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Offensiv: Die Akte Andropow


Heute veröffentliche ich einen Auszug aus der Offensiv-Zeitschrift Nr. 1-2021, mit dem Titel „Die Akte Andropow“ von Willi Franke. (https://offen-siv.net/ )

Man mag sagen, dass das alles Schnee von gestern sei, aber die aktuelle Situation macht uns aufs Neue deutlich, – der Kapitalismus hat keine Zukunft.
Die kommunistische Bewegung aber, – immer noch paralysiert vom Revisionismus, – tut sich 1. schwer, den Revisionismus, der sich mit der Geheimrede Chruschtschows Bahn brach und an die Öffentlichkeit trat, zu analysieren, die richtigen Schlüsse daraus zu ziehen, – von der Rückkehr zum Marxismus-Leninismus gar nicht erst zu schreiben – und ist 2. somit unfähig, sich von diesem Revisionismus zu befreien und eine Initiative zu Neuschaffung einer kommunistischen Weltbewegung zu starten. Zu viele kommunistische Bewegungen nehmen von sich in Anspruch, die wahre marxistisch-leninistische Lehre zu vertreten. Doch nach wie vor sind viele kommunistische Bewegungen von Revisionisten dominiert. Sie alle haben noch nicht auf den Lenin‘schen Weg beim Aufbau des Sozialismus, – den Stalin mit so großer Meisterschaft gegangen ist, – zurückgefunden.
Trotzdem, der Sozialismus bleibt die einzige Alternative für die Arbeiterklasse und schlussendlich für die gesamte Menschheit. Genau aus diesem Grund muss die bisherige Geschichte des Sozialismus genauestens studiert, analysiert und die richtigen Schlüsse für die Zukunft gezogen werden.
Die Arbeit von Willi Franke ist kein guter Beitrag dazu, folgt er doch der Maxime: Im Sozialismus gab es keine revisionistische Entwicklung und Gorbatschow war der einzige Verräter des Sozialismus, ein Konterrevolutionär (dass die Konterrevolution schon 1953 begann, will vielen nicht in den Kopf) und die sowjetische Volkswirtschaft leistete noch Unmögliches, wenn sie die Planwirtschaft anwandte (s. Reagan-Embargo und Pipelineausbaus).
Das dieses „Unmögliche“ schon stark an die Substanz der sowjetischen Volkswirtschaft ging, wird wohlweislich verschwiegen, war sie doch schon damals ein „Hybrid-Modell“, wie an anderer Stelle richtig festgestellt wird, – und das schon zu Zeiten Breshnew, – folgte dieser doch unbeirrt den Beschlüssen des XX., XXI und XXII. Parteitag der KPdSU, die alle die Handschrift des Revisionisten Chruschtschows trugen (s. Gossweiler). Auch das wird verschwiegen, denn würde man den Zusammenhang herstellen, könnte man dann nicht mehr Gorbatschow die alleinige Schuld am Untergang des Sozialismus geben.
Was ich in allen Artikeln über den modernen Revisionismus (1956 – 1989/90) vermisse, auch in diesem, ist, eine Analyse der wirtschaftlichen und politischen Entwicklung während der „Breshnew-Ära“, – schließlich war Andropow Nachfolger von Breshnew – und vieles was Andropow reformieren wollte, ist in der „Breshnew-Ära“ angelegt, auch, – und vor allen Dingen, die degenerierte marxistisch-leninistische Denkweise und Ideologie, von der „stalinistischen“ ganz zu schweigen, denn die wurde ja seit 1956 verteufelt und totgeschwiegen. Leider ist dieses Manko, – die Ausklammerung der „Breshnew-Ära“ (und damit die Ausklammerung der „Honecker-Ära“), bei vielen deutschsprachigen Autoren verbreitet, – selbst bei Kurt Gossweiler.
Gab es nach der „Wende“ wirklich ein „Gentlemen’s Agreement“ unter den Revisionisten Erich Honecker zu schonen, weil er von der Klassenjustiz der BRD verfolgt wurde und, – wie schon zur Zeit des Faschismus, – im Gefängnis saß, was kolportiert wurde? Es scheint den Anschein zu haben.

Ich habe den Text redaktionell bearbeitet, ihn mit Anmerkungen versehen, wo ich eine andere Sichtweise habe und meinem Blog angepasst.

Die Akte Andropow

Vorwort:

Warum ein Heft über einen Generalsekretär, der gerade einmal zwei Jahre seines Lebens diese Funktion ausgefüllt hat? Warum ein gesamtes Heft über eine Person, die den überwiegenden Teil ihres Lebens auf den ersten Blick „nur Schwert und Schild der KPdSU“ anführte – und politisch betrachtet vermutlich den Weg der kommunistischen Weltbewegung kaum maßgeblich prägen konnte?

Viel wird über Juri Andropow gemutmaßt, wenig wurde über ihn geschrieben.

Auf faschistischen Internetseiten und in konservativen Büchern liest man nicht selten, dass der „Mauerfall“ sein Masterplan gewesen sei, um Kommunisten massenhaft in den Westen abwandern lassen zu können, damit die Weltrevolution „wie von selbst“ oder vom FSB angeführt in autonomen Zellen entstehen könne.[1]
[1] Siehe: Thorsten Mann – Weltoktober, wer plant die sozialistische Weltregierung? Kopp Verlag. Sinngemäß wird dort die These vertreten, dass die SU sich komplett umbenannt habe, so auch der KGB in FSB, den heutigen russischen Geheimdienst, damit der Westen keinen Verdacht schöpft bei der Einrichtung von kommunistischen Schläferzellen. Im Augenblick der Weltrevolution würden sie sich dann wieder zurück umbenennen.

Der antikommunistisch-bürgerliche YouTuber Mirko Drotschmann (Anm.: für mich: ein vom System verdummter, antikommunistischer Wichtigtuer), der vor allem mit seinem Kanal „Mr.Wissen2go“ bei jungen Menschen (Anm.: genauso vom System verdummt), beliebt ist, veröffentlichte am 20.09.2020 ein Video, in dem er die Vorstellung einer Welt darstellte, in der die Sowjetunion 2020 noch existieren würde. Ausgangspunkt waren die Wirtschaftsreformen Andropows, die in dieser Vorstellung von einem gesunden Andropow bis in die 1990er Jahre durchgeführt worden wären.

Im Vorwort berichtete er, dass es in der Realität mehrere sowjetische Delegationen nach China zu Deng Xiaoping gegeben hat, um dort die Reformen hin zur „sozialistischen“ Marktwirtschaft zu studieren. Mirko Drotschmann nimmt daher in seiner alternativen Zeitlinie an, dass die Sowjetunion in den 1990er und 2000er Jahren ein „China light“ (eine leichtere Variante der „sozialistischen Marktwirtschaft“) gewesen wäre.[2]
[2] https://www.youtube.com/watch?v=mViegARpy4I

Anders in einem Beitrag der Kommunistischen Organisation (KO) zur Konterrevolution. Dort beruft sich die KO auf einen Beitrag von Keeran/Kenny von 2015: „In den Jahren 1982/83 bestand in der Sowjetunion unter Andropow die Möglichkeit eines Kurswechsels. Andropow hat an vielen Stellen den Revisionismus in der KPdSU, besonders in der Ökonomie, richtig erkannt und erarbeitete Konzepte zur erneuten Vertiefung der sozialistischen Verhältnisse.“[3] Nach der KO gibt es also Grund zur Hoffnung für eine positiven Bewertung Juri Andropows.
[3] Da von der KO nicht eindeutig zitiert berufe ich mich hier auf die offen-siv Ausgabe Mai-Juni 2020 „Konterrevolution“ auf Seite 70. Vermutlich meinten sie das Buch „Socialism Betrayed“, Seite 88ff.

Die revisionistischen Auswüchse hatten ja nicht nur Partei und KGB getroffen, in denen Andropow ja vor allem Karriere machte, sondern vor allem die Ökonomie, die furchtbarste Bewusstseinsdeformationen hervorbrachte. Wir werden uns in jedem Fall diese Bereiche anschauen, sehen, was Andropow dazu sagte, aber vor allem analysieren, was er plante und was er tat!

In seinem Buch Perestroika zeichnet Gerhard Schnehen wiederum ein düsteres Bild: „Gorbatschow führte mit seinem Ziehvater (Andropow, d. Verf.) zusammen die `Revolution Andropow´ durch. (…) Gorbatschows Säuberungen begannen also schon in der Zeit, als Andropow noch Generalsekretär der KPdSU war (1982-1984).“[4]
[4] Gerhard Schnehen: Die Ära der Perestroika, S. 123 f.

Das sind nur vier Beispiele dafür, wie dieser Mann bewertet wird. Sie spiegeln das wieder, was innerhalb und außerhalb der kommunistischen Bewegung von ihm gedacht wird. Vier nicht unwesentliche Bewertungen für unsere Bewegung. Doch was entspricht der Wahrheit? Wo finden wir die Wahrheit? Hilft uns die Untersuchung der KGB-Sondereinheit „Luch” weiter, die von Juri Andropow gegründet wurde?[5]
[5] Unter Feuer, Die Konterrevolution in der DDR. Darin Michael Opperskalski: Imperialistische Strategie, Diversion und Revisionismus

Warum so viele Theorien über zwei Jahre der kommunistischen Weltbewegung? Und vor allem: welche stimmt?

Um die Frage zu klären, werden wir in diesem Heft verschiedene Schwerpunkte beleuchten. Der erste Teil umfasst eine kurze Biographie Juri Andropows. Der zweite Teil ist eine Zusammenfassung der Unterschiede von sozialistischer und revisionistischer Ökonomie und Politik, die uns helfen soll, die späteren Pläne des Generalsekretär Andropow besser bewerten zu können.

Der dritte Teil umfasst die Darstellung der personellen Veränderungen rund um Juri Andropow und eine Analyse der politischen und ökonomischen Positionen, die von diesen neuen „Fachleute“ vertreten wurden. Zu guter Letzt gehen wir auf die Reformen Juri Andropows ein und bewerten Sie unter dem Aspekt, ob sie dem Sozialismus und der revolutionären Bewegung dienlich waren oder nicht, gehen also der Frage nach, ob er wirklich der geistige Ziehvater Gorbatschows war.

Die Akte Andropow wird hiermit geöffnet.

Die Nachfolger Chruschtschows (alles Revisionisten)

Kurzer Lebenslauf Andropows

Juri Wladimirowitsch Andropow wurde am 15. Juni 1914 in Nagutskaja bei Stawropol am Kaukasus geboren. Sein Vater übte den Beruf des Eisenbahners aus. 1930 machte Juri Andropow Karriere als Komsomolze und war in Mosdok, in der Nord-Ossetischen Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik, aktiv.

Ab 1936 war er Matrose auf Flussfahrtschiffen auf der Wolga und besuchte die Fachschule für Binnenschifffahrt in der Stadt Rybinsk im Gebiet Jaroslawl. 1940 wurde er zum Ersten Sekretär des Zentralkomitees Kareliens gewählt. Im Großen Vaterländischen Krieg führte Andropow Partisaneneinheiten gegen die faschistischen Besatzer an und wurde 1947 zum zweiten Sekretär des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kareliens gewählt. 1951 begann er seine Arbeit im Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. 1953 wurde er Aufgrund eines Parteibeschlusses im Zentralkomitee zu einem Diplomaten gemacht. Andropow wurde umgehend nach Ungarn entsandt, erlebte dort den faschistischen Putsch gegen die sozialistische Regierung Ungarns 1956 und die anschließenden Reformen unter dem neuen KP-Chef Kádár.

(siehe dazu: Der Kádárismus – ein Vorführmodell des modernen Revisionismus https://saschasweltsicht.wordpress.com/2019/10/20/der-kadarismus-ein-vorfuehrmodell-des-modernen-revisionismus/ )

Auf dem XXII. Parteitag wurde er ordentliches Mitglied des Zentralkomitees und 1967 zum Vorsitzenden des Komitees für Staatssicherheit beim Ministerrat der UdSSR ernannt. 1982 wurde er schließlich Erster Sekretär des Zentralkomitees der KPdSU.

Was ist sozialistische und was ist revisionistische Realität? Die Gegenüberstellung des Sozialismus zur Stalin-Zeit und des Sozialismus Anfang der 1980er Jahre

Nun müssen wir eine kurze Exkursion zu sozialistischer Planwirtschaft und den Hybrid-Modellen ab 1956 machen. In vielen guten Büchern wurde der genaue Übergang von sozialistischer Planwirtschaft zu dem 1989 real-existierenden Hybrid-Modell nachgezeichnet.

Eine besondere Leseempfehlung ist hier Harpal Brar; „Perestroijka“ und Kurt Gossweiler „Die Taubenfuß Chronik“. Obwohl die genaue Beleuchtung des Wertgesetzes hier notwendig sein müsste, sowie die Beantwortung der Frage, wie man überhaupt auf die Idee kam, es „für den Sozialismus ausnutzen” zu können, werden wir uns hier nur auf eine Gegenüberstellung beider Systeme beschränken und planspielartig Vorschläge machen, wie der Sozialismus in der Sowjetunion hätte gerettet werden können.

Lenins und Stalins sozialistische Prämisse versteht sich so:

Die Kommunistische Partei versteht sich als Partei neuen Typs und ist Träger der wissenschaftlichen Weltanschauung des Kommunismus – oder auch: Marxismus-Leninismus. Findet sich die Partei im Kapitalismus, muss sie die Arbeiterklasse als ihr bewusstester Teil organisieren und den Kampf mit dem Ziel führen, den Staatsapparat der Bourgeoisie zu zerschlagen und durch die Diktatur des Proletariats zu ersetzen. Ein parlamentarischer Weg zum Sozialismus ist genauso wenig möglich wie ein „Ausnutzen” des bürgerlichen Parlaments für die sozialistische Revolution. Ein Wahlsieg ersetzt sie nicht.

Die Ablösung des bürgerlichen Staates durch den proletarischen ist ohne gewaltsame Revolution unmöglich.”[6] und „… die Diktatur des Proletariats kann nicht entstehen als Resultat der friedlichen Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und der bürgerlichen Demokratie”[7]
[6] Lenin: Staat und Revolution, in: Ausgewählte Werke, Moskau 1947, Band II, S. 173
[7] Stalin: Fragen des Leninismus, Moskau 1947, S.45

Nach der Errichtung der Diktatur des Proletariats ist vor allem dafür Sorge zu tragen, dass die Revolution sich zu verteidigen weiß. Diesen Staat zu errichten heißt, dass unsere wissenschaftliche Weltanschauung unverfälscht möglichst weit verbreitet wird, eine schlagkräftige proletarische Armee aufgebaut wird, Sicherheitsorgane geschaffen werden, um die Feinde der Partei und der Revolution innerhalb und außerhalb ihrer Reihen zu beobachten und eine Polizei des Volkes aufzubauen. Es versteht sich von selbst, dass es nahezu keine personellen Überschneidungen mit dem ehemaligen bürgerlichen Staat geben darf.

Auf dem ökonomischen Gebiet bedeutet es unmittelbar möglichst viele Konzerne und Betriebe zu enteignen, Grund und Boden sowie die Maschinen in Volkseigentum umzuwandeln. Nur in Bereichen, die aufgrund rückständiger Produktivkraftentwicklung nicht sofort demokratisch durch den Plan kontrolliert werden können, darf in gewissem Rahmen noch warenwirtschaftlich produziert werden.

Uns Kommunisten ist es bewusst, dass das Wertgesetz und die damit einhergehenden Bildung von warenproduzierenden Privatbetrieben, das dazugehörige Bankenwesen und die zwangsläufige Monopolisierung der ökonomische Hort der Konterrevolution sind. So darf es beispielsweise nicht möglich sein, Produktionsmittel wie Waren von Betrieb A zu Betrieb B zu verkaufen.

Auch die LPGs sind nur eine vorübergehende Erscheinung im Sozialismus, weil sie auf dem Kollektiveigentum an Grund und Boden basieren und nicht auf dem Volkseigentum. Streng geregelt produzieren sie unter staatlichen Verträgen Waren, die sie nur an den Staat verkaufen dürfen. Um diese warenwirtschaftlichen Bereiche nicht zur konterrevolutionären Basis werden zu lassen, bestehen wir Kommunisten darauf, dass alle Produktionsmittel, die von kollektiv- und privatwirtschaftlichen Institutionen genutzt werden, Volkseigentum sind und bleiben. Es ist beispielsweise im Sozialismus nicht möglich, dass LPGs Traktoren ihr Eigen nennen könnten.

Das ist aber noch nicht alles. Die stetige Produktionsmittelherstellung und deren Weiterentwicklung und Verbesserung (Schwerindustrie) muss der Konsumgüterindustrie immer vorgezogen werden, denn sie ist die Basis für die Konsumgüterproduktion. Die Konsumgüterindustrie ist zwar rentabler und erzielt schnellere Erfolge. Eine einseitige Fokussierung darauf bedeutet aber letztendlich, in die Abhängigkeit anderer Staaten zu fallen und den Sozialismus nicht weiter aufbauen zu können. Die Schwerindustrie ist der Garant für die Unabhängigkeit der sozialistischen Nation und garantiert gleichermaßen die Modernität der gesamten Wirtschaft.

Erst wenn der Großteil aller ökonomischen Bereiche nach Plan und Zuteilung bewirtschaftet werden, ist der Sozialismus real. Es kann historische Ausnahmen geben, in denen einmal „ein Schritt zurück” gemacht wird. Aber nur, wenn man danach schnellstmöglich zwei Schritte wieder in Richtung Planwirtschaft geht.

Das ist die ökonomische Grundlage für alle sozialen Leistungen. Die durch die Planwirtschaft möglich werdenden tatsächlichen Einflussmöglichkeiten der Arbeitenden auf die Wirtschaft, damit einhergehende Arbeitserleichterungen, Ausweitungen von Urlaub und Kultur, Verkürzung der Arbeitszeiten und so weiter, lassen den Arbeiter und die Arbeiterin höchst motiviert eigene Initiativen ergreifen und schaffen damit ein System, in dem Eigennutz und Gemeinnutz dasselbe werden.

In diesem Zustand wird es möglich sein, den Kapitalismus als vorherrschendes System auf der Welt abzulösen, weil die höchst motivierte und revolutionäre Arbeiterklasse, hochentwickelte Planwirtschaft und die hochentwickelten Produktivkräfte allen Möglichkeiten der kapitalistischen Staaten überlegen sein werden.

Die revisionistische Wirklichkeit Anfang der 1980er Jahre:

Ohne dass es einen erkennbaren Grund der Notwendigkeit oder eine heraufziehende Gefahr gab, wurde auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 der Rückwärtsgang eingelegt. Die Kommunistische Partei verstand sich fortan nicht mehr als Partei der Arbeiterklasse, sondern als Partei des ganzen Volkes. Dies bedeutete vor allem, dass selbst bürgerliche Ökonomen Mitglied der Partei werden konnten. Der Marxismus-Leninismus sollte auf die Wirtschaft fortan nicht mehr „dogmatisch” sondern „kreativ” angewandt werden. Was nichts anderes bedeutete, als das man sich von ihm entfernte!

Die Chruschtschow-Gruppe empfahl fortan: Findet sich eine Kommunistische Partei im Kapitalismus, soll sie den parlamentarischen Weg beschreiten und auf gar keinen Fall mehr die Revolution propagieren. Und falls das unverhofft doch einmal geschehen sollte, solle man auf keinen Fall den bürgerlichen Staat zerschlagen, sondern ihn transformieren. Dies führte Beispielsweise in Chile dazu, dass Faschisten wieder an die Macht kommen konnten, eben weil sie noch alle Mittel des bürgerlichen Staates, vor allem das Militär, vorfinden zu ihren Gunsten nutzen konnten.

So sagte Chruschtschow auf dem XX. Parteitag der KPdSU: „Die Partei des revolutionären Proletariats muss sich am bürgerlichen Parlamentarismus beteiligen, um die Massen aufzurütteln, was durch Wahlen und zwischenparteilich Kämpfe im Parlament möglich ist. Entweder man begrenzt den Klassenkampf auf den parlamentarischen, oder man hält ihn für die wichtigste und entscheidende Form, der alle übrigen Arten untergeordnet sind – was in Wirklichkeit bedeutet, auf die Seite der Bourgeoisie gegen das Proletariat überzugehen.“[8]
[8] Rechenschaftsbericht des ZK der KPdSU auf dem XX. Parteitag 1956: Vorgetragen durch Chruschtschow

Genauso schlimm, wie diese „Erneuerungen“ die Kommunisten der Sowjetunion trafen, waren sie für die kommunistische Weltbewegung. Mit dieser neuen irrigen Anweisung versanken viele Kommunistische Parteien in der Bedeutungslosigkeit, resignierten und verfielen oder sie fanden sich als eurokommunistische (sozialdemokratische) Parteien in den bürgerlichen Parlamenten als Systemstütze wieder.

Stalin wurde verurteilt und mit fadenscheinigen Behauptungen faktisch verboten. Marx, Engels und Lenin sollte nicht mehr im Original gelesen werden, sondern angepasste und weichgespülte Bücher kamen heraus, die angeblich die Klassiker zusammenfassen würden. Höhepunkt der ideologischen Zersetzung war das gemeinsame Papier der SED und SPD 1986, in der die SED dem Imperialismus die „Friedensfähigkeit“ diagnostizierte. Und das genau zu der Zeit, als Nicaragua, Palästina, Irland, Angola oder Grenada vom deutschen, britischen und US-Imperialismus vergewaltigt wurden!

Auf dem ökonomischen Gebiet bedeuten die Chruschtschow Reformen unmittelbar, dass die Pläne nur noch Empfehlungen für Betriebe waren. Die Betriebe sollten ungeachtet der gesellschaftlichen Notwendigkeit produzieren und durch den erwirtschafteten Gewinn sich refinanzieren. Dies nannten sie „sozialistische Rechnungsführung”. Produktionsmittel mussten von VEBs und LPGs als Waren selber gekauft werden, die Warenwirtschaft florierte zunehmend in vielen Bereichen der Gesellschaft. Die Pläne versagten immer mehr und mehr, da nur noch wenige zentrale Industrie gezwungen waren, sie zu befolgen.

Genau das ist mit „Hybrid-Modell“ gemeint: Nur noch die Schwerindustrie arbeitet nach Plan, in allen anderen Bereichen gilt er nur noch als Empfehlung oder er, der Plan, muss sogar gar nicht mehr befolgt werden. In diesen planlosen Sektoren sollte der „Markt alles regulieren“ – anstatt die Arbeiterklasse durch Pläne! Selbstverständlich verkamen Abstimmungen, Teilnahmen und Pläne zu bloßem abnicken. Sie hatten immer weniger Relevanz für die ökonomische Realität. Dies führte auch dazu, dass die Arbeiter sich immer weniger mit der ökonomischen Realität identifizieren konnten und sich nicht mehr voller Selbstbewusstsein als Mittelpunkt des Sozialismus betrachteten. Mit Bestechung (Anreizen) sollten die Arbeiter motiviert werden. Je mehr die Pläne allerdings versagten, desto mehr forderten Betriebsleitung die Ausweitung der Marktwirtschaft im Sozialismus, desto mehr forderten sie die profitable leichte Industrie auszuweiten und die Schwerindustrie zu ignorieren.

Auch aus Mao-China gab es offene Kritik an dem neuen sowjetischen Kurs, wenngleich überzogen und politisch nicht ganz unproblematisch. In der maoistischen Schrift „Über den Pseudokommunismus Chruschtschows und die historischen Lehren für die Welt“ legt Renmin Ribao in einem Absatz eine gute Zusammenfassung dar:

Auf dem XXII. Parteitag der KPdSU hat die revisionistische Chruschtschow Clique nicht nur ihre antirevolutionären Theorien von der `friedlichen Koexistenz´, vom `friedlichen Wettbewerb´ und vom `friedlichen Übergang´ in ein System gebracht, sondern auch verkündet, die Diktatur des Proletariats wäre in der Sowjetunion nicht mehr notwendig, und absurde Behauptungen von einem `Staat des ganzen Volkes´ und von einer `Partei des ganzen Volkes´ aufgestellt. Damit wurde das System ihres Revisionismus vollends ausgebildet.”[9]
[9] Renmin Ribao – Über den Pseudokommunismus Chruschtschows und die historischen Lehren für die Welt

Der Zerfall der Sowjetunion war also kein vom Himmel gefallenes Ereignis. Wer diese Realität Anfang der 1980er Jahre sieht, weiß, dass einiges hätte getan werden müssen, um den Sozialismus wieder aufzubauen und die Partei des Volkes wieder zur Partei der Arbeiterklasse zu machen.

Ich muss an dieser Stelle noch betonen, dass, obwohl es so viele Mängel und Fehler gab, das System nach marxistischer Analyse nach wie vor „Sozialismus“ war.

(Anm.: Zu recht setzt der Autor hier Sozialismus in Anführungszeichen. Es war nach meinem Kenntnisstand, Sozialismus, in dem der Revisionismus immer stärker wurde, den Sozialismus immer stärker zersetzte und schließlich 1970, im ganzen sozialistischen Lager, siegt. Aber 1970 kann man vom Revisionismus im ganzen sozialistischen Lager sprechen, kapitalistisch wurden die sozialistischen Staaten erst 1989/90.)

Das Eigentum der wichtigsten Produktionsmittel war nach wie vor in den Händen der Arbeiterklasse, es gab Pläne, die mehr schlecht als recht liefen und eine Kommunistische Partei führte die Gesellschaft und den Staat an, nur leider nicht in die richtige Richtung. Aber es gab praktische Solidarität mit den Befreiungsbewegungen des Trikont, es gab ausgedehnte soziale Leistungen, ein um vielfaches besseres Bildungs- und Gesundheitswesen als in allen kapitalistischen Ländern, bessere und für alle zugängliche Kunst und Kultur.

Aus diesem auf Planwirtschaft für die Schwerindustrie basierendem Hybrid-System „reinen Kapitalismus” zu lesen, so wie es die MLPD tut, entsagt jeglicher marxistischer Logik.

In dieser Zeit begann Andropow seine Analysen und Reformvorschläge. Was hätte er in einem Planspiel also tun müssen um die Sowjetunion und den Sozialismus zu stärken?

Planspiel: Wirtschaftsreformen zur Wiederherstellung des sozialistischen Kurses in der Sowjetunion

Wir möchten uns mit unserem Planspiel keineswegs erheben! Es geht hier nicht darum, wie ein Oberlehrer allen zu sagen, wie es gemacht wird – sondern aus Sicht der 2020er Jahre Vorschläge zu machen und zu überlegen, welche Bedeutung und Möglichkeiten sie womöglich geboten hätten.

Der Kern für jeden sozialistischen Staat und damit die revolutionäre Entwicklung ist die Partei. Die Imperialisten haben es schon weit vor 1989 nur zu gut verstanden: kippt die Partei, dann kippt die Bewegung bzw. der Staat und dann auch der Sozialismus.

(Anm.: Im Umkehrschluss bedeutet diese Aussage: Ist die Parteilinie revisionistisch und wird sie nicht geändert, wird nach und nach der sozialistische Staat ein revisionistischer Staat. Genau diese Entwicklung durchlebte zu erst die Führungsmacht des Sozialismus, die KPdSU und die Sowjetunion, und in deren Gefolge auch die anderen sozialistischen Staat. Mit Erich Honecker, auch die SED und die DDR.)

Unsere ersten Reformversuche müssten also an der Partei ansetzen. Zuallererst hätte das Zentralkomitee eine Rückkehr zur marxistisch-leninistischen Wissenschaft und die Entfaltung der Diskussionen um diesen Kurs in der Partei eröffnen müssen.

Wenn bürgerliche Ökonomen und Marktbefürworter nicht sowieso schon fraktionistische Tätigkeit begonnen hätten, tun sie es spätestens jetzt. Eine „Schlacht der Ideen“ würde entfaltet werden und der Marxismus-Leninismus müsste nun die Oberhand gewinnen. Aufgrund zersetzerischer Tätigkeiten würde eine beachtliche Anzahl von Parteimitgliedern aus der Partei ausgeschlossen werden. Selbstverständlich wäre dies nur die Oberfläche.

Durch eine anschließend vorbereitete und demokratisch durchgeführte Säuberung würden man bis in die tiefsten Wurzeln der Parteizersetzung vordringen und die Partei wieder zu einer Kaderpartei machen können. Einhergehend mit den Säuberungen müssten alle ökonomischen und politischen Publikationen nach 1956 systematisch analysiert und wenn nötig aus dem Verkehr gezogen werden.

(Anm.: Eine systematisch Analogisierung der ökonomischen und politischen Publikationen nach 1956 wurde aber bis 1989/90 nicht durchgeführt; von „wenn nötig aus dem Verkehr gezogen werden“ ganz zu schweigen. Kurt Gossweiler schreibt in: „Die Entfaltung des Revisionismus in der kommunistischen Weltbewegung und in der DDR (https://saschasweltsicht.wordpress.com/2018/01/08/1360/):

Aber dennoch ist es Tatsache, dass der Kurs der Chruschtschow-Gruppe von 1953 an bis zum Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 der Kurs der KPdSU blieb, und selbst danach wurde seine Absetzung nicht damit begründet, dass er eine falsche, dem Marxismus-Leninismus zutiefst zuwiderlaufende Politik betrieben hatte, – was der Wahrheit entsprochen hätte und notwendig gewesen wäre, wenn man auf den Leninschen Kurs hätte zurückkehren wollen. […]
In den folgenden Tagen wurde von der Parteiführung, – an deren Spitze mit Leonid Breshnew der Mann gestellt worden war, den schon Chruschtschow selbst als seinen Nachfolger ins Auge gefasst hatte, – nachdrücklich betont, dass sich die Partei weiterhin von den Beschlüssen des XX. Parteitages und der nachfolgenden Parteitage, – die alle den Stempel Chruschtschows trugen! – leiten lassen werde. Später geübte Kritik an Chruschtschow beschränkte sich auf den Vorwurf des „Subjektivismus“ und der „Tendenzen des Personenkults“.“
Daraus ist zu schlussfolgern, das der Chruschtschow-Revisionismus auch unter Leonid Breshnew, wie man aus der Geschichte erkennen kann, weiter ging. Ein Kurskorrektur fand nicht satt, wie das das gemeinsame Papier der SED und SPD von 1986, auf dem Höhepunkt der revisionistischen Entwicklung auch in der DDR, beweist.)

Mit der Revolutionarisierung der Bewegung in der Sowjetunion würde eine Überprüfung der Neugründung der Kominform oder Komintern sinnvoll. Selbstverständlich müssten Revolutionen in kapitalistischen Ländern unterstützt werden, um eine Radikalisierung der vorhandenen kommunistischen Parteien in Westeuropa zu erwirken. Noch wichtiger ist aber die rasche Transformierung der sowjetischen Ökonomie.

Die Stütze für die Konterrevolution 1989 wäre in der Partei beseitigt gewesen. Wir beziehen auch hier die Akademie der Wissenschaften und die Plankommission in die Säuberungen mit ein. Der nächste Hort der Konterrevolution waren die Betriebsleiter der „volkseigenen“ Betriebe und die Rechnungsführer dieser. Die Plankommission würde eine radikale Ausweitung ihrer Befugnisse erhalten. Betriebsleitern wäre das formale Eigentum an Produktionsmitteln entzogen worden und dieses wäre wieder voll und ganz Volkseigentum geworden.

Eine Autonomie der Betriebe hätte es nicht mehr geben dürfen. Der bisherige 5-Jahresplan wäre abgebrochen und ein neuer in der Bevölkerung diskutiert und realisiert worden. Er hätte auf jeden Fall eine massive Förderung der Schwerindustrie bedeutet und das Zurückfahren der leichten Industrie. Die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPGs) hätten enteignet und alle Produktionsmittel wieder Volkseigentum werden müssen. Es hätte Maßnahmen zur Ausweitung des industriellen und geplanten Agrar-Sektors geben müssen.

Was hier einfach und wie „nebenher” klingt, umfasst sicherlich einige Jahre der Entwicklung – ich vermute, wir befinden uns jetzt im Jahr 1986. Den Parteimitgliedern und der Bevölkerung hätten aufs Neue die Vorzüge der sozialistischen Planwirtschaft in der Praxis bewiesen werden müssen – und können.

Wie auch damals die Kulaken hätten die ehemaligen Betriebsleiter und einige wenige LPGs zum offenen Widerstand gegen die sozialistischen Änderungen aufgerufen. Zweifelsohne hätten Sprengstoffanschläge und zerstörerische Tätigkeiten in Stadt und Land wieder zugenommen. Auf der anderen Seite hätten Arbeiter und Bauern aber wieder Vertrauen in sich selbst, ihre Wirtschaft und ihren Staat gefunden. Sie hätten die Notwendigkeit des Kampfes und des guten Arbeitens für den Sozialismus durch die praktischen Veränderungen selbst erkannt.

Es wäre vermutlich eine Situation wie 1937-1941 entstanden. Die Reagan Regierung wäre noch aggressiver gegen die Sowjetunion vorgegangen, hätte offener die Konterrevolutionäre unterstützt und wäre immer radikaler geworden, je mehr der Sozialismus gestärkt und gefestigt geworden wäre. Ich vermute, weitere Probleme hätte es in den RGW Staaten gegeben, bei denen der Imperialismus sein Brecheisen angesetzt hätte. Die DDR und Bulgarien hätten den neuen Kurs der Sowjetunion unterstützt. Rumänien, die CSSR und Ungarn hätten sich dem Tito-Lager zugeschlagen, auch einhergehend mit konterrevolutionären Putschversuchen in den Parteien und Staaten. Ein Eingreifen wäre hier in jedem Fall sinnvoll gewesen, sofern die Säuberungen auch in der Armee der Sowjetunion Erfolg gehabt hätte. Zu einem Krieg mit dem Imperialismus wäre es vermutlich nicht gekommen aufgrund der Stärke aller sozialistischer Staaten und dem atomaren Arsenal.

Es hätte zudem eine Diskussion in den RGW-Staaten geben müssen, wie der RGW reformiert und die Staaten die Macht der Arbeiterklasse weiter hätten festigen können. Hier wäre eine Idee, die Staaten, die nach dem 2. Weltkrieg antifaschistische Nationale Fronten aufgebaut hatten und diese im Staatswesen verankerten, in Sowjetregierungen zu verändern: Also Rätesysteme auch für die DDR, VR Polen, Ungarn, Bulgarien und Rumänien einzuführen bzw. zu erkämpfen – nach Vorbild der sowjetischen Verfassung von 1936.

Wie wir sehen, wäre es nach unseren Vermutungen eine gewaltige Aufgabe geworden, solchermaßen radikale Maßnahmen umzusetzen. Aber ohne sie wäre das Steuer, das Richtung Kapitalismus zeigte, nicht mehr umzulegen gewesen.

Wenden wir uns nun wieder Andropow zu. Schauen wir als erstes auf seine Unterstützter und diejenigen, die er unterstützte.

Personelle Veränderungen (kann im Original nachgelesen werden.)

Es geht um die Personen:
Andrej Gromyko, Wladimir Schtscherbizkij, Wladimir Dolgitsch, Boris Ponomarjow, Vitali Fedortschuk, Viktor Tschebrikow, Wladimir Krjutschkow.

Die DDR

Der Kuss der Pharisäer

Doch auch die Geschehnisse in der DDR sollen nicht unbeachtet bleiben: „Parallel zu dem, was unter den Kirchendächern geschah, begann sich seit Gorbatschows Machtübernahme zunächst abseits jeder Öffentlichkeit eine ganz andere Opposition herauszubilden. Sie wurde getragen von den prosowjetischen, atheistischen Eliten des Apparates. Einer ihrer frühen Protagonisten im Land war Manfred von Ardenne, der Leiter des kernphysikalischen Instituts in Dresden. (…) Wie Ardenne später selbst offen legte, war er am 18. Juni 1987 in seinem Dresdner Haus mit dem stellvertretenden KGB-Chef und Andropow-Zögling General Wladimir A. Krjutschkow – einem der nächsten ‚Mitstreiter’ Gorbatschows – zusammengetroffen.“ [28] (Laut Springers Hetzblatt „Berliner Morgenpost“ war auch Wladimir Putin bei diesem Gespräch vertreten – Anm. d. Verf.)
[28] https://mobil.mopo.de/russlands-praesident-und-sein-kgb-geheimnis-auch-putin-werkelte-an-honeckers-sturz-18834718

(Anm.: Hier irrt der Autor oder er verschweigt ganz bewusst die Entwicklung in der DDR, die sich im Windschatten der Fortsetzung des Chruschtschow’schen Revisionismus durch Breshnew, ergeben hatte. Führte Walter Ulbricht noch einen entschiedenen Kampf gegen den Chruschtschow’schen und später Breshnew’schen Revisionismus, so wurde dieser Kampf eingestellt, nachdem Walter Ulbricht weggeputscht war.
Kurt Gossweiler schreibt in „Stärken und Schwächen der SED im Kampf gegen den Revisionismus (https://saschasweltsicht.wordpress.com/2018/10/19/kleine-nachhilfestunde-in-sachen-revisionismus-staerken-und-schwaechen-der-sed-im-kampf-gegen-den-revisionismus/ ):
Das Führungskollektiv der SED mit Walter Ulbricht als Generalsekretär führte denn auch einen ebenso entschlossenen wie flexiblen Kampf zur Verteidigung einer marxistisch-leninistischen politischen Linie der SED. Dafür aber geriet Walter Ulbricht sehr bald nicht nur unter das Feuer des Klassenfeindes in Bonn, sondern sah sich immer häufiger gezwungen, Fallen auszuweichen und unschädlich zu machen, deren Herkunft nicht im Westen, sondern im Osten lag.
Bis zum Sturz Chruschtschows im Oktober 1964 musste Ulbricht eine Gratwanderung vollbringen, die höchste politische Meisterschaft erforderte; er musste den massiven Bemühungen Chruschtschows, die SED ebenso wie die polnische und die ungarische Partei auf revisionistischen Kurs zu bringen, ständig entgegentreten und sie abwehren, zugleich aber alle Versuche durchkreuzen, zwischen SED und KPdSU Keile zu treiben oder Zweifel an der zuverlässigen Freundschaft der DDR zur Sowjetunion aufkommen zu lassen.“
Zu mindestens nach dem Machtantritt Breshnews und Honecker gab es keine Bestrebungen mehr die SED auf einen revisionistischen Kurs zu bringen,- sie ging ihn alleine – und Keile zwischen SED und KPdSU zu treiben, war auch unmöglich geworden, weil beide Parteien revisionistisch waren. Ardenne, Modrow, Wolf, Gysi und wie sie alle heißen, waren Produkte dieser Entwicklung und des ideologischen Verfalls auch in der SED, – seit 1970.)

Thema des Gesprächs war die dringend erforderliche Umgestaltung in der DDR. (…)

Ob der Dresdner SED-Bezirksvorsitzende Hans Modrow damals anwesend war, erwähnte Ardenne nicht. Jedoch ist es unwahrscheinlich, dass Krjutschkow, der 1988 als erster Chef der Auslandsaufklärung zum Vorsitzenden des KGB avancieren sollte, sich in Dresden aufhielt, ohne mit dem Bezirksvorsitzenden zusammengetroffen zu sein. Die Partei-Etikette hätte solches verlangt. Im selben Jahr, in dem Krjutschkow in Dresden weilte, besagten Gerüchte, Modrow sei der von den Sowjets favorisierte Nachfolgekandidat Honeckers. (….) Fast zur gleichen Zeit trat ein ‚guter Freund’ Modrows als lautstärkster Verfechter von Glasnost und Perestroika, aber auch für ein ‚Europäisches Haus’ an die Öffentlichkeit: Markus Wolf (…)

Von Wolf gingen die Kontakte zu anderen Angehörigen prosowjetischer Eliten wie etwa dem Ost-Berliner Gesellschaftswissenschaftler Michael Brie, der wie die Juristin Rosemarie Will oder der Gesellschaftswissenschaftler Dieter Segert der interdisziplinären Projektgruppe ’Sozialismus‘ an der Humboldt-Universität angehörte, die in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre Glasnost und Perestroika, übertragen auf die Verhältnisse in der DDR, nachvollzog. (…) Ein früher intellektueller Mitkämpfer für die Durchsetzung der Ideen von Glasnost und Perestroika war auch Michael Bries Bruder, der Diplomwissenschaftler André Brie. Auch er arbeitete an einen Konzept eines ’alternativen Sozialismus‘.“[29]
[29] Reuth/Bönte, „Das Komplott“, München/Zürich1993, S.79ff

Zurück zur UdSSR

Am 19. August 1991, ein Tag vor der erneuten Unionsunterzeichnung, eröffnete Krjutschkow den Putsch gegen Gorbatschow. Er war stümperhaft und nichtkommunistisch organisiert. Er besetzte nicht wesentliche Kommunikationsstätten, setzte nicht führende Konterrevolutionäre fest und unterbrach nicht restlos den Kontakt Gorbatschows zur Außenwelt. Dieser stümperhafte Putsch half letztendlich nur Jelzin und der Auflösung der Sowjetunion. Hierbei unterstelle ich Krjutschkow nicht schlechte Planung, sondern den entscheidenden Funken zur Auflösung der Sowjetunion bewusst gesetzt zu haben, einen Tag vor der erneuten Unionsunterzeichnung.

Jurij Andropow hat schon interessante Jugendfreunde…

Erstes Fazit:

Wie wir anhand der politischen Positionen und Karrieren sehen können, benötigte Andropow für seine Reformen also neues Personal. Eine erste Überprüfung dieser Personen lässt den Rückschluss zu, dass das kein gutes Ende nehmen würden: „Bestimmte personelle Veränderungen, insbesondere im ZK-Sekretariat und ZK-Apparat, ließen erkennen, dass Andropow seit dem Frühjahr 1983 bestrebt war, in verstärktem Maße eine eigene Mannschaft aufzustellen.”[30] Fast ausnahmslos waren Andropows Freunde vor seiner Amtszeit als Generalsekretär kleine, lokale Nummern, wurden ausnahmslos durch ihn und Gorbatschow befördert und waren schließlich direkt oder indirekt bei der Konterrevolution große Nummern.
[30] Partei, Staat und Nation der Sowjetunion – Boris Meissner, Ralf-Georg H. Bufe – Seite 512

Die Andropow’schen Reformen – Keeran/Jennys Sichtweise (kann im Original nachgelesen werden.)
Die Andropow’schen Reformen – Die vier Reden des Andropow (kann im Original nachgelesen werden.)
Rede im Plenum des ZK der KPdSU – 22. November 1982 (kann im Original nachgelesen werden.)
Andropow: Die Lehre von Karl Marx und einige Fragen des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR

Andropow nutzte, Karl Marx und dessen 100. Geburtstag als Anlass, seine Reformen anzupreisen.[41]
[41] Ich ließ absichtlich die vorherigen Referate beiseite, weil er hier alles wiederholt und zusammengefasst hat. Deshalb gehen wir hier besonders auf das Referat zum 100. Todestag von Karl Marx ein.

Nur sehr indirekt geht er in seinem Beitrag „Die Lehre von Karl Marx und einige Fragen des sozialistischen Aufbaus in der UdSSR“ auf mögliche Ursachen und seine Reformansätze ein. Zu den Problemen aber sagt er: „(…), dass in den letzten vier Jahren eine beträchtliche Menge landwirtschaftlicher Erzeugnisse nicht im geplanten Umfang produziert wurde und dass ständig steigende finanzielle Mittel und Materialien in den Aufbau von Brennstoff-, Energie- und Rohstoffressourcen in den nördlichen und östlichen Gebieten des Landes investiert werden mussten.”[42]
[42] Andropow – Reden und Aufsätze (Pahl Rugenstein) – Seite 372

Zu den Maßnahmen hierauf heißt es dann: „Die wichtigste Aufgabe ist es heute, Maßnahmen zu durchdenken und konsequent zu verwirklichen, die den kolossalen schöpferischen Potenzen unserer Wirtschaft einen größeren Spielraum geben können”[43]
[43] ebenda

Wie wir sehen, sehen wir nichts. Es gibt also anscheinend das Problem, dass die Produktionskosten für die Sowjetunion stetig steigen und es (aufgrund des Wetters, J.A.) Missernten gab. Es wird nicht dargelegt, welche Maßnahmen es geben soll. Und was genau bedeutet den „Spielraum der Wirtschaft zu erweitern“?

Würden etwa die Betriebe durch mehr ökonomische Selbstbestimmung Missernten verhindern können? Ein Betrieb, der auf eigene Rechnung wirtschaften muss, soll ein ökonomisch größeres Interesse an der Erschließung neuer Ressourcen haben als die Arbeiterklasse? Wie hoch ist der prozentuale Anteil des Ausfalls (also der Anteil dessen, was „nicht im geplanten Umfang produziert wurde“? Um wie viel Prozent wurden die Planziele verfehlt? All diese Fragen finden wir bei Andropow nicht – und erst recht keine Antworten.

Weiter heißt es: „Unsere Bemühungen konzentrieren sich gegenwärtige auf die Erhöhung der Effektivität der Produktion und der gesamten Wirtschaft. Die Bedeutung dieses Problems haben die Partei und das Sowjetvolk in seiner ganzen Tragweite erkannt. Was jedoch seine praktische Lösungen anbelangt, so geht es nicht so erfolgreich voran, wie es erforderlich wäre. Welche Hemmnisse gibt es hierbei? Warum ist der Nutzeffekt der riesigen investierten Mittel zur Zeit unzureichend, warum ist das Tempo unbefriedigend, mit dem die Ergebnisse von Wissenschaft und Technik in die Produktion übergeleitet werden? Ursachen kann man natürlich nicht wenige nennen. Vor allem muss man sehen, dass unsere Arbeit, deren Ziel die Vervollkommnung und Umgestaltung des Wirtschaftsmechanismus sowie der Formen und Methoden der Leitung ist, hinter den Anforderungen des erreichten Niveaus der materiell-technischen, sozialen und geistigen Entwicklung der sowjetischen Gesellschaft zurückgeblieben ist. Und das ist die Hauptsache (…) Die wichtigste Aufgabe ist heute, Maßnahmen zu durchdenken und konsequent zu verwirklichen, die den kolossalen schöpferischen Potenzen unserer Wirtschaft einen größeren Spielraum geben können. Diese Maßnahmen müssen sorgfältig vorbereitet, müssen realistisch sein. Das heißt, dass man bei ihrer Festlegung konsequent von den Entwicklungsgesetzen des ökonomischen Systems des Sozialismus ausgehen muss. Der objektive Charakter dieser Gesetze verlangt, alle Versuche zu unterlassen, die Wirtschaft mit Methoden zu leiten, die ihr wesensfremd sind.”[44]
[44] Andropow, a.a.O., S. 371ff

An dieser Stelle möchte ich kurz aus dem Zitat aussteigen, weil es ja schon sehr hoffnungsvoll klingen mag, in einer Zeit, in der Schreihälse nach Markterweiterungen rufen, Lösungen nur angehen zu wollen, die dem Sozialismus „nicht wesensfremd“ seien, also nach meinem Verständnis: Planungsmethoden und Kontrolle beinhalten, die Freizügigkeit der Betriebe eindämmen. Doch genau wie später Gorbatschow mit der Parole „Zurück zu Lenin“ die wildesten kapitalistischen Reformen durchpeitschte, erleben wir auf einem intellektuell höheren Niveau denselben alten Wein, hier noch in alten Schläuchen: „Es ist nicht unangebracht, hier an die Warnung Lenins vor der Gefahr zu erinnern, die in dem naiven Glauben mancher Funktionäre steckt, sie könnten alle ihre Aufgaben durch `kommunistisches Dekretieren´ lösen”[45]
[45] Andropow, a.a.O., S. 373

Man muss sich einmal vergegenwärtigen: in einer Zeit, in der Pläne nicht mehr richtig greifen, in denen Betriebsleiter das formale Eigentum an Produktionsmitteln in einigen Bereichen haben, in der nach Ausweitung von Märkten und dem Wertgesetz geschrien wird, ist es Andropows größte Angst, dass „kommunistisches Dekretieren“ der Wirtschaft zu was genau führen könnte? Zur Planwirtschaft? Zu Sozialismus?

Andropow sagt weiter, dass die Ökonomie nicht den Bedürfnissen des sowjetischen Volkes entsprechen würde und dass es deshalb notwendig sei, diese ökonomischen Interessen: „(…) optimal mit den Interessen des gesamten Volkes in Übereinstimmung zu bringen und so als eine treibende Kraft für das Wachstum der sowjetischen Wirtschaft, für die Erhöhung ihrer Effektivität, der Arbeitsproduktivität, für die allseitige Stärkung der Wirtschafts- und Verteidigungsmacht unserer Sowjetstaates zu nutzen”.[46]
[46] ebenda

Und so sollen die Maßnahmen konkret aussehen: „Solange es diese Bedingungen nicht gibt, müssen die Verteilungsverhältnisse, die strengste Kontrolle des Maßes der Arbeit und des Maßes des Verbrauchst im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit der Partei stehen, die die sozialistische Gesellschaft führt.“[47]
[47] Andropow, a.a.O., S. 378f.

Interessant ist, welche Ursachen Andropow für die Verletzung des Prinzips der sozialistischen Verteilung der Güter angibt: „Wenn es verletzt wird, wird man sowohl mit nicht erarbeiteten Einkommen, als auch mit Leuten konfrontiert, die ihre Arbeitsstelle häufig wechseln, mit Arbeitsbummelanten, Nichtstuern, Schluderern, die sich im Grunde genommen von der Gesellschaft aushalten lassen und auf Kosten der Masse der gewissenhaften Werktätigen leben. (…) Bei uns hat sich schon lange ein System der materiellen und moralischen Stimulierung der Arbeit gebildet.“[48]

Was sollten Andropows Reformen bewirken?

Andropow geht leider nur sehr wenig auf die Hintergründe seiner Reformen ein, also darauf, welche Ursachen sie haben, welche Zahlen ihr zugrunde liegen, welchen Zweck sie verfolgen und was das konkret für die Verbesserung des Sozialismus in der UdSSR bedeuten sollte. „Der Anschein der ’Offenlegung‘ der Regierungsgeschäfte (zu den Reformen – Anm. d. Verf.), der durch die einzelnen Politikern zugestandene Publizität sowie durch die Veröffentlichung von Berichten über Politbüro-Sitzungen erweckt wurde, wurde dadurch Lügen gestraft, dass der Jahresbericht für 1982 nicht eine einzige Produktionskennziffer aus den entscheidenden Bereichen der Landwirtschaft enthielt.“[49]
[49] Zhores Medwedjew : Andropow – Der Aufstieg zur Macht, S. 166

Die bürgerlichen russischen Historiker V. Kuglow und A. Labudin fassen die drei Strategien der Andropow-Reformen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit auf Grundlage aller vorangegangenen Reden gut zusammen:

So wurden in der Wirtschaftspolitik von J. Andropow im Jahr 1983 drei miteinander verbundene Richtungen klar festgelegt.
Die erste, langfristige, ist die Entwicklung, Erprobung und schrittweise Einführung eines neuen wirtschaftlichen Mechanismus, der auf der selbsttragenden Selbstversorgung von Unternehmen basiert und das direkte materielle Interesse sowohl von Kollektiven als auch von einzelnen Mitarbeitern an gewissenhafter Arbeit berücksichtigt. Die Erfüllung vertraglicher Verpflichtungen für die Lieferung von Produkten einschließlich Qualitätsverbesserung und kontinuierliche technische Erneuerung der Produktion.
Die zweite, die in naher Zukunft von größter Bedeutung ist, ist die Wiederherstellung der Ordnung, die Stärkung der Disziplin in all ihren Aspekten und auf allen Ebenen der Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt.
Die dritte ist der Fortschritt, die als notwendige Voraussetzung für die Umsetzung der beiden vorherigen Richtungen angesehen wird – die schrittweise, aber stetige Einbeziehung der Arbeiter in das Management, die Entwicklung der industriellen Demokratie und die Selbstverwaltung.

Es sei darauf hingewiesen, dass Andropows Reformplan nicht bedeutete, geplante Methoden des (staatlichen – Anm. d. Verf.) Wirtschaftsmanagements dort aufzugeben, wo sie wirklich benötigt werden. Es ging darum, den Plan in einigen Wirtschaftsbereichen zu konzentrieren.“[50] – und ihn somit in allen anderen Bereich aufzugeben.
[50] V. Kuglow und A. Labudin: Die Plan-Reformen des Juri Andropow (russische Sprache) (https://cyberleninka.ru/article/n/yu-v-andropov-formirovanie-plana-reform-o-popytkah-nayti-vyhod-iz-tupika-totalitarnogo-sotsializma/pdf )

Zahlen und Fakten zu Andropows Reformen

In einem gewissen Stadium – dies wurde vor allem in der zweiten Hälfte der 70er Jahre klar – geschah etwas, das auf den ersten Blick unerklärlich war. Das Land verlor an Schwungkraft. Die Zahl ökonomischer Misserfolge nahm zu. Hindernisse bauten sich auf und verschlimmerten sich, ungelöste Probleme vervielfältigten sich. Elemente der von uns sogenannten Stagnation und andere dem Sozialismus fremde Erscheinungen tauchten im gesellschaftlichen Leben auf. Eine Art ’Bremsmechanismus‘ bildete sich heraus, der die gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung beeinträchtigte.
Und all dies geschah zu einer Zeit, als die wissenschaftliche und technologische Revolution neue Aussichten für den ökonomischen und gesellschaftlichen Fortschritt eröffnete. (…)
Als wir die Lage analysierten, entdeckten wir zunächst eine Verlangsamung des wirtschaftlichen Wachstums. In den letzten fünfzehn Jahren sanken die Wachstumsraten des Nationaleinkommens auf weniger als die Hälfte und mit Beginn der achtziger Jahre fielen sie auf einen Stand nahe der ökonomischen Stagnation. Ein Land, das sich einmal schnell an die am weitesten fortgeschrittenen Nationen der Welt heranarbeitete, verlor nun eine Position nach der anderen.[51]
[51] Michail Gorbatschow: Perestrojka, S. 17f.

(Anm.: Wo Gorbatschow Recht hat, hat er Recht. Ich habe die Sowjetunion jährlich bereist und konnte feststellen, dass es vom Sommer 1973 (1. Reise) bis zum Jahr 1989, kontinuierlich bergab ging. Selbst unter meinen sowjetischen Freunden, – ob in der Sowjetunion oder in der DDR, – sprachen man von einer Stagnation, zu erst von einer „Breshnew-Stagnation“.)

So beschreibt Gorbatschow die Stimmung im Zentralkomitee Andropow. Diese Aufstellungen sollten die Grundlage für Andropows Reformen und Gorbatschows Perestroika werden.

Für Kommunisten gibt es aber einige reale Ansatzpunkte, die belegen, dass der sozialistische Weg keineswegs in einer Sackgasse steckte.

(Anm.: Wo steckte der „sozialistische Weg“ dann, außer in einer Sackgasse? Chruschtschow hatte den „sozialistische Weg“ verlassen und keiner der nachfolgenden Parteivorsitzenden hatte die Intension, die Partei auf den „sozialistischen Weg“ zurück zu führen. Dazu hätte als erstes eine Rehabilitierung Stalins und eine Verurteilung Chruschtschows als Revisionist und Verräter, erfolgen müssen.
Spätestens aber, als Breshnew „nachdrücklich betont, dass sich die Partei weiterhin von den Beschlüssen des XX. Parteitages und der nachfolgenden Parteitage, – die alle den Stempel Chruschtschows trugen! – leiten lassen werde, gab es keine Umkehr mehr. Breshnew vertat die einmalige Chance, den Kurs zu ändern und auf den leninistisch-stalinistischen Kurs, beim Aufbau des Sozialismus, zurück zu kehren. Der Untergang des Sozialismus 1989/90, bestätigt diese Tatsache. 33 Jahre hat der Revisionismus, gebraucht, um den Sozialismus zu zerstören.)

Anfang der 1980er Jahre kam Ronald Reagan an die Macht. Er setzte seit langem wieder eine äußerst reaktionäre Politik um. So wurden beispielsweise die guten Beziehungen zwischen der VR China und den USA unterbrochen zu Gunsten einer wirtschaftlichen und militärischen Stärkung Taiwans. Reagan begann auch die umfangreiche Unterstützung von konterrevolutionären Mordtrupps vor allem in Lateinamerika, die bis heute Gewerkschafter und Kommunisten ermorden. Er belegte die Sowjetunion mit diversen Embargos und zwang die westlichen Imperialisten, es ihm ebenfalls gleich zu tun. Dies betraf vor allem den Handeln von Ressourcen und Technologien. Obwohl die Sowjetunion Verträge mit den USA hatte für den Einkauf von Turbinen und Kompressoren für den sowjetischen Öl-Pipelinebau, kündigten die Vereinigten Staaten über Nacht all diese Verträge. Ronald Reagan prophezeite den Untergang des sowjetischen Öl-Pipeline-Baus ohne amerikanisches „Know-How“.

Doch das Gegenteil war der Fall, denn man besann sich wieder auf die eigene Kraft: „Die sowjetische Reaktion auf diese Haltung (der Embargos – Anm. d. Verf.) war die Mobilisierung der örtlichen Partei- und Regierungsorganisationen, um das Programm des Pipelineausbaus in einer allumfassenden Kraftanstrengung zu vollenden, indem fast ausschließlich – entgegen der ursprünglichen Strategie dieser ehrgeizigen Pläne – auf eigene sowjetische Turbinen und Kompressoren zurückgegriffen wurde.
Exakt auf diese Weise spielte es sich ab – und darüber hinaus wurde der komplette Plan des Pipelineausbaus vorfristig erfüllt, ohne weitere Importe von Turbinen und Kompressoren aus dem Westen, abgesehen von den wenigen vor dem Reagan-Embargo gelieferten. Dies war eine nicht zu unterschätzende Leistung – und es ist immer noch etwas rätselhaft, wie die Sowjets es schafften. Fest steht, dass die sowjetische Führung in Antwort auf die Reagan‘sche Drohgebärde das gesamte System durch die Partei mobilisierte, um auf allen Ebenen die oberste Priorität des Gaspipeline-Programms zu signalisieren…
Entlang der gesamten Pipelineroute wurden örtliche Parteifunktionäre eingesetzt, um für die fristgerechte Fertigstellung des Baus zu sorgen; Ministerien wurden mobilisiert, damit sie ihren Teil zur Bereitstellung notwendiger Ausrüstungen leisteten und, wo es möglich war, wurden ausgebliebene westliche Importe durch osteuropäische Technologie ersetzt. Das ist aber nur ein Beispiel für eine der Stärken des Systems…“[52] – der Planwirtschaft (d. Verf.)!
[52] Ed Hewett, Reformierung der sowjetischen Ökonomie, Washington, The Brookings Institution, S. 169f.

Für mich klingt die Beobachtung westlicher Journalisten ganz anders als das, was uns Gorbatschow in der Einleitung dieses Kapitels verkaufen wollte. Da, wo die Sowjetunion Planwirtschaft einsetzt, vollbringt das Land noch ungeahnte Leistungen! Was man von den „wirtschaftlich freien Bereichen“ und den „mit dem Westen handelnden Bereichen“ nicht gerade behaupten kann.

Gorbatschow sagt aber, dass der bisherige Weg der Planwirtschaft in eine Sackgasse geführt hätte und westliche Beobachter schreiben wiederum, dass die Sowjetunion mittels der Planwirtschaft unmöglich erscheinende Dinge realisieren konnte. Letztendlich können uns nur statistische Zahlen Aufschluss über Erfolg oder Misserfolg der Reformen geben.

Die Zahlen und Fakten zu Andropows Reformen konnte ich nicht in den Schriften des Verursachers selbst finden, sondern ausschließlich auf anderen Internetseiten und in anderen Büchern. Fangen wir direkt im Jahr 1982 an, in dem Andropow zwar erst einige Monate im Amt war, das aber gerade deshalb eine gute statistische Startposition darstellt:

Die industrielle Wachstumsrate im Jahre 1982 betrug lediglich 2,8%. Laut Plan hätte sie jedoch 4,7% für die Industrie und 3% für das Gesamtbruttosozialprodukt betragen müssen.“[53]

Schuld daran sei laut Andropow ausschließlich der kriminelle Schwarzmarkt. In Astrachan soll beispielsweise die „Kaviar-Hotel-Mafia“ russischen Kaviar mit Hering beschriftet haben, dann günstig an die eigenen Hotels verkauft und anschließend wieder richtig firmiert zu Kaviarpreisen ins Ausland verkauft haben. Die Differenz steckten sich die beteiligten Fischer, Mafioso und KPdSU-Mitglieder, beispielsweise der Vorsitzende des Sowjets in Sotschi, W.A. Woronkow, in die eigene Tasche.“[54]
[53] Zhores Medwedjew : Andropow – Der Aufstieg zur Macht, S. 178
[54] Siehe: Zhores Medwedjew, a.a.O., S. 192

Aber bis hierher bin ich der Überzeugung, dass nur Auswirkungen widergespiegelt werden und nicht Ursachen (Anm.: richtig). Schauen wir uns weiter die statistischen Zahlen in der Sowjetunion an: In den Jahren 1975-1980 gab nach den Zahlen des Brutto-Inlandsprodukts ein Wirtschaftswachstum von 9% in 5 Jahren. Genauer gesagt betrugen die realen Werte 1975 1.561 Millionen US-Dollar und in 1980 in Höhe von 1.709 Millionen US-Dollar. Von 1980 bis 1985, also in der Zeit von Breshnew, Tschernenko, Andropow und Gorbatschows betrug das Wachstum ebenfalls nur 9%.[55]
[55] https://de.statista.com/statistik/daten/studie/935320/umfrage/bip-wachstum-in-den-usa-und-der-udssr/

Innerhalb von 10 Jahren stieg also das Bruttoinlandsprodukt der Sowjetunion um 18%, was hinter den Leistungen der Stalin-Regierung weit zurück liegt, aber dennoch beachtlich ist – insbesondere im Vergleich mit dem kapitalistischen Westen. Es gibt in den ersten 5 Jahren der 1980er Jahren keinen plötzlichen Anstieg oder Abfall dieser Rate, was bedeutet, dass die Reformen Andropows keine sonderliche Auswirkungen auf den bisherigen sowjetischen Kurs hatten, zumindest vom aus Wachstum betrachtet.

Wenn also Gorbatschow davon spricht, dass die Planwirtschaft zur Stagnation geführt hätte, kann es nur bedeuten, dass er sie trotz aller objektiven Wahrheiten diskreditieren möchte, um sie zertrümmern zu können. Denn die Zahlen und Leistungen der Bereiche, die vom Plan geführt werden, verzeichneten keine Einbrüche und befanden sich nicht „in einer Sackgasse“!

Harpal Brar beweist in seinem Buch „Perestroijka“ eindeutig, wie Gorbatschows kapitalistische Reformen die sowjetische Wirtschaft letztendlich zu Grunde richten! Dies fällt aber nicht mehr in die Zeit Andropows, weshalb ich an dieser Stelle für die Analyse der Ära Gorbatschow Harpal Brar: „Perestroijka“ und Gerhard Schnehen: „Die Ära der Perestroika“ empfehlen möchte.

(Anm.: Ich bin überzeugt, dass der Satz: Dass, „… Gorbatschows kapitalistische Reformen die sowjetische Wirtschaft letztendlich zu Grunde richten!, davon ablenken soll, wie zerrüttet die sowjetische Wirtschaft in Wirklichkeit war. Wie an anderer Stelle so richtig beschrieben wurde, war die sowjetische Volkswirtschaft schon zu Zeiten Breshnews ein „Hybrid-Motel“. Das Wort: „Stagnation“ in Verbindung mit der „Breshnew-Ära“, kommt doch nicht von ungefähr.)

Kommen wir nun zum Geheimdienstapparat „Luch“ einer geheimen Sondereinheit innerhalb des KGB, gegründet durch Andropow.

Juri Andropow und der Geheimdienstapparat „LUCH“ (kann im Original nachgelesen werden.)

Fazit zu Andropows Reformen

Es erstaunt mich doch sehr, dass so viele Kommunisten Hoffnung in Andropow legten und auch heute noch nicht klar sehen.

Wo war der transparente und gut diskutierte Plan, der Ursachen, Fakten und Lösungsansätzen benannt hätte und der für jeden ersichtlich und verständlich gewesen wäre? Warum deutete er in vier Referaten nur nebulös an? Wo war der Vorschlag zur Änderung des Zentralkomitees, wo die breiten Einbeziehung des Volkes? Es sollte ja offiziell um die angeblich größten Wirtschaftsreformen seit Chruschtschow gehen.

Wieso wird von Andropow so viel über Korruption und Arbeitsmoral gesprochen, und dass mobile Eingreiftruppen geschaffen werden sollen, um Arbeiter beim „Blaumachen“ zu erwischen? Als Marxisten wissen wir, dass Fragen von Moral und Ethos abgeleitete Fragen des Überbaus sind, also Folgen, nicht Ursachen. Aber es fallen nur so wenige Worte über wirtschaftliche Maßnahmen, Strukturänderungen oder ähnliches. Für mich klingen Andropows Pläne geradezu bürgerlich: Die Arbeiter seien faul, deshalb müssen sie zur Arbeit gezwungen werden. Lohnabzüge und Streichung von Urlaub. Wenn die Verschwendung beseitigt sei, seien auch wieder genug Mittel da, damit die Wirtschaft laufen würde.

Wo ist denn der selbstkritische Ansatz, dass die Wirtschaft der Sowjetunion in den 1980er Jahren eben nicht mehr auf einem guten, auf einem am Sozialismus orientierten Weg war? Wieso stellt sich Andropow nicht die Frage, wie Korruption eigentlich in so breitem Stile möglich ist? Welche Ursachen hat sie?

Der Newsweek-Korrespondent Andrew Nagorsky schreibt im Juni 1982: „Andropows liberale Ansichten sind auch für den Westen eine Überraschung. Beispielsweise hat Andropow (bereits 1976 – Anm. d. Verf.) vorgeschlagen, private Gaststätten und Frisiersalons zuzulassen”[65] Die sowjetischen Wirtschaftsdelegationen nach Ungarn und in die VR China, beides Staaten, die im Jahre 1982 am weitesten waren mit marktwirtschaftlichen Umgestaltungen ihrer sozialistischen Wirtschaften, zeigen deutlich, dass Andropow auf Marktwirtschaft, also Kapitalismus, orientierte!
[65] Zitiert nach: Zhores Medwedjew: Andropow – Der Aufstieg zur Macht, S. 31

Andropows „Ziehkinder“ – die ungebrochenen Karrieren

Hier geht es um die Personen:
Leonid Kutschma, Eduard Schewardnadse, Ansor Burdschanadse, Saparmurat Nijasow, Heydar Aliyew, und

Wladimir Putin

Zu guter Letzt schauen wir uns noch einmal Wladimir Putin an. Für seine Anwesenheit bei der Koordinierung eines gorbatschow‘istischen Widerstands in der DDR gibt es ausreichende Hinweise, er war als KGB-Offizier in der Hochzeit der Konterrevolution in der Hochburg der Konterrevolutionäre.[72]
[72] https://de.wikipedia.org/wiki/Wladimir_Wladimirowitsch_Putin

Damit ist gemeint: „LUCH“ hatte seine Basis in Dresden und baute dort systematisch den Widerstand gegen Honecker um Hans Modrow auf. „Zu seinem Mitbewohner Usoltsev sagt er (Wladimir Putin – Anm. d. Verf.), dass die Sowjetunion ein Land ohne Gesetze ist, und erklärt, dass wir dem Beispiel der Vereinigten Staaten folgen müssen. Die Amerikaner bauten seiner Meinung nach ein ideales soziales System auf.“ [73]
[73] http://konykzdox.blogspot.com/2019/01/

Für seine Freunde überraschend wird er Anfang 1990 vom Oberbürgermeister von Leningrad Anatoly Sobchak zurück nach Leningrad beordert, um ihm dort bei wichtigeren Aufgaben zu helfen. Von da an beginnt seine steile politische Karriere, die 2001 in der Präsidentschaft für die russische Föderation mündete.

Juri Andropow – Retter des Sozialismus oder Urverräter?

Weiter vorne im Heft berichteten wir von der von Juri Andropow ausgesprochenen Empfehlung, János Kádár im Jahre 1956 zum Partei- und Regierungschef in Ungarn zu machen, und fügten einige „Errungenschaften” dieses Sozialdemokraten an.

Gerade eben haben wir über Heydar Aliyev berichtet und dabei dargestellt, dass dieser von Andropow kurzzeitig als sein Nachfolger ausgewählt worden war. Kehren wir kurz zu diesem Vorgang zurück, denn darüber wird weiteres Interessante berichtet: „In vielerlei Hinsicht war Heydar Aliyev für Andropow der offensichtlichere Nachfolger und bessere Lehrling. Aliyew war der Auserwählte, die Reformen (Andropows – Anm. d. Verf.) in seinem Land, Aserbaidschan, ohne Rücksicht auf die sowjetischen Führung durchführen zu können. Er (Andropow – Anm. d. Verf.) empfahl Aliyew, die ungarische Ökonomie zu studieren und häufiger nach Ungarn zu reisen. Dort waren die ökonomischen Reformen bereits im vollen Gange und seit 1958 sogar private Unternehmen erlaubt, etwas, das zu diesem Zeitpunkt in der Sowjetunion unmöglich schien.”[74] – wir sprechen hier über das Jahr 1982.
[74] https://www.opendemocracy.net/en/odr/gorbachev-wrong-man-for-andropovs-reforms/

Die beiden Autoren Keeran/Jenny, die „Socialism Betrayed“ geschrieben haben, haben noch zu guter Letzt folgende Aussage getätigt: „Keine Frage, Andropow verstand die Probleme, die der Sowjetunion und die KPdSU gegenüber standen und unternahm ernsthafte Reformen. Einige westliche Autoren unterstellten dem sowjetischen Führer eine Nähe zum Liberalismus, aber es war mehr deren Wunsch als Realität.”[75]
[75] Keeran/Jenny – Socialism Betrayed (Seite 121 – Ebook Version)

Wie es mir scheint, ist der Hang Andropows zum Liberalismus, der ihm von „einigen westlichen Autoren unterstellt“ wird, mehr Realität als deren Wunsch, um das Wort von Keeran/Jenny umzukehren. Wie können die beiden Autoren Juri Andropow derartig verteidigen? Andropow war es, der die den Sozialismus endgültig zerstörenden kapitalistischen Reformen und den Umsturz aller sozialistischen Regierungen in Europa vorbereitete und einleitete.[76]
[76] Auch an dieser Stelle finde ich es schade, dass die Kommunistische Organisation, die sonst eine solch tolle und saubere politische Arbeit betreibt, kritiklos dieses schwache Kapitel von Keeran/Jenny in „Sozialism Betrayed“ als Empfehlung zitiert.

Viele Leser fragen sich sicherlich an dieser Stelle, warum ich Michail Gorbatschow kaum in den vorhergegangen Seiten behandelte. Das liegt vor allem daran, dass ich mehr oder minder chronologisch arbeiten wollte, außer an den Stellen, an denen es mir nicht sinnvoll erschien. Im Jahr 1982 hatte wohl kaum ein Beobachter „Gorbi“ auf dem Radar.

Es ist hoffentlich unbestritten, dass Gorbatschow 1985-1991 Totengräber des Sozialismus war. Seine Strategie, Sozialismus zu predigen und Kapitalismus einzuführen, hatte großen Erfolg. Die Befürworter des Kapitalismus bekamen endlich ihre Freiheiten, die Befürworter des Sozialismus wurden eingelullt oder aus ihren Parteiämtern entfernt.

Nun können wir die Frage beantworten: Stand Andropow gegen Gorbatschows Reformen? Oder war Gorbatschow der erfolgreiche Fortführer der Andropow-Reformen? „Gorbatschows steile Karriere wäre ohne einflussreiche Förderer nicht möglich geworden. (…) Hinzu kam als Gönner vor allem aber der langjährige KGB-Chef Andropow, der den Nordkaukasier (Gorbatschow, Anm. d. Verf.) unter seine Fittiche genommen hatte. Auch der hatte schon früh sein Interesse an dem mächtigen KGB bekundet. Seine praktische journalistische Ausbildung leistete er wohl nicht bei einem Gericht oder einer Staatsanwaltschaft ab, sondern beim Geheimdienst.

Andropow setzte seinen gelehrigen Zögling für seine Politik ein. Um dies in Angriff nehmen zu können, galt es zunächst, im Parteiapparat den Widerstand der orthodoxen Kommunisten zu brechen. Gorbatschow war es, der nun zahlreiche Partei- und Staatsfunktionäre des Machtmissbrauchs und der Korruption bezichtigte und damit aus ihren Ämtern entfernen ließ (noch unter Andropow im Jahre 1983! – d. Verf.).“[77]
[77] Reuth/Bönte, „Das Komplott“, München/Zürich, 1993

Der unscheinbare Gorbatschow war also spätestens ab 1983 „Lieblingssohn“ und fest geplanter Nachfolger von Andropow. Gorbatschow war zu diesem Zeitpunkt schon derjenige, der unliebsame Konkurrenten nennen durfte, die Andropow dann für ihn aus dem Amt entfernte. Jemand mit so viel Macht und Einfluss – da stellt sich die Frage, was kam zuerst: Die Henne oder das Ei?

Die Vermutung liegt nahe, dass Andropow aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr konnte und seine gewünschten Reformen in sicheren Händen sehen wollte. Er legte die Macht bereits 1983 faktisch in die Hände von Michail Gorbatschow.

Zum Ende des Jahres 1983 waren etwa 20% der Ersten Sekretäre der Gebietsparteikomitees, 22% der Mitglieder des Ministerrats sowie eine beträchtliche Anzahl von leitenden Funktionären aus dem Apparat des ZK (Leiter und stellvertretende Leiter von Abteilungen) ausgetauscht worden. Durch diese Umbesetzung wurden die Möglichkeiten, die Neuerungen Andropows durchsetzen, wesentlich konsolidiert.“[78]
[78] Jegor Ligatschow „Wer verriet die Sowjetunion?”, S. 29

Und es ergibt sich noch eine Frage: Wenn Andropow Jahrzehnte Vorsitzender des KGB war und innerhalb kürzester Zeit solche ökonomische Reformen „aus dem Hut zauberte“, bedurfte es sicherlich einiges mehr an Vorbereitungszeit und man kann behaupten, dass der engere Kreis der KGB Führung, abseits von „Luch“, davon gewusst haben musste. Auch erstaunt es sehr, dass der Kern der Konterrevolutionäre überwiegend aus den Kaukasus/Ukraine-Regionen stammte und direkt mit Erfahrungen in Ungarn zusammenhing.

Man kann zusammenfassend sagen, dass Andropow sich in Ungarn rund um 1956 mit dem „Marktsozialismus-Virus“ infizierte und von da an schon seine Leute gezielt in Stellung brachte. Mit seinem Aufstieg stiegen auch Leute in der Partei auf, die solidarisch zu den kapitalistischen Änderungen in China nach 1978 standen, die solidarisch zu den kapitalistischen Reformen in Ungarn 1958 standen und nicht zuletzt Nationalismus und Separatismus schürten. In dieser Hinsicht ist sicherlich die Rolle des KGB während der Gorbatschow-Jahre und speziell der Konterrevolution neu zu bewerten.

Doch was wollte die Andropow-Gorbatschow-Clique genau?

Der bürgerliche Antikommunist und YouTuber Mirko Drotschmann behauptete in seinem alternativen Ausblick, dass wir eine „marktsozialistische“ Sowjetunion erhalten hätten. Dieser Einschätzung widerspreche ich. Eine Transformierung von einer Kommunistischen Partei hin zu einer „Einheitspartei der Bourgeoisie“, so wie wir es in China erlebt haben, ist vermutlich ein historisches Unikat.

Andropow kann kein anderes Ziel gehabt haben, als eine kapitalistische Ökonomie zu verwirklichen, in der seine Leute in einer festen staatlichen Struktur verwurzelt sind. So gesehen hatten Andropow und Gorbatschow vollen Erfolg: Der Kapitalismus ist nun real existent in Russland und den GUS-Staaten. Die Diktatur des Proletariats und ihre Partei sind zerschlagen und die staatlichen Posten haben unter anderem Funktionäre inne, die im Umfeld von „Luch“ ihre Karriere begannen… (Putin, Aliyew, usw.). Also Andropows Leute und ihre Kinder.

Wie Gerhard Schnehen am Ende seines Buches so treffend schreibt, waren das Ende der Sowjetunion und der konterrevolutionäre Putsch kein unvermeidbares Ereignis. Die Sowjetunion könnte noch heute als leuchtendes Beispiel für eine bessere, eine sozialistische Welt dastehen, wenn sich der Opportunismus und Revisionismus nicht so tief in die Partei hätte hineinfressen können, wie es die oben genannten Beispiele solcher Funktionäre wie Kutschma, Schewardnadse, Burdschanadse, Nijasow, Aliyew, Putin und vor allem Gorbatschow illustrieren.

Es bedarf einer einzigen Klarheit, um einen revolutionären Weg beizubehalten:

Die Geschichte der Partei lehrt ferner, dass die Partei der Arbeiterklasse ohne unversöhnlichen Kampf gegen die Opportunisten in ihren eigenen Reihen, ohne Vernichtung der Kapitulanten in ihrer eigenen Mitte die Einheit und Disziplin ihrer Reihen nicht aufrechterhalten, ihre Rolle als Organisator und Führer der proletarischen Revolution, ihre Rolle als Erbauer einer neuen, der sozialistischen Gesellschaft nicht erfüllen kann.”[79]
[79] J.W. Stalin: Geschichte der KPdSU (Bolschewiki) – Kurzer Lehrgang

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