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Interview mit Ex-Rebellen in Donezk: Fühlen uns von Russland verraten & Zwei Kommentare


Interview mit Ex-Rebellen in Donezk: Fühlen uns von Russland verraten

logo-rt-deutsch, 01.12.2019

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Quelle: RT © Zlatko Percinic Vor dem völlig zerstörten Internationalen Flughafen Donezk (Bild vom 25. März 2017).

„Wofür haben wir gekämpft und so viel Blut vergossen“, fragt ein ehemaliger Kämpfer der Donezker Volkswehr und meint den Teilabzug von Truppen auf beiden Seiten der Frontlinie. Im Gespräch mit RT Deutsch übt Nikita V. auch schwere Kritik an Russland – aber aus anderen Gründen als der Westen.

Die durch den Putsch in Kiew 2014 an die Oberfläche gespülten ukrainischen Nationalisten und Rechtsradikalen sorgten im russischsprachigen Osten des Landes schon früh für Nervosität. Als dann die Interimsregierung Armee und Freiwilligenverbände in den Donbass schickte, von denen einige offen mit dem Nazismus sympathisierten, war Menschen wie Nikita V. klar, dass sich ihr Leben grundlegend verändern würde. Nikita stand zu diesem Zeitpunkt kurz vor seinem 25. Geburtstag und entschied sich nach den ersten Luftschlägen der ukrainischen Luftwaffe im Juni 2014, dass er den Donbass den herannahenden Truppen nicht kampflos überreichen werde.

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Mehr lesen: Die Ukraine und die fatale Verknüpfung von Minsk II mit den Russland-Sanktionen

So wie er dachten auch tausende andere Männer im Donbass. Das Problem aber war, dass sie keine ausgebildeten Soldaten waren, sondern Minenarbeiter, Bauern, Fabrikmitarbeiter und Geschäftsmänner. Und ihnen fehlten Waffen. Über diese Zeit und der aktuellen Entwicklung des Truppenabzugs und der möglicherweise bevorstehenden Wiedereingliederung der selbstausgerufenen Volksrepubliken von Donezk und Lugansk in die Ukraine, sprach RT Deutsch mit Nikita V.

Herr V., was halten Sie von dem Teilabzug der beiden Kriegsparteien an einigen Punkten der Frontlinie und der Aussicht, dass die Donezker und Lugansker Volksrepublik wieder unter die Souveränität der Ukraine zurückgeführt werden?

Für die Menschen entlang der Kontaktlinie ist das sicherlich eine begrüßenswerte Entwicklung. Sie können nach Jahren des täglichen Beschusses endlich etwas aufatmen und müssen keine Angst vor Granaten haben. Sie haben über fünf Jahre ausgeharrt und ließen sich trotz größter Lebensgefahr nicht von ihrem Zuhause vertreiben. Ihnen gebührt unser aller Respekt und ihre Präsenz hat uns, die nur wenige hundert Meter vor ihnen in den Gräben saßen und versucht haben, die Stellung zu halten, sehr viel Kraft gegeben. Sie harrten in ihren Häusern aus, obwohl sie manchmal über Monate hinweg keinen Strom und Gas hatten. Das ist wirklich bemerkenswert.

Was die eventuelle Rückkehr unserer Volksrepubliken in die Ukraine angeht, das belastet mich und viele andere der Rebellen sehr, die dem Ansturm der Ukrainer am Anfang standgehalten haben. Wir haben in den ersten Wochen unkoordiniert und mit völlig unzureichenden Waffen gekämpft. Das war die Zeit, wo wir sehr viele Tote zu beklagen hatten. Viele meiner Freunde sind bei diesen Kämpfen ums Leben gekommen, beim neuen Flughafen (Internationaler Flughafen von Donezk/Anm.), bei der Verteidigung der strategisch wichtigen Anhöhe von Sawur-Mohyla, in Ilowajsk, in Debaltsewo. Und wofür haben wir gekämpft und so viel Blut vergossen? Damit wir all das, was wir trotz internationaler Isolation aufgebaut haben, aufgeben und wieder in die Ukraine gehen?

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Quelle: RT © Zlatko Percinic
Zerstörter Internationaler Flughafen von Donezk (Bild vom 25. März 2017).

Ist es nicht gerade diese Isolation, die eine politische Lösung mit der Ukraine notwendig macht?

Ich kann nur für mich sprechen. Für all das Leid, dass sie (die Ukraine) uns angetan hat, gibt es keine Entschuldigung und keine Vergebung und deshalb auch keine Rückkehr. Natürlich diskutieren wir im Freundeskreis darüber und manche sagen, eine Rückkehr könne nur dann erfolgen, wenn Kiew dem Donbass weitreichende Autonomie zugesteht. Doch die mit Abstand wichtigste Voraussetzung wäre, dass in der Ukraine wie in Deutschland eine Entnazifizierung stattfindet. Diese Verbrecher müssen strafrechtlich verfolgt und bestraft werden. Aber bisher gibt es keinerlei Anzeichen, dass Präsident Selenskij irgendetwas gegen diese Kräfte unternimmt, die selbst für ihn eine Gefahr darstellen.

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Mehr lesen: RT-Spezial: Ist Frieden mit der Ukraine möglich? Donezk nach fünf Jahren Krieg (Video)

Im Westen hat sich die Behauptung durchgesetzt, dass Russland die Ostukraine besetzt habe. Was sagen Sie dazu?

Auch hier spreche ich wieder nur für mich, weiß aber, dass viele andere auch so denken. Für uns in den Volksrepubliken hätte nichts Besseres passieren können, wenn russische Truppen hier einmarschiert wären. Dann wäre dieser Krieg hier schon vor langer Zeit beendet gewesen oder wäre die Front am Dnjepr und nicht vor Donezk verlaufen. Russland hätte nicht monatliche Hilfsgüter schicken müssen, sondern wir hätten mit unseren eigenen Händen wie zuvor für unser Leben sorgen können. Aber all das ist nicht passiert. Natürlich haben wir Hilfe von russischen Freiwilligen erhalten, die uns in unseren schwersten Stunden beigestanden haben.

Ich hätte es nur zu gern gesehen, wenn wir in die Russische Föderation aufgenommen worden wären. Viele Menschen hier haben gehofft, dass Präsident Putin nach der Wahl im vergangenen Jahr mehr für uns tun würde, uns vielleicht wie die Krim auch von der Ukraine befreien würde. Aber all das ist nicht geschehen. Es ist vollkommen absurd von einer russischen Besatzung zu sprechen. Im Gegenteil, viele von uns fühlen uns von Russland verraten, weil wir nicht denselben Weg wie die Krim gehen durften. Schauen Sie sich doch an, wie sich die Krim seitdem entwickelt hat. Das wäre auch hier möglich gewesen. Stattdessen drängt uns Moskau nun zurück in die Arme Kiews.

Sie haben gesagt, dass sie sich von Anfang an den Rebellen angeschlossen haben. Wann sind Sie ausgestiegen?

Das war ein paar Monate nach der Schlacht um Debaltsewo, als klar wurde, dass sich dieser Krieg zu einem festgefrorenen Konflikt entwickelt. Die ukrainische Blockade und internationale Isolation hat dazu geführt, dass sich hier eine neue Oligarchiekaste von Kriegsprofiteuren gebildet hatte. Diese Leute standen nicht für das ein, wofür wir gekämpft haben. Wir wollten ein neues Land aufbauen und uns von den alten Oligarchen befreien. Zwar ist tatsächlich einiges besser geworden als zu Zeiten der Ukraine, aber das Geschäftsmodell der Oligarchie ist gleichgeblieben. Im Hintergrund ziehen sogar immer noch dieselben Männer die Fäden wie zuvor, nur die Handlanger wurden ausgetauscht. Dafür war ich nicht mehr bereit, mein Leben zu geben. Wie übrigens hunderte andere Männer auch, die 2014 freiwillig an die Front gingen, um ihr Vaterland zu verteidigen.

Obwohl wir eine Regierung haben, haben wir nach wie vor verschiedene Befehlsgewalten. Das liegt an den Anfängen unserer Rebellion gegen die Ukraine, als verschiedene Kommandeure ihre eigenen Männer hatten und misstrauisch gegenüber anderen Kommandeuren waren, die eigentlich für dieselbe Sache kämpften. Nehmen Sie nur das Beispiel des getöteten Präsidenten Alexander Sachartschenko: auch ihm unterstand bis zuletzt ein eigenes Bataillon.

Schauen Sie nur, was mit anderen Kommandeuren wie Motorola (Arsen Pawlow), Giwi (Michail Tolstijch) oder den Kosaken Alexej Mozgowoi passiert ist. Sie allen wurden wie Sachartschenko aus dem Weg geräumt, weil sie aufgrund ihrer Popularität bei den Menschen und eben Bataillonen, den sie vorstanden, für jene Kräfte zu gefährlich wurden, die ein Interesse am Status Quo in den Volksrepubliken haben.

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Ex-Rebell Nikita V. unweit der Frontlinie (Bild vom 10. Mai 2018).

Mehr zum Thema – Wer hat Tausende zivile Opfer im Donbass-Krieg in der Ostukraine zu verantworten?

 

Gunnar_R_Vogel schreibt dazu auf RT:

Hier haben wir das zentrale Problem der 5. Kolonne des Imperialismus in Moskau vor uns. Und das sind keineswegs nur die Schreihälse des Herrn N., das sind diejenigen, die – leider – immer noch ein Gutteil der ökonomischen Macht in den Händen halten. Als die Schnapsleiche Jelzin, der Massenmörder der USA, abgesägt werden konnte, blieben sie aufgrund des Kompromisses, der das möglich machte, ungeschoren. Dabei hätten diese Gauner sofort als Diebe des Volksvermögens in den Knast gehört. Unter diesen Kreisen gibt es leider immer noch zu Viele, die glauben, sie würden von der WWG „akzeptiert“, wenn sie sich zu Füßen der USA und EU niederlegen. Wie einst Mao erkannte: es sind Verräter im doppelten Sinne: Verräter an der eigenen Gesellschaft, an der sie nur Parasiten sind und Verräter ihres Mutterlandes, das sie zum Wohle des eigenen (geraubten) Geldsacks an den Westen ausliefern wollen. Wenn Russland überleben will, muss es dieses Problem lösen. Die konkreten Auswirkungen des Problems in Sachen der Donbass-Republiken beschreibt der Genosse hier eindringlich. Wenn die Rechnung der 5. Kolonne in Moskau nicht aufgeht, dann hat das einen ganz anderen Grund: den Imperialismus. Der akzeptiert nämlich nur die totale Unterwerfung, die totale Unterordnung. So oder so. Und die Russische Föderation ist für diese Aasgeier nichts anderes als ein Steinbruch, den es auszubeuten gilt. Das lässt wenig Spielraum für Verrätereien, ohne als solcher erkennbar zu werden.

Auf der anderen Seite, der der EUSA – Bandera-Ukraine, gibt es derzeit den Clown S., der möglicherweise vielleicht versuchen möchte, die vom Imperialismus gewollte Konfrontation aufzubrechen. Daraus wird aber nichts werden – aufgrund der EUSA-Faschisten, die wirklich den Gang der Dinge in der Ukraine bestimmen. Sie sind die treuen Pudel ihrer imperialistischen Herren. Sie begehen jedes Verbrechen, sind komplett gewissenlos, sie haben vom Imperialismus Carte blanche. Und Herr S. wäre nicht der Erste und auch nicht der Letzte, den sie, wenn vom Imperium gewünscht, ermorden würden. Das weiß auch Herr S. Und er weiß, dass es für ihn aus dieser Klemme kein Entkommen gibt. Aus all dem kann zumindest eine Schlussfolgerung abgeleitet werden: die Donbass-Republiken werden höchstwahrscheinlich über Lang ein Teil der Russischen Föderation. Und es wird der Imperialismus sein, der dies erzwingt. Wider Willen. Das nennt man Dialektik.

Thomas Anders schreibt dazu auf Facebook:

Auch der Interviewte bestätigt, was etliche jener, die sich für den Donbass interessieren, ahnten, und mit Givi und Motorola mitfieberten:

 „Die ukrainische Blockade und internationale Isolation hat dazu geführt, dass sich hier eine neue Oligarchiekaste von Kriegsprofiteuren gebildet hatte. Diese Leute standen nicht für das ein, wofür wir gekämpft haben. Wir wollten ein neues Land aufbauen und uns von den alten Oligarchen befreien. Zwar ist tatsächlich einiges besser geworden als zu Zeiten der Ukraine, aber das Geschäftsmodell der Oligarchie ist gleichgeblieben. Im Hintergrund ziehen sogar immer noch dieselben Männer die Fäden wie zuvor, nur die Handlanger wurden ausgetauscht. Dafür war ich nicht mehr bereit, mein Leben zu geben. Wie übrigens hunderte andere Männer auch, die 2014 freiwillig an die Front gingen, um ihr Vaterland zu verteidigen.

 Obwohl wir eine Regierung haben, haben wir nach wie vor verschiedene Befehlsgewalten. Das liegt an den Anfängen unserer Rebellion gegen die Ukraine, als verschiedene Kommandeure ihre eigenen Männer hatten und misstrauisch gegenüber anderen Kommandeuren waren, die eigentlich für dieselbe Sache kämpften. Nehmen Sie nur das Beispiel des getöteten Präsidenten Alexander Sachartschenko: auch ihm unterstand bis zuletzt ein eigenes Bataillon.

 Schauen Sie nur, was mit anderen Kommandeuren wie Motorola (Arsen Pawlow), Giwi (Michail Tolstijch) oder den Kosaken Alexej Mozgowoi passiert ist. Sie allen wurden wie Sachartschenko aus dem Weg geräumt, weil sie aufgrund ihrer Popularität bei den Menschen und eben Bataillonen, den sie vorstanden, für jene Kräfte zu gefährlich wurden, die ein Interesse am Status Quo in den Volksrepubliken haben.“

 (Text redaktionell bearbeitet)

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