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„Verschwörungstheoretiker“? Informationskrieg von CID bis „Wikipedia“


„Verschwörungstheoretiker“? Informationskrieg von CID bis „Wikipedia“

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Seit einigen Jahren hat das Wort Konjunktur – aber was ist gemeint? Dass es Verschwörungen gibt? Dass man zum Erkennen einer Verschwörung eine Theorie benötigt?

Die sogenannte online-Enzyklopädie „Wikipedia“ weiß, dass „Verschwörungstheorie zumeist kritisch oder abwertend verwendet“ wird. Im Dokument „Für Aufklärung“ des Freidenker-Verbandstags 2009 haben wir formuliert: „Wer die von den Leitmedien dekretierten Deutungen der Wirklichkeit anzweifelt, wird als ,Verschwörungstheoretiker’ aus der ,erlaubten’ Meinungsbildung ausgeschlossen.“

„Verschwörungstheoretiker“ werden als „weltfremd“ oder „Spinner“ verächtlich und lächerlich gemacht. Auch in Debatten von „Linken“ wird das Stigma „Verschwörungstheorie“ inzwischen wie eine Selbstverständlichkeit gebraucht.

Bei diesem, dem Mainstream folgenden gedankenlosen Gebrauch des Begriffs wird völlig vergessen, dass kein Krimi ohne „Verschwörungstheorien“ auskommt. Nur heißen die dort etwas anders: Ermittlungsansätze.

Die Mobilmachung gegen vermeintliche „Verschwörungstheorien“ resultiert aus einer feindseligen Haltung zu Immanuel Kants Leitspruch der Aufklärung: „Habe den Mut, Dich Deines eigenen Verstandes zu bedienen“. Sie steht auch im Gegensatz zur programmatischen „Berliner Erklärung“ (1994) der Freidenker: „Freies Denken heißt auch, Fragen, Zweifel und Kritik als Mittel zur Erkenntnis zu nutzen“.

Die Diskreditierung von Menschen, die die Darstellung von Sachverhalten oder Ereignissen kritisch hinterfragen, ist ein beliebtes Instrument der Herrschenden und der ihnen (ge-)hörigen Medien, um ihre Deutungshoheit zu verteidigen.

fd-4Die Geschichte ist voll von Beispielen, dass man den offiziellen Erzählungen mit Vorsicht und Skepsis begegnen sollte:

  • 1933 haben die deutschen Faschisten den Berliner Reichstag angezündet und verbreitet, dies sei das Werk eines „Einzeltäters mit kommunistischen Hintermännern“. Der Brand wurde als „Fanal eines bevorstehenden kommunistischen Aufstands“ gedeutet und als Vorwand genutzt, eine Terrorwelle gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, Freidenker, Gewerkschafter und alle Andersdenkenden zu inszenieren. Zu den Verhafteten gehörte auch der Freidenker-Vorsitzende Max Sievers und der Generalsekretär des Verbandes, Hermann Graul.
  • Dem Attentat des Grafen von Stauffenberg auf Hitler ging eine Verschwörung voraus – das bestreiten nicht mal die Verschwörungstheoriekritiker.
  • Der erfolglose Umsturzversuch des römischen Senators Catalina im Jahr 63 v.u.Z. ging als „Catalinarische Verschwörung“ in die Geschichte ein – bis heute unbestritten.
  • Putsche und Attentate, erfolgreich oder nicht, beruhen in der Regel immer auf Verschwörungen. Wer die Verschwörung aufdeckt, muss nicht zwangsläufig ein Theoretiker sein, ein guter Kriminalist tut’s auch.
  • Die Chilenischen Militärs, die 1973 in Chile gegen die Volksfront-Regierung Salvador Aliendes putschten, stützten sich auf verdeckte Operationen der CIA.
  • Manche Verschwörungen decken die Verschwörer selbst auf, und rühmen sich ihrer Taten. Andere gelten solange als Hirngespinst („Verschwörungstheorie“), bis die Verschwörer einsehen, dass weiteres „Leugnen zwecklos“ ist.
  • 1986/87 flog die sogenannte Iran-Contra-Affäre auf: Die Reagan-Regierung tätigte geheime Waffenverkäufe (über Israel) an den Iran, und finanzierte aus den Einnahmen den Krieg der Contras gegen die sandinistische Regierung Nicaraguas.
  • Als Slobodan Milosevic im März 2006 im Haager Gefängnis „tot aufgefundenen“ worden war, rief dies in den NATO-hörigen Massenmedien den automatischen Abwehrreflex hervor, jeden Zweifel an einer „natürlichen“ Todesursache als „Verschwörungstheorie“ abzutun – noch vor der Obduktion.

Eine besonders gefährliche Spezialität ist die Erfindung von Kriegsvorwänden, die einen beabsichtigten Überfall in den Augen des heimischen Publikums plausibel machen soll, zumindest aber Proteste dagegen kleinhalten.

  • Der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939 durch SS-Leute, die in polnischen Uniformen steckten, war der Vorwand zur Auslösung des 2. Weltkriegs am 1. September 1939. Hitler hatte ein paar Tage zuvor den Oberbefehlshabern der Wehrmacht erklärt: „Die Auslösung des Konfliktes wird durch eine geeignete Propaganda erfolgen. Die Glaubwürdigkeit ist dabei gleichgültig, im Sieg liegt das Recht.“
  • Weil Schnellboote der Demokratische Republik Vietnam am 02. und 04.08.1964 US-Kriegsschiffe in internationalen Gewässern angegriffen haben sollen („Tonkin-Zwischenfall“), ordnete US-Präsident Johnson am 05.08.64 „Vergeltungsschläge“ an, am 07. August 1964 ermächtigte ihn der US Kongress zum Vietnamkrieg. Das vermeintliche „Massaker von Racak“ am 15. und 16. Januar 1999 war für den deutschen Außenminister Joseph Fischer „der Wendepunkt“, für die USA und NATO der Vorwand zum Start der Aggression gegen Jugoslawien. Beglaubigt wurde es vom CIA-Offizier William Walker, der ein ausgesprochener Spezialist für Massaker ist: Die von ihm betreuten Militärs in E! Salvador ermordeten 1989 fünf Priester und zwei Zivilisten in der Zentralamerikanischen Universität in San Salvador
  • fd-5Der geplante  Irak-Krieg 2003 wurde mit dessen  angeblichen   Massenvernichtungswaffen gerechtfertigt, für die der frühere US-Außenminister Colin Powel! dem Uno-Sicherheitsrat gefälschte Beweise präsentierte, ebenso erfunden und erlogen wie die behauptete Verbindung von Saddam Hussein zu den Terroranschlägen am 11. September 2001 in den USA. In vielen Fällen sind es staatliche Organe, die mit merkwürdigen „Verschwörungstheorien“ aufwarten, um die Meinung der Öffentlichkeit und die Strafverfolger in eine gewünschte Richtung zu lenken.
  • Der Bombenanschlag am Bahnhof von Bologna 1980 mit 85 Toten ging nicht auf das Konto der zunächst verdächtigten Roten Brigaden. Trotz zähem Widerstand von Politikern und Militärs sowie massiver Ablenkungsmanöver seitens der Geheimdienste gelang es, zwei Neofaschisten zu lebenslanger Haft zu verurteilen – über fünfzehn Jahre nach dem Mordanschlag. Aber die Hintermänner in Licio Gellis Geheimloge P2 blieben unbehelligt. Im „Erneuerungsprogramm“ der Loge wird die „Strategie der Spannung“ entwickelt: zwecks Machtübernahme mittels der Massenmedien, „Verschwinden“ der Linksparteien und Auflösung der Gewerkschaften.
  • Von der Loge P2 gab es Verbindungen nicht nur zur Mafia und zum Vatikan, sondern gleichermaßen zum CIA und der NATO-gestützten Geheimarmee Gladio. Die unterhielt weitere „Stay Behind“-Abteilungen „in nationaler Verantwortung“ zwecks verdeckten Staatsterrorismus.
  • 1990 gab die Bundesregierung die Existenz von „Stay Behind“ in Deutschland zu, zwei ihrer Waffendepots wurden in Berlin 1996 „entdeckt“. Ermittlungen zum „Bombenlegerskandal“ in Luxemburg brachten illegale Abhörpraktiken des Geheimdienstes und Verbindungen zu Gladio ans Licht, die 2013 zum Rücktritt des Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker führten.
  • Enthüllungen zur Iran-Contra-Affäre und zur NATO-Truppe Gladio begründeten die Rede vom „Tiefen Staat“: verdeckte, nicht greifbare, nicht rechenschaftspflichtige Strippenzieher.
  • Ohne  staatliches  Schreddern  oder Wegschließen von Akten wäre die Aufklärung vieler Fälle sicherlich  weiter: Oktoberfestattentat 1980, geheimdienstliche Steuerung  der NPD, die „staatlich betreute“ Mordserie der „NSU“ genannten Vereinigung (Aktensperre bis ins Jahr 2134!), die geheimdienstliche Betreuung des Breitscheidplatz-Attentäters. Sabine Schiffer hat die Erfahrung gemacht, dass „Verschwörungstheorie“ zu einem Schimpfwort gegen investigativen Journalismus oder unabhängige und kritische Forschung geworden ist.
  • Die terroristischen Anschläge in den USA am 11.09.2001 sind das prominenteste Beispiel einer staatlich lizensierten „Verschwörungstheorie“, die absolute Gefolgschaft einfordert. Zwei Flugzeuge fliegen in zwei Hochhäuser, woraufhin drei einstürzen – Stahlbetonbauten, in freier Fallgeschwindigkeit.

fd-6Selbst in linken und friedensbewegten Kreisen gilt es als Tabu, die offizielle Erzählung in Frage zu stellen, dazu Sabine Schiffer: „Bei ,9-11’ wurde der Begriff vor allem zur Abwehr von Kritik oder Zweifeln an der offiziellen Verschwörungstheorie benutzt. Es war also ein denunziatorischer Begriff, der tatsächlich nichts mehr mit einer möglicherweise zugrunde liegenden und noch nicht bewiesenen Verschwörung zu tun hatte, sondern schlicht die Bedeutung der Ablehnung von Nachfragen annahm. Also genau das, was jeglichen Journalismus ausmacht bzw. ausmachen sollte, sowie jegliche unabhängige Wissenschaft.“ – Rund 3000 „Architekten & Ingenieure für die Wahrheit zu 9/11“ in den USA weisen auf zahllose Ungereimtheiten und Widersprüche hin. Ob man sich die Gegenthese der „kontrollierten Sprengung“ zu eigen macht oder nicht – in jedem Fall ist die Forderung nach einer wirklich wissenschaftlichen, den Gesetzen der Physik verpflichteten und unparteiischen Untersuchung zu unterstützen. „9-11“ diente als Begründung für den sogenannten „Krieg gegen den Terror“, dem bisher über 1,5 Millionen Menschen zum Opfer fielen, und in dem durch Militäroperationen und Drohnenkrieg täglich weitere Menschen u.a. in Afghanistan, Pakistan und dem Jemen sterben.

fd-7Für die Ermordung des US-Präsidenten John F. Kennedy 1963 sollte der Attentäter Lee Harvey Oswald verantwortlich sein, er wurde nach zwei Tagen in Polizeigewahrsam vorn Nachtclubbesitzer Jack Ruby erschossen. Die These vom Einzeltäter glaubten und glauben ca. 70% der US-Amerikaner nicht.

Und hier erblickte das Zauberwort „Verschwörungstheorie“ das Licht der medialen Öffentlichkeit. Mit diesem Wort wollte die CIA alle Kritiker des „Warren Reports“ und dessen Autoren mundtot machen. So nachzulesen im CIA-Dokument 01035-960 mit dem Betreff „Kritik am Warren Report“: „Dieser Meinungstrend liegt nicht im Anliegen der US-Regierung, einschließlich unserer Organisation“, dann gab man Tipps zum Umgang mit „unangenehmen Kritikern“ und wie man diesen begegnen kann. Denn: „Verschwörungstheorien haben immer wieder unsere Organisation [CIA] unter Verdacht (…) Das Ziel (…) ist es, (…) die Behauptungen der Verschwörungstheoretiker zu diskreditieren, wie auch die Verbreitung solcher Behauptungen in anderen Ländern zu verhindern. (…) Nutzen Sie Propagandatechniken, (…) Weisen Sie darauf hin, dass Teile der Verschwörungsgespräche scheinbar absichtlich von kommunistischen Propagandisten erzeugt werden.“

Lange Zeit mussten die Herrschenden ohne die Diffamierungsvokabel „Verschwörungstheoretiker“ auskommen. Der neoliberale Ideologe Kar! Popper stellte sie ab 1945 bereit.

Damals entdeckte er „Verschwörungstheoretische Elemente“ im Marxismus-Leninismus. Dem folgend findet man bei „Wikipedia“ ein ganzes Kapitel. Nicht nur Stalin habe „verschwörungsideologische Kampagnen“ geführt, die gesamte Imperialismustheorie mit ihrer „Behauptung, Vertreter von Bank- sowie Industriekapital, die fusioniert hätten, nähmen als so genannte Monopolherren zunehmend Einfluss auf den Staat und seine Entscheidungsstrukturen“, sei eine „Verschwörungstheorie“.

Bei Lenin angekommen, kommt man schnell auf Marx zurück. Denn gemäß dessen Lehre versuchten die Monopolherren und ihr imperialistischer Staat den tendenziellen Fall der Profitrate „durch ökonomische und territoriale Expansion auszugleichen. Dies führe den so agierenden imperialistischen Staat in Konflikte mit anderen imperialistischen Staaten, was nahezu unausweichlich in kriegerische Auseinandersetzungen wie den Ersten Weltkrieg münde“. Folglich hätten „Lenin und andere Theoretiker (…) unterstellt, dass der Imperialismus und der durch ihn verursachte Erste Weltkrieg das Ergebnis illegitimer und geheimer Einwirkungen eines vergleichsweisen kleinen Personenkreises sei, nämlich der ,Agenten des Monopolkapitals’.“

Als „Verschwörungs-“ oder „Agententheorie“ soll auch gelten, dass die „Großindustrie in der Weimarer Republik die NSDAP finanziert“ und „Hitler an Macht gebracht“ hat.

Als „Beweis“ dient „Wikipedia“ das Buch von Eberhard Czichon „Wer verhalf Hitler zur Macht? Zum Anteil der deutschen Industrie an der Zerstörung der Weimarer Republik“. „Wikipedia“ weiß Bescheid: „Hier wird im Sinne einer Verschwörungsideologie ein zentrales weltgeschichtliches Ereignis auf das zielgerichtete verborgene Wirken einer kleinen Minderheit zurückgeführt.“ Sie schreiben nicht „Die Juden“, aber jeder kann und soll sich denken, dass es genauso gemeint ist.

fd-8Das Wort „Verschwörungstheorie“ hat den für die Herrschaft hochgeschätzten Nutzwert, dass damit jede unliebsame Kritik für die breite Öffentlichkeit schnell vom Tisch gefegt werden kann.

Selbstverständlich schauen die Herrschenden nicht tatenlos zu, wenn die Untertanen die ihnen vorgesetzten Geschichten nicht mehr glauben, und sich selbst auf die Suche nach der Wahrheit machen. Da kann es schon hilfreich sein, in der Wahrheitsbewegung mitzumischen und selbst dubiose Themen und lesen einzuspeisen: „UFOs“, „Echsenmenschen“, „Außerirdische sind unter uns“, „Es gab keinen Massenmord an Juden“, „Hitler lebt“, „die Erde ist flach“ (oder wahlweise „hohl“), „Wunderheilungen“, „Reichsbürger“ – die obskuren, verschrobenen, zwischen Esoterik und braunen Glaubenssätzen irrlichternden Angebote sind unüberschaubar.

Die offenkundige, auch für Laien durchschaubare Irrationalität vieler „Erklärungsangebote“ hat den Effekt, auch all jene lächerlich zu machen und zu diskreditieren, die ernsthaft die Manipulationen des Systems in Frage stellen. Zu den Diffamierungskampagnen in den Mainstream-Medien heißt es im Vortrag des Psychologen Prof. Rainer Mausfeld mit dem Titel „Die Angst der Machteliten vor dem Volk. Demokratie-Management durch Soft Power-Techniken“: „Berechtigte Kritik an den herrschenden Verhältnissen wird mit Personen oder Organisationen aus der rechten Ecke willkürlich in Verbindung gebracht (,Verklammerungstaktik’), womit diese Kritik an sich diskreditiert werden soll.“

Einen angeblichen „Faktenfinder“ hat inzwischen – ausgerechnet – die ARD gegründet. Dort schwadroniert man: „Es hat sich eine regelrechte Verschwörungsindustrie etabliert, … Eine ganze Generation Jugendlicher ist bereits mit den einschlägigen Verschwörungstheorien zu den Terroranschlägen vom 11. September 2001 aufgewachsen …“. Ein Leser kommentiert: „Alles über einen Leisten, was dem Regierungs-Narrativ widerspricht. Nazis, KenFM, Antisemitismus, 9/11-Kritik: alles dasselbe, Differenzierung: Null. Alles, was die Tagesschau-Sibyllen nicht als die absolute Wahrheit kennzeichnen, ist ,Verschwörungstheorie’.“

Auch den „Nachdenkseiten“ wollten die Regierungsfaktenfinder ans Leder, weil die einen „Spiegel“-Artikel („Nato vermutet Russland hinter Fake-News-Kampagne gegen Bundeswehr“) als Fake News entlarvt hatten. Da die Qualitätsmedien das nicht akzeptieren können, antworte die ARD mit Schmähungen und der altbekannten „Verschwörungstheoretiker-Keule“. Die Angegriffenen dazu: „Diese Schmutzkampagne fallt auf den Absender zurück.“ Um Gefolgschaft zu erzwingen, wird vor keiner Diffamierung zurückgeschreckt.

Deshalb schreiben wir in „Frei denken? Nichts nachbeten“: „Gegen die Einschläferung des kritischen Geistes wollen wir Mut machen zum selbstständigen Denken und dazu, dem Druck zur Anpassung zu widerstehen.“

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