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DGB – Einheitsgewerkschaft ohne Kommunisten


DGB – Einheitsgewerkschaft ohne Kommunisten

Zur Gründung des rechtssozialdemokratischen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) vor 70 Jahren in der München spiegle ich hier den Beitrag von „Ohne Konkurrenz“ von Leo Schwarz, der am 12. Oktober 2019 in der Tageszeitung „junge Welt“ erschienen ist (Quelle). Eine gute (auch internationale) Einschätzung des Gründungskongress des DGB vom 12.-14. Oktober 1949 in München findet sich in: Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Band 7. Von 1949-1955, Berlin/DDR, 1966, S. 60-61 und 336-342 (PDF-Datei).

DGB
Mit Hilfe der West-Besatzungsmächte: Gründungskongress des DGB im Deutschen Museum zu München, 12. Oktober 1949

Bei Kriegsende im Mai 1945 war von der einstmals starken deutschen Gewerkschaftsbewegung nichts mehr geblieben. Vermögen und Mitglieder hatte sich die faschistische Deutsche Arbeitsfront (DAF) angeeignet. Die meisten ehemaligen Funktionäre hatten sich nach 1933 ins Privatleben zurückgezogen; nur eine kleine Minderheit ging ins Exil oder leistete Widerstand. Nicht wenige Gewerkschaftsführer waren kompromittiert, denn sowohl der sozialdemokratische Allgemeine Deutsche Gewerkschaftsbund (ADGB) als auch die christlichen Gewerkschaften hatten im Frühjahr und Sommer 1933 nach einer ganzen Reihe von Anbiederungsversuchen und abgelehnten Kooperationsangeboten vor der Naziregierung kapituliert.Als am 12. Oktober 1949 487 stimmberechtigte Delegierte von 16 Einzelgewerkschaften im Kongresssaal des Deutschen Museums in München zusammentraten, um einen neuen gewerkschaftlichen Dachverband für das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland zu gründen, lagen vier Jahre intensiver Debatten über Weg und Ziel des gewerkschaftlichen Neuaufbaus hinter ihnen. Die Gründung des Gewerkschaftsbundes, dessen Zweck laut der am 13. Oktober beschlossenen Satzung die »Zusammenfassung aller Gewerkschaften zu einer wirkungsvollen Einheit und Vertretung der gemeinsamen Interessen auf allen Gebieten, insbesondere der Wirtschafts-, Sozial- und Kulturpolitik«, sein sollte, setzte einen vorläufigen Schlusspunkt unter diese Auseinandersetzungen.

Mit den Kommunisten

1945 hatte zunächst weitgehende Einigkeit darüber bestanden, dass die Spaltung der Gewerkschaftsbewegung in Berufs- und politische Richtungsgewerkschaften ein wesentliches Element der Katastrophe von 1933 gewesen war. Sehr verbreitet war nun die Vorstellung einer zentralen Einheitsgewerkschaft, in der die nach dem Prinzip »ein Betrieb, eine Gewerkschaft« organisierten Industriegewerkschaften lediglich Unterabteilungen mit allenfalls beschränkter Autonomie bildeten.Damit bestand ein Bedürfnis nach und auch eine realistische Chance der Integration aller politischen Richtungen der Arbeiterbewegung in der Einheitsgewerkschaft. Eine Voraussetzung dafür war, dass sich im Exil und bei den im Inland weiter wirkenden Aktivistenkernen nach den bitteren Erfahrungen die Frontstellung gegen die KPD deutlich abgeschwächt hatte. Dem kam entgegen, dass die KPD-Führung das mit der Revolutionären Gewerkschaftsopposition (RGO) unternommene Experiment einer kommunistischen Richtungsgewerkschaft im Februar 1935 beendet und sich seither rückhaltlos zum Prinzip der Einheitsgewerkschaft bekannt hatte. So hatten in der anfänglich auf Angehörige der verschiedenen Strömungen der sozialdemokratischen Emigration beschränkten Landesgruppe deutscher Gewerkschafter in Großbritannien in der zweiten Kriegshälfte auch Kommunisten mitgearbeitet – und das in führenden Funktionen.Ehemalige Angehörige der Führungsgruppe des ADGB, die, wie etwa Fritz Tarnow, nach 1933 weiter ihren Antikommunismus kultiviert hatten, verloren erheblich an Einfluss. Zwischen der Vorstellungswelt von Tarnow, der – wie seine Überlegungen zum gewerkschaftlichen Neuaufbau zeigen – schlechthin jede Initiative der gewerkschaftlichen Basis ablehnte und aus diesem Grund sogar riet, die DAF bei Kriegsende zunächst nicht aufzulösen, und jener jüngerer sozialdemokratischer und sozialistischer Gewerkschafter, die gemeinsam mit den Kommunisten einen demokratischen Neuanfang »von unten« organisieren wollten, bestanden kaum noch Gemeinsamkeiten.Allerdings wurden die eben beschriebenen Ansätze für die Reorganisation von Anfang an durch die Spaltung des Landes in vier Besatzungszonen und den eskalierenden Konflikt zwischen den Westmächten und der Sowjetunion modifiziert und überformt. Die Gewerkschaftspolitik der Besatzungsmächte war nicht einheitlich. Den größten Spielraum ließ von Anfang an die UdSSR. In ihrem Besatzungsgebiet konstituierte sich nach Anfängen im Juni 1945 schon im Februar 1946 ein mitgliederstarker Freier Deutscher Gewerkschaftsbund (FDGB) für die gesamte Zone (ohne damit das Ziel einer einheitlichen gesamtdeutschen Gewerkschaftsorganisation aufzugeben). Der FDGB war seiner Anlage nach eine echte Einheitsgewerkschaft: Die in ihm vereinigten Industriegewerkschaften besaßen keine finanzielle Autonomie; das einzelne Mitglied trat dem FDGB und nicht der Industriegewerkschaft bei. Ständische Sonderorganisationen, wie sie im Westen mit der Deutschen Angestelltengewerkschaft oder dem Deutschen Beamtenbund bald wieder auftraten, konnten sich im Osten nicht entwickeln – politische schon gar nicht.In den drei Westzonen gestatteten die Besatzungsmächte zunächst nur lokal und dann auf der Ebene der Länder eine Reorganisation der Gewerkschaften. Erst in den 1990er Jahren wurde in Umrissen bekannt, mit welcher Konsequenz und welchen – auch geheimdienstlichen – Mitteln vor allem die US-Amerikaner und die Briten dabei Vertreter der rechtssozialdemokratischen Gewerkschaftstradition unterstützten und nach vorne spielten. Die fanden sich nur schwer mit dem Prinzip einer den ganzen Betrieb erfassenden Industriegewerkschaft, noch weniger mit einer zentralen Einheitsgewerkschaft und überhaupt nicht mit der Aussicht ab, mit Kommunisten in einer Organisation zusammenzuarbeiten.Die Gründung des DGB zeigte, dass diese Tendenz sich in der Hauptsache durchgesetzt hatte. Er war (und ist) nur in dem Sinne eine Einheitsgewerkschaft, als er sich nicht als Richtungsgewerkschaft versteht. Die Mitgliedsgewerkschaften sind in jeder Hinsicht autonom. Die DGB-Satzung enthielt als strategische politische Ziele nur die reichlich verschwommene »Förderung aller gemeinwirtschaftlichen Bestrebungen«, die »Bekämpfung von nationalistischen und militaristischen Einflüssen« und den »Kampf für die Sicherung und den Ausbau der demokratischen Rechte und Freiheiten des Volkes«. Der DGB verpflichtete sich, »schärfere Waffen wie Streiks« nur als letztes Mittel anzuwenden und sich immer zu bemühen, die »allgemeinen Volksinteressen nicht zu beeinträchtigen«. Mit Hans Böckler wurde mit 397 von 474 Stimmen zudem ein Sozialdemokrat zum Vorsitzenden gewählt, bei dem klar war, dass er die politische, wirtschaftliche und soziale Ordnung der Bundesrepublik im Grundsatz bejahte.

Gegen die Kommunisten

Und dann wurde aufgeräumt: In den fünf Jahren nach seiner Gründung wurden Kommunisten in den Mitgliedsgewerkschaften des DGB nahezu flächendeckend aus allen hauptamtlichen Funktionen verdrängt (und in vielen Fällen sogar ausgeschlossen; bis 1955 traf das allein in der IG Metall über 600 Funktionäre). Mitglieder der SPD beherrschten bald unangefochten die Leitungsebenen; Funktionäre mit CDU-Parteibuch genossen den Status einer geduldeten und je nach Gewerkschaft mal mehr, mal weniger einflussreichen Minderheit. Aus dem »parteipolitisch neutralen« DGB war unter der Hand ein Bund sozialdemokratischer Richtungsgewerkschaften geworden – der allerdings in vielen Bereichen mangels Konkurrenz tatsächlich die Rolle einer Einheitsgewerkschaft spielen konnte.

 

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