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Die Wahrheit über Stalin – Gespräche mit Prof. Dr. phil. Richard I. Kosolapow


Vorwort:

Mao Tse-Tung sagte am 15. November 1956 über Stalin:
„Meiner Meinung nach gibt es zwei ‚Schwerter’: Das eine stellt Lenin dar und das andere Stalin. Das Schwert das Stalin darstellt, haben die Russen von heute weggeworfen. Gomulka und einige Ungarn haben es aufgehoben um die Sowjetunion zu schlagen, um das was man Stalinismus nennt zu bekämpfen. Die Imperialisten nutzen dieses Schwert auch um Menschen zu töten; Dulles zum Beispiel hat einmal damit gedroht. Diese Waffe ist nicht verschenkt, sondern weggeworfen worden. Wir Chinesen haben es nicht beiseite geschoben. Wurde im gewissen Sinne das Schwert, das Lenin darstellt nicht auch von den Sowjetführern beiseite gelegt? Nach meiner Ansicht haben sie es größtenteils schon getan. Ist die Oktoberrevolution immer noch wertvoll? Kann sie für andere Länder noch ein Leitbild sein? Der Bericht Chruschtschows sagt, dass es möglich ist, über den parlamentarischen Weg an die Macht zu gelangen; das bedeutet, dass dem Leitbild der Oktoberrevolution von anderen Ländern nicht mehr gefolgt werden muss. Wenn diese Tür einmal ganz geöffnet ist, ist der Leninismus so gut wie verworfen.“

 

„Stalin … Welcher Wirbel von Widersprüchen entsteht bis heute, wenn dieser Name erklingt! Der Streit tobt mit derartiger Leidenschaft, als würde man über einen jetzt aktiv agierenden Politiker diskutieren und nicht über einen Politiker, der vor 45 Jahren aus dem Leben geschieden ist.
Es steht völlig außer Zweifel, dass Stalin einer der größten Persönlichkeiten des XX. Jahrhunderts war. Aber die unterschiedlichen Bewertungen seiner Person prallen scharf aufeinander. Man kann auch schwerlich sagen, dass betreffs Stalin bereits alles getan wurde, um ihn hinreichend zu würdigen, dass sein Werk allseitig und objektiv analysiert worden ist.“
Die nachfolgende Broschüre analysiert das Werk Stalins und gibt auf die verschiedensten Fragen antworten, mit denen ich auch immer weder konfrontiert werden. So werde ich oft von AntiStalinisten, AntiKommunisten und Faschisten gerne als Stalinist beschimpft – Prof. Dr. phil. Richard Iwanowitsch Kosolapow gibt hierauf eine Antwort.
Weiterhin gibt er Antworten auf die Fragen: der Gulags; ob Stalin ein Antisemit war; der „Stalinschen Säuberungen“ 1937/38; dem Fall Tuchatschewskij und der „Enthauptung“ der Roten Armee, und viele andere Fragen mehr. Die Broschüre ist ein MUSS für alle diejenigen, die der bürgerlich-kapitalistischen Geschichtsfälschung über Stalin nicht mehr glauben wollen.

 

Wahrheit

 

Die Wahrheit

über Stalin

Gespräch mit
Richard Iwanowitsch Kosolapow

Prof. Dr. der philosophischen Wissenschaften

Heft Nr. 45

ISSN 1433-6375

Berlin, September 1998

 

***

 

Die Wahrheit über Stalin

Übersetzung aus dem Russischen von

Dr. Hans-J. Falkenhagen

 

Vorwort

In zwei Interviews hat Professor Dr. Kosolapow, ein namhafter Wissenschaftler auf dem Gebiet der Philosophie und Politologie, in der früheren Sowjetunion Mitarbeiter des ZK der KPdSU, zu wichtigen Fragen der Rolle Stalins in der Geschichte der Sowjetunion und der kommunistischen Bewegung Stellung genommen. In wissenschaftlich schlüssiger und überzeugender Weise hat er das Wirken Stalins als Politiker und Staatsmann auf den Boden der historischen Fakten zurückgeholt, falsche Klischees über Stalin ausgeräumt sowie Verleumdungen seiner Person und Verfälschungen seiner historischen Leistungen widerlegt. Damit liefert er ein fundiertes Material für eine sachliche Diskussion über Stalin als überragenden Marxisten-Leninisten, Politiker und Staatsmann. Immer mehr Menschen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, in Europa und anderen Kontinenten, die Opfer einer anti-stalinistischen Lügen- und Desinformationskampagne, die in der Geschichte kaum Parallelen kennt, wurden, sind in letzter Zeit wieder zu einer realen Bewertung Stalins gelangt und haben die gegen ihn aufgebauten Informationsbarrieren durchbrechen können. Die offizielle Verurteilung Stalins stieß auch in der Sowjetunion unmittelbar nach der Geheimrede Chruschtschows im Februar 1956 auf heftigen Widerstand. Trotz politischer Diskriminierung und Verfolgung treuer Marxisten-Leninisten durch Chruschtschow gelang es ihm aber nicht, das Andenken und die Verehrung Stalins im Sowjetvolk auszumerzen. Es dauerte allerdings bis zur Amtsenthebung Chruschtschows 1964, daß über das Wirken Stalins auch in der Sowjetunion wieder in einer Atmosphäre der Informations- und Meinungsfreiheit geschrieben und gesprochen werden konnte.

Leider begann sich ab 1967 der Kurs Andropows durchzusetzen, der an der Verurteilung Stalins festhielt und als KGB-Chef dessen offizielle Rehabilitierung, wie sie in den 60er Jahren nicht nur von den meisten Sowjetbürgern und KPdSU-Mitgliedern, sondern auch von zahlreichen ZK-Mitgliedern einschließlich Politbüromitgliedern gefordert wurde, verhinderte. Der Antistalinismus konnte so zur Hauptwaffe, der zunächst schieichenden und dann offen vorangetriebenen Konterrevolution entwickelt werden.

Unter Gorbatschow und Jelzin nahm die Verteufelung Stalins groteske und inquisitorische Formen an. Sie wurde mit einer systematischen Volksverdummung verbunden. Professor Dr. Kosolapow war in Rußland einer der Persönlichkeiten, die tapfer und selbstentsagend den Kampf gegen die Flut von Beschimpfungen und Lügen, die sich über Stalin ergoß, aufnahm. Ihm kommt das Verdienst zu, in Rußland die Gesammelten Werke Stalins neu herausgegeben zu haben. Erstmalig sind unter seiner Redaktion auch die noch unter Chruschtschow verbotenen Bände 14 und 15 der Öffentlichkeit vorgelegt worden. Außerdem wurde die Reihe der Gesammelten Werke Stalins um einen weiteren Band 16 erweitert. Damit erhält wieder ein breites Publikum die Möglichkeit, sich ein eigenständiges Urteil über Stalin zu bilden, ohne von verlogenen Meinungsmachern und Geschichtsfälschern abhängig zu sein. Es gibt gegenwärtig in Rußland bereits wieder eine große Zahl von Publikationen, die über Stalin ein einigermaßen objektives und sachlich fundiertes Bild vermitteln.

Mit der Veröffentlichung der beiden Interviews mit Kosolapow in einem Heft (das erste Interview wurde als Sonderheft veröffentlicht) wollen wir nach der Publikation des Buches von Ludo Martens „Stalin anders betrachtet“ in deutscher Sprache und der Broschüren von Kurt Gossweiler „Der Antistalinismus, das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte in der kommunistischen Bewegung“, Schriftenreihe der KPD, Nr. 15 und „Die Wahrheit über Stalin, Entlarvung der heimtückischen und verlogenen Geheimrede Chruschtschows an den XX. Parteitag der KPdSU“, Heft 41 der Schriftenreihe der KPD, in der Aufklärung über die Rolle Stalins im deutschsprachigen Raum fortfahren.

Hans Wauer

 

 

Einleitung zum ersten Interview

Stalin … Welcher Wirbel von Widersprüchen entsteht bis heute, wenn dieser Name erklingt! Der Streit tobt mit derartiger Leidenschaft, als würde man über einen jetzt aktiv agierenden Politiker diskutieren und nicht über einen Politiker, der vor 45 Jahren aus dem Leben geschieden ist.

Es steht völlig außer Zweifel, daß Stalin einer der größten Persönlichkeiten des XX. Jahrhunderts war. Aber die unterschiedlichen Bewertungen seiner Person prallen scharf aufeinander. Man kann auch schwerlich sagen, daß betreffs Stalin bereits alles getan wurde, um ihn hinreichend zu würdigen, daß sein Werk allseitig und objektiv analysiert worden ist. Ein eindeutig vorgegebener Kurs der Voreingenommenheit behindert eine solche objektive Bewertung im Westen, und das hat sich auch lange Zeit auf unser Land ausgewirkt und wirkt sich auch weiterhin aus, und zwar mit allen negativen Konsequenzen. Von welcher allseitigen Bewertung und Objektivität kann hier eigentlich die Rede sein, wenn die nichtoffizielle, aber vorherrschende Meinung über Stalin vorschreibt: Er hat entweder ein Nichts zu sein oder er ist schlichtweg etwas Schlechtes. Es geht doch ins Absurde, wenn selbst die einfache Erwähnung des Namens Stalin als unerwünscht oder unzulässig angesehen wird. Aus Stalingrad wurde Wolgograd, die Stalinpreise wurden in Staatspreise umbenannt, und zwar nicht nur für diejenigen, die den Preis nach Stalins Tod erhalten haben. Zu meinem Freundeskreis zählt der alte Miterbauer von Erdöl- und Gasleitungen Wasilij Isajewitsch Molschanow. Er erhielt den Stalinpreis seinerzeit im Jahre 1949 für die Teilnahme an der Ausrüstung der Gasleitung Daschawa -Kiew – Brjansk – Moskau. Jedoch das Diplom des Preisträgers, das von Stalin unterschrieben war, wurde 1962 durch ein anderes ausgetauscht, dass die Unterschrift von Keldysch trägt. Und Molschanow wurde ein Mensch, der nicht mit dem Stalinpreis, sondern mit dem Staatspreis ausgezeichnet war. Alles das geschah, als ob es auf diese Weise möglich wäre, einen historischen Namen aus der Geschichte zu streichen!

Die Wiederkehr Stalins in unser Bewusstsein und unser Leben, wobei nicht als Rückkehr in karikaturhafter Form, die man krampfhaft bemüht war und sich weiter bemüht, diesem Namen beizulegen, ist in vieler Hinsicht lehrreich. Vor allem (und das ist absolut unstrittig!) beweist das folgendes: Aus der Geschichte wie aus dem Liederschatz kann man Worte und Namen nicht einfach verschwinden lassen. Nehmen wir an, man hegt die Absicht, unter irgendeinem Vorwand vom Roten Platz den Friedhof zu entfernen, sozusagen „den Roten Platz von seinem Friedhof

zu säubern.“ Wenn man irgendetwas damit erreichen will, so hat es nur den gegenteiligen Effekt dessen, was man damit beabsichtigt… .

Natürlich hatte der Dichter recht: Das Große erkennst du am besten aus der Ferne. Sichtbarer wird für uns auch Stalin, – und ich hoffe, er wird mit der Zeit noch sichtbarer, seine Bedeutung noch stärker in unser Bewusstsein rücken. Das vorgeschlagene Interview ist, wie mir scheint, eine Gelegenheit dazu, zu einer unvoreingenommeneren Haltung gegenüber der Persönlichkeit und dem Werk des langjährigen führenden Politikers unseres Landes und zu der schwierigsten, kompliziertesten und sicherlich auch heroischsten Epoche seiner Geschichte beizutragen.

Viktor Koschemjako

Viktor Koschemjako:

Richard Iwanowitsch, ich schlage Ihnen vor, über Stalin und über das Verhältnis zu Stalin zu sprechen. Mir ist bewusst, dass es sich um ein sehr umfangreiches, quasi unerschöpfliches Thema handelt. Sicherlich kann es niemals erschöpfend bis zum Ende behandelt werden. Aber am Ausgang des XX. Jahrhunderts kann man sicherlich einige vorläufige Schlussfolgerungen über dieses Thema ziehen und dazu auch Fakten darlegen. Offen gesagt, geschah es für mich unerwartet, als vor einiger Zeit in der Presse Ihre Artikel zu erscheinen begannen, die man als prostalinistisch bezeichnen könnte.

Ich bin mit Ihnen fast des gleichen Alters. Unsere Kindheit und Jugend verbrachten wir in den Jahren Stalins mit einer bestimmten Verehrung zum Führer, obgleich (ich muss das für mich sagen) auch mit dem Empfinden, dass es der Ruhmesworte über ihn zum Teil zu viele waren.

Und dann kam der XX. Parteitag, das Referat von Chruschtschow (seine Geheimrede), und schlagartig wurde buchstäblich alles, was mit seinem Namen zusammenhing, umgeschmissen. Es war eine Neubewertung im umgekehrten Sinne. Aus Plus wurde Minus. Mir schien, dass wir alle oder zumindest fast alle, die sich heute die Sechzigjährigen und die aus den sechziger Jahren nennen, ein für alle Mal AntiStalinisten geworden sind. Jetzt muss ich jedoch für mich sagen, dass ich vieles in der entgegengesetzten Richtung neu bewerte. Und das trifft meiner Meinung nach nicht nur für mich zu. Wie hat sich bei Ihnen das Verhältnis zu Stalin gewandelt?

Richard Kosolapow:

Ich weiß nicht, vielleicht hat das etwas mit der Familientradition zu tun, aber das Verhältnis zu Stalin ist im gesamten Verlauf meines bewussten Lebens im Allgemeinen gleichgeblieben. Natürlich entstanden in den Perioden entweder der ungestümen Verehrung Stalins oder seiner blindwütigen Entthronung Fragen: Aus welchen Gründen; wurde nicht etwas enthüllt, über das ich nicht bereits Mutmaßungen angestellt habe; warum das jetzt und in dieser Form? Aber die Fragen bezogen sich mehr auf psychologische Nuancen, Unverständnis, die unklaren Verhältnisse und Umstände usw., als auf die Stellung Stalins in der Geschichte der sowjetischen Gesellschaft und in Bezug auf das, was er bewirkt hat.

Ich bin in der Zeit geboren, als Stalin seinen Artikel „vor Erfolgen von Schwindel befallen“, den berühmten Stalinschen Artikel über die Überspitzungen bei der Kollektivierung geschrieben hat. Ich befand mich in der Nähe der Orte und der Menschen, die Scholochow in seinem Roman „Neuland unterm Pflug“ typisierte. Mein damals 25jähriger Vater war zu dieser Zeit Sekretär einer territorialen Parteizelle und Bevollmächtigter für die Organisation von Kolchosen, meine Großmutter mütterlicherseits war auch Kommunistin. Seit den frühen Jahren in einer Familie aufgewachsen, die keine Götzenbilder anerkannte, hörte ich sowohl gute Worte über Lenin (So war er! Das war Lenin!), als auch unterschiedliche Worte, darunter auch derbe Worte an die Adresse Stalins.

Ich erinnere mich an unsere privaten Gäste vor dem Kriege – Rote Kavalleristen und Partisanen, Teilnehmer an der Verteidigung von Zaryzin. Ich will hier die Worte schildern, die einer der Gäste sagte „Da kommt zu uns in die Schützengräben ein Armeebevollmächtigter von der Zentrale, wir hockten hungernd da, und was das Schlimmste war, der Machorka war längst verbraucht. Der Feind heizte uns mächtig ein. Wir umlagerten den Armeebevollmächtigten von allen Seiten, und man höre und staune, es war Genosse Stalin höchstpersönlich!“ … .

Ich erinnere mich auch an die Blicke, die im Sommer 1941 mit Beklemmung und Hoffnung auf Moskau gerichtet waren; und da gab es das Bravourstück Stalins, der am 7. November wie gewöhnlich auf die Tribüne des Lenin-Mausoleums trat. Die Faschisten standen schon an der Peripherie Moskaus. Ich erinnere mich der ehrerbietigen und besonders warmen, zu Herzen gehenden Worte, die er an die Kämpfer der Winterschlachten im Jahre 1943 richtete. Stalin gebrauchte das ‚batja‘ …, was sich in andere Sprachen gar nicht übersetzten lässt. (Das Wort batja bedeutet im genannten Zusammenhang frei übersetzt, soviel ‚wie meine geliebten heldenhaften Brüder und Schwestern, heroische Söhne und Töchter der Heimat‘, es kann fallweise in konkreten Situationen als Ausdruck höchster Anerkennung, Wertschätzung und persönlicher Verbundenheit auch anders übersetzt werden).

Wir brauchen heute vor einer solchen Begeisterung nicht die Augen zu verschließen, nicht davonzulaufen vor dem, was Menschen damals unter der Führung Stalins geleistet haben. Damit zu brechen, ist sowohl für einen politischen Funktionär als auch für jede Partei unseres Landes verderblich. Nun, man hat mit einer heroischen Vergangenheit gebrochen, man hat die Traditionslinien nicht gewahrt. Liegt darin nicht einer der Schlüssel, eine der wesentlichen Ursachen für unser Elend der letzten Jahrzehnte, für den Zusammenbruch der Kommunistischen Partei der Sowjetunion und der sozialistischen Errungenschaften, für den Machtverfall der Sowjetunion?

Der broschierte Bericht (die Geheimrede) über Stalin wurde mir mit großer Geheimnistuerei von meinem damaligen Vorgesetzten zum Durchlesen ausgehändigt. „Bring1 ihn nicht aus dem Gebäude raus. Wenn du vorhast, wegzugehen, verschließe ihn im Safe!“ Ich will es geradeheraus sagen, der Eindruck über dieses Opus war trübe. Zu dieser Zeit hatte ich bei aller politischen Unerfahrenheit die Philosophische Fakultät der Moskauer Staatsuniversität geschultert, eine ausgezeichnete Hegelianisch – Marxistische Bildung erhalten, das Wissen des Erbes Lenins in mich aufgenommen und alles gelesen, was über Stalin zugänglich war. Provokant und schäbig empfand ich die Anspielung des Redners auf eine angebliche Beteiligung Stalins am Mord an Kirow. Vieles in dem Geheimbericht wirkte wie eine persönliche Abrechnung, wie Spuren früherer Kränkungen, Rache, die Weitergabe von Hinterkulissen-Klatsch und Tratsch des Apparats. Die Fakten waren voreingenommen und bruchstückartig ausgesucht und aneinandergereiht, ohne daß das Prinzip der konkreten historischen Analyse angewandt worden wäre.

Ich wußte nicht und konnte natürlich damals nicht wissen, dass Chruschtschow den Text mit Hilfe von Pospelow und Schepilow unter Umgehung des ZK und seines Präsidiums ausgearbeitet hatte und ihn als eine Art Soloeinlage dem Wesen nach außerhalb des Rahmens des Parteitages vortrug. Die Verlesung des Geheimberichts erfolgte, als der Parteitag bereits die neuen zentralen Leitungsorgane gewählt und seine Arbeit genaugenommen schon beendet hatte, als die Parteitagsdelegierten ihre statutenmäßigen Vollmachten nicht mehr ausüben und bestenfalls in der Rolle von passiven Zuhörern eines Parteiaktivs auftreten konnten. Genau so entstand „die Linie des XX. Parteitages“, die viel dazu beitrug, die kommunistische Bewegung zu untergraben. Ich wiederhole es: insgesamt wußte ich es nicht und konnte ich es auch nicht wissen, aber intuitiv spürte ich die Verlogenheit und den Betrug, und deswegen wurde ich auch nicht ein für alle Mal ein Antistalinist. Ja, ich halte mich wie auch Sie für einen aus den „Sechziger Jahren“. Aber warum sind unter diesen bei uns nur Leute vom Schlage eines Jewtuschenko – Karjakin – Burlazkij – Arbatow bekannt geworden, und warum wurde ein anderer Typ vergessen. Ich habe diejenigen im Auge, die in das reife Leben, in die Politik mit einer anderen ideologischen Vorbereitung und mit einer anderen ethisch – sittlichen Munitionierung traten. Für mich sind dies die Kriegskindheit, die Schule des „Kapitals“, die neu entdeckten Frühwerke von Karl Marx, die Verbindung mit der auf die Zukunft orientierten „neuen Linken“ in der Sorbonne, die Werke und Reden von Fidel Castro und Che Guevara. Sie werden mir zustimmen, das waren auch die aus den „Sechziger Jahren“. Bedauerlicherweise, (wie das insbesondere mit E. lljenkow geschah), wurden sie bei uns im Lande vergiftet und zerdrückt, aber die aus den sechziger Jahren waren wissenschaftlich – romantisch und nicht liberal – pragmatisch, wie sich noch unlängst diejenigen brüsteten, die sich als „Demokraten“ bezeichnen.

Und noch etwas muß gesagt werden. Ich habe keine „prostalinistischen“ Artikel geschrieben. Das Thema Stalin wurde in meinen Publikationen früher nur nebenbei behandelt, sozusagen nur gestreift. Erst im Jahre 1995 habe ich eine Sammlung von Texten Stalins herausgegeben, in denen in weitsichtiger Voraussicht die Niederlage unserer Revolution vorausgesagt wurde, wenn bestimmte, sich nicht spontan herausbildende, sondern vorsätzlich zweckbestimmt geschaffene Bedingungen eintreten, und zwar in der Art derjenigen, die wir in den Jahren 1985-1993 beobachten konnten. Etwa ein Drittel des Buches, das den Titel trug „Ein Wort an den Genossen Stalin“ bildeten meine Kommentare, die, so hoffe ich, hinreichend objektiv die Vorzüge und Mängel der darin enthaltenen Arbeiten beleuchtet haben. ‚

Zwei Artikel, und auch diese waren nicht „prostalinistisch“, erschienen erst dann, als ein alter Kollege, nämlich Leon Onikow, eine Polemik gegen mich startete. Leon will, ungeachtet der Jahre, der ziemlich jähen Wende des Gangs der Geschichte und der Notwendigkeit, die Stereotypen der Jugend zu überprüfen, nichts revidieren. Er bemerkt sozusagen nicht, dass die von Zeit zu Zeit neu gestarteten Attacken auf Stalin dazu benutzt wurden, die Autorität von Lenin und Marx, ihre Lehre, den Sowjetstaat, die sozialistische Gesellschaftsordnung, die geopolitischen Positionen unseres Heimatlandes zu untergraben. In den Augen von Onikow steht der Zustand der Instruktionen zur Führung der Geschäfte der Partei und das Einlass Regime im ZK der KPdSU (wo er übrigens weniger als zehn Jahre bis August 1991 gearbeitet hat) immer noch höher als die historische Wahrheit. Und da kann man kaum etwas dagegen machen.

Bei mir besteht ein solches Ziel ganz und gar nicht, mein Ziel ist nicht, zu verleumden, anzuschwärzen, Apologie zu betreiben, es ist einfach ein aufklärerisches Ziel. Es besteht darin, unseren Landsleuten den ihnen unbekannten Autor – Stalin mit all seiner Lebensschlichtheit zurückzugeben. Wenn dieser Einfachheit auf dem Fuße Größe folgte, bei wem bin ich hier denn dann angelangt?

 

Viktor Koschemjako:

Betrachten Sie sich als Stalinist? Und daran knüpft sich logischerweise die Frage an, was verstehen Sie unter dem Begriff „Stalinismus“?

Richard Kosolapow:

Nein, ich betrachte mich nicht als solcher. Nach meiner Weltanschauung bin ich ein Anhänger und Verfechter des dialektischen Materialismus, und wenn man das durch irgendeinen Namen bezeichnen will, so bin ich Marxist-Leninist.

Ich denke, dass diese Selbstattestation mehr als genug ist. Was den Begriff „Stalinist“ anbetrifft, so kam er bei uns auf Betreiben entweder linkstrotzkistischer oder rechtsrevisionistischer Elemente in Umlauf. Immer wurde er zur Diskreditierung der Anhänger und Verfechter des realen Sozialismus benutzt.

Über die Jahrzehnte wurde das Wort vieldeutig und nahm auch den Inhalt eines Schimpf- und Schmähwortes an. Mit diesem Wort konnte man sowohl Anhängern militär-bürokratischer Methoden der Leitung, Individuen mit diktatorischen Manieren und konservativem Denken, Dogmatikern usw. eins überbraten, als auch einem ehrlichen Menschen mit klaren Ansichten und strenger Moral, einem Menschen, der sich nicht von konjunkturellen Einflüssen leiten läßt, der kein Gleichgewichtskünstler, kein Anpasser und kein Heuchler ist, eins auswischen.

Es traten auch „Stalinisten“, insbesondere unter „Patrioten“ auf, die als Antileninisten galten. Sie akzeptierten bei Stalin nur seine „Staatsmacht“, in naiver Weise nach irgendwelchen arglistigen, betrügerischen Einflüsterungen davon ausgehend, daß die Staatsmacht, die Staatlichkeit sozusagen außerhalb und gegen den Einfluß Lenins und des Leninismus möglich wäre.

Stalin hätte sich sicherlich von derartigen „Stalinisten“ entschieden abgegrenzt.

Übrigens war es zu Zeiten meiner Kindheit, meiner Knaben- und Jugendzeit ehrenhaft, Stalinez oder Stalinzi genannt zu werden, aber man bemühte sich, dieses Wort der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.

Viktor Koschemjako:

Gegenwärtig gibt es, denke ich, nur noch wenige Leute, die der Meinung sind, dass Stalin eine Null, ein Halbgebildeter, ein Paranoiker usw. gewesen sei. Sogar Radsinskij singt in seinem Buch und in seiner Fernsehsendung über die Rätsel Stalins „ ein anderes Lied. Ein großer Bösewicht, ein Genie des Bösen – etwa in dieser Richtung kann man seine bis jetzt vorherrschende Version definieren. Wie ist Ihre Meinung dazu? Es ist klar, dass Stalin eine ziemlich komplizierte und auch widersprüchliche Persönlichkeit war. Aber was war sozusagen unter Wahrung der historischen Balance, der historischen Gerechtigkeit nach Ihrer Meinung im Wirken Stalins stärker ausgeprägt: tatsächlich das Böse oder dennoch das Gute? Ich bin mir bewusst, dass in dieser Fragestellung etwas primitiv Vereinfachendes steckt, aber dennoch will ich sie einmal so stellen.

Richard Kosolapow:

Die Version „Genie des Bösen“ oder „Genie des Übels“ ist absolut unhaltbar. Sie ist sogar unsinnig, wenn man bedenkt, in welcher Dimension man es hier mit einer historischen Persönlichkeit zu tun hat, wie es Stalin nun einmal in der Tat war. Da kann man nicht den Anschein erwecken wollen, ihm gegenüber erhabener und klüger dazustehen, da kann man nicht mehr hineingeheimnissen, als in dieser Person dringesteckt hat. Aber Radsinskij strebt nach dieser Rolle, nämlich über einem Politiker zu stehen, der Großes vollbracht hat. Mehr noch, unter Gebrauch der Stimme, der Augen, der Lippen, mit Grimassen spielt er Stalin zugleich zwei Rollen zu – zuerst die des bedeutenden Bösewichts und dann die des als Richter fungierenden Opferpriesters. Vielen mag das gefallen, aber meiner Ansicht empfängt der Zuschauer noch einen anderen Eindruck, nämlich, daß es im Grunde sehr schlecht, unter aller Kritik ist, was Radsinskij hier bietet. Ich denke, daß diese gespielte Parodie und Selbstparodie eines Radsinskij einem guten satirischen Theaterstück gut zu Gesicht stehen könnte, aber eines Stalins unwürdig ist … .

Um Stalin in seiner Realität zu begreifen und nicht eine Phantasiegestalt zu produzieren, muss man festhalten, dass er, der eine theologische Ausbildung erfahren hat, mit der Kirchenrhetorik, mit der Lehre der Kirche über Gut und Böse gut vertraut war und für ihn das Böse ganz allgemein kein abstraktes Phänomen war. Das Böse verstand Stalin immer sehr konkret, als etwas, das in Menschen und in gesellschaftlichen Verhältnissen verkörpert sein kann. Solche Verkörperungen des Bösen waren für ihn das Privateigentum, die Bourgeoisie, der Imperialismus, jede Art von opportunistischen und antiproletarischen gegen die Menschlichkeit gerichtete Neigungen u.a. Stalin war weder Dämon noch Engel.

Er konnte den Gegner ins Visier nehmen und auf seine Art zuschlagen. Das Böse war für ihn dabei ein Begriff im philosophischen, weltanschaulichen Sinne. Er konnte irren und gleichzeitig verstand er es, umsichtig und Weise zu sein, Stalin hatte immer ein Hauptziel – die Zerschlagung der Allmacht des Kapitals und der imperialistischen Bedrohung, er wollte Macht und Wohlstand für den Sowjetstaat und für das werktätige Volk.

Das Elend aller Feinde und Kritiker Stalins bestand darin, dass sie in der Regel nur in Teilkategorien dachten, dass ihnen partielles Denken wesenseigen war. Sie erfassten mit ihrem Verstand eine bestimmte Lebenssituation, eine bruchstückartige Erscheinung, eine lokale Situation -Stalin erfasste immer das Ganze, d.h. er hatte stets die Gesamtsituation, die Komplexität einer Konstellation im Auge. Sie, die Gegner, dachten nur über eine Region nach, er über Gewinn und Verlust im Weltmaßstab. Stalin war also ein globaler Denker, seine Gegner und Kritiker, wenn sie nicht direkte Agenten der Feinde der Sowjetunion waren, nur Menschen mit beschränktem geistigem Horizont.

Natürlich ist die Behauptung eines Chruschtschows, daß Stalin die Operationen an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges am Globus plante, ein längst widerlegter Unsinn. Aber wo und worin hatte Chruschtschow, der im Grunde nur ein Schwätzer war, eigentlich recht, wenn man die Maßstäbe des Denkens Stalins betrachtet. Stalin verstand es wie keiner, das in seiner Wirkung schon begrenzte Böse dazu zu zwingen, dem allgemeinem Wohl zu dienen, (dazu wurde auch nach der Überzeugung Stalins die neue sozialistische Gesellschaftsordnung geschaffen), d.h. er war bisweilen, wenn es nicht anders ging, auch hart, um das Gute durchzusetzen. Darüber sollte man nachdenken. Selbst für sich als Person betrachtet, war Stalin meiner Meinung nach kein böser Mensch. Aber das unermesslich schwere Leben, dass er, man kann sagen, in allen Dimensionen durchgemacht hat, die Niederträchtigkeiten und abgrundtiefen Gemeinheiten, den Zynismus und die Grausamkeiten, die er in vieler Hinsicht erlebte und mit denen er oft konfrontiert war, die oftmals intellektuelle und ethische Einsamkeit und Verlassenheit hatten ihren Einfluss auf Stalin.

Aber umso beachtlicher ist sein grundsätzlich unbeirrbares Festhalten an effizientem Handeln, an hohen ethischen Werten, sein aufopferungsvolles soziales Engagement. Um der allgemeinen Sache willen hat Stalin sich nicht geschont, und er gestattete auch anderen nicht, sich zu schonen. Diesen Standpunkt haben bei weitem nicht alle geteilt. Dies konnten ihm viele nicht verzeihen. Ich habe hier nicht die Absicht, über all das irgendein abschließendes Urteil abzugeben und noch weniger, irgendjemand zu rechtfertigen. Ich denke immer an folgendes (und rate auch anderen, dessen eingedenk zu sein): eine Erklärung ist keine Rechtfertigung. Auch hier ist ein Ausspruch von Spinoza angebracht: nicht weinen und klagen, nicht lachen und spotten, sondern verstehen.

Was überwog in der Tätigkeit Stalins – tatsächlich das Böse oder dennoch das Gute?

Sein Sie nicht erzürnt darüber, aber diese Frage erinnert mich an die berüchtigte Losung „mehr Demokratie, mehr Sozialismus“, die dann zum Verschwinden des Sozialismus und zu einer äußerst fragwürdigen Demokratie führte. Es gibt im Leben Fälle, wo das persönliche Wohlergehen dem Gemeinwohl geopfert wird. Dabei verliert einer alles oder fast alles, und dafür gewinnt die Gemeinschaft. Vom Standpunkt des konkreten Individuums wird etwas Böses verübt, vom Standpunkt der Gesellschaft geschieht jedoch etwas Gutes. Stalin dachte und handelte gerade in diesem Sinne. In seinem Frühwerk „Anarchismus oder Sozialismus?“ schrieb er, daß „der Dreh- und Angelpunkt des Anarchismus die Persönlichkeit, deren Befreiung nach seiner Auffassung die Hauptbedingung der Befreiung der Masse, des Kollektivs ist … . Der Dreh- und Angelpunkt des Marxismus ist die Masse, deren Befreiung seiner Konzeption nach die Hauptbedingung für die Befreiung der Persönlichkeit ist.“ Seinerzeit sah Stalin keine Formen und Methoden, beides in ein harmonisches Gleichgewicht zu bringen und alles, was er tat, geschah im Namen der Mehrheit. Bei der damaligen konkreten historischen Erfüllung der Aufgaben war das auch gut so. Hat denn die gegenwärtige russische Gesellschaft gewonnen, als sie diese Priorität über Bord warf?

Viktor Koschemjako:

Wladimir lljitsch Lenin und Josef Wissarionowitsch Stalin. Es ist bekannt, daß es verschiedene Darstellungen des Verhältnisses dieser beiden historischen Persönlichkeiten gibt. Vom „wahren Schüler, Kampfgefährten und Fortsetzer des Werkes Lenins“ bis zum vollkommenen Gegenteil. Was ist Ihre Meinung zu dieser Frage? Man sagt, hätte denn Lenin die Tätigkeit Stalins nach seinem Tode gebilligt (obwohl die Geschichte den Konjunktiv nicht kennt)?

Vollzog Stalin seinen „Thermidor“? Gab es in diesen Jahren zu Stalin eine reale Alternative? Und was die Hauptsache ist, – wie stehen Sie zum Jahr 1937 und allgemein zu den Stalinschen Repressalien, den GULAGs usw., was für viele zum bestimmenden Merkmal bei der Bewertung Stalins und sogar der gesamten Sowjetperiode unserer Geschichte wurde?

Richard Kosolapow:

Sie haben mich eben mit Fragen eingedeckt, deren Beantwortung jede einzeln einen ganzen Band füllen würde. Ich will mich bemühen, zu jeder von ihnen kurz zu antworten und das Wesentliche zu sagen.

1. Stalin betrachtete sich zweifellos als Schüler und Fortsetzer des Werkes von Lenin.
Sich dazu bekennen zu können, war für ihn als Mensch, der persönlich bescheiden und nichtvermögend war, eine höchste Anerkennung und Ehre. Noch nach dem Siege im Großen Vaterländischen Krieg, auf dem Zenit seines gewaltigen Ruhms, erklärte er, als er mit Stussen die Perspektiven der friedlichen Koexistenz erörterte, „dass der Gedanke der friedlichen Koexistenz zuerst von Lenin geäußert wurde. Lenin ist unser Lehrmeister und wir Sowjetmenschen sind die Schüler Lenins. Wir sind niemals vom Vermächtnis Lenins abgewichen und wir werden niemals davon abweichen.“ (Prawda, vom 8. Mai 1947)

In diesem Sinne erteilte er auch allen nachfolgenden sowjetischen Führern eine deutliche moralische Lehre, die diese nicht übernahmen, die sie schmählich missachteten. Beachten Sie und nehmen sie das besonders zur Kenntnis: Stalin ist der einzige unter den „führenden Personen“ in der Geschichte der Sowjetunion, der die Autorität seines Vorgängers nicht untergrub und verwarf, sondern emporhob. Man kann dem entgegnen, daß die Rede doch von Lenin ist. Aber solche „Demokraten“ wie Gorbatschow, Jakowlew, Wolkogonow und Latyschew zeigten vortrefflich, dass sie bereit waren, für ein paar Silberlinge auch selbst Jesus Christus mit Dreck zu bewerten und zu verraten. Stalin hielt das Andenken an Lenin heilig, und zwar ungeachtet der komplizierten gegenseitigen Beziehungen zu ihm in seinen letzten Lebensjahren, d.h. während Lenins schwerer Krankheit. Er hat den Schwur, den er an der Bahre Lenins abgab, niemals gebrochen. Mich haben immer die platten Erzählungen über die „Freundschaft“ Lenins und Stalins, über die beiden „hehren Adler“, die sich nicht miteinander aussprechen konnten, ziemlich peinlich berührt. Sicher ist aber, dass Lenin den Genossen Stalin als Organisator sehr hoch einschätzte und ihm mehr als den anderen vertraute. Gerade das beunruhigte die nächsten Bekannten der Familie, genauer N. Krupskajas, als da waren Sinowjew, Kamenew und auch Trotzki, die am Krankenbett Lenins Intrigen spannen. Das ZK hatte Stalin beauftragt, dafür zu sorgen, daß für Lenin die notwendigen ärztlichen Behandlungsvorschriften eingehalten werden. Sie wurden aber am laufenden Band verletzt.

Die oben genannten Personen Sinowjew, Kamenew und Trotzki fuhren fort, die Ruhe des schwerkranken Lenins, nicht ohne Vermittlung von Krupskaja, ständig zu stören, was dann auch zu dem scharfen Gespräch Stalins mit ihr führte. Jetzt ist völlig klar, dass Stalin etwas zu Recht befürchtete. Dreimal hintereinander wurden für Lenin falsche Diagnosen gestellt. Man zermürbte ihn mit unnötigen Behandlungsmethoden und war offenbar bestrebt, ihn langsam zu Tode zu heilen und gleichzeitig zu diskreditieren (siehe Lopuchin, J. u. I, „Die Krankheit, der Tod und die Einbalsamierung Lenins. Wahrheit und Mythen“, Moskau, 1997). Das Verhältnis Lenins zu Stalin wurde an die Grenze des Zerwürfnisses getrieben, aber Stalin gelang es, das zu vermeiden, obwohl Chruschtschow versuchte, das Gegenteil zu beweisen. Stalin stand diese schwere Prüfung durch und trug die Stafette Lenins weiter.

2. Hätte Lenin die Tätigkeit Stalins gebilligt?
Man kann sagen, er hätte sie kaum vorbehaltlos gebilligt, das gilt aber nicht nur für die Tätigkeit Stalins, sondern auch für jeden beliebigen anderen, der seinen Platz eingenommen hätte. Versuchen Sie selbst auf die Frage zu antworten, hätte Karl Marx nach seinem Tode vorbehaltlos eine Tätigkeit Lenins bzw. ohne ihn oder sogar von Engels gebilligt – sie können hier eine analoge hypothetische Antwort erhalten.

Worin besteht der Kern des Problems?

Es mag diejenigen nicht erfreuen, die von mir die Anerkennung eines angeblichen Verrats Stalins am Leninismus haben wollen. Aber Stalin hat Lenin und den Leninismus nicht verraten. Stalin war ein treuer Leninist, so wie er den Leninismus verstand und wie es ihm die sehr widersprüchlichen und sich ständig verändernden Bedingungen und Umstände erlaubten.

Die Geschichte kennt in der Tat keine Konjunktivinklinationen, aber ich werde dennoch auf die von Ihnen vorgelegte Frage antworten, weil sie eine Schlüsselfrage ist. Warum hätte sich Lenin kritisch zur Arbeit Stalins verhalten?

Erstens deswegen, weil er ungeachtet des relativ geringen Altersunterschieds von 9 Jahren dennoch zu einer reiferen und gebildeteren Generation, zu den „Alten unter den Revolutionären gehörte. Zweitens, weil Lenin als Theoretiker und Stratege vielseitiger und tiefgründiger gebildet war, so daß er an viele Aufgaben schon als Lehrer herangehen konnte, während Stalin noch buchstäblich unter feldmäßigen Bedingungen viel lernen musste.

Die Theorie ist bei der Überprüfung der Praxis immer streng – Praktiker verhalten sich oftmals nachsichtig gegenüber den Abweichungen von der strengen Theorie, insbesondere, wenn man sich auf die Sachzwänge berufen kann. Dieser ewige Widerspruch hätte sich sicherlich gezeigt, wenn Lenin in der Lage gewesen wäre, in der Sowjetgesellschaft den Gang des Geschehens 1924 und in den folgenden Jahren zu analysieren.

Unzufriedenheit mit sich selbst und seinen Nachfolgern ist allgemein eine Eigenschaft einer normalen, aktiv tätigen, schöpferischen und gewissenhaften Persönlichkeit, und auch ein Lenin wäre nicht er selbst gewesen, wenn sich seine Bewertung des von uns zurückgelegten Weges auf die ermutigende Losung der chruschtschowistischen-breschnewistischen Agitation und Propaganda reduziert hätte „Schreitet weiter voran auf dem wahren Weg, Genossen!“

3. Hat Stalin seinen „Thermidor“ vollzogen?

Nein, er hat ihn nicht vollzogen, und ihm den Vollzug eines Thermidors zu unterstellen, ist sogar historischer Schwachsinn. Als „Thermidor“ (nach der Bezeichnung eines der Monate des republikanische Kalenders -ein Teil des Julis und ein Teil des Augusts) wird in der Geschichte der Großen Französischen Revolution die rechte, gegen die Jakobiner gerichtete Wende von 1794 bezeichnet, die die werktätigen Massen von der Teilnahme an der Macht ausschloss und die unbeschränkte Diktatur der Bourgeoisie bestätigte. Damit begannen die ungezügelte private Bereicherung und der weiße Terror. „Eine gewaltige Erhöhung der Preise für Lebensmittel“ konstatierte die Zeitung von Babeuf „Tribüne des Volkes“ am 9. Januar 1795. Es heißt dort weiter „Stilllegung von Arbeitsplätzen. Vertreibung der Arbeiter aus Paris … . Einstellung der Produktion von Waffen und Kleidung. Unverhüllte Begünstigung der Prostitution … . Wiedererstehen des Aberglaubens. Ausfuhr von Edelmetall, Untergrabung des Vertrauens in die Assignaten“ (zu den Papiergeldscheinen). „Abscheuliche Vorteilsnahme und Bereicherung infolge der Abschaffung der Höchstpreise“ (der sog. Maxima, der Limit Preise für Brot). „Wiedererstehung der Worte „Pöbel“, „gemeines Volk“ zur Bezeichnung des Volkes … .“

Verderbliche Handlungsfreiheit, die der unersättlichen Habgier der Händler gewährt wird … . Berechnung in Livre, Sous und Denars“ (das damalige französische Wechselgeld bzw. die französischen Scheidemünzen), „was bestätigte, daß das arbeitende Volk sich in Existenznot befindet.“

Kann jemand sagen, was das mit der Praxis von Stalin zu tun hatte, was das mit dem Leben in der Zeit Stalins gemein hatte? Bekannt ist, daß Trotzki im innerparteilichen Kampf das Etikett „Thermidor“, an die Adresse der Mehrheit des ZK gerichtet, gebrauchte. Trotzki wollte damit die Gefahr der „bürokratischen Entartung“ der Arbeitermacht signalisieren (d.h. das, vor dem schon Lenin gewarnt hatte), aber er verlor das Gefühl für die Realitätsmaßstäbe … . Nach seiner Natur ein Egozentriker, ein leidenschaftlicher Redner und befähigter Literat, erwies sich Trotzki nicht als ein nüchterner Analytiker. Ihm fehlte es an Selbstbeherrschung und Disziplin, die für eine langfristig und nachhaltig wirkende organisatorische Arbeit erforderlich ist. Deswegen gibt es in seinen Urteilen, die meist in emotionale Ergüsse ausarteten, nur sehr bruchstückartig richtige Bewertungen.

Deswegen betrachtete er vieles, was nur als negative Tendenz empfunden wurde, bereits als Faktum, als vollendete Tatsache. Somit mündeten seine Attacken gegen Stalin und seine Kampfgefährten in Aufrufen zur Untergrabung des Sowjetregimes, darunter auch durch eine Niederlage der UdSSR in einem künftigen Krieg. Wenn man heutzutage das Buch von Trotzki „Die verratene Revolution“ liest, so entdeckt man darin etwas Bekanntes, was aus dieser Sicht aber nicht zu der Zeit Stalins gehört. Im Lichte der Erfahrungen einiger Jahrzehnte unterliegt nämlich in dieser Zeit die Festigkeit des Systems der Diktatur der Arbeiterklasse keinem Zweifel. Seine ernsthafteste Erprobung und Herausforderung waren der Große Vaterländische Krieg und der schnelle Wiederaufbau der von den faschistischen Eroberern und Okkupanten zerstörten Volkswirtschaft. Mit einem Wort, Stalin behielt in der Auseinandersetzung mit Trotzki recht. Aber der „Thermidor“ war damit noch nicht vom Tisch, seine Gefahr nicht beseitigt. Er erhob sich neu in den Jahren 1956-1961 durch Chruschtschow, der den Sprung vom politisch-ideologischen Schock, von der politisch-ideologischen Entwaffnung der KPdSU zur Ersetzung des Proletarischen Staates durch den allgemeinen Volksstaat vollzog. Ohne grelle Worte und ohne Bezugnahme auf Beispiele der Geschichte der Umschwünge und Peripetien anderer Länder leitete er einen Prozess ein, der die leninistischen Kommunisten in die gleiche Niederlage führte, die die Jakobiner einst in Frankreich erlitten hatten.

Es mag paradox klingen, aber Trotzki befindet sich mit seinen Vorschlägen und Schlussfolgerungen der gegenwärtigen Zeit wesentlich näher als jener Zeit, in der er lebte. Er beschrieb, so kann man sagen, recht gut die Entartung der Sowjetmacht, die in Chruschtschows Nachfolge von Gorbatschow und Jakowlew in Gang gesetzt wurde, wobei diese faktisch nach Trotzkis Modell verfuhren.

Stalin war bereits gewissermaßen aus dem Spiel. Von allen gegenwärtig über ihn schreibenden Literaten wird sicherlich einer gut in unserem Gedächtnis haften bleiben, nämlich der schon genannte L. Onikow. Er fährt fort, Stalin ohne Beweise zu beschuldigen, und zwar erstens der „Liquidierung“ der KPdSU; zweitens des „Meuchelmords“ des Marxismus als Wissenschaft; drittens der „Vernichtung“ der Diktatur des Proletariats. Das heißt, Onikow zäumt die gegenwärtige Linie des Thermidors von Chruschtschow – Gorbatschow im Stil der Rhetorik und Verbalistik auf, die Trotzki schon in den 20er und 30er Jahren gebrauchte (siehe „Nesawisimaja Gaseta“ vom 2. Dezember 1997).

4. Gab es in diesen Jahren eine reale Alternative zu Stalin? Die Antwort muß lauten, es gab keine.

Sogar bei Lenin bildeten nur wenige auf seinem Niveau stehende Personen die Kaderreserve. Lenin kannte den Preis aller seiner nächsten Mitarbeiter. Die Beförderung von Stalin auf den Posten des Generalsekretärs der KPdSU (B), d.h. des Koordinators der Arbeit von drei Organen – des Politbüros, des Orgbüros und des Apparats des ZK -war kein Zufall, sondern war im Großen und Ganzen gerechtfertigt. Wenn die Urteile über die Leute der 20er und 30er Jahre für uns auch in vieler Hinsicht problematisch sind, so steht es für jeden vernünftigen Menschen außer Zweifel, dass es zweckmäßig war, dass Stalin während und nach dem Großen Vaterländischen Krieg an der Spitze der Partei und des Staates stand. Erklärungen der Art: der Sieg wurde nicht dank Stalin, sondern trotz Stalin, gegen die Leitung von „Stalin“ errungen, muß man aus Billigkeits- und Gerechtigkeitsgründen zu den Ausgeburten eines böswilligen Blödsinns rechnen.

Das wird durch eine Menge von Fakten bewiesen, die an dieser Stelle nicht alle aufgezählt werden können. Wen außer Stalin könnte man sich noch auf dem Posten des Vorsitzenden des Rats der Volkskommissare, des Vorsitzenden des Staatlichen Komitees für Verteidigung oder des Obersten Befehlshabers vorstellen? Trotzki oder Bucharin? Sinowjew oder Tuchatschewskij? Kamenew oder Jegorow? Woroschilow oder Timoschenko? Molotow oder Berija? Malenkow oder Kaganowitsch?

Keiner reichte an das Format eines Stalins heran. Für diese universelle Rolle hätte sich auch ein Shukow nicht geeignet. In dieser Reihe zum Beispiel Kalinin oder Chruschtschow zu nennen, wäre aus verschiedenen Gründen in der Tat sogar lächerlich. Ich will hier nicht jene hinreichend bekannten großen Worte seines Antipoden und Partners in der Antihitler-Koalition, Churchill, wiederholen, die dieser über Stalin sagte. Ich führe hier Worte des Präsidenten der USA, Roosevelt, an: „Dieser Mann kann handeln. Er hat immer das klare Ziel vor Augen. Mit ihm zu arbeiten, ist ein Vergnügen. Es gibt keine Umständlichkeit. Er legt die Frage dar, die er diskutieren will, und davon wird in keiner Hinsicht mehr abgewichen.“

Ein Charaktermerkmal Stalins war, daß er in seinem ganzen Leben nie aufgehört hat zu lernen. Er begann in seiner Jugend als talentierter Poet und Dichter, und nach seinem Ausscheiden aus dem Seminar (Stalin absolvierte ein 5jähriges Studium am Priesterseminar in Tiflis, der damals höchsten Bildungseinrichtung Georgiens, aus dem er wegen seiner revolutionären Tätigkeit 1899 ausgeschlossen wurde) gab er Unterricht in Mathematik und Griechisch. Allseitig eignete er sich die Meisterschaft eines im Untergrund kämpfenden Revolutionärs an. Er erlernte die Journalistik und das Kriegshandwerk, die Diplomatie, Betriebs- und Volkswirtschaft, Geschichte und Sprachwissenschaften. In einem Brief vom 8. September 1930 an seine Frau Nadeshda Allilujewa bat Stalin, ihm das Lehrbuch für das autodidaktische Erlernen der englischen Sprache von Meskowskij, in einem Brief vom 14 September 1931 die Bücher „Arbeiter Technikum für Elektrotechnik“ und „Arbeiter Technikum für Eisenmetallurgie“ zu schicken. Können Sie sich vorstellen, dass der „Begründer des Neuen Denkens für unser Land und für die ganze Welt“ seine Frau Raissa Maksimowna um derartiges gebeten hätte?

Viktor Koschemjako:

Nun zur heikelsten Frage – Wie stehen Sie zum Thema der Stalinschen Repressionen und des GULAGs? Speziell was bedeutet für Sie das Jahr 1937?

Richard Kosolapow:

Ich will damit beginnen, dass das Jahr 1937 nicht nur ein Jahr der Repressionen war. Dies war auch ein Jahr der erfolgreichen Erfüllung des 2. Fünfjahrplans; des 100jährigen Jubiläums von Puschkin, das in ein Volksfestival des Russischen Geisteslebens überging; des 20. Jahrestages der Oktoberrevolution; der ersten Wahlen zum Obersten Sowjet entsprechend der neuen Verfassung der UdSSR. Die Änderung der Wahlgesetzgebung und des Wahlmodus bedeutete die bis damals größte demokratische Reform des sowjetischen politischen Systems in der Nachoktober-Geschichte, und das geschah im Jahre 1937. Im Lande herrschten Verhältnisse des politischen Aufschwungs, eine Aufbruchstimmung, ein Enthusiasmus der Arbeit – es ist daran, woran ich mich erinnere. Ich verfüge aber nicht über systematisierte statistische Daten über die Schattenseiten des damaligen sowjetischen Lebens und Wirkens, insbesondere über Fakten der Schädlingsarbeit und Sabotage. Davon gab es aber viele. Ich denke nicht, dass das Februar/März-Plenum des ZK der KPdSU (B) 1937. künstlich inszeniert und ein Kampf gegen Windmühlen war. Auf diesem Plenum war die Rede von Überbleibseln des Klassenkampfes, und jeder fällte danach sein Urteil entsprechend seiner Beobachtungsgabe, seinen Erfahrungen und seiner Kompetenz.

Was wissen wir über das Plenum? Wir kennen nur das Referat und Schlußwort von Stalin (Stalin, Gesammelte Werke, Band 14), die Rede von Woroschilow („Militärarchive Russlands“, 1993, Band l). Was beinhaltete das Referat von Jeschow, wie entwickelte sich die Diskussion? Wir wissen es nicht. Nach den Worten von Chruschtschow ist, obwohl er selbst nicht dabei war und das dort auch so nicht gesagt wurde, nur folgendes bekannt, nämlich der Versuch, theoretisch die Politik der Massenrepressalien unter dem Vorwand zu begründen, daß sich der Klassenkampf im Maße des Voranschreitens zum Sozialismus angeblich immer mehr verschärfen muß und auch die Zahl der Sozialismus-Feinde immer mehr zunimmt … (siehe „Chruschtschow und seine Zeit“ L., 1989, Seite 63, 64 – russisch).

Eine textologische Untersuchung der genannten Quellen widerlegt diese Behauptungen. Andere Materialien haben bis jetzt nicht zur öffentlichen Verfügung gestanden.

Stalin, die oberste Führung konnten nicht umhin, den aus dem Umkreis von Hitler eingeschleusten Gerüchten über eine profaschistische Verschwörung im Oberkommando der Roten Armee mit Tuchatschewskij an der Spitze ihre wachsame Aufmerksamkeit zu widmen. Signale dieser Art waren schon vorher eingegangen. Ein merkwürdiges und verdächtiges Interesse zeigte die weiße Emigration an diesem Militärführer. Im Jahre 1930 sahen sich Stalin, Woroschilow und Ordshonikidze gezwungen, eine diesbezügliche Untersuchung durchzuführen. „Was die Sache Tuchatschewskij angeht“ – so schrieb Stalin mit sichtlicher Erleichterung am 23. Oktober 1930 an Molotow – „… so hat sich dieser um 100 Prozent als integer erwiesen. Das ist sehr gut“. Aber die Geschichte nahm ihren Fortgang.

Im Mai 1937 soll Stalin eine persönliche Depesche vom Präsidenten der Tschechoslowakei, Benesch, erhalten haben, daß bei uns in der Sowjetunion in Zusammenwirken mit dem deutschen Generalstab und der Gestapo ein Militärputsch vorbereitet wurde. Dann nennt Chruschtschow dies auf dem XXII. Parteitag im Jahre 1961 ganz nebenbei „eine ziemlich interessante Mitteilung.“

In dieser Lage hätte Stalin aber unverzüglich und entschlossen handeln müssen. Aber es ist seltsam. Auch gegenwärtig ist die Depesche von Benesch und der entsprechende Beschluss des Politbüros des ZK der KPdSU (B) noch nicht aufgefunden und veröffentlicht worden. Einen seltsamen Eindruck hinterlässt der am 26. April 1961 an Chruschtschow erstattete Bericht „von Schwernik über die Überprüfung von Anschuldigungen, die im Jahre 1937 gegen eine Reihe von Militärs vorgebracht wurden (siehe „Militärarchive Russlands“, 1993, Band l). Darin gibt es viele grobe Faseleien und Ungereimtheiten. Die Mitteilung des tschechoslowakischen Präsidenten wird überhaupt nicht erwähnt. Zu durchsichtig ist die Tendenz, die ganze Sache gegen Stalin zu lenken.

„Das Kommunistische Regime hat 110 Millionen Menschen vernichtet“ schrieben im Zusammenhang mit dem 80. Jahrestag der Oktoberrevolution die Zeitungen „Demokratitscheskaja“ und „Iswestija“. Nach dem Geschmack der „Kritiker“ der Sozialistischen Gesellschaftsordnung werden diese Zahlen reduziert oder weiter aufgebläht. Niemand trägt die Verantwortung für direkte Zahlenspielereien, Verdrehungen und Lügen. Sie werden in zynischer Weise gerechtfertigt, zumal sie eben jetzt der herrschenden Klasse zupassekommen. Doch so kann man nicht bis in die Unendlichkeit fortfahren. In den in der „Prawda“ vom 24.-31. Oktober 1997 veröffentlichten Jubiläumsthesen der RUSO werden „schon vor langer Zeit festgestellte Fakten“ genannt: die Zahl der von 1921-1954 Verurteilten beträgt etwa 3,8 Millionen, die Zahl der Todesurteile etwa 643.000, und das in einem Lande, das in einem halben Jahrhundert drei Revolutionen, zwei Weltkriege, einen Bürgerkrieg und mehrere lokale Kriege erlebt hat. Anstelle sich an die Wahrheit zu halten, – wird in dem Dokument vermerkt – wurden ganze zwei Generationen mit der Saga über die Gulags in Schrecken versetzt. Dabei tun das oft die Abkömmlinge aus dem Milieu derjenigen, die massenhafte Ungesetzlichkeiten zugelassen haben.“

Brüsten sich die Überreste der von der Oktoberevolution gestürzten Ausbeuterklassen mit der „Waffe“ der Verdammten? Ja, es ist so. Gab es Verletzungen der revolutionären Gesetzlichkeit, litten dabei Unschuldige? Auch das ist so. Und die Verantwortung dafür trägt u.a. Stalin.

Warum haben sich neben der gerechten Strafe für Verbrechen gegen das Volk Prozesse auch gegen Unschuldige gerichtet? Teilweise ist das mit dem Bürokratismus und dem Wunsch, sich verdient zu machen, teilweise auch mit dem niedrigen Niveau an professioneller Ausbildung und Kultur der Mitarbeiter der Rechtsschutzorgane, der Sicherheits- und Justizorgane erklärbar. Die Hauptursache ist jedoch eine andere.

Wir verfügen jetzt über umfassende Tatsachenmaterialien und über dokumentarische Beweise, um folgende Schlussfolgerung ziehen zu können: Viele unschuldige Menschen, insbesondere Kommunisten, litten darunter, daß fremde Elemente (Weißgardisten, Kriminelle, Trotzkisten usw.) in diese Organe eingedrungen waren, um ihre Dienststellung als Mittel des antisowjetischen Klassenkampfes zu nutzen. Zur Ehre der Partei muß gesagt werden, sie verstand es, sich damit auseinanderzusetzen. Der Beweis dafür ist der Beschluß des Plenums des ZK der KPdSU (B) vom Januar 1938 sowie der Beschluss des Rats der Volkskommissare der UdSSR und des ZK der KPdSU (B) vom 17. November 1938 „Über Verhaftungen, staatsanwaltliche Aufsicht und Untersuchungsführung“, der von Molotow und Stalin unterzeichnet ist. Aber die unschuldig zu Tode Gekommenen wurden dadurch natürlich nicht wieder zum Leben erweckt.

Mein Vater entging nach dem Großen Vaterländische Krieg nicht dem Gefängnis, er verbrachte 6 Jahre im Lager von Nyrob des Molotowsker Gebiets, jetzt Gebiet Perm. Von ihm erfuhr ich über die Gulags viel mehr als aus den Schriften von Solschenizyn. Die Odyssee meines Vaters wurde jedoch in seinem und meinem Verhältnis zur Sowjetmacht im Allgemeinen und zu Stalin im Besonderen nicht bestimmend.

Ich habe rechtzeitig begriffen, dass dies eine zu enge Meßlatte für die Betrachtung weltumspannender historischer Phänomene ist und daß die systematische Verwendung des Gulags für derartige Ziele die Gesellschaft nur zurückwerfen kann. Wie Sie sehen, ist das dann alles auch so geschehen.

Viktor Koschemjako:

Stalin und Hitler. Sie wissen, daß im Westen und von bestimmten Autoren auch bei uns schon lange ein Gleichheitszeichen zwischen diesen Personen gesetzt wird. Man sagt sogar, daß Stalin schlimmer als Hitler gewesen sei, da dieser fremde Völker, Stalin aber sein eigenes Volk vernichtet hat.

Richard Kosolapow:

Ich halte diese Parallele für schändlich. Keiner der Staatsmänner der Welt hat mehr für die allseitige – die politische und militärische, ökonomische und organisatorische, ideologische und moralische -Zerschlagung des Faschismus und seine Vernichtung getan als Stalin. Unsere Propaganda der 30er Jahre war völlig vom Antifaschismus durchdrungen. Im Allgemeinen gibt es hier meiner Meinung nach nichts zu beweisen. Es war so und konnte auch gar nicht anders sein. Stalin soll sein Volk vernichtet haben? … . Das ist ein hanebüchener Unsinn, der den Menschen vorsätzlich aufoktroyiert wird, ebenso wie man diese zwingt, sich an Fortschrittsfeindlichkeit, Dunkelmännertum und Prostitution, an die Elenden auf den Straßen und an die Reichen in den Kasinos, an die gewaltsame Wegnahme des Eigentums und der Macht aus den Händen der Werktätigen, an Arbeitslosigkeit, Nichtauszahlung von Löhnen und an die Unterwerfung unter das Diktat der USA zu gewöhnen.

Lassen wir Stalin sprechen. „Bei uns sagen jetzt alle, dass sich die materielle Lage wesentlich verbessert hat, dass das Leben besser, heiterer geworden ist. Das ist natürlich richtig.

Das führt aber auch dazu, dass die Bevölkerung begonnen hat, sich wesentlich schneller zu vermehren, als das in früheren Zeiten der Fall war. Die Sterblichkeitsrate hat sich vermindert, die Geburtenrate erhöht. Der Nettozuwachs der Bevölkerung fällt jetzt unvergleichlich höher aus. Das ist natürlich gut und wir begrüßen das. Gegenwärtig beträgt der Nettozuwachs der Bevölkerung jedes Jahr etwa 3 Millionen Seelen. Das bedeutet, dass wir in jedem Jahr einen Zuwachs der Bevölkerung von ganz Finnland erhalten. Das bedeutet aber auch, dass immer mehr Menschen ernährt werden müssen.“ So begründete Stalin auf der Beratung der Mähdrescherfahrer und Kombineführer am 1. Dezember 1935 die Notwendigkeit, die Getreideproduktion zu erhöhen.

Vergleichen Sie einmal die gegenwärtige Situation in Russland mit diesen einfachen Fakten.

Die Sterblichkeit lag schon 1992 stark über der Geburtenrate. Der jährliche Verlust der Bevölkerung, der Bevölkerungsrückgang geht in die Millionen. In den 90er Jahren hat sich die Bevölkerungszahl, und dass in Zeiten des Friedens, also ohne einen großen Krieg, bis jetzt um 7 Millionen verringert. Hier erhebt sich die Frage, wer hat sein Volk wann vernichtet?

Und wer Schoss seine Parlamente in Brand und jagte die Volksräte, die Volkssowjets auseinander?

Wessen Verhalten ist eigentlich insgesamt betrachtet dem von Hitler näher?

Viktor Koschemjako:

Stalin wird des Antisemitismus beschuldigt, und das ist auch eine gutbekannte Bewertung. Was denken Sie über diese Frage?

Richard Kosolapow:

Stalin war kein Antisemit. Er war ein russischer Patriot und Internationalist, ein Antifaschist, d.h. auch, er war ein Antirassist und Anti Nazist. Das bedeutet, er war auch ein Gegner des Zionismus als einer der Formen der nazistischen Ideologie.

Antisemitismus und Antizionismus sind vollkommen verschiedene Dinge. Mit der Gleichstellung wollen die Feinde Russlands, die Betrüger des werktätigen Volkes, darunter auch des jüdischen Volkes, vorsätzlich und in demagogischer Weise Schrecken verbreiten. Der Antisemitismus ist ebenso wie die Russophobie, der Russenschreck, die Einflößung von im Unterbewusstsein angesiedeltem, instinktiven Hass gegenüber Personen einer konkreten Nationalität, und zwar unabhängig von deren Ansichten, realem Verhalten, Zugehörigkeit zu diesem oder jenem politischen Lager. Dies stellt die Einflößung der falschen Überzeugung dar, daß ein Angehöriger einer bestimmten Nationalität bewusst schädlich ist, dass er keine vollwertige Persönlichkeit, kein zuverlässiger Genosse im Leben und Kampf sein kann.

Mit anderen Worten, sowohl der Antisemitismus als auch die Russophobie sind darauf angelegt, Komplexe der Minderwertigkeit in beiden Nationen zu erzeugen, sie sind darauf gerichtet, zu entzweien und den Hass und Hader der Bourgeoisie in ihrem jeweiligen Interesse zu instrumentalisieren.

Als russischer und sowjetischer Kommunist, als Patriot und Internationalist war Stalin kein Antisemit und konnte das auch gar nicht sein. In seiner Umgebung befanden sich Personen jüdischer Nationalität, die er wegen Fehler kritisierte und bestrafte, aber er schätzte auch ihre Überzeugungen, ihr Talent und organisatorisches Können. Noch gut in Erinnerung sind Namen solcher großen Funktionäre wie Kaganowitsch und Jaroslawskij, Mechlis und Salzman, Dragunskij und Ehrenburg, Joffe und Litwinow … . Stalin wird nicht deswegen des Antisemitismus bezichtigt, weil er angeblich Juden wegen ihrer Rasse verfolgte, sondern deshalb, weil er entschieden und schonungslos gegen die Sozialrevolutionäre, den Menschewismus, Trotzkismus und andere Arten von bourgeoisen und kleinbürgerlichen Einflüssen auf das Proletariat kämpfte.

Man kann nicht leugnen, dass in den genannten politischen Strömungen, unter den von Trotzki und Jagoda rekrutierten Kadern, Juden bisweilen die Mehrheit bildeten. Aber Stalin ließ sich nicht von national-ethnischen oder gar chauvinistischen Motiven, sondern von klassenpolitischen Motiven leiten. Es ist unehrlich, das letztere mit dem ersteren zu vermengen.

Der unrühmlich bekannte Alexander Jakowlew verdeckte den Zionismus in listiger Absicht, indem er sozusagen erklärte, dass es notwendig ist, zwischen dem Zionismus als religiöse Erscheinung und dem Zionismus als politische Erscheinung zu unterscheiden. Die Falschheit bestand hierbei darin, daß er im ersten Fall den Judaismus als Zionismus bezeichnete und den Gebrauch des Terminus „Zionismus“ in einem Sinne sozusagen legitimierte, als ob er völlig akzeptabel sei. Wie viele Fälle gab es aber, wo bei der gegenwärtigen Vorherrschaft der käuflichen Masseninformations-Medien auf den ersten Blick harmlos erscheinende Begriffsvermengungen nicht nur zu weltanschaulichen Verwirrungen und Störungen, sondern auch zu Deformationen der gesellschaftlichen Verhältnisse führten!

Man darf aus der Geschichte auch nicht die herausragende Rolle Stalins bei der Rettung der jüdischen Nation vor dem Hitlerischen Genozid und bei der Gründung des Staates Israel streichen. „Aber“ – so sagt man uns – „Stalin zerschlug gleichzeitig die Bojaren Sterne der menschewistischen Gruppierungen in verschiedenen Behörden der UdSSR, er stand der Konzeption des „von Gott auserwählten Volkes“ unversöhnlich gegenüber, er trat die Krim nicht ab, damit dort eine jüdische Autonomie errichtet werden konnte, usw.“ Auf ein solches Argument muss man mit folgender Gegenfrage antworten: War das nicht vom Standpunkt der Staatsinteressen, der Staatsraison richtig? Viele Kritiker Stalins, darunter auch diejenigen, die sich seinen „Antisemitismus“ ausgedacht haben, umgehen gerade diesen Standpunkt und verwirken somit das Recht, als objektiv angesehen zu werden.

Viktor Koschemjako:

Richard Iwanowitsch, Sie haben jetzt zum Druck und zur Herausgabe die weiteren Bände der Gesammelten Werke Stalins vorbereitet. Herausgegeben wurden schon, soviel ich weiß, die Bände 14 und 15. Es folgt der Band 16. Was an Neuem haben Sie darin entdeckt?

Richard Kosolapow:

Für mich ist Stalin keine Entdeckung. Mein Ziel ist es, daß andere für sich Stalin entdecken.

Ich denke, ich irre mich nicht, wenn ich sage, dass Stalin die am meisten mystifizierte herausragende Persönlichkeit des 20. Jahrhunderts ist. Zunächst wurde er von den lebenden Zeitgenossen mit dem Wortschwall einer Kultpropaganda mit geheimnisträchtigen Hieroglyphen belegt und mit Kult-Mauern umgeben, dann wurde er Opfer der chruschtschowistischen und gorbatschowistischen Schmähungen und Verleumdungen.

In der Regel floh die Wahrheit, scheu von all diesem Verlangen nach Übertreibungen, weit davon. Bildlich gesprochen, man muss letztlich zugeben, dass es bezüglich Stalin irgendwie möglich geworden war, von lobesvollen Hieroglyphen auf die anschwärzende Keilschrift umzuschalten und dass es aber nicht möglich war, Stalin in der natürlichen, verständlichen guten russischen Sprache zu würdigen. Diesen verhängnisvollen erratischen Kreis der Vergötterung und Verteufelung zu durchbrechen, sehe ich als meine Pflicht an.

Nach meiner Natur ein Skeptiker nehme ich den Leitspruch von Karl Marx auf. „Ziehe alles in Zweifel“, wobei ich nur hinzufuge, „darunter auch den eigenen Zweifel“. Deswegen halte ich mich weder für einen begeisterten Verehrer noch für einen Apologeten dessen, was nicht gewesen ist, das heißt auch nicht von Stalin, wie man ihn überhöht darstellte.

Ich kann nicht wissen, wie sich mein persönliches Schicksal gestaltet hätte, wenn bei uns die strenge Ordnung und die strengen Sitten aus der Zeit Ende der 40er und Anfang der 50er Jahre erhalten geblieben wären, aber erlaubt eine solche oder ähnliche Erwägung, das Prinzip der historischen Gerechtigkeit zu verletzen?

Darum darf man nicht nur nach sich selbst oder auch nicht nach dem Schicksal seiner Verwandten und nächsten Angehörigen urteilen, sondern man muß nach der Position urteilen, in die der produktive Mensch der physischen und geistigen Arbeit, der Schöpfer aller materiellen und geistigen Güter, der schöpferische Mensch in einer Gesellschaftsordnung gestellt ist.

Mir scheint, daß die herausgegebenen drei Bände, die den Abschluß der Gesammelten Werke bilden, die mit dem Band 13 abgebrochen wurden (die nach dem Tode Stalins aufgelegten Bände 14 und 15 wurden auf Weisung von Chruschtschow eilig aus dem Verkehr gezogen bzw. nicht mehr in den Verkehr gebracht und eingestampft), Stalin als Mensch aus dem Sarkophag der Überhöhung und Erniedrigung als einen gegenüber anderen Menschen Gleichen herausführen sollen. (Der Tod ist der beste Schlichter und Demokrat)

In den Büchern scheint auch fast unsichtbar seine persönliche Tragödie auf, über die er – und das auch nur teilweise- seiner Mutter bekennt. „Ich werde mein Los ertragen.“ – lesen wir in einem Brief vom 24. März 1934 – … .

„Nach dem Tod von Nadi“ (dem Selbstmord der Frau von Stalin, Nadeshda Aliilujewa, am 8. November 1932) „ist mein persönliches Leben natürlich schwer geworden, aber dennoch, ein tapferer Mann muß immer tapfer bleiben.“

Über die Scherze, den Humor von Stalin sind nicht wenige halbwahre Geschichten und Halbanekdoten im Umlauf. Diesen kann man jetzt noch einen dokumentarisch belegten echten Aufblitz des Humors hinzufügen. Auf eine Anfrage eines Korrespondenten aus Anlass von Gerüchten über seine schwere Erkrankung und seines nahen Todes antwortete Stalin: „Wie mir aus Mitteilungen der ausländischen Presse bekannt wurde, habe ich diese sündige Welt schon hinter mir gelassen und bin bereits dabei, ins Jenseits überzusiedeln. Da man nicht umhin kann, den Mitteilungen der ausländischen Presse Glauben zu schenken, wenn man nicht aus der Liste der zivilisierten Menschen gestrichen werden will, bitte ich darum, diesen Mitteilungen zu glauben und meine Ruhe in der Stille der überirdischen Welt nicht zu stören.“ Man wird zustimmen, das war ein eleganter Klaps für den westlichen Spießbürger. Das könnte aber kaum so etwas Ähnliches wie ein Paranoiker, ein Misanthrop, ein Menschenfeind, ein bösartiger Mensch oder, wie sich die „Demokraten“ auch sorgsam zu beweisen bemühen, ein angeblicher Primitivling schreiben.

Die Stalin-Bände aus der Vorkriegszeit und die übrigen Bände führen auch in beeindruckender Weise die Breite und Vielseitigkeit der Kommunikation Stalins mit den Menschen der Arbeit vor. Es sind Metallurgen und Kolchosbauern, Absolventen von Militärakademien, die Erbauer der Metro (der U-Bahn), Rübenanbauer, Stachanowarbeiter, Mähdrescherfahrer und Baumwollanbauer, Flieger und Militärführer, Bergleute und Mitarbeiter von Hochschulen. Für jede dieser Gruppen von Werktätigen findet Stalin die passenden Worte, zeigt Stalin die Kenntnis der Fachspezifik ihrer Arbeit, stellt reale, für alle verständliche Aufgaben.

Wie weit ist der jetzige Arbeitsstil der Leitung des Staates und der Gesellschaft von dem entfernt, was man bis zur Gegenwart als totalitäre Verfahren und Methoden anprangert!

Und noch etwas muss schließlich gesagt werden. Kann es denn als normal gelten, daß fast ein halbes Jahrhundert in der Geschichte des Landes ein gewaltiges schwarzes Loch gähnt und für die Bearbeitung geeignetes dokumentarisches Material durch zufällige Flüstertöne an die Öffentlichkeit dringt, und das in einer Situation, in der die Bevölkerung gleichzeitig skrupellos im Geiste des historischen Masochismus und von Minderwertigkeitskomplexen bearbeitet wird. Natürlich kommt den offensichtlich gewissen Leuten zugute, erweist sich das für eine Politik der Vernichtung als günstig.

Ebenso offenkundig ist es, dass eine Sammlung der Kräfte für den Wiederaufstieg Rußlands ohne ernsthafte Anstrengungen zur Überwindung dieser Sinnesverwirrung, dieses Wahnsinns nicht möglich ist.

Viktor Koschemjako:

Welche aktuelle Bedeutung hat Ihrer Meinung nach das Thema Stalin außerdem noch? Mir scheint, daß es hier außer dem rein historischen Interesse noch etwas mehr gibt. Gewinnt dieser Mann nicht die Herzen der Menschen sozusagen durch seine Art von Asketismus, eine bestimmte Uneigennützigkeit, durch die Tatsache, daß er den staatlichen Interessen immer den Vorrang gegenüber seinen persönlichen Interessen einräumte usw., was man bei den gegenwärtigen Führern unseres Landes nicht beobachten kann? … .

Richard Kosolapow:

Das Thema Stalin geht zweifellos über den Rahmen des rein historischen Interesses hinaus. Nicht zufällig nannte Leon Onikow seine erste Veröffentlichung bei einer Attacke auf die von mir getane Arbeit unter dem Leitwort „Seid wachsam – die Wiederkehr Stalins.“

Ich will einige Details nennen. Ich war zum ersten Mal in der Datsche von Stalin in Wolynsko im Herbst 1966. Vom Herbst 1968 bis Ende 1969 (13 Monate hintereinander) fiel mir die Aufgabe zu, fast ständig im Auftrage des ZK dort zu arbeiten. Ich kann also ein Urteil über das Wohnmilieu abgeben, das diesen Menschen umgab, und zwar unmittelbar und konkret.

Eigentum besaß Stalin so gut wie keines, das Haus, in dem er lebte, gehörte dem Staat (oder der Partei?), wenn es auch nach dem Geschmack des „Mieters“ eingerichtet war. Man konnte dort zwei Formen des „Luxus“ feststellen: die Wände und an bestimmten Stellen auch die Decke waren mit Holz verkleidet; der Fußboden war mit Teppichen bedeckt.

Die Möbel waren überall sehr schlicht und mit gewöhnlichem Stoff in bläulicher Farbe überzogen. Aufmerksamkeit erweckten nur die Diwane., breit und weich, bequem zum Ausruhen und Schlafen. Man sagt, dass es in Wolynsko eine große Bibliothek gab, ob eine persönliche oder staatliche, ist unbekannt.

In den 60er Jahren erzählte mir derselbe Onikow, der heute Verleumdungen über Stalin ausschüttet, dass diese Bibliothek von den Verwaltungsbehörden des ZK als erstes entfernt und draußen im Hofe aufgestapelt wurde. Als es regnete, breitete man eine Zeltplane darüber. Dann bereitete dieser Haufen von Büchern den Leitern für wirtschaftliche Angelegenheiten Verdruss und sie verbrannten angeblich diese Bücher. Selbst wenn es nicht so gewesen war, diese Version ist nicht zufällig.

Mitte der 50er Jahre erging die Verfügung, alle Sachen, die mit den Hausherren in Verbindung standen, zu vernichten. Mitarbeiter des Betreuungsapparats waren gezwungen, sie zu verstecken. Ich arbeitete an dem auf diese Weise geretteten Arbeitstisch Stalins und sah den Diwan, auf dem er starb.

In dem Park, der das Haus umgab, befand sich ein Baumstumpf, auf dem Stalin während seiner Spaziergänge oft saß und seine Pfeife rauchte. Er wurde mit der Wurzel herausgerissen und verbrannt. Verbrannt wurde auch eines der Boote, die sich auf dem Teich befanden, das Stalin nutzte.

Es ist schwer zu sagen, wer seinen konstanten Zorn und Ärger auf diese Weise hier ablud, aber der Tatbestand des Vandalismus, der blindwütigen Zerstörungswut ist offenkundig.

Die Wohnung von Stalin sah sogar im Vergleich mit der Ausstattung von Gorki, dem Sitz Lenins, wo ich mich das erste Mal am 1. Mai 1953 befand, asketischer aus. Warum erinnere ich mich an diese Reise? Sofort nach der Demonstration am 1. Mai entschlossen wir uns als eine Gruppe von Studenten der Moskauer Staatsuniversität, nicht herumzulaufen, sondern stattdessen sich irgendwohin auf den Weg zu machen. Die Wahl fiel auf Gorki.

Im Museums-Hof begegnete uns eine seltsame Stille und erdrückende Stimmung. Die Exkursion führte der Direktor selbst. Er teilte mit, dass seine Einrichtung angeblich im Zusammenhang mit der Gründung des Stalin-Museums in Wolynsko geschlossen wird und hier beabsichtigt sei, ein Kinderheim unterzubringen. Später sagte man, dass dies ein Einfall von Berija gewesen sei, mit dem man sich in einem derartigen Fall auseinandergesetzt habe. Notwendig ist es, die schlechten Angewohnheiten von Despoten zu kennen. Ein despotischer Holzkopf wälzt gewöhnlich immer erfolgreich seine dummen und bösen Taten auf einen anderen angeblichen Despoten ab, der keinen Erfolg hatte. Was jetzt in Wolynsko los ist, weiß ich nicht. Die Situation im Zusammenhang mit dem Lenin-Museum ist bekannt.

Sowohl Lenin als auch Stalin sind für den Bourgeois aller Schattierungen wegen ihrer Uneigennützigkeit, ihrer Hingabe, dem Volke und dem Vaterland zu dienen, und wegen ihrer vollkommenen Selbstentsagung und Aufopferungsbereitschaft fremde und angsteinflößende Persönlichkeiten. Für ihn, den spießerischen Bourgeois, ist es unvorstellbar, dass Russland nur auf solche Führer wartet und nur solche Führer akzeptiert. Nur mit solchen Führern kann Russland zu Größe gelangen, sich erheben, und nur solcher Persönlichkeiten erinnert sich Russland mit Dankbarkeit.

Alle „Rätsel“ eines Lenins oder Stalins sind nur dazu ersonnen, die sogenannten einfachen Leute zu betrügen, um sie gegen die wahren Volksführer aufzubringen, wobei die Bourgeois Truggebilde produzieren, die sie ansonsten für sich selbst als überflüssig betrachten, die eigenen selbstsüchtigen Laster anderen unterstellen und Betrug, Täuschung, Scheinheiligkeit, Verleumdung praktizieren, alle möglichen Tricks anwenden, um Verwirrung zu stiften. Das alles tun die Bourgeois, mit dem Ziel, von ihren eigenen schmutzigen Handlungen abzulenken. Mit ihrer Uneigennützigkeit und ihrer Hingabe an die Interessen des Volkes passen Lenin und Stalin nicht in das Weltbild eines gierigen, nur auf die eigenen, persönlichen Interessen bedachten Ausbeuters. Ich will mich nicht über die gegenwärtigen Führer auslassen. Ihr Unterschied zu den sowjetischen Giganten ist frappierend.

Darüber erachte ich es als notwendig, noch etwas Persönliches über ihn zu sagen. Stalin war, unmittelbar Lenin folgend, ein umfassend gebildeter und schöpferischer Mensch, er hat sich ständig mit Spezialisten beraten, er erkundigte sich nach den Fakten, studierte die statistischen Daten, er hat auch immer seine Reden, Vorträge und Artikel selbst geschrieben. Er hat die Ethik der intellektuellen Arbeit streng beachtet und ließ nicht einmal Schatten des Plagiats zu.

Man kann sich Stalin unmöglich in der Lage eines Gefangenen aller Art von Zuträgern, von Ohrenbläsern, von „Eierköpfen“ vorstellen, die von allen Seiten Chruschtschow und Breschnew umschwärmten und hinters Licht führten, die bei Gorbatschow die trügerische Illusion erweckten, dass die Windungen und Blähungen, die bei ihm aufgetreten sind, eine neue Qualität haben.

Wenn man in den 60er bis 90er Jahren die Prozesse dessen beobachtet, was man als Herausbildung von Leaders bezeichnen kann, so muss ich mit Bitterkeit die weit verbreitete leichtsinnige Meinung konstatieren, dass man einen Führer aus einem beliebigen Untersatz machen, ihn sozusagen „aufdröseln“ könne, wären nur Geld und der Ausgang in das westliche kapitalistische Ausland da. Aber ist es etwa nicht evident, welche „Produkte“ man bei einem solchen Herangehen serviert bekommt?

Vielleicht ist es in Ländern mit dem alten mächtigen Monopolkapital und seinen hinter den Kulissen wirkenden Prädikanten, mit seinen langen parlamentarischen Traditionen möglich, dass „Leaders mit Präfix“ (mit Finanzspritzen, Reklame, hinter den Kulissen wirkenden Beratern, Ghostwriters, Konzepte- und Redenschreibern, Imagepflegern usw.) auch in der Lage sind, ihre Dienstobliegenheiten zu erfüllen, – Russland braucht hingegen unablässig an sich arbeitende, urwüchsige Naturbegabungen, es braucht Talente des Volkes.

„Wisset über Peter, daß ihm das eigene Leben nicht zu teuer ist, um es zu opfern, dieses Leben dient nur Russland.“ Diese Worte, die Peter der Große vor der Schlacht bei Poltawa sprach, ebenso wie sein Wort, „auf dem Thron war ich ewig nur ein Arbeiter“, haben sich im Bewusstsein der Menschen eingeprägt. Man kann sich nicht besser in die Vorstellung eines Volkes über einen echten russischen Führer einschreiben.

Nicht den „künstlich gemachten“ pragmatischen Politikaster, sondern den natürlich entstandenen romantischen Realisten braucht unser Vaterland. Das war Stalin, und er war das als Persönlichkeit mit einem Lebensweg, in dem es auch Widersprüchlichkeiten gab. Dagegen heute Einwendungen zu machen, ist nicht nur unsinnig, sondern auch würdelos.

Quelle: „Sowjetskaja Rossija“, Moskau, 15.01.1998

 

Einleitung zum zweiten Interview

Nach der Veröffentlichung des Gesprächs in der Sowjetskaja Rossija vom 15. Januar 1998 ist bereits viel Zeit vergangen. Und die Resonanz der Leser darauf hält weiter an. In der Redaktion hat sich für mich ein großer Packen an Leserpost angesammelt. Es handelt sich um leidenschaftliche parteinehmende, erregte und interessierte Briefe. Dabei geht es weniger um die Geschichte, die geschichtlichen Fakten, sondern darum, wie tief dieses Thema die Menschen im heutigen Leben bewegt. Übrigens ist es in der Tat ein bewegendes Thema. Es ist völlig klar: Das Interesse an Stalin und auch an unserer gesamten sowjetischen Geschichte hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen, und dass gerade im Zusammenhang mit dem, was bei uns gegenwärtig abläuft. Der Zerfall des Landes steht in besonders scharfen Kontrast mit seiner Kraft und Macht in der Stalin-Ära. Die völlige Zerschlagung der Errungenschaften des Sozialismus macht mit besonderer Deutlichkeit und Überzeugungskraft die Vorzüge der sowjetischen Gesellschaftsordnung sichtbar. Diese Gesellschaftsordnung hat die werktätigen Menschen in ein menschenwürdiges Leben emporgehoben und ihnen reale soziale Sicherheit gegeben. Und die große Persönlichkeit Stalins erhebt sich in wahrhaft monumentaler Größe im Vergleich zu den heutigen politischen Pygmäen, die in einer zerstörten und vernichteten einstigen Großmacht das Zepter schwingen. Wenn auch noch viele Menschen bestimmte antistalinistische Vorurteile hegen, unser Vaterland wurde zerstört und vernichtet durch Verrat, durch die Käuflichkeit und Korruptheit, durch die Talentlosigkeit und Stümperhaftigkeit derjenigen, die uns heute regieren.

Es besteht ein hoher Bedarf, das Gespräch über Stalin und seine Rolle in der Geschichte unseres Landes fortzusetzen. Darüber schreiben die Leser, und darüberschreiben nicht nur diejenigen, für die die herausragenden Verdienste Stalins gegenüber dem Vaterland, gegenüber Russland absolut unstrittig sind. Es gibt auch nicht wenige Briefe mit einem anderen Tenor. Darin wird dieser Staatsmann und alles, was mit ihm im Zusammenhang steht, entweder wie gehabt kategorisch abgelehnt, oder es werden verschiedene Zweifel, Bedenken oder Missverständnisse bzw. auch Unverständnis bestimmter Probleme geäußert. Da tauchen Fragen auf, die viele in eine Sackgasse geführt haben. Wir haben deswegen unserem Gesprächspartner Richard Iwanowitsch Kosolapow vorgeschlagen, die Diskussion zum Thema Stalin fortzusetzen.

Viktor Koschemjako:

Ich denke, Richard Iwanowitsch, die umfangreiche und widersprüchliche Post aus Anlass unseres letzten Gesprächs „Die Wahrheit über Stalin“ ging nicht unerwartet ein. Haben wir doch schon bei dem Gespräch gesagt, es handelt sich um ein unermessliches Thema, und sicherlich wird es nie bis zum Ende ausgeschöpft werden können, sind doch auch heutzutage viele Stereotype in der Erfassung und Rezipierend dieser historischen Persönlichkeit natürlich mit der Trägheit und Beharrungskraft verbunden, die mit den Thesen des bekannten Referats (der Geheimrede) von Chruschtschow auf dem XX. Parteitag vorgegeben wurden und die fast zur Grundlage der gesamten ideologischen Arbeit im Verlauf einer Reihe von Jahren geworden sind. Mit Beginn der Perestroika wurde in Rundfunk und Fernsehen sowie in der Presse um Stalin eine wahrhafte bacchantische Stimmung entfacht. Auf die Köpfe der Menschen wurde buchstäblich eine antistalinistische Flut losgelassen, wobei es für die einfachen Menschen unter diesem mächtigen propagandistisch-psychologischen Druck schwer und bisweilen unmöglich war, die Lüge von der Wahrheit zu unterscheiden.

Wie viele Lügen wurden dort inzwischen gemixt! Es waren grobe und dumme Lügen sowie raffiniert eingefädelte und abgefeimte Lügen. Sie werden sich beispielsweise an die schlachtrufartige These erinnern, die während der Perestroika in Umlauf kam, daß nämlich der berühmte Wissenschaftler Bechterew in den 20er Jahren bezüglich Stalin eine medizinische Diagnose auf Paranoia gestellt haben soll, wofür er dann vergiftet worden sei. Man berief sich dabei nicht auf irgendjemand, sondern auf die Enkelin desselben Bechterew. Bechterew, geb. 1857, Psychiater und Neurologe, Professor in Leningrad, starb 1927. Jetzt hat diese Enkelin, die auch Akademikerin und eine herausragende Spezialistin auf dem Gebiet des menschlichen Gehirns ist, in einer Zeitung das Eingeständnis abgelegt, dass es eine solche Diagnose niemals gegeben hat! „Es gab eine Tendenz, Stalin für geisteskrank zu erklären, darunter unter Berufung auf angebliche Aussagen meines Großvaters. Aber solche Aussagen und Erklärungen gab es nicht, anderenfalls würden wir das wissen“, sagte Natalija Petrowna Bechterewa. „Wem und wozu diente diese Version? Man begann auf mich Druck auszuüben, und ich sollte bestätigen, dass es auch so gewesen ist. Sie sagten mir, daß sie drucken werden, was für ein tapferer Mann Bechterew war und wie er kühn seine ärztliche Pflicht erfüllend gestorben ist“. Das waren also die Methoden! Und wie viele Leser nehmen heute flüchtig von diesem Eingeständnis Notiz, das unter „ferner liefen“ in einem großen Zeitungstext zu einem ganz anderen Thema gemacht wurde? Und dennoch wurde damals die Behauptung, Stalin war ein Paranoiker (d.h. ein Geisteskranker), als unbestreitbarer wissenschaftlicher Fakt in Millionenauflagen der Zeitungen „Ogonjok“, „Moskowskije Nowosti“ und in einer Masse anderer Perestroika-Erzeugnisse in die Köpfe der Menschen gehämmert. Und der Eindruck war äußerst stark! In der Tat, 30 Jahre hat er, Stalin, das Land regiert und war ein Paranoiker. Das war doch überwältigend!

Aus den Briefen ist ersichtlich, dass die hirnbetäubende Propaganda dieser Machart die Menschen noch lange nicht aus ihrem Bann entlassen hat, sie gibt ihnen nach wie vor nicht die Möglichkeit, nüchterner und objektiver auf eine Persönlichkeit zu blicken, aus der eine Teufelsgestalt, eine Ausgeburt der Hölle gemacht worden ist. Diese antistalinsche Propaganda wird, Sie wissen es, wie früher in sehr breitem Maße fortgesetzt. Man denke nur an die zwei Zyklen der Fernsehserie über die „Rätsel“ des Führers, die nacheinander auf dem ersten Kanal, begleitet von der süßlichen Stimme von Edward Radsinskij, auf den Fernsehbildschirmen zu sehen waren. Gerade zur rechten Zeit hatte man für die Fernsehaufnahmen noch etwas anderes parat, nämlich eine Lüge, die einen noch schlimmeren Eindruck hinterlassen soll. Man erzählt das Ammenmärchen, wie die Kinder in Gori, angeleitet vom Knaben Soso Dschugaschwili (Stalin) ein Schwein in eine Synagoge trieben. Und daraus wird eine sehr „tiefschürfende“ Schlussfolgerung gezogen. Seht nur, aus alten Zeiten stammt der für Radsinskij außer jeden Zweifel stehende „Antisemitismus“ Stalins! Und woher stammt dieser angebliche Fakt? Es erweist sich, er stammt von einer 112-jährigen georgischen Jüdin, die vor vielen Jahren nach Israel übergesiedelt ist und natürlich schon lange verstorben ist. Doch was konnte schon ein 112-jährige Frau erzählen? Woran kann sie sich erinnern? Sicherlich an alles, was angebracht und erwünscht ist, und ganz sicher an alles, was irgendjemand gerade braucht oder jemanden ins Konzept paßt. Wenn sie das eben gesagt hat, hat man das zu glauben, basta! Radsinskij verblüfft zudem durch seine „raffinierte Verschlagenheit“.

Es stellt sich heraus, daß ein orthodoxer Geistlicher, der nach dem Vorfall mit dem Schwein belehrend zu seiner Kirchengemeinde sagte: „Es gibt verirrte Schafe, die vor einigen Tagen in einem Gotteshaus eine Gotteslästerung begingen“. Aber Soso, der künftige Stalin konnte nicht begreifen und soll gefragt haben, wie es denn möglich sei, daß man Menschen eines anderen Glaubens verteidigen kann? Es gibt leider noch viele Menschen, die ein so offenkundiges Ammenmärchen für bare Münze nehmen. Ich sage das, Richard Iwanowitsch, doch weshalb sage ich das. Bei der Analyse der zahlreichen Resonanzen auf unser Gespräch mit Ihnen, die Wahrheit über Stalin“ (der nichträtselhafte Stalin) bin ich zu folgendem Schluß gekommen. Die Leser und vielleicht auch unsere ganze Gesellschaft kann man in Bezug auf Stalin bedingt in drei Kategorien einteilen.

Erstens, in diejenigen, die in der Lage waren, die Hypnose der voreingenommenen und unehrlichen antistalinschen Propaganda zu überwinden und sich davon zu befreien, die sich objektiv und tiefgründig mit anderen Argumenten und Fakten auseinandersetzen konnten, die die mächtige historische Gestalt eines wahrhaften Patrioten, Staatsmannes und Kommunisten erkannten, wenn sie dabei auch möglicherweise Stalin nicht ganz vollständig akzeptieren.

Zweitens, diejenigen, die, wie früher, Stalin absolut nicht akzeptieren können. Ein charakteristischer Vertreter dieser Sorte, man kann sagen, von fanatischen AntiStalinisten, ist der Doktor der Technischen Wissenschaften Professor L.A. Kljatschko, der Ihnen unlängst in der Zeitung Prawda“ geantwortet hat.

Drittens. Es gibt aber auch noch eine dritte Richtung. Meiner Meinung repräsentiert sie eine zahlreiche Gruppe. Diese haben schon in einer gewissen Grade verstanden und erkannt, dass sie von der antistalinistischen Propaganda in vieler Hinsicht betrogen und getäuscht worden sind. Bei ihnen verbleiben jedoch noch eine bedeutende Anzahl von Fragen, auf die sie selbst keine Antwort geben können. Auch in unserer Presse, selbst in der kommunistischen und patriotischen Presse, finden sie keine Antwort. Gerade auf diese Kategorie von Lesern möchte ich heute Ihre Aufmerksamkeit lenken, damit sie ihnen nach Möglichkeit helfen können, sich damit auseinanderzusetzen, was sie bewegt, was für sie bislang unbeantwortet blieb.

Richard Kosolapow:

Ja ich stelle ebenfalls fest, dass es, wenn ich Briefe zum Thema Stalin lese, davon unter den Verfassern viele gibt.

Viktor Koschemjako:

Wissen Sie, ich habe hier einen meiner Meinung nach besonders charakteristischem Brief herausgegriffen. Der Verfasser heißt Iwan Fedorowitsch Mursin, er ist ein Veteran der Arbeit, Rentner, 71 Jahre alt, Mitglied der KPdSU seit 1951. Er lebt in dem Dorf Tschernjanka des Gebiets von Belgorod. Wie er schreibt, ist er ein großer Freund von Sowjetskaja Rossija „, und zwar von der ersten Ausgabe an, und diese Freundschaft war keinen Tag unterbrochen“. Er bewertet die Zeitung sehr hoch, richtet an ihre Adresse Worte der aufrichtigen Dankbarkeit, aber gleichzeitig Vorschläge, Wünsche und Fragen, darunter auch in diesem Teil zu Stalin. Ein anderes Thema, so schreibt er, nachdem er seinen ersten Wunsch dargelegt hat, ist schwieriger. Es ist seine dringliche Bitte, dass über die Persönlichkeit Stalin die volle Wahrheit gesagt wird. Er schreibt: „In der Nummer vom 15. Januar 1998 der „Sowjetskaja Rossija“ ist das Material „die Wahrheit über Stalin“ (der nicht-rätselhafte Stalin) veröffentlicht worden, das sehr interessant ist. Der Doktor der philosophischen Wissenschaften Professor Richard Kosolapow gab im Gespräch mit Viktor Koschemjako ein allgemeines Porträt der Persönlichkeit von Stalin als einen bedeutenden Politiker, Staatsmann, Diplomaten und Militärstrategen. Es sind Einschätzungen angeführt, die die herausragenden Zeitgenossen und hervorragenden Politiker der ersten Hälfte des XX. Jahrhunderts Churchill, Roosevelt und andere über Stalin abgegeben haben. Aber für die Kader blieben und bleiben Fragen, auf die die Presse keine wirkliche Antwort gibt. Ich gebe natürlich nichts auf Autoren wie Wolkogonow und seinesgleichen. Das bedeutet, dass wir bis jetzt in einem Zustand der Halbwahrheit leben. Es gibt noch viele offene Fragen … .“ Ich möchte Ihnen, Richard Iwanowitsch, vorschlagen, auf diese Fragen einzugehen, und zwar insbesondere deswegen, weil sie sehr charakteristisch sind und sehr häufig in vielen Briefen fast wörtlich gestellt werden. Und dann sind sie sehr kurz und äußerst exakt formuliert.

 Richard Kosolapow:

Also verfahren wir so.

 

Viktor Koschemjako:

Es handelt sich um acht Fragen und der Verfasser, der sie präsentiert, erklärt, daß er eine schlüssige Antwort erhalten will. Viele Hundert und Tausende von Lesern wollen das Gleiche. Iwan Fedorowitsch tritt sozusagen nicht nur in eigener Sache, sondern auch in ihrem Namen auf. Also zur Frage Nummer 1. Sie lautet wie folgt: Wenn Stalin dem Leninschen Vermächtnis treu geblieben ist, warum hat er dann die ganze „Leninsche Garde“, mit Ausnahme einiger seiner Helfershelfer wie Molotow, Woroschilow, Kalinin usw. gnadenlos vernichtet?

Richard Kosolapow:

Meiner Meinung nach sind die Begriffe wie „gnadenlos vernichtet“, „Leninsche Garde“, „Helfershelfer“ Klischees, die bewußt von den Chruschtschowisten und Gorbatschowisten in der Massenpropaganda in Umlauf gesetzt wurden. Sie sind eindeutig von Voreingenommenheit und Subjektivismus geprägt. Man sollte sie besser nicht verwenden. Der Begriff „Leninsche Garde“ ist dem Wesen nach eine romantische Selbstbetitelung einer Gruppe von Parteikadern aus der vorrevolutionären Zeit, denen es tatsächlich oder angeblich aufgetragen war, unmittelbar mit Lenin zu arbeiten. Die Zusammensetzung dieser Gruppe war nicht genau festgelegt und deswegen begannen sich in sie insbesondere nach der Oktoberrevolution und der Bildung der Sowjetregierung viele Selbsternannte einzuschleichen.

Das geschah in der Geschichte häufig. In den 60er Jahren erzählten mir Leningrader Genossen lachend folgende kuriose Begebenheit. Im Zusammenhang mit einem bestimmten Jubiläum des Stadtkomitees der KPdSU wurde der Versuch unternommen, alle noch lebenden Teilnehmer des Sturms auf das Winterpalais zu erfassen. Obgleich ein halbes Jahrhundert seit diesem Sturm, der die Oktoberrevolution einleitete, vergangen war, gab es unter den Aufgerufenen mehr, als der Schlossplatz fassen konnte.

Die „Leningardisten“ machten hier keine Ausnahme. Zu ihnen bekannten sich beispielsweise auch stolz die Anhänger Trotzkis, die erst im August 1917 in die Partei der Bolschewik! eingetreten waren. Sie hatten in der ideologisch-politischen Auseinandersetzung mit dem von Stalin geführten ZK eine Niederlage erlitten und ihre Niederlage als „Pogrom gegen die Leninsche Garde“ dargestellt.

Treue zum Vermächtnis Lenins- das ist Ergebenheit zu seiner Lehre, zur revolutionären Dialektik, zum werktätigen Volk, zur Arbeiterklasse, und nicht gegenüber Personen, die mit ihm (manchmal auch nur zufällig und flüchtig) bekannt waren. Treue zum Leninismus ist seine konsequente, schöpferische und flexible Anwendung in der Praxis, ohne dass man sich zu irgendwelchen „heiligen Kühen“ hingezogen fühlt. Treue zum Leninismus heißt Dienst an den Ideen der sozialen Freiheit, der sozialen Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit und nicht an „grauen Zöpfen“.

Es ist angebracht, die Leser an folgende Episode zu erinnern. Auf dem XIV. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (B) im Jahre 1925 trat mit großem Getöse die sogenannte Leningrader Opposition mit Sinowjew an der Spitze auf. Ihr schloß sich seinerzeit auch N.K. Krupskaja, die Witwe Lenins an. Sie begann einen Streit mit der Mehrheit bezüglich der Interpretation der NÖP (der Neuen ökonomischen Politik). Nach einiger Zeit trat auf dem Parteitag die Schwester Lenins, M.l. Uljanowa, auf, die ihre Schwägerin in delikater Weise korrigierte, „Genossen und Genossinnen“, sagte sie, „ich ergreife das Wort nicht deswegen, weil ich die Schwester Lenins bin und deswegen auf eine besseres Verständnis und eine bessere Interpretation des Leninismus als andere Mitglieder unserer Partei Anspruch erhebe. Ich denke, dass ein solches Monopol auf ein besseres Verständnis des Leninismus durch die Verwandtschaft und bei den Angehörigen der Familie nicht besteht und nicht bestehen sollte.“ Umso mehr verbreitete sich diese Herangehensweise unter denen, die sich für die Angehörigen der „Leninschen Garde“ hielten.

Es kann nicht abgestritten werden, dass die Sense der Repressionen der 30er Jahre die Parteimitglieder der ersten Welle, der ersten Generation stärker betraf. Viele von ihnen wurden unschuldige Opfer von Intrigen und Verleumdungen in den oberen Führungsorganen. Andererseits beteiligten sich viele von ihnen an den Fraktionskämpfen. Schon Lenin sagte, dass „… er auch solche alten Bolschewiken kennt, vor denen uns Gott beschützen möge“. Gerade sie waren unter den alten Bolschewiken, in der trotzkistischen Opposition und in anderen Oppositionsgruppen überreichlich vertreten. Der bekannte Politologe B.P. Kuraschwili schrieb in seinem Buch „Der neue Sozialismus. Zur Wiedergeburt nach der Katastrophe“ (russisch), Moskau 1997, auf den Seiten 24-25 folgendes: „Im zweiten Halbjahr 1936 erschien das Buch von L.D. Trotzki „Die verratene Revolution“. In ihm ist der Aufruf an den aus 20-30 Tausend Leuten bestehenden trotzkistischen Untergrund enthalten, die er die Partei des wahren Leninismus nannte. Diese Untergrundkader sollten ihre Positionen im Partei-, Staats- und Militärapparat zur Vorbereitung einer „politischen Revolution“ gegen den Stalinschen Thermidor, zum Sturz der Bürokratie des Thermidors, die die Weltrevolution verraten haben, nutzen. Zusammen mit dem aufgedeckten Sachverhalt, daß Marschall Tuchatschewskij möglicherweise bestimmte geheime Kontakte mit dem Oberkommando der deutschen Armee aufrechterhielt, diente der Fakt der Vorbereitung eines politischen Umsturzes durch die trotzkistische Opposition als Anlaß für eine großangelegte präventive Säuberung. Sie mündete in einer Orgie der Gewalt. Die Revolutionäre vergaßen, daß das „Blut des Volkes kein Schnaps“ ist … .“

Die theoretische und moralische Eliminierung der „5. Kolonne“ unter den Bedingungen des herannahenden zweiten Weltkrieges war auch in anderen milderen Formen denkbar, praktisch mündete sie in Terror. Wenn man sagt, dass Stalin die gesamte „Leninsche Garde“ gnadenlos vernichtet hat, so wird oft auf die Unwissenheit der Menschen spekuliert. Die Arglist und Heimtücke besteht hier darin, daß erstens Stalin eine Grausamkeit zugeschrieben wird, die ihm nicht wesenseigen war, und zweitens als „Angehörige der Leninschen Garde“ manchmal ausgemachte Sowjetfeinde hingestellt werden. L.M. Kaganowitsch bezeugt: „Die Verleumder lügen, wenn sie behaupten, daß Stalin mit den Trotzkisten und anderen Oppositionellen nur mit administrativen Maßnahmen und „in kurzem Prozess“ abgerechnet hat. Das Gegenteil ist richtig. Stalin, das gesamte ZK und die Zentrale Kontrollkommission haben einen langen prinzipiellen ideologischen Kampf mit ihnen geführt, wobei sie die Hoffnung hatten, daß, wenn auch nicht die Mehrheit, so doch ein Teil von ihnen sich von der Opposition abkehrt. Es ist aber Fakt, daß sich die Partei und das ZK über 15 Jahre geduldig mit den Oppositionellen auseinandersetzten, bis gegen sie staatliche Maßnahmen, Repressalien bis hin zu Gerichtsverfahren und Erschießungen angewandt wurden. Das geschah erst dann, als die Oppositionellen den Weg der Diversion, Schädlingsarbeit, des Terrors und sogar der Spionage einschlugen … . Ich erinnere mich daran, als wir jüngeren Tschekisten, wie beispielsweise Kaganowitsch, Kirow und Mikojan, den Genossen Stalin fragten, warum er sie, die Oppositionellen, im Politbüro duldete. Er antwortete darauf, daß man sich in solchen Angelegenheiten nicht übereilen darf. Erstens kann es durchaus sein, daß sie noch zur Vernunft kommen und uns nicht vor die Notwendigkeit stellen, sie als äußerste Maßnahme auszuschließen, und zweitens muß die Partei dann auch die Notwendigkeit des Ausschlusses und der Trennung von ihnen verstehen.“

Viktor Koschemjako:

Zur Frage 2 dieses Briefes, Richard Iwanowitsch, sie wird besonders oft auch in anderen Briefen gestellt. Ich kann sagen, daß ich sie selbst oft schon seit der Schulzeit gestellt habe und die Antworten, die ich darauf erhalten konnte, wenig überzeugend waren. Es handelt sich um den Leninschen Genossenschaftsplan und die Stalinsche Kollektivierung. Ich zitiere wieder wörtlich, was der Verfasser des Briefes schreibt. „Lenin hat in allgemeinen Zügen den Genossenschaftsplan entworfen. Ihm liegen folgende Prinzipien zugrunde: die Freiwilligkeit, das positive Beispiel der genossenschaftlichen Wirtschaftsführung, über die Bauern darf nicht herumkommandiert werden, verschiedene Formen der Genossenschaften usw.

Stalin hat die Bauernschaft ingrimmig gehaßt, er hat den Leninschen Plan entstellt, er hat die Kolchosen mit Gewalt und übereilt geschaffen und den arbeitsuchenden und fleißigsten Teil der Bauernschaft vernichtet. Wie ist das zu erklären?“

Richard Kosolapow:

„Ingrimmiger oder abgrundtiefer Hass“ Stalins gegenüber den Bauern, das ist auch ein genauso abgeschmackter Mythos wie der Mythos von „der gnadenlosen Vernichtung der Leninschen Garde.“

Im Grunde ist das ein übles Hirngespinst, das von den „demokratischen“ Massenmedien künstlich in die Köpfe von Millionen von Menschen hineingehämmert worden ist. Stalin, der Sohn eines einfachen Handwerkers, eines Schusters, und einer Bäuerin, war ein Mensch vom eigenen Fleisch und Blut des arbeitenden Volkes, der werktätigen Massen und wenn er irgendjemanden hasste, dann war es der Herr, der Boss, der die Arbeiter und Bauern bis aufs Blut ausbeutet. Stalin hat den Leninschen Genossenschaftsplan konsequent eingehalten und umgesetzt, aber die harten Bedingungen der ökonomischen Rückständigkeit und des herannahenden Krieges, der Druck der armen Bauern und der Übereifer einiger unvernünftiger Vertreter der örtlichen Machtorgane erzeugten eine Verzerrung und ein Zutage treten negativer Momente bei einer insgesamt richtigen Linie.

Die Beschleunigung der Kollektivierung der Landwirtschaft wurde durch die Zuspitzung des Nahrungsmittelproblems im Zusammenhang mit der Industrialisierung des Landes und dem Anwachsen der Stadtbevölkerung sowie den Versorgungsbedürfnissen der Roten Armee hervorgerufen.

Diejenigen, die über den grimmigen Hass Stalins auf die Bauernschaft schreiben, setzen darauf, dass ihnen einfältige Menschen das abnehmen. Sie vertuschen damit den tiefen Hass der NÖP-Leute und der reichen Leute auf dem Lande auf das einfache arbeitende Volk. Es handelt sich um Schwierigkeiten bei der Erfüllung des Plans der Getreideversorgung sowie der Drohung einer Hungersnot, die sich in der zweiten Hälfte der 20er Jahre zu verstärken begannen. In diesen Jahren zeigte sich ein krasses Auseinanderdriften der Vermögenslage auf dem Dorfe. Die Unterschiede zwischen den reichen und armen Bauern verstärkten sich drastisch. Die Dorfarmut und der überwiegende Teil der Mittelbauern lieferten das Getreide zu den staatlichen Preisen akkurat ab. Die Kulaken horteten hingegen Getreideüberschüsse, hielten diese zurück und forderten eine Erhöhung der Preise um das Doppelte bis Dreifache. Ich will hier eine Episode erzählen, über die Stalin den Teilnehmern des Aprilplenums von 1929 des ZK und der Zentralen Kontrollkommission der KPdSU (B) berichtete. Nachdem auf einer Versammlung in Kasachstan ein Agitator die Besitzer von Getreidevorräten zwei Stunden zu überreden versucht hatte, ihr Getreide zur Versorgung des Landes abzuliefern, trat ein Kulak auf und sagte: „Tanz mal Bursche, dann werde ich dir so an die zwei Pud Getreide geben“. (s. J. Stalin, Werke, Band 12, Seite 80, Dietz-Verlag Berlin 1954).

Stalin war kein Anhänger der Politik des bedingungslosen harten Durchgreifens. Auf dem XV, Parteitag der KPdSU (B) sagte er: „Unrecht haben die Genossen, die da glauben, man könnte und müsste mit den Kulaken durch administrative Maßnahmen, durch die GPU Schluss machen: befohlen, gestempelt und basta. Das ist ein leichtes, aber bei weitem nicht wirksames Mittel. Der Kulak muss durch wirtschaftliche Maßnahmen und auf dem Boden der sowjetischen Gesetzlichkeit angepackt werden. Die sowjetische Gesetzlichkeit aber ist keine leere Phrase. Das schließt natürlich die Anwendung gewisser notwendiger administrativer Maßnahmen gegen die Kulaken nicht aus. Aber die administrativen Maßnahmen dürfen nicht an die Stelle der wirtschaftlichen Maßnahmen treten“, (s. J. Stalin, Werke, Band 10, Seite 270, Dietz-Verlag 1953). Die sibirische Kommandoaktion zwang Stalin im Januar-Februar 1928 seinen Standpunkt schärfer zu formulieren. Sie überzeugte ihn offensichtlich von der Notwendigkeit der Ergreifung radikaler Maßnahmen. Dabei leitete ihn aber nicht ein „mythischer Haß“, sondern die sozialökonomische Zweckmäßigkeit, der sozial-ökonomische Pragmatismus.

Die Verfasser, die den Unsinn über den Haß Stalins verbreiten, verschweigen in der Regel die Fakten, darunter die Artikel Stalins „Vor Erfolgen von Schwindel befallen“ und „Antwort an die Genossen Kollektivbauern“ von 1930. In ihnen wurden die Fehler in der Kolchosbewegung der rechtzeitigen und gründlichen Überprüfung unterzogen, und es werden die Formen und Methoden ihrer Korrektur aufgezeigt.

Die hauptsächlichen Fehler waren:

  1. Die Verletzung des Leninschen Prinzips der Freiwilligkeit beim Aufbau der Kolchosen;
  2. Die Verletzung des Leninschen Prinzips der Berücksichtigung der Mannigfaltigkeit der Bedingungen in den verschiedenen Gebieten der UdSSR, das heißt des notwendigerweise unterschiedlichen Tempos der Schaffung der Kolchosen;
  3. Die Verletzung des Leninschen Prinzips der Unzulässigkeit des Überspringens nichtabgeschlossener Formen der Organisation der Kollektivwirtschaften.

Die Erklärungen, daß Stalin gewaltsam und im Eiltempo die Kolchosen geschaffen hat, entsprechen nicht der Realität. Die Willkür auf diesem Gebiet wurde von der Parteiführung verurteilt und unterbunden. Das betrifft auch die unangebrachte Übereilung und den an den Tag gelegten Übereifer der Beamten vor Ort. In seinem „Beschluss über das Tempo der Kollektivierung“ vom Januar 1930 unterteilte das ZK das Gebiet der UdSSR in drei Gruppen, wobei sie für die Organisation der Kolchosen reale Fristen von ein bis zu vier Jahren festlegte. Gerade gegen das richtige Schritttempo der Maßnahmen war in einer Reihe von Gebieten verstoßen worden. Die Aktivs wurden vom Übereifer unter der Losung „einholen und überholen“ beherrscht, was zu Versuchen führte, die unzureichenden Faktoren für ein schnelles Tempo der Kolchosbewegung durch ihren eigenen administrativen Übereifer zu ersetzen.

Alles das hat Stalin selbst und nicht Chruschtschow oder Gorbatschow analysiert und bewertet. Ihr Verhältnis zu Stalin ist bekannt. Dies ist ein Verhältnis von Schwätzern und Taugenichtsen, die den Sozialismus und das Vaterland abgefackelt haben, zu einer bedeutenden Persönlichkeit. Den sogenannten demokratischen Schriftstellern folgend, meint Genosse Mursin, dass Stalin den arbeitsamsten und fleißigsten Teil der Bauernschaft vernichtet habe. Hier wurde auch einfach so etwas in die Welt gesetzt, das der Grundlage entbehrt. Nach den Wirtschaftsdaten der zweiten Hälfte der 20er Jahre befand sich das sowjetische Dorf ungeachtet der allgemeinen Erhöhung des Lebensstandards im Ergebnis der Revolution und der NÖP (der Neuen Ökonomischen Politik) immer noch in großer Armut. L.A. Onikow schrieb neulich: „Die Kulaken Wirtschaften machten weniger als 4%, die Mittelbauern 63%, die armen Bauern 22% und die landlosen Bauern bzw. Landarbeiter 11% der bäuerlichen Bevölkerung aus (s. Nesawisimaja gaseta vom 19.05.1998). Ein niederträchtiges Hirngespinst, das von den „Demokraten“ aufgegriffen wurde, ist auch die Kennzeichnung der Hauptmasse der Mittelbauern und armen Bauern mit Begriffen wie Faulenzer, Tagediebe und Suffköpfe, was man von diesen Herren bei der Verächtlichmachung und Verunglimpfung des russischen Volkes allerdings schon gewöhnt ist. Daran, daß dieser „arbeitsamste Teil der Bauernschaft“, nämlich die Kulaken Schaft, ihr Vermögen nicht so sehr durch persönlichen Fleiß, sondern vielmehr durch die Fronarbeit der nichtvermögenden landarmen und landlosen Bauern vermehrte, will sich offenbar niemand erinnern. Aber wer will heutzutage auch schon das einstige Landproletariat verteidigen?

Viktor Koschemjako:

Mit der vorangegangenen Frage von I.F. Mursin hängt auch die Frage 3 zusammen. Sie betrifft die Behauptung, dass im Jahre 1933 ein künstlicher Hunger, also vorsätzlich eine Hungersnot geschaffen wurde. In diesem Jahr gab es aber keine Dürre. Mit welchem Ziel geschah denn das?

Richard Kosolapow:

Wenn jetzt über die Schaffung eines künstlichen Hungers zu Beginn der 30er Jahre gesprochen wird, dann wird dabei nicht die Frage gestellt, wer diesen organisiert hat. Es wird als selbstverständlich unterstellt, dass dieser Hunger durch die Sowjetmacht und durch Stalin ausgelöst wurde, obgleich sich hier tatsächlich das Wirken ganz anderer Kräfte zeigte, die es vorzogen, anonym zu bleiben, die sich im Verborgenen hielten, die sozusagen abgetaucht sind.

Der Hunger war eine Folge der Reaktion der Kulaken auf die Kollektivierung. Lesen Sie das Buch von Scholochow „Neuland unterm Pflug“ Der ganze Mechanismus des sich damals entfaltenden Kampfes ist dort mit dokumentarischer Wahrheitstreue festgehalten, ohne dass grundsätzlich etwas hinzugefügt oder weggelassen wurde. Obwohl eine umfassende Änderung des Vergangenen, die Ablösung einer sozial­ökonomisch überlebten Gesellschaftsordnung durch eine neue Gesellschaftsordnung, praktisch immer von einer vorübergehenden Senkung des Produktionsniveaus begleitet ist, waren hier auch andere Faktoren wirksam. Es war die Agitation gegen die Kolchosen, die zu einem unrationellen Massenabschlachten von Tieren führte, es war die Schädlingsarbeit in der Organisation, die sehr oft unter Terrordrohungen von Banditen stand, es war die Sabotage der Aussaaten im Frühling und allgemein der Flurbestellung. „Das war etwas Schreckliches, das dauerte 4 Jahre“, bekannte Stalin gegenüber Churchill. „Um den periodischen Hungerzeiten zu entgehen, war es für Russland notwendig, dass das Ackerland mit Traktoren bearbeitet wird. Wir mussten diesen Weg gehen. Viele Bauern stimmten mit uns überein. Einigen von denen, die sich widersetzten, gaben wir Land im Norden zur individuellen Bearbeitung. Aber der größte Teil von ihnen (derjenigen, die Widerstand leisteten) war sehr unpopulär und wurde von den landlosen und landarmen Bauern selbst zerschlagen … .“ (W. Churchill, Der zweite Weltkrieg, Seite 493 – in russischer Übersetzung). Soweit das Zitat aus den Memoiren von Churchill. Die Lebensmittelkrise wurde schon im folgenden Jahr, nämlich 1934, gelöst und darin zeigte sich die Kraft der neuentstandenen Kolchosordnung. Das Novemberplenum des ZK schaffte die Lebensmittelkarten ab. Warum kann man das nicht so darstellen, ohne sich z.B. gleich an Phantasiezahlen von 6 Millionen im Jahre 1933 in der Ukraine in wenigen Monaten verhungerter Menschen zu berauschen? Liest man Scholochow, so kann man den Schluss ziehen, daß damals einige zehntausend Menschen durch Unterversorgung sowie durch konterrevolutionären Terror und revolutionären Gegenterror ihr Leben verloren. Mehr sagten auch glaubwürdige Zeitzeugen nicht aus.

Viktor Koschemjako:

Ich möchte jetzt nicht mit ihnen, Richard Iwanowitsch darüber sprechen, welches Ausmaß von Spekulationen und aller Art von Falschspielerei zum Thema „Stalin und die Wissenschaft“ „Stalin und die Wissenschaftler“ betrieben wurde. Wir können hier auch nicht auf alle Details eingehen. Welche realen negativen Fakten (sagen wir das Verhältnis zur Genetik oder Kybernetik in einer bestimmten Periode) wurden denn zur Basis für die Entfachung solch stürmischer Phantasien in diesem Bereich und wie entstand denn dann im Ergebnis diese wirklich globale Verallgemeinerung, Stalin, der Führer der Kommunistischen Partei und des Sowjetstaates, sei ein völlig rückschrittlicher Mensch, ja eine Ausgeburt der Rückschrittlichkeit gewesen, und warum wird er als der Verfolger alles Neuen und Fortschrittlichen dargestellt. Damit ist somit unsere Frage 4 verbunden: „Stalin habe auch alle progressiv denkenden Wissenschaftler, darunter Wirtschaftswissenschaftler, Agronomen usw. abgrundtief gehasst und ihre Vernichtung angeordnet. Dafür habe er Pseudogelehrte vom Schlage eines T.D. Lysenko gütig behandelt. Wie ist das zu erklären?“

Richard Kosolapow:

In dieser Frage nimmt die Darstellung Stalins als den „grimmigen Hasser“ in allem geradezu die Form eines Schauermärchens an und sprengt alle gerade noch hinnehmbaren Grenzen für unsachliches Verhalten. Die Fakten sprechen vielmehr eine klare Sprache, daß die fortschrittlichen Wissenschaftler, darunter Wissenschaftler mit Weltgeltung, gerade unter der Sowjetmacht in den 20er-40er Jahren die günstigsten Bedingungen für ihr Schöpfertum erhielten. Ich nenne die Namen von Ziolkowski und Pawlow, Joffe und Korolow, Wernadski und Mitschurin, Krylow und Schukowski, Kurtschatow und Tupolew, Strumilin und Varga, Zizin und Wiljams, Grekow und Tarle, Pankratowa und Netschkina. Ich kann sie nicht alle aufzählen. Und was die „Anordnungen zu ihrer Vernichtung“ betrifft, so kann man sagen, daß sie wörtlich aus einer gruseligen Kriminalgeschichte aus den Zeiten der Sklaverei und des Feudalismus stammen könnten. Man muss im Übrigen natürlich wissen, dass Stalin solche Anordnungen nie gegeben hat. Alle (ich betone alle) verantwortlichen Entscheidungen (und umso mehr die Entscheidungen, die das Schicksal von Menschen bestimmten) traf er nur nach Beratung und Abstimmung mit anderen verantwortlichen Personen.

Nicht so einfach verhält sich die Sache in Bezug auf den genannten T.D. Lysenko. Als erfahrener Agrarwissenschaftler pries er seine Methoden zur Jarowisierung von Getreide und Sommersaaten von Kartoffeln an, die dem Sowjetstaat besonders in den Zeiten des Großen Vaterländischen Krieges halfen, das Lebensmittelproblem erfolgreich zu lösen. Die Forschungsergebnisse dieses Spezialisten und Praktikers und ihr realer Nutzen wurde auf dem Hintergrund von akademischen Experimenten einer Reihe von Wissenschaftlern der Genetik in den Jahren beobachteter Mutationen bei der Gattung von Taufliegen (Drosophila) positiv herausgestellt (die Gattung der Drosophila melanogaster war in der klassischen Genetik ein bevorzugtes Zuchtobjekt zum Studium der Chromosomen). Stalin beging einen Fehler, als er T.D. Lysenko uneingeschränkt Glauben schenkte und ihn als potenziellen Theoretiker überschätzte. Die Ansprüche von Lysenko auf die schöpferische Entwicklung des Darwinismus, und darum ging es ja damals, haben sich in der Folgezeit nicht gerechtfertigt. Das charakterisiert aber von daher nicht das Verhältnis Stalins zur Wissenschaft insgesamt. Wir sollten gerade das Aufblühen der sowjetischen Wissenschaft in der Stalin-Ära angesichts der Tatsache würdigen, dass Russland inzwischen seine führende Rolle auf dem Gebiet der Raketen- und Weltraumtechnik, der Kernenergietechnik und Elektronik verliert und schon weitgehend verloren hat. Und Russland hat auch seine führende Rolle in der wissenschaftlichen Ausbildung eingebüßt. Es gab auch Wissenschaftler, darunter bedeutende Wissenschaftler, die Opfer von Repressalien wurden. Aber bei allen diesen Vorgängen muß man sich konkret und detailliert mit den Einzelfällen befassen. Anderenfalls könnte sich manch ein Opfer als falscher Zeuge und demagogischer Schwindler erweisen.

Viktor Koschemjako:

Die Frage 5 – Diese betrifft eine Reaktion auf einen von Ihnen geäußerten Gedanken im vorangegangenen Gespräch. Es handelt sich um die Schädlingsarbeit fremder Elemente, die in die Justiz- und Sicherheitsorgane eingedrungen sind. Der Verfasser des Briefes ist der Meinung, dass dies nicht so gewesen ist und auch nicht so gewesen sein konnte. Er schreibt: „Wenn Trotzkisten in die Organe der Tscheka, der OGPU und des NKWD eindringen konnten, dann doch nicht unter Stalin. Zutreffen kann das nur noch auf Jagoda, den NKWD-Chef bis 1936. Bekannt ist doch, daß N. Jeschow und L. Berija, die nachfolgenden NKWD-Chefs, von Stalin persönlich ausgewählt worden sind.“

Richard Kosolapow:

Die Trotzkisten und die mit Trotzki zusammenarbeitenden Zionisten waren noch in großer Zahl vor Stalin bzw. bevor Stalin in der sowjetischen Führung eine entscheidende Rolle zu spielen begann, in die Organe des Sicherheitsapparats eingetreten. Aber es handelt sich nicht nur um diese. Ich schrieb auch über den Gendarmeriechef von Zar Nikolaus II. F. Dschunkowskij und seine Kollegen, über einen Teil des alten zaristischen Offizierskorps, die es als sog. Spezialisten in die Untersuchungsorgane des Sicherheitsapparats zog. Es gab auch eine Instruktion der Emigrantenzentren der Weißgardisten an ihre Agentur in der UdSSR, nach besten Kräften in die sowjetischen Rechtsschutzorgane einzudringen und dort die Positionen auszubauen. Gerade diese sprengstoffmäßige Mischung von Kadern war für viele dramatische Kollisionen der 30er Jahre vorausbestimmend. Und niemand, auch nicht der allmächtige Stalin, konnte die davon ausgehenden Gefahren vollständig ausschließen.

Richtig ist, dass Jeschow und Berija von Stalin persönlich ausgewählt worden sind. Damit zogen aber die Dzerzynski- und Menschinski-Kader und vor allem die Jagoda-Leute nicht von dannen. Jeschow spielte bei der Ausräumung des trotzkistischen Untergrunds eine bedeutende Rolle, aber dann überschritt er in verbrecherischer Weise seine Kompetenzen. Dafür wurde er bestraft. Berija trug in den Jahren 1938-1940, als er Volkskommissar für Inneres (NKWD-Chef) der UdSSR war, viel zur Rehabilitierung und Freilassung unschuldig verurteilter Personen bei. Er erwies sich als großer Organisator während des Großen Vaterländischen Krieges (im Staatlichen Komitee für Verteidigung war er für die Produktion von Flugzeugen und Motoren, für die Aufstellung und Verlegung von Luftwaffeneinheiten, für die Erzeugung von Ausrüstungen und Munition usw. verantwortlich).

Nach dem Kriege galt er als der erste Kurator, der oberste Schirmherr der Atomindustrie, aber mehr als das war er für seine Brutalität und sein Intrigantentum berüchtigt. Bis heute bleibt er eine der rätselhaftesten Figuren in der Umgebung von Stalin, der übrigens eine schicksalhafte Rolle am Ende von dessen Leben gespielt hat.

Aus vielen Veröffentlichungen geht hervor, daß Stalin am Abend des 1. März 1953 ein Schlaganfall ereilte, wobei er sich in seinen Zimmern völlig allein befand. Die Wache entdeckte das erst nach 22 Uhr. Es dauerte lange, bis überhaupt irgendjemand von der oberen Führung angerufen wurde. Erst nach Mitternacht, etwa um 3 Uhr des 2. März, kamen Malenkow und Berija. Am Diwan stehend, auf dem der Kranke lag, beschlossen die Genossen zu gehen, wobei Berija den Chef der Leibwächter Losgatschow anherrschte: „Was verbreitest du bloß für eine Panik. Du siehst doch, dass Stalin nur tief schläft! Für uns gibt es keinen Anlass mehr zur Unruhe und störe den Genossen Stalin nicht!“ Erst nach 9 Stunden erschienen die Ärzte. Stalin lag etwa 12 Stunden ohne Bewußtsein, ohne medizinische Aufsicht und Hilfe. Ein solches Verhalten von „Mitstreitern“ Stalins war gleichbedeutend mit einer bewußten, d.h. kriminellen Herbeiführung seines Todes.

In der letzten Zeit seines Lebens hatte Stalin es gestattet, daß zwei seiner nächsten Vertrauten, nämlich sein Sekretär Poskrjobyschew und der Leiter des Personenschutzes Wlassik, der sich schon seit der Zeit der Kämpfe von Zaryzin 1918 bei Stalin befand, aus dem Kreis seiner engsten Mitarbeiter entfernt wurden. Stalin befand sich von nun an in einer Art Isolation. Von ehemaligen Mitarbeitern der Geschäftsleitung des ZK der KPdSU ist mir bekannt, daß bei der Durchsuchung der Datsche in Wolynsko, die ich gut kenne, nach Stalins Tod auf dem Boden seines Baderaumes Quecksilber entdeckt wurde. Dämpfe mit Quecksilber sind schwerer als Luft. In einen Raum gelassen, wirken sie sich schädlich auf die Gesundheit der Bewohner aus, senken die Arbeitsfähigkeit und den Lebenstonus, verschlechtern die Nierentätigkeit usw. Ein Arzt, den ich in dieser Frage konsultierte, sagte mir: „Ich glaube das zwar nicht ohne weiteres, doch wie war der Personenschutz Stalins.“ Ohne Wlassik war doch offenbar alles möglich.

Es ist kaum ein Zufall, daß die Kampagne zur Diskreditierung Stalins von niemand anderem als Berija begonnen wurde – anhand von Dokumenten, die mit der sogenannten Ärzteverschwörung zusammenhängen, ist das leicht nachzuweisen. Über Quecksilber in der Datsche Stalins ist bis heute nicht geschrieben worden, und bis jetzt besteht auch keine Hoffnung, dass irgendjemand darüber eine qualifizierte Untersuchung durchführt.

Man sagt, daß Stalin dem von ihm geschaffenen bürokratischen System zum Opfer fiel. In einem gewissen Sinne kommt das der Wahrheit nahe. Aber er verstand es auch, wenn auch nicht ohne Mühe, dieses System zur rechten Zeit zu zerbrechen und die Lage in der Hand zu behalten, zumindest solange seine Gesundheit nicht untergraben war. Das ist mehrfach festzustellen. Es genügt daran zu erinnern, wie er und gerade er und kein anderer, im Jahre 1938 die provokanten Beharrungskräfte der Repression überwand und wie schon im Jahre 1942 das Problem der militärischen Kommandokader gelöst war.

Stalin konnte nicht umhin, zu begreifen, dass er, der eine gewaltige Verantwortung trug, früher oder später zum Objekt von Hinterfragungen und Kritiken werden wird, und darüber berichtete insbesondere Marschall l.S. Konew gegenüber K.M. Simonow. Nachdem Stalin zu Beginn der Moskauer Schlacht einen ernsten taktischen Fehler zugelassen und diesen erkannt hatte, rief er die Westfront an und sagte heftig erregt folgendes: „Genosse Stalin ist kein Verräter, Genosse Stalin ist ein ehrlicher Mensch, sein alleiniger Fehler bestand darin, dass er den Kavalleristen zu sehr vertraute. Genosse Stalin wird alles tun, um die verfahrene Lage wieder in Ordnung zu bringen.“ (Simonow, K.M., Mit den Augen eines Menschen meiner Generation, Moskau, 1989, Seite 398 – russisch). Simonow und Konew hätten kaum recht, wenn sie in diesen Worten der äußersten Erregung Stalins das Fehlen des Willens Stalins zum Sieg gesehen hätten, aber eine Erregung, die fast bis zur Hysterie ging, konnte man daraus heraushören. Bildlich gesprochen, Stalin führte sich nicht wie ein Gott, er wusste, dass er auch nur ein Mensch ist.

Stalin ist eine heroisch-tragische Gestalt der Geschichte. Aber das Wesentliche, was sich dann auf unser gesamtes Schicksal auswirkte und für das man ihn tadeln müßte, was ihm aber auch nicht als alleinige und volle Schuld anzurechnen ist, sind Fehler in der Personalpolitik: Bei der Formierung eines hervorragenden, ja einzigartigen Offizierskorps der Roten Armee in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges stand er auf der Höhe seiner .Aufgaben, aber er hinterließ keine vergleichbar gute Führungsmannschaft in der Parteiführung. A.l. Mikojan schreibt in seinen Erinnerungen: „Stalin schlug vor, daß jeder von uns 5-6 hervorragende Persönlichkeiten aus den Reihen seiner Mitarbeiter vorbereiten sollte, und zwar solche, die uns ablösen könnten, wenn das ZK das für erforderlich hielt. Er wiederholte diesen Vorschlag mehrfach und bestand auf seine Verwirklichung.“ (Pribytkow, W.W., Der Apparat, SPb 1995, Seite 81 – russisch). Wie aber aus den Ergebnissen ersichtlich ist, kam Stalin in diesem Fall mit der Bürokratie nicht zurecht. Darin liegt auch sein persönliches Drama und im Endeffekt das Drama der ganzen Sowjetunion.

Viktor Koschemjako:

Zur folgenden Frage 6, die wir schon im vorangegangenen Gespräch anschnitten. Es bleibt aber eine Frage, die sehr ernst und schmerzhaft ist. Der Verfasser des Briefes hält sich nicht mit seiner Ironie bezüglich der Position, die Sie dazu einnehmen, zurück. Er schreibt: „Stalin sorgte sich um die Stärkung der Roten Armee. Dafür war es erforderlich, 40.000 Kommandeure und Politkommissare zu vernichten, und das in einer Zeit als der Krieg an unsere Haustür klopfte. Vernichtet wurden alle hervorragenden Heerführer des Bürgerkrieges. Sie sollen plötzlich alle Volksfeinde gewesen sein? Feinde welchen Volkes waren sie denn? Noch zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges wurden die Militärkader vernichtet, die aus dem Spanischen Bürgerkrieg kamen. Sie waren dem Genossen Stalin offenbar ebenfalls im Wege.“

Richard Kosolapow:

Ich will hier nicht wiederholen, was ich bereits mehrfach über die Version der Militärverschwörung gesagt und geschrieben habe. Darauf habe ich bereits insbesondere im Gespräch mit Ihnen auf den Seiten der Prawda in der Entgegnung an Professor L.A. Kljatschko und in der Antwort auf die erste Frage von I.F. Mursin geantwortet. Ich möchte feststellen, daß der Begriff „vernichten“ von den „Meistern der psychologischen Kriegsführung“ jetzt in Bezug auf alle verwendet wird, die in den 20-30er Jahren in irgend einer Form einer Bestrafung unterzogen wurden, und zwar angefangen von einer Rüge der Gewerkschafts- und Komsomolorganisation, einer kritischen Bemerkung an der Wandzeitung bis zur Erschießung. Gerade aus dieser „Statistik“ haben die fanatischen AntiStalinisten bisweilen Opferzahlen abgeleitet, die die Anzahl der arbeitsfähigen Bevölkerung übertrafen. Es gab also mehr vernichtete Opfer als im Arbeitsprozeß stehende Bürgerinnen. Das was I.F. Mursin „die Vernichtung von 40.000 Kommandeuren und Politkommissaren von 1937-1940 nennt, waren in Wirklichkeit 36.898 Entlassungen von Angehörigen des Offizierskorps, die vom Volkskommissar für Verteidigung ausfolgenden Gründen vorgenommen wurden.

  1. Altersgründe,
  2. unzureichender Gesundheitszustand,
  3. Disziplinarverstöße,
  4. moralische Verfehlungen und moralische Labilität,
  5. mangelndes politisches Bewusstsein und fehlende politische Zuverlässigkeit.

Davon wurden 9.579 verhaftet. Es war nur natürlich, dass viele Entlassene und auch Verhaftete Beschwerden oder Widersprüche bzw. Einsprüche einlegten, die von einer dafür eigens geschaffenen Kommission unter der Leitung von E.A. Schtschadenko (seinerzeit Leiter der Hauptverwaltung für Kader des Volkskommissariats für Verteidigung) geprüft wurden. Im Ergebnis dieser Überprüfungen waren zum 1. Mai 1940 12.461 Kommandeure wiedereingestellt worden, darunter 10.700 aus politischen Gründen Entlassene.

Zum 1. Januar 1941 waren es fast 15.000. Aus der Haft entlassen wurden mehr als anderthalbtausend Offiziere. Zum Tod durch Erschießen wurden 70 Personen verurteilt, (s. Militärkader des Sowjetstaates im Großen Vaterländischen Krieg 1941 -1945, Moskau 1951-russisch).

Genosse Stalin sagte in einem Kommentar zu diesen Vorgängen im Mai 1941: „Man kann den Genossen Woroschilow natürlich verstehen. Der Verlust der Wachsamkeit ist eine äußerst gefährliche Sache. Um einen erfolgreichen Angriff an der Front durchzuführen, sind Hunderttausende von Soldaten erforderlich, um ihn aber zum Scheitern zu bringen, genügen 2-3 Verräter-Schweine im Generalstab. Das hat aber nicht die Entlassung von 40.000 Kommandeuren der bewaffneten Organe gerechtfertigt, – das war nicht nur eine außergewöhnliche, sondern auch eine in jeder Beziehung äußerst schädliche Maßnahme. Das Zentralkomitee hat das Vorgehen des Genossen Woroschilow korrigiert.“

Nach den Worten Stalins ergibt sich auch folgendes: „Im Jahre 1938 waren nach den Paragraphen über konterrevolutionäre Verbrechen von den Organen des NKWD 52.372 Personen verhaftet. Bei der Durchführung der Gerichtsverfahren wurden von den Justizorganen 2.731 Personen verurteilt, davon 89 zum Tode durch Erschießen. 49.641 Verhaftete und Angeklagte wurden freigesprochen. Eine so hohe Zahl von Freisprüchen hat bestätigt, daß der ehemalige Volkskommissar des Inneren (des NKWD) Genosse Jeschow viele Menschen ohne hinreichende Gründe verhaften ließ. Hinter dem Rücken des ZK gab es Willkür“ (s. J. Stalin, Gesammelte Werke, Band 15, Seite 32 – russisch). Man vergleiche diese Zahlen mit den in die Welt gesetzten Horrorzahlen des angeblichen Stalinschen Terrorregimes, und man beachte, daß Stalin dem Genossen Jeschow in seinen Ausführungen vor Kadern der Sicherheits- und Justizorgane nicht einmal Massenmorde, sondern nur unbegründete Verhaftungen vorwarf. Genau das war in den Jahren 1938-1940 nach Berichten von Zeitzeugen auch das eigentliche Thema bei Repressionen, und gar nicht die vielen angeblich unschuldig zum Tode Verurteilten.

Aber das war nur die eine Seite der Sache, die von den antisowjetischen Kräften blindwütig hochgespielt wurde.

Die andere Seite bestand darin, dass dennoch das Hinterland für den Fall eines Krieges gestärkt werden musste. Wie W.l. Nedaschkowskij und E.D. Ojaperw schrieben, hat Hitler auf einer Beratung gegen Ende des Krieges zur Rechtfertigung seiner Niederlage an der Ostfront (der sowjetisch-deutschen Front) gesagt, „daß eine ihrer Hauptursachen darin bestand, daß Stalin 1937 seine 5. Kolonne in Russland erschießen ließ.“ („Wahrheit und nur eine Wahrheit“, vor der wir uns verneigen! Dnepropetrowsk 1997, Seite 108 – russisch).

Es gibt beispielsweise einen Fakt, der mit dem so oft genannten und beklagten Tuchatschewskij zusammenhängt. Tuchatschewskij machte 1936 bei seiner Rückkehr von den Trauerfeierlichkeiten anlässlich der Beerdigung des englischen Königs Georg V. in Paris Zwischenstation. Hier erklärte er bei einer Begegnung mit dem rumänischen Außenminister: „Vergeblich, Herr Minister, verbinden Sie Ihre Karriere und das Schicksal Ihres Landes mit dem Schicksal solcher alten am Ende befindlichen Staaten wie Großbritannien und Frankreich. Wir müssen uns auf das neue Deutschland orientieren. Deutschland dürfte schon in kurzer Zeit Hegemonialmacht in Europa sein. Ich bin überzeugt, dass Hitler die Rettung für uns alle bedeutet.“ (s. „Sowjetskaja Rossija“ vom 03.07.1997).

Das ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern dokumentarisch belegt. Nun, verstehen Sie, Stalin wäre ein erbärmlicher Dummkopf gewesen, wenn er nicht bemerkt hätte, wohin die Reise mit dem „hervorragenden Heerführer des Bürgerkrieges“ ging … .

Was die Strafen angeht, die zu Beginn des Großen Vaterländischen Krieges Militärkader erhielten, die aus Spanien kamen, so betraf das eben solche, die die Zerstörung unserer Flugzeuge direkt auf den Flugplätzen zuließen. Diese Erfolge wurden von den Nazis unerwartet und überraschend erzielt, und zwar auch durch das verräterische Verhalten von führenden Militärs wie Smuschkewitsch, im spanischen Bürgerkrieg als General Douglas bekannt. Es gab unter den Spanienkämpfern aber auch eine andere Einstellung zu den militärischen Pflichten. Diese zeigte die Kriegsflotte unter dem Kommando von N.G. Kusnezow, die den ersten Angriff des Feindes kühn abwehrte. Ich verstehe die Ironie von l.F. Mursin. Aber sie geht von Fehlinformationen aus. Natürlich störten den Genossen Stalin nicht die Veteranen des Spanienkrieges, dennoch gab es einige unter ihnen, die an Stalin und am ganzen Sowjetvolk Verrat begingen.

Viktor Koschemjako:

Wir kommen nun zur Frage 7. Sie ist unter dem von I.F. Mursin gestellten Fragenkomplex für die Leser auch nicht neu. Das gilt in dem Sinne, daß die Leidenschaften um sie über viele Jahre mit zornigem Übereifer angefacht wurden. Auch in der Publizistik und in künstlerischen Werken des Typs „Die Kinder des Arbats“ wurde sie hochgespielt. Der Verfasser eines anderen Briefes, den ich in den Händen halte, stellt die Frage folgendermaßen: „Stalin ließ die Inquisition Wiederaufleben oder genaugenommen, er hat sie neu geschaffen. Wie war das mit der Stalinschen Verfassung vereinbar? An der Spitze der Inquisition standen der Menschewik Wyschinski und der Henker Ulrich.“

Richard Kosolapow:

Der Begriff Inquisition stammt in diesem Zusammenhang aus dem literarischen Schaffen von A.N. Jakowlew und seinesgleichen. Er wendet ihn bis heute bei der negativen Bewertung der gesamten Tätigkeit der Tscheka, GPU, OGPU, NKWD, des MGB und KGB an. Der Umstand, dass die Tätigkeit aller Sicherheits- und Straforgane, die es in der Geschichte gegeben hat und gibt, viel Gemeinsames aufweist und auch irgendetwas mit inquisitorischen Maßnahmen zu tun hat, unterliegt keinem Zweifel. Hier ist dieser Terminus aber darauf angelegt, die Tätigkeit der Tscheka-Organe, der Organe, die Dzierzynski geschaffen hat und die auf diese oder jene Weise die Aufgaben des Klassenkampfes erfüllt haben, außerhalb einer historischen Betrachtung, sozusagen ahistorisch anzugreifen, anzuschwärzen und zu diskreditieren.

Natürlich ist die Inquisition ganz offenkundig mit der sowjetischen Verfassung nicht vereinbar, die von 1936-1977 in Kraft war. Aber daß es bei uns so etwas wie Inquisition gegeben hat, muß noch im Detail belegt werden. Auf Auskundschaftung kann übrigens kein Sicherheitsdienst der Welt verzichten.

Es hat wenig zu sagen, dass der ehemalige Generalstaatsanwalt der UdSSR Wyschinski ein Menschewik gewesen ist. Daraus läßt sich noch nicht viel ableiten, was seine spätere Tätigkeit betrifft. Man muss seine Arbeit schon konkret unter die Lupe nehmen. Viele bedeutende Parteifunktionäre, die sich in der Folgezeit im Kampf hervorragend bewährten, waren in ihrer Vergangenheit Menschewiken, Trotzkisten sowie auch Gottgläubige oder Gottessucher usw. Das gilt z.B. für Sagorski und Wolodarski, Uritzki und Andreew, Pokrowski und Dzierzynski, Lunatscharski und Bogdanow, Majski und Saslawski u.a. Sie alle waren originäre und auf ihre Art talentierte Persönlichkeiten. Wenn man sich bei ihnen nur auf einen Lebensabschnitt ihrer Vergangenheit beschränkt, lassen sie sich nicht charakterisieren. Ich will mich hier nicht über den Begriff der „Henker Ulrich“ auslassen. Er war Vorsitzender des Obersten Gerichts der UdSSR. Wahr ist, dass sich Stalin ihm gegenüber ziemlich kritisch verhielt, (s. J. Stalin, Gesammelte Werke, Band 15, Seite 34-35 – russisch)

Für die vollständige Beurteilung dieser Person brauchen wir noch mehr repräsentatives und beweisfähiges Material.

Viktor Koschemjako:

Kommen wir nun zur Frage 8. Sie lautet wie folgt: „Auch nach Beendigung des Großen Vaterländischen Krieges arbeitete die Inquisition mit voller Kraft. Ich erinnere nur an die Leningrader Affäre.“

Richard Kosolapow:

Ich muß an ein Buch denken, das meiner Meinung nach hochinteressant ist und diesen Vorgang ziemlich überzeugend behandelt. Es ist das Buch von W.M. Schuchrai „Stalin: Wahrheit und Lüge“, Moskau 1996, Seite 299-308 – russisch. Man muss aber noch etwas anderes berücksichtigen, und zwar daß hier einige bislang noch unbekannte Motive und Momente hinzukommen.

Stalin selbst förderte die talentierten Leningrader Wosnessenski und Kusnezow und wirkte daraufhin, dass sie auf die höchsten Posten in Staat und Partei kamen. Er beging eine Unvorsichtigkeit, als er seiner Umgebung zu verstehen gab, daß er Wosnessenski künftig als den ersten Mann der Regierung und Kusnezow als den ersten Mann der Partei ansieht. Stalin hatte hier eine Nachfolgeregelung getroffen, wie vorher schon mit Shdanow. Währenddessen beobachtete gerade Berija solche Vorgänge mit besonderer Aufmerksamkeit.

Überliefert ist eine sehr aufschlussreiche Anekdote, deren Echtheit belegt ist. Stalin schätzte das Organisationsvermögen des Ministers für Kohlebergbau A.F. Sasjadko sehr hoch ein. Dieser war aber ein starker Konsument alkoholischer Getränke, worauf Berija nachhaltig seine Aufmerksamkeit richtete. Er hinterbrachte Stalin, dass Sasjadko gerne zum Glas greift und das nicht nur einmal. Stalin schwieg zunächst und gab dann seinem „Fouche“ eine völlig unerwartete Abfuhr (Fouche war Polizeiminister Napoleons l.). Bei einem erneuten Telefongespräch mit Berija legte Stalin eine Pause ein und sagte dann: „daß Genosse Sasjadko trinkt, wissen wir, aber dir glauben wir in diesem Fall nicht … .“ Berija verschlug es die Sprache.

Etwas Ähnliches ereignete sich höchstwahrscheinlich auch bei den Versuchen, die Stellung der Leningrader zu untergraben. Man hat mir gesagt, dass Stalin nicht die Erlaubnis zur Verhaftung von Wosnessenski erteilt hat, dann aber zugestimmt haben soll und schließlich das Verfahren noch einmal überdachte. Da war es aber bereits zu spät. Das Ministerium für Staatssicherheit handelte superschnell. Wie ein großer Teil der von mir dargestellten historischen Vorgänge ist auch dieser Fall noch nicht voll erforscht, obwohl er freiweg zu vordergründig antisowjetischen Zielen instrumentalisiert wird. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen und es erhebt sich die Frage, ob es jemals gesprochen werden kann. Voll aufgeklärt werden muss noch die Rolle von feindlichen Agenten im damaligen Ministerium für Staatssicherheit der UdSSR.

 

Viktor Koschemjako:

Wir können jetzt schon ein Fazit des Gesprächs ziehen, das wir so lange und ausführlich geführt haben. Was denken Sie insgesamt über den Brief von I.F. Mursin?

Richard Kosolapow:

Meiner Meinung nach sind sowohl L.A. Kljatschko, mit dem wir vorher zusammen in der Redaktion der „Prawda“ gesprochen haben, als auch I.F. Mursin typische Opfer der vulgären Dämonisierung Stalins. Chruschtschow brauchte die Dämonisierung Stalins für die Erreichung seiner äußerst engstirnigen politischen und Politikaster haften Ziele, und wegen der strategischen Kurzsichtigkeit der Breschnewschen Führung der KPdSU und des Sowjetstaates sowie auf Grund des offenen Verrats der Gorbatschow-Bande wurde aus ihr eine totale antimarxistische, antileninistische, antisozialistische, antiproletarische und antirussische Ideologie gemacht. Der Antistalinismus wurde zur Hauptwaffe der Konterrevolution.

Viktor Koschemjako:

Zum Schluss würde ich gerne Ihre Meinung zu einer so brisanten und vielleicht auch heiklen Frage hören, und zwar welche Rolle Stalin selbst bei der Schaffung des Personenkults gespielt hat.

Richard Kosolapow:

Auch hierüber gibt es viel Herbeigeredetes und weit von der Realität Entferntes. Nehmen wir die Demagogie Chruschtschows „über die Rolle Stalins als Autor und Redakteur, als einer der Hauptverfasser seiner lobpreisenden Biographie“ („Licht und Schatten eines großen Dezenniums“, Chruschtschow und seine Zeit, Leningrad 1989, Seite 94 -russisch).

Zu diesem Thema wurden bis heute nicht genügend Zeugnisse abgelegt, die diese Behauptungen widerlegen, aber sie gibt es. Ich will auf die von Stalin vorgenommene Korrektur des Entwurfs des Buches Josef Wissarionowitsch Stalin, Kurze Biographie (1947) (s. J. Stalin, Gesammelte Werke, Band 16, Seite 70-90) eingehen, die das Pathos der Lobhudler stark dämpfte. Aber noch wesentlich interessanter und überzeugender sind in diesem Zusammenhang die Aufzeichnungen des Gesprächs des Autorenkollektivs mit Stalin, die von dem Historiker W.D. Motschalow anhand der unmittelbaren Erinnerungen vom 23. Dezember 1946 gemacht wurden.

„Die Meinung Stalins: Es gibt sehr viele Fehler. Der Ton ist nicht gut und nach Art der Sozialrevolutionäre aufgezogen. Von mir stammen alle Lehren bis zu jeder Lehre über die konstanten Faktoren des Krieges. Es stellt sich heraus, daß ich eine Lehre über den Kommunismus geschaffen habe, als ob Lenin, sehen sie, nur über den Sozialismus und nie über den Kommunismus gesprochen hätte. Und ich wäre es dann gewesen, der über den Kommunismus geschrieben und gesprochen hat. Weiter, es wird so dargestellt, als ob die Lehre über die Industrialisierung des Landes und die Kollektivierung der Landwirtschaft von mir stammt usw., usw. Tatsächlich gebührt gerade Lenin das Verdienst, die Problemstellung der Industrialisierung unseres Landes aufgeworfen zu haben. Das gilt auch betreffs der Frage über die Kollektivierung der Landwirtschaft usw. Es gibt in dieser Biographie viel Lob und Übertreibungen der Rolle der Persönlichkeit. Was soll der Leser nach dem Lesen dieser Biographie tun? Soll er auf die Knie fallen und mich anbeten? Ihr erzieht die Menschen nicht im Geist des Marxismus. Anbeter von Idolen brauchen wir nicht. Die Sache wird dann noch so dargestellt, daß ich die Lehre über die beständigen und zeitweiligen Faktoren des Krieges geschaffen habe, während in jedem militärgeschichtlichen Werk darübergeschrieben wird. Es kann sein, daß ich manches stärker und definitiver herausgestellt habe, aber das ist dann auch alles.“ (Unter beständigen oder konstanten Faktoren des Krieges verstand Stalin z.B. die Festigkeit des Hinterlandes, den moralischen Geist der Armee, die Anzahl und Qualität der Divisionen, die Bewaffnung, die organisatorischen Fähigkeiten der Kommandeure, während zu den zeitweiligen oder nur vorübergehend wirkenden Faktoren z.B. das Überraschungsmoment des Überfalls der Faschisten auf die Sowjetunion gezählt wurde).

„Wir haben die Lehre von Marx und Lenin. Zusätzliche Lehren brauchen wir nicht. Menschen sollen nicht zu Sklaven erzogen werden, aber bei euch gibt es dazu Tendenzen. Und wenn es mich nicht gibt? Ihr erzieht die Menschen nicht zur Liebe zur Partei. Wenn es mich nicht mehr gibt, was wird dann?“

W.D. Motschalow schreibt weiter: „Stalin lag eine reichhaltig ausformulierte und illustrierte Ausgabe seiner Biographie vor. Darauf zeigend, fragte Genosse Stalin. „Für wen ist eine solche Ausgabe gedacht?“ Genosse Alexandrow, Leiter der Abteilung für Agitation und Propaganda des ZK der KPdSU (B) versuchte sich in der Rechtfertigung einer nicht großen Auflage einer illustrierten Ausgabe und sagte, dass sie für Bibliotheken, Klubs usw. notwendig sei. „Es gibt bei uns Hunderttausende von Bibliotheken“, sagte Genosse Stalin darauf. „Von einer solchen Ausgabe kann man einen Brechreiz bekommen. Bezüglich Baku wird gesagt, daß dort bei den Bolschewiken nichts los war, und ich brauchte nur zu erscheinen und alles änderte sich sofort. Einer hat alles aufgebaut. Man kann es glauben oder auch nicht glauben. Wie war es nun tatsächlich? Es war erforderlich, Kader zu schaffen. Solche bolschewistischen Kader haben sich in Baku formiert. Die Namen dieser Leute habe ich an entsprechender Steile genannt. Das gilt auch für einen anderen Zeitabschnitt. Auch solche bolschewistischen Kader wie Dzierzynski, Frunse und Kuibyschew haben gelebt und gewirkt, aber über sie wird nicht geschrieben, sie fehlen.

Was den Zeitraum des Großen Vaterländischen Krieges anbelangt, so war es erforderlich, fähige Menschen zu finden, in den entsprechenden Funktionen einzusetzen und sie für ihre Aufgaben zu stählen. Solche Leute wurden um das Oberste Kommando der Roten Armee geschart. Nirgendwo ist klar gesagt, daß ich ein Schüler Lenins bin. Das ist nicht verständlich … nur irgendwo entlegen wird etwas davon erwähnt. Darüber habe ich in dem bekannten Gespräch mit Ludwig klare Worte gesprochen. Ich bin ein Schüler Lenins, bei Lenin bin ich in die Lehre gegangen und nicht umgekehrt. Niemand kann sagen, daß ich kein Schüler Lenins bin. Lenin hat den Weg begründet und den Weg gewiesen, und wir haben diesen vorgegebenen Weg beschriften.“

Viktor Koschemjako:

Ja, das ist wirklich sehr interessant, und es ist auf Stalinscher Art ausdrucksvoll.

 Richard Kosolapow:

Es ist ein beredtes Bild! Man kann natürlich sagen, daß sich Stalin nicht konsequent verhielt und trotzdem für sich schmeichelhafte Bewertungen zuließ oder vielleicht auch selbst hineinschrieb. Doch auch hier sollte man, wie Hegel sagte, dialektisch denken und nicht vom Standpunkt einer engen und lakaienhaft psychologischen Betrachtungsweise des Seins, sondern aus einer sozialen Sichtweite aus urteilen. Im vorliegenden Fall haben wir es mit einer Situation zu tun, wo ein Mensch seine gesellschaftspolitische Autorität, die unzweifelhaft im jahrzehntelangen Kampf verdient, mit Leiden und Leidenschaft erkämpft und aufgebaut worden war und die im Volk eine zusammenschweißende, einigende und stabilisierende Rolle spielt, von der eigenen irdisch vergänglichen Person trennt. Seit einiger Zeit fasste er diese Autorität gewissermaßen als gesondertes kollektivierendes und integrierendes Gut auf, wies ihr eine Integrationsfunktion zu, wobei ein Angriff auf diese den positiven Prozessen und dem Allgemeinwohl Schaden zufügen kann. Er wusste, dass Autorität auch abblättern, vergänglich sein kann.

Stalin rügt seinen Sohn Wasili, der als Flieger tapfer gekämpft hat, aber von Freunden und Vorgesetzten verwöhnt wurde und sich viel Überflüssiges leistete. „Denkst du, dass du Stalin bist,“ spricht der Vater im Zorn. „Du denkst ich bin Stalin?“ Er stößt mit den Fingern sein Porträt an und ruft aus: „Stalin, das ist er! Wir haben die Pflicht, auf dem Boden zu bleiben und die Aufgaben zu erfüllen, zu denen unser menschliches Dasein uns bestimmt.“ Diese kleine Szene verdeutlicht die ganze Anatomie des Problems. Die Probleme sind nie einfach und müssen jedes Mal auf verschiedene Weise angepackt werden. Wie haben denn in den nachfolgenden Jahren Chruschtschow, Breshnew, Gorbatschow mit Raissa Maximowna und Jelzin ihren Kult gepflegt und was bleibt davon im Endeffekt? Es bleiben bei den letztgenannten die vergänglichen Effekte von Individuen, die in einer Staats- und Parteimaschinerie gearbeitet haben, und das mit negativen Ergebnissen, und nicht die Folgewirkungen von eigenem Heroismus und eigener Konstruktivität. Und hier kann man sagen, was man will. Ehrgeiz ist eine Eigenschaft, die in diesem oder jener Grade allen normalen Menschen eigen ist, während Eitelkeit und Ruhmsucht oder Prunksucht – das Los von moralisch verdorbenen Menschen – völlig verschiedene und mit ersterem unvereinbarem Ding sind. Ehrgeiz führt zu Schöpfertum. Eitelkeit und Ruhmsucht sowie Prunksucht orientieren auf den Verbrauch, sie verleiten zum Verprassen von Gütern. Schöpfertum, Kreativität kennen keine Grenzen in Raum und Zeit. Der Verbrauch, das konsumtive Verhalten ist an ein Amt, einen Posten gebunden, den man missbrauchen kann. Sie enden mit dem Ende des Postens. Ein eng auf einen Posten abgestellter Ruhm kippt mitunter sehr schnell in bloße Ruhmlosigkeit und Schande um.

Viktor Koschemjako:

Dessen waren wir im Leben oft Zeugen, und zwar auf der örtlichen Ebene, auf der Gebietsebene und sogar leider auch auf der gesamtstaatlichen Ebene. Wie viele künstlich aufgeblasene und aufgebauschte Seifenblasengestalten sind vor unseren Augen zerplatzt!

Richard Kosolapow:

So ist es. Wenn ich auf die Fragen zurückkomme, die von I.F. Mursin gestellt wurden, so muß ich feststellen, daß sie alle im konkreten historischen Kontext studiert werden müssen, und zwar angewandt auf die Zusammenhänge und Umstände sowie auf das Klima der damaligen und nicht der heutigen Beziehungen zwischen den Menschen, wie sie sich seinerzeit herausgebildet hatten. Ich will hier ein weiteres Beispiel nennen.

Anfang der 30er Jahre hatte sich der bedeutende deutsche Wissenschaftler Albert Einstein dem Protest einer Gruppe europäischer Intellektueller anlässlich der Aburteilung von 48 Spezialisten, die beschuldigt waren, Organisatoren des Hungers in der Sowjetunion gewesen zu sein, angeschlossen. Genauere Informationen und eine sorgfältigere Betrachtung der Umstände dieses Falls veranlassten ihn, seine Entscheidung zu ändern. Einstein erklärte: „Diese Unterschrift gab ich damals nach langem Zögern, weil ich auf die Kompetenz und Ehrlichkeit der Persönlichkeiten vertraute, die mich darum baten. Außerdem hielt ich es psychologisch für unmöglich, daß Menschen, die die volle Verantwortung für die Erfüllung sehr wichtiger technischer Aufgaben trugen, vorsätzlich die Ziele sabotierten, denen sie zu dienen verpflichtet waren. Heute bedauere ich es zutiefst, dass ich diese Unterschrift gegeben habe, weil mir die Überzeugung abhandengekommen ist, dass meine damaligen Ansichten der Wahrheit entsprechen.

Ich habe nicht hinreichend erkannt, daß unter den besonderen Bedingungen der UdSSR Dinge möglich sind, die für mich unter üblichen Bedingungen völlig undenkbar sind … .“ „Die Sowjetunion hat die größten Errungenschaften erreicht“, fügte Einstein hinzu. „Westeuropa wird sie bald darum beneiden“ (s. Prawda vom 18.09.1931). Und in der Tat, Westeuropa hat die Sowjetunion darum beneidet. Es fuhr fort, sie deswegen zu beneiden, wir aber haben in den letzten Jahrzehnten das Bewußtsein der übergroßen Verantwortung für das sozialistische Vaterland und das Gefühl der historischen Dimensionen, eine weise selbstkritische Haltung sowie den schöpferischen Enthusiasmus, die schöpferische Aufbruchsstimmung verloren.

Viktor Koschemjako:

Sind Sie nicht der Meinung, Richard Iwanowitsch, dass Sie sich (wie übrigens auch ich) mit einer „Weißwaschung“ Stalins befassen? Solche Vorwürfe werden in einigen Briefen erhoben und man sollte sie nicht einfach von der Hand weisen. Besonders ernst scheinen mir Warnungen zu sein, dass bestimmte Stalinsche Methoden unter den gegenwärtigen Bedingungen zur Installation einer neuen Diktatur benutzt werden, auch wenn das mit anderen Zielen verbunden ist… . Wenn Sie übrigens damit einverstanden sind, könnten wir uns im folgenden Gespräch damit befassen.

Richard Kosolapow:

Natürlich bin ich damit einverstanden. Das ist in der Tat ein ernstes und umfassendes Thema. Mir persönlich, das möchte ich hier feststellen, liegt es fern. Stalin „weißzuwaschen“. Ich informiere nur über Fakten seines Lebens und Wirkens, die entweder entstellt oder verschwiegen werden, das heißt ich stelle mich Verleumdungen entgegen. Ist das heutzutage erforderlich? Ich denke, dass das immer erforderlich ist, und im vorliegenden Falle ganz besonders, weil mit der Zerstörung Stalins die Zerstörung des Sozialismus in unserem Lande begonnen wurde. Das wendete sich, wie wir jetzt sehen, in die Zerstörung selbst unseres ganzen Landes. Im Namen der Rettung unseres Landes, im Namen unserer echten Wiedergeburt brauchen wir heute in unserer sowjetischen Geschichte die Wahrheit, und dazu gehört auch die Wahrheit über Stalin.

Ich will hier nicht irgendjemandem Ratschläge geben, aber ich halte es für schlechten Stil, wenn man endlos wiederholt (wie es z.B. Onikow und auch viele andere tun), daß an allen vergangenen und gegenwärtigen Übeln unseres Landes „Stalin und das von ihm sanktionierte totalitäre Regime“ schuld seien. Wer hat denn irgendwann die Schuld an der Niederlage Russlands unter Zar Nikolaus I. im Krimkrieg 1856, sagen wir, Peter l. zugeschrieben? In Bezug auf Stalin sind derartige Ungereimtheiten und Widersinnigkeit aber an der Tagesordnung. Ist es nicht für einige an der Zeit, sich selbst ihr Antlitz im unparteiischen Spiegel der Geschichte zu betrachten? Ist es nicht an der Zeit zu begreifen, dass der zerstörerische Negativismus in Bezug auf die sowjetische Vergangenheit nur die einfache Vertuschung des eigenen Versagens in der Gegenwart ist?

Quelle: „Sowjetskaja Rossija“, Moskau, 13.08.1998

 

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Die Broschüre als pdf-Datei: Die Wahrheit über Stalin

 

Weiterhin empfehle ich, neben den in der Broschüre empfohlenen Büchern folgende Bücher zu lesen: (zu beziehen über: Frank Flegel, Tel. u. Fax: 05572-999 22 42, Mail: redaktion@offen-siv.com)

Michael Kubi: Die Sowjetdemokratie und Stalin, Theorie und Praxis in der Sowjetunion 1917 – 1953, Hrsg.: Offen-siv, 2015, ISBN 978-3-00-048893-1
Michael Kubi: Zur Geschichte der Sowjetunion; Eine totalitäre Diktatur der Bürokraten?, Hrsg.: Offen-siv, 2019, ISBN 978-3-9818899-4-9

 

malcom.z: Der Stählerne (Сталин), Bd. 1 – 5, Edition Flaschenpost, 2017
(Zu beziehen via Amazon.com, CreateSpace.com, Kindle und kompatible Marktplätze sowie Buchhandel, unter: malcom.z, Postfach 870335 in 13162 Berlin oder via malcom.zett@gmail.com )

Ludo Martens: Stalin anders betrachtet, EPO-Verlag, 1998
stalin-anders-betrachtet-von-ludo-martens
„Stalin anders betrachtet analysiert eine Serie von „Medienlügen“: Den Hungerholocaust in der Ukraine, die 12 Millionen Toten des Gulags. Das Buch widerlegt die klassischen Angriffe gegen Stalin: Das Testament Lenins, die von einer totalitären Partei auferlegte Kollektivierung, die erzwungene Industrialisierung, die Liquidierung der alten bolschewistischen Garde, den blinden und absurden Terror der Säuberungen, das gemeinsame Sache machen von Stalin und Hitler, und so weit.“

Das politische Archiv des Historikers, Faschismus- und Revisionismusforschers: Dr. sc. Dr. h.c. Kurt Gossweiler
https://kurt-gossweiler.de/

sowie die Beitrage auf meinem Blog, zu den Thema: Geschichtsfälschung, AntiKommunismus, Revisionismus und heutigen Faschismus.
https://saschasweltsicht.wordpress.com/

und hier auch die Artikel von Prof. Andrej Fursow:
https://wordpress.com/posts/saschasweltsicht.wordpress.com?s=Fursow

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Ein Gedanke zu „Die Wahrheit über Stalin – Gespräche mit Prof. Dr. phil. Richard I. Kosolapow“

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