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Sprache bleibt verräterisch – zur Sprache nachmoderner Politik


Sprache bleibt verräterisch – zur Sprache nachmoderner Politik

schriftzug-sprache-gesellschaftJede politische Bewegung, jeder gesonderte Teil dieser Bewegung, jede Partei innerhalb eines bürgerlichen Parteienspektrums benötigt zur Verfolgung ihrer Zwecke die dazu passende Sprache. Sei es die aktuelle Herrschaft, sei es eine der Parteien eines bürgerlich-parlamentarischen Systems, die sich als Interessenvertreter dieser oder jener Klientel, sozialen Schicht, Zielgruppe zur Wahl stellen. Je näher die eine politische Gruppe der andere steht, desto ähnlicher werden auch ihre Sprachen im Großen und Ganzen sein, sich vielleicht nur in Nuancen unterscheiden. Andererseits benötigen sie oft gerade dann einzelne Reiz- und Signalwörter, sich wahltechnisch abzugrenzen, die corporate identity immer wieder herzustellen und zu bestätigen.

Die eigene Sprache einer Partei oder Bewegung hat immer mindestens zwei Senderichtungen. Nach außen geht es darum, Anhängerschaft zu akquirieren, Akzeptanz zu gewinnen oder Kampf anzusagen. Nach innen Zusammengehörigkeit zu erzeugen und zu festigen, also die innere Kultur der Bewegung oder Partei mittels der Sprache zu formen, die Denk- und Bewegungsrichtung der Elemente der Bewegung zu normieren. Dasselbe gilt auch für sonstige größere und kleinere Menschengruppen: Staaten, Religionsgemeinschaften, Dackelzüchtervereine.

Sosehr Sprache unverzichtbar ist, um Befehle zu erteilen und zu verstehen, Parteitage zu überwältigenden Akklamationen zu veranlassen und somit die Geschlossenheit einer Partei hinter ihrer Führung zu erzeugen, was gemeinhin als Voraussetzung gilt, um z.B. Wahlen im bürgerlichen Wahlzirkus gewinnen zu können, so bleibt Sprache aber doch immer noch Erkenntnismittel. Allerdings gleichzeitig das Gegenteil davon; auch Hellseherei und christlicher Aberglaube, Astrologie und die diversen Ufologien benützen Sprache und können sich nur mittels Sprache in Szene setzen. Sprache kann also gewollt wie unbeabsichtigt gleichzeitig verschiedene, gar einander widersprechende Funktionen erfüllen. Keine Frage, dass die affektive Aufladung, für die Sprache auch benutzt wird, z.B. zur Vorbereitung des Talkshow-Publikums auf den Master oder die Masterin das Gegenteil von Erkenntnisgewinn bewirkt. Und doch: Wie wollte man das Publikum ohne Sprache abrichten, auf ein Zeichen begeistert zu klatschen und zu juchzen?

Die Sprache einer Mafia wie einer sozialen Bewegung muss den Interessen ihrer Anhänger wie ihrer Führer, Eigentümer, Besitzer genügen, indem deren Interessen sich mit dieser Sprache adäquat formulieren lassen. Deshalb hat jede Bewegung, Partei, Elite etc. einige zentrale Begrifflichkeiten, die besonders häufig Verwendung finden, die einerseits den wesentlichen Interessen der Anhänger entsprechen oder wenigstens ihren Empfindungen, andererseits den Unterschied darstellen zu den konkurrierenden Bewegungen, Parteien, Eliten. Was nicht heißen muss, dass diese oder jene konkurrierende Gruppierung sich nicht zu denselben Wörtern bekennen wollte oder könnte bzw. dass sie diese nicht benutzen würde. Sie dürften nur nicht von der Konkurrenz aktuell schon besetzt sein.

Womit sich schon allein aus der Struktur der Parteien-Konkurrenzen im bürgerlichen Wahlzirkus ein Erkenntnis- bzw. Reflexionsproblem, gar ein Richtungsproblem ergibt. Indem die Partei sich formulieren muss unter Ausschluss der Wörter und Wortkombinationen, die die Konkurrenz stark besetzt hält, und die regelmäßig nun mal die Eigenschaft haben, für die Beschreibung bzw. das Verstehen bestimmter gesellschaftlicher oder wirtschaftlicher Gegebenheiten besonders geeignet zu sein, fällt es ihr schwer, Aussagen zu diesen Gegebenheiten in die eigene Programmatik zu integrieren, Mitglied- und Anhängerschaft zu Trägern und Multiplikatoren solcher Aussagen zu machen.

Apropos Begrifflichkeiten. Wir wollen hier differenzieren zwischen Begrifflichkeit und Begriff, wenn wir der Frage nachgehen, wie aus Wörtern Begriffe werden. In Bertelsmann-Universallexikon finden wir unter Begriff:

Gesamtheit der unveräußerlichen Merkmale einer Sache oder eines Sachverhalts (das Wesen, das Wesentliche, das Allgemeine); die mit einem Wort als gültig gesetzte Einheit dieser Merkmale; der aussagbare, definierte Bedeutungsinhalt eines Wortes.(Bertelsmann Electronic Publishing GmbH, München 1997)

 

Berücksichtigend, dass die pseudodemokratische Politzirkussprache regelmäßig eben genau diese „Gesamtheit … unveräußerlicher Merkmale“, „definierte Bedeutungsinhalte“ etc. scheut wie der Heide das Weihwasser und der Pfaffe die Wahrheit, also nicht nur die oftmals aus dem Zeitalter und der Gesinnung von Humanismus und Aufklärung herstammenden Begriffe auflöst, sie aushöhlt und leere Worthülsen als propagandistische Platzpatronen übriglässt, sondern darüber hinaus auch die Institution des Begriffs überhaupt entleert und abschafft, meinen wir hier mit Begrifflichkeit genau dies: Ein Wort, das vorgibt, Begriff zu sein, und doch nur noch Kampfkeule und Affektauslöser ist. Das früher ein Begriff war und für Noch-Humanisten vielleicht auch noch ist, das gesetzte, definierte, allgemein oder wenigstens innerhalb des Fachs verbindlich vereinbart unveräußerliche Merkmale zu meinen scheint, die Gesamtheit, das Wesentliche einer Sache oder eines Prozesses. Aber eben nur vorgeblich. Die Eigenschaft, definiert und verbindlich zu sein, beinhaltet auch eine gewisse Konsistenz, Dauerhaftigkeit. Umgekehrt sind die permanente Änderung der Wortinhalte und die Beliebigkeit des Gebrauchs durch die verschiedenen Gebrauchenden Kennzeichen der Auflösung der Begriffe.

Die Besetzung der Wörter und die Definitionsmacht über diese bleiben letztlich unabgeschlossen; solange eine Gruppierung konkurriert oder auch nur um ihr gesellschaftliches Dasein kämpft, muss sie um des Erfolges ihrer Unternehmung willen um ihren Wörtervorrat kämpfen. Die enge Begrenzung des zur Verfügung stehenden Wortschatzes, der zu 100% von den bestehenden Gruppierungen ausgeschöpft ist, macht es kleinen und neuen Konkurrenten am Politmarkt des Medienzeitalters und der aufgelösten politischen Milieus schwer, sich zu etablieren und hernach dann zu halten. Hier wird der Wortschatz nämlich wirklich zu einem solchen, einem Schatz. Nur eine Gruppierung, der sowohl von der Innen-, als auch in der Außensicht eindeutig bestimmte Wörter zugeordnet werden können, ist eine, deren Mitgänger und -läufer auch Mandate, Geschäftsführerposten und andere Macht- und Verteilungspositionen erringen können.

Je simpler und kürzer die politischen Wortführer im Zeitalter des dualen bzw. unter der Dominanz kommerziellen Fernsehens für ihr immer simpler werdendes Publikum ihre Programme schreiben und ihre Propaganda reden (lassen) müssen, dass diese im Kontext der Waschmittelwerbung überhaupt wahr- und zur Kenntnis genommen werden können, desto zahlenmäßig geringer werden die Kernbegriffe, mit denen sich diese Bewegung nach außen und innen darstellen kann. Entsprechend den physikalischen und psychischen Grenzen der Sendung und Wahrnehmung pro Zeiteinheit. Die nachmodernen elektronischen Medien, die Vervielfältigung der Übertragungs- und Vermittlungskanäle bringt es mit sich, dass die Begrifflichkeit außerhalb dieser Identifikation stiftenden Kerns rasch umgewälzt werden kann. Sehr viel rascher jedenfalls als der Kern selbst. In geradezu atemberaubender Geschwindigkeit werden je nach herrschaftlichem Tagesbedarf neue Schlagwörter eingeführt, überflüssig gewordene unmerklich außer Gebrauch gesetzt.

Der Identifikation stiftende Kern der Schlagwörter entspricht den Namen der Parteien im bürgerlichen System, die verschiedene Kombinationen der Begrifflichkeiten Freiheit, Demokratie, sozial, Partei und christlich. Hinzu kommen noch das ökologische Moment, das liberale, das nationale und einige weitere. Mehr Begrifflichkeit benötigt man zur Kenntlichmachung nicht. Hat man aber auch kaum zur Verfügung.

Die Kombinationsmöglichkeiten dieser Wörter machen zunächst den ganzen Unterschied, der kein inhaltlicher mehr ist, kaum sein darf, um dazugehören zu dürfen: mal sozialdemokratische Partei, mal Partei des demokratischen Sozialismus. Zufall, welche möglichst gutklingende permutative Möglichkeit noch frei war, als sie benötigt wurde. Von den Wortstämmen her vertreten beide denselben Inhalt. Und doch leugnen sie dies beharrlich und liefern einander mediale Schaukämpfe nach dem Reglement. Auch die jeweilige Anhängerschaft meint, dass schon die Parteinamen Unterschiedliches bedeuten würden und dass das so zu sein hat. Dass es nach zeitgeistiger Vorstellung und breitem Publikums-Geschmack nur eine geringe Zahl halbwegs gut und plausibel klingender Möglichkeiten der Wortkombinationen gibt, ist kein wirklicher Mangel, da man im nachmodernen Parteiensystem nur wenige Parteinamen benötigt. Oder umgekehrt: Die Unvorstellbarkeit weiterer gutklingender Parteinamen begrenzt gewollt die Zahl der Parteien.

Die zur Verfügung stehenden Wörter sind in ihrer Zahl, wie schon erwähnt, eng begrenzt. Auch deshalb tobt ein Kampf um sie. Nämlich darum, was sie bedeuten sollen, und darum, wem, welcher Gruppierung, welche der wenigen Begrifflichkeiten in welchem Maße vom Publikum zugeordnet werden, ferner darum, dass die eigenen Kernbegriffe vom Publikum möglichst hoch, also als wichtig angesehen werden.

Wörter bedeuten etwas. Die Wörter selbst sind – zumal im Vergleich zu ihrer Bedeutung – relativ stabil. Die Politik benötigt aber regelmäßig nicht den Begriff, sondern den Pseudo-Begriff, also das Wort, das einen bestimmten Aspekt der Welt, der Politik halbwegs einleuchtend beschreibt oder auch nur benennt oder zu meinen scheint, das assoziativ verbunden wird mit anderen Wörtern, Wertungen, Begriffen bzw. Begrifflichkeiten, mit der eigenen Herkunft, eventuell dem sozialen Milieu, den Erfahrungen, den Interessen.

Änderungen der politischen Taktik, ja der Strategie verursachen regelmäßig Modifizierungen politischer Begrifflichkeit, d.h. dass von jeher benützten Worten weiter benützt werden, aber in einem anderen Wortsinn, mit anderer Tendenz. Oder es werden neue eingeführt. Wirkliche Wortneuschöpfungen sind selten. Zumal in nicht- und konterrevolutionären Zeiten. Vielmehr ist auch hier die Sprache Indikator für den Wahrheitsgehalt der Behauptung, eine Revolution sei im Gange. Eine gesellschaftliche Revolution, die mit den alten Wortbeständen und -bedeutungen der Herrschaft auskommt, kann kaum eine sein.

In Frage kommen für die Kennzeichnung und Durchsetzung taktischer und strategischer Differenzierung und Differenz politische Wörter und Begriffe, die einige Zeit weniger oder unbenutzt waren und nun an die Front der ideologischen Auseinandersetzung geschickt werden können. Gern werden im zeitgeistigen Propagandageschehen Wörter aus anderen Bereichen des menschlichen Lebens verwendet, wobei man gern die gängige, mit diesen Wörtern verbundene Wertung nutzt. Es entsteht eine Metaphorik der Manipulation und Indoktrination, Austricksen des Wahlpublikums mittels simpelster Abrichtungs-Psychotricks: Eine weit überbezahlte Politkaste, nichts Besseres als eine ideologische Drückerkolonne, stets damit beschäftigt, dem uninformierten, sich dennoch und gerade deswegen gut informiert fühlenden, unmündig gemachten Bürger das nächste Vierjahresabo abzutricksen.

Immer öfter verlässt die politische Argumentation unter diesen Verhältnissen den Pfad der Argumentation und Überzeugung, des Erklärens des Für und Wider dieser Entscheidung oder jener Position, immer öfter tritt an deren Stelle die Massensuggestion, eine Theatralik mit gehobener Stimmlage, die Illusionierung, man selbst wolle etwas Anderes als die anderen. Der Wechsel der Schlagwörter, ihr immer häufigerer Austausch, also der immer schnelleren Umschlag des immer kleiner werdenden Wortschatzes, der nicht zum Kernbereich gehört, hat sicher auch etwas mit den Unterhaltungskonsumgewohnheiten eines Publikums zu tun, das sich nicht mehr mittels inhaltlicher Maßstäbe für oder gegen ein Programm entscheidet, sondern sich nach dem Kriterium entscheidet, ob das Programm langweilt oder vermeintlich gut unterhält. 1998 war dem BRD-ler Kohls triefige Aussitzermanier einfach langweilig geworden, Schröder trug die schickeren Anzüge und hat eindrucksvoll und kameragünstig einstudiert mit den Händen gefuchtelt, dass man das schon für eine Aussage halten mochte. Zumal im Vergleich mit dem Oggersheimer geistigen Riesengartenzwerg.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen (nach)moderner wie traditioneller bürgerlicher Politiksprache einerseits und aufklärerischer, sozialistisch-kommunistischer, aber auch die empörerisch-protestierende bzw. protestantistische Sprache des Aufbegehrens gegen Unterdrückung und Fremdherrschaft andererseits ist die vergleichsweise große Konsistenz und Stabilität der Begrifflichkeiten bei letzteren: Wer in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen das Volk für diesen und jenen Krieg fit machen zu müssen meint, und dies regelmäßig mit der Behauptung beginnt, den Frieden (in Freiheit!) bewahren zu müssen, braucht ein Publikum, dem gegenüber er innerhalb kürzester Zeit die Bedeutung des Wortes Frieden in sein Gegenteil wenden kann.

Wörter klingen. Sie haben eine guten oder auch einen Missklang. In dem Maße, wie die Politiksprache antiaufklärerisch ist, es also auf den eigentlichen und ursprünglichen Wortsinn gar nicht ankommt, weil man diesen ja mit den Mitteln der Werbepsychologie nach Belieben recht weit verschieben kann, ist man entsprechend frei in der Verwendung und kommt es darauf an, die Wörter nach ihrem Klang zu benutzen. Und mit diesem Klang auch politische Wirkung zu erzielen, da schon allein der Klang Urteile prädestiniert, vorbestimmt. Wie es ja auch immer unwichtiger wird, ob ein Politiker intelligent bzw. klug ist, ob er in der Lage ist, politische Inhalte zu verstehen (wenn er oder sie sie nur kraftvoll oder gläubig vor- und nachplappern kann), ob er kompetent wäre, ein Fachministerium zu führen. Wichtig ist vielmehr, dass er (oder sie) telegen ist, dass er sympathisch wirkt, dass er sich glaubhaft volksverbunden gibt. Neil Postman hat das in „Wir amüsieren uns zu Tode“ schon Ende der 1970er Jahre mittlerweile klassisch und also immer noch gültig formuliert. Allerdings steckten die heutigen Erscheinungen der sprachlichen Verkommenheit damals noch in den Kinderschuhen, vergleichsweise.

Ähnlich verhält es sich mit den Begriffen. Die positive Emotion, die ein Wort u.a. auch wegen früherer positiver Bedeutung auszulösen, zu erzeugen in der Lage ist, prädestiniert das Wort zum Identifikationsmittel mit der eigenen politischen Bewegung oder Partei. Das negativ besetzte Wort soll möglichst identifiziert werden mit dem Gegner. Bei der Einführung eines Wortes aus einem anderen sprachlichen, also Lebens-Bereich in den politischen ist es offenbar leichter, die emotionale Wertung in ihr Gegenteil zu verdrehen als bei aktuell gebräuchlichen politischen. Hier soll als Beispiel die „Seilschaft“ stehen. Ein Begriff aus der Bergsteigerei, der nicht anders gesehen werden kann, als dort positiv belegt. Und zwar maximal, absolut. Es bedeutet dem Verwender wie dem Hörer absolute wechselseitige Verläßlichkeit, weil Abhängigkeit auf Leben und Tod. Anfang der 90er führten die Westherren das Wort für den Osten ein, personelle Strukturen bezeichnend, in denen Ostler einander halfen, unterstützten, gar versuchten, Geschäfte zu machen und Existenzen zu begründen, vielleicht sich auch gegenseitig zu schützen vor pfäffischer Willkürherrschaft mittels arischer Sondergesetzgebung. Ob dies im konkreten Fall so war oder auch nur so denunziert wurde: alles eigentlich positive Verhaltensweisen der Kameradschaft, Solidarität, Menschlichkeit. Die Einführung der Begrifflichkeit dauerte nur ca. 2 bis 3 Wochen, und zwar mit sofortiger negativer Belegung. Diese Kampfbegrifflichkeit war ein sehr erfolgreiches Mittel der – immerhin nach StGB der BRD verbotenen – Volksverhetzung und der Entmachtung, Degradierung, Beleidigung der DDR-Bürger insgesamt. Mancher, der sich zu Anfang hat einspannen lassen in Denunziation und Kampf gegen „Seilschaften“ kam später selbst an die Reihe.

Der DDR-Liedermacher und Rockpoet Gerhard Gundermann wendete den Begriff schließlich erneut, indem er seine Begleitband „Seilschaft“ nannte, bewusst Bezug nehmend auf das Negativimage des Wortes und der DDR-Bürger bei den Westlern, und erzielte so in beträchtlichen Teilen jugendlicher Subkultur auf DDR-Territorium wiederum ein hohes Maß an Übereinstimmung und Sympathie. Man darf mit Sicherheit annehmen, dass diese Übereinstimmung mit dem Eindruck des Deklassiert- und Unterdrücktseins korrespondierte. Teils selbst erfahren, teils an den älteren Familienmitgliedern beobachtet. Also ein Akt der Solidarisierung darstellte. Ein Indikator für das Maß an Fremdherrschaft und des Empfindens derselben bei den Beherrschten. Auch wenn es kein Wissen ist, nicht unbedingt reflektiert wird.

Die Mehrheit der Individuen benötigt für die individuelle Reflexion solcher Ungeheuerlichkeit wie die, von „Brüdern und Schwestern“ kolonialisiert worden zu sein, offenbar die öffentliche. Immerhin ist die Behauptung von den „Brüdern und Schwestern“ seit 1989/90 rasch außer Verkehr gesetzt worden. Wohl der Erkenntnis geschuldet, dass diese Begrifflichkeit so offensichtlich unrichtig ist und also war und augenscheinlich der Anschlusswirklichkeit widerspricht (und damit höchst ungeeignet ist für eine manipulatorische Fremdherrschaft), dass die weitere propagandistische Benutzung mehr spontane Erkenntnis zur Folge haben könnte. Da war für die Herrschaft Vergessen die bessere Variante.

Parteien und Bewegungen, die sich in ihren Interessen und Zielen differenziell unterscheiden, können sich auch in ihren Sprachen, in den Identifikationsbegrifflichkeiten in Normal- und Friedenszeiten, wo also die bürgerlichen Verhältnisse im Großen und Ganzen stabil sind, nur differenziell unterscheiden. Sei es, dass die einen die Autofabrikanten im Norden vertreten, die anderen die Chemie in der Mitte, die nächsten den sogenannten Mittelstand anzusprechen trachten, sei es, die einen wollen Kernkraftwerke 40 Jahre laufen lassen, die anderen 2 Jahre weniger. Und alle gemeinsam haben das Interesse, möglichst viele Sitze im Parlament erringen zu wollen, also möglichst viele der eigenen Funktionäre und sonstigen Mitläufer, -gänger, -macher in den Megaselbstbedienungsladen Staatsmaschine einzuschleusen. In diesem Kernanliegen gibt es aber nur eine erfolgversprechende Sprache, die also von allen, die dieser Zielprojektion folgen, gebraucht werden muss: die herrschende.

Auch hier greift wieder die Gegenprobe: Die Parteien des bürgerlichen Parlamentszirkus greifen wechselseitig nie ernsthaft an hinsichtlich der Kernbegrifflichkeiten. Neu hinzutretende Gruppen werden immer weniger von den etablierten angegriffen, je mehr sie verlernen, die etablierten anzugreifen, die Kernwörter zu kritisieren bzw. gar Definitionen für diese zu kennen. Die Gruppen selbst haben regelmäßig verlernt, die Kernwörter ihrer Identitäten definieren zu können. Frühere Begriffe und deren Adjektive wie Liberalität, christlich, demokratisch, sozialistisch etc. lösen sich im Meer parlamentarischer Geschwätzigkeit auf und werden zu Markern von Gruppenzugehörigkeit, die Unterhaltungs- und also Polit-Marktwert erst ermöglichen in Gesellschaften, zu deren Grunddogmen die Abwechslung gehört.

Eine gewollt systemoppositionelle Bewegung oder Partei, die sich nicht wesentlich mehr als differenziell von der Sprache der Herrschaft unterscheidet bzw. unterscheiden will, ist vor allem eines: lächerlich. Und Beschiss an ihren Wählern. Die bewusster und dringlicher als die Wähler andere Gruppierungen vor allem gegensystemische Interessenvertretungen mit ihrer Wahl erwarten. Alle erfolgreichen und wirklich oppositionellen Bewegungen begannen mit der Entwicklung der eigenen Sprache. Oppositionell hier innerhalb der Grenzen, die jede Bewegung hat, auch die revolutionärste, nämlich die der Zeit, der Möglichkeiten, der Erkenntnis.

Am Anfang war zumeist nicht die Tat, auch nicht das Wort, sondern die Erkenntnis. Sei es aus Empörung oder Philosophie, aus astronomischer Berechnung oder allgemeiner Weisheit, aus Menschlichkeit. Die die neue Sprache formte. Umso mehr, je neuer, revolutionierender die konkrete Erkenntnis. Aus der Erkenntnis wuchs der Wille umso mehr, je größer der Konflikt zwischen den alten Zuständen und der Erkenntnis und der aus ihrer erwachsenden Vision empfunden und gesehen wurde. Aus dem Willen wurden regelmäßig Strategie und Taktik, spontane wie langwierig geformte, die wiederum die neue Sprache vermehrten, ausformten, entwickelten. Ob die biblischen Erzählungen als Ausgangspunkt antikolonialen Aufbegehrens, ob ihre Übersetzung ins Deutsche durch Luther und die dieser folgenden Predigten und Pamphlete wider die gottlose und unmenschliche, schlemmende und ausbeutende zentralistische Obrigkeit in Rom. Ob die das zentralistisch vorgegebene papstkirchliche Weltbild umwälzenden Beobachtungen, Berechnungen, Erkenntnisse der Astronomen, die große Enzyklopädie der d’Alembert und Diderot, die sonstigen Werke der bürgerlichen Aufklärung, die Erfindungen der technischen Revolution, ob die Unabhängigkeitserklärung der USA oder das kommunistische Manifest und die ihm folgenden Werke des wissenschaftlichen Sozialismus, ob die Menschenrechtserklärungen oder die Staatsgründungen im Osten der Welt nach dem zweiten Weltkriegsdesaster, ob die siegreichen Revolutionen auf Cuba, in Nicaragua: Die Formierung der jeweiligen Bewegung, die Anstrengungen ihrer Anhänger, die real vollzogenen Umwälzungen hätten nicht unternommen werden können ohne die Arbeit an der eigenen Sprache, ohne dass diese Sprache den nach innen und außen Angesprochen nicht deutlich genug gezeigt hätte, dass ihre Interessen gemeint sind, dass sich die jeweilige Bewegung im prinzipiellen Gegensatz befindet zu dem Bisherigen, zu dem Umgebenden. Gleich ob diese Sprache wirkte durch die Erzählungen früher Wanderprediger, durch die Schrift oder die Leidenschaft legendärer Redner.

Die Geschichte der SPD von der Oppositions-, zur Staatspartei, im Kaiserreich, in Weimar wie in der BRD, lässt sich so auch sprachlich nachzeichnen, von der selbstbewusst-trotzig-kraftvollen Interessenseinforderung der „vaterlandslosen Gesellen“ bis zu den staatskirchlichen Predigten des Bruder Johannes, von der Friedenspartei zur Partei der Bewilligung der Kriegskredite, von der kompromisslosen Vertretung der Proleten-, Frauen-, Kinder- und sonstigen Rechte der Unteren bis zur sogenannten Volkspartei mit einem Kanzler der Bosse an der Spitze. Auch hier kam allerdings der sprachliche Sündenfall schon Jahre vor dem tatsächlichen: Erinnert sei an die ideologischen Auseinandersetzungen, die schon die jüngere Rosa Luxemburg mit den Herren Revisionisten um die Jahrhundertwende führte. So war das jeweilige Versagen der Sozialdemokratie lange zuvor sprachlich angekündigt und vorweggenommen: die Kriegskredite, der Verrat an der Novemberrevolution, die Kapitulation vor dem Kapp-Putsch, die Weimarer Regierungspolitik, die im wesentlichen kampflose Kapitulation vor den Nazis, Durchsetzung der Gleichsetzungsformel „rot=braun“ durch Schumacher, die Hinnahme der Teilung Deutschlands durch Westeinbindung der BRD und Ablehnung der Stalin-Note, Nato-Einbindung, Aufrüstung, weitestgehende Aufgabe der eigenen Medien, Nato-Doppelbeschluss, Umformung zur Wir-versprechen-alles-und-nichts-Partei, Anschluss der DDR, Enteignung und Verfolgung der DDR-Bevölkerung, Beteiligung am Angriffskrieg gegen Jugoslawien jeweils unter führender Beteiligung diverser SPDler.

Wenn Sprache also die Interessen des Sprechers zum Ausdruck bringt und oppositionell heißen soll, den Interessen der Herrschenden entgegengesetzt bzw. -stehend, kann es Opposition nicht durch Angleichung der eigenen Sprache, an die der Herrschaft geben. Genau das aber nachvollzieht die PDS seit Ende 1989, als sie noch SED hieß und noch eine eigene Sprache hatte als eine der jetzigen Herrschaft entgegengesetzte.

Die von den Agitatoren der hiesigen Herrschaft ernannten Reformer und das im Besitz der PDS und unter Weisungshoheit des jeweiligen Parteivorstands befindliche „Neue Deutschland“ haben nicht nur wesentliche Begriffe aufgegeben, die eine Opposition zum derzeitigen herrschenden System beschrieben (und immer beschreiben, aber gerade deswegen nicht mehr benutzt werden dürfen), sondern darüber hinaus weisungsgemäß die Begriffe überhaupt, nämlich die Wurzeln zur Aufklärung weitestgehend gekappt. Dafür gebührt diesen „Reformern“ der Dank des Systems, der sich darin ausdrückt, dass sie während der aktiven Politiker-Karriere von FAZ und Bild, Super-Illu und Morgenpost gehätschelt werden und Kolumnen zu ihren Gunsten finden, Interviews geben und veröffentlichen lassen dürfen, wann immer es nötig scheint. Wenn sie hinreichend unglaubwürdig geworden sind, also gegenüber der Mitglied- und Anhängerschaft nicht mehr funktionieren, dürfen sie in der „Wirtschaft“ noch mehr Geld machen denn als Abgeordneter.

So wird der gewesene Bundesgeschäftsführer der PDS Bartsch mit dem Satz zitiert: „Nie wieder so wenig verdienen wie im Bundestag“. In welchem Kontext diese Aussage auch immer zustande gekommen sein, wie gering auch Bartschens Vermögen ausgeprägt sein mag, witzig zu sein: Viele derer, die auch in seine Arbeit ohnmächtige Hoffnung gesetzt hatten, waren und sind arbeitslos, Sozialhilfeempfänger. Eine wirkliche Interessenvertretung dieser Leute kann durch einen Menschen, der mit dieser Aussage zitiert wird, wohl kaum gewollt, kaum realisiert worden sein. Gegenüber den Hilfebedürftigen, denen, die eine wirkliche Interessenvertretung im Bundestag bitter nötig hätten, ist der Satz ein einziger, unverdaulicher Zynismus.

Die Anpassung an den herrschenden Politikstil, das temporäre und partielle Geduldetsein im Bundestag, das bedingte und sehr begrenzte mediale Mitredendürfen verlangte nicht nur danach, sozialistische Forderungen nicht mehr auszusprechen, sondern darüber weit hinaus, die aufklärerische, klassisch-humanistische Auffassung vom Begriff aufzugeben. Schon als Voraussetzung, im Parlament zu verstehen und verstanden zu werden. Stattdessen spricht man in modischen, zeitgeistigen Schlagwörtern, von denen regelmäßig keine halbwegs verbindliche Vorstellung besteht, was diese bedeuten. Wodurch Reden und damit Denken das bisher erreichte, bekannte Höchstmaß Beliebigkeit erfährt und die Verbindung zwischen Redner und Klientel zwar dem Schein bzw. dem Klang nach aufrecht erhalten werden kann, aber das verbindende inhaltliche Band der Interessen, ihrer Artikulierung und Vertretung immer mehr auf das Mandat und die damit verbundenen Diäten schrumpft. Im Mandat schließlich lösen sich wirkliche Interessenvertretung und Inhalte auf wie Blut in Salzsäure.

In dem Maße, wie die Mandatsträger sich der herrschenden Sprache anpassen, in dem Maße vertreten sie die Unteren dieser Gesellschaft nicht mehr, denn die Sprache der Herrschenden ist dafür nicht gemacht, ihr fehlen dafür Begriffe und Struktur, mit denen sich die Interessenvertretung modellieren ließe und die das Denken der Interessenvertretung entwickelt. Und auch das Oppositionelle schrumpft zu einem Spiel, dem aus diesem Grund immer mehr fernbleiben. Denn immer mehr haben wirkliche Interessenvertretung immer nötiger, die aber findet gerade nicht statt. Was für die Spieler nicht weiter schlimm ist, denn ihre Diäten hängen nicht ab von der Wahlbeteiligung, sondern nur vom Prozentsatz der Stimmen, die die eigene Partei bekommt. Jedenfalls insoweit die Auszähler nicht bescheißen und die Entscheidung über die Diätenverteilung nicht zum schlechten Schluss doch einem „unabhängigen“ Gericht übertragen wird.

Sprache ist verräterisch. Gerade im Politischen ist Sprache, wie schon gezeigt, zumeist ein früher Indikator und auch ein zuverlässiger in Bezug auf Verwandtschaften. So mussten linke, liberale, jüdische Intellektuelle nicht die ganze Machtentfaltung der Nazis 1933 abwarten, um zu wissen, was ihnen blühen würde, wenn sie unter der Naziregierung in Deutschland blieben. Mit der Nachricht der Hitlerschen Kanzlerschaft packten viele ihre sieben Sachen und verschwanden. So schnell sie konnten. Und doch blieben viele, zumeist nicht so intellektuell, oft an irgendeinem Eigentum bzw. Besitz klebend, oft nationalistisch geprägt auf Weltkriegsverdienste spekulierend, denen es ihr Leben kostete. Sie mochten nicht glauben, was sie hörten und also hätten wissen können. Befangen in einer der Gruppenideologien, die da sagten: „Der Spuk geht rasch vorüber“ oder „Der Hitler wirtschaftet sich ab“, die vertrauten auf ihre „Verdienste“ im ersten Weltkrieg, als sie den Kopf für Kaiserdeutschland hingehalten. Und die neue Herrschaft bestärkte sie in jeder Illusion, die ihr für das Herrschen günstig schien. Auch in dieser. Nicht zuletzt verriet sich die Sprache der Täter vielen nicht, da sie nicht in der Lage waren, alles zu hören, was gesagt wurde und mitklang. Waren sie nicht in der Lage, hinter die sprachlichen Kulissen zu hören. Fähigkeiten, die zunächst eine Frage der allgemeinen Bildung, insbesondere der sprachlichen ist, zu einem nicht geringen Maße aber auch eine der Weltanschauung, der internalisierten Ideologie.

Keine Frage: Eine humanistische, marxistische, antikapitalistische oder doch wenigstens extrem kapitalismuskritische Orientierung war 1933 eine der Grundvoraussetzungen, die Gefährlichkeit der Nazis an ihren Worten erkennen und analysieren zu können. Während Jesus-Kult-Nostalgie, Antikommunismus, Profitstreben, Eigentumsverliebtheit regelmäßig blind machte für die Gefahren oder die Naziprogrammatik sogar attraktiv erscheinen ließ.

Sprache spricht zunächst das aus, was vordergründig gesagt werden soll. Wenn der Sprecher wenigstens insoweit der Sprache mächtig ist. In den allermeisten Fällen tut die Politiksprache dies heute gewollt und professionell, sagt sie auf dieser ersten Ebene das, was gesagt werden soll. Die Botschaft wird ob der Professionalität der Schreiber und Sprecher zumeist adäquat verstanden. Die offizielle Politik beschäftigt und bezahlt Menschen, die ihr Handwerk verstehen. Hier ist viel Geld im Spiel und also zu verteilen, und Schreiberlinge sind nicht weniger korrupt, als die Beamten und die Politiker, die zuweilen von den Schreiberlingen der Korruptheit bezichtigt oder gar überführt werden. Besonders korrupt waren in den letzten BRD-Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts offenbar SPD-nahe quasi Intellektuelle, Autoren, Plakatkünstler – man sehe sich die Wahlkämpfer- und Aufruflisten an! Und man sehe sich das Ergebnis ihrer Bemühungen, ihres Einsatzes, ihres Gesichtshinhaltens an: Sozialabbau unter Schröder wie bei Kohl, Knechtung und Enteignung, dazu noch Verhöhnung der DDR-Bürger und der sonstigen Ausgegrenzten, Erniedrigten, Enteigneten und Entrechteten sowie Bombenkrieg gegen Jugoslawien und Verhöhnung auch dieser Opfer. Was zu keinerlei sichtbaren Konsequenzen bei den früheren Wahlkämpfern führte.

Zu der Ebene der inhaltlichen, der Sachaussage, mischt sich eine weitere, zweite Ebene, die etwas aussagt über den Wahrheitsgehalt, über die Absichten und deren Verschleierungen, in der der Redner bewusst, unter- oder unbewusst, vorder- oder hintergründig Aussagen macht über die Beziehung. Die, die er gern zu seinem Publikum hätte, die er selbst zu dem von ihm vorgetragenen Text hat. Wie redet ein SPD- Kanzler eine Menschengruppe an? Als liebe Genossen? Als liebe Kollegen, Freunde? Als meine sehr geehrten Damen und Herren?

Eine weitere Ebene ist bei mündlichem Vortrag die Gestik, die Körpersprache, das bewusste, aber professionell mechanisierte Setzen von Pausen, von Blicken in die Runde, Brille ab, Brille wieder auf usw. Heutzutage und mittlerweile unter der Anleitung professioneller Schauspiellehrer und Typberater bei Politprofis aller Parteien ein eingeübtes Repertoire, das keine ursprüngliche, menschliche Kommunikation des Redners mit seinem Publikum ist, aber darstellen soll, diese auch erfolgreich vorzutäuschen in der Lage ist. Im Zuge der immer weiteren Professionalisierung und Einfügung der Politik in das allgemeine Wirtschaftssystem – Politik also als ein Wirtschaftssektor unter anderen – ergeben diese Tendenzen zunächst eine bessere Erfolgschance desjenigen, der diese Schauspielkunst besser beherrscht als die Konkurrenz. Nachhaltig aber auch den weiteren Verlust an Authentizität und Glaubwürdigkeit dieses Politikers und mit ihm der gesamten Kaste. Je erfolgreicher das Individuum in kurzer Frist, desto problematischer für die Kaste auf Dauer.

Dass eine wirkliche Volksvertretung in den westlichen sogenannten Demokratien insgesamt nie stattgefunden hat, bedarf hier keiner weiteren Ausführung. Schon indem der Kandidat zum Abgeordneten wird, hat er spätestens aufgehört ein Volksvertreter zu sein. Er vertritt nunmehr eine 20.ooo-DM- bzw. 10.000 Euro-pro-Monat-Kaste, abgeschirmt vom Volk durch Geld, Bodyguards und sonstige Privilegien. Merke: Wandlitz ist heute kein Ort mehr im Norden Berlins, sondern überall dort, wo ein Abgeordneter, eine (Ex-) Ministerin sich gerade aufhält!

Und dann sind da noch die tieferen Ebenen des Texts. Spricht die Politik von der Deutschen Demokratischen Republik, von der „DDR“, der DDR oder der „ehemaligen“ DDR, von Frieden oder von „Frieden in Freiheit“, vom MfS oder von der „Stasi“? Und das sind selbstverständlich nur einige der bekanntesten und am leichtesten zu erkennenden Manipulationen. Die dennoch und gerade deswegen massenhaft unerkannt bleiben. Wieviel unterbewusster bzw. dort wirkender Appell, wie viel metaphorische Unterminierung, wieviel Indoktrination und Manipulation sind in solchen Trojanischen Pferden wie „Das Boot ist voll“ oder „Überfremdung“ enthalten? Mit denen die Politniks Stimmung statt Politik, eine Politik der Verstimmungen, der Ängste, der ständigen Hysterisierung macht?!

Das Volk ist mindestens so dumm wie die ihm gegenüber funktionierende Politiksprache. Also ziemlich. Bürgerliche Politiker schmeicheln ihrem Publikum, dem Volk, in recht regelmäßigen Anlässen und besonders gern vor einer besonders blöden Manipulation, dass es schließlich nicht dumm sei. Nicht so dumm, auf jeden hergelaufenen Worttrickangeber hereinzufallen. Meist als Vorwurf gegen einen Konkurrenten, der eben die Dummheiten dieses Demagogen anprangerte. Der sich wie sein Kontrahent auf seine Wirkung berufen kann, darauf, dass er massenweise Zustimmung erfährt. Widerrede ist nicht verboten – sie verbietet sich von selbst. Schon weil der Wähler nicht hören mag, dass er blöd sei, und auch der Kritiker des Demagogen letztlich auf dieselben Wähler und Wörter scharf ist. Und im Zweifelsfall könnten sich ja auch die eigenen Wähler ungünstig angesprochen fühlen.

Solche Wortgeplänkel kommen in telegener Regelmäßigkeit vor. Sie bewirken selbstredend – nichts. Nach dieser Schmeichelei, dass nämlich das Wahlvolk sehr wohl selbst entscheiden könne, Demagogen durchschauen würde, wird dann dieselbe Dummheit gleich noch einmal ans Publikum gebracht, die ihre Wirkung somit noch weniger verfehlen kann. Das geistige Niveau der BRD-ler, leicht messbar an großfressigen und -auflagigen Gazetten wie „Bild“, „Super illu“, an den Argumententationen, mit denen es innerhalb kürzester Zeit für fast jeden Angriffskrieg genauso wie für „Kunst“-Ereignisse wie die Verhüllung des Reichstags fit gemacht werden kann, verbunden mit einer Kritik- und Orientierungslosigkeit und gläubig-christlicher Ohnmacht unterscheidet sich trotz des durchschnittlich längeren Schulbesuchs, trotz des Umgangs mit allen möglichen multimedialen Errungenschaften bis hin zum Internet in den wesentlichen Fragen des Lebens kaum von dem der Nach- und Mitläufer des Braunauers, den Zeiten evangelischer Hexenprozesse: Es ist dumm, weil es in Dummheit gehalten wird, es informiert sich nicht, obwohl und weil es theoretisch wie praktisch könnte, es frisst kritiklos, was ihnen Springer, Burda, die Bertelsmänner, CDU und SPD, ARD und ZDF, RTL, Sat und Vox zu fressen geben. Es wählt die Scheiße, in der es steckt und aus der es vorgeblich raus will und dann doch wieder nicht wirklich, traditionell immer wieder selbst und neu. Dabei ist die Sprache verräterisch genug. Wie damals. Aber wie die simpelsten Trickbetrügertricks der Klein-, Mittel- und Großkriminalität immer und immer wieder funktionieren, so auch die des politischen Klein- und Großbetrugs. Und die Großbetrüger werden schon gar nicht müde in ihrem Tun. Die Weltgeschichte lehrt: Eher gehen 20 Revolutionen durch ein Nadelöhr und selbstverständlich schief, werden zig Tausende Rebellen, Revolutionäre, wahre Volksvertreter umgebracht, als dass ein bürgerlicher Politiker für seine Verbrechen zur Verantwortung gezogen würde!

Wer weiß schon noch, dass der große „Führer“ A. Hitler Ende 1933 ein Plebiszit veranstalten ließ und der „Centralverein Jüdischer Staatsbürger“ damals für Hitler stimmte?! Obwohl dessen Kampfbuch bekannt genug war. Warum darf man heute sagen, die DDR-Bürger hätten ihre heutige Lage mehrheitlich gewählt (was nicht stimmt), indem eine Minderheit von ihnen 1990 die „Allianz für Deutschland“ wählte, während man nicht sagen darf, die deutschen Juden hätten ihre Vernichtung selbst gewählt, also demokratisch gewollt und herbeigeführt, indem sie für A. Hitler stimmten? Wobei letzteren zusätzlich anzulasten wäre, dass Hitler sie nicht belogen hat, dass sowohl er als auch die Nazi-Gegner hinreichend anzeigten, welches sein Programm sei. Während die DDR-Bürger nach Strich und Faden belogen wurden.

Im dem „Lexikon der Machtwörter und Ohnmachtwörter, der Phrasen und Begrifflichkeiten“ werden einige häufig zur Unterwerfung und Unterdrückung der DDR-Bürger durch die Westherrschaft gebrauchte Wörter, Begriffe und Begrifflichkeiten vorgestellt sowie einige der dazu gehörigen Ohnmachtsantworten mitsamt kurzer Analysen bzw. Erklärung des Gemeinten und Bewirkten, aber auch Wörter, die absichtsvoll eben nicht benutzt werden, aber hinter den Taten stehen und zum Verständnis der Herrschaftsverhältnisse benötigt werden. Und gerade deswegen weitestgehend unbekannt oder doch wenigsten unreflektiert bleiben.

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