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Hinter den Zahlen – Rezension des Buches von Klaus Blessing: „Wer verkaufte die DDR?“


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Ein Vorwort:

Jetzt werden diejenigen, die eine offene, schonungslos, kritische und selbstkritische Aufarbeitung der DDR-Geschichte, als Leichenfledderei bezeichnen, wieder losjaulen: „Delegitimierung der DDR-Geschichte“. Mit Nichten. Wie schreibt der Autor am Ende des Artikels: „Das Buch ist ein weiterer Baustein zur Aufarbeitung der Erfahrungen der DDR und der SED unter Honecker, aber eben keine allseitige Darstellung“.
Revisionisten haben bis heute nicht begriffen, was Gerhard Feldbauer im Rotfuchs schrieb:
„’Für die Vorbereitung einer neuen sozialistischen Offensive ist die marxistisch-leninistische Analyse der Ursachen und Gründe der Niederlage dringend erforderlich. Wir werden diese Lehren nicht ziehen können, wenn wir nicht das entscheidende Kettenglied – den Opportunismus und Revisionismus in seinen verschiedenen Ausprägungen – dabei erfassen‘.
Es geht also nicht um eine geburtstagsfeierliche Rückschau auf die DDR, sondern um die gedankliche Vorbereitung einer neuen sozialistischen Offensive auf eine neue, diesmal gesamtdeutsche Demokratische Republik. Die aber wird nicht gelingen ohne Klarheit über die Rolle des Revisionismus bei der Zerstörung der Sowjetunion und der anderen sozialistischen Staaten Europas.
(in Kurt Gossweiler: Die Entfaltung des Revisionismus in der kommunistischen Weltbewegung und in der DDR)

 

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Hinter den Zahlen – Rezension des Buches von Klaus Blessing: „Wer verkaufte die DDR?“

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Auf dieses Buch wurde ich Anfang des Jahres überhaupt erst aufmerksam, als man Klaus Blessing für RT Deutsch interviewte.[1] Das Buch selbst borgte mir dankenswerterweise ein älterer Genosse. Ich werde Blessings Prolog über das, was in der DDR an Errungenschaften erreicht wurde und den Epilog, wie schlecht es Ostdeutschland heute geht, hier nicht abhandeln, da diese nichts über das eigentliche Thema des Buches aussagen und für uns ohnehin anderweitig, und das auch noch detailreicher, unlängst bekannt ist.

Die Beurteilung des DDR-Außenhandels, sowie die SED unter Honecker stehen in Mittelpunkt des Buches, wenn man jedoch etwas zur Innenpolitik sucht, so wird man nur sehr mager fündig und weitgehend enttäuscht. Die hauptsächliche Kritik wird geübt an Günter Mittag und Alexander Schalck-Golodkowski, der noch im Jahre 1991 von Erich Honecker in einem Interview in Moskau verteidigt wurde.[2] Dennoch wandte sich Blessing dagegen zu sagen, dass Günter Mittag der alleinige Totengräber der DDR gewesen sei.[3] Stattdessen seien es Differenzen in der politischen Führung insgesamt gewesen, die nie offen ausdiskutiert worden sind. Dennoch schrieb Blessing: „Die Hauptverantwortung für diesen Zustand trägt zweifellos der ´erste Mann im Staate´.“[4] Es steht außer Frage, dass damit Erich Honecker gemeint ist, der als „Paramount Leader“ die Ämter Generalsekretär des ZK der SED, Vorsitzender des Staatsrates und Vorsitzender des Nationalen Verteidigungsrates auf sich vereinte. Bekannt dürfte sein, dass ich im vergangenen Jahr eine herbe Kritik am Revisionismus unter Erich Honecker geübt habe.[5] Dennoch halte ich es falsch von einer „Hauptverantwortung“ zu reden, denn Honecker, wie auch Mittag als Einzelperson, sowie die anderen Revisionisten an der Führungsspitze, hätten nichts bewegt, wenn sie allein gehandelt hätten. Jedenfalls zeigte sich einmütige Ignoranz in Ministerrat und Politbüro, als Gerhard Schürer im Mai 1988 ein Kritikschreiben am ökonomischen Kurs seit dem VIII. Parteitag der SED verfasste[6], womit sich zeigte, dass man mit voller Absicht die DDR an die Wand fuhr, trotz aller Warnungen.

(Anm.: Dieses Kritikschreiben Schürers, vom 30. Oktober 1989, wird noch heute von Klaus Blessing als „berühmt-berüchtigt“ und als „Panikmache, das nicht der realen Lage“ entsprach, bezeichnet. s. Freidenker Nr. 3-19 September 2019, S. 28)

Blessing lobte einzelne Lösungen unter Mittag auf ökonomischem Gebiet, wie die Verlagerung von Verkehr von der Straße auf die Schienen[7], wobei die Frage ist, ob man dafür wirklich eines Günter Mittags bedurft hätte. Des Weiteren führt Blessing Beispiele ökonomischen Missmanagements durch Mittag an, die zu großen Verlusten an Devisen im Außenhandel führten[8] und natürlich führte er auch Mittags Spiegel-Interview aus dem Jahre 1991 an, wo er sich offen gegen die Planwirtschaft aussprach.[9] Blessing zitiert zu Mittags Absichten auch Alfred Neumann, der sagte, er habe seit 1962 schon gesehen, dass Mittag ein „Bandit“ sei, der „eigene Ziele“ verfolgen würde.[10] Alfred Neumanns Aussagen aus dem Buch „Ulbrichts Favorit“ werden aber auch noch zu einem anderen Thema zitiert, und zwar zur Frage Honeckers beim Anbiedern an die BRD. Blessing nennt Neumanns Aussagen „sicher nicht unbegründet“.[11] Neumann sagte:

„Nach meiner Überzeugung hatte sich Honecker schon vom Osten ab- und an den Westen angekoppelt. Seine Reise nach Westdeutschland war ein Indiz dafür, dass er sich dem Kommando der Westdeutschen bereits unterordnete.“[12]

Dafür war die Aufgabe des vereinigten sozialistischen Deutschlands als Ziel offiziell mit der Verfassungsänderung von 1974 bereits die Grundlage. 1968 stand in der Präambel das vereinigte sozialistische Deutschland noch als Ziel formuliert drin. In diesem Kontext stand auch das Verbot der DDR-Hymne ab 1972.[13] Diese Aussage stimmt also, sogar schon vor den 80er Jahren. Neumann sagte weiter:

„Man hatte einen ideologischen Burgfrieden geschlossen, warum wohl wollten sie alle mit ihm sprechen. in Berlin und in Bonn.“[14]

Der „ideologische Burgfrieden“ ist offensichtlich das SED-SPD-Papier vom August 1987, worin der Imperialismus als „friedensfähig“ und „reformfähig“ bezeichnet wird und man davon abschwört, dass „das eine System das andere ersetzt“[15], womit man von SED-Seite ganz offiziell den Klassenkampf über Bord warf. Dass deshalb „alle mit ihm“, also Honecker, „reden wollten“ kann man in einem Gespräch von Otto Reinhold mit Hans-Dietrich Genscher finden. Genscher nennt dort das SED-SPD-Papier „sehr bedeutend“ und wünschte sich, dass die SED auch mit der FDP „kontinuierlicher Gespräche führen“ würde.[16] Die Aussage Neumanns „1988 habe es zwischen Schalck und Schäuble Verhandlungen gegeben, wie man zu einer konföderativen Lösung kommen könnte.“[17] scheint im Kontext von Blessings Ausführungen über Günter Mittags derartige Pläne[18] authentisch. Eine Aussage von Alfred Neumann ist jedoch falsch:

„Er [Erich Honecker; L. M.] fuhr zu Kohl 1987 ohne Konzeption. Dabei hatte er selbst 1971 festgelegt, dass alle politischen Reisen von Führungskadern nach Westdeutschland nicht ohne Konzeption und ohne anschließenden Bericht erfolgen durften.“[19]

In den Dokumenten, die in den 90er Jahren veröffentlicht wurden, befindet sich eine Konzeption zu den DDR-BRD-Beziehungen vom 7. April 1987 in Vorbereitung von Honeckers Besuch in Bonn[20], es findet sich jedoch kein Bericht Honeckers über den Staatsbesuch, dafür aber eine auswertende Notiz von Egon Krenz.[21] Von den Herausgebern wird aber Honeckers Aussage aus den „Moabiter Notizen“ widerlegt, dass er keine Kenntnis gehabt habe, welchen Kurs Helmut Kohl nehmen würde in Bezug den Beziehungen zwischen DDR und BRD, denn Honecker hatte Informanten.[22]

Nun etwas zum Kerninhalt des Buches, der KoKo. Diese wurde zwar am 1. April 1966 gegründet, aber war unter Ulbricht strikt rechenschaftspflichtig. Das änderte sich unter Honecker, als man ab 1974 die Revisionstätigkeit einstellte.[23] Alexander Schalck-Golodkowski nannte die KoKo selbst einen „Fremdkörper in der Planwirtschaft der DDR“.[24] Die KoKo hatte im Jahre 1980 einen Anteil am Handel mit dem Westen von 22,9%, im Jahre 1984 aber bereits 44,8%.[25] Der Einfluss der KoKo Schalck-Golodkowski ging sogar so weit, dass sie Kredite an den eigenen Staat, die DDR, für überhöhte Zinsen verlieh. In der BRD lagen die Zinsen Januar bis September 1985 im Schnitt bei 7,1%, während die KoKo von der DDR ungefähr 14% verlangte.[26] Damit war die KoKo ein Staat im Staat, agierte wie ein kapitalistischer Konzern. So konnte Schalck-Golodkowski ein Vermögen von 30 Milliarden Westmark ansammeln.[27] Die DDR fing bei Schulden von 2 Milliarden Westmark im Jahre 1970 an und endete netto bei 20 Milliarden Westmark Schulden im Jahre 1989. Beim Westhandel 1975-1989 zeigt sich, dass es 1982 bis 1985 zu einer gewissen Entschuldung kam, von ca. 25 auf 15 Milliarden Westmark im Minus, aber danach wieder ein Anstieg zu verzeichnen ist, davon ein starker Anstieg von 1988 auf 1989 von ungefähr 3 Milliarden.[28] Klaus Blessing beschönigte den Importüberschuss mit dem Satz:

„Der Aufwand für den Import schlug sofort zu Buche. Die Erträge stellten sich erst in späteren Zeiten ein.“[29]

Wann sollten diese „späteren Zeiten“ sein? 1982 bis 1985? Warum stieg danach die Verschuldung weiterhin an? Warum kam man nie aus den Schulden heraus auf diese defizitäre Weise? Jedenfalls empfand es Blessing als erwähnenswert, dass aus dem Westen importierte Industrieanlagen in den 80er Jahren einen Gesamtwert von 50 Milliarden Westmark besaßen, laut Gerhard Schürer.[30] Blessing schrieb weiter:

„Ich halte dieses Vorgehen – Import von Industrieobjekten gegen Refinanzierung aus diesen Anlagen – nicht nur für richtig, sondern für einen wichtigen Weg, wenn sich sozialistische Staaten zwar moderne Technik aus ´dem Westen´ aneignen wollen und müssen, aber sich nicht in die Abhängigkeit vom internationalen Finanzkapital begeben wollen.“[31]

Problematisch dabei ist, dass man auf Schulden im Westen einkauft, was Zinsen kostet. Bis die Anlagen abbezahlt sind, sie sie oft wieder veraltet und dazu kommt noch, dass man aufhört, sich selbst weiterzuentwickeln und vom Technikimport unabhängig zu werden. Es hatte einen Grund, dass Ulbricht bei der geringen Schuldenrate „sehr penibel“ war, wie Walter Siegert schrieb.[32] Walter Ulbricht sagte im Oktober 1968 in Bezug auf den Dubcek-Revisionismus in der CSSR:

„Manche meinen, unter dem Schutz der sozialistischen Staatengemeinschaft könnten sie die Imperialisten übers Ohr hauen, weil diese sich ihre Politik des ökonomischen Eindringens und des Aufweichens etwas kosten lassen. Insbesondere wird darauf spekuliert, von den Monopolen moderne Anlagen und Ausrüstungen auf Kredit zu erhalten und sich auf diese Weise, um die Anstrengungen und Mühen der eigenen Forschung und Entwicklung herumzudrücken. Das ist, wie die jüngsten Erfahrungen der CSSR beweisen, eine gefährliche Fehlspekulation. So simpel lassen sich die Imperialisten nicht übers Ohr hauen; schon gar nicht von solchen, die ökonomisch schwächer sind als sie selbst.“[33]

Einer solchen Fehlspekulation geht auch Blessing auf den Leim und das noch nach drei Jahrzehnten. 1989 hatte die DDR eine Bruttoverschuldung von 49 Milliarden Westmark[34], wobei man natürlich theoretisch die von Schlack-Golodkowski auf Privatkonten veruntreuten 30 Milliarden Westmark von abziehen kann. Dennoch bleiben fast 20 Milliarden Westmark Schulden übrigen unter dem Strich. Zu Beginn des Buches führt Blessing noch Schulden in Höhe von 10 Milliarden Transferrubel der Sowjetunion bei der DDR an, welche er auf einen Wert von 23 Milliarden Westmark beziffert, wobei er den offiziellen Umtauschkurs von einem Transferrubel in 4,67 Mark der DDR in 2,30 Westmark umrechnet.[35] Dabei wurde die Mark der DDR, in den 80er Jahren, in Westdeutschland 1:5 oder 1:6 gehandelt. Jedenfalls war dies ein fauler Kredit an die Sowjetunion, denn diese war zu diesem Zeitpunkt zahlungsunfähig und benötigte im Jahre 1990 den „Kohl-Kredit“. Jedenfalls waren diese 10 Milliarden Transferrubel nicht einzutreiben und die BRD verzichtete 1998 offiziell auf diese.[36]

Blessing führt an, dass man 1990 die Verfassung der DDR ändern musste, um privatisieren zu können und führt dafür einige Artikel aus dieser an, darunter auch Artikel 14.137. Dabei lässt er 14.2 aus, welcher besagt:

„Die auf überwiegend persönlicher Arbeit beruhenden kleinen Handwerks und anderen Gewerbebetriebe sind auf gesetzlicher Grundlage tätig. In der Wahrnehmung ihrer Verantwortung für die sozialistische Gesellschaft werden sie vom Staat gefördert.“[38]

Man weitete also die Kleinproduktion aus, indem man sie subventionierte. Auf dem IX. Parteitag der SED im Mai 1976 wurde das von Horst Sindermann nochmals betont.[39] Warum lässt Blessing dieses wichtige Detail aus? Diese Fassung galt ab 1974, in der 1968er Fassung war Artikel 14.2, dass man versuchte die übriggebliebenen Privatunternehmen durch staatliche Beteiligung auszukaufen. Blessing schreibt, „dass er den Import von Kapital ablehnt, weil das den sozialistischen Staat in die Abhängigkeit vom Imperialismus treibt.“[40]

Dennoch erwähnt er nichts von der Gestattungsproduktion[41] ab 1976, die genau das tat als Joint Ventures.[42] Aber offenbar wollte er auf diese hinaus mit seiner Aussage:

„Je höher der Verflechtungsgrad der nationalen Volkswirtschaft mit kapitalistischen Märkten, desto höher ist die Abhängigkeit.“[43] trifft auch auf dieses Detail zu.

Genauso unverständlich ist es mir, dass Blessing die Aussage, dass unter Honecker ökonomische Schwierigkeiten aufgetreten sind, bloß auf das Nationaleinkommen reduziert und dann einen Graphen mit Daten aus dem Statistischen Jahrbuch der DDR 1990 anführt, in welcher das Nationaleinkommen in Mark der DDR exponentiell ansteigt[44], aber ohne Darlegung, wie viel man sich dafür real kaufen konnte. Polemisch formuliert: Ein Graph, der das Nationaleinkommen der Weimarer Republik 1918 bis 1923 in Reichsmark darstellt, würde scheinbar im Jahre 1923 die beste Zeit sein, weil dort das nominale Nationaleinkommen am höchsten ist. Geld ist allgemein, somit kein konkreter Ausdruck für den tatsächlichen Warenkorb. Ein Graph zeigt nur das, was er selbst zeigt, um jedoch den Gesamtkontext zu verstehen oder zumindest eines größeren Themenbereichs, ist einer allein nicht ausreichend.

Walter Siegert kritisierte, dass Karrieristen in der Partei hochkommen konnten. Er schrieb:

„[…] auch in der SED sind Karrieristen mit Machtambitionen zum Teil hoch aufgestiegen. Dem kam entgegen, dass wir mehr auf das Maul – das Wort, die ideologische ´Korrektheit´ – und weniger auf Taten und den Charakter schauten. So sind Leute wie Mittag, Schabowski, Herrmann und andere bis in die Parteispitze gekommen.“[45]

Man hörte auf, Kaderkontrolle zu betreiben. Das erodierte natürlich den Klassencharakter der Partei von einer proletarischen zu einer bürgerlichen Partei.

(Anm.: Es ist bezeichnend, dass von diesen „Karrieristen mit Machtambitionen“ Kommunisten, die sich den immer stärker werdenden, veränderten Klassencharakter der SED und der Politik der DDR, entgegenstellten, bei jeder sich bietenden Gelegenheit z.b. Dokumentenumtausch, aus der Partei geworfen (wenn sie nicht schon von selbst ausgetreten sind) mundtot gemacht, totgeschwiegen und mit Repressalien bedroht wurden. Selbst Kommunisten die jahrelang in KZ der Nazis saßen. Ich kenne einige Beispiele. Kein Wunder, das diese Kommunisten dann sagten: „Wenn DIE (gemeint war die KPdSU und die SED) mit ihrer Politik so weiter machen, gibt es den Sozialismus zur Jahrtausendwende nicht mehr“. Sie sollten Recht behalten!)

Blessing und Siegert kritisierten, dass man keine prinzipiellen Debatten führte, weder in der Partei noch in der Regierung, unter Honecker.[46] Das führte dazu, dass ein wichtiges Prinzip nicht angewandt wurde, was Walter Ulbricht einst zum Ausdruck brachte:

„Den Sozialismus aufbauen bedeutet in erster Linie, Menschen zu erziehen, sie auf dem Weg des bewußten Kampfes voranzuführen und in diesem Prozeß ihre schöpferischen gemeinschaftlichen Kräfte zu entfalten.“[47]

Das geht eben nur, wenn man offen diskutiert, um gemeinsam die Wahrheit zu finden.

Bei Klaus Blessing finden sich viele interessante interne Details, aber auch Überreste der Schwarzmalerei Walter Ulbrichts durch die Honecker-Clique. Es ist kein Wunder, dass Klaus Blessing und seinem Gastautor Walter Siegert auf diesen Zug aufspringen, immerhin waren sie beide Staatssekretäre unter Erich Honecker, ganz zu schweigen von ihren Positionen innerhalb der SED des gleichen Zeitraums. Es ist also wenig verwunderlich, dass von diesen keine vorurteilsfreie Einschätzung Walter Ulbrichts kommen konnte. So verwundert es nicht, dass Siegert die komplette konterrevolutionäre Zaisser-Herrnstadt-Clique als „bewährte Kader“ und die komplette, nicht minder konterrevolutionäre Schirdewan-Wollweber-Clique als „hervorragende Kader“ bezeichnet.[48] Es ist garantiert kein Zufall, dass es sich weitestgehend um den gleichen Personenkreis handelt, den Erich Honecker in seiner Autobiographie „verdiente Funktionäre“ nannte[49], trotz ihres Revisionismus, der den Aufbau des Sozialismus in der DDR abgebrochen hätte. Siegert warf Ulbricht weiter eine „forcierte LPG-Bildung“ und „Personenkult“, sowie einen „autoritären Führungsstil“ vor[50], was nichts anderes als der „Stalinismus“-Vorwurf in Einzelteilen ist. Siegert ging sogar so weit zu sagen:

„Die vom sogenannten Prager Frühling ausgehenden Signale – man sollte doch versuchen, mehr demokratische Debatte zu wagen – wurden militärisch und ´politisch-ideologisch´ erledigt.“[51]

Dabei war die DDR zum einen nicht an dem Einmarsch in die CSSR beteiligt, zum anderen war die SED-Führung unter Ulbricht doch daran interessiert, sich wenigstens den Standpunkt von Dubcek und Co anzuhören, war dann aber über schwammige Aussagen auf einem Treffen in Leipzig im März 1968 und spätestens durch eindeutig kapitalistischen Standpunkten Ota Siks (Anm.: ein tschechoslowakisch-schweizerischer Maler und Wirtschaftswissenschaftler, Schöpfer der Wirtschaftsreformen des „Prager Frühlings“) im Dezember 1968 skeptisch geworden.[52] Man lehnte also unter Ulbricht nicht im vornherein jegliche Debatte ab. Immerhin gibt Siegert zu, dass die Ulbricht-Ära keineswegs eine „Ansammlung von Fehlern und Misserfolgen“ gewesen sei, sondern „mit einer positiven Bilanz schließt“.[53] Siegert nannte den „freiwilligen Rücktritt aus Altersgründen“[54], wie Erich Honecker es zu beschönigen versuchte, ganz unmissverständlich einen „Putsch im Politbüro unter Führung von Honecker“.[55] Er erwähnte sogar, dass sich Honecker in Moskau rückversicherte, womit wohl der Brief an Breshnew vom 21. Januar 1971 gemeint ist, den Hermann Axen, Gerhard Grüneberg, Kurt Hager, Erich Honecker, Horst Sindermann, Willi Stoph, Paul Verner, Erich Mückenberger, Herbert Warnke, Werner Jarowinsky, Werner Lamberz, Günther Kleiber und Günter Mittag unterschrieben[56], womit sie nun relativ offen als Fraktion auftraten.

Klaus Blessing selbst gab sich anfangs etwas bedeckter:

„Mir steht es nicht zu, über Walter Ulbricht als Staatsmann und Kommunist ein Urteil abzugeben. Ich kann auch nicht seinen Führungsstil beurteilen, da ich keinerlei Kenntnisse darüber habe.“[57]

Dies überlasse er anderen. Dennoch hielten diese Worte ihn nicht davon ab, einige Thesen gegen Ulbricht aufzustellen. Blessing zitierte von Ulbricht die Worte, die er auf dem V. Parteitag der SED im Jahre 1958 sprach,

„…, dass die DDR innerhalb weniger Jahre die Überlegenheit des Sozialismus dadurch demonstrieren solle, dass sie den Pro-Kopf-Verbrauch aller wichtigen Lebensmittel und Konsumgüter Westdeutschlands übertreffen solle“[58].

Blessing nannte das zurecht „Tonnenideologie“, weil es sich nicht nach der konkreten Bedürfnisbefriedigung, sondern nur nach dem Verbrauch schaut, ohne die Beachtung des Nutzeffektes. Blessing sagte, damit habe man „das Schielen nach westlichem Konsumniveau zur Staatsdoktrin erhoben“.[59] Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Walter Ulbricht sagte kurz auf diese Aussage:

„Diese ökonomische Hauptaufgabe umfaßt den entsprechenden Ausbau der Grundstoffindustrie und – was für die DDR von besonderer Bedeutung ist – die rasche Entwicklung der internationalen Arbeitsteilung und der planmäßigen Zusammenarbeit innerhalb des gesamten sozialistischen Lagers.“[60]

Man kann hier auch ersehen, dass Ulbricht nicht die Leichtindustrie voranbrachte auf Kosten der Schwerindustrie, sondern Letztere als Grundlage ansah. Man übernahm der Form nach den Chruschtschowschen Sieben-Jahr-Plan, aber inhaltlich schränkte man diese revisionistische Ambition ein. Blessing sagte, dass das Ziel, den Westen zu überholen, „unrealistisch“ gewesen sei und „nie erfüllt“ werden könne.[61] Das ist Pessimismus und Unglaube an die Entwicklungskräfte des Sozialismus. Wenn es unmöglich gewesen wäre die imperialistischen Länder einzuholen, beziehungsweise zu überholen, wie hätte dann die Sowjetunion gegen Nazideutschland bestehen können? Letzten Endes vertritt Klaus Blessing die Anschauung, dass der Sozialismus nicht die überlegene Gesellschaftsordnung ist, wenn man seiner Aussage auf den Grund geht. Jedenfalls entwickelte sich die DDR-Wirtschaft unter Ulbricht schneller als die BRD-Wirtschaft, trotz der Probleme des Revisionismus im RGW-Gebiet, welche diesen nicht haben zu einer internationalen Plankommission werden lassen, wie ursprünglich geplant. Klaus Blessing warf Ulbricht vor, dass seinem Produktivitätszuwachs eine „Konsumideologie“ zugrunde liegen würde.[62] Daraufhin führt er ein längeres Zitat Walter Ulbrichts aus einem mir unbekannten Jugendweihen-Buch an, welches er nach Gerhard Schürers „Gewagt und verloren“ zitiert, worin die Rede davon ist, auch Früchte im Winter zu erhalten, während sie in Deutschland noch nicht neu nachgewachsen sind, die Ausweitung der Produktion von Konsumgütern und Ausweitung der Reisen, sowie das Versprechen, dass um 1985 das Durchschnittsdeutschen zwischen 3.000 und 5.000 Mark betragen würde.[63] Aus heutiger Sicht mag man viele Versprechungen daraus alleine aufgrund von Umweltgründen kritisch beäugen. Dennoch muss man Blessing entgegenhalten, dass die Steigerung der Produktivität natürlich eine Erhöhung der Bedürfnisbefriedigung der Massen als Ziel hat, damit also natürlich Konsumtion. Wozu produziert man sonst? Auch steckt da wohl das Motto der älteren Generation drin „Unseren Kindern soll es mal besser gehen, als uns.“. Dennoch muss man kritisieren, dass man sich zum einen um die ökologische Komponente damals kaum Gedanken gemacht hat und zum Beispiel mit dem Versprechen der Produktion von Autos im Überfluss falsche Konsumgelüste geweckt hat, statt auf das Grundbedürfnis zu schauen, nämlich den Personentransport und den Transport von Einkäufen. Ein Auto selbst zu besitzen ist sehr ineffizient und es steht die meiste Zeit herum. In den Städten bräuchte man es eigentlich gar nicht, wenn man dem Nahverkehr ausbauen würde und auf dem Lande könnte man die Notwendigkeit ebenfalls durch den Ausbau des Nahverkehrs einschränken und vor Ort Auto-Ausleih-Stationen einrichten, falls man doch auf Individualverkehr angewiesen sein sollte aus bestimmten Gründen, wie zum Beispiel des Einkaufs in entfernteren Ortschaften oder Kleinstädten. Jedenfalls wäre das nicht nur ökologischer, sondern auch zugleich ressourcensparend. Blessing hat recht, dass nicht Maximalkonsumtion das Ziel sein kann[64]; stattdessen muss man die Bedürfnisse möglichst maximal befriedigen und das so effektiv, wie möglich.[65]

Blessing wirft Ulbricht vor, für das NÖSPL verantwortlich gewesen zu sein. Zurecht wies Blessing jene zurück, die eine „Ulbricht-Euphorie“ vertreten, die sich auf die Eigenständigkeit der Betriebe unter dem NÖSPL beruft.[66] Jedenfalls zeigt Blessing auf, dass auch unter dem NÖSPL der Plan das Primäre blieb und die Betriebe praktisch trotz der Erklärungen keine wirkliche Selbstständigkeit besaßen (er führt dazu die NÖSPL-Richtlinie vom 14. Juni 1963 an).[67] Blessing sagt, dass das NÖSPL also ein „inkonsequenter Ansatz“ gewesen sei.[68] Damit hat er recht. Im November 1966 sagte Ulbricht auf einer Rede des Bezirksparteiaktivs der SED Halle:

„Es kommt hinzu, daß einige Werkleitungen und einige VVB die Grundsätze des neuen ökonomischen Systems in der Preisbildung absichtlich falsch ausgelegt haben. Sie waren und sind bestrebt, die Rentabilität ihrer Produktion zu erhöhen, indem sie bei unveränderten Selbstkosten die Preise ihrer Waren hochzudrücken versuchen, anstatt durch bessere Arbeitsorganisation und Technologie bei den gesetzlich kalkulierten Preisen die Selbstkosten zu senken und auf diesem richtigen Wege eine höhere Rentabilität zu erreichen. Die zuständigen Staatsorgane, die Arbeiter- und Bauern-Inspektion und andere Organe haben eine Reihe solcher Verstöße aufgedeckt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen.“[69]

Ulbricht wollte also nicht, dass man Marktwirtschaft betreibt. Was Blessing nicht erklärt, ist, warum diese Ansätze so inkonsequent geblieben sind. Er sieht nicht, dass es einen Fraktionskampf innerhalb der SED gab, die Marxisten-Leninisten um Walter Ulbricht und die Revisionisten um Erich Honecker. Das ist wenig verwunderlich, denn zum 200. Geburtstag von Karl Marx erkannte Blessing nicht mal mehr an, dass die Arbeiterklasse, die Lohnarbeiter, in Deutschland die breiteste Masse der Werktätigen bilden und wies die „Diktatur einer Klasse“ zurück und dass man stattdessen auf „breite Volksschichten“ setzen solle.(70] Wenn er nicht mal den Klassenkampf im Kapitalismus anerkennt, wie soll er den dann im Sozialismus erkennen? Jedenfalls war das NÖSPL nicht Ulbrichts „Liebeskind“. Schon auf dem VII. Parteitag der SED wurde es durch das ÖSS, das Ökonomische System des Sozialismus, abgelöst.(71] Walter Ulbricht kam in seiner Rede zum 20. Jahrestag der DDR auf den VI. Parteitag der SED nur noch zu sprechen, dass dieser die Hauptaufgabe gesetzt habe, den Sozialismus als allseitiges gesellschaftliches System auszuarbeiten.[72] Ansonsten kam Ulbricht nur noch auf den VII. Parteitag der SED zu sprechen:

„Der große Aufschwung in Wirtschaft, Wirtschaftsorganisation und Bauwesen erfolgte nach dem VII. Parteitag. […] Der VII. Parteitag gab die Grundlinie für die Wissenschafts- und Wirtschaftsentwicklung der Deutschen Demokratischen Republik.“[73]

Vom NÖSPL war keine Rede mehr und der Aufschwung der Wirtschaft wurde dem ÖSS zugeschrieben. Deshalb hat Blessing recht, wenn er sagt: „Wir sollten uns davor hüten, die Rolle des NÖS überzubetonen.“[74], wenn auch offensichtlich aufgrund unvollständiger Faktengrundlage. Anbetracht des längeren Wehrens gegen den Revisionismus und der Verdienste um die sozialistische Revolution in Deutschland kann man von einer „Walter-Ulbricht-Praxis“ sprechen, die uns beispielhaft sein sollte. Man kann es heruntergebrochen folgendermaßen zusammenfassen:

Für unsere Partei und unser Volk war nur ein Weg zum Sozialismus gangbar, und dieser manifestierte sich in der Walter-Ulbricht-Praxis. Die Walter-Ulbricht-Praxis war die konkrete Anwendung des Marxismus-Leninismus auf die Verhältnisse in Deutschland. Natürlich wäre es fatal ihn für unfehlbar zu erklären, aber es ist nicht zu bestreiten, dass er den Sozialismus in Deutschland an vorderster Front schuf und voranbrachte, gemeinsam mit seinen engen Genossen. Für den Kampf und den zukünftigen Aufbau des Sozialismus in Deutschland werden wir also an der Walter-Ulbricht-Praxis nicht vorbeikommen, sondern müssen uns diese aneignen und kritisch auswerten. Das betrifft nicht nur die Auseinandersetzung mit dem NÖSPL und dessen Ablösung durch das ÖSS, sondern seine gesamte Praxis.

Womit Blessing ebenfalls recht hat:

„Wenn wir aber den betrieblichen Gewinn als Hauptsteuerinstrument der sozialistischen Wirtschaft und die volle Eigenständigkeit der Betriebe zum Leitinstrument sozialistischen Wirtschaftens deklarieren, können wir gleich bei der kapitalistischen Marktwirtschaft bleiben.“[75]

Das stimmt. Warum Blessing aber nicht Honeckers Übernahme der „sozialistischen Warenproduktion“ Kossygins geißelt, bleibt ein Rätsel. Walter Ulbricht sagte zum Beispiel im Mai 1968:

„Es ist heute ein Anachronismus, den Übergang zu einer Marktwirtschaft für den Sozialismus zu empfehlen. Dies würde auch unausbleiblich zu einer Verlangsamung des Entwicklungstempos, zu einem Zurückbleiben und zu einer gewissen Instabilität der sozialistischen Ordnung führen. Die Orientierung auf eine Marktwirtschaft bedeutet letzten Endes, gerade auf die Mobilisierung der entscheidenden Vorzüge des Sozialismus, nämlich auf die gesamt-gesellschaftliche Planung, die dem Kapitalismus systemfremd ist, zu verzichten.“[76]

Wahrscheinlich war das Anbetracht der NÖSPL-Erfahrungen noch mal ein klares Statement, warum Marktreformen den Sozialismus zerrütten. Blessing geht nicht darauf ein, dass unter Honecker mit der „sozialistischen Warenproduktion“ eben eine Marktwirtschaft a la Kossygin übernommen wurde, wenn auch noch lange Zeit mit gewissen Regularien. Lediglich kritisierte er es als man diese offen benannte und mit Privatisierungen verknüpfte, also ab der Modrow-Regierung.[77] Dabei fing das bereits unter Honecker an. So findet man in einem Lehrbuch aus dem Jahre 1974 ein ganzes Kapitel über die „sozialistische Warenproduktion“. Aus diesem Buch:

„Beide Parteitage [der XXIV. Parteitag der KPdSU und der VIII. Parteitag der SED; L. M.] haben deutlich gemacht, daß sich die Notwendigkeit, sozialistische Ware-Geld-Beziehungen bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und zu nutzen, nicht vermindert, sondern noch verstärkt. Die Ware-Geld-Beziehungen und die Wertkategorien sind vor allem für die Erhöhung der Effektivität der gesellschaftlichen Arbeit auf Basis der Beschleunigung des wissenschaftlich-technischen Fortschritts, also für die Intensivierung der gesellschaftlichen Produktion, wirksam zu machen. Dazu sind sie stärker in der zentralen staatlichen Leitung und Planung und für die Förderung der eigenverantwortlichen Wirtschaftsführung der Betriebe und Kombinate zu nutzen.“[78]

Man bezeichnet die „sozialistische Warenproduktion“ als einen „neuen Typ der Warenproduktion“, weil er auf dem gesellschaftlichen Eigentum an den Produktionsmitteln beruht[79] und notwendig sei diese, weil die Betriebe arbeitsteilig arbeiten und Produkte austauschen, sowie die „unmittelbar gesellschaftliche Arbeit“ noch nicht existieren würde.[80] Zum einen sollten die Betriebe nach dem Plan arbeiten, also dieser „Austausch“ sollte eigentlich eine bloße planmäßige Weitergabe sein und zum anderen ist die „unmittelbar gesellschaftliche Arbeit“ nicht existent. Mit der konkreten Arbeit leistet man seinen Teil zum gesellschaftlichen Gesamtprodukt. Man leistet durch seine konkrete Arbeit einen Teil der gesellschaftlichen Arbeit. Dieser Begriff ist also eine Ausgeburt von Metaphysik. Außerdem ist es kein „neuer Typ der Warenproduktion“, weil es innerhalb des Volkseigentums eigentlich gar keine Warenproduktion geben dürfte. Karl Marx schrieb im ersten Band des „Kapitals“:

„Gebrauchsgegenstände werden überhaupt nur Waren, weil sie Produkte voneinander unabhängig betriebener Privatarbeiten sind.“[81]

Und Lenin schrieb einst:

„Die bürgerlichen Ökonomen haben, wie immer, die Frage der Besonderheiten der kapitalistischen Gesellschaft verwechselt mit der Frage einer anderen Form der Organisation des Wettbewerbs. Die Angriffe der Sozialisten richteten sich niemals gegen den Wettbewerb als solchen, sondern nur gegen die Konkurrenz. Die Konkurrenz aber ist eine besondere Form des Wettbewerbs, wie er der kapitalistischen Gesellschaft eigen ist, und besteht im Kampf der einzelnen Produzenten um das Stück Brot und um den Einfluß, um den Platz auf dem Markt. Die Beseitigung der Konkurrenz als des Kampfes, der nur an den Markt der Produzenten gebunden ist, bedeutet keineswegs die Beseitigung des Wettbewerbs – im Gegenteil, gerade die Beseitigung der Warenproduktion und des Kapitalismus bahnt der Möglichkeit den Weg, den Wettbewerb nicht in bestialischen, sondern in menschlichen Formen zu organisieren.“[82]

Man ersetzte die wissenschaftliche Ökonomik des Marxismus durch revisionistisches Geschwätz von Kossygin.[83] Warum schweigt Klaus Blessing dazu? Warum redet er im Kontext von Marktwirtschaft nicht über Honecker, obwohl er doch selbst auf Parteitagen von der als „Warenproduktion“ bemäntelten Marktwirtschaft sprach? Ein Beispiel vom IX. Parteitag der SED im Mai 1976:

„Wir gehen davon aus, daß die Warenproduktion eine sehr wichtige Kennziffer in unserer sozialistischen Planwirtschaft ist.“[84]

Das kann Blessing doch nicht entgangen sein. Er führt lediglich seine eigene Dissertation aus dem Jahre 1981 an, für die er nun gewissermaßen Selbstkritik übt, die Marktreformen in der Metallindustrie vorsahen[85], abgesehen von der KoKo. Von der Gestattungsproduktion, die westliches Kapitals ins Land holte, habe ich bereits gesprochen. Koautor Manfred Domagk erwähnt den „Sozialismus in den Farben der DDR“, aber lediglich Kontext dessen, dass Honecker an Festpreisen und Subventionierung festhielt.[86] Er führt an, dass man vieles praktisch übersubventionierte und dafür diejenigen zur Kasse bat, die ein neueres Konsumgut kauften.[87] Aber Subventionen sind nicht an Planung gebunden, selbst kapitalistische Länder subventionieren gewisse Produkte und so auch noch Deng-China nach der kapitalistischen Restauration.[88] Jedenfalls ging Domagk nicht auf die Schattenseiten des „Sozialismus in den Farben der DDR“ ein, welche ein sehr offensichtliche Orientierung an Deng-China darstellte. Im Oktober 1986 war Erich Honecker auf Staatsbesuch in China. Am 22. Oktober hatte er ein Gespräch mit dem damaligen Generalsekretär der KPCh, Zhao Ziyang, in welchem er sagte:

„Wir haben den Sozialismus in den Farben der DDR und Sie bauen den Sozialismus in den Farben Chinas auf.“[89]

Das spielt natürlich auf Deng Hsiaopings „Sozialismus chinesischer Prägung“ an.[90] Dennoch blieb dieser Begriff der Öffentlichkeit vorenthalten, bis zu einer Rede Honeckers vor Olympiasportlern der DDR am 11. November 1988.[91] Aber erst am 29. Dezember 1988 erlangte er größere Bekanntheit, weil Honecker davon in seiner Rede zum 70. Jahrestag der KPD sprach.[92] In der Rede wurde der Kult um den VIII. Parteitag der SED fortgeführt, wie man ihn von der heutigen KPCh um die 3. Plenartagung des XI. ZK hält.[93] Honecker lobt in dieser Rede die Entwicklung nach 1971, darunter unter anderem die Verfassungsänderung von 1974, das Gesetz über die örtlichen Volksorgane und das LPG-Gesetz von 1982. Über die Förderung der Kleinproduktion nach dieser Verfassungsänderung habe ich bereits erwähnt. Im offiziellen Gesetzeskommentar zum Gesetz über die örtlichen Volksorgane nannte man die kleine Warenproduktion „individuelle Produktion“ und definierte sie als „produktive Form der Freizeitgestaltung“[94], was einen umgangssprachlich klingenden Euphemismus darstellt. Auf dem XII. Parteitag der DBD im April 1987 hatte Werner Felfe diese sogar eine „sinnvolle und notwendige Ergänzung der gesellschaftlichen Produktion“[95] genannt, obwohl die Kleinproduktion im Vergleich zur gemeinschaftlichen Produktion sehr ineffektiv ist. Diesen Parteitag nutzte der Gastwirt Werner Huhn aus Christes, Bezirk Suhl, als regelrechte Werbeveranstaltung. In einer kurzen Ansprache pries er sein privates Gasthaus an, was er dank von Staatskrediten stark ausbauen konnte, und seinen Umsatz von 100.000 Mark in den 70er Jahren auf mittlerweile 350.000 Mark steigerte.[96] Diese Förderung geschah offenbar auf Grundlage der 1974er Verfassungsänderung. Das LPG-Gesetz vom Juli 1982 enthielt, im Gegensatz zum LPG-Gesetz von 1959, das Recht Arbeiter und Angestellte zu haben, solange man ihre „gewerkschaftlichen Rechte“ gewährleisten würde.[97] Ähnlich lief es zu dieser Zeit auch in China.[98] Dass Genossenschaften neben ihrer eigenen Arbeit noch Lohnarbeit einkaufen dürfen, ist ein Konzept, das der Revisionist Liu Schaotschi erfolglos im Jahre 1951 ausarbeitete.[99] Solche Maßnahmen sind keine Wunder. Neben der Demagogie, dass man keine Marktwirtschaft einführen wolle, betrieb man doch eine, wenn auch anfangs noch unter sozialistischen Eigentumsverhältnissen. Konzepte, wie sie Blessing 1981 in seiner Dissertation verfasste, waren unter Honecker nicht bloß geduldet, sondern offenbar erwünscht. Honecker selbst gab gegenüber Willy Brandt in einem Gespräch im September 1985 an, dass er „Hu Yaobang und etliche andere Mitglieder“ der KPCh gut kennen würde.[100] Die KPCh befand sich ja seit 1978 auf dem Kurs der kapitalistischen Restauration. Honecker schickte ein Grußschreiben an den XIII. Parteitag der KPCh[101] im Jahre 1987, auf dem Zhao Ziang sagte:

„Die Planung muß auf dem Warenaustausch und dem Wertgesetz basieren. […] Der Staat sollte bei der Leitung der Wirtschaft allmählich zur indirekten Leitung als Hauptform übergehen.“[102]

Das bedeutet im Kern, dass man unter „Planung“ praktisch nur noch Markt verstand. Und auch in seinem Moskau-Interview aus dem Jahre 1991 lobt Honecker das mittlerweile kapitalistische China mit seiner „sozialistischen Marktwirtschaft“, wie auch das genauso kapitalistische Vietnam mit seiner „am Sozialismus orientierten Marktwirtschaft“ hoch.[103] Warum hole ich soweit aus? Weil bei Klaus Blessing und seinen Koautoren dieser ganze Themenkomplex nicht behandelt wird, obwohl er genauso zum falschen, revisionistischen Kurs gehörte, wie die Ausweitung der Kompetenzen der KoKo und dem Liebäugeln mit der BRD. Laut einer Gesprächsaufzeichnung von einem „Informanten“ von Klaus Blessing, sagte Honecker am 17. November 1992 in der JVA Moabit über die Hochschule für Ökonomie (HfÖ):

„[…] überall, wo scheinbar Marxismus-Leninismus praktiziert wurde, war oft keiner drin gewesen, wie mir jetzt nach und nach klar wird.“[104]

Die HfÖ arbeitete marktwirtschaftliche Konzepte aus, laut Blessing.[105] Die Aussage Honeckers steht nicht allein, Generaloberst der NVA a. D. Heinz Bilan sagte in einem Interview mit Sputnik News über die Politik der Honecker-Ära, besonders der 80er Jahre, das hier:

„Wir haben sehr oft Karl Marx zitiert, Friedrich Engels, Lenin – nur gemacht haben wir es nicht.“[106]

Jedenfalls lässt Blessing Honeckers Aussagen unkommentiert dastehen. Anbetracht seiner Taten und auch Reden auf den Parteitagen und so weiter erscheinen solche Aussagen eher als die Schutzbehauptung „Ich wusste von nichts!“. Walter Siegert behauptete, dass Honecker nur „wenig Erfahrung im politischen Agieren“ gehabt hätte, als er 1971 drankam[107], obwohl er schon fast 20 Jahre lang im ZK saß. Auch war er mit 59 Jahren im Jahre 1971 nicht der „Jungspund“, als den man ihn oft darstellt, sondern ein erwachsener Mann im oberen mittleren Alter, der schon seit Jahrzehnten dabei war. Aus meiner Sicht wusste Honecker sehr wohl, was er tat, denn geistig eingeschränkt war er keinesfalls. Deng Hsiaoping war auch mal ein Partisanenanführer und hatte hohe Ämter in der Partei inne bis zur Kulturrevolution, genauso wie Liu Schaotschi, und dennoch sind beide revisionistisch entartet aus irgendwelchen Gründen. Warum sollte das bei Honecker nicht auch passiert sein können? Blessing führt den Schürer-Bericht an, dass dieser ein „mehr oder weniger verdeckter Aufruf zu marktwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen der DDR“[108] gewesen sei, machte aber bereits vorher klar, dass Schalck-Golodkowski mit an der Ausarbeitung beteiligt war, fragt sich jedoch, warum Schürer nicht versuchte, auf Schalck-Golodkowskis hinterzogene Milliarden hinzuweisen.[109] Womöglich hatte Schalck-Golodkowski vor, die DDR-Wirtschaft aufzukaufen mit dem hinterzogenen Vermögen, auf das nur er alleine und seine Frau Zugriff hatten, nach Privatisierung der VEBs. Eine solche Möglichkeit zieht Klaus Blessing nicht in Erwägung. Walter Siegert beschrieb die Situation im Herbst 1989 so:

„Drei Punkte waren fixiert: Die VEB werden selbstständige Rechtssubjekte sein, sie werden Steuern an den Staat zahlen und man muss, da die Leitung durch die Ministerien und die detaillierten Planvorgaben schon im Vorfeld der Modrow-Regierung obsolet waren, neue Formen der Leitung und Kontrolle der Betriebe finden.“[110]

Damit spielte er womöglich auf diese Aussage Honeckers in seiner Rede zum 40. Jahrestag der DDR an:

„Die Kombinate haben eine Reife erreicht, die es ermöglicht, schrittweise eine neue Qualität von Leitung, Planung und wirtschaftlicher Rechnungsführung zu verwirklichen. Eigenerwirtschaftung der Mittel – das ist ein Schlüsselwort für Änderungen, die nicht weniger tief sein werden als die der vergangenen Jahrfünfte.“[111]

Außerdem sprach Werner Felfe schon im April 1987 davon, dass LPG und VEG, also die Volkseigenen Güter, „juristisch selbstständig und ökonomisch eigenverantwortlich“ seien.[112] Siegert geht zwar nicht auf den konkreten Zeitpunkt ein, aber sagt wenigstens aus, dass schon vor Modrow man an den Stützpfeilern der Planwirtschaft grundsätzlich gesägt hat.

Klaus Blessing hat recht, wenn er sagt:

„Wer schon immer grundsätzlich gegen eine sozialistische Planwirtschaft war und den Kräften des Marktes und des Privateigentums die Dominanz einräumen wollte, kann die sozialistische Gesellschaft nicht wirklich wollen. Wer diese nicht will, kann die kapitalistische Marktwirtschaft nicht ablehnen, sondern will sie verbessern. Und wer Marktwirtschaft nur verbessern will, kann keine sozialistische Zukunftsvision entwickeln, sondern will im Heute mittanzen.“[113]

Die Marktwirtschaft ist die Produktionsverhältnisse des Kapitalismus, wenn man sie künstlich in den Sozialismus einführt, dann wird man so enden, wie die revisionistischen Länder, in der Restauration des Kapitalismus.

Man mag bestimmt vor lauter Kritikpunkten meinen, ich würde das Buch schlecht bewerten. Im Gegenteil! Auch die Schattenseiten eines Buches muss man beleuchten, denn sie sind Teil des Gesamtbildes. Es ist eine interessante Darlegung aus erster und zweiter Hand. Wie die Kritikpunkte aber schon vorwegnehmen, so ist es unvollständig und an manchen Stellen hat man das Gefühl, dass Blessing und Gastautoren gewisse Details entweder nicht wussten, weil sie vor ihrer Amtszeit geschahen und „mit Mut zur Lücke“ ihre subjektive Sicht dazu schrieben, oder willentlich gewisse Details verheimlichen wollen. Letzteres merkt man beispielsweise im Hinblick auf die Honecker-Ära schon, besonders, weil Termini wie „sozialistische Warenproduktion“ und ähnliches nicht auftauchen, dafür aber eine Kritik an Ulbrichts NÖSPL, ohne Erwähnung der Ablösung durch das ÖSS. Das gibt dem ganzen Buch eine gewisse lückenhafte Tendenz. Dennoch sollte sich jeder das Buch zu Gemüte führen, der sich mit der DDR und der Honecker-Ära im speziellen beschäftigt. Für diesen Themenkomplex ist es bestens geeignet, soweit es um den Außenhandel und einige innerparteiliche Ereignisse geht. Der Mangel an Ausführungen zur Innenpolitik ist der größte Mangel des Buches. Das tut der Qualität der behandelten Bereiche jedoch keinen Abriss, sondern lediglich der Schlussfolgerungen, die über den ökonomischen und innerparteilichen Bereich hinausgehen.

In einem abschließenden Satz: Das Buch ist ein weiterer Baustein zur Aufarbeitung der Erfahrungen der DDR und der SED unter Honecker, aber eben keine allseitige Darstellung.

Fußnoten:

[1] Siehe: https://deutsch.rt.com/wirtschaft/83664-okonoem-westen-schuldet-osten-etwa-8-billionen-d-mark/
[2] Siehe: https://youtu.be/MAEpwcHuJN8, ab 32:10. Übrigens sagte Erich Honecker nicht die Wahrheit, als er behauptete, dass Otto Grotewohl Alexander Schalck-Golodkowski die Genehmigung gab. Diese wurde am 1. April 1966 ausgestellt vom Ministerrat. Otto Grotewohl war zu dieser Zeit bereits eineinhalb Jahre verstorben.
[3] Vgl. Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 63.
[4] Ebenda.
[5] Siehe: https://www.die-rote-front.de/sozialismus-in-den-farben-der-ddr-ueber-den-revisionismus-erich-honeckers-ueberarbeitete-version/
[6] Siehe: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 108 f.
[7] Vgl. Ebenda, S. 51.
[8] Vgl. Ebenda, S. 52.
[9] Siehe: Ebenda, S. 54.
[10] Vgl. Ebenda, S. 48.
[11] Ebenda, S. 126.
[12] Zit. nach: Ebenda, S. 127.
[13] Siehe: Walter Siegert „Konnte Hans Modrow und seine Regierung die DDR aus der Krise führen?“ Ebenda, S. 146.
[14] Zit. nach: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 127.
[15] Hier online abrufbar: http://www.schnitzler-aachen.de/Texte/Der_Streit_der_Ideologien.htm
[16] Vgl. „Information Otto Reinholds an Erich Honecker über ein Treffen mit Hans-Dietrich Genscher am 31. August 1987“ In: Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.) „Von Hubertusstock nach Bonn – Eine dokumentarische Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen auf höchster Ebene 1980-1987“, Dietz Verlag, Berlin 1995, S. 332.
[17] Zit. nach: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 127.
[18] Siehe: Ebenda, S. 57 ff.
[19] Zit. nach: Ebenda, S. 126.
[20] Siehe: „Konzeption des Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten zu den DDR-BRD-Beziehungen (Auszug)“ (7. April 1987) In: Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.) „Von Hubertusstock nach Bonn – Eine dokumentarische Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen auf höchster Ebene 1980-1987“, Dietz Verlag, Berlin 1995, S. 307 ff.
[21] Siehe: „Handschriftliche Notizen von Egon Krenz über die Auswertung des Honecker-Besuchs in Bonn im SED-Politbüro am 15. September 1987“ In: Ebenda, S. 336 ff.
[22] Vgl. „Einführung“ In: Ebenda, S. 29 f.
[23] Vgl. Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 81.
[24] Zit. nach: Ebenda, S. 82.
[25] Vgl. Ebenda, S. 89.
[26] Vgl. Ebenda, S. 94.
[27] Vgl. Ebenda, S. 126.
[28] Siehe: Ebenda, S. 90 Tabelle und S. 195 Graph.
[29] Ebenda, S. 91.
[30] Vgl. Ebenda.
[31] Ebenda.
[32] Vgl. Walter Siegert „Zum ´subjektiven Faktor´ beim Aufstieg und Fall der DDR“ In: Ebenda, S. 184.
[33] Walter Ulbricht „Die weitere Gestaltung des gesellschaftlichen Systems des Sozialismus“ (22. – 25. Oktober 1968), Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 52.
[34] Vgl. Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 110.
[35] Vgl. Ebenda, S. 25.
[36] Vgl. Ebenda.
[37] Vgl. Ebenda, S. 134.
[38] http://www.verfassungen.de/ddr/verf68-i.htm
[39] Siehe: Horst Sindermann „ Bericht zur Direktive des IX. Parteitages der SED zum Fünfjahrplan für die Entwicklung der Volkswirtschaft der DDR in den Jahren 1976-1980“, Dietz Verlag, Berlin 1976, S. 20.
[40] Vgl. Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 57.
[41] Siehe dazu: Erich Honecker „Aus meinem Leben“, Dietz Verlag, Berlin 1981, S. 263.
[42] Siehe bspw.: https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.ddr-lizenzproduktion-von-salamander-fuer-den-ost-lurchi-war-der-westen-tabu.8a0258ad-79e8-43f7-a33a-076a51fa2a9f.html
[43] Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 175.
[44] Siehe: Ebenda, S. 32/33.
[45] Walter Siegert „Zum ´subjektiven Faktor´ beim Aufstieg und Fall der DDR“ In: Ebenda, S. 180.
[46] Siehe: Ebenda, S. 124 und 185.
[47] „Die Bedeutung der marxistisch-leninistischen Theorie für die Entwicklung der Politik der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (Februar 1966) In: Walter Ulbricht „Probleme der sozialistischen Leitungstätigkeit“, Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 403.
[48] Vgl. Ebenda, S. 183.
[49] Siehe: Erich Honecker „Aus meinem Leben“, Dietz Verlag, Berlin 1981, S. 177.
[50] Vgl. Walter Siegert „Zum ´subjektiven Faktor´ beim Aufstieg und Fall der DDR“ In: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 183.
[51] Ebenda, S. 182.
[52] https://de.sputniknews.com/politik/20180726321721051-prager-fruehling-grund/
[53] Vgl. Walter Siegert „Zum ´subjektiven Faktor´ beim Aufstieg und Fall der DDR“ In: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 183/184.
[54] Erich Honecker „Aus meinem Leben“, Dietz Verlag, Berlin 1981, S. 241.
[55] Ebenda, S. 182.
[56] https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1997_4_1_stelkens.pdf S. 5 f.
[57] Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 30.
[58] Vgl. „Der Kampf um den Frieden, für den Sieg des Sozialismus, für die nationale Wiedergeburt Deutschlands als friedliebender, demokratischer Staat“ (10. Juli 1958) In: Walter Ulbricht „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterklasse“, Bd. VII, Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 319. Blessing zitiert die Aussage hier: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 30.
[59] Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 30.
[60] „Der Kampf um den Frieden, für den Sieg des Sozialismus, für die nationale Wiedergeburt Deutschlands als friedliebender, demokratischer Staat“ (10. Juli 1958) In: Walter Ulbricht „Zur Geschichte der deutschen Arbeiterklasse“, Bd. VII, Dietz Verlag, Berlin 1964, S. 320.
[61] Vgl. Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 31.
[62] Vgl. Ebenda.
[63] Vgl. Ebenda, S. 31/32.
[64] Vgl. Ebenda, S. 34.
[65] Siehe: „Ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR“ (Februar – September 1952) In: J. W. Stalin „Werke“, Bd. 15, Verlag Roter Morgen, Dortmund 1979, S. 331.
[66] Vgl. Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 30. Er meinte damit offenbar unter anderem Sahra Wagenknecht mit ihrem Artikel „Marxismus und Opportunismus“ aus dem Jahre 1992.
[67] Vgl. Ebenda, S. 32.
[68] Vgl. Ebenda.
[69] „Antwort auf Fragen in der Diskussion zum VII. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“ (11. November 1966) In: Walter Ulbricht „Probleme der sozialistischen Leitungstätigkeit“, Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 467/468.
[70] Vgl. Klaus Blessing „Für einen lebendigen Karl Marx“ In: http://www.klaus-blessing.de/media/blessing_marx_200_broschur.pdf S. 11 f.
[71] Siehe: „Die gesellschaftliche Entwicklung in der Deutschen Demokratischen Republik bis zur Vollendung des Sozialismus“ (17. April 1967) In: Walter Ulbricht „Probleme der sozialistischen Leitungstätigkeit“, Dietz Verlag, Berlin 1968, S. 515.
[72] Vgl. „Bilanz und Ausblick am 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik“ (6. Oktober 1969) In: „Festrede des Ersten Sekretärs des ZK der SED und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR Walter Ulbricht und Ansprachen der Vorsitzenden der Blockparteien der DDR auf der Festveranstaltung des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, des Staatsrates der Deutschen Demokratischen Republik und des Präsidiums der Nationalen Front des demokratischen Deutschland anläßlich des 20. Jahrestages der Deutschen Demokratischen Republik am 6. Oktober 1969 in Berlin“, Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1969, S. 28.
[73] Ebenda, S. 29.
[74] Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 32.
[75] Ebenda.
[76] Walter Ulbricht „Die Bedeutung und die Lebenskraft der Lehren von Karl Marx für unsere Zeit“ In: Leipziger Volkszeitung vom 4. Mai 1968, Nr. 123, S. 12.
[77] Siehe: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 131 ff.
[78] „Einführung in die politische Ökonomie des Sozialismus“, Dietz Verlag, Berlin 1974, S. 209.
[79] Vgl. Ebenda, S. 214.
[80] Vgl. Ebenda, S. 210.
[81] Karl Marx „Das Kapital“, Bd. I In: Ebenda, Bd. 23, Dietz Verlag, Berlin 1970, S. 87.
[82] „Ursprünglicher Entwurf des Artikels ´Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht´“ (28. März 1918) In: W. I. Lenin „Werke“, Bd. 27, Dietz Verlag, Berlin 1960, S. 196.
[83] Siehe: „Einführung in die politische Ökonomie des Sozialismus“, Dietz Verlag, Berlin 1974, S. 213. Das dortige Kossygin-Zitat, das als „Beweis“ für die „sozialistische Warenproduktion“ angeführt wird, kann man hier im Volltext der angeführten Rede finden: „Die Direktiven des XXIV. Parteitags der KPdSU zum Fünfjahrplan für die Entwicklung der Volkswirtschaft der UdSSR in den Jahren 1971 bis 1975“ (6. April 1971) In: A. N. Kossygin „Ausgewählte Reden und Aufsätze“, Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1977, S. 278/279.
[84] Erich Honecker „Bericht des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den IX. Parteitag der SED“ (18. – 22. Mai 1976), Dietz Verlag, Berlin 1976, S. 86/87.
[85] Siehe: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 129 ff.
[86] Vgl. Ebenda, S. 65.
[87] Vgl. Ebenda, S. 66.
[88] Siehe: „Taking a Down-to-Earth Attitude in our Work“ (6. Juni 1990) In: „Selected Works of Chen Yun“, Vol. III, Foreign Languages Press, Beijing 1999, S. 367, Englisch.
[89]
[90] Siehe: „Eröffnungsansprache auf dem XII. Parteitag der KP Chinas“ (1. September 1982) In: Deng Xiaoping „Ausgewählte Schriften (1975-1982)“, Verlag für fremdsprachige Literatur, Beijing 1985, S. 456. Die dortige Übersetzung besagt wörtlich: „Sozialismus mit chinesischen Merkmalen“.
[91] Siehe: Erich Honecker „´Wunder´ unserer Erfolge ist kein Geheimnis – es heißt Sozialismus“ (11. November 1988) In: Neues Deutschland vom 12. November 1988.
[92] Siehe: Erich Honecker „Rede auf der Festveranstaltung anläßlich des 70. Jahrestages der Gründung der KPD“ (29. Dezember 1988), Dietz Verlag, Berlin 1989, S. 46.
[93] Siehe bspw.: „Beschluss des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas über einige wichtige Fragen zum umfassenden Vorantreiben der gesetzesgemäßen Verwaltung des Staates“ (23. Oktober 2014) In: „Dokumente der 4. Plenartagung des XVIII. Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Chinas“, Central Compilation & Translation Press, Beijing 2015, S. 5.
[94] Vgl. „Gesetz über die örtlichen Volksvertretungen der DDR – Kommentar“, Staatsverlag der Deutschen Demokratischen Republik, Berlin 1989, S. 303.
[95] Vgl. Werner Felfe [„Bedeutsame Ansprache“] (29. April 1987) In: „Protokoll des XII. Parteitages der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands“ (28. bis 30. April 1987), Hrsg.: Parteivorstand der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands, o. O. u. J., S. 117. Im Bildteil nach S. 368 wird diese Rede als „bedeutsame Ansprache“ bezeichnet.
[96] Vgl. „Protokoll des XII. Parteitages der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands“ (28. bis 30. April 1987), Hrsg.: Parteivorstand der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands, o. O. u. J., S. 144.
[97] Vgl. „Gesetz über die landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften“ (2. Juli 1982), §35 In: „LPG-Gesetz der DDR 1959-1990“, Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2006, S. 49.
[98] Siehe dazu: William Hinton „The Great Reversal – The Privatization of China 1978-1989“, Monthly Review Press, New York 1990, S. 19, Englisch.
[99] Siehe: „Some Questions concercing Co-Operatives“ (1951) In: „Selected Works of Liu Shaoqi“, Vol. II, Foreign Languages Press, Beijing 1991, S. 105, Englisch.
[100] Vgl. „Niederschrift über das offizielle Gespräch zwischen Erich Honecker und Willy Brandt am 19. September 1985 in Berlin“ In: Detlef Nakath/Gerd-Rüdiger Stephan (Hrsg.) „Von Hubertusstock nach Bonn – Eine dokumentarische Geschichte der deutsch-deutschen Beziehungen auf höchster Ebene 1980-1987“, Dietz Verlag, Berlin 1995, S. 255.
[101] Siehe: Erich Honecker „Grußadresse des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands an den XIII. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas“ (25. Oktober 1987) In: „XIII. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas – Materialien“, Dietz Verlag, Berlin 1988, S. 82 f.
[102] Zhao Ziyang „Vorwärts auf dem Weg des Sozialismus chinesischer Prägung!“ In: Ebenda, S. 35.
103] Siehe: https://youtu.be/MAEpwcHuJN8 Ab 40:04.
[104] Zit. nach: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 61.
[105] Vgl. Ebenda, S. 62.
[106] https://de.sputniknews.com/politik/20190706325390936-ddr-zerfall-nva-general-erinnert/
[107] Vgl. Walter Siegert „Zum ´subjektiven Faktor´ beim Aufstieg und Fall der DDR“ In: Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 184.
[108] Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 118.
[109] Vgl. Ebenda, S. 111.
[110] Walter Siegert „Konnte Hans Modrow und seine Regierung die DDR aus der Krise führen?“ In: Ebenda, S. 144.
[111] Erich Honecker „Durch das Volk und für das Volk wurde Großes vollbracht“ (6. Oktober 1989) In: Neues Deutschland vom 9. Oktober 1989.
[112] Vgl. Werner Felfe [„Bedeutsame Ansprache“] (29. April 1987) In: „Protokoll des XII. Parteitages der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands“ (28. bis 30. April 1987), Hrsg.: Parteivorstand der Demokratischen Bauernpartei Deutschlands, o. O. u. J., S. 116. Im Bildteil nach S. 368 wird diese Rede als „bedeutsame Ansprache“ bezeichnet.
[113] Klaus Blessing „Wer verkaufte die DDR?“, edition berolina, Berlin 2016, S. 62/63.

(Artikel von mir redaktionell bearbeitet und meinem Blog angepasst)

Dieser Artikel als pdf-Datei:

pdf  Hinter den Zahlen – Rezension des Buches – Wer verkaufte die DDR – von Klaus Blessing

Siehe auch:

Zur revisionistischen Entartung der SED und der illegalen KPD, und
„Sozialismus in den Farben der DDR“ – Über den Revisionismus Erich Honeckers

Nachtrag:

Manches war doch anders – Das Schürer-Papier Oder: über Ursachen und Wirkungen

Sarcasticus in Das Blättchen (22.07.2019) schreibt:

„Zur Vorgeschichte gehört, dass Erich Honecker und die am engsten mit ihm verbundenen Politbürokraten Günter Mittag und Joachim Herrmann am 17. Oktober 1989 von Rest des Politbüros kalt gestellt worden waren, und Egon Krenz, der es in den fünf Wochen seines Interregnums bis zum wirklichen Hoffnungsträger nicht schaffen sollte, das Ruder an der Spitze des SED übernommen hatte. Am 23. Oktober 1989 beauftragte er ein Team von Wirtschaftsexperten um Gerhard Schürer, den Chef der Staatlichen Plankommission, unverzüglich eine ungeschönte Analyse des Ist-Zustandes der wirtschaftlichen Lage der DDR samt Schlussfolgerungen für das Politbüro zu erarbeiten. Beteiligt waren unter anderem auch Gerhard Beil, der damaligen Außenhandelsminister, und Alexander Schalck-Golodkowski, der Chef der sogenannten Kommerziellen Koordinierung (KoKo), des DDR-Devisenbeschaffungsimperiums mit seinem verzweigten klandestinen Netz von Firmen, Verbindungen und Guthaben vor allem in westlichen Ländern.

Eine Woche später lag das Papier vor. Eingestuft als „Geheime Verschlusssache […] Vernichtung: 31.12.1989 Geheimhaltungsgrad darf nicht verändert werden“.

Die zentralen Horrorbotschaften lauteten:

  • Arbeitsproduktivität: Rückstand gegenüber der BRD – 40 Prozent.
  • Rückgang der Akkumulation für produktive Investitionen von 16,1 Prozent 1970 auf 9,9 Prozent 1988.
  • Anstieg des Verschleißgrades in zentralen Bereichen der Volkswirtschaft: in der Industrie von 47,1 Prozent 1975 auf 53,8 Prozent 1988, im Bauwesen von 49 Prozent auf 67 Prozent, im Verkehrswesen von 48,4 Prozent auf 52,1 Prozent und in der Land-, Forst und Nahrungsgüterwirtschaft von 50,2 Prozent auf 61,3 Prozent.
  • Anstieg der Auslandsverschuldung der DDR von zwei Milliarden Valutamark (VM) 1970 auf 49 Milliarden 1989: (Was damals etwa 26 Milliarden US-Dollar entsprach.) Und: „Allein ein Stoppen der Verschuldung würde im Jahre 1990 eine Senkung des Lebensstandards um 25 – 30 Prozent erfordern und die DDR unregierbar machen.“

Die Angabe zur Auslandsverschuldung war der eigentliche Hammer, der nachfolgend als Brandbeschleuniger wirkte. Zwar erfuhr die DDR-Bevölkerung nichts davon und auch die seit November 1989 amtierende Modrow-Regierung blieb ahnungslos, doch nach Bonn gelangte das Papier. Dort wurde es im Februar 1990 einer hochrangigen DDR-Delegation, die unter anderem über finanzielle Transfers verhandeln wollte, aber vom Schürer-Papier keine Kenntnis hatte, unter die Nase gerieben – mit der knallharten Ansage: Mit Pleitiers gäbe es nichts zu verhandeln und über finanzielle Leistungen an die DDR schon gar nicht. Seither wird das Schürer-Papier gern hinzugezogen, wenn demonstriert werden soll, wie marode, um nicht zu sagen moribund die DDR-Wirtschaft damals gewesen sei.

Der Rest ist Geschichte. Inklusive des Sachverhalts, dass die Angabe des Schürer-Papiers zur DDR-Auslandsverschuldung schlicht falsch oder doch zumindest die tatsächliche Lage gröblichst entstellend war. Denn seriöse Ökonomen rechnen doch etwas komplexer, als es die Verfasser des Papiers offenbar getan haben. So hatte KoKo-Chef Schalck zehn Tage nach der Erstfassung des Schürer-Papiers 13 Milliarden auf der Habenseite seines Schattenreiches vermeldet. Die wurden unter der Verantwortung von Schürer aber ebenso wenig mit bilanziert, wie die Verbindlichkeiten von solchen RGW-Partnern wie der UdSSR, Polens, Ungarns und der Tschechoslowakei gegenüber der DDR, die sich auf immerhin 29 Milliarden VM summierten, und die DDR-Guthaben bei elf Entwicklungsländern, die sich auf zusammen 6,75 Milliarden DM beliefen.

Als die Bundesbank 1999 nachrechnete, blieben an Auslandsschulden der DDR mit Stand für 1989 dann auch nur noch 19,9 Milliarden übrig. Eine Ziffer, auf die sich Schürer selbst übrigens bereits 1990 korrigiert hatte: „Die Auslandsverschuldung der DDR war mit 20,3 Milliarden DM um mehr als die Hälfte niedriger, als wir im Oktober 1989 ausgewiesen haben.“

Bleibt die Frage nach dem Zweck der Überdramatisierung im Schürer-Papier, wenn man keine böse Absicht unterstellen will. Edgar Most, der damalige stellvertretende Direktor der DDR-Staatsbank und ein weiterer Mitautor des Papiers, erinnerte sich später: „Dieses Papier hatte einen Zweck. Wir wollten dem Erich-Honecker-Nachfolger Egon Krenz Druck machen und ihm vermitteln, dass wir völlig neu denken müssen.“ Das kann man durchaus so stehen lassen, aber dann muss zumindest die Bemerkung gestattet sein: Ein noch finaleres Eigentor ist kaum vorstellbar.

Als Kollegin Maritta Tkalec in der Berliner Zeitung jüngst ausführlich über das Schürer-Papier und seine Auswirkungen berichtete, stand ihr Beitrag unter der Überschrift: „DDR war moralisch bankrott, aber nicht pleite“.

Bei einem solchen Tenor ist jedoch Vorsicht geboten, weil er leicht dahingehend interpretiert werden könnte, dass die DDR ökonomisch letztlich doch zu retten gewesen wäre. Fakt bleibt aber, dass sich der Stand der Auslandsschulden der DDR von 1970 bis 1989 immerhin verzehnfacht hatte und erheblicher weiterer Kreditbedarf bestand. Ob die Rezepturen des Schürer-Papiers zur grundlegenden Reformierung der DDR-Wirtschaft, die von der Abschaffung der zentralen Planung über die Reprivatisierung von Klein- und Mittelbetrieben bis zum Umsteuern in der Preis- und Subventionspolitik und der Aufforderung reichten, den „Wahrheitsgehalt der Statistik und Information […] auf allen Gebieten zu gewährleisten“, tatsächlich hinreichende Ansatzpunkte zur Besserung der wirtschaftlichen Misere geliefert hätten, muss eine offene Frage bleiben, denn die Abstimmung eines Teils der DDR-Bevölkerung mit den Füßen war ja in vollem Gange und die tölpelhafte Grenzöffnung vom 9. November 1989 schließlich, nur wenige Tage nach Fertigstellung des Schürer-Papiers, entzog solchen Vorschlägen vollends den Boden.

Vor allem aber muss ein von der DDR nicht zu beeinflussender Faktor in Fragestellungen zum Untergang der DDR immer mit einbezogen werden, den Egon Krenz bei der Vorstellung seines jüngsten Buches („Wir und die Russen. Beziehungen zwischen Berlin und Moskau im Herbst 1989“) am 11. Juli im Russischen Haus in Berlin in trefflicher Kürze benannte: „Als die Sowjetunion im Sterben lag, hatte die DDR keine Chance mehr.“

Nachtrag:

Ein Genosse in führender Position gestand mir 1978 (auf seinem Sterbebett):
„Nachdem ich die Geheimrede Chruschtschows auf dem XX. Parteitag gelesen hatte und in den folgenden Jahr sah, das es keine marxistisch-leninistischen Kräfte in den sozialistischen Parteien gibt, die Parteien wieder auf den richtigen Kurs des Marxismus-Leninismus zu bringen, wusste ich, dass die Konterrevolution unausweichlich sein wird. Sie wird kommen! Trotzdem habe ich mitgemacht und werde mit der Schuld sterben, die Arbeiterklasse verraten zu haben.“
Hochachtung für diesen Mann. Wenigstens vor seinem Tod, wurde er ehrlich.

 

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Ein Gedanke zu „Hinter den Zahlen – Rezension des Buches von Klaus Blessing: „Wer verkaufte die DDR?““

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