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„Schweigen über die DDR?! Nein. Niemals!“ – eine weitere Kritik


„Schweigen über die DDR?! Nein. Niemals!“ – eine weitere Kritik

ich-war-dabeiAn dieser Stelle veröffentlich ich eine Kritik am Artikel: „Schweigen über die DDR?! Nein. Niemals!“, erschienen auf der Web-Seite: Was war die DDR?.
Warum auf dieser Seite? Weil der Betreiber der Web-Seite Sascha‘s Welt, der in diesem Artikel, auf seine selbstgestellte Frage: „Durfte man in der DDR seine Meinung frei äußern?, vehement und wahrheitswidrig behauptet: „Selbstverständlich durfte man das. Es gab in der DDR keine Beschränkungen der Meinungsfreiheit“ mich schon über Monate gesperrt hat, sodass ich auf dieser Seite nicht kommentieren kann. – Der Revisionismus lebt!

Heute weitere Kritikpunkte an diesem Artikel. Fortführen möchte ich sie zu folgenden Aussagen:

Die Freundschaft der DDR zur Sowjetunion
Vor den Kommunisten und allen Bürgern der DDR bestand die große und gewaltige politisch-ideologische Aufgabe, zwischen zwei bis dahin verfeindeten Völkern ein völlig neues Wechselverhältnis gegenseitiger Freundschaft, Hilfe und Unterstützung aufzubauen. Das ist trotz der wüstesten antisowjetischen Hetze aus dem Westen gelungen. Die sich daraus ergebende traditionelle Haltung gegenüber der KPdSU (B) und den Sowjetvölkern erhielt sich auch nach dem Tode von J.W. Stalin. Sie war teilweise so stark, daß sie manche Verwerfungen in diesem Verhältnis, hervorgerufen durch die Politik Chruschtschows bis zu Gorbatschow verschleierte.

Und:
Der russische KGB als Helfer der Konterrevolution
Die verschiedensten Quellen bestätigen, daß in der DDR im Auftrag Gorbatschows eine spezielle Gruppe des KGB mit dem Decknamen „Lutsch“ (Strahl) tätig war. Sie sammelte Informationen und beeinflußte bestimmte Personen der DDR in Richtung Perestrojka. So sprach z.B. der KGB-Chef W. Krjutschkow mit M. v. Ardenne (1987). Schabowski war über dessen Gespräche mit H. Modrow, W. Berghof und M. Wolf informiert. Das waren alles Leute, die auf dem Putschparteitag eine bedeutende Rolle spielten und für Gorbatschows Konterrevolution waren. Diese Spezialgruppe, deren vielfältige Aktivitäten nicht nachweisbar sind [sic], hat zweifellos die Oppositionellen gegen Honecker aktiv unterstützt.

Zur Freundschaft mit der Sowjetunion:

Nicht die Freundschaft zur Sowjetunion verschleierte die Verwerfungen des Verhältnisses zur Sowjetunion, sondern zuerst die Abhängigkeit von der Sowjetunion und dann der Sieg des sowjetischen Revisionismus in der DDR, auf Grund dieser Abhängigkeit.

Auch hier empfiehlt es sich wider, genauer bei Kurt Gossweiler nachzulesen. Über die Entwicklung in der Sowjetunion, habe ich schon im ersten Artikel geschrieben (hier). Der Satz: „Die sich daraus ergebende traditionelle Haltung gegenüber der KPdSU (B) und den Sowjetvölkern erhielt sich auch nach dem Tode von J.W. Stalin.“, trifte nur für die einfachen Menschen beider Völker zu. An der Spitze, in den Partei- und Staatsführungen, entbrannte ein unerbittlicher Kampf zwischen Marxisten-Leninisten und dem immer stärker werdenden Revisionisten, der letztendlich zum Untergang des Sozialismus 1989, führte.

Lesen wir wieder, was Kurt Gossweiler dazu schreibt:

„Diese Vereinigung (von KPD und SPD) erfolgte auf der von beiden Parteien gemeinsam beschlossenen Grundlage der Lehren von Marx und Engels und führte durch eine enorme und effektive ideologische Schulung der Parteimitglieder in sehr kurzer Zeit zu einer weitgehend auch ideologischen Einheit. Ein eindrucksvolles bleibendes Zeugnis dafür war die große Rede Otto Grotewohls, des aus der SPD gekommenen Ko-Vorsitzenden der SED aus Anlass des 30. Jahrestages der Novemberrevolution, die unter dem Titel: „Vor dreißig Jahren“ auch als Buch erschien. Der nächste konsequente Schritt der ideologischen Entwicklung der Partei war ihre Weiterentwicklung aus einer marxistischen in eine marxistisch-leninistische Partei, zu deren ideologischer Grundausrüstung vor allem solche Werke Lenins wie „Staat und Revolution“ und „Der Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ gehörten und natürlich auch der „Kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU(B)“ sowie andere Arbeiten Stalins.
Im Kampf gegen den vom Informbüro (2 Resolutionen) verurteilten Revisionismus der KP Jugoslawiens stand die SED in vorderster Front. (Anm.: Solange Walter Ulbricht 1.Sekretär der SED war.)

[…]

„Das Führungskollektiv der SED mit Walter Ulbricht als Generalsekretär führte denn auch einen ebenso entschlossenen wie flexiblen Kampf zur Verteidigung einer marxistisch-leninistischen politischen Linie der SED. Dafür aber geriet Walter Ulbricht sehr bald nicht nur unter das Feuer des Klassenfeindes in Bonn, sondern sah sich immer häufiger gezwungen, Fallen auszuweichen und unschädlich zu machen, deren Herkunft nicht im Westen, sondern im Osten lag.
Bis zum Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 musste Ulbricht eine Gratwanderung vollbringen, die höchste politische Meisterschaft erforderte
; er musste den massiven Bemühungen Chruschtschows, die SED ebenso wie die polnische und die ungarische Partei auf revisionistischen Kurs zu bringen, ständig entgegentreten und sie abwehren, zugleich aber alle Versuche durchkreuzen, zwischen SED und KPdSU Keile zu treiben oder Zweifel an der zuverlässigen Freundschaft der DDR zur Sowjetunion aufkommen zu lassen. Später einmal wird man auf der Grundlage auch sowjetischer Dokumente hoffentlich die Möglichkeit haben, nachzuzeichnen, wie oft die Chruschtschow-Riege in der KPdSU Anlauf nahm, Walter Ulbricht ebenso zu stürzen, wie das mit Rakosi in Ungarn gelungen war. Aber auch ohne diese Dokumente lässt sich nachweisen, dass ein solcher Versuch erstmals nach Stalins Tod, im Mai/Juni 1953 unternommen wurde (siehe dazu: Kurt Gossweiler, (Hintergründe des 17. Juni 1953), und ein neuerlicher Versuch im Gefolge des XX. Parteitages der KPdSU.
Mit Sicherheit kann auch gesagt werden, dass die Attacke, die Chruschtschow auf dem XXII. Parteitag gegen Enver Hodsha und die KP Chinas ritt, zugleich auch alle Parteiführer treffen sollte, die sich dem revisionistischen Kurs widersetzten, darunter an einer der vordersten Stellen Walter Ulbricht. Der letzte Versuch lässt sich im Jahre 1964 feststellen. Chruschtschow setzte in diesem Jahr zum entscheidenden Schlag gegen seinen gefährlichsten Gegner, gegen Mao Tse-tung und die KP Chinas an. Er bereitete für den Herbst 1964 eine Konferenz kommunistischer Parteien vor, auf der er die Zustimmung zur „Exkommunikation“ der KP Chinas aus der Familie der kommunistischen Parteien erreichen wollte. (s. a. Der XIX. Parteitag der KPdSU und meinen Kommentar dazu)

[…]

„Im gleichen Jahr 1964 reiste der Schwiegersohn Chruschtschows, Adshubei, Chefredakteur des Regierungsorgans „Iswestja“, in die Bundesrepublik Deutschland, wo er auch mit Franz Josef Strauß, dem Vorsitzenden der noch rechts von der CDU Adenauers stehenden CSU (Christlich Soziale Union) ein anscheinend sehr intimes Gespräch hatte, denn die Westpresse wusste darüber zu melden, dass er u.a. Strauß darüber informiert hatte, Walter Ulbricht sei ein „todkranker Mann“. Das war natürlich nicht medizinisch, sondern politisch gemeint, als Hinweis darauf, dass Walter Ulbrichts politischer Sturz bevorstehe.“

[…]

„Bei den Versuchen, Walter Ulbricht von der Spitze der SED zu beseitigen, nutzten Chruschtschow und seine Verbindungsleute in der DDR die Meinungsverschiedenheiten und persönlichen Animositäten, die es im Kreise der Parteiführung gab, zu dem Versuch aus, eine Politbüro- und ZK-Mehrheit gegen Ulbricht zustande zu bringen. Das war der Hintergrund für die „Affären Herrnstadt/Zaisser“, die mit dem Ausschluss Rudolf Herrnstadts und Wilhelm Zaissers 1953 und Karl Schirdewans und Ernst Wollwebers 1958 aus der Führungsspitze und aus der Partei endeten.
Meine persönliche Ansicht ist, dass die meisten der Genossen, die damals gegen Walter Ulbricht auftraten, dies nicht aus revisionistischer Gesinnung taten – es handelte sich dabei größtenteils um Genossen, die sich als Kommunisten und antifaschistische Widerstandskämpfer erwiesen hatten -, vielmehr in Unkenntnis dessen, dass sie Schachfiguren in einem ihren Interessen ganz fremden Spiel darstellten. Andererseits war es Walter Ulbricht natürlich nicht möglich, diese Hintergründe, über die er selbst sich als einer der erfahrensten Spitzenfunktionäre der Kommunistischen Internationale ganz gewiss im Klaren war, im Zentralkomitee oder auch nur im Politbüro darzulegen.“
(Anm.: Hier irrt, meiner Meinung nach, Kurt Gossweiler. Herrnstadt, Zaisser, Schirdewan und Wollweber waren doch keine 8. Klassenschüler, die nicht wussten, was sie taten. Sie waren intelligent genug, gebildet genug und erfahren genug im Klassenkampf, um zu wissen was sie da taten. Es mag keine revisionistische Gesinnung gewesen sein. Aber, – war es eine marxistisch-leninistische Gesinnung?)

[…]

„Im Fortgang der Anti-China-Kampagne übernahm die SED die sowjetischen „Analysen“ über die angeblichen Ursachen der angeblichen antimarxistischen Linie der KP Chinas, manche ihrer Theoretiker traten dabei auch mit ihren eigenen, im Kielwasser der sowjetischen Publikationen segelnden Untersuchungen auf; aber die ganz und gar bösartigen, hasserfüllten Publikationen in deutscher Sprache waren Importe aus der Sowjetunion. Den sowjetischen Hetzfeldzug gegen China machte man in der DDR nicht mit, die Anti-China-Propaganda hielt sich im Rahmen des Pflichtpensums eines zum Gehorsam genötigten Vasallen.
Zusammenfassend lässt sich sagen: Die revisionistischen Grundentscheidungen der sowjetischen Führung der Chruschtschow-Periode glaubte die SED-Führung mitvollziehen zu müssen. Insofern wurden auch die SED-Mitgliedschaft und die Bevölkerung infiziert von der revisionistischen Verfälschung des Marxismus-Leninismus und der Geschichte der sozialistischen Staaten.
Doppelt verhängnisvoll wirkte und wirkt sich aus, dass dieses Abgehen vom Marxismus-Leninismus mit Erfolg als das genaue Gegenteil dessen, nämlich als Wiederherstellung und Weiterentwicklung des Marxismus-Leninismus ausgegeben wurde. Das hat zum einen, als es noch Zeit dafür war, Widerstand gegen das Verlassen des wirklich marxistisch-leninistischen Weges zu leisten, diesen Widerstand verhindert; und es verhindert zum anderen heute die Erkenntnis für die wirklichen Ursachen des Zusammenbruchs der sozialistischen Staaten, weil dieser Zusammenbruch ja vermeintlich das Ergebnis des Beharrens auf dem marxistisch-leninistischen Weg war.
Dennoch wäre es falsch, die SED als eine revisionistische Partei zu bezeichnen.
(Anm.: Dass die SED keine revisionistische Partei war, gilt, wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, nur für die Zeit als Walter Ulbricht 1.Sekretär war. Später als Erich Honecker 1. Sekretär war, wurde die SED, in Folge des Revisionismus in der UdSSR, ebenfalls zu einer revisionistischen Partei.
Ich erinnere 1. an die erzwungene Verdammung des Namen Stalins aus der DDR-Öffentlichkeit; der damaligen Gegenwart und viel schlimmer noch, auch aus der Zukunft; 2. an den Großmacht-Chauvinismus, der sich in Moskau immer mehr ausbreitet und 3. an die anmaßenden Befehlsgewalt Moskaus in allen Dingen aus Moskau. Diese Tatsache versucht Kurt Gossweiler, leider, mit mannigfaltigen Entschuldigungen und Schönschreiben nicht Rechnung zu tragen und bestätigt diese Tatsache, zwischen den Zeilen gelesen, trotzdem. Ich frage mich immer wieder, ist das immer noch Parteidisziplin, von der er selbst einmal schrieb?
)

[…]

Die Ablösung Ulbrichts und der Wechsel zu Honecker war natürlich nicht ohne Einwirkung der Moskauer Führung vor sich gegangen. Dennoch wäre es falsch, in diesem Wechsel etwa den Wechsel von einem Marxisten-Leninisten zu einem Revisionisten zu sehen. Es war vielmehr der Wechsel von einem der im Klassenkampf erfahrensten und begabtesten Führer der deutschen und der internationalen kommunistischen Bewegung zu einem von bestem Willen erfüllten, aber infolge schwacher Führungsqualitäten leicht auf Abwege zu führenden Parteifunktionär.
Zunächst schien es so, als sei mit ihm die Ära der größten Erfolge der DDR angebrochen, denn Anfang der siebziger Jahre wurde die DDR trotz allen Sperrfeuers seitens der BRD in rascher Folge von Dutzenden Staaten anerkannt und schließlich im September 1973 auch in die UNO aufgenommen, nachdem sich die Bundesrepublik gezwungen gesehen hatte, im Dezember 1972 in einem Vertrag die DDR als selbständigen deutschen Staat anzuerkennen. Indessen war damit nur eine Ernte eingefahren worden, für die der Grund in den davor liegenden Jahren gelegt worden war.
Überblickt man die fast zwanzig Jahre, in denen Honecker an der Spitze der SED und des Staates stand, so muss man feststellen, dass er eine Politik repräsentierte, die auf allen Gebieten äußerst widerspruchsvoll war und sich auf einer insgesamt absteigenden Linie bewegte.
Letzteres trifft aber auf alle sozialistischen Staaten Europas zu, ist also nicht in erster Linie etwaigen Fehlern der von ihm geleiteten Partei- und Staatsführung anzulasten.
Anfang der siebziger Jahre machte sich in den sozialistischen Ländern eine Trendwende der wirtschaftlichen Entwicklung bemerkbar. Die Störungen, die von der Desintegration der Wirtschaft der RGW-Staaten und von den Fehlplanungen und sprunghaften Planänderungen in verschiedenen Ländern, allen voran die Sowjetunion, als Ergebnis der revisionistischen Umorientierung der Planziele ausgingen, vergrößerten den Rückstand zu den entwickeltsten kapitalistischen Ländern, statt ihn zu verringern und verschlechterten die Lebenslage der Bevölkerung, statt sie zu verbessern.
Die Folgen waren wachsende Unzufriedenheit in der Bevölkerung, abnehmende Zustimmung und Unterstützung für die Politik von Partei und Regierung, immer schwächer werdende Verbindung der Partei zu den Massen, dafür stetig wachsender Einfluss westlicher elektronischer Medien und der Anziehungskraft der so genannten „westlichen Lebensweise“.
Ich will an dieser Stelle nicht den ganzen Artikel von Kurt Gossweiler zitieren. Um sich selbst ein Gesamtbild zu verschaffen, halte ich es aber für notwendig, den ganzen Artikel zu lesen. Dieser Artikel (und der Artikel über die Hintergründe des 17. Juni 1953 (s. o.), widerlegt die Aussagen des oben zitierten Absatzes über die Freundschaft zur Sowjetunion.
(Stärken und Schwächen der SED im Kampf gegen den Revisionismus – Eine notwendige, kleine Nachhilfestunde in Sachen Revisionismus)

Zum zweiten Absatz: Der russische KGB als Helfer der Konterrevolution.

Darin wird behauptet: „Die verschiedensten Quellen bestätigen, daß in der DDR im Auftrag Gorbatschows eine spezielle Gruppe des KGB mit dem Decknamen „Lutsch“ (Strahl) tätig war. Sie sammelte Informationen und beeinflußte bestimmte Personen der DDR in Richtung Perestrojka.“
Dann wird wiederum behauptet: „Diese Spezialgruppe, deren vielfältige Aktivitäten nicht nachweisbar sind [sic], hat zweifellos die Oppositionellen gegen Honecker aktiv unterstützt.“

Auch das sind Verdrehungen von Tatsachen. Zugegeben, in den letzten Tagen der DDR war Erich Honecker ein Gegner von Gorbatschows „Glasnost“ und „Perestrojka“. Zuvor aber, durch die Intervention eines Breshnews an die Macht gekommen, vertrat er die revisionistische, chruschtschowsche Politik, die Breshnew unbeirrt vorsetzte. Honeckers Politik von der „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ war an Revisionismus nicht zu überbieten; und führte letztendlich zum Untergang des Sozialismus in der DDR.
(s.a. „Sozialismus in den Farben der DDR“ – Über den Revisionismus Erich Honeckers – Überarbeitete Version)

Hier noch eine Meinung von anderer Seite. Heinz Hamm schreibt in „DDR, ein Meilenstein der Geschichte“):

„Ulbricht stützte sich bei seinem Reformwerk vor allem auf hochqualifizierte Angehörige der wissenschaftlichen und technischen Intelligenz. Bedenken aus dem Parteiapparat, der sich umgangen sah, trat er mit Entschiedenheit entgegen: »Es sind eigentlich nur wenige Genossen, die heute noch dem Neuen Ökonomischen System der Planung und Leitung gegenüber Vorbehalte geltend machen. Von ihnen hört man, die Einführung (…) sei mit Risiken verbunden. Das wird gar nicht bestritten. Die Genossen sollten aber begreifen, dass das Stehenbleiben bei alten, überholten Methoden der Leitung der Wirtschaft weit mehr als ein Risiko, nämlich eine ernste Gefahr für die Erfüllung der vor uns stehenden Aufgaben wäre. Diese Aufgaben haben wir uns nicht ausgesucht. Sie sind objektiv herangereift. Und wir müssen sie meistern, wenn wir in der ökonomischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus bestehen wollen.«
Widerstand kam nicht nur aus den eigenen Reihen. Auch bei der Führungsmacht Sowjetunion stieß das Neue Ökonomische System auf wenig Gegenliebe. Ulbrichts Appelle, in der Wirtschaftspolitik seinem Beispiel zu folgen und den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) zu einem schlagkräftigen Organ gemeinsamen Handelns zu machen, verhallten ungehört. Der seit 1963 amtierende Parteichef der KPdSU Leonid Breschnew glaubte sich mit dem militärischen Gleichgewicht zur USA, das durch die Nutzung der modernen Technologien erreicht worden war, offenbar auf der sicheren Seite und sah es nicht für lebensnotwendig an, mit eigenen Mitteln und aus eigener Kraft auch die zivile Wirtschaft entsprechend den neueste Erfordernissen umzugestalten. Die sowjetische Führung fühlte sich politisch und militärisch stark genug, sich der finanziellen und technischen Hilfe der reichen BRD zu bedienen und dafür politische Zugeständnisse zu machen. Um zu den gewünschten Handelsverträgen zu kommen, verzichtete sie darauf, gegenüber der BRD die völkerrechtliche Anerkennung der DDR durchzusetzen. Diesen Verzicht, bei dem die Sowjetunion ein fundamentales Interesse ihres wichtigsten Bündnispartners missachtete, konnte und wollte Ulbricht nicht mittragen. Für ihn kamen vertragliche Beziehungen der DDR zur BRD nur auf völkerrechtlicher Grundlage in Frage. Aufgrund dieses Konflikts sowie seiner Wirtschaftspolitik, die in den Augen seiner Gegner lebensfremd, pseudowissenschaftlich und technokratisch war, musste er zurücktreten.

Öffentlich kommuniziert wurde das natürlich nicht. Die meisten Zeitgenossen werteten Ulbrichts Rücktritt im Mai 1971 als einvernehmlichen Führungswechsel aus Altersgründen. Peter Hacks und sein Freund André Müller sen. allerdings glaubten nicht an einen freiwilligen Rücktritt; sie gingen schon im Oktober 1969 von Differenzen mit der Führungs- und Schutzmacht Sowjetunion aus. Müller sen. schreibt: »Ich vermute eine Änderung der Politik. Hacks: ›Unzweifelhaft. Aber welche?‹ Ich erwähne, die bisherige Politik des Imperialismus sei darauf hinausgelaufen, das Rad der Geschichte mit Gewalt zurückzudrehen. Die Stabilisierung der DDR nach dem Bau der Mauer habe die letzten Chancen einer solchen Politik zerstört. Sie müssten also im Westen zu einer neuen Politik finden, die natürlich die alten Ziele verfolge, aber auf neuen Wegen. Hacks: ›Du meinst, sie werden uns solange liebevoll umarmen, bis sie uns zerdrückt haben. Aber das geht nicht mit Ulbricht. Freilich ist die Frage, ob es nicht mit den Russen geht. Man hört immer wieder von Spannungen zwischen der sowjetischen und der DDR-Führung, aber man weiß nicht, was an den Gerüchten ist.‹«
Von Ulbrichts Nachfolger Erich Honecker erwartete Hacks nichts Gutes: »Hacks: ›Ich frage mich, ob dieser Rücktritt, wenn er denn einer war, nicht das Unglück für dieses Land sein wird.‹ Dann erörtern wir die Frage, was Moskau zurzeit eigentlich für eine Politik mache und welche Ziele man dort verfolge. Hacks: ›Sie gehen mehr und mehr zu einer prinzipienlosen Bündnispolitik über und machen dementsprechende Zugeständnisse. Das müssen sie, es ist die Quittung für ihre hochmütige Diplomatie und die Förderung von Idioten. Der Sputnik ist kein Ersatz für Politik und war es nie. Wir können nur daraufsetzen, dass der Sozialismus stark genug ist, auch Idioten zu überdauern. Die Grundfrage ist, warum können die Russen nicht ihre Wirtschaft so in Ordnung bringen, wie Ulbricht in der DDR es tat?‹« (Gespräche mit Hacks 1963-2003, S. 63)
Die Befürchtungen wurden auf dramatische Weise bestätigt. Schon im Oktober 1971 heißt es zum neuen Kurs unter der Flagge der Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik: »Das geht gegen Ulbricht, gegen den jetzt alles geht. Das neue Ideal Honeckers ist: ein DDR-Mensch verdient 1.000,- oder .2000,- Mark, egal was er leistet. Warum gibt es keinen wirklichen Sozialismus mit scharfen Unterschieden, wo jeder tatsächlich nach seiner Leistung bezahlt wird? Das war es, was Ulbricht wollte und einführte und was den Aufstieg der DDR gesichert hat. Jetzt kommt die Einheitssauce, die Schlamperei und der Vulgärmaterialismus.« (Gespräche mit Hacks 1963-2003, S. 66) Und noch schärfer im März 1977: »Der nun vier Jahre dauernde Kampf Honeckers gegen die Ulbricht-Politik mit den blöden, gleichmacherischen Tendenzen (…) hat die schlimmsten Folgen gehabt. Das waren vier Jahre Kampf gegen alles, was wirkliche Intelligenz in diesem Lande besitzt, und das hat alles verschlimmert: Der Fisch fault nun einmal zuerst am Kopf.« (Gespräche mit Hacks 1963-2003, S. 158)
(Anm.: In Erich Honeckers »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« sah Hacks die Vorherrschaft der Partei und der von ihr durch Opportunismus und Unvermögen bedingten Idiotie, welche die Grundlagen des Sozialismus in der DDR bedrohte. Er sollte Recht behalten!))
Anfang der 1980er Jahre stand für den Dramatiker endgültig fest: Während Honecker die DDR in den Untergang führt, hätte Ulbrichts neue Wirtschaftspolitik als einzige die Möglichkeit eröffnet, nicht hoffnungslos hinter der Produktivität des Westens zurückzubleiben und den Konkurrenzkampf der Systeme zu verlieren. Ohne die Unterstützung der sowjetischen Führung und gegen den zunächst verdeckten und dann offenen Widerstand des eigenen Parteiapparats hatte sie keine Chancen gehabt, sich zu entwickeln und ihre Überlegenheit zu beweisen. Sie musste unter den gegebenen Bedingungen scheitern. Aber sie war trotz allem der einzig richtige Weg gewesen.“

Wie auch dieses Zitat zeigt, hatte Gorbatschow, von den Revisionisten aller Colour, zum Sündenbock erklärt, ohne ihren eigenen jahrelangen Verrat zuzugeben, es nicht nötig „eine spezielle Gruppe des KGB mit dem Decknamen „Lutsch“ (Strahl)“ zu schaffen, die DDR auszuspionieren und die „Oppositionellen gegen Honecker aktiv zu unterstützt“. Der Revisionismus war auf der ganzen Linie gescheiter und Honecker Widerstand gegen Gorbatschow Politik, genauso wie die Politik der Perestroika selbst, waren die letzten Versuch zu retten, was nicht mehr zu retten war.

Die Aussagen, über den siegreichen Sozialismus der durch die Konterrevolution eines Gorbatschows und seinen Vasallen in der DDR, im Herbst 1989, zerstört wurde, gehören zu Legendenbildung ehemaliger SED-Funktionäre und Revisionisten.

Nachsatz:

Die Entwicklung des Revisionismus ist wie die Entwicklung einer Krebserkrankung.

Hat sich der Krebs in einem Organ gebildet, und wird nicht radikal bekämpft, zerstört er erst dieses Organ, sucht sich dann durch Metastasierung ein anderes Organ, befällt dieses und zerstört auch dieses. Unbehandelt zerstört er nach und nach im ganzen Körper, alle gesunden Organe und führt letztendlich und unweigerlich zum Tod des Erkrankten.
Nachdem der Chruschtschowsche Revisionismus in der KPdSU, mit dem XX. Parteitag 1956, offen den Verrat am Marxismus-Leninismus eingeleitete hatte, wurde er weder von den Kommunistischen Parteien der sozialistischen Staaten Länder (mit Ausnahme der KP Chinas und Albaniens) noch von der Kommunistischen Weltbewegung radikal und unerbittlich bekämpft. Der Grund war, die KPdSU war einerseits, die führende Kraft im ganzen sozialistischen Lager und anderseits, die führende Kraft der Kommunistischen Weltbewegung.
Vereinzelt führten in den Anfangsjahren noch herausragende Kommunisten, nicht nur der KPC oder der KPA, sondern auch Walter Ulbrich und Wilhelm Pieck, einen entschiedenen, aber von Beginn an, einen hoffnungslosen Kampf gegen den Revisionismus. Viele Kommunisten, die Kommunisten geblieben waren, die sahen „wohin die Reise gehen wird“, wurden nach und nach zum Schweigen gebracht, bis man nur noch über die Parteilinie jubeln durfte.
So kam es 1. das sich der Revisionismus im ganzen sozialistischen Lager ausbreitete und immer mehr Anhänger fand; so kam es auch, dass selbst Antifaschisten, oft in guter Absicht, aber unterwürfig gegenüber allem, was aus Moskau kam, oder mit Hilfe Moskaus, zu Verräter am Marxismus-Leninismus wurden, und 2. der Revisionismus, sich krebsartig ausbreitend, weiter wuchern konnte und er schließlich zu Gorbatschow/Jelzin führte, die den „Sozialismus“, mit dem Verrat an die Klassenfeinde, ein Ende bereiteten. Gorbatschow fiel nicht vom Himmel, er wurde in der Sowjetunion sozialisiert, ausgebildet und erzogen.
Der Revisionismus ging also nicht von den kleinen kommunistischen Parteien aus, sondern bildete sich zuerst in der KPdSU. Nachdem der Revisionismus Anfang der 1970er Jahre nicht nur in der UdSSR, sondern auch in allen sozialistischen Staaten gesiegt hatte, war das Schicksal des Sozialismus schon damals besiegelt – er war zum Untergang verurteilt!
W.I. Lenin hatte wieder einmal Recht: „Eine Revolution ist nur dann etwas wert, wenn sie sich zu verteidigen versteht.“ Die sozialistischen Staaten und die Kommunistische Weltbewegung hatten seit 1956 aufgehört, sich gegen die inneren Feinde, gegen den Revisionismus, zu verteidigen – bis heute!

Siehe auch: Kleines Politische Wörterbuch: Was ist denn nun der so oft beschworene Revisionismus?

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