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Lotte Zinke: 8. März, Internationaler Frauentag: Ohne Sozialismus keine Frauenbefreiung, ohne Frauenbefreiung kein Sozialismus


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Lotte Zinke: 8. März, Internationaler Frauentag: Ohne Sozialismus keine Frauenbefreiung, ohne Frauenbefreiung kein Sozialismus

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Lotte Zinke

Der 8. März als Frauenkampftag wird seit einigen Jahren wieder aufgegriffen, und viele Frauen weltweit demonstrieren oder streiken an diesem Tag. Gleichzeitig sehen wir, dass die Beteiligung in Deutschland noch zu Wünschen übrig lässt, obwohl Frauen allen Grund hätten, auf die Straße zu gehen: Frauen verdienen in Deutschland durchschnittlich immer noch 22% weniger als Männer, jede vierte Frau arbeitet im Niedriglohnsektor (1), außerdem arbeiten Frauen im Haushalt jede Woche durchschnittlich 9 Stunden länger als Männer (2). Auch die Gewalt gegen Frauen ist immer noch verheerend, allein 2018 wurden in Deutschland 118 Frauen von ihren (ehemaligen) Partnern ermordet (3). Um diesen Problemen den Kampf anzusagen, brauchen wir eine breite Frauenbewegung, die als Inhalt nicht allein Sprachregelungen oder Identitätspolitik hat, sondern eine Theorie, die sie in die Lage bringt, ihre Probleme richtig zu analysieren.

Jeder Kampf braucht seine Theorie

Die feministische Szene heutzutage erinnert wenig an das, was die Frauenbewegung in Deutschland einmal war – die Arbeiterinnenbewegung, die den Internationalen Frauentag begründete, das Wahlrecht für Frauen erkämpfte und gleichzeitig immer wieder auf die Notwendigkeit der Beseitigung des kapitalistischen Systems als Grundlage für die Frauenbefreiung hinwies. Clara Zetkin, eine der bedeutendsten Kommunistinnen der deutschen Geschichte und Leiterin der Frauenzeitschrift „Die Gleichheit“ wies in ihren Artikeln immer wieder auf die Notwendigkeit der marxistischen Theorie zur Erklärung und Beseitigung des Patriarchats hin. Das erste und eines der wichtigsten Werke dazu ist bis heute Friedrich Engels Werk „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. In diesem erforscht er die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft und versucht die drei Schlagworte Familie, Privateigentum und Staat darin einzuordnen. Als Grundlage nahm er die damals bahnbrechenden Forschungsergebnisse von Lewis H. Morgan (einer der wenigen Kulturforscher seiner Zeit, der keine kolonialistische Forschung betrieb, sondern sogar von indigenen Völkern in Nordamerika aufgenommen wurde) und die Exzerpte von Karl Marx zu Morgans Forschungsergebnissen. Die Schrift wurde 1884 veröffentlicht, ist also heute auf eine Überarbeitung mit aktuellen Forschungsergebnissen angewiesen, die Theorie, die Engels darin entwickelt ist aber noch schlagkräftig. Der historische Materialismus wird hier auf die Anfänge der menschlichen Gesellschaft angewandt, das heißt, die ökonomischen Bedingungen, die zur Herausbildung der Familie, des Privateigentums und des Staats geführt haben, werden versucht zu ergründen.

„Die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts“

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8. März 2019, Stuttgart. Bild: Arbeit-Zukunft

Engels wandte sich mit seiner Theorie gegen die zeitgenössische Wissenschaft, welche die bürgerliche Familie als naturgegeben darstellte und somit auch die untergeordnete Rolle der Frau in der patriarchalen Familie nicht in Frage zu stellen wagte. Engels brach mit dieser Vorstellung. Nach ihm waren die Formationen, in denen die Menschen anfänglich zusammenlebten, matriarchalisch geordnet. Sie beruhten auf Verwandtschaft und nahmen zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Formen an, fanden aber immer in Gruppen statt und beruhten nicht auf Einzelehe. Da die Menschen in diesen Gruppen nicht monogam lebten, war es nicht möglich, die Vaterlinie nachzuvollziehen, also konnte die Zugehörigkeit der Nachkommen nur nach Mutterlinie bestimmt werden. Dies ergab eine hohe soziale Stellung der Frau, anders als heutzutage. Die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit wurden sich trotz ursprünglicher, natürlicher Arbeitsteilung, also Arbeitsteilung nach Alter oder Geschlecht, gemeinschaftlich angeeignet. Erst mit dem Entstehen des gesellschaftlichen Mehrproduktes durch die zunehmende Produktivität durch Arbeitsteilung und Erschließung neuer Arbeitsfelder, welches größtenteils durch die Tätigkeiten zustande kam, die Männer der naturwüchsigen Arbeitsteilung nach verrichteten, ergab sich ein Anreiz, die mutterrechtliche Abstammung aufzuheben. Engels schreibt dazu:

„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung. Diese erniedrigte Stellung der Frau […] ist allmählich beschönigt und verheuchelt, auch stellenweise in mildere Form gekleidet worden; beseitigt ist sie keineswegs.“ (4)

Ausschlaggebend ist hierbei, dass Engels die Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat nicht aus naturgegebener Überlegenheit des Mannes, sondern beide Formationen aus dem jeweiligen Entwicklungsstand der Produktivkräfte heraus erklärt. Die Unterwerfung der Frau, die später immer grausamere Formen annahm, fällt zusammen mit der Herausbildung des Privateigentums. Engels führt aus:

„Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus zwischen Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche“. (5)

Die Frau im Kapitalismus

Engels Thesen zur frühen Geschichte der Menschheit bedürfen zwar einer Überarbeitung, konnten jedoch bisher nicht von der Wissenschaft entkräftet werden. Clara Zetkin schreibt dazu 1903:

„Was immer davon im Einzelnen als Hypothese ausgeschieden werden kann, ja, ausgeschieden werden muss: als Ganzes gibt uns das Werk eine blendende Fülle klarer theoretischer Einsicht in die viel verschlungenen Bedingungen, unter denen sich die heutige Form der Familie und der Ehe unter dem Einfluss der Wirtschafts- und Eigentumsverhältnisse allmählich entfaltet hat. Und diese Einsicht lehrt uns nicht bloß die Stellung der Frau in der Vergangenheit richtig bewerten, sie schlägt vielmehr auch eine tragfeste Brücke für das Verständnis der sozialen Lage, der privatrechtlichen und staatsrechtlichen Stellung des weiblichen Geschlechtes in der Gegenwart.“ (6)

Die Unterdrückung der Frau nimmt also in der Gegenwart neue Formen an. Dadurch, dass sie als Arbeiterin am Produktionsprozess teilnimmt wird sie zunehmend ökonomisch unabhängig vom Mann. Gleichzeitig erfährt sie eine Doppelbelastung, weil die Reproduktionsarbeit immer noch größtenteils auf sie abgewälzt wird: Haushalt und Kindererziehung kommen zum Berufsleben dazu. Die Rolle der Frau entwickelt sich also stetig weiter, ihre Unterdrückung wurde jedoch bisher nicht beseitigt.

Frauenfrage im Marxismus – nichts als ein Nebenwiderspruch?

Die Abkehr von diesen marxistischen Theorien in den letzten Jahrzehnten wurde mit Vorwürfen begründet, dass der Marxismus Frauenunterdrückung als Nebenwiderspruch abtue und sich den Problemen der Frauen nicht ausreichend widmen würde. Wir können sehen, dass dieser Vorwurf nicht gerechtfertigt ist. Der Hauptwiderspruch in der Gesellschaft und somit die Quelle der Ungleichheit ist seit seiner Entstehung der Klassenwiderspruch, den es aufzulösen gilt. Gleichzeitig wird die Frauenfrage im Marxismus vor diesem Hintergrund mit einer Ernsthaftigkeit beleuchtet, die in den meisten feministischen Theorien heutzutage nicht vorkommt. Der Marxismus erklärt die Unterdrückung der Frau seit ihrer Entstehung, ohne auf naturgegebene Eigenschaften von Mann und Frau zurückzugreifen oder sich bürgerlicher Klischees über das Wesen der beiden Geschlechter zu bedienen.

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Plakat der KPD gestaltet von Käthe Kollwitz

Auch durch einen Blick auf die Praxis sehen wir den Vorwurf widerlegt – kommunistische Parteien und Organisationen waren mit die ersten, die ernsthafte Forderungen für die Frauenbefreiung aufstellten, beispielsweise die Abschaffung des Abtreibungsparagraphen, die schon 1924 von der KPD gefordert wurde. Auch der Internationale Frauentag wurde, besonders auf Drängen von Clara Zetkin, in der Sozialistischen Internationale festgelegt. Als Zetkin dann aus der SPD austrat, ließ diese den Frauenkampftag als Tradition erst einmal fallen. Gleichzeitig wurde er in der jungen Sowjetunion unter Alexandra Kollontai zum Feiertag erklärt. Bis dahin noch an unbestimmten Daten abgehalten, fiel der Internationale Frauentag nun jedes Jahr auf den 8. März, in Andenken an die Petrograder Frauen, die an diesem Datum, dem Frauentag 1917, gestreikt und somit eine entscheidende Rolle im Sturz des Zaren gespielt hatten. Dies war auch ein praktisches Beispiel für das revolutionäre Potenzial, das die Frauenbewegung entwickelte und zeigte einmal mehr, dass eine starke Frauenbewegung auch für die gesamte Arbeiterbewegung notwendig war und ist. In Deutschland feierte die KPD den Frauentag nun ebenfalls am 8. März.

Feminismus heute – was muss sich ändern?

Die Frauenbewegung in Deutschland ist heute aus dem öffentlichen Leben, der Politik und den Medien nicht mehr wegzudenken. Wenn man jedoch neoliberale Feministinnen ausklammert, die Frauen in Führungspositionen von Unternehmen und hohen Ämtern in der Politik und Gesellschaft als Erfolge für die Frauenbewegung allgemein verkaufen, bleibt der Mehrzahl von uns nicht mehr viel, auf das wir uns im Kampf gegen das Patriarchat stützen könnten. Abseits vom Neoliberalismus vollzieht sich der größte Teil von feministischem Aktivismus aus der Hochschule heraus, wo die Diskussion mitsamt Begrifflichkeiten größtenteils aus dem anglo-amerikanischen Raum übernommen wird und teilweise den Bezug zur Bevölkerung vollkommen verliert. So führt der Versuch, eine geschlechtsneutrale Sprache zu etablieren dazu, dass Menschen, die diese nicht auf Anhieb beherrschen aus der Auseinandersetzung ausgeschlossen und für unpolitisch erklärt werden. Heutige feministische Gruppen haben in den seltensten Fällen eine standfeste theoretische Erklärung für die Unterdrückung der Frau, genau so wenig gibt es einen praktischen Vorschlag für die Überwindung dieser. Diese Fragen wurden von einer Debatte über Sprache und Identität ersetzt, die weder anschlussfähig noch ausreichend ist, um Antworten auf die Probleme von Frauen heutzutage zu finden. Zu verschiedenen Unterdrückungsformen werden in diesem Diskurs meistens nur die Meinungen von Personen, die davon betroffen sind, für richtig erklärt – der offene Austausch über Diskriminierung und ihre mögliche Beseitigung weicht somit einer Wohlfühlpolitik, wobei es nur darum geht, dass sich keiner im Gespräch diskriminiert fühlt. Während sexistische Verhaltensmuster im Alltag natürlich kritisiert und hinterfragt werden müssen, wird die Kritik dieser hier zum einzigen politischen Inhalt.

Heraus zum 8. März!

Aus all diesen Gründen ist es notwendig, dass wir als Sozialistinnen und Sozialisten uns mit dieser Theorie wieder stärker auseinandersetzen und an dem Kampf für die Befreiung der Frau teilnehmen. Dass die proletarische Frauenbewegung so ein fortschrittliches Bild entwickeln konnte, lag nicht zuletzt auch daran, dass sie die richtige Theorie auf ihrer Seite hatte. Sie verstand, dass die bürgerliche Familie, die sie in ihren Ketten hielt, nicht das letzte Wort war. Sie verstand, dass ihre Unterdrückung nicht nötig war, sondern aus ökonomischen Faktoren heraus entstand, die es zu beseitigen gilt. Die Unterdrückung wird nicht besiegt werden können, solange wir in diesem System leben. Darum müssen wir unsere Theorie, die uns Antworten auf all diese Fragen liefert, nutzen, um Auswege aus der Krise zu zeigen und eine starke, breite und handlungsfähige Bewegung aufzubauen. Nur indem wir den Ursprung der Frauenunterdrückung in der Klassengesellschaft erkennen, können wir einen ernsthaften Kampf für die Beseitigung dieser Gesellschaft als Grundlage für die Befreiung der Frau führen!

Anmerkungen:
1 Statistisches Bundesamt
2 Bundesministerium für Familie und Senioren
3 Bundeskriminalamt
4 Friedrich Engels – Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (1892)
5 Friedrich Engels – Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats (1892)
6 Clara Zetkin – Was die Frauen Marx zu verdanken haben (1903)

Erstveröffentlichung am 6. März in Arbeit Zukunft online. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Herausgebers.

Für den Inhalt dieses Artikels ist der Autor bzw. die Autorin verantwortlich.
Dabei muss es sich nicht grundsätzlich um die Meinung der Redaktion handeln.

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