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Das Ende der DDR: »Die Partei wollte nichts mehr von uns wissen«


Das Ende der DDR: »Die Partei wollte nichts mehr von uns wissen«

Um den folgenden Artikel verstehen zu können, muss man von einem Gespräch (hier) wissen, das am 3. Dezember 1989 im Haus des Ministerrates, im Arbeitszimmer von Hans Modrow, stattfand.
In diesem Gespräch wurden zwei Schuldige ausgemacht, auf den der Hass der DDR-Bevölkerung gerichtet werden sollte: das Ministerium für Staatssicherheit (Inlandsgeheimdienst) und Alexander Schalck-Golodkowski.
Von nun an berichteten nicht nur die Konzernmedien der BRD, sondern auch das Fernsehen der DDR, negativ über diese Akteure und heizten so die Stimmung in der DDR an.
Der letzte Akt des DDR-Revisionismus beim Übergang in den Kapitalismus.

Von diesem Gespräch berichtet Wolfang Berghofer, der heute von den DDR-Revisionisten, als Verräter diffamiert wird. Der ganze Beitrag kann nachgelesen werden in: Offen-siv, 9/2018: Ausgabe November-Dezember 2018, https://offen-siv.net/archiv/.
Der deutsche Soziologe, DDR-Forscher und Zeithistoriker Manfred Wilke führte das folgende Interview:

WILKE: Der dritte Faktor, der verschwinden musste, war die Belastung durch das MfS.

BERGHOFER: Und das möglichst mit großer Distanz und mit dem Weichmacher Markus Wolf, der in bestimmten Kreisen der Intellektuellen und auch innerhalb der Partei mit seinem angeblichen Widerstand gegen Mielke als Perestrojkaner akzeptiert war.
Es war am 3. Dezember 1989, unmittelbar vor dem Weggang von Schalck in dem Westen. Modrow lud zum Gespräch ins Haus des Ministerrates, in sein Arbeitszimmer. Eingeladen waren Berghofer, Wolf und Wolfgang Pohl.
Kurze Beratung, keiner wusste, worum es eigentlich geht, das war auch ein Novum: Bis dato hatten ja Parteifunktionäre die Staatsfunktionäre zum Gespräch eingeladen. Es war das erste Mal, dass führende Parteifunktionäre zum Ministerrat gingen.

Modrow sagte: „Genossen, wenn wir die Partei retten wollen, brauchen wir Schuldige!

„Ich (Berghofer) fragte: „Wie stellst du dir das vor? Die Schuldigen sind wir.“

„Nein, das kann man so nicht sehen. Wir brauchen Verantwortliche, zu denen es in der Gesellschaft schnell einen Konsens gibt und die Massen sagen, jawohl, das sind die Schuldigen. Das kann nicht die SED sein.“

„Wer soll das sein?“

„Das Ministerium für Staatssicherheit „, sagte er.

Daraufhin sprang Wolf in die Höhe und sagte: „Hans, wir – Schild und Schwert der Partei – haben doch nie etwas ohne Befehle von Euch gemacht.“

„Ja“, sagte er, „Mischa, bleib ruhig. Die Aufklärung des MfS halten wir selbstverständlich aus dieser Einschätzung heraus.“

„Ach so.“ Wolf setzte sich wieder hin und war einverstanden.

Dann sagte Modrow: „Wir brauchen natürlich auch eine hauptverantwortliche Person für die Misere. Das kann nicht Honecker sein, denn er steht für die Partei. Wir müssen uns hier nicht streiten über dessen Rolle. Wir brauchen einen Schuldigen, bei dem das Volk sagt, der hat auf unsere Kosten gelebt.“

„Und wer ist das?“

„Das ist Alexander Schalck-Golodkowski.“

So wurde es verkündet. So fing die neue Partei an zu agieren.

Anm.: Und so agieren bis heute, alle DDR-Revisionisten!
Nicht nur, dass sie den erfolgreichen Aufbau des Sozialismus unter Walter Ulbricht zerstört haben, sie fälschten auch die Geschichte der DDR, – auch bis heute.

Zu nächst wurde die SED auf einen Sonderparteitag am 9. Dezember 1989 in „Sozialistische Einheitspartei Deutschlands – Partei des Demokratischen Sozialismus (SED-PDS)“ umbenannt und am 4. Februar 1990, in Partei des „Demokratischen Sozialismus (PDS)“.

Natürlich will das heute keiner mehr wahrhaben. Man findet aber in den damals nachfolgenden Aktivitäten den Beweis.

 

»Die Partei wollte nichts mehr von uns wissen«

Vorabdruck: Die Abwicklung der »Stasi«. Heinz Engelhardt im Gespräch mit Peter Böhm

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picture-alliance/ ZB

Nach der zunächst friedlich verlaufenen Demonstration vor der Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in der Lichtenberger Ruschestraße in Berlin, zu der das Neue Forum aufgerufen hatte, stürmen am 15. Januar 1990 Tausende das Gebäude

Buchvorstellung in der jW-Ladengalerie am 16. Mai, 19 Uhr.

Heinz Engelhardt, geboren 1944, war der erste und zugleich letzte Chef des DDR-Verfassungsschutzes, der indessen nur auf dem Papier existierte. Am 15. Januar 1990 wurde Engelhardt, zuletzt im Rang eines Generalmajors, vom Vorsitzenden des Ministerrats der DDR, Hans Modrow, mit der Vollmacht ausgestattet, das Amt für Nationale Sicherheit (AfNS), hervorgegangen aus dem Ministerium für Staatssicherheit, »in all seinen Gliederungen aufzulösen«. Am selben Tag also, als die im Herbst 1989 gegründete Bürgerbewegung »Neues Forum« zur Demonstration gegen die »Stasi« bzw. »Nasi« aufrief. Engelhardt hat sich zu den damaligen Ereignissen in einem umfangreichen Gespräch mit Peter Böhm geäußert, das in den kommenden Tagen unter dem Titel »Der letzte Mann. Countdown für das MfS« im Verlag Edition Ost erscheinen wird. Wir veröffentlichen daraus einen Auszug. (jW)

Am 15. Januar 1990 rief die Bürgerbewegung »Neues Forum« zu einer Demonstration vor der Ruschestraße 103, der Zufahrt zum Komplex des MfS in Berlin-Lichtenberg auf …

Vor Beginn der für 17 Uhr anberaumten »Demonstration« heizte der »Zentrale Runde Tisch«, dessen Sitzung live im Fernsehen übertragen wurde, die Stimmung noch mächtig an. Es wurden Zahlen über Mitarbeiter und Bewaffnung des MfS ohne jede sachliche Grundlage in die Welt gesetzt. Das brachte natürlich die Volksseele zum Kochen. Die Demonstration »mit Phantasie und ohne Gewalt«, zu der die Veranstalter aufriefen, drohte zu kippen. Zumal die Demonstranten aufgerufen wurden, Steine und Mörtel mitzubringen. Man wolle uns einmauern, wenn wir den Komplex nicht freiwillig verlassen würden. Wir hatten keinerlei Erfahrungen mit derartigen Situationen. Festgelegt wurde, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Gebäudekomplex um 15 Uhr zu verlassen haben und nur eine Handvoll Freiwilliger bleiben dürfe – so ist es dann auch geschehen.

Wie verbrachten Sie den Tag? Wussten Sie am Morgen, dass am Abend Geschichte geschrieben würde?

Naja, zu dieser Zeit musste man auf alles gefasst sein, doch konkrete Ahnungen hatte ich nicht. Als ich gegen halb acht mit meinem Lada aufs Gelände in der Normannenstraße fuhr, überlegte ich, wie wir es bewerkstelligen könnten, dass alles friedlich bleibt, denn wenn einer aufruft, Steine zu einer Demonstration mitzubringen, führt er in aller Regel nichts Gutes im Schilde. Mein Arbeitszimmer befand sich im ehemaligen Ministerblock. Ich blickte vom Schreibtisch aus direkt auf das Tor in der Ruschestraße. Zu Dienstbeginn fand die übliche Lagebesprechung statt. Es wurde beraten, wer von der Generalität an diesem Tag die Stellung halten sollte. Die Aufgabe fiel mir zu: Ich war der Jüngste und wohl auch Fitteste. Die Generale Niebling, Möller und Braun, so wurde beschlossen, sollten nach Karlshorst zu unseren sowjetischen Freunden fahren.

Und was war mit der Aufklärung?

Sie stand unter Leitung von Generaloberst Werner Großmann und agierte selbständig. So war ich dann ab 15 Uhr der kommandierende General im Gebäude. Im Laufe des Tages meldeten sich sogenannte Bürgervertreter aus den Bezirken bei mir – von wem sie ihr Mandat hatten, blieb zumeist im dunkeln. Die Bezirksverwaltungen und Kreisdienststellen außerhalb Berlins waren zu jenem Zeitpunkt bereits besetzt. Da waren die Bezirke dem Neuen Forum in der Hauptstadt voraus.

Über den genauen Fortgang dieser »Demonstration« ist viel spekuliert worden.

Vor allem wurde darüber spekuliert, wie es dazu kam, dass plötzlich das Tor aufging und sich die Menschenmenge über das Ministeriumsgelände ergoss. Die Polizeikräfte im Objekt hatten auf keinen Fall den Befehl, unter allen Umständen und unter Einsatz polizeilicher Mittel den Gebäudekomplex zu schützen. Dazu reichten die vorhandenen Kräfte nicht aus. Die jungen Angehörigen der Bereitschaftspolizei, die im Gebäude untergebracht waren, schauten dem Treiben mehr oder weniger amüsiert zu – was sollten sie auch sonst tun? Das Ergebnis kennt jeder, doch der konkrete Hergang ist Gegenstand ausufernder Spekulationen. Das »Bürgerkomitee 15. Januar« stellt den Vorgang auf seiner Website wie folgt dar: »Um zu deeskalieren und mangels ausreichender Polizeikräfte beschlossen die Vertreter der Bürgerkomitees am Tor und die Bewachungsmannschaften der Polizei, nichts dagegen zu unternehmen, als ein bislang unbekannter Demonstrant über das Tor sprang und es öffnete. Die nachdrängenden Demonstranten öffneten dann von innen ein weiteres Tor, so dass zahlreiche Menschen auf das Gelände drängen konnten.« Wir jedenfalls, die im Objekt verbliebenen ehemaligen Mitarbeiter des MfS, haben das Tor nicht aufgemacht. Ich habe dazu auch keinen Befehl gegeben.

Das wäre wohl auch ein wenig lebensmüde gewesen.

Wir wollten uns nicht der unberechenbaren Gewalt von der Straße, die vor unseren Augen tobte, aussetzen. Doch keine Spekulation ist konstruiert genug, wenn es darum geht, die ehemaligen Mitarbeiter des MfS an den Pranger zu stellen. So wurde bereits kurz nach den Ereignissen erklärt, dass wir, die Mitarbeiter des MfS, die Tore selbst geöffnet hätten, um damit Druck auf die Modrow-Regierung auszuüben, um doch noch einen Verfassungsschutz zu kriegen. Auch sollen »verdeckte Mitarbeiter« des MfS die Demonstranten von den Akten weg hin zum Versorgungstrakt gelenkt haben, um unsere IM zu schützen. Da ich zum Chef dieses Verfassungsschutzes berufen worden war, hätten diese »aktiven Maßnahmen« von mir oder meinem Stab ausgehen müssen. Doch ich weiß nichts davon. Mich hat auch nie jemand dazu befragt. Ich glaube, dass die Ursache für diese Massenbewegung in einer ganz einfachen psychologischen Tatsache liegt: Die Fenster der Büros waren mit schwarzen, lichtundurchlässigen Vorhängen, wie sie in allen Objekten des MfS üblich waren, abgedunkelt, die Fenster und Türen des Sozialtraktes, der demoliert und geplündert wurde, hingegen waren hell erleuchtet. Das Gebäude hob sich auch farblich von den anderen Gebäuden ab.

Waren Sie zu diesem Zeitpunkt noch in der Ruschestraße?

Ja sicher, es war ja eigentlich ein ganz normaler Arbeitstag – falls man zu dieser Zeit überhaupt davon sprechen konnte. Uns Generalen wurde später unterstellt, wir hätten das Ganze inszeniert. Das ist Blödsinn. Einzig ­Karli ­Coburger, der Chef der Hauptabteilung VIII, hatte Mitarbeiter in den Demonstrationszug kommandiert. Doch die hatten den Auftrag, das Spektakel zu beobachten, nicht zu lenken. Sie kamen mit Demonstranten sogar in mein Dienstzimmer, was ich, hätte ich das Prozedere festgelegt, sicher vermieden hätte.

Was waren das für Leute, die Sie in Ihrem Dienstzimmer »besuchten«?

Dem Anschein nach war es ein Querschnitt durch die Berliner Bevölkerung. Sie stellten mir Fragen, die ich, so gut ich konnte, beantwortete. Zum Beispiel, ob ich meine Dienstwaffe bei mir trage – das konnte ich verneinen. Unter den DDR-Bürgern, die sich in meinem recht kleinen Büro drängten, waren auch Leute, die als »Wessis« erkennbar waren. Ich gehe davon aus, dies war das erste Mal, dass das MfS von einem gegnerischen Dienst inspiziert wurde. Während sich mein »Besuch« sehr gesittet benahm, plünderten junge Männer mit Glatze und Bomberjacke den Sozialtrakt. Die Bilder gingen durch die Medien. Die Sicherungskräfte der Polizei nahmen ihnen die Sachen am Ausgang wieder ab. Von anderer Qualität waren diejenigen, die nach der Öffnung des Tores in der Ruschestraße zu den Diensträumen der Hauptabteilung II, der Spionageabwehr, durchstarteten und ganz gezielt bestimmte Räume aufbrachen. Auch wurde versucht, die Metallschränke aufzubrechen – von Tresoren oder Safes bei den Blechkästen zu sprechen, in denen wir unsere Akten aufbewahrten, ist schlicht übertrieben. Nach meinem Wissensstand wurden sie aber kaum fündig.

Was wurde da gesucht?

Ich kann nur vermuten, dass diese Leute gezielt nach den Ermittlungsergebnissen der Spionageabwehr suchten, die die Abteilung 13 erarbeitet hatte. Eine Rolle spielten dabei sicherlich auch die Aussagen des Überläufers Oberstleutnant Rainer Wiegand, Leiter der Arbeitsgruppe Ausländer der HA II/7. Wiegand, ein moralisch labiler Mensch, verließ zusammen mit seiner Sekretärin Anfang 1990 die DDR und gab den gegnerischen Diensten sein Wissen preis. Wie mir Genossen der Spionageabwehr später erzählten, wussten wir über die Kontakte westlicher Journalisten mit westlichen Diensten, vor allem mit dem Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, viel mehr, als der Gegenseite lieb war. Schließlich haben wir den Telefonverkehr von Westberlin in die Bundesrepublik intensiv mitgehört. Viele Journalisten telefonierten von Westberlin aus recht offen mit ihren Partnern in Köln oder München, weil sie sich in Westberlin sicher fühlten – das waren sie aber nicht! Diese Kenntnisse sollten natürlich unter der Decke bleiben.

Waren die Safeknacker in den Räumen der Hauptabteilung II erfolgreich?

Wie mir später berichtet wurde, haben sie zwar die Türen der Diensträume aufbekommen, jedoch nicht die Stahlschränke.

Wie haben sich die anderen Demonstranten in der Ruschestraße bewegt?

Das war recht unterschiedlich. Von Aggression bis Neugier war alles vertreten, mitunter sogar Angst.

Wieso Angst?

Die Leute hatten natürlich die Bilder aus Rumänien im Kopf, wo auf Demonstranten geschossen worden war. Und bei der Hysterie, die um sich griff, ich denke nur an die Zahlen über den gewaltigen Waffenbestand der »Stasi«, die durch die Medien spukten, hatten einige Angst, aus den verdunkelten Fenstern würde auf sie geschossen. Doch es fiel kein Schuss.

Warum war das so?

Das war schlicht das Verdienst des besonnenen Handelns der Mitarbeiter unseres Ministeriums, nicht nur an diesem Tag, sondern schon in den Tagen davor, als überall in der Republik die Kreisdienststellen und Bezirksverwaltungen besetzt wurden. Uns war schließlich klargeworden, dass die DDR nicht mehr zu retten war. Jedes Blutvergießen wäre unverantwortlich gewesen. Wir waren dazu ausgebildet, die DDR nötigenfalls auch mit der Waffe gegen einen Angriff von außen zu verteidigen. Nicht jedoch waren wir darauf vorbereitet, auf das demonstrierende Volk zu schießen. Die Friedlichkeit dieser Ereignisse ergab sich darum vor allem aus der Einstellung der MfS-Mitarbeiter zu ihrem Staat und zur Bevölkerung. Wir lebten schließlich nicht in Kasernen, wir lebten in den Wohngebieten mit den Menschen zusammen, die nun vor den Toren unserer Einrichtungen standen. Ich bin in meinem Wohngebiet in Frankfurt (Oder) regelmäßig mit meinem Hund spazieren gewesen, ohne Personenschutz, denn ich hatte nie das Gefühl, dass meine Nachbarn mich bedrohten.

Beruhte diese »Friedfertigkeit« auf Befehlen und Weisungen von Partei und Regierung?

Dass ich nicht lache! Die Partei wollte bekanntlich längst nichts mehr von uns wissen, der Staatsapparat löste sich vor unseren Augen auf. Wir haben uns so verhalten, wie unsere Einstellung zu unserem Land das gebot. Das war nicht immer leicht. Als ich im Dezember 1989 den Demonstranten vor der Bezirksverwaltung in Frankfurt gegenüberstand, sah ich in so manches hasserfüllte Gesicht und spürte, dass ein Funke genügen würde, um eine Katastrophe auszulösen. Doch wir blieben ruhig und besonnen. Am 15. Januar 1990 war das nicht anders. Angst hatte natürlich meine Frau. Sie machte sich verständlicherweise große Sorgen um mich, zumal sie mich telefonisch nicht erreichte. Erschwert wurde unsere Kommunikation zusätzlich dadurch, dass wir, gerade von Frankfurt nach Berlin gezogen, zu Hause keinen Anschluss hatten, so dass meine Frau zur Telefonzelle musste, wenn sie anrufen wollte. Sie rief Wolfgang Schwanitz an, der seinerzeit das Amt für Nationale Sicherheit leitete. Der sagte ihr, sie müsse sich nicht sorgen, ich sei bei den sowjetischen Freunden in Karlshorst. Das war zwar gut gemeint, jedoch nicht wahr. Schließlich sah Christa mich im Fernsehen – sie starb fast vor Angst. Was mich an diesem 15. Januar 1990 am meisten geärgert und maßlos enttäuscht hat, war die Wurstigkeit, mit der Ministerpräsident Hans Modrow uns behandelt hatte. Es wäre für ihn ein Leichtes gewesen, zumindest einen Beauftragten zu uns zu schicken, um zu fragen, wie es uns geht, ob wir Hilfe brauchten. Schließlich waren wir ja seine Mitarbeiter. Das werde ich dem Mann nie verzeihen! Schließlich war er mein Vorgesetzter, sowohl als staatlicher Leiter als auch als Genosse.

Dieser Tag brachte für mich auch die erste Begegnung mit westlichen Medien. Ein Offizier der Volkspolizei fragte bei mir an, ob ich einem Fernsehteam aus der BRD einige Fragen beantworten wollte. Ich sah keinen Grund, es nicht zu tun. Auf diese Weise lernte ich den 24jährigen Georg Mascolo kennen, damals Berufsanfänger, heute ein profilierter Journalist. Da die Chemie zwischen uns stimmte, das Team sich sachlich und höflich benahm, war ich es auch. Ich bot Kaffee und später auch Wodka an. Beides wurde gern angenommen. Ganz uneigennützig war meine Gastfreundschaft allerdings nicht, denn ich rechnete damit, dass ich durch das westliche Fernsehteam vor Überraschungen durch Demonstranten geschützt sein würde. Unsere freundschaftliche Verbindung, die am 15. Januar 1990 durch den Besuch von Mascolo in meinem Dienstzimmer entstand, hält trotz aller Turbulenzen, die das Leben seither mit sich brachte, bis heute.

In verschiedenen Medien wurde berichtet, Sie seien an diesem Abend in Ihrem Dienstzimmer schlafend angetroffen worden.

Mir war an diesem Abend wirklich nicht nach Schlafen zumute! Als kommandierender General war ich mir meiner Verantwortung bewusst. Nachdem das alles vorüber war, habe ich mir erst einmal ein Bild von der Lage gemacht. Die Meldungen der einzelnen Diensteinheiten waren recht entspannt. Einzig die Spionageabwehr, die Hauptabteilung II, meldete, dass versucht worden sei, in ihren Büros Panzerschränke mit brisantem Material aufzubrechen. Im Sozialtrakt hatten Vandalen gewütet. Der Sachschaden war immens. Als ich dort eintraf, waren bereits Vertreter der Bürgerkomitees aus den Bezirken damit beschäftigt aufzuräumen, sichtlich erschüttert über die Verwüstungen, die ihr Aufruf zu einer »phantasievollen Demonstration« zur Folge hatte – so hatten sie sich das sicher nicht vorgestellt. Generell muss ich feststellen, dass die Vertreter der verschiedenen Bürgerkomitees, die ich während meiner Tätigkeit erlebte, vor allem heillos überfordert waren. Sie sahen in allem, was wir taten, nur Ranküne alter Seilschaften, die Geld, Güter, Waffen und vor allem Akten zur Seite schaffen wollten. Dass wir, die ehemaligen Mitarbeiter des MfS, damit beschäftigt waren, das Ministerium abzuwickeln und selbst Zukunftsängste hatten, kam den selbsternannten Bürgerrechtlern gar nicht in den Sinn. Letztlich, man verzeihe mir das derbe Wort, waren sie die nützlichen Idioten, die die Lücke füllen mussten, bis die Politprofis aus Bonn das Heft des Handelns in die Hand nehmen konnten.

Aber nahm das Verhängnis nicht bereits seinen Lauf, als man seitens der Regierung darauf verzichtet hatte, trotz dieses »Demonstrations«-Aufrufs geeignete Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen?

Wir waren damals formal noch ein souveräner Staat. Der Modrow-Regierung standen alle Möglichkeiten zur Verfügung – vom Demonstrationsverbot bis zum verstärkten Polizeischutz –, um eine Eskalation der Ereignisse zu vermeiden. Das tat sie nicht, weil sie es sich nicht mit dem Runden Tisch verderben wollte, und weil, ich verweise da auf Egon Krenz oder Markus Wolf, das MfS als Prügelknabe herhalten sollte, um den Druck von der SED-Nachfolgerin PDS zu nehmen. Und als einer, der mittendrin war, sage ich Ihnen, die Sache war derart aufgeheizt, dass sie schnell hätte kippen können. Und dann hätte es Tote gegeben – auf beiden Seiten! Ich frage mich heute noch, ob diese »Demonstration« ordentlich angemeldet worden war, wer sie gegebenenfalls genehmigt und mit welchen Auflagen versehen hatte. Das AfNS war ein militärisches Organ. Seine Gebäude standen damit unter besonderem Schutz. Die DDR-Regierung hatte den Auftrag, das Gelände in Berlin-Lichtenberg weiträumig abzusperren. Der energische Angriff auf die Panzerschränke der Spionageabwehr belegt meines Erachtens deutlich, dass hier gegnerische Dienste versuchten, ihr Schäfchen ins trockene zu bringen. Wenn der so oft zitierte »Volkszorn« in dieser Nacht unterwegs gewesen wäre, so hätte er sich eigentlich gegen die Hauptabteilung XX richten müssen. Doch für deren Akten interessierte sich niemand, genauso wenig wie für die Abteilung XII, das Archiv und die Registratur des MfS.

War von dem »Schild und Schwert« nicht zumindest der Schild übriggeblieben, um sich an diesem Abend zu schützen?

Für die Mitarbeiter des Amtes für Nationale Sicherheit stellte sich selbstverständlich die Frage, was es denn noch zu verteidigen gäbe. Klar: Unser Leben und das Leben unserer Familien hätten wir bedingungslos geschützt. Doch den Staat verteidigen, der uns zu »Buhmännern«, »Blitzableitern« und »Schmuddelkindern« machte? Da die Grenze nach Westberlin am 9. November unter chaotischen Bedingungen geöffnet worden war, blutete die DDR förmlich aus. Die Sowjetunion, vierzig Jahre lang unser wichtigster Verbündeter, ließ die DDR im Stich, die Regierung Modrow hatte das Heft des Handelns längst nicht mehr in der Hand. Wir fühlten uns von dieser Regierung verraten. Wen oder was sollten wir also schützen, außer uns selbst, unsere Familien und unsere IM?

Nun heißt ja Geheimdienst nicht nur Geheimdienst, weil er im verborgenen agiert, sondern vor allem, weil er Geheimnisse sammelt. Hätte man dies nicht nutzen können, um die Öffentlichkeit in den 1990er Jahren darüber zu informieren, welcher Angriffe von westlicher Seite man sich hatte erwehren müssen?

Wir hätten zeigen können, wie gegnerische Dienste in der DDR aktiv waren, wo sie einzudringen versuchten und so weiter. Doch Günther Kratsch, der Chef der Spionageabwehr, hatte sich in den 1990er Jahren geweigert, damit an die Öffentlichkeit zu gehen, wie Werner Großmann berichtete. Es hätte uns allen sicher sehr geholfen. Auch Horst Männchen, der Chef der Funkaufklärung des MfS, hätte viel erzählen können. Die Hauptabteilung III, der er vorstand, hinterließ 1989 Zehntausende Tonbänder, auf denen Telefongespräche der politischen, militärischen und Wirtschaftselite der Bundesrepublik mitgeschnitten worden waren. Ihr Inhalt soll so »schrecklich« gewesen sein, dass sie ohne Auswertung sofort vernichtet wurden. Doch Horst Männchen arbeitete nach 1989 lieber mit dem Bundesverfassungsschutz zusammen, als dass er seinen ehemaligen Genossen geholfen hätte.

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