich verkommt die Methode selbst zur bloßen Forschungsmethode im Stile der bürgerlichen Soziologie, bei der der proletarische Klassenstandpunkt, die Parteilichkeit und das Ausgehen von den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus als Wissenschaft des Proletariats keinerlei Bedeutung mehr hat. Die Methode wird vor allem nicht als Methode zur Verwirklichung der Ziele des Kommunismus betrachtet.

Logisch, daß solche Auffassungen ideologisch ganz auf der Linie der modernen Revisionisten lagen, deren Verrat an den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus bekräftigten und „wissenschaftlich“ zu untermauern versuchten.

Insbesondere unter denjenigen Kräften der Jugend- und Studentenbewegung, die sich dem wissenschaftlichen Kommunismus zuwandten, übte die Kulturrevolution in China einen großen Einfluß aus, wie überhaupt die ideologische und politische Entwicklung in China sehr große Bedeutung für die gegen den Verrat der Chruschtschow-Revisionisten auftretenden Kräfte hatte.

Das bedeutete aber auch, daß falsche Auffassungen der KP Chinas sehr rasch und unter wenig Widerstand in die Bewegung aufgenommen wurden, wobei entscheidend ist, daß hierfür schon, wie gezeigt, ein empfänglicher Nährboden vorhanden war.

Wir wollen hier als Beispiel nur auf die Studienkampagne gegen den Apriorismus eingehen, die 1972/1973 in China durchgeführt wurde und auch in anderen Ländern mit Aufmerksamkeit verfolgt wurde, was sich in nicht wenigen Nachdrucken und Diskussionen von Artikeln der „Peking Rundschau“ zu diesem Thema ausdrückte.

Diese Kampagne gegen den Apriorismus[574] war bekanntlich eine Studienkampagne, in deren Mittelpunkt das Studium des „Anti-Dühring“ von Engels stand. Im Verlauf dieser Kampagne ging es nicht nur um die Zurückweisung des „Geniekults“, gegen falsche Zitiermethoden und gegen die falsche Verherrlichung der „Mao-Tse-tung-Ideen“, was eine richtige, unterstützenswerte Tendenz war, sondern vorrangig gerade auch darum, daß man eben – genau wie uns heute allerlei Pseudomarxisten weismachen wollen – lediglich durch eine „konkrete Analyse“, ausschließlich gestützt auf die Methode des wissenschaftlichen Kommunismus (oder richtiger: was man darunter verstand), die Wahrheit erkennen könne. Damit aber war dem Revisionismus wieder Tür und Tor geöffnet. Der Grundfehler der ganzen Kampagne bestand darin, daß nicht klargestellt wurde, wie in richtiger Weise von der Lehre von Marx, Engels, Lenin und Stalin ausgegangen werden muß als Voraussetzung für eine wirklich nötige und konsequent durchzuführende „konkrete Analyse“ der großen und kleinen Fragen und Probleme. Aus dieser Kampagne fielen einfach die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus und seine Prinzipien heraus.

Es ist nicht schwer vorstellbar, daß diese Propagandakampagne bei verschiedenen Opportunisten anderer Länder als direkte Bestätigung für ihr eigenes prinzipienloses Vorgehen, für ihre eigene Mißachtung der Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus aufgefaßt wurde und ihren falschen Auffassungen Nährstoff gab.

In einer Situation des Vorherrschens solcher falscher Auffassungen war es auch kein Wunder, daß die „Theorie der drei Welten“ ziemlich schnell zunehmenden Einfluß erlangte. Gleicht doch das „Drei-Welten-Schema“ hinsichtlich der Haltung zur Theorie und zu den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus dem Chruschtschow-Revisionismus wie ein faules Ei dem anderen, ist direkt auf dem Boden des Chruschtschow-revisionistischen Verrats herangewachsen und ist dessen direkte Fortsetzung.

Die „Drei-Welten“-Revisionisten tun ebenfalls alles Erdenkliche, um das Ausgehen von der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus und die Verteidigung und Anwendung seiner Prinzipien zu bekämpfen. Dieses Bestreben wird in einem Artikel in der „Peking Rundschau“, Nr. 28 und Nr. 29/1978 so weit vorangetrieben, daß unumwunden erklärt wird, die Frage, „ob eine Linie richtig oder falsch ist“, sei „keine Frage der Theorie, sondern eine Frage der Praxis“.[575] Damit wird die Rolle der Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus im Grunde für null und nichtig erklärt und uneingeschränkter Opportunismus propagiert.

Unverschämter kann man kaum noch erklären, daß die gesamte Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus und ihre Prinzipien im Grunde überflüssig seien, da man ohnedies nicht wisse, ob sie nun revolutionäre Handlungsanleitung sein könnten oder nicht. Übrig bleibt auch hier nichts als ein Versatzstück der kommunistischen Methode, die „konkrete Analyse der konkreten Situation“. Dies ist eine kaltschnäuzige Verhöhnung aller von der internationalen Arbeiterbewegung mit viel Blut erkauften Erfahrungen und ihrer kommunistischen Verallgemeinerung, die mit professoraler Überheblichkeit praktisch als belanglos erklärt werden.

Wir haben hier nur einige Zusammenhänge hinsichtlich der Haltung verschiedener opportunistischer Strömungen zur Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus und seiner Prinzipien versucht aufzuzeigen. Insbesondere kommt es aber darauf an zu erkennen, daß diese verschiedenen Spielarten revisionistischer Auffassungen alle ein gemeinsames Wesen und eine gemeinsame Wurzel haben, den modernen Revisionismus mit dem Chruschtschow-Revisionismus als Basis. Wenn auch in der Form und vom Auftreten her verschieden, sind es dem Wesen nach doch nichts anderes als Verzweigungen dieses Revisionismus.

Anmerkung 4.: Wie die modernen Revisionisten die Rolle der Theorie herabmindern am Beispiel Fidel Castros

Wir wollen hier am Beispiel Fidel Castros illustrieren, wie die modernen Revisionisten die revolutionäre Theorie in eine bloße Rechtfertigung ihrer revisionistischen Praxis verwandeln. Dabei ist das Beispiel Fidel Castros in verschiedener Hinsicht bemerkenswert. Die Revolution in Kuba fand nichtunter der Führung einer kommunistischen Partei statt. Trotzdem wurde dort der Aufbau des Sozialismus proklamiert. Die gesamte damalige kommunistische Weltbewegung propagierte ebenfalls ohne Einschränkung, daß in Kuba der Sozialismus aufgebaut werde.[576] Ja, Fidel Castro und die kubanische Partei erlangten unter den gegen den Chruschtschowschen Verrat auftretenden Kräften zeitweilig sogar besonderes Ansehen und erweckten große Hoffnungen, da sie sich anfänglich noch nicht vollständig den Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten unterordneten. Ohne die Frage der Einschätzung Kubas auch nur annähernd lösen zu wollen (was angesichts der pseudolinken, scheinrevolutionären Demagogie und partiell besonderen Gefährlichkeit der Revisionisten um Fidel Castro eine sehr wichtige Aufgabe wäre), soll hier aufgezeigt werden, welch extremen Pragmatismus der Revisionist Castro predigt. Am Beispiel der Revolution in Kubaveranschaulicht Castro in aller Offenheit, als wäre es ein besonderes Verdienst, seine extrem herabwürdigende Haltung zur Theorie.

In einem Interview in der Zeitschrift „Cuba Si“ vom Dezember 1978 brüstet sich Castro, daß es ein besonderes Geschick gewesen sei, eine Revolution durchzuführen und zum Sozialismus zu gelangen, ohne es dem Volkgesagt zu haben, ohne revolutionäre Propaganda dafür betrieben zu haben.

Dies wird begründet mit dem damaligen Vorherrschen des Antikommunismus in Kuba. Man habe also ohne die Anleitung durch die Theorie des wissenschaftlichen Kommunismus verschiedene Maßnahmen durchgeführt, die Kuba in den Sozialismus geführt hätten:

„Die Menschen begannen zu sagen: Wenn das Sozialismus ist, so ist der Sozialismus willkommen. Zuerst wird der Sozialismus akzeptiert und dann beginnt die Akzeptierung des Marxismus-Leninismus. Anders ausgedrückt, gingen hier die Fakten den theoretischen Erläuterungen voraus. Dann kam die Zeit auch für theoretische Erläuterungen.

Aus jedem Fakt, aus jedem Ereignis wurden Lehren und Schlußfolgerungen gezogen. Abschließend wurde das Problem theoretisch analysiert.

Die Theorie fixierte also die entstandene Meinung, erläuterte das Geschehen.“[577]

Man macht also die Revolution und schafft danach, „abschließend“, die Theorie für diese Revolution. Das ist offensichtlich eine originelle Weiterentwicklung der Lehre Lenins „Ohne revolutionäre Theorie kann es keine revolutionäre Praxis geben“ in ihr Gegenteil: „Die Praxis wird schließlich auch eine passende Theorie nach sich ziehen!“

Und Fidel Castro als großer „Theoretiker“ kann nicht darauf verzichten, seinen revisionistischen Kram gleich weltweit zu verallgemeinern:

„Mir scheint, daß offenbar in allen revolutionären Prozessen die faktischen Umgestaltungen der politischen Kultur, dem politischen Bewußtsein der Massen vorausgehen. Und darin liegt die immense Bedeutung revolutionärer Programme.“[578]

Die „immense Bedeutung revolutionärer Programme“ liegt somit offenbar darin, daß man sie für revolutionäre Umgestaltungen … gar nicht braucht.

Um die eigene prinzipienlose Praxis zu rechtfertigen, besitzt Castro sogar die Unverschämtheit, dort zu behaupten, das sei „auch in der Sowjetunion“ 1917 so gewesen, „auch dort war ein ähnlicher Prozeß im Gange“.

Schlimmer kann man Lenin und die Bolschewik! wirklich nicht verleumden.

Anmerkung 5.: Das „sympathische Konkrete“ und das „unsympathische Abstrakte“

Ein Hauptschlagwort der modernen Revisionisten, das in bestimmter Form auch von der KP Chinas propagiert wurde und überhaupt große Popularität genießt, ist das Wörtchen „konkret“.

Alle Zitate von Marx, Engels, Lenin und Stalin, in denen das benannte Wörtchen vorkommt, werden beschworen, um den verstockten „Prinzipienreitern“ und „Dogmatikern“ die Notwendigkeit einzubläuen, doch endlich „konkret“ zu sein.

Es ist in diesem Zusammenhang daher angebracht, einige Aspekte über die Begriffe „konkret“ und „abstrakt“ in Erinnerung zu rufen, um den Hintergrund der Spekulation mit dem Wort „konkret“ etwas aufzuhellen.

Die modernen Revisionisten berufen sich auf die „konkrete Analyse“ nicht so sehr wegen der Analyse, sondern wegen des Ausdrucks „konkret“.

Um ihre falschen revisionistischen Thesen zu beweisen, greifen sie bestimmte einzelne Erscheinungen heraus, die sie nicht in den richtigen Zusammenhang stellen und nicht wirklich analysieren. Sie bleiben an der Oberfläche der Erscheinungen und suchen gar nicht nach dem Wesentlichen, nach den ihnen zugrundeliegenden Gesetzmäßigkeiten.

Die Schlußfolgerungen, zu welchen die Revisionisten dabei gelangen, sind, genauer betrachtet, durchaus nicht wissenschaftliche Reflexionen des „Konkreten“, sondern sind „gewaltsame Abstraktionen“, wie Marx im „Kapital“ die falschen, die Wirklichkeit nicht richtig widerspiegelnden Abstraktionen nannte. Nehmen wir, um das deutlicher zu machen, ein einfaches Beispiel: Wenn die Revisionisten aus zeitweiligen tatsächlichen Wahlerfolgen die Schlußfolgerung ableiten, daß man mit dem Stimmzettel zum Sozialismus gelangen könne, sind sie dann besonders wirklichkeitsverbunden und „konkret“? Natürlich nicht! Sie gehen zwar von einer „konkreten Erscheinung“ aus, ziehen daraus aber eine völlig falsche Schlußfolgerung, machen eine willkürliche Verallgemeinerung, eine „gewaltsame Abstraktion“, die zur Wirklichkeit in diametralem Gegensatz steht.

Im kommunistischen Sinne heißt „konkrete Analyse“, die in der Tiefe wirkenden Kräfte, die ursächlichen Zusammenhänge, die Gesetzmäßigkeiten hinter zufälligen und einzelnen Erscheinungen zu erkennen, ausgehend von der marxistischen Kenntnis dieser Gesetzmäßigkeiten, Wesen und Erscheinung eines Vorgangs in ihrer Ganzheit zu erfassen.

Die kommunistische Analyse der konkreten Erscheinungen besteht darin, ausgehend von den Prinzipien des wissenschaftlichen Kommunismus und in ihrem Eichte die Erscheinungen zu prüfen, diese Prinzipien den jeweiligen konkreten Bedingungen gemäß sachkundig anzuwenden und so von der äußeren Erscheinung zum Wesen der Sache vorzustoßen.

Das ist weit mehr, als bloß „konkret“ zu sein, denn „konkret“ sind auch die jeweils auftretenden äußeren Erscheinungsformen, während es aber darauf ankommt, die inneren Zusammenhänge zu erfassen, die Erscheinungen richtig zu werten und in die richtige Beziehung zueinander zu setzen, ihren Gesamtzusammenhang richtig zu erfassen. Die „Konkretheit“ der modernen Revisionisten gilt der Oberfläche der Erscheinung, sie haftet an ihnen genehmen und demagogisch herausgegriffenen, falsch gewerteten und in unrichtige Beziehung gebrachten Details. Die Konkretheit der kommunistischen Untersuchung hingegen geht in die Tiefe, genauer: Die Revisionisten begnügen sich mit dem Erfordernis der Konkretheit, den Kommunistinnen und Kommunisten hingegen ist die Konkretheit nur eines von mehreren Kriterien.

Auf diesen Aspekt hat bereits Lenin hingewiesen:

„Bei der ungeheuren Kompliziertheit der Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens kann man immer eine beliebige Zahl von Beispielen oder Einzeldaten ausfindig machen, um jede beliebige These zu erhärten.“ (Lenin: „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“, Werke Band 22, S. 194.)

Die Kehrseite der revisionistischen Liebe für das von ihnen so missbrauchte „Konkrete“ ist ihr Horror vor allem „Abstrakten“, eine Abneigung und ein Mißtrauen, das aus mehreren Quellen seine Hartnäckigkeit bezieht.

Das „Abstrakte“ ist etwas, das man nicht greifen kann, begegnet einem oft genug als ein Betrugsmanöver, eine leere Versprechung, eine Finte der herrschenden Klasse. Die Abstraktion ist mehr als einmal ein Mittel, von der Wirklichkeit abzulenken, die Wahrheit zu verschleiern, das Eiapopeia

vom Himmel, mit dem das Volk eingelullt wird. Eine solche Art von „Abstraktem“, gegen das alles Mißtrauen berechtigt ist, muß man natürlich entlarven, bekämpfen und ablehnen, aber nicht, weil es „abstrakt“ ist, sondern weil es sich hier um „Abstraktionen“ handelt, welche die Wirklichkeit nicht richtig, sondern falsch widerspiegeln und damit zur Irreführung und Verdummung der Massen dienen.

Es ist richtig und notwendig, die Theorien der Bourgeoisie und der Revisionisten als unrichtige Abstraktionen abzulehnen, aber man darf nicht zulassen, die Ablehnung solcher Abstraktionen auf die Ablehnung und das Mißtrauen gegen jegliche Theorie, auf Theorie und Prinzipien überhaupt auszudehnen. Genau in diese Richtung versucht eine Vielzahl bürgerlicher, sozialdemokratische und revisionistischer Demagogen die Arbeiterklasse und die anderen Werktätigen zu treiben.

Es gibt jedoch auch noch andere Quellen der Ablehnung des „Abstrakten“: Ganz bewußt entfalten die Feinde des Marxismus eine Kampagne, daß der Marxismus „abstrakt“ sei und also „nichts bringe“, da er nicht die „konkreten Nöte“ der Massen in den Vordergrund stelle, sondern „abstrakte Ziele“ wie den Kommunismus. Hier handelt es sich um das Verhältnis von kurzfristigen „greifbaren Resultaten“ und von grundlegenden langfristigen Interessen, und es wird klar, daß die Ablehnung „abstrakter“ Forderungen

überhaupt gleichbedeutend mit primitivstem Opportunismus ist.

Berücksichtigt muß auch werden, daß bei Ablehnung von Abstraktionen überhaupt und beim Pochen auf das „Konkrete“, vor allem auf die „konkrete eigene Erfahrung“, weder aus der Geschichte der eigenen Arbeiterbewegung noch aus der Erfahrung der Arbeiterbewegung anderer Länder gelernt werden kann.

Abstrakt, sagt Marx, heißt „abgesehen von den Umständen“. Wenn man nicht die Besonderheiten und Details der Revolution in einzelnen Ländern beiseite läßt, von ihnen abstrahiert, wenn man den gemeinsamen Kern, die Erfahrungen, die auch für die eigene Revolution brauchbar sind, nicht herausschält, ist es unmöglich, überhaupt zu lernen.

Abstrahieren und lernen ist in diesem Sinne identisch, das heißt, nur wenn man sowohl die Unterschiede, die konkret sind, als auch das Gemeinsame, das durch Abstraktion herausgeschält wird, analysiert, kann man Erfahrungen anderer Länder oder der Geschichte übernehmen.

Jede Verallgemeinerung ist eine Abstraktion, jedes Prinzip ist „abstrakt“, jede Gesetzmäßigkeit sieht von der Fülle konkreter Erscheinungen ab. Gerade aber dieser Umstand ermöglicht viel weitreichendere „konkrete Handlungsanweisungen“ als jede detaillierte Beschreibung eines konkreten Ereignisses.

In diesem Sinne schrieb Engels, auf dieses Problem eingehend:

„Das allgemeine Gesetz des Formwechsels der Bewegung ist viel konkreter als jedes einzelne ,konkrete’ Beispiel davon.“ (Engels: „Dialektik der Natur“, Marx/Engels Werke Band 20, S. 491.)

Eine weitere Schwierigkeit, welche die Bourgeoisie und die Revisionisten ausnutzen, um den Marxismus zu verleumden, besteht darin, daß die Darstellung der kommunistischen Theorie notwendig nicht direkt identisch sein kann mit den unmittelbaren Erfahrungen und konkreten Erlebnissen.

Denn die marxistische Theorie soll ja über den Augenblick hinaus die Zukunft beleuchten und in dieser Richtung die Gegenwart erklären und aus der Vergangenheit lernen.

Als weiteren Aspekt gegen ein demagogisches Argument der Revisionisten sei hier schließlich noch eine Passage aus dem Nachwort zur zweiten Auflage des „Kapitals“ von Marx zitiert:

„Die Forschung hat den Stoff sich im Detail anzueignen, seine verschiedenen Entwicklungsformen zu analysieren und deren inneres Band aufzuspüren. Erst nachdem diese Arbeit vollbracht, kann die wirkliche Bewegung entsprechend dargestellt werden. Gelingt dies und spiegelt sich nun das Leben des Stoffes ideell wider, so mag es aussehen, als habe man es mit einer Konstruktion a priori zu tun.“ (Marx: „Das Kapital“, Marx/Engels Werke Band 23, S. 27.)

Gerade diesen Umstand schlachten die Revisionisten aus, indem sie den Klassikern des wissenschaftlichen Kommunismus stets unterstellen, sie hätten die Prinzipien „erfunden“, bzw. indem sie die Sache so darstellen, als sei es „unerklärlich“, woher sie zu ihren Schlußfolgerungen gekommen seien.

Das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Schlußfolgerungen des Marxismus sind Abstraktionen aus einer riesenhaften Menge von genau gesichtetem konkretem Material und sind ihrerseits wiederum Ausgangspunkt für die Analyse neuer Erscheinungen und neuer konkreter Tatsachen.

Anmerkung 6.: Die revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen: Eine von zwei „Hauptkräften“, aber auch „Reserve“ – ein Widerspruch?

Stalin spricht in seinem Werk „Über die Grundlagen des Leninismus“ im Kapitel „Über Strategie und Taktik“ als „Hauptkraft“ nur vom Proletariat und ordnet die revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen den „Hauptreserven“ zu. Auf der anderen Seite werden im Programm der KI, wie wir bereits gesehen haben, als die „zwei revolutionären Hauptkräfte“ die „Arbeiter der kapitalistischen Länder“ und „die vom ausländischen Kapital geknebelten Volksmassen der Kolonien“ bestimmt.[579] Ist das nicht ein Widerspruch?

Stalin stellt fest, daß nach der sozialistischen Oktoberrevolution eine neue Etappe begann, die der Weltrevolution:

„Die Revolution geht über den Rahmen eines einzelnen Landes hinaus, die Epoche der Weltrevolution hat begonnen. Hauptkräfte der Revolution: die Diktatur des Proletariats in einem Lande, die revolutionäre Bewegung des Proletariats in allen Ländern. Hauptreserven: die halbproletarischen und kleinbäuerlichen Massen in den entwickelten Ländern, die Befreiungsbewegung in den Kolonien und abhängigen Ländern.“ (Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus“, 1924, Werke Band 6, S. 135.)

Das genaue Studium des Stalin-Textes läßt erkennen, daß er als die Hauptkräfte das internationale Proletariat bestimmt, einschließlich das Proletariat im Land (oder den Ländern) der Diktatur des Proletariats, einschließlich das Proletariat in den Metropolen und in den kolonialen, halbkolonialen und abhängigen Ländern. Aus dieser Perspektive sind selbstverständlich die nationalen Befreiungsbewegungen Reserven und Hilfskräfte für das internationale Proletariat auf dessen Weg zur Zerschlagung des Weltimperialismus und zur Errichtung des Weltkommunismus.

Das Programm der KI behandelt dagegen eine ganz andere Frage, und zwar die nach den machtvollen revolutionären Kräften, die dem Finanzkapital entgegentreten und ihm Schläge versetzen, und kommt dabei zu der völlig richtigen Antwort, daß zwei revolutionäre Hauptkräfte auf den Plan getreten sind: die Arbeiterbewegung in den Metropolen (nicht zu verwechseln mit dem internationalen Proletariat) und die Volksmassen der Kolonien.

Daher widersprechen sich die Formel von den zwei Hauptkräften (Arbeiterklasse der Metropolen und Volksmassen der Kolonien) und die Formel von den Hauptkräften (das internationale Proletariat einschließlich der Diktatur des Proletariats) und den Reserven (u. a. die nationalen Befreiungsbewegungen) überhaupt nicht, sondern behandeln eben zwei verschiedene Fragen, die unbedingt auseinandergehalten werden müssen.

In diesem Zusammenhang ist auch ganz interessant, daß das 1960 erschienene revisionistische Lehrbuch „Grundlagen des Marxismus-Leninismus“ im Abschnitt „Über die politische Strategie und Taktik“ versucht, Stalin eine Geringschätzung der nationalen Befreiungsbewegungen anzulasten, indem dort auf den Begriff der „Reserve“ verwiesen wird und er als etwas Abwertendes und Negatives hingestellt wird.[580]

In Wirklichkeit steht hinter der Formulierung Stalins seine Wertschätzung der wirklich revolutionären nationalen Befreiungsbewegungen, die einer unkritischen Gleichsetzung jeglicher nationaler Befreiungsbewegungen mit den wirklich revolutionären entgegentritt und klarmacht, daß auch die nationalen Befreiungsbewegungen kritisch unter dem Gesichtspunkt der Interessen des Weltproletariats eingeschätzt, bewertet, gegebenenfalls unterstützt werden müssen, möglicherweise aber auch gegen sie gekämpft werden muß.

Anmerkung 7.: Über die angeblich neue „Epoche der Mao Tse-tung-Ideen“

Die ganze Tragweite des Versäumnisses der KP Chinas in der „Polemik“, die Auseinandersetzung über die richtige Bestimmung unserer Epoche nicht mit aller Entschiedenheit geführt zu haben, wird sehr deutlich durch das Auftauchen krassesten Revisionismus in dieser Frage in der KP Chinas selbst.

Bezeichnend für diesen Revisionismus ist vor allem die Vorstellung von der Bedeutung der „Mao Tse-tung-Ideen“ als Verkörperung des Marxismus auf seiner nunmehr erreichten „höchsten Stufe“.

Was die Bedeutung der so verstandenen Ideen Mao Tse-tungs für die Analyse der internationalen Lage und für die Weltrevolution angeht, so stach am meisten die Vorstellung ins Auge, daß es in der Entwicklung des Marxismus drei Etappen gäbe, von denen jede einer anderen historischen Epoche entspräche: der Marxismus für die Epoche des vormonopolistischen Kapitalismus, der Leninismus für die Epoche des Imperialismus und die Mao Tse-tung-Ideen für eine völlig neue Epoche .[581]

Zum ersten Mal wurde diese These auf der 11. Plenartagung des VIII. ZK der KP Chinas im August 1966[582] formuliert. Die Mao Tse-tung-Ideen als „völlig neue Stufe „ des wissenschaftlichen Kommunismus wurden in das Statut des IX. Parteitags der KP Chinas aufgenommen, und besonders von Ein Biao wurde diese These immer mehr in den Vordergrundgerückt.

Insbesondere in einer Rede Ein Biaos zur Gedenkfeier für den 50. Jahrestag der Oktoberrevolution[583] hat er in extremer Form die Mao-Tse-tung-Ideen als verbindlich“ für die Völker der ganzen Welt, eben als wissenschaftlichen Kommunismus „auf völlig neuem Gipfel“ [584] propagiert und so dem Leninismus gegenübergestellt.

Nach dem Scheitern Lin Biaos konnte man zwar in den Dokumenten des X. Parteitags der KP Chinas lesen, daß Mao Tse-tung „stets lehrt (…): Wir befinden uns nach wie vor in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution „ und daß die Grundprinzipien des Leninismus nichtüberholt“ sind und nach wie vor die theoretische Grundlage bleiben, von der sich das Denken der KP Chinas leiten läßt.[585] Zweifellos war das eine äußerst wichtige Korrektur, die sich nicht einfach gegen einen Fehler Lin Biaos richtete, sondern eine Entstellung des wissenschaftlichen Kommunismus betraf, welcher sich die ganze KP Chinas schuldig gemacht hatte.

Es war aber ein offensichtlicher Mangel, der tiefere Wurzeln hat, daß der X. Parteitag nicht direkt und unmittelbar die These der „völlig neuen Epoche“ angegriffen und die Bedeutung dieser Frage nicht analysiert hat, daß jegliche direkte kritische und selbstkritische Behandlung des Themas unterblieb.

Dadurch, daß ein solch schwerwiegender Fehler keiner Selbstkritik unterzogen wurde, sondern einfach in einem neuen Dokument an einer Stelle das Richtige propagiert wurde, hatten Leute wie Deng Xiaoping und Hua Guo-feng es viel leichter, die alte Abweichung neu garniert aufs Tapet zu bringen, indem sie anknüpfend an die These von den „Mao Tse-tung-Ideen als völlig neue Epoche „ nun die neue Epoche der „Drei-Welten-Theorie“ propagierten. Dazu kommt noch, daß der X. Parteitag die falsche Formel „Marxismus-Leninismus und Mao Tse-tung-Ideen“ beibehalten hat.

Dadurch, daß der X. Parteitag eine gefährlich falsche These sozusagen „klammheimlich“ durch eine richtige ersetzte und selbst dabei höchst inkonsequent blieb, gab er auch der internationalen kommunistischen Bewegung keine wirkliche Hilfe, in welcher die falsche These der KP Chinas seit 1966 große Verbreitung gefunden und viel Verwirrung gestiftet hatte.

So war es auch dem XI. Parteitag der KP Chinas, der bereits unter dem Kommando der Deng-Hua-Clique stand, ohne weiteres möglich, ähnlich hegemonistisch wie seinerzeit Lin Biao die „Mao Tse-tung-Ideen“ als

„Banner der Revolution der Völker der Welt“ zu propagieren.

Der XI. Parteitag der KP Chinas erklärte:

„Das Banner der Mao Tse-tung-Ideen ist auch das Siegesbanner der Revolution der Völker der Welt.“[586]

Eine genaue Kenntnis der Bedeutung und Folgerungen, die sich aus der Definition unserer Epoche ergeben, ist umso wichtiger, weil fast alle Abteilungen der kommunistischen Weltbewegung – wenn auch mit nicht unwesentlichen Unterschieden – zu mindestens zeitweilig eine Auffassung der Rolle Mao Tse-tungs und der sogenannten „Mao-Tse-tung-Ideen“ propagiert haben, die sich faktisch gegen den Leninismus richtete. Selbst die Partei der Arbeit Albaniens hat Mao Tse-tung zeitweilig nicht nur als

würdigen Fortsetzer der Sache Marx’, Engels’, Lenins und Stalins“ herausgestellt, sondern die Ideen Mao Tse-tungs auch als „großen Beitrag in der weiteren Entwicklung des Marxismus-Leninismus, der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus“ [587] propagiert.

So heißt es im Gemeinsamen Kommuniqué der PAA und der KP Chinas von 1966:

„Der albanische Partner betont, daß die Quelle aller großartigen Siege und Erfolge der VR Chinas in der sozialistischen Revolution und beim Aufbau des Sozialismus, sowie im Kampf gegen den Imperialismus, die Reaktionäre der verschiedenen Länder und den modernen Revisionismus zur Unterstützung aller unterdrückten Völker und Nationen, die richtige marxistisch-leninistische Linie der ruhmreichen KP Chinas, die großen Lehren und Ideen des Gen. Mao Tse-tungs sind, welche die schöpferische Verbindung der allgemeinen Wahrheit des Marxismus-Leninismus mit der Praxis der chinesischen Revolution und des sozialistischen Aufbaus in China, die weitere Entwicklung der Theorie des Marxismus-Leninismus in der heutigen Epoche sind.“[588]

Dies ist ein Beleg mehr, daß es faktisch keine Partei der kommunistischen Weltbewegung gibt, welche die Diskussion dieses Fragenkomplexes nicht mit einer selbstkritischen Analyse des Umfangs, der Ursachen und Folgen ihrer Fehler zu verbinden hätte.

Anmerkung 8.: Mögliche Wurzeln einiger Fehler der KP Chinas: Schematische Übertragung der eigenen Praxis auf andere Länder

Bei einer – nicht nur auf die Dokumente der „Polemik“ begrenzten – weitergehenden Analyse der Schriften der KP Chinas und einiger ihrer führenden Kader gerade aus der Zeit nach 1964 ergeben sich unserer Meinung nach deutliche Hinweise auf mögliche Wurzeln einiger der oben analysierten Fehler der KP Chinas.

Es ist bekannt, daß Trotzki eine Erfahrung der Oktoberrevolution als Theorie verabsolutierte: Die Tatsache, daß das Proletariat zunächst im europäischen Teil Rußlands siegreich war bzw. das Proletariat zunächst die Städte eroberte, übertrug er schematisch auf die proletarische Weltrevolution und propagierte, daß „nur Europa den Weg zeigt“, die Revolution also zuerst einmal in Europa siegen müsse.

Bei der KP Chinas haben wir die umgekehrte These nachgewiesen, die ebenfalls eine bestimmte starre Reihenfolge für den Verlauf der proletarischen Weltrevolution festlegen will und hierbei nun zuerst vom Sieg der unterdrückten Nationen insgesamt ausgeht. Eine mögliche Wurzel dieser antileninistischen These ist sicherlich, daß eine Erfahrung der chinesischen Revolution verabsolutiert und schematisch übertragen wurde, nämlich, daß in China die Revolution zunächst in den ökonomisch am schwächsten entwickelten ländlichen Gebieten siegte und dann erst die Städte erobert wurden.

Der Gang der chinesischen Revolution war militärisch dadurch charakterisiert, daß die Städte durch die Dörfer eingekreist wurden, daß die Kräfte während einer langen Zeit vor allem konzentriert werden mußten auf die Befreiung ländlicher Gebiete, um dort Stützpunkte zu errichten als Voraussetzung für die Eroberung der Städte.

Das übertrugen Lin Biao und Peng Dschen auf die Weltrevolution, indem sie die imperialistischen Länder zur „Weltstadt“ und die unterdrückten Nationen zum „Weltdorf’ erklärten:

„Wenn im Weltmaßstab gesehen, Nordamerika und Westeuropa als ,Städte der Welt bezeichnet’ werden können, kann man Asien, Afrika und Lateinamerika die ,ländlichen Gebiete’ der Welt nennen. (…) In einem gewissen Sinn befindet sich die gegenwärtige Weltrevolution auch in einer Lage, bei der die Städte durch ländliche Gebiete eingekreist sind.“[589]

Peng Dschen sagte es, einen Vertreter der KP Indonesiens zitierend, noch direkter:

„Asien, Afrika und Lateinamerika sind, im Weltmaßstab gesehen, das Weltdorf, während Europa und Nordamerika die Weltstadt sind. Um den Sieg in der Weltrevolution zu erringen, muß das internationale Proletariat seine Aufmerksamkeit den Revolutionen in Asien, Afrika und Lateinamerika zuwenden, es gibt keinen anderen Weg.“[590]

Dies ist ein ganz grober Fehler, nicht nur weil der Charakter der chinesischen Revolution sich vom Charakter der proletarischen Weltrevolution unterscheidet, sondern auch weil es überhaupt unzulässig ist, bestimmte auf die Revolution in einem Land bezogene strategische oder gar militärische Prinzipien auf einen viel komplexeren, vielschichtigeren Prozeß, etwa auf die proletarische Weltrevolution, zu übertragen. (Diesem Fehler werden wir auch begegnen, wenn wir uns im nächsten Kapitel mit der These eines „Hauptfeindes der proletarischen Weltrevolution“ auseinandersetzen werden.)

Lin Biao erklärte 1965 ebenfalls in „Es lebe der Sieg im Volkskrieg“ unserer Meinung nach ganz falsch:

„Der Widerspruch zwischen den revolutionären Völkern in Asien, Afrika und Lateinamerika auf der einen Seite und den Imperialisten mit den USA an der Spitze auf der anderen ist in der heutigen Welt der Hauptwiderspruch. „[591]

Ein anderer damaliger Repräsentant der KP Chinas (offensichtlich einer anderen Fraktion angehörend, wie die Geschichte gezeigt hat), nämlich Peng Dschen, erklärte ebenfalls genau wie Lin Biao den Widerspruch zwischen den unterdrückten Völkern und dem Imperialismus zum „Hauptwiderspruch“ und schlußfolgerte:

„In der Entfaltung und Lösung dieses (des Hauptwiderspruchs, A.d.V.) Widerspruchs, liegt der Schlüssel zur Förderung und Lösung der anderen grundlegenden Widersprüche.“[592]

Diese Position bedeutet, daß zuerst der Hauptwiderspruch (der Widerspruch Imperialismus und unterdrückte Völker) gelöst werden müsse, bevor die anderen Widersprüche gelöst werden können.

Oder anders aufgedrückt: Zuerst müsse die antifeudale antiimperialistische Revolution in den halbfeudalen, halbkolonialen Ländern durchgeführt werden, bevor die proletarische Revolution in den imperialistischen Ländern durchgeführt werden kann.

Ein Versuch, die These von der Festlegung eines weltweiten Hauptwiderspruchs als „leninistisch“ darzustellen, ist die Berufung auf die These Lenins, daß „die Einteilung der Nationen in unterdrückende und unterdrückte den Zentralpunkt“ in den Programmen der Kommunisten bilden müsse [593], ja, wie er an anderer Stelle sagt, daß diese Einteilung „das Wesen des Imperialismus“ ausmache. Es ist unserer Meinung nach nötig, unmißverständlich klarzumachen, daß Lenin hier davon spricht, was der Zentralpunkt in Hinblick auf die nationale Frage, was das Wesen des Imperialismus in Hinblick auf die nationale Frage ist, und nicht darüber, was der „Hauptwiderspruch“, was das „Hauptkettenglied“ für die proletarische Weltrevolution ist.

Dies ergibt sich schon aus einem kurzen Studium der Texte Lenins, die eben das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“ zum Thema haben. Es wäre theoretisch nichts als eine Verdrehung des Marxismus, diese Aussagen auf die proletarische Weltrevolution übertragen zu wollen, somit den Widerspruch zwischen unterdrückten Nationen und Imperialismus zum „Hauptwiderspruch“ hochzustilisieren, also im Grunde die „nationale Frage“ und nicht die Frage der weltweiten proletarischen Revolution zur Hauptfrage unserer Epoche zu machen.

Jede Verabsolutierung des Widerspruchs zwischen Imperialismus und unterdrückten Völkern zum „Hauptwiderspruch“ bzw. zum entscheidenden Widerspruch schlechthin fälscht unsere Epoche der proletarischen Revolution, des Kampfes für den Kommunismus um in eine Epoche der Lösung der nationalen Frage. Das bedeutet, die nationale über die soziale Frage zu stellen.

Die nationale Frage ist jedoch, wie Stalin sagt, nicht die Hauptfrage unserer Epoche, sondern:

„Die nationale Frage ist ein Teil der allgemeinen Frage der proletarischen Revolution, ein Teil der Frage der Diktatur des Proletariats.“ (Stalin: „Über die Grundlagen des Leninismus“, 1924, Werke Band 6, S. 124.)

Anmerkung 9.: Charakter und Probleme des Zweiten Weltkriegs

Nahezu jeglicher ideologische und politische Verrat der Revisionisten steht in dieser oder jener Form im Zusammenhang mit falschen Analogien zum Zweiten Weltkrieg, zum Krieg der sozialistischen Sowjetunion. Daher ist von großer Bedeutung, sehr genau über den Charakter und die grundlegenden Besonderheiten des Zweiten Weltkriegs Bescheid zu wissen. Dies ist vor allem wichtig, um die von der sozialistischen UdSSR, aber auch die von den Kommunistischen Parteien in den westlichen kapitalistisch-imperialistischen Ländern betriebene Politik richtig in den Rahmen der Bedingungen des Zweiten Weltkriegs einzuordnen.[594]

Nach dem Sieg der sozialistischen Oktoberrevolution, nach dem Sieg der von den Bolschewiki geführten Sowjetmacht gegen die imperialistischen Interventen im Bürgerkrieg von 1918 bis 1920, war der Prozeß der innerimperialistischen Widersprüche von nun an verknüpft mit der erneuten Vorbereitung des Krieges gegen den ersten Staat der Diktatur des Proletariats.

Ferner war er verknüpft mit dem Kampf gegen die nationalen Befreiungsbewegungen von China bis Spanien und der herannahenden sozialistischen Revolution in imperialistischen Ländern wie Frankreich und Deutschland.

Die Kombination verschiedener Faktoren führte im Verlauf des Zweiten Weltkriegs schließlich ab 1941 zu einer Zusammenarbeit zwischen der sozialistischen UdSSR, den revolutionären und antifaschistischen Bewegungen in den vom Nazifaschismus besetzten Ländern einerseits und den aus ihren imperialistischen Motiven heraus handelnden englischen und amerikanischen Imperialisten andererseits. Grundpositionen hierzu sind:

  • Wie Stalin 1946 feststellte, hatte der Zweite Weltkrieg „von Anfang an den Charakter eines antifaschistischen, eines Befreiungskrieges“, er war vom Gesamtcharakter her also ein gerechter Krieg gegen die Nazifaschisten und ihre faschistischen Verbündeten.[595]
  • Dabei kamen ohne Zweifel in allen Phasen dieses Krieges, wenn auch in unterschiedlichem Maß, auch die direkt imperialistischen Interessen Englands, Frankreichs und der USA zum Ausdruck. Ja, Stalin entwickelte 1952, daß es im Grund sogar die zwischenimperialistischen Widersprüche waren, die sich als so stark erwiesen, daß – nach einer Phase des Krieges in Abessinien, Spanien und China, die zu Recht von der „Geschichte der KPdSU(B) – Kurzer Lehrgang“ schon 1938 als Einleitung des Zweiten Weltkrieges eingeschätzt wurde[596] – der Zweite Weltkrieg im engen Sinn des Begriffs nicht als Krieg gegen die UdSSR begann, sondern von 1939 bis 1941 mit dem Krieg zwischen den kapitalistisch-imperialistischen Ländern. [597] Diese Widersprüche brachten die westlichen Imperialisten auch in eine Koalition mit der UdSSR gegen Deutschland. Sie waren gezwungen, gegen Nazi-Deutschland vorzugehen und zum Sieg der Völker über den Faschismus beizutragen, doch sie waren und blieben dabei natürlich imperialistische Mächte, sie trieb dabei „der Kampf der kapitalistischen Länder um die Märkte und der Wunsch, ihre Konkurrenten abzuwürgen“[598]
  • Der Kampf vor und während des Zweiten Weltkriegs war ein Kampf, der in ganz besonderer Weise mit schwierigen, schwierig herzustellenden und wohl auch schwierig zu verstehenden Kompromissen verbunden war. Generell sind Kompromisse immer ein Zeichen sowohl von Schwäche (sonst müßte man sie nicht eingehen) als auch ein Zeichen von gewisser eigener Kraft und Stärke (sonst könnte man sie nicht eingehen). Kompromisse bis an die Grenze des Zulässigen ebenso wie der pauschale Verzicht auf Kompromisse können Vorboten des opportunistischen Verrats sein.

Und: Die blinde oder bewußt falsche Übertragung von Kompromissen auf andere Situationen sind mehr als einmal Vorboten des revisionistischen Verrats gewesen. Die Geschichte und Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs handelt von drei hervorstechenden Kompromissen.

  • Zunächst ist die diplomatische Außenpolitik eines sozialistischen Staates mit imperialistisch-kapitalistischen Staaten immer ein Kompromiß.

Nachdem die Versuche, mit den englischen, US-amerikanischen und französischen Imperialisten zu einem Kompromiß – genauer: einer Übereinkunft – zur Abwehr der Nazi-Aggression zu kommen, gescheitert waren, blieb die UdSSR noch die Möglichkeit eines Kompromisses mit Nazi-Deutschland: der Nichtangriffsvertrag. Der Schlüssel zum Verständnis der Kompromisse der sozialistischen Sowjetunion während des Zweiten Weltkriegs ist die Erkenntnis, daß der grundlegende Charakter des Zweiten Weltkriegs ein gerechter, antinazistischer Krieg war, daß aber trotz dieser allgemeinen Charakteristik immer auch imperialistische, oft direkt kolonialistische Interessen der an der Anti-Hitler-Koalition beteiligten imperialistischen Staaten mitspielten.

Dies wurde besonders deutlich in den ständigen massiven Spannungen innerhalb der Anti-Hitler-Koalition, die insbesondere an der Frage der Eröffnung der zweiten Front, aber auch an den konterrevolutionären Aktionen der englischen Imperialisten in Polen oder Griechenland 1944 eskalierten. So mancher dieser nur aus der damaligen Situation heraus zu verstehenden Kompromisse wurden später als Vorbild für faule Kompromisse angepriesen, von anderen jedoch pauschal einfach als „Verrat“ angeprangert.

Die Kompromisse mit den imperialistischen Großmächten innerhalb der Anti-Hitler-Koalition waren in der damaligen Situation durchaus berechtigt, ja notwendig. Sie wurden jedoch von den Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten auf andere historische Situationen übertragen und als Anknüpfungspunkt für den kapitalistischen Farbwechsel benutzt – und hier liegt eben auch die Schwierigkeit.

  • Die kommunistischen Kräfte heute müssen nicht nur die prinzipiellen Unterschiede der Linie der revolutionären KPdSU(B) unter Führung Stalins und der Linie der Chruschtschow-Breshnew-Revisionisten herausarbeiten, sondern auch revisionistische Positionen und falsche Begründungen im Rahmen der eigentlich richtigen Politik der KPdSU(B) unter Stalins Führung kritisch analysieren. Dabei geht es nicht nur um die geschichtliche Wahrheit, sondern auch darum, uns im ideologischen Kampf für aktuelle und künftige Auseinandersetzungen zu wappnen, bei denen opportunistische Kräfte mit Rückgriffen auf die Zeitspanne des Zweiten Weltkriegs Verwirrung stiften wollen.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg forderten die Rechtsopportunisten bekanntlich die Zusammenarbeit mit der Reaktion im eigenen Land. Sie begründeten dies unter anderem mit den Verträgen und Kompromissen der sozialistischen Sowjetunion mit den ehemaligen westlichen imperialistischen Alliierten auch noch in den ersten Nachkriegsjahren etwa im Rahmen der Beschlüsse des Potsdamer Abkommens. Gegen die Forderungen nach einer rechten Politik in den Ländern der kapitalistischen Welt unterstrich damals Mao Tse-tung, daß Kompromisse der sozialistischen Sowjetunion mit imperialistischen Staaten keineswegs ähnliche Kompromisse im revolutionären Kampf erfordern:

„Derartige Kompromisse machen es nicht erforderlich, daß die Völker in den Ländern der kapitalistischen Welt diesem Beispiel folgen und innerhalb ihres eigenen Landes Kompromisse schließen. Die Völker aller Länder werden nach wie vor entsprechend ihren verschiedenen Verhältnissen auf verschiedene Art und Weise kämpfen.“[599]

  • Auch im Inneren der Sowjetunion ging es um die äußerste Anspannung aller Kräfte. Der Krieg gegen den Nazi-Faschismus konnte nicht mit „halber Kraft“ gewonnen werden. Es mußten sämtliche Kräfte mobilisiert werden, da Sieg oder Niederlage zunächst auf Messers Schneide standen.

So wurde innerhalb der Sowjetunion mit ihrer großen Masse nichtproletarischer Bevölkerung als zentrales Argument für die Verdoppelung der Anstrengungen zur Niederschlagung des Nazi-Faschismus nicht nur auf die Verteidigung der Diktatur des Proletariats und des Sozialismus verwiesen, sondern auch und gerade auf die drohende Gefahr der Versklavung der einzelnen Völker der Sowjetunion, also auf nationale und sogar auf religiöse Elemente. Selbst Gefängnisse wurden teilweise geöffnet und verurteilte Verbrecher amnestiert, um diese in die Reihen des eben nicht nur sozialistischen, sondern auch „vaterländischen“ Krieges einzureihen. All dies war nicht einfach ein Zeichen der Stärke, sondern auch ein Zeichen der Schwäche, der notwendigen Mobilisierung der Massen auch mit nicht nur kommunistischen Aspekten und dem Hinweis, daß eben nicht nur der Sozialismus, sondern „das Vaterland“ in Gefahr war. Eine Einschätzung dieser Art von Kompromiß darf diesen Aspekt nicht außeracht lassen. Dies bedeutet aber nicht, jedem Kompromiß kritiklos zuzustimmen oder gar zu verteidigen, zumal die „vaterländische“ Rhetorik später systematisiert und zum großrussischen Chauvinismus Chruschtschow-Breschnewscher Prägung beigetragen hat.

Das historische Verständnis der ungeheuren Erfolge, Anspannungen, Verluste, Schwächen und Stärken im Kampf gegen den Nazifaschismus schärft den Blick für die demagogischen „Leistungen“ Chruschtschows und Breschnews, ihren revisionistischen Verrat zu verkleistern. Ein Trick der Chruschtschow-Breschnew-Revisionisten besteht dabei gerade darin, diese Kompromisse von ihren Bedingungen loszulösen, um sie weltweit in einer angeblich „neuen Epoche“ zu einer Linie der Zusammenarbeit mit den Imperialisten umzufälschen.

Das Studium der Dokumente nach dem Zweiten Weltkrieg zeigt, daß es ohne Zweifel ein Fehler war, daß die KPdSU(B) und die gesamte kommunistische Weltbewegung noch zu Lebzeiten Stalins diese komplizierten Fragen nicht wirklich offen und tiefgründig aufgeworfen und analysiert hat. Dies muß an anderer Stelle genauer aufgearbeitet werden.

Anmerkung 10.: Einheitsfront der Weltrevolution und Einheitsfront gegen den imperialistischen (Welt-)Krieg

Ein Kernproblem im Kampf gegen den modernen Revisionismus war und bleibt es, die theoretische Vermischung des Kampfes zur Verhinderung imperialistischer Kriege mit dem Kampf zur schrittweisen Realisierung der proletarischen Weltrevolution zurückzuweisen und ihre praktisch liquidatorische Konsequenzen aufzudecken, sowohl und vor allem für die proletarische Weltrevolution als auch für den demokratischen Kampf gegen imperialistische Kriege.

Studiert man die Klassiker des wissenschaftlichen Kommunismus und die Dokumente der Kommunistischen Internationale, so wird man bemerken, daß der Kampf gegen den Imperialismus sehr vielschichtig ist und sehr verschiedene, auch qualitativ sehr verschiedene Fronten umfaßt. Deshalb muß man beim Studium diese Fragen immer darauf achten, in welcher Hinsicht über den Kampf gegen den Imperialismus gesprochen wird. Ihn in der Praxis zu einem großen Strom unter der Führung des Proletariats verschmelzen zu lassen, gelingt nur, wenn man alle diese Kämpfe gemäß ihrem Charakter einschätzt und eindeutig voneinander unterscheidet. Hinter der allgemeinen Losung „Kampf gegen den Imperialismus“ wird von den Opportunisten und Reformisten regelmäßig die entscheidende Frage versteckt, um was für einen Kampf es sich handelt und welche Ziele dieser Kampf im konkreten Fall hat.

Es ist klar, daß wenn man diesen Schwindel nicht durchschaut, unter der Hand solche grundsätzlich verschiedenen Dinge miteinander vermischt und verwechselt werden, wie

  • die Einheitsfront für die proletarische Weltrevolution, die eine revolutionäre Einheitsfront des Weltproletariats und der unterdrückten Völker ist und von der internationalen kommunistischen Bewegung geführt wird, mit

der Einheitsfront zum Kampf gegen den imperialistischen (Welt-)Krieg, in der die Kommunisten an vorderster Front kämpfen müssen, die aber natürlich demokratischen und nicht revolutionären Charakter hat. Bei der letztgenannten Einheitsfront geht es, wie Stalin sagt, um einen „zeitweiligen Aufschub“, „eine zeitweilige Erhaltung des gegebenen Friedens“, und diese Einheitsfront setzt sich also bewußt zunächst keine revolutionären Ziele.

Das bedeutet: Demokratische Kämpfe, die im Rahmen der kapitalistischen Ordnung verbleiben, können den revolutionären Kampf zum Sturz der kapitalistischen Ordnung erleichtern. Es ist unbedingt erforderlich, sie dem Kampf für die Revolution unterzuordnen.

Hier nicht klar zu unterscheiden und alles über einen Kamm zu scheren, stellt eine ideologische Konfusion ersten Ranges dar, die nicht zufällig entstanden, sondern das gezielte Produkt der Revisionisten und Opportunisten aller Schattierungen ist. Indem mit dem Wort „Einheitsfront“ als Schlagwort hantiert und nur die Frage der Verhinderung des Weltkriegs auf die Tagesordnung gesetzt wird, versuchen die Opportunisten die Sache der proletarischen Weltrevolution und der dafür erforderlichen Einheitsfront zu liquidieren und alles ihrem Geschrei von einer Einheitsfront für den Kampf gegen den imperialistischen (Welt-)Krieg unterzuordnen.

Die Unterordnung der Sache des Proletariats unter demokratische Kämpfe, die nicht die Liquidierung des kapitalistischen Systems zum Ziel haben, ist ein wesentlicher Zug des Opportunismus aller Schattierungen.

Anmerkung 11.: Das falsche Schema vom „Übergewicht“ der revolutionären Kräfte im Weltmaßstab

Im Kommentar „Zwei Linien in der Frage von Krieg und Frieden“ wird Mao Tse-tungs Äußerung auf der Beratung der Kommunistischen Parteien von 1957 zitiert, „daß die sozialistischen Kräfte den imperialistischen Kräften überlegen sind.“[600]

Wir halten es für falsch, eine solche Festlegung vorzunehmen. Die Frage nach der „Überlegenheit“ der sozialistischen Kräfte wirft sofort die Frage auf, nach welchen Kriterien dieses Übergewicht gemessen werden soll. Die zweite sich aus dieser Feststellung ergebende Frage ist: Welche Konsequenzen sollen sich aus dieser Feststellung ergeben? Was ändert sich daraus für die Aufgaben der kommunistischen Parteien? Wir meinen, daß die Frage nach der „Überlegenheit“ der Kräfte im Weltmaßstab nicht sinnvoll, sondern gefährlich ist. Die proletarische Weltrevolution muß in jedem Land vorangetrieben werden und in jedem einzelnen Land muß das Kräfteverhältnis konkret bestimmt werden. Mit der These von der internationalen „Überlegenheit der sozialistischen Kräfte“ können Vorstellungen geweckt werden, daß sich nun auch die „Hauptseite“ geändert hätte, also ein qualitativer Einschnitt erfolgt sei, zum Beispiel keine imperialistischen Kriege mehr möglichen seien oder man nicht mehr in der Epoche des Imperialismus und der proletarischen Revolution, in der Epoche des Leninismus lebe.

Eine solche These läßt sich weder in den Dokumenten der Komintern noch des Kominform und auch nicht in den Schriften Stalins oder in den Dokumenten des XIX. Parteitags der KPdSU finden. In diesen Dokumenten wird lediglich davor gewarnt, die Kräfte der weltweiten revolutionären Front zu unterschätzen. Es wird aber keinesfalls eine „Überlegenheit“ des antiimperialistischen Lagers geschlußfolgert.

Anmerkung 12.: Zu einigen revisionistisch-chauvinistischen Positionen, die den Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie in den kapitalistisch-revisionistischen Ländern als „Hauptwiderspruch“ unserer Epoche bezeichnen

Einige Bemerkungen wert ist hier, daß einige sich auf den wissenschaftlichen Kommunismus berufende Parteien, die sich als Gegner des „Drei-Welten-Schemas“ betrachten, ihrerseits völlig falsche Auffassungen in Bezug auf das Proletariat Europas, Amerikas, Japans und der Sowjetunion, also in Bezug auf das Proletariat der kapitalistischen und revisionistischen Länder propagieren.

  • So schrieb die spanische PCE/ML in ihrem Dokument zum II. Parteitag, daß wir in derjenigen Epoche leben, „über die Lenin ganz richtig feststellte“: „Der Imperialismus ist der Vorabend der sozialen Revolution des Proletariats.“

Daraus ergibt sich der fundamentale Widerspruch unserer Epoche, wie er in unserer politischen Linie dargelegt wird:

Der Widerspruch zwischen dem Proletariat und der Bourgeoisie in den kapitalistischen und revisionistischen Ländern. Die anderen drei Grundwidersprüche sind: Der zwischen den unterdrückten Völkern und Nationen auf der einen Seite und dem Imperialismus und Sozialimperialismus auf der anderen Seite; der Widerspruch zwischen den imperialistischen Ländern und dem sozialimperialistischen Land und zwischen den einzelnen imperialistischen Ländern; der Widerspruch zwischen den sozialistischen Ländern einerseits und dem Imperialismus und Sozialimperialismus andererseits.

Die ,Drei-Welten-Theorie’ dagegen setzt den Widerspruch zwischen den Ländern der Welt und den beiden Supermächten an die erste Stelle.“[601]

Diese Haltung der PCE/ML ist doppelt falsch: zum einen ist der von den „Drei-Welten-Theoretikern“ betonte Widerspruch zwischen „den Ländern der Welt und den beiden Supermächten“ etwas ganz anderes als der Widersprach zwischen den unterdrückten Völkern und dem Imperialismus. Das hätte entlarvt werden müssen. Vor allem aber ist es ganz und gar nicht kommunistisch, aus der These Lenins über unsere Epoche zu schlußfolgern, daß in den hochindustrialisierten Ländern der Hauptwidersprach für die ganze Welt liege. Lenin hat vielmehr ausführlich gegen solche sozialdemokratisch-revisionistischen Auffassungen polemisiert.

  • Auch die KP Japans (Linke) ist der Ansicht „der Widersprach zwischen Proletariat und Bourgeoisie (…) ist der grundlegendste Widerspruch …“[602]

Auch hier ist nicht vom internationalen Proletariat die Rede, sondern von einem der vier Widersprüche, also vom Proletariat der kapitalistischen Länder.

  • Die KPD/ML vertrat denselben Standpunkt, allerdings in der von ihr bevorzugten verschwommenen Ausdrucksweise, die mehr Raum für Windungen und Wendungen läßt. Die KPD/ML erklärt:

„Alles spricht dafür, daß der Hauptwiderspruch zwischen Arbeit und Kapital, der heute allen anderen Widersprüchen gegenüber in den Vordergrund getreten ist, sich auch in den kommenden Jahren weiter verschärft. (…) Doch nicht nur der Widerspruch zwischen Proletariat und Bourgeoisie verschärft sich, auch die anderen Widersprüche, wie der zwischen den unterdrückten Völkern und Nationen einerseits und dem Imperialismus andererseits, nehmen zu…“[603]

Besonders interessant erscheint uns in diesem Zusammenhang, daß ein solcher „Drei-Welten-Theoretiker“ wie J. Jurquet, Herausgeber von „Humanite Rouge“, dort am 21.1.1977 feststellte:

„Die Bedeutung, die wir der Dritten Welt beimessen, beinhaltet in keiner Weise die Unterschätzung der revolutionären Kräfte der Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder. Diese sind in der Tat der ideologische und politische Kern, auf dem der Klasseninhalt der Weltrevolution beruht.“[604]

Hier haben wir ihn, den typisch revisionistischen europäischen Chauvinismus, der die Arbeiterklasse der metropolen Länder zum Kern der Kräfte der Weltrevolution macht. Hier zeigt sich, in diesem Fall an ein und derselben Person, daß die revisionistische Herabminderung der Rolle des bewaffneten Kampfs und des Volkskrieges in den Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas bei euphorischer Beweihräucherung der angeblich gegen die „Supermächte“ vorgehenden Kompradoren-Cliquen dieser Länder und Gebiete durchaus zu vereinbaren ist mit der revisionistischen These, daß die Arbeiterklasse der kapitalistischen Länder allein die Hauptkraft oder gar der Kern der proletarischen Weltrevolution sei.

Chauvinismus in allen Variationen, das ist der Kern eines solchen Revisionismus.

Anmerkung 13.: Zum VIII. Parteitag der KP Chinas

Der VIII. Parteitag der KP Chinas hat unserer Meinung eine umfassende revisionistische Linie zur Unterminierung der Diktatur des Proletariats, zur Restauration des Kapitalismus aufgestellt. In seinem vom gesamten Parteitag angenommenen Bericht konnte Liu Schao-schi (den Bericht über die Partei hielt Deng Hsia-ping) folgende Thesen propagieren:

„…jetzt sind die stürmischen Zeiten der Revolution vorüber, es haben sich schon neue Produktionsverhältnisse gebildet, und auch die Aufgaben unseres Kampfes haben sich geändert. Jetzt gilt es, die reibungslose Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte zu schützen.“[605]

In der Resolution des VIII. Parteitags wird dies noch „theoretisch“ begründet: „…der Hauptwiderspruch in unserem Land ist gegenwärtig der Widerspruch zwischen der Forderung des Volkes nach Errichtung eines fortschrittlichen Industrielandes und der Situation, daß unser Land noch ein rückständiges Agrarland ist (…) Es ist die gegenwärtige Hauptaufgabe der Partei und der gesamten Bevölkerung unseres Landes, alle Kräfte zu konzentrieren, um diesen Widerspruch zu lösen und unser Land in ein fortschrittliches Industrieland zu verwandeln.“ (S. 78f.)

Um den Revisionismus zu verschleiern, sprach der VIII. Parteitag zwar vom „Hauptwiderspruch … zwischen Proletariat und Bourgeoisie“ und verkündete demagogisch, daß dieser Widerspruch „von der sozialistischen Revolution“ gelöst werden müsse (S. 77). Aber unter sozialistischer Revolution wurde eben Entwicklung der Produktivkräfte verstanden.

Offensichtlich in direkter Anlehnung an die These des XX. Parteitags der KPdSU von der „friedlichen Entwicklung von der sozialistischen Revolution“ propagierte der VIII. Parteitag der KP Chinas:

„(Wir) können das Ziel der sozialistischen Revolution auf friedlichem Weg erreichen.“ (S. 21)

Der VIII. Parteitag behauptete sogar:

„… daß die chinesische Bourgeoisie buchstäblich mit großer Begeisterung (!) der sozialistischen Umgestaltung entgegenkommen konnte.“ (S. 76)

Daraus wurde dann, den Standpunkt der Arbeiterklasse und der sozialistischen Revolution verratend, gefolgert:

„Darum haben wir in Bezug auf die nationale Bourgeoisie nach wie vor (also ohne Unterschied zur antiimperialistisch-demokratischen Revolution, A.d.V.) die Politik sowohl des Zusammenschlusses als auch des Kampfes, wobei mittels des letzteren der erste erzielt wird, zu betreiben.“ (S. 32)

Die Bourgeoisie soll nicht nur nicht gestürzt und völlig vernichtet werden, man soll sich sogar mit ihr zusammenschließen. Dabei ist der Kampf gegen sie kein unerbittlicher Klassenkampf, sondern ein Mittel, um den Zusammenschluß mit ihr zu festigen und zu verewigen.

Und um all dem noch die Krone aufzusetzen, wurde sogar mit großer Sorgfalt darauf geachtet, daß den ehemaligen Ausbeutern in der sozialistischen Revolution kein Haar gekrümmt wird.

„Alle ehemaligen Ausbeuter müssen auf friedlichem Wege zu Werktätigen erzogen werden.“ (S. 102)

Was die Linie zur internationalen Lage angeht, ging der VIII. Parteitag, ganz im Fahrwasser des Chruschtschow-Revisionismus, von einer neuen Epoche, der „Epoche der friedlichen Koexistenz und des friedlichen Wettbewerbs“ aus und propagierte die „Entspannung“ als Gesetzmäßigkeit der Weltlage.

Der VIII. Parteitag der KP Chinas verlor kein Wort über die Notwendigkeit des Bürgerkriegs in den kapitalistischen Ländern oder über den revolutionären Befreiungskrieg in den vom Imperialismus abhängigen Ländern und propagierte, um den Unterschied zwischen gerechten und ungerechten

Kriegen zu verwischen:

„Im Gegensatz zu den Reaktionären liebt das Volk den Krieg nicht.“ (S. 19)

Im Einklang mit Chruschtschows Linie propagierte der VIEL Parteitag der KP Chinas:

„Selbst innerhalb der herrschenden Clique der USA gibt es verhältnismäßig klardenkende Leute, die allmählich zu der Ansicht gekommen sind, daß die Kriegspolitik den USA nicht unbedingt Vorteil bringt.“ (S. 101)

Diese Form der Differenzierung zwischen den Imperialisten der USA, diese „Zwei Fraktionen“-Theorie, ist lediglich eine ideologische und politische Vorbereitung der späteren Anbiederung und Annäherung an den US-Imperialismus.

Schließlich sang der VIII. Parteitag der KP Chinas ein Loblied auf den XX. Parteitag der KPdSU und den Kampf Chruschtschows gegen den „Personenkult“, also gegen Genossen Stalin (vgl. S. 96).

Zu diesen revisionistischen Thesen des VITI. Parteitags hat die KP Chinas nie eine wirkliche Selbstkritik geleistet, auch nicht zur Zeit der Kulturrevolution und des verschärften Kampfs gegen die modernen Revisionisten in der Partei. Auch wenn der X. Parteitag der KP Chinas 1973 in der Form auf den VIII. Parteitag eingeht, daß er feststellt, daß „Liu Schao-tschi und Tschen Boa-da in den Beschluß des VIII. Parteitags … absurdes revisionistisches Gerede“ von der „Hauptaufgabe Produktion“ leider „eingeschmuggelt“ hätten, so bedeutet dies in Wirklichkeit ein unehrliches Herumdrücken um das Prinzip der Selbstkritik, denn die Dokumente eines Parteitags sind von der ganzen Partei zu verantworten, gerade wenn sie falsch oder gar revisionistisch sind.

Anmerkung 14.: Nicht jede unter Führung des Proletariats stehende revolutionäre Staatsmacht ist eine Diktatur des Proletariats

Im Kommentar „Die proletarische Revolution und der Revisionismus Chruschtschows“ vertritt die KP Chinas die falsche Position, daß eine revolutionäre Staatsmacht, wenn sie unter Führung des Proletariats steht, eine Form der Diktatur des Proletariats sei. So heißt es über die Staatsmacht in der Tschechoslowakei nach der Zerschlagung der Herrschaft des Nazifaschismus 1945:

„Die volksdemokratische Staatsmacht in der Tschechoslowakei wurde während des antifaschistischen Krieges errichtet … Dem Wesen nach war diese Regierung eine Diktatur der Volksdemokratie unter Führung des Proletariats, also eine Form der Diktatur des Proletariats.“ („Polemik“, S. 424.)

Prinzipiell falsch ist der im „also“ angelegte Automatismus, wonach jede Volksdemokratie „unter Führung des Proletariats“ eine Form der Diktatur des Proletariats sei. Damit wird der wesentliche Unterschied zwischen den verschiedenen Formen der demokratischen Diktatur der Arbeiter und Bauern als Staatsmacht der siegreichen antiimperialistisch-demokratischen Etappe der Revolution und der sozialistischen Diktatur des Proletariats als Staatsmacht der sozialistischen Revolution verwischt, ja geleugnet. Ziel und Inhalt der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft ist nicht die Liquidierung der Bourgeoisie und des Kapitalismus, sondern der feudalistischen Verhältnisse und der Herrschaft des Imperialismus.

Ziel und Inhalt der sozialistischen Diktatur des Proletariats ist dagegen die Vernichtung der Bourgeoisie als Klasse, die Liquidierung der kapitalistischen Ausbeutung, die Liquidierung jeglicher Ausbeutung überhaupt, die Errichtung des Sozialismus und Kommunismus.

Der Fehler der Gleichsetzung der demokratischen Diktatur und der sozialistischen Diktatur wird nur umso deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, daß in den vom Imperialismus unterjochten Ländern unter bestimmten Bedingungen an der demokratischen Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft auch noch Teile der Bourgeoisie, die sogenannte nationale Bourgeoisie, beteiligt sein können, wie das in China der Fall war. Auch bei den Volksdemokratien in Osteuropa nach 1945 waren in der ersten Phase zumeist jedenfalls noch bürgerliche Parteien, die Teile der Bourgeoisie vertraten, an der Macht beteiligt. Das war auch in der Tschechoslowakei der Fall, wo das Proletariat unter Führung seiner Kommunistischen Partei erst 1948 zur Offensive im Klassenkampf gegen die Bourgeoisie überging, was unabdingbare Voraussetzung für den Übergang zur Diktatur des Proletariats war.

Anmerkung 15.: Die Haltung der PAA zum XX. Parteitag der KPdSU

Die Haltung der PAA zum XX. Parteitag der KPdSU unterschied sich in einem Aspekt, nämlich in der Frage der öffentlichen Billigung und Unterstützung des XX. Parteitags, nicht von der Haltung der KP Chinas.

So sprach Enver Hoxha unmittelbar nach dem XX. Parteitag der KPdSU auf dem VIII. Parteitag der KP Chinas 1956 von den „historischen Beschlüssen des XX. Parteitags der KPdSU.“[606]

In der Grußansprache des Vertreters der PAA, Sadik Bocaj, im Namen und Auftrag des ZK der PAA an die III. Parteikonferenz der SED heißt es:

„Eure 3. Parteikonferenz leistet ihre Arbeit unter dem Einfluß der anfeuernden Beschlüsse des XX. Parteitags der KPdSU, eines Parteitags von außerordentlicher historischer Bedeutung, nicht nur für die kommunistischen und Arbeiterparteien der ganzen Welt, sondern für die gesamte Menschheit.“[607]

Direkt kritisch, wenn auch nicht mit der historisch notwendig gewesenen Unversöhnlichkeit und Konsequenz hat Enver Hoxha in seinem Redebeitrag auf der Beratung 1960 zum XX. Parteitag Stellung genommen, insbesondere zur Frage des „friedlichen Wegs“:

„Diese Frage war bisher ganz klar und erst Gen. Chruschtschow hat sie auf dem XX. Parteitag ganz unnötigerweise verwirrt, in einer Richtung, welche in der Tat den Opportunisten gefiel. Warum wurden die klaren Thesen Lenins und der sozialistischen Oktoberrevolution in solcher Weise entstellt? Die PAA hat hier einen ganz klaren Standpunkt und läßt sich nicht von den Leninschen Lehren abbringen. Bis jetzt hat noch kein Volk, kein Proletariat, keine kommunistische oder Arbeiterpartei die Macht ohne Blutzoll und Gewalt erringen können.

Es ist nicht richtig, wenn einige Genossen behaupten, daß bei ihnen die Macht ohne Blutzoll erobert wurde; sie vergessen, daß für sie die ruhmreiche Rote Armee im Zweiten Weltkrieg ganze Ströme von Blut hat vergießen müssen.

Unsere Partei ist der Meinung, daß man sich auf beide Wege, insbesondere aber auf den Weg der Ergreifung der Macht durch Gewalt gut vorbereiten muß. Das Bürgertum lässt Dich ruhig Psalmen singen, doch dann versetzt es Dir plötzlich einen faschistischen Faustschlag auf den Kopf, daß Dir Hören und Sehen vergeht, weil Du weder die Sturmkader ausgebildet, noch die illegale Arbeit geleistet, weder die Räume, wo Du Dich verbergen und arbeiten kannst, noch die Kriegsmittelvorbereitet hast. Einer solchen tragischen Eventualität müssen wir vorbeugen.“[608]

Richtig ist die Feststellung, daß der XX. Parteitag die Frage „verwirrt“ hat, aber trotz der Akzentsetzung, sich keinesfalls von der konterrevolutionären Gewalt der Bourgeoisie überraschen zu lassen, verwirrt Enver Hoxha selbst, wenn er von „beiden Wegen“ spricht, wobei er den einen als den der „Gewalt“ bezeichnet, so daß der andere logischerweise „gewaltlos“ ist, was eben der grundlegende Revisionismus in dieser Frage ist.

An anderer Stelle geht Enver Hoxha auf die revisionistische Verdammung Stalins durch den XX. Parteitag ein:

„…wir sind der Meinung, daß der XX. Parteitag, insbesondere der Geheimbericht des Gen. Chruschtschow, die Stalinfrage nicht richtig, nicht objektiv und nicht marxistisch-leninistisch zur Diskussion stellte. Gen. Chruschtschow und der XX. Parteitag fällten über Gen. Stalin wegen dieser Sache ein hartes und ungerechtes Urteil.“[609]

„Die PAA meint, daß es nicht richtig, nicht normal und nicht marxistisch ist, den Namen und das große Werk Stalins aus dieser ganzen Epoche wegzustreichen, wie es jetzt geschieht. Wir alle müssen das große unsterbliche Werk Stalins verteidigen; wer das nicht tut, ist ein Opportunist, ein Feigling.“[610]

Sicherlich war es ein Nachgeben, auf der Beratung kommunistischer Parteien überhaupt von einer „Stalinfrage“ zu sprechen, doch gerade die letzten kraftvollen Worte waren kräftige Ohrfeigen für die Revisionisten.

Trotz dieser internen Kritik und Vorbehalten sagte Enver Hoxha öffentlich fünf Jahre nach dem XX. Parteitag der KPdSU in seiner Rede anläßlich des 20. Gründungstages der PAA und des 44. Jahrestags der Oktoberrevolution in Tirana:

„Die PAA hat immer erklärt und erklärt auch jetzt, daß die Erfahrungen der KP der Sowjetunion, die Erfahrungen ihrer Parteitage, einschließlich des 20. und des 22. Parteitags, immer eine große Hilfe auf unserem Wege zum Aufbau der sozialistischen und kommunistischen Gesellschaft waren, sind und sein werden.“[611]

Es wäre falsch, aus dieser öffentlich bekundeten Zustimmung den Schluß zu ziehen, daß die Partei der Arbeit Albaniens mit allen Positionen des XX. Parteitags übereinstimmte. Wie auch die KP Chinas hatte die PAA prinzipielle bzw. tiefgehende Einwände wie zum Beispiel in der Haltung zu Stalin gegen den XX. Parteitag der KPdSU, die sie – wie zitiert – auch auf der Beratung 1960 intern vorbrachte. Die „Geschichte der PAA“ legte die Haltung der Partei folgendermaßen dar:

„Dennoch (trotz inhaltlicher Differenzen, A.d.V.) verdammte der III. Parteitag nicht offen die antimarxistischen Thesen des XX. Parteitags der KPdSU. Das ZK der Partei der Arbeit Albaniens hatte der sowjetischen Führung bekanntgegeben, daß es gegen viele ihrer Thesen und Handlungen sei.“[612]

Trotz dieser Haltung der Partei der Arbeit Albaniens halten wir es aber auch nicht für angebracht, die Grußansprache an die III. Parteikonferenz der SED oder die Rede Enver Hoxhas am 7. November 1961 als „bloße Floskel“ oder als „der Form halber“ zu bagatellisieren, weil wir eine Stellungnahme des Zentralkomitees der Partei der Arbeit Albaniens vor der höchsten Instanz einer Geschwisterpartei oder eine Rede Enver Hoxhas zum Jahrestag der Oktoberrevolution und der Gründung der PAA ernst nehmen und uns bei richtigen wie falschen Positionen damit auseinandersetzen müssen. Zudem enthält die Position, es habe sich bloß um „Höflichkeitsfloskeln“ gehandelt, die unübersehbare Gefahr, daß Grußadressen, Ansprachen usw. zum bloßen, inhaltlich völlig uninteressanten Zeremoniell verkommen, da sowieso klar sei, daß es sich nur um „nicht ernstzunehmende Worte“ handle.

Anmerkung 16.: Der Artikel „Die gefährlichen Manöver der Chruschtschow-Gruppe im Zusammenhang mit dem sogenannten Kampf gegen den ,Personenkult’ muß man bis zum Schluß enthüllen“ (1964) – ein herausragendes Dokument der PAA zur Verteidigung Stalins gegen die modernen Revisionisten

Der über 120 Seiten lange Artikel ragt heraus, weil es unserer Kenntnis nach die umfangreichste inhaltliche Verteidigung Stalins gegen die Attacken der Chruschtschow-Revisionisten ist. Die zentrale Achse des Artikels ist, in verschiedenen Grundfragen des wissenschaftlichen Kommunismus zu entlarven, daß die modernen Revisionisten ihren sogenannten „Kampfes gegen den Personenkult“ als Rauchvorhang benutzen, um ihre reaktionären, antikommunistischen Ziele zu tarnen und zu rechtfertigen. In mehreren großen Abschnitten wird aufgezeigt, daß die Chruschtschow-Revisionisten damit die Ziele verfolgen,

  • die Diktatur des Proletariats zu liquidieren;
  • die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse zu zersetzen und zu liquidieren;
  • der bürgerlichen Ideologie Tür und Tor zu öffnen;
  • die sozialistische Ökonomie kapitalistisch umzuwandeln;
  • vor dem Imperialismus zu kapitulieren und mit diesem zu verschmelzen;
  • den proletarischen Internationalismus durch den Nationalismus und Chauvinismus zu ersetzen.

Eine große Stärke des Artikels besteht darin, in allen diesen Fragen ausführlich aus den Werken Stalins zu zitieren. So werden sehr ausführlich die Warnungen Stalins angeführt, daß das Abgleiten vom proletarischen Internationalismus zum Nationalismus in der Außenpolitik eine gefährliche Quelle der kapitalistischen Restaurationsgefahr darstellt und entschieden bekämpft werden muß.[613]

Im Folgenden sollen nur einige Aspekte aus dem Artikel herausgegriffen werden.

Einleitend wird gezeigt, daß Stalin selbst sich mehrmals ablehnend gegen den Personenkult geäußert hat. Anhand der ganzen Widersprüchlichkeit der Äußerungen von Chruschtschow und Konsorten wird nachgewiesen, daß es um etwas ganz anderes gehen muß, als um echte Ablehnung von Personenkult.

Im ersten großen inhaltlichen Punkt über die Diktatur des Proletariats zeigt die PAA auf, daß Hauptziel der Chruschtschow-Revisionisten in der Tat die Liquidierung der Diktatur des Proletariats in der Sowjetunion ist. Dagegen werden die Gründe dargelegt, warum die Diktatur des Proletariats bis zum Kommunismus unbedingt notwendig ist. Bei den richtigen Ausführungen zu diesem Thema fehlen unverständlicherweise allerdings die entscheidend wichtigen Positionen Stalins über die Notwendigkeit der Verschärfung des Klassenkampfes beim Vormarsch der Arbeiterklasse bis zum Kommunismus.

Eine Schwäche, ja ein Fehler des Artikels ist eindeutig der unkritische Bezug auf die Dokumente der Beratungen von 1957 und 1960. Obwohl der Artikel selbst nichts Falsches zur Frage der Notwendigkeit der gewaltsamen bewaffneten Revolution sagt und den friedlich-parlamentarischen Weg der modernen Revisionisten verurteilt, ist eine Schwäche des Artikels, daß die grundlegenden Darlegungen Stalins dazu, etwa in „Über die Grundlagen des Leninismus“, nicht angeführt werden. Mehr als problematisch ist auch, daß aus einem Beschluß des ZK der KPdSU vom Juli 1953 über den „Fall Berija“ zitiert wird. In diesem Beschluß wird darauf hingewiesen, daß das ZK der KPdSU am 4. Dezember 1952, also noch zu Lebzeiten Stalins, eine stärkere Überwachung der Organe des Staatsministeriums gefordert hatte, das damals unter der Leitung Berijas stand. Die PAA führt dies an, um die Verleumdungen Chruschtschows gegen Stalin sozusagen immanent anzuprangern. Indirekt setzt das aber voraus, daß der Beschluß vom Juli 1953, also nach Stalins Tod, gegen Berija richtig gewesen sei. Dafür gibt es aber keinen Beweis, die Ermordung Berijas nach Stalins Tod, das Fehlen jeglicher nachprüfbarer Dokumente darüber, alles das ist in Wirklichkeit höchst suspekt und hätte von der PAA schon längst in Frage gestellt werden müssen.

Trotz einiger Mängel und Fehler zeigt der Artikel die Richtung, in der damals die kommunistischen Kräfte weltweit das Werk Stalins gegen die modernen Revisionisten verteidigen mußten: Stalins Lehren darstellend, inhaltlich und offensiv.

Anmerkung 17.: Auswirkungen der revisionistischen Umwandlung einer KP eines sozialistischen Landes auf die zwischenstaatlichen Beziehungen

Die Chruschtschow-Revisionisten warfen der KP Chinas vor, sie habe die ideologischen Widersprüche zwischen den Parteien „auch auf die zwischenstaatlichen Beziehungen übertragen. (…) Auf Initiative der Regierung der Volksrepublik China ist das Handelsvolumen Chinas mit der Sowjetunion in den letzten drei Jahren fast auf ein Drittel zurückgegangen.“[614]

Die KP Chinas entlarvte diese Beschuldigungen als den Tatsachen widersprechend und bewies, daß die Chruschtschow-Revisionisten selbst jegliche weitere Hilfe usw. sabotierten und eingestellt haben.

Selbstverständlich ist es richtig, diese skrupellosen Handlungen auf wirtschaftlichem und politischem Gebiet, die sich aus der revisionistischen Politik ergeben, in aller Schärfe anzuprangern.

Ein weiterer Faktor ist, daß die KP Chinas lange Zeit die KPdSU als Kommunistische Partei ansah und insofern davon ausging, daß die Differenzen zwischen den beiden Parteien nicht auf die zwischenstaatlichen Beziehungen übertragen werden dürfen.

Die Frage, die uns aber beschäftigt, ist, inwieweit und wie lange prinzipielle ideologische und politische Widersprüche zwischen zwei Parteien aus kommunistischer Sicht ohne Konsequenzen auf die zwischenstaatlichen Beziehungen bleiben können und dürfen.

Es ist klar, wenn ein ehemals sozialistisches Land die Farbe wechselt und der Kapitalismus dort restauriert wird, daß dann die ideologischen und politischen Differenzen zwischen der weiterhin kommunistischen Partei und der revisionistisch umgewandelten Partei sich in einem gewissen Sinne auch auf die staatlichen Beziehungen auswirken müssen. Denn es handelt sich ja nun um staatliche Beziehungen zwischen einem Staat der Diktatur des Proletariats und einem Staat der Diktatur der Bourgeoisie, die nun natürlich nicht mehr auf dem proletarischen Internationalismus basieren können.

Dieses Problem war beim Auftreten des Chruschtschow-Revisionismus keineswegs neu, und wie es vom kommunistischen Standpunkt ausgelöst wird, zeigt die Erfahrung der Sowjetunion Stalins mit dem revisionistisch umgewandelten Jugoslawien.

Die Sowjetunion dachte gar nicht mehr daran, Jugoslawien selbstlose Hilfe auf proletarisch-internationalistischer Basis zu geben, als erwiesen war, daß Jugoslawien unter Führung der Tito-Clique den kapitalistischen Weg ging.

Diese Erfahrung zeigt, daß es für die sozialistische Seite bei einem Wandel der anderen Seite vom Freund zum Feind keinerlei Veranlassung gibt, Verträge und Abmachungen zu brechen, die nicht durch den sozialistischen Charakter der anderen Seite bedingt sind (wie etwa Handelsverträge und sonstige wirtschaftliche Abkommen, wie sie auch sonst mit kapitalistischen Ländern im Rahmen der friedlichen Koexistenz geschlossen werden). Anders ist es bei Verträgen, denen der Charakter beider Seiten als Staaten der Diktatur des Proletariats zugrunde lag und Existenzbedingung war wie etwa Militärhilfe, gegenseitige Beistandsabkommen, Freundschaftsverträge u. a. m.

In diesem Sinne ist es falsch, unabhängig vom Klassenstandpunkt zu formulieren, daß Widersprüche zwischen Parteien nicht auf die zwischenstaatliche Ebene übertragen werden dürfen.

Anmerkung 18.: Der V. Parteitag der PAA 1966 über den prinzipiellen und offensiven Kampf gegen den modernen Revisionismus

Der V. Parteitag der Partei der Arbeit Albaniens im Jahr 1966 war international für die gegen den modernen Revisionismus kämpfenden Kräfte wichtig, da dieser Parteitag eine Reihe sehr wichtiger und richtiger Einschätzungen und Richtlinien für die Vertiefung und Verbreiterung des Kampfes gegen den modernen Revisionismus enthielt. Enver Hoxha stellte in seinem Rechenschaftsbericht fest:

„Die Geschichte der internationalen kommunistischen Bewegung hat den Revisionismus noch niemals in so großen Ausmaßen und so gefährlich wie den modernen Chruschtschow-Revisionismus erlebt. Das steht mit der Tatsache im Zusammenhang, daß eine der wichtigsten Eigenschaften des modernen Revisionismus darin liegt, ein Revisionismus zu sein, der die Staatsmacht in der Hand hält, der die kommunistischen Parteien einiger sozialistischer Länder und insbesondere die KPdSU ergriffen hat und zu seiner Tarnung und zu seiner Verbreitung die gesamte Macht des sozialistischen Staates, seine Autorität und seine Mittel benützt.“[615]

Gegen das „Einheits“-Geschrei der Revisionisten betont der Parteitag: „Die Einheit in der kommunistischen Bewegung und im sozialistischen Lager wird wiederhergestellt werden, jedoch von den Marxisten- Leninisten, ohne die Revisionisten und die Verräter und im Kampf gegen sie.“[616]

Der V. Parteitag propagiert die unbedingte Notwendigkeit und Nützlichkeit der offenen und offensiven Polemik gegen die Revisionisten:

„Unsere Partei denkt, daß die offene Polemik unerläßlich ist. Sie ist eine Schule für alle Kommunisten, weil sie ihnen hilft, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Die Revisionisten würden sehr zufrieden sein, wenn man über sie im Allgemeinen spricht, nur soll man sie nicht öffentlich angreifen und die Dinge bei ihrem wirklichen Namen nennen. (…) Wer den Kampf gegen den modernen Revisionismus, sei es nur ein klein wenig, unter jedem Vorwand schwächt, der entfernt sich von den Prinzipien. Und die Prinzipien kann und darf man niemals für augenblickliche Interessen und Vorteile wirtschaftlicher oder irgendeiner anderen Natur opfern. Unsere Partei denkt, daß die Lage so ist, daß eine jede Partei und jeder Mensch, die sich Kommunisten und Revolutionäre nennen, nicht untätig zuschauen dürfen, nicht warten dürfen, bis die Revisionisten sie angreifen, und sich mit dem Kampfe, welchen die anderen gegen den Revisionismus führen, begnügen. Die Zeit drängt. Die Marxisten-Leninisten müssen die Offensive ergreifen und nicht in der Verteidigung stehen, sie müssen angreifen und dürfen sich nicht zurückziehen. (…) Wer sich vor dem Revisionismus fürchtet, der fürchtet sich noch mehr vor dem Imperialismus und hat kein Vertrauen zur Kraft und zum Sieg des Marxismus-Leninismus.“[617]

Hervorragend ist die Betonung, daß der Kampf gegen den modernen Revisionismus auf prinzipieller Basis geführt werden muß:

„Im Kampfe gegen den modernen Revisionismus, wie auch in allen anderen Fragen, ist die einzige richtige Haltung die prinzipienfeste Haltung.

Mit den Prinzipien kann man keinen Handel treiben. Für die Verteidigung der Prinzipien darf man nicht mitten auf dem Wege stehen bleiben, darf man niemals eine wankelmütige und opportunistische Haltung einnehmen. Der Kampf zwischen dem Marxismus-Leninismus und dem Revisionismus ist eine Erscheinung des Klassenkampfes zwischen dem Proletariate und dem Bürgertum, zwischen dem Kapitalismus und dem Sozialismus. In diesem Kampfe kann es keine mittlere Linie geben. Der ,goldene Mittelweg’ ist, wie die vieljährigen historischen Erfahrungen zeigen, die Linie der Versöhnung der Gegensätze, die niemals versöhnt werden können, ist eine unhaltbare und provisorische Stellung. Die Mittellinie kann auch nicht zur Maskierung der Abweichungen von den marxistisch-leninistischen Prinzipien dienen, weil der Kampf gegen den Revisionismus, wenn er nicht von ideologischen Motiven, sondern nur von wirtschaftlichen und politischen Gegensätzen und von der nationalistischen und chauvinistischen Basis geleitet wird, ein Bluff ist, der kurze Beine hat. Wer bei seiner Haltung gegenüber den Renegaten des Marxismus-Leninismus sich an diese Linie hält, der ist in Gefahr, früher oder später auch selbst in die Stellungen dieser letzteren zu geraten. ,Es gibt und kann keine ‘Mittellinie’ in den Fragen grundsätzlichen Charakters geben’, hat J. W. Stalin kraftvoll unterstrichen. ,Der Parteiarbeit müssen diese oder jene Prinzipien zu Grunde gelegt werden. Die ‘Mittellinie’ in den grundsätzlichen Fragen ist eine ‘Linie’, die das Gehirn einrostet, eine ‘Linie’, welche die Divergenzen verdeckt, eine ‘Linie’, welche zur ideologischen Entartung der Partei, zum ideologischen Tode der Partei führt’“.[618]

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