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Medienberichte: über 50% der jungen Russen wollen auswandern – Was sind die Hintergründe?


Medienberichte: über 50% der jungen Russen wollen auswandern – Was sind die Hintergründe?

antispiegel  Anti-Spiegel, 28. November 2019

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Wie stark wirkt eigentlich die westliche Propaganda in Russland auf die Menschen? Die Antwort auf diese Frage findet sich in einer Studie, über die in Deutschland berichtet wurde, die aber gleichzeitig aufzeigt, wie schwer es für deutsche Journalisten ist, über ein Land zu berichten, das sie nicht kennen.

Am 26. November hat der Spiegel unter der Überschrift Umfrage – Mehrheit junger Russen würde gern auswandern über die Umfrage des russischen Lewada-Instituts berichtet. Und am 28. November hat es auch RT-Deutsch unter der Überschrift Russland – Umfrage: Mehr als die Hälfte junger Russen würde gern auswandern getan.

Beide Artikel waren erstaunlich identisch. Der Spiegel-Artikel war etwas länger und hat ein wenig ausführlicher über die angeblich schlechten Lebensbedingungen in Russland berichtet. Aber die Kernaussagen waren in beiden Artikeln identisch. Ich zitiere dazu den Spiegel, fast wortgleich kann man das auch bei RT-Deutsch lesen:

„Mehr als die Hälfte der Russen im Alter zwischen 18 und 24 Jahren würde einer Umfrage zufolge am liebsten das Land verlassen. Das ist der höchste Wert seit zehn Jahren, wie das Meinungsforschungsinstitut Lewada mitteilte. Allein von Mai bis September sei der Wert um 16 Prozentpunkte gestiegen. (…) Über alle Altersklassen hinweg lag der Anteil der Auswanderungswilligen bei 21 Prozent, sechs Punkte mehr als im Mai.“

Das ist von beiden korrekt aus der Umfrage zitiert. Allerdings findet der aufmerksame Leser in der Umfrage eine Diskrepanz, die misstrauisch machen müsste. In der Umfrage wurde nämlich auch gefragt, ob die Menschen tatsächlich etwas Konkretes unternommen haben, um auszuwandern. Und da zeigt sich folgendes Bild: weniger als 1 Prozent ist dabei, Papiere für die Auswanderung vorzubereiten, 1 Prozent hat die „feste Entscheidung“ zum Auswandern getroffen, 6 Prozent denken über „die Möglichkeiten einer Auswanderung“ nach, 16 Prozent denken darüber „manchmal“ nach und 78 Prozent haben noch nie daran gedacht.

Wir sehen also eine klare Diskrepanz zwischen dem abstrakten Wunsch, das Land zu verlassen (21 Prozent) und dem Anteil, der tatsächlich entschlossen zur Auswanderung ist (weniger als 2 Prozent), bzw. denen, die zumindest mehr oder weniger ernsthaft über eine Auswanderung nachdenken (6 Prozent). Die Frage ist, wie kommt es zu dieser Diskrepanz?

Um das zu verstehen, muss man tatsächlich Russland kennen. Ich kann aus eigenem Erleben bestätigen, dass viele – vor allem junge Menschen – im Gespräch erzählen, sie würden gerne im Westen leben. Mehr noch: Wenn ich Menschen kennen lerne, dann höre ich oft die ungläubige Frage „Wir wollen alle nach Deutschland und Du bist aus Deutschland hierher ausgewandert? Warum?“ Und ich antworte dann: „Weil es einfach toll ist in Russland!“ und ernte meist ungläubige Blicke.

Die Reaktion der Russen lässt sich aus zwei Phänomenen erklären, die ineinandergreifen. In den 1990er Jahren lag das Land am Boden und damals ist tatsächlich ein großer Anteil der damals jungen Leute ausgewandert, wenn es eine Möglichkeit gab. Wer sich an die Zeit erinnert, der weiß noch, dass damals unglaublich viele Russen zum Studieren nach Deutschland gekommen sind und gehofft haben, in Deutschland bleiben zu können.

Damals lag Russland am Boden, die Löhne lagen bei 150 Dollar monatlich, das Rechtssystem, ja ganze staatliche Strukturen waren zusammengebrochen und im Land herrschten Armut, Korruption und sogar Gesetzlosigkeit. Auch die Polizei war korrupt und eine Straftat anzuzeigen, war damals reine Zeitverschwendung.

Gleichzeitig hörten die Russen damals, wie viel besser das Leben im Westen war und dass deutsche Rentner im Süden am Strand liegen, während die russischen Renten nicht einmal für Lebensmittel ausreichten. Diese Klischees haben sich im kollektiven Bewusstsein bis heute gehalten und viele Russen glauben immer noch, dass im Westen Milch und Honig fließen. Dabei ist der Lebensstandard in Russland nicht heute nicht schlechter, als in Deutschland. Die durchschnittliche russische Familie hat eine Wohnung, ein Auto und fährt einmal im Jahr in den Süden in den Urlaub. Sie lebt so, wie auch die durchschnittliche deutsche Familie lebt.

Aber auch die Medienberichte in Russland stützen die Klischees weiterhin. Das will ich an drei Beispielen aufzeigen.

Erstes Beispiel: Lebensstandard

Das Durchschnittseinkommen in Deutschland liegt bei ca. 3.000 Euro monatlich. Wenn das ein Russe in meiner Heimat St. Petersburg hört, wo das Durchschnittseinkommen bei 1.000 Euro liegt, denkt er sich natürlich, in Deutschland herrsche der pure Reichtum.

Was aber nicht berichtet wird ist, dass der Deutsche nach Abzug von Steuern und Sozialabgaben ca. 1.600 Netto übrig hat und in einer Großstadt noch mindestens 800 Euro Miete für eine durchschnittliche Wohnung zahlen muss. Bleiben 800 Euro zum Leben und zum Beispiel Benzin oder ÖPNV sind in Deutschland ungleich teurer, als in Russland.

Der Russe hingegen hat die 1.000 Euro netto, in Russland wird nie über Bruttoeinkommen gesprochen, sondern nur über Nettoeinkommen. Und in Russland gibt es keine Wohnungsnot, eine gute Wohnung kann man für 300 Euro mieten. Der Ivan Durchschnittsverbraucher hat also nur 100 Euro weniger, als Otto Normalverbraucher. Und wenn man dann noch bedenkt, dass ein Monatsticket für den ÖPNV in Petersburg nur 30 Euro kostet, bzw. der Liter Benzin bei 60 Cent liegt, heben sich die 100 Euro Unterschied auch noch auf.

Hinzu kommt, dass in Russland Anfang der 1990er jeder die Wohnung, in der er wohnte, kostenlos privatisieren konnte. In jeder russischen Familie gibt es also mindestens eine unbelastete Eigentumswohnung. Junge Leute müssen zwar trotzdem immer öfter mieten, weil die Eltern in der Wohnung leben oder weil sie in eine andere Stadt gehen, aber die Mieten sind bezahlbar, wenn man denn mieten muss. Aber irgendwann – so ist der Lauf der Dinge – erbt man die Wohnung der Eltern.

Wenn mir Russen die Legende vom tollen Leben im Westen erzählen, dann erkläre ich ihnen diese Zahlen und sie werden dann recht nachdenklich. Viele können es gar nicht glauben und googeln erst einmal eine halbe Stunde, bevor sie mir glauben, dass die Abzüge und Mieten in Deutschland so hoch sind.

Zweites Beispiel: Rente

Ich habe das Thema schon mal analysiert und es gilt das gleiche, wie beim Lebensstandard. Von den 1.000 Euro Durchschnittsrente, die ein Rentner in Hamburg hat, gehen Miete und die anderen Festkosten ab, sodass ihm am Ende kaum 200 Euro zum Leben bleiben. Der Russe in Petersburg hat ca. 200 Euro Durchschnittsrente, aber kaum Abzüge, denn zum Beispiel Krankenversicherung und ÖPNV ist für Rentner kostenlos. Auch hier ist der Unterschied bei der Kaufkraft nach Abzug der Festkosten am Ende gering.

Man kann daher generell sagen, dass es keinen Sinn macht, die Einkommen zu vergleichen, wenn man etwas über den Lebensstandard oder die Kaufkraft erfahren möchte. Man muss immer die Umstände und vor allem die monatlichen Festkosten einrechnen. Aber da die Medien das nie tun, haben die Russen das Gefühl, im Westen würden tatsächlich Milch und Honig fließen und sie sind immer ganz überrascht, wenn ich ihnen die tatsächlichen Zahlen zeige.

Drittes Beispiel: Menschenrechte und Meinungsfreiheit

Oft sitze ich in Straßencafés in Russland mit Freunden zusammen, die Putin und die Regierung doof finden und die mir erzählen, in Russland gäbe es Probleme mit Menschenrechten oder Meinungsfreiheit. Ich frage dann irgendwann: „Wie werden denn ganz konkret Deine Rechte eingeschränkt?“

Darauf bekomme ich oft schon keine Antwort, denn sie haben ja gerade in aller Öffentlichkeit Putin kritisiert und die Polizisten, die vorbeigelaufen sind, haben sie nicht verhaftet. Man darf in Russland die Regierung und ihre Politik kritisieren, das ist kein Problem und findet auch in den Medien statt.

Manche erzählen dann, dass ja gerade wieder eine Demo nicht erlaubt und von der Polizei aufgelöst worden ist. Dann frage ich: „War die Demo denn verboten? Oder war sie erlaubt?“

Und hier kommt die Feinheit, mit der die Opposition in Russland arbeitet: Solche Demos werden gerne an Orten angemeldet, an denen sie sicher nicht erlaubt werden. Zum Beispiel will Nawalny immer an Feiertagen vor dem Kreml demonstrieren, wo an den Tagen aber Volksfeste stattfinden. Der Staat erlaubt dann zwar die Demo, aber an einem anderen Ort vor, zum Beispiel in einen Park im Stadtzentrum. Das will Nawalny aber nicht und er ruft seine Teilnehmer trotzdem zum Kreml, wo die Demo dann kamerawirksam aufgelöst wird. Auch bei den Demos im Sommer in Moskau war es mehrmals so, dass die Demos zwar genehmigt waren, aber nicht dort, wo die Demonstranten dann aufmarschiert sind.

Das wäre in Deutschland nicht anders. Wenn Pegida eine Demo an einem Ort abhalten wollte, wo ein Volksfest stattfindet, würden die Behörden auch einen anderen Ort vorschlagen. Oder wenn eine Demo von 300 Leuten unbedingt einen wichtigen Autobahnring in einer Großstadt zum Demonstrieren blockieren wollte, würden die Behörden wohl auch einen anderen Ort vorschlagen, weil ein Verkehrskollaps wegen 300 Demonstranten nicht angemessen ist.

Ansonsten gilt in Russland das Gleiche, wie in Deutschland: Die Meinungsfreiheit ist gegeben, solange man keine Volksverhetzung betreibt. In Russland sind Nazi-Symbole und Aufrufe zum Rassenhass genauso nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt, wie in Deutschland. Das einzige was in Russland als verbotene Meinungsäußerung gilt, was in Deutschland gesetzlich erlaubt ist, sind anti-religiöse Äußerungen.

Russland ist ein Staat mit 130 ethnischen Gruppen und alle Weltreligionen sind in Russland vertreten. Daher ist Russland streng, wenn jemand die religiösen Gefühle anderer beleidigt. Russland möchte nicht, dass im Staat die ethnischen Gruppen oder die Religionen aufeinandergehetzt werden können, daher diese Regelung. Aufgrund dieser Regelung wurde seinerzeit Pussy Riot verurteilt, als sie auf einem Altar ihren „Protest“ aufgeführt haben. Das gilt als Beleidigung der religiösen Gefühle der Christen. Und aus diesem Grund (weil ich danach immer wieder gefragt werde) wurden auch die Zeugen Jehovas in Russland verboten, denn in ihren Schriften äußern sie sich immer wieder abfällig über andere Glaubensrichtungen oder andere Religionen. Das ist nicht in Russland nicht erlaubt. Die eigene Religion toll finden darf man, eine andere abwerten, das darf man hingegen nicht.

Es gibt also in Russland keine Einschränkungen, die über das hinausgehen, was es in westlichen Ländern auch gibt. Denn seien wir ehrlich: Wer den Islam oder das Judentum öffentlich angreift, begibt sich auch in Deutschland auf sehr dünnes Eis.

Und wenn ich den Russen das erklärt habe, dann werden sie nachdenklich. Das einzige „Argument“, dass ich dann manchmal noch höre ist: „Was interessiert mich der Westen? Ich will, dass es hier anders wird!“

Ich frage dann zurück: „Aber am Anfang hast Du doch gesagt, dass es im Westen besser ist…?“

Darauf gibt es dann ein gemeinsames Lachen und das Thema ist von Tisch.

Aber diese alten Klischees und die dauerhafte Berieselung der (westlichen) Medien darüber, wie schlimm in Russland alles ist, haben dazu geführt, dass die Russen irgendwie immer noch glauben, im Westen sei alles besser. Und wenn mir jemand erzählt, er verdiene als Kassierer im Supermarkt so wenig Geld, dann sage ich ihm, dass das überall so ist. Und wenig Geld zu verdienen, macht in keinem Land der Welt Spaß.

Was mich bei der Berichterstattung über die Umfrage gewundert hat ist nicht, dass der Spiegel diese Hintergründe verschweigt. Mich hat gewundert, dass RT-Deutsch, das nicht erklärt hat, denn die Diskrepanz in der Umfrage zwischen denen, die angeblich auswandern wollen und denen, die es tatsächlich vorbereiten oder ins Auge fassen, sticht ins Auge. Und wie gesagt, die Idee, aus Russland auszuwandern, haben viele. Aber es ist eben bei den meisten nur eine Idee, der sie nicht ernsthaft folgen.

Zum Abschluss daher noch eine interessante Frage: Was glauben Sie, wandern mehr Deutsche aus Deutschland aus oder wandern mehr Russen aus Russland aus?

Bei 82 Millionen Einwohnern in Deutschland sind 2017 249.000 Deutsche ausgewandert. Aus Russland sind 2017 von 144 Millionen Einwohnern 62.000 Russen ausgewandert.

Als ich diese Zahlen gesehen habe, stellte sich mir die Frage, wie viele Menschen in Deutschland bei einer solchen Umfrage wohl sagen würden, dass sie schon mal ans Auswandern gedacht haben.

 

antispiegelAutor: Anti-Spiegel

Thomas Röper, geboren 1971, hat als Experte für Osteuropa in Finanzdienstleistungsunternehmen in Osteuropa und Russland Vorstands- und Aufsichtsratspositionen bekleidet. Heute lebt er in seiner Wahlheimat St. Petersburg. Er lebt über 15 Jahre in Russland und spricht fließend Russisch. Die Schwerpunkte seiner medienkritischen Arbeit sind das (mediale) Russlandbild in Deutschland, Kritik an der Berichterstattung westlicher Medien im Allgemeinen und die Themen (Geo-)Politik und Wirtschaft.

 

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