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Trotzki, der Markt-Sozialist


Trotzki, der Markt-Sozialist

Entnommen aus Perestrojka – Der vollständige Zusammenbruch des Revisionismus von Harpal Brar, herausgegeben von der Zeitschrift offen-siv und der Kommunistischen Partei Deutschlands, 2. Auflage, 2020 (zum Herunterladen: https://offen-siv.net/)

Obgleich Trotzkis politische Hetztiraden gegen das sowjetische System hinreichend bekannt sind, ist sein Beitrag zum ökonomischen Gedanken im großen und ganzen unbestätigt geblieben – insbesondere von den unzähligen trotzkistischen Vereinen, die über die ganze Welt verstreut sind. Und das aus gutem Grunde; denn in dem einzigen Werk, das Trotzki jemals zu diesem Thema schrieb, äußert er sich klar und eindeutig als Befürworter eines „Markt-Sozialismus“. Wir denken dabei an Trotzkis Schrift Sowjetische Ökonomie in Gefahr, die er 1933 herausbrachte und in der er in schärfsten Tönen jeden revolutionären Schritt seitens der Sowjetregierung in Richtung auf den sozialistischen Aufbau denunzierte; er übte sich hier im Nachplappern bürgerlicher ökonomischer Vorstellungen a la von Mises und Brutzkus, was ihn zum Liebling der imperialistischen Gegner des Sozialismus machte.

Nachdem die sowjetische Regierung 1929 die Neue Ökonomische Politik (NEP) beendet hatte, entfaltete sie ihren zweiten Sturm auf den Kapitalismus mit der sozialistischen Industrialisierung und der Kollektivierung – beides Maßnahmen von welthistorisch revolutionärer Bedeutung. Trotzki sprach sich aber gegen diese Maßnahmen aus und erklärte, das die „richtige und ökonomisch gesunde Kollektivierung auf einer bestimmten Stufe nicht zur Eliminierung der NEP fuhren sollte, sondern zur allmählichen Reorganisation ihrer Methoden.“ (S. 32)

Mit anderen Worten sollten keinerlei Versuche unternommen werden, den Kapitalismus überhaupt – und insbesondere den Kapitalismus auf dem Lande zu beseitigen.

Indem er zum Schein für eine Art Kontrolle des Marktes eintritt, besteht Trotzkis Methode zur Kontrolle des Marktes darin, das der Markt sich selbst kontrollieren soll! „Die Regulierung des Marktes selbst muss auf den Tendenzen beruhen, die durch ihr Medium hervorgebracht werden.“ (S. 30) Anders gesagt: Die Kräfte des Marktes müssen den Markt kontrollieren!

Jeder revolutionäre Fortschritt der Sowjetökonomie zu jener Zeit wird – weil außerhalb des Marktes – von diesem Hohepriester des „Markt-Sozialismus“ als ein Durcheinander und als „Wirtschaftschaos“ porträtiert. Er sagt: „Durch die Beseitigung des Marktes und der Einrichtung von asiatischen Basaren statt dessen hat die Bürokratie … die Bedingungen für die wildesten Preiswirbel geschaffen und demzufolge kaufmännischer Kalkulation eine Mine untergeschoben. Im Ergebnis hat sich das ökonomische Chaos verdoppelt.“ (S. 34)

Trotzki, der im Dezember 1925 auf dem XIV. Parteitag der KPdSU versuchte, der Partei die Politik der sofortigen Kollektivierung der Bauernschaft aufzuzwingen – zu einem Zeitpunkt, als die notwendigen Voraussetzungen für eine solche Kollektivierung absolut nicht gegeben waren – derselbe Trotzki stellte sich 1933, als die Kollektivierung kurz vor ihrer Vollendung stand, in Opposition zur Politik der Beseitigung des Kulakentums und forderte statt dessen die Verfolgung „einer Politik der strikten Begrenzung der Ausbeutertendenzen der Kulaken“. (S. 47) Wiederum anders ausgedruckt, der Kapitalismus durfte nicht beseitigt werden.

Und dieser Marktschreier, der etwa zwölf Jahre nach der sozialistischen Revolution in Russland die sowjetische Regierung wegen ihrer Politik der Eliminierung der Kulaken beschimpfte, besaß die Unverfrorenheit, die 1936 (d.h. lange vor der sozialistischen Revolution in China) von Mao Tse-Tung betriebene Politik der Mäßigung des Klassenkampfes in den ländlichen Gebieten Chinas im Interesse des Erhalts der nationalen Einheit für den revolutionären nationalen Befreiungskampf gegen den japanischen Imperialismus als totale Kapitulation vor der Bourgeoisie zu verunglimpfen.

Der um Wunder flehende [und offenbar Götzen anbetende – d. Hrsg.] Trotzki verkündet: „Waren müssen den menschlichen Bedürfnissen angepasst werden … .“ (S.44) Trotzkis Position lauft darauf hinaus: „Ökonomische Rechnungsführung ist ohne Marktverhältnisse undenkbar.“

Das sagte schon Professor von Mises 1920. Brutzkus wurde 1922 für einen in der gleichen Art geschriebenen Artikel ins Exil geschickt. Damals beschrieb Trotzki die Haltung der sowjetischen Regierung gegenüber Leuten wie Brutzkus als „Bewahrung der Menschheit“. „Berufsideologen“, schrieb er in der Prawda, „stellen zur Zeit für die Republik keine Gefahr dar, es konnten jedoch äußere oder innere Komplikationen auftreten, die uns dazu zwingen wurden, diese Ideologen zu erschießen. Lassen wir sie besser ins Ausland gehen … .“
(zit. n. B. Brutzkus, Wirtschaftsplanung in Sowjetrussland, englische Übersetzung, 1935)

Elf Jahre später jedoch meinte derselbe Trotzki, und er plapperte dabei von Mises und Brutzkus buchstäblich nach, das sich die Gesellschaft niemals des Marktes entledigen könne, denn: „Ökonomische Rechnungsführung ist ohne Marktverhältnisse undenkbar.“ [!]

Trotzki kam so zu der Schlussfolgerung: „Es ist notwendig, den zweiten Fünfjahresplan beiseite zu legen. Fort mit dem schrillen Enthusiasmus!“ (S. 41)

Obwohl bürgerliche Ökonomen nichts dem Werk Trotzkis „Sowjetische Ökonomie in Gefahr“ entnahmen (angesichts der Tatsache, das er nur in unbeholfener Weise das wiederholte, was von Mises und Brutzkus zehn Jahre früher schon behauptet hatten), zitierten ihn dennoch bürgerliche Kritiker des sozialistischen Aufbaus ausführlich in der imperialistischen Presse; wurden sie doch so in die glückliche Lage versetzt zu betonen, das ihre ‘objektive’ und ‘unparteiische’ Kritik des Sozialismus völlig von diesem ‘alten Bolschewiken’ akzeptiert wurde – einschließlich ihr Dogma, das es einer Gesellschaft unmöglich sei, sich vom Märkte zu befreien.

Nebenbei erklärt Trotzkis Festhalten am „Markt-Sozialismus“, warum sich so viele Trotzkisten in der Labour Party Großbritanniens und ähnlichen sozialdemokratischen Kreisen in anderen Ländern zusammenfinden und mit der Entwicklung des bürgerlichen Reformismus beschäftigt sind. Wenn „Markt-Sozialismus“ tatsächlich Sozialismus wäre, wie diese Leute – gleich den Revisionisten – glauben, so ist dies nur eine andere Art zu sagen, das die gesellschaftlichen Bedürfnisse der Arbeiterklasse nur durch den Markt ausgedruckt und über ihn verwirklicht werden können, d.h. durch den Konflikt der Privatinteressen in der Produktion für den Markt. Wenn dies der Fall wäre, warum in aller Welt sollte der Kapitalismus sich nicht selbst zum Sozialismus entwickeln – ganz ohne revolutionäre Überwindung des Kapitalismus? Sollte dies das Leben offenbaren, dann müsste man zugeben, das Marx, Engels, Lenin und Stalin falsch, Dühring, Proudhon, Bernstein, Kautsky, Trotzki und Tito richtig lagen.

Das Leben jedoch denkt einfach nicht daran, dies zu bestätigen. Es liefert stattdessen eine überzeugende Widerlegung des „Markt-Sozialismus“. Jugoslawien, das bereits zehn Jahre früher als die UdSSR oder andere osteuropäische Staaten den Weg des „Markt-Sozialismus“ beschritt, ist ein ausgezeichnetes Beispiel. Seine Ökonomie ist von hoher Arbeitslosigkeit, Massenabwanderung sowie Unterordnung unter ausländisches Monopolkapital gekennzeichnet; in sozialer Hinsicht ist es zutiefst zerrissen. Es war das Festhalten der Titoisten am „Markt-Sozialismus“, das zum Ausschluss Jugoslawiens aus dem Kominform führte und nicht, wie von einigen Renegaten behauptet (von den Imperialisten ganz zu schweigen), Stalins angeblich erfolgloser Versuch, sowjetische Hegemonie über Jugoslawien auszuüben. Dies wurde vollkommen klar, als die Befürworter eines „Markt-Sozialismus“ in der UdSSR (die auf dem XX. Parteitag der KPdSU triumphierenden Chruschtschow-Revisionisten) dazu übergingen, sich mit den Tito-Revisionisten zu verbrüdern.

Chruschtschow sah in Tito ganz richtig einen echten Pionier dieser neuen Variante von „Sozialismus“.

Der Kreis schließt sich!

Einmal Verräter der Arbeiter- und Bauernklasse – immer Veräter der Arbeiter- und Bauernklasse!

Tatjana Saslawskaja und Michail Gorbatschow 1989 beim Kongress der Volksdeputierten. [Copyright RIA Novosti]

Die trotzkistisch-revisionistische World Socialist Web Site schreibt dazu:

„Im Jahr 1983 – demselben Jahr, in dem Rogowin seinen kritischen Bericht über den Zustand der Ungleichheit in der (seit 1956 revisionistischen – Anm. S.I.) UdSSR verfasst hatte, der in die Hände der Moskauer Behörden gelangte – gab eine weitere Soziologin, Tatjana Saslawskaja, (eine Verräterin wie Rogowin – Anm. S.I.) einen Bericht heraus, der zunächst geheim gehalten, später aber an die westliche Presse weitergegeben!!! wurde. Darin setzte sie sich für den Übergang zu „wirtschaftlichen Managementmethoden“ – also marktwirtschaftlichen Reformen – ein. Ein zentraler Aspekt dabei war die Strategie, durch leistungsbezogene Löhne die Produktion anzukurbeln. Saslawskaja stellte damals fest, dass solche Reformen durch diejenigen Teile der Arbeiterschaft, die sie als „je apathischer, desto älter und weniger qualifiziert“ bezeichnete, abgelehnt würden.

Innerhalb weniger Jahre avancierte Saslawskaja zu einer führenden Beraterin von Michail Gorbatschow und zu einer der wichtigsten pro-marktwirtschaftlichen Architektinnen der Perestroika. 1986 wurde sie zur Leiterin der Sowjetischen Soziologischen Gesellschaft ernannt. Ihre Positionen wurden in ihrer Fachrichtung weitgehend angenommen.
(An der Spitze der KPdSU und der ganzen UdSSR waren damals nur noch Revisionisten und Verräter. – Anm. S.I.)

Im Gegensatz dazu waren Rogowins Ansichten häufig und zunehmend Gegenstand scharfer Kritik. 1985 fand am Institut für Soziologie eine Diskussion über einen Bericht von Rogowin und seinem Forschungsteam über sowjetische Lebensstile statt. Darin äußerte Rogowin offene Kritik an den anti-egalitären Auswirkungen der Schattenwirtschaft und der Vererbung von Vermögen. Er wurde dafür von einigen der bedeutendsten Wissenschaftler des Instituts scharf angegangen.“

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