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Die Sowjetunion hatte keine andere Wahl


Die Sowjetunion hatte keine andere Wahl

d.-s.-nichtangriffsvertrag
(Bild von mir eingefügt) © CC BY-SA 3.0

(Anm.: Hitler-Stalin-Pakt ist der diffamierende Name eines Vertrages, der mit richtigem Namen: Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffsvertrag, heißt. Der Name: „Hitler-Stalin-Pakt“, wird gerne, in desavouierender Weise von bürgerlichen Geschichtsklitterer benutzt, und soll suggerieren, Hitler und Stalin hatten einen Pakt getroffen, um Europa unter sich aufzuteilen. Damit soll die Gleichsetzung von Faschismus und Sozialismus erfolgen.)

Der sogenannte Hitler-Stalin-Pakt gehört nach wie vor zum bevorzugten Repertoire antikommunistischer Propaganda. Auf der Basis der Unkenntnis vieler über die Kompliziertheit der damaligen Vorgänge werden (manipulativ) Tatsachen ausgeblendet oder gar auf den Kopf gestellt.

Im Verlauf der letzten 70 Jahre wandelte sich die Zielrichtung der Darstellung. Konstant geblieben ist nur ihre antikommunistisch-antisowjetische Ausrichtung. Dennoch gab es zeitlich unterschiedliche Akzente. Anfangs ging es darum, der UdSSR Aggressivität anzudichten, dann um eine Gleichsetzung des deutschen Faschismus mit der Sowjetunion unter Stalin, später darum, ihr eine Mitschuld, wenn nicht sogar Hauptschuld am Ausbruch des 2. Weltkrieges zu geben.

In der 1989 in der DDR entbrannten Diskussion bestand die Hauptstoßrichtung darin, zu suggerieren, daß Moskau mit dem Pakt aus eigenem Interesse Verbündete opfern würde.

Auf die Sowjetunion zu zählen, hätte also keinen Sinn. Das begünstigte eine zunehmend schwankende Haltung zu diesem Vertrag unter DDR-Bürgern und auch Linken.

In der UdSSR wurde im Zuge von Perestroika der Pakt, vor allem das Zusatzprotokoll, durch den rechtsdominierten Volksdelegiertenkongreß im Dezember 1989 mehrheitlich in Frage gestellt: Stalin hätte sich den Deutschen zugewandt, um imperiale Ziele realisieren zu können.

In den öffentlichen wie auch wissenschaftlichen Diskussionen über den „Hitler-Stalin- Pakt“ spielt die Frage nach der Option durch die sowjetische Seite eine ausschlaggebende, vor allem eine politische und somit propagandistische Rolle.

Unter marxistisch-leninistischen Historikern gab es hinsichtlich dieser Frage kaum Zweifel. Vielmehr wurden moralische und philanthropische Bedenken geltend gemacht.

Bürgerliche Historiker und Medien hingegen halten hartnäckig an einer Wahlmöglichkeit fest: Stalin hätte ein Bündnis mit dem Westen ausgeschlagen.

Bemerkenswert ist, daß die Publikation eines bürgerlichen polnischen Historikers aus dem Jahre 2014 nicht nur die marxistische Sicht mit neuen Fakten untersetzt. Er belegt zweifelsfrei durch polnische, britische, französische und deutsche Quellen, daß die Westmächte keinesfalls willens waren, Polen zu helfen. Schlimmer noch: Sie trieben Polen in den Krieg, damit sie selbst verschont blieben. Demzufolge war auch nie ein Militärbündnis mit der UdSSR ins Auge gefaßt worden.
(Anm.: siehe dazu die Aussage vom Marschall der Sowjetunion, G.K. Shukow, unten)

Polen hatte zu Deutschland und der UdSSR seit 1932/34 relativ gute Beziehungen, was den Westmächten nicht behagte. So war es auch nicht möglich, Hitler auf die UdSSR zu hetzen. Als Hitler Polen jedoch ein Ultimatum stellte, sein Vasall zu werden oder zu kämpfen, griffen die Westmächte ein. Sie befürchteten, daß Polen sich Hitler fügt und er sich statt nach Osten nach Westen wenden würde.

Polen verweigerte sich Hitler, setzte aber auf Verhandlungen. Um Polens Widerstand zu bestärken und die eigene Ruhe im Westen zu sichern, wurden Polen politische und militärische Garantien versprochen. Die polnische Führung fühlte sich bestärkt. Doch weder die militärischen noch materiellen Versprechungen wurden je eingehalten.

Am 4. Mai 1939 beschlossen die Westmächte insgeheim, Polen jegliche Hilfe zu verweigern, es offiziell aber hinzuhalten. Daher wurden im Mai und August Militärbündnisse zwischen Polen und Frankreich/Großbritannien abgeschlossen. Nichtsahnend fühlten sich die Polen sicher, kauften für teures Geld Kriegsgerät, wovon aber nie etwas ankam. Als man sich der Kampfbereitschaft Polens sicher war, versuchten die Westmächte noch Warschau zu einem Zusammengehen mit der Sowjetunion zu überreden, die UdSSR mit Polen Hitler allein gegenüberstehen zu lassen. Doch das lehnte Warschau entschieden ab.

Als der Krieg begann, erklärte der Westen erst am 4. September Deutschland den Krieg, darauf rechnend, daß, bevor der Bündnisfall nach 14 Tagen einträte, Polen schon besiegt wäre. Am 12. September erklärte der Oberste Kriegsrat der Alliierten in Abbeville, daß auch jetzt keine Unterstützung Polens erfolgen und die französischen Truppen die wenigen Quadratkilometer deutschen Gebietes, das sie erobert hatten, räumen sollten. Die polnische Seite wurde darüber nicht informiert, ihr wurde im Gegenteil sogar Unterstützung versprochen. Doch kamen weder englische Schiffe noch alliierte Flugzeuge zu Hilfe.

Über das doppelte Spiel der Westmächte war die Sowjetführung im Wesentlichen durch ihre diplomatischen Vertretungen und ihre Auslandsaufklärung informiert. In offiziellen Publikationen griff sie zudem die deutsch-britischen Geheimverhandlungen zur Erlangung eines Modus vivendi und die schleppende Verhandlungsführung der Westmächte insgesamt an. Als die Bevollmächtigten der Westmächte dann in Moskau ohne Mandat und Funktion lediglich auf Sondierung aus waren, keine Verträge unterzeichnen wollten und zudem den Polen die Schuld zuwiesen, gab Stalin grünes Licht für Plan B. Die junge sowjetische Diplomatie hatte das Kalkül des Westens durchschaut und seine Pläne zum Scheitern gebracht. Daher sein Haß auf diesen Vertrag.

Ein Tag nach Unterzeichnung des Vertrages wurden die westlichen Hauptstädte übrigens von einem deutschen Botschaftssekretär über seinen gesamten Inhalt informiert.

Keiner hielt es für nötig, die Polen darüber zu unterrichten …

Dr. Bernhard Majorow

Siehe auch:
Lech Wyszczelski:
Tajna gra mocarstw. Wiosnalato 1939 (Das geheime Spiel der Großmächte Frühling-Sommer 1939). Warszawa 2014. S. 210.
Holger Michael: Die Legende vom Hitler-Stalin-Pakt, Berlin 2008. S. 158.

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Marschall der Sowjetunion, G.K. Shukow, schreibt über die Verhandlungen mit den Militärmissionen Großbritanniens und Frankreichs, in Erinnerungen und Gedanken, Bd. 1, Militärverlag der DDR, 1987, S. 207ff:

Der zweite Weltkrieg war um diese Zeit bereits im Gange. Ende 1936 hatten sich die beiden faschistischen Mächte Deutschland und Italien schon durch ein Abkommen zu der berüchtigten Achse Berlin-Rom vereinigt. Deutschland und Japan hatten im selben Jahr den sogenannten Antikominternpakt unterzeichnet, mit dem sie vorgaben, die Kommunistische Internationale bekämpfen zu wollen, tatsächlich schlossen sich damit die Aggressoren im Kampf um die Weltherrschaft noch enger zusammen. Ein Jahr später trat Italien diesem Pakt bei. Im selben Jahr nahm Japan den Krieg zur Eroberung ganz Chinas wieder auf. 1938 wurde Österreich als unabhängiger Staat beseitigt und vom faschistischen Deutschland annektiert. Damit war die Bedrohung der Tschechoslowakei noch größer geworden.

»Morgen kann es schon zu spät sein«, mahnte die Sowjetunion die friedliebenden Staaten, »heute aber ist es noch Zeit, wenn alle Staaten, insbesondere die Großmächte, eine feste, unmißverständliche Haltung zu den Problemen einer kollektiven Rettung des Friedens einnehmen.«

Die Vorschläge der UdSSR wurden nicht angenommen.

Auf der berüchtigten Konferenz in München am 29. und 30. September 1938 erklärten sich Großbritannien und Frankreich bereit, das Sudetengebiet an das faschistische Deutschland auszuliefern, um »den Frieden in letzter Minute zu retten«. Die tschechoslowakische Delegation wartete auf die Entscheidung über das Schicksal ihres Landes vor verschlossenen Türen, während die UdSSR nicht zu den Verhandlungen hinzugezogen worden war. Wir waren bereit, der Tschechoslowakei zu helfen, Flugzeuge und Panzer standen einsatzbereit, in den Räumen nahe den Westgrenzen waren über 30 Divisionen zusammengezogen. Die herrschenden Kreise der Tschechoslowakei lehnten diese Hilfe jedoch ab und zogen eine schändliche Kapitulation vor. Am 15. März 1939 besetzten die Faschisten das gesamte tschechische Gebiet und zerschlugen die Tschechoslowakei.

Die Befriedungspolitik der westlichen Großmächte gegenüber dem deutschen Imperialismus trug Früchte.

Diese Entwicklung, von der Sowjetunion wiederholt vorausgesagt, stellte Großbritannien und Frankreich vor die Frage: Was sollte geschehen, wenn der deutsche Imperialismus, den sie nach Osten drängten, sich plötzlich gegen den Westen wandte? Die Regierungen dieser Länder begannen eine neue Runde von Verhandlungen, Zusammenkünften und Beratungen, um den deutschen Faschismus mit der Möglichkeit zu schrecken, daß die Westmächte ein militärisches Bündnis mit der UdSSR eingehen könnten. Daladier und Chamberlain forderten von der Sowjetunion Beistand im Fall einer faschistischen Aggression Deutschlands, waren aber nicht bereit, irgendwelche ernsthaften Verpflichtungen zu übernehmen. Die Verhandlungen im Jahre 1939 gerieten in die Sackgasse, auch die Verhandlungen zwischen den Militärmissionen Großbritanniens, Frankreichs und der UdSSR.

Zusammenfassend ist zu sagen, daß in Europa der Druck des deutschen Faschismus und die Passivität Großbritanniens und Frankreichs das Geschehen bestimmten. Die zahlreichen Schritte und Vorschläge der UdSSR, die darauf abzielten, ein wirksames System der kollektiven Sicherheit zu schaffen, stießen bei den Staatsmännern der kapitalistischen Staaten auf taube Ohren, übrigens aus verständlichen Gründen. Die ganze Situation in ihrer Verworrenheit, Widersprüchlichkeit und Tragik entsprang nämlich dem Wunsch der herrschenden Kreise Großbritanniens und Frankreichs, Deutschland und die UdSSR gegeneinanderzuhetzen.

Solange noch keine Bomben auf dem Territorium jener Mächte detonierten, die lange Jahre hindurch Verbündete des deutschen Imperialismus im Kampf gegen den ersten sozialistischen Staat gewesen waren, bewirkten ihre Klasseninteressen, daß sie vor dem deutschen Faschismus zurückwichen. Daladier und Chamberlain glaubten, daß es ihnen gelingen würde, alle zu übertölpeln, sich noch rechtzeitig vor der Katastrophe in Sicherheit zu bringen und die braune Pest gegen die Sowjetunion zu lenken. Selbst als das faschistische Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel, unternahmen dessen Verbündete Großbritannien und Frankreich, obwohl sie Deutschland den Krieg erklärten, praktisch nichts. Der Chef des Wehrmachtführungsstabes, Jodl, erklärte während des Nürnberger Prozesses, daß die deutsche Wehrmacht 1939 deshalb keine Niederlage erlitten hätte, weil während des faschistischen Überfalls auf Polen etwa 110 französische und englische Divisionen im Westen 23 deutschen Divisionen untätig gegenübergestanden hätten.

Die polnische Regierung lehnte den Beistand der Sowjetunion ab. Sie hatte »weitblickend« Verteidigungslinien und Befestigungsanlagen im Osten errichtet, weil sie sich auf einen Krieg gegen die Sowjetunion vorbereitete. So konnten die faschistischen Truppen von Westen, Norden und Süden eindringen und schnell die Waffenlager und Vorräte nehmen. Trotz des heldenmütigen Kampfes der polnischen Patrioten schlossen die faschistischen Armeen die polnischen Truppen ein. Der zweite Weltkrieg weitete sich aus.

Über welche Kräfte und Mittel verfügte in jener besorgniserregenden Zeit unsere Rote Armee?

Der Volkskommissar für Verteidigung, Marschall der Sowjetunion Woroschilow, berichtete dem XVIII. Parteitag (März 1939), daß der Personalbestand der Armee sich im Vergleich zu 1934 mehr als verdoppelt und ihre Motorisierung sich auf 260 Prozent erhöht hatte. Er machte summarische Angaben über die Feuerstärke unserer Schützenkorps, die der eines Korps der deutschen oder der französischen Armee nicht nachstand. Die Kavallerie war um das Anderthalbfache gewachsen und durchschnittlich um 35 Prozent durch Artillerie, leichte und schwere Maschinengewehre und Panzer bedeutend verstärkt worden. Der Bestand an Panzern hatte sich nahezu verdoppelt, und ihre Feuerkraft war fast vervierfacht worden. Die Reichweite der Artillerie und die Feuergeschwindigkeit der Artilleriesysteme, insbesondere der Panzerabwehr- und der Panzerkanonen, hatten sich erhöht. Wenn im Jahre 1934 die gesamte Luftflotte noch 2000 Tonnen Bomben pro Einsatz an Bord nehmen konnte, so hatte sich die Bombenlast 1939 auf 208 Prozent gesteigert. Nicht nur Jagdflugzeuge, sondern auch Bombenflugzeuge erreichten Geschwindigkeiten von über 500 Kilometern in der Stunde.

Im Rechenschaftsbericht an den XVIII. Parteitag verwies Stalin auf die Gefahr eines neuen imperialistischen Krieges und betonte, daß unser Land unablässig eine Politik zur Erhaltung des Friedens durchführe, zugleich aber eine enorme Arbeit leiste, um die Gefechtsbereitschaft unserer Roten Armee und unserer Seekriegsflotte zu verstärken. Das war wirklich der Fall.

Übrigens kommt es vor, daß aus der Geschichtsforschung sehr wichtige Dokumente verschwinden. Als wahre Offenbarungen werden manchmal Gedanken und Überlegungen über die Vorkriegszeit empfunden, die auf indirekte Angaben oder nachträgliche Studien zurückgehen, obwohl die gleichen Gedanken und umso mehr die gleichen Fakten auch in Veröffentlichungen enthalten sind, die man sich aus Bibliotheken besorgen kann.

Die Protokolle der Parteitage jener Jahre bieten zum Beispiel ein überaus reichhaltiges historisches Material; sie spiegeln die gewaltige Arbeit der Partei und des Volkes in allen Lebensbereichen wider. Solche Dokumente werden, nebenbei bemerkt, nicht von einzelnen Menschen vorbereitet, sondern von einer Vielzahl qualifizierter Spezialisten, die Berge von Tatsachenmaterial durcharbeiten, bevor sie eine Zahl für ein verantwortungsvolles Referat liefern.

Der Volkskommissar für Verteidigung konnte auf dem XVIII. Parteitag natürlich keine absoluten Ziffern über die Stärke der Armee anführen. Aber bei den Verhandlungen der Militärmissionen der UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs im August 1939, die verständlicherweise hinter verschlossenen Türen geführt wurden, legten wir konkrete Angaben vor.

Diese Verhandlungen sind von großem Interesse. Sie zeigen, mit welchem Ernst und Verantwortungsbewußtsein die Sowjetregierung ein System der kollektiven Sicherheit in Europa anstrebte, und beweisen, daß wir sachlich und real dafür sogar zu manchen Zugeständnissen bereit waren. Die Sowjetregierung hatte ihre Militärbeauftragten eigens ermächtigt, eine

»Militärkonvention über die Organisation der militärischen Verteidigung Großbritanniens, Frankreichs und der UdSSR gegen eine Aggression in Europa« zu unterzeichnen.
Großbritannien und Frankreich hingegen schickten zu den Verhandlungen nur zweitrangige Vertreter, die immer nur »vorfühlen« und »sondieren« sollten, ohne aufrichtiges Interesse für eine erfolgreiche militärische Zusammenarbeit zu zeigen. In einer geheimen Instruktion an die britische Mission wurde unverblümt darauf hingewiesen, daß die Regierung Großbritanniens »keinerlei bestimmte Verpflichtungen zu übernehmen wünscht«, die ihr »die Hände binden« könnten. Die Mission wurde beauftragt, die Verhandlungen »sehr langsam« zu führen, den Russen mit »Zurückhaltung zu begegnen« und in einem militärischen Abkommen »möglichst bei allgemeinen Formulierungen zu bleiben«.

Ich zitiere auszugsweise Protokolle aus jener Zeit; sie geben einerseits Aufschluß über die Kampfmöglichkeiten unserer Armee, die bereit war, an den Westgrenzen unseres Landes aufzumarschieren. Andererseits kommen darin klar die uns gegenüber feindlichen Absichten der Westmächte zum Ausdruck, Hitler eindeutig zu verstehen zu geben, daß Engländer und Franzosen ihn bei seinem Vorstoß nach Osten nicht stören werden.

Niederschrift der Sitzung der Militärmissionen der UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs
15. August 1939
Sitzungsbeginn: 10.07 Uhr – Ende: 13.20 Uhr

Armeekommandeur B. M. Schaposchnikow: Wir haben uns in den vorigen Sitzungen den Plan für den Aufmarsch der französischen Armee im Westen angehört. Auf Ersuchen der Militärmissionen Großbritanniens und Frankreichs lege ich im Auftrag der Militärmission der UdSSR den Aufmarschplan der Streitkräfte der UdSSR an deren Westgrenzen dar.
Die Rote Armee entfaltet im europäischen Teil der UdSSR gegen eine Aggression in Europa und verlegt an die Front:
120 Infanteriedivisionen, 16 Kavalleriedivisionen, 5000 schwere Geschütze – Kanonen und Haubitzen -, 9000 bis 10 000 Panzer, 5000 bis 5500 Kampfflugzeuge, das heißt Bomben- und Jagdflugzeuge – ohne Hilfsflugzeuge.
In dieser Zahl sind nicht inbegriffen: die Truppenteile der Befestigten Räume, der Luftverteidigung, des Küstenschutzes und die Reservetruppen, in denen die Ergänzung ausgebildet wird, sowie die Rückwärtigen Dienste.
(Anm.: Der Befestigte Raum ist hier als ein allgemeiner Verband der Rotsn Armee zu verstehen, dessen Feuerkraft der einer Schützendivision gleichkam. Er war hauptsächlich zur Verteidigung wichtiger Abschnitte und Objekte bestimmt, wurde aber auch eingesetzt, um gegnerische Kräfte in Nebenrichtungen zu binden und die Flanken der Hauptgruppierungen zu decken.)
Ohne im Einzelnen auf die Organisation der Roten Armee einzugehen, möchte ich kurz feststellen: Eine Infanteriedivision setzt sich aus drei Schützen- und zwei Artillerieregimentern zusammen. Die Kriegsstärke der Division beträgt 19 000 Mann. Das Korps besteht aus 3 Divisionen mit 2 Regimentern eigener Artillerie. (Admiral Drax erkundigt sich im Gespräch mit General Heywood, ob jemand von den Offizieren die Information des Armeekommandeurs Schaposchnikow mitnotiert, und erhält eine bejahende Antwort.)
Die Armee, bestehend aus 5 bis 8 Korps, verfügt über eigene Artillerie, Flugzeuge und Panzer.
Die Truppen der Befestigten Räume werden innerhalb von 4 bis 6 Stunden in Gefechtsbereitschaft versetzt.
Befestigte Räume besitzt die UdSSR entlang ihrer gesamten Westgrenze, vom Nördlichen Eismeer bis hin zum Schwarzen Meer.
Die Konzentrietung der Armee erfolgt innerhalb von 8 bis 20 Tagen. Das. Eisenbahnnetz ermöglicht es, die Armee in den genannten Fristen nicht nur an den Grenzen zu konzentrieren, sondern mit ihr auch entlang der Front zu manövrieren. Wir besitzen längs der Westgrenze in einer Tiefe bis zu 300 Kilometern 3 bis 5 Rochaden.
Wir verfügen jetzt über eine ausreichende Anzahl von hochleistungsfähigen großen Dampflokomotiven und zweimal größeren Güterwagen als früher. Unsere Eisenbahnzüge laufen jetzt mit doppelt so großer Tragfähigkeit. Die Geschwindigkeit der Züge hat sich erhöht.
Wir besitzen ein beträchtliches Kraftfahrzeugtransportwesen und Rochadestraßen, auf denen die Transporte entlang der Front konzentriert werden können…
Ich will nun die von der Militärmission der UdSSR gebilligten drei Varianten eventueller gemeinsamer Aktionen der Streitkräfte Großbritanniens, Frankreichs und der UdSSR im Falle einer Aggression in Europa darlegen.

Erste Variante: für den Fall, daß der Block der Aggressoren Großbritannien und Frankreich angreift. In diesem Fall stellt die UdSSR 70 Prozent der Streitkräfte, die von Großbritannien und Frankreich unmittelbar gegen den Hauptaggressor – Deutschland – eingesetzt werden. Ich erläutere. Wenn zum Beispiel Frankreich und Großbritannien gegen Deutschland unmittelbar 90 Infanteriedivisionen aufstellen würden, so würde die UdSSR 63 Infanteriedivisionen und 6 Kavalleriedivisionen mit entsprechender Anzahl von Artillerie, Panzern, Flugzeugen in Gesamtstärke von rund 2 Millionen Mann bereitstellen …
Die Nordmeerflotte der UdSSR führt Kreuzeroperationen vor den Küsten Finnlands und Norwegens außerhalb ihrer Hoheitsgewässer gemeinsam mit einem britisch-französischen Geschwader durch… Die Baltische Flotte der UdSSR kann Kreuzeroperationen und Unterseebootaktionen unternehmen sowie vor den Küsten Ostpreußens und Pommerns Minen legen. Die U-Boote der Baltischen Flotte der UdSSR werden den Transport von Rohstoffen aus Schweden für den Hauptaggressor stören.
(Während Armeekommandeur Schaposchnikow den Aktionsplan vorträgt, tragen Admiral Drax und General Heywood die Lage in ihre Karten ein.)

Zweite Variante für den Beginn der Kampfhandlungen: Aggression gegen Polen und Rumänien… Teilnahme der UdSSR am Kriege kann nur dann erfolgen, wenn Frankreich und Großbritannien mit Polen und möglichst auch mit Litauen sowie mit Rumänien den Durchmarsch unserer Truppen und deren Operationen durch den Korridor von Vilnius sowie über Galizien und Rumänien vereinbaren.
In diesem Falle stellt die UdSSR 100 Prozent der Streitkräfte, mit denen Großbritannien und Frankreich unmittelbar gegen Deutschland antreten. Wenn zum Beispiel Frankreich und Großbritannien gegen Deutschland 90 Infanteriedivisionen einsetzen, stellt die UdSSR 90 Infanteriedivisionen, 12 Kavalleriedivisionen mit entsprechenden Artillerie-, Flieger- und Panzer-Kräften.
Die Flotten Großbritanniens und Frankreichs haben dieselben Aufgaben wie nach der ersten Variante …
Im Süden sperrt die Schwarzmeerflotte der UdSSR das Donaudelta gegen das Eindringen von Unterseebooten des Aggressors und von eventuellen anderen Marinekräften und riegelt den Bosporus ab, um Überwasserkräften und Unterseebooten des Gegners den Zugang zum Schwarzen Meer zu verwehren.

Dritte Variante: für den Fall, daß der Hauptaggressor seinen Angriff über das Territorium Finnlands, Estlands und Lettlands gegen die UdSSR richtet. In diesem Fall werden Frankreich und Großbritannien unverzüglich in den Krieg gegen den Aggressor oder den Aggressorenblock eintreten.
Durch Verträge mit Großbritannien und Frankreich verbunden, wird Polen unbedingt gegen Deutschland auftreten und unsere Truppen auf Grund von Vereinbarungen der Regierungen Großbritanniens und Frankreichs mit der Regierung Polens durch den Korridor von Vilnius und durch Galizien passieren lassen.
Oben wurde bereits darauf hingewiesen, daß die UdSSR 120 Infanteriedivisionen, 16 Kavalleriedivisionen, 5000 schwere Geschütze, 9000 bis 10000 Panzer, 5000 bis 5500 Flugzeuge entfaltet. Frankreich und Großbritannien müssen in diesem Falle 70 Prozent der eben genannten Kräfte der UdSSR aufstellen und unverzüglich aktive Handlungen gegen den Hauptaggressor eröffnen.
Die Handlungen der britisch-französischen Kriegsflotte sollen wie in der ersten Variante verlaufen …

Niederschrift der Sitzung der Militärmissionen der UdSSR, Großbritanniens und Frankreichs
17. August 1939

Sitzungsbeginn: 10.07 Uhr – Ende: 13.43 Uhr

Marschall K. J. Woroschilow (Vorsitzender): Ich eröffne die Sitzung der Militärmissionen.
Auf der heutigen Sitzung werden wir eine Information über die Luftstreitkräfte der Sowjetunion entgegennehmen. Sollte es keine Fragen geben, erlaube ich mir, dem Chef der Luftstreitkräfte der Roten Arbeiter-und-Bauern-Armee, Armeekommandeur zweiten Ranges Loktionow, das Wort zu erteilen.
Armeekommandeur A. D. Loktionow: Der Generalstabschef der Roten Armee, Armeekommandeur ersten Ranges Schaposchnikow, hat in seinem Bericht hier mitgeteilt, daß die Rote Armee auf dem westeuropäischen Kriegsschauplatz 5000 bis 5500 Kampfflugzeuge entfalten werde. Das entspricht den Fliegerkräften der ersten Linie ohne Reserve.
Von der genannten Anzahl entfallen 80 Prozent auf moderne Flugzeuge mit folgenden Geschwindigkeiten: Jagdflugzeuge 465 bis 575 Kilometer in der Stunde und mehr, Bomber 460 bis 550 Kilometer in der Stunde. Die Reichweite der Bomber beträgt 1800 bis 4000 Kilometer. Die Bombenladung erreicht 600 Kilogramm bei Flugzeugen aller Typen und bis zu 2500 Kilogramm …
Die Verhältniszahlen zwischen Bomben-, Jagdflieger- und Heeresflieger-Kräften betragen in Prozent 55:40:5.
Die Flugzeugwerke der Sowjetunion arbeiten augenblicklich in einer Schicht und nur einige in zwei Schichten und liefern für den nötigen Bedarf durchschnittlich 900 bis 950 Kampfflugzeuge monatlich sowie Zivil- und Schulflugzeuge. Angesichts der sich ausbreitenden Aggression in Europa und im Osten hat unsere Flugzeugindustrie die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, um ihre Produktion bis zu den für die Deckung des Bedarfs unerläßlichen Höchstleistungen auszubauen …
Die wichtigsten Fliegerverbände können innerhalb von 1 bis 4 Stunden einsatzbereit sein. Die diensthabenden Verbände befinden sich in ständiger Gefechtsbereitschaft.
In der Anfangsperiode des Krieges werden die Luftstreitkräfte gemäß den vom Generalstab ausgearbeiteten Plänen handeln. Das allgemeine Prinzip der Handlungen der Luftstreitkräfte ergibt sich aus dem Erfordernis, alle Mittel, sowohl die Land- als auch die Luftstreitkräfte, in der Hauptstoßrichtung zu konzentrieren. Infolgedessen werden die Fliegerkräfte eng mit den Landtruppen auf dem Schlachtfeld und in der Tiefe der jeweiligen Operation zusammenwirken.
Ziele der Bomber werden sein: Truppen und wichtige militärische Objekte des Gegners. Außerdem werden die Bomber Aufträge für Einsätze gegen militärische Ziele im tieferen Hinterland des Gegners erhalten. Die sowjetischen Luftstreitkräfte stellen sich nicht die Aufgabe, die Zivilbevölkerung anzugreifen.
Die Jagdfliegerkräfte haben die Aufgabe, eine Reihe wichtiger militärischer Objekte, Eisenbahnlinien und Straßen zu verteidigen sowie auch Konzentrierungen von Landtruppen und Fliegerkräften zu decken, große Städte im engen Zusammenwirken mit den übrigen Luftabwehrmitteln – Flak-Artillerie und sonstigen Mitteln – zu schützen, die Fliegerkräfte des Gegners zu bekämpfen und die Einsätze von Bombern und Schlachtflugzeugen auf dem Gefechtsfeld in engem Zusammenwirken mit ihnen zu sichern …

Marschall K. J. Woroscbilow: Das Wort hat Marschall Burnett.

Marschall Burnett: Ich möchte General Loktionow im Namen der französischen und der britischen Mission unseren Dank aussprechen für die exakte Berichterstattung. Die Tatkraft und Organisiertheit, mit denen die Sowjetunion so hervorragende Leistungen in der Schaffung ihrer Fliegerkräfte zu erzielen vermochte, haben mich tief beeindruckt…?

Historiker und Memoirenautoren fragen gern: »Was wäre, wenn…?«

Tatsache ist: Wenn die Regierungen Großbritanniens und Frankreichs 1939 bereit gewesen wären, ihre militärischen Kräfte mit der Sowjetunion gegen den Aggressor zu vereinigen, wie wir vorschlugen, hätte sich das Schicksal Europas anders entwickelt…

Schlussbemerkung: Somit tragen die US-Imperialisten, genauso wie die englischen und französischen Imperialisten, die gleiche Schuld am 2. Weltkrieg wie Deutschland, – Deutschland hat zwar den ersten Schuss abgegeben, aber ermutig und im Interesse der westlichen Imperialisten, – da sie 1. gemeinsam mit den deutschen Imperialisten, die NSDAP finanzierten und an die Macht brachten (USA), 2. dem faschistischen Deutschland mit dem Münchner Abkommen und dem Verweigern eines europäischen Sicherheitsvertrages freie Hand einräumten (England, Frankreich) und 3. mit dem doppelten Spiel und dem Verrat an Polen.
Heute will keiner von den bürgerlichen Geschichtsschreibern etwas von diesen Tatsachen wissen und geben Hitler und Stalin die Schuld am 2. Weltkrieg.

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