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Im Gespräch: Erneuerer oder Totengräber des Sozialismus?


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Collage unter Verwendung des Titelbildes des rezensierten Buches

Im Gespräch: Erneuerer oder Totengräber des Sozialismus?

 Eine entlarvende Publikation
Rezension zu: Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar. Gespräche in Wien, Moskau und Prag. Herausgegeben und übersetzt von Klaus Kukuk; Berlin 2019, Verlag am Park, 236 S.

Prof. Dr. Anton Latzo, 31. März 2019

Klaus Kukuk, bekannt für seine Analysen über die Vorgänge in der CSSR im Jahre 1968, hat eine Übersetzung der drei Gespräche angefertigt, die Michail Gorbatschow und Zdenek Mlynar, führender Akteur des „Prager Frühlings“, in den Jahren 1993 und 1994 in Wien, Moskau und Prag geführt haben.

Der Gesprächsband hat drei Hauptteile. Im ersten Teil wird – anknüpfend an ihre gemeinsame Studienzeit an der Moskauer Lomonossow-Universität von 1950 bis 1955 – ihre Sicht auf die Sowjetunion der 1950er Jahre präsentiert. In einem zweiten Gespräch konzentrieren sich Gorbatschow und Mlynar auf die Amtszeit von Gorbatschow und im dritten Teil werden wichtige Elemente ihrer konzeptionellen Vorstellungen zum Sozialismus und zu internationalen Entwicklungslinien behandelt.

In ihren Gesprächen behandeln sie zwar zentrale Fragen der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft und der internationalen Auseinandersetzung. Aber: ihre Betrachtungen zu gemeinsamer Studienzeit, zur Geschichte der Sowjetunion und zur Außenpolitik der UdSSR in den 1980er Jahren sind davon geprägt, ihr eigenes Verhalten zu rechtfertigen und als positiv und alternativlos zu präsentieren.

Man könnte ja sagen, dass sie das alles mit ihrem eigenen Gewissen vereinbaren müssen. Aber das Problem besteht darin, dass sie ihr subjektives Verhalten dem Leser als Apologie (Rechtfertigung ) des Revisionismus vermitteln. Es geht ihnen nicht darum, die Geschehnisse objektiv und unter dem Gesichtspunkt des Lernens zu betrachten. Sie stellen Deformationen in den Mittelpunkt, identifizieren diese mit Sozialismus und wollen so „beweisen“, wie schwer sie es hatten, wie ausweglos ihre Situation war. Sie beteuern, Marxisten zu sein, Sozialismus zu wollen und sind in Wirklichkeit bemüht, den Menschen den Revisionismus als Marxismus einzuflößen.

Sich, ihre Konzeption und ihre Politik entlarven sie selbst, wenn z.B. Mlynar im dritten Gespräch feststellt: „Wenn wir unsere heutige Vorstellung von Sozialismus knapp zusammenfassen wollen, können wir das ungefähr so formulieren: Sozialismus ist vor allem ein Entwicklungsprozess, eine bestimmte Tendenz, die in der Industriegesellschaft (und der künftigen postindustriellen) danach strebt, Werte zu realisieren, die mit der sozialistischen Idee verbunden sind“. (S. 184)

Und Gorbatschow fährt fort: „Und wir zwei sollten uns öffentlich zu dem großen Fehler bekennen, den wir als Vertreter der kommunistischen Ideologie begangen haben, als wir Bernsteins These ‚Die Bewegung ist alles – das Ziel ist nichts‘ als Verrat am Sozialismus erklärten. Der Sinn von Bernsteins Gedanken bestand darin, das der Sozialismus nicht als System begriffen werden darf, welches infolge des gesetzmäßigen Zusammenbruchs des Kapitalismus entsteht, sondern dass Sozialismus die schrittweise Realisierung des Prinzips der gleichberechtigten Selbstbestimmung der Menschen bedeutet, die die Gesellschaft, die Ökonomie und den Staat schaffen.“ (S. 185)

Indem sie Bernstein, den Stammvater des Revisionismus, zu ihrem Bannerträger machen, weisen sich beide als würdige Vertreter des Spießbürgers und des Arbeiteraristokraten aus, der die Notwendigkeit des revolutionären Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus verworfen hat und ein Übereinkommen mit der Bourgeoisie sucht.

Sie beteuern, dass es ihnen sowohl in der CSSR als auch in der UdSSR immer um eine Erneuerung im Sinne der Stärkung des Sozialismus gegangen wäre. Die genannten Standpunkte werfen aber die Frage auf, ob solche Beteuerungen auch immer ehrlich waren. Gorbatschow spricht z.B. in Zusammenhang mit der Perspektive der UdSSR nach 1990 davon, dass er davon ausging, „dass schon ein neuer Sozialismusbegriff wirken würde“. (S. 79)

Diskutiert wurde zwischen ihnen über diesen „Begriff“ offensichtlich schon lange vor den im Buch behandelten Gesprächen! Sonst hätte Mlynar nicht zu Gorbatschow sagen können: „Aber erinnere dich bitte: Als wir uns 1989 trafen, schätzten wir die Lage in den Ländern des realen Sozialismus einschließlich möglicher Perspektiven des Sozialismus im Sinne eines dritten Wegs anders ein.“ (S. 83)  Mlynar spricht wohl nicht zufällig von einem „Übergang von einem totalitären System zur Demokratie“ von „einer Systemveränderung“, die „sehr kompliziert und widersprüchlich“ sei. (S. 80) Und Gorbatschow bestätigt: „Es war mir bewusst, dass der Weg zu einer neuen Gesellschaft sehr kompliziert sein würde, dass es notwendig war, ihn Schritt für Schritt, also auf evolutionären Wegen zu gehen und es unvermeidlich war, mit Widerstand der Nomenklatura zu rechnen.“(S. 72) An anderer Stelle sagt er: „Erst Ende 1987 gelangten wir zu dem Schluss, dass wir ohne eine politische Reform nicht auskommen würden. Die ersten freien Wahlen öffneten neuen Leuten den Weg zur Macht, … Es begann ein unabhängiges Parlament zu arbeiten, das schwierige Entscheidungen im Geiste der Perestroika übernahm. Mühsam, aber stetig begann sich die Struktur der Regierung zu verändern, es erfolgte die Demontage der alten Staatsmaschinerie. Neue gesellschaftliche Organisationen schossen wie Pilze nach dem Regen aus dem Boden. In der Gesellschaft brodelte es, uns allen war manchmal unwohl, aber wir behielten die grundlegende Entwicklungsrichtung bei.“ (S. 76/77)

Unter dem Schirm „politische Reformen“ wurden also die politischen Machtpositionen erobert und gesichert, die „Demontage der alten Staatsmaschinerie“ durchgeführt, indem man „neue gesellschaftliche Organisationen“ schuf, die wie Pilze aus dem Boden schossen, und „in der Gesellschaft  brodelte es“, also Instabilität war angesagt. Eine nicht unbekannte Strategie – schon 1968 in der CSSR und auch 1989/1990 sowie danach, von Jugoslawien, Syrien und bis heute, in Venezuela gültig!  Beachtenswert ist dabei auch eine weitere Aussage von Mlynar, die nicht weiter kommentiert werden muss. „Ich war gleichermaßen überzeugt, dass es – bliebe Frieden! – eine endgültige Lösung nur durch die Überwindung der totalitären Macht geben könnte. … Dein Aufstieg warf plötzlich neue Fragen auf. … Trotz dieser Selbstzweifel musste ich in der Presse, bei Fernsehauftritten und in wichtigen politischen Konsultationen eine eindeutige Haltung beziehen. Im Westen war ich zudem der Einzige, der dich persönlich gut kannte – zumindest aus der gemeinsamen Studienzeit. Nicht nur Journalisten, auch Politiker wie Kreisky und Brandt, Diplomaten und Informationsspezialisten aus den USA und auch aus China waren plötzlich an Konsultationen mit mir interessiert.“ (S. 56/57)

Diesen Rahmen muss man schon beachten, will man die zahlreichen Aussagen zu den Grundfragen des Sozialismus wie Partei, Demokratie, Staat usw. und des weltweiten Kampfes um nationale und soziale Befreiung und Frieden richtig bewerten. Ihre Aussagen, Wertungen und Positionen zu innenpolitischen Fragen und zu den internationalen Entwicklungen werden geprägt von dem Standpunkt, den Gorbatschow so formuliert: „Die gegenwärtige Gesellschaft ist nicht mehr geprägt vom Konflikt zweier Klassen. Es ist erforderlich geworden, Probleme der weiteren Entwicklung außerhalb dieses Schemas zu suchen. Das gilt auch für die Entwicklung von Institutionen einer demokratischen Gesellschaft. Ich sehe heute eine hoffnungsvolle Möglichkeit für die Weiterentwicklung der Konzeption der sozialen Partnerschaft“. (S.179) Und Mlynar sekundiert an anderer Stelle, „dass man den Sozialismus nicht als antikapitalistische Formation begreifen dürfe“. S.149)

Wie gesagt: eine entlarvende Publikation!

 

Prof. Dr. Anton Latzo ist Historiker und Mitglied
des Beirats des Deutschen Freidenker-Verbandes

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