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Die Vereindeutigung der Welt


Die Vereindeutigung der Welt

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Helmut Scheben / 05. Jul 2020 – Wenn das grosse Reinemachen unserer Vergangenheit um sich greift …

«War Beethoven schwarz?» Eine sehr wichtige Frage, findet der Zürcher Tagesanzeiger, denn was als Aufreger in den sozialen Medien brodelt, muss zwingend täglich zur Kenntnis genommen werden. Schliesslich sind wir im Beethovenjahr 2020 und die zeitgenössische Bettina von Arnim beschrieb den Musiker als «klein, braun und voller Blatternarben». Ob sein Haar kraus oder einfach nicht recht gestrählet war, darüber seien sich allerdings Beethovens Compatriotes nicht recht einig gewesen.

Karl Marx sah übrigens ähnlich aus. Er stammte aus Trier an der Mosel. Das Tal wurde von den Römern kolonisiert, wohl daher gibt es an der Mosel hier und da stark dunkelhaarige Menschen, wie meine Grossmutter Magdalene eine war, im moselfränkischen Dialekt «dat Len» genannt. Wenn sie im Wingert arbeitete, musste sie eine Art Hidschab tragen, denn sie wurde in der Sonne so schnell braun, dass ihre Mutter sagte: «Ma maant et wär en Zijäiner. Ma moos sisch schamme vor de Läit.» (Man meint, sie sei ein Zigeuner, man muss sich schämen vor den Leuten.) Rassismus in Reinform, liebe Leute. Der neue Zeitgeist, der derzeit weht, wird wohl die Fotos meiner Grossmutter mitnehmen: auf den Müllplatz, wo alles landet, was nicht politisch korrekt erscheint.

Marx wurde von seinen Freunden «der Mohr» genannt, eine politische Unkorrektheit sondergleichen. Denn Mohrenköpfe gehören, wie man bei der Migros weiss, aus unserem Sprachgebrauch entfernt. Was übrigens, so meine ich, auch für die von mir geschätzten Münchener Weisswürschte gelten sollte. Dieses Wort muss weg, denn ich fühle mich als alter, weisser Mann durch selbiges sexuell und rassistisch beeinträchtigt. In dieser Reihenfolge. Es geht eben nichts über Sauberkeit in der Sprache.

Und da wir gerade beim Wegmachen und Saubermachen sind, da muss man wohl den Aktivistinnen und Aktivisten recht geben, die sagen, man solle konsequent sein und endgültig alle Statuen, Bilder, Filme und Strassennamen entsorgen, die heute einfach nicht mehr politisch korrekt sind. Kolumbus schrieb Ende des 15. Jahrhunderts nach Christus in ein Tagebuch: «Manche Matrosen wollen auch nicht mehr weg von hier, seit sie gemerkt haben, dass man nach den Inderinnen nur zu greifen braucht.» Wer auch nur Spurenelemente von Respekt gegenüber der Frau an sich verspürt, wird zustimmen: Dieser Mann, ethnologisch gesehen ein Ignorant, gehört hinter Gitter. Aber da er schon seit 1506 tot ist, sollte man wenigstens sein Standbild köpfen, was ja auch erfreulicherweise allenthalben zu beobachten ist.

Der Film «Gone with the Wind» nährt rassistische Klischees und romantisiert die Sklavenhalter-Gesellschaft der Südstaaten. Also weg damit. Auch dieser Rubens mit seinen opulenten, nackten Weibern ist gopferdammi unerträglich. Sein Gemälde «Raub der Sabinerinnen» sollte aus der Pinakothek München genommen und dahin geschafft werden, wo es hingehört: auf den Sperrmüll. Denn wer sich 1618 auf diese Art an einer Vergewaltigung hochzieht, der sollte sich einfach nur schämen.

Tja, und was muss sonst noch alles weg? Oh jeh, das ist ein weites Feld, Louise, wie es bei Theodor Fontane heisst. Ich hoffe nur, dass ich keinen Shitstorm der Bilderstürmerinnen auf mich ziehe, wenn ich jetzt sage: Mir wurde heute Morgen bei der Zeitungslektüre etwas trümmlig bei dem Gedanken, was eigentlich übrig bleibt von diesem ganzen Kulturscheiss. Nach dem Grossreinemachen sozusagen. Nicht viel wird übrig bleiben.

Schliesslich hatten die meisten Typen früher keinerlei Skrupel, in Sklavenhaltergesellschaften zu leben und sich dabei auch noch manchmal wohl zu fühlen. Sich wohl zu fühlen! Oder hat jemand gehört, Vivaldi, Mozart oder dieser Weiberschreck Giacomo Casanova hätten auch nur ein einziges Mal an einer Demo gegen Sklavenhandel oder für Black Lives Matter teilgenommen? Nada, chicos, nada.

Aber bürden wir uns da nicht ein bisschen zu viel des Guten auf mit dieser Entgiftung aller bösen Symbole? «Es sind die Menschenrechte, estúpido», sagt mein Freund Manuel aus Mexiko. Als ich aber Menschenrechte google, kommt raus, dass diese in ihrer heutigen Fassung erst nach dem Zweiten Weltkrieg von den Vereinten Nationen formuliert wurden. Kein Wunder, dass dieser Hernán Cortés davon nichts wusste, als er 1519 in Tenochtitlán wütete.

Das Konzept der Menschenrechte existiert weder im Altertum noch im Mittelalter noch in der Epoche von Kolumbus, die als Beginn der globalisierten Moderne gilt. Im 16. Jahrhundert gab es in Europa weder für Sklaven noch für Leibeigene, weder für Frauen noch für Kinder gleiche oder universelle Rechte. In den USA herrschte Sklaverei offiziell bis zum Ende des Sezessionskrieges 1865. Aber noch bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden die Bürgerrechte für Schwarze nicht umgesetzt und die Folgen der Rassentrennung führen bis heute zu Konflikten.

Auch das «Völkerrecht», wie es sich vom 18. bis zum 20. Jahrhundert im europäischen Gedankengut entwickelte, war de facto ein Recht der europäischen Imperialmächte. Für die unterworfenen Völker der Kolonien galt nie Völkerrecht. Und noch ein Detail: In der kleinen Eiszeit im 17. Jahrhundert wurden in Europa nach vorsichtigen Schätzungen 30-tausend Frauen und einige Männer als Hexen und Hexer hingerichtet, denn das Volk suchte Schuldige für Kälte und Missernten und die daraus folgenden sozialen und ökonomischen Verwerfungen.

Soll man nun eine Kolumbus-Statue in den Rhein werfen, wenn bei uns noch bis ins 20. Jahrhundert «Hottentotten-Familien» im Zoo zur Besichtigung ausgestellt wurden? Und was sagte Alfred Escher dazu? Gar nichts vermutlich. Er soll uns bloss nicht mit Ausreden kommen, er habe Eisenbahnen und Tunnel gebaut. Seine Familie hatte Sklaven auf einem Besitz in Kuba. Also nichts wie weg mit diesem Escher am Zürcher Hauptbahnhof. Die US-Army hat in Bagdad vorgemacht, wie man Standbilder fürs Fernsehen umreisst (und ein paar Cars voller bezahlter Jubel-Iraker dazu herbeischafft). Da werden wir von nun an einen Haufen Bulldozer und Stahlseile brauchen. Und auch eine Menge Bilder verbrennen und Filme löschen müssen. Das dürfte ein erbauliches Schlachtfest werden.

Wirklich? Sorry für meine Konfusion, plötzlich fühle ich mich mit dieser ganzen «Geschichtsbewältigung» doch einigermassen überfordert. Die haben früher einfach alles falsch gemacht, und niemand machte sich Gedanken darüber, dass wir uns heute mit dieser «falschen Moral» plagen müssen. Böse Leute früher. Die Erinnerung an das Böse von gestern muss weg, weil diese Erinnerung uns gute Menschen heute stört. Denn wir müssen uns selber zeigen, was gut und was böse ist. So sehen es jedenfalls die Aktivisten, die derzeit das Inventar alles politisch Unkorrekten in der Vergangenheit machen.

Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer nennt es «die Vereindeutigung der Welt». Wir könnten Ambiguität und Ambivalenz nicht mehr ertragen, konstatiert er. Deshalb muss alles bereinigt werden. Was das Leben und die Geschichte an Widersprüchen mit sich bringen, das kann und darf nicht toleriert werden. Eine grosse Säuberung der Geschichte, so könnte man es nennen. Vieldeutigkeit und Widersprüche werden abgeschafft.

Ob es den neuen Kulturrevolutionären Erleichterung verschafft, wenn sie die Standbilder der Sklavenhalter-Präsidenten Thomas Jefferson, Benjamin Franklin, George Washington niederreissen? Ist die Erkenntnis, dass Figuren der Geschichte nicht strahlend weiss leuchten, sondern viele Schattenseiten aufweisen, zu belastend? Oder ist diese Erkenntnis nicht ganz im Gegenteil eine wertvolle Geschichts-Lektion? Die neuen Bilderstürmer gleichen den Überzeugungstätern, die glauben, sie könnten die Geschichte korrigieren, wenn sie die antike Stadt Palmyra in Syrien dem Erdboden gleichmachen oder die 1500 Jahre alten Bhudda-Steinfiguren in Afghanistan sprengen.

Da wird an einem Genueser namens Colombo, der sich in Spanien Cristóbal Colón nannte, ein wenig moralische Lynchjustiz geübt, die an den «Bruder Nummer eins» Pol Pot erinnert. Denn wenn man moralische Vorstellungen von 2020 auf das Jahr 1492 anwendet, ist dies der Suche nach historischer Wahrheit nicht förderlich. Diese Suche ist ein nie abgeschlossener Prozess. Die Forschung wird stets von neuem historische Ereignisse auf Grund des quellenkundlich Belegbaren zu diskutieren haben. Urteile über Dinge des 16. Jahrhunderts haben dem Zeitgeist und den Moralvorstellungen jener Zeit Rechnung zu tragen. Und es ist und bleibt Aufgabe der Historikerinnen und Historiker, diese Arbeit zu tun. Und wenn diese ihren Job so gut machen wie Tsvetan Todorov in seiner Studie «Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen», dann müssen wir das Standbild von Kolumbus nicht in den Hudson River werfen.

Wenn das so ist, muss ich glücklicherweise auch die Fotos meiner Grossmutter nicht in den Müll werfen. Wär doch schade, sie sah so liebenswert aus mit ihrem Kopftuch im Rebberg.

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