Überwindung des Anti-Stalinismus


Die Überwindung des Anti-Stalinismus –

Eine wichtige Voraussetzung für die Wiederherstellung der kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen marxistisch-leninistischen Bewegung

 

Kurt Gossweiler, 01.05.1994 (1)

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Die Auseinandersetzungen zwischen der Bourgeoisie und ihren Gegnern, zwischen der Ausbeuterklasse und den Ausgebeuteten scheinen sich erneut zu verschärfen. Man merkt das an den wütenden Reaktionen auf die (absolut berechtigten) Streiks im Bahn- und Flugverkehr. Und man merkt das an den Reaktionen auf Wahlniederlagen und die damit einhergehenden Machtverluste bürgerlicher Parteien. Die herrschende Klasse kriegt es mit der Angst zu tun, und die Arbeiterklasse erkennt allmählich ihre Macht. Wenn nun schon keine Wahlfälschungen und gehässige DDR-feindliche Propaganda mehr helfen, zieht die Bourgeoisie die Notbremse und verschärft die Gesetzeslage und die Brutalität ihrer Polizeieinsätze. Auf diesem Boden treten immer neue Gruppierungen und Versammlungen von Weltverbesserern in Erscheinung. Man sieht: linke Reformler und Barrikadenredner, Anarchisten, Revoluzzer und andere Abenteurer gibt es zuhauf. Wie soll man sich da zurechtfinden? Wo sind denn nun die Kommunisten?

Gewiss gibt es viele parteilose Kommunisten, und auch im sogenannten linken Spektrum finden sich Kommunisten, die sich ihrer Verantwortung, nämlich im Geiste des Marxismus-Leninismus zu handeln, durchaus bewusst sind. Doch warum gibt es bisher keine einheitliche, deutsche KOMMUNISTISCHE PARTEI, die getreu dem Erbe von Ernst Thälmann und im Sinne von Marx, Engels, Lenin und Stalin den Kampf gegen die herrschende Ausbeuterklasse fortsetzt und dabei die Massen ergreift? (Denn wir wissen: Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen ergreift) Dieser Frage ist Genosse Kurt Gossweiler nachgegangen.

Genosse Dr. Kurt Gossweiler hat den Text dieses Referates, das er auf dem internationalen Seminar Kommunistischer und Arbeiterparteien in Brüssel am 1. September 1994 gehalten hat, der Neuen Volksstimme („nVs“) zum Abdruck zur Verfügung gestellt. Es befasst sich mit einer wichtigen Voraussetzung für die Wiederherstellung der Kommunistischen Bewegung als einer einheitlichen Marxistischen Bewegung. Es wurde auch in den »Weißenseer Blättern« und anderen deutschen Publikationen veröffentlicht, die daraus entstehende heftige Diskussion wird im Anhang ansatzweise dargestellt.

kurt-gossweiler-4Zur Person: Dr. sc. Dr. h.c. Kurt Gossweiler Kurt Gossweiler (*5. 11. 1917 in Stuttgart; † 15. 05. 2017 in Berlin): Er wurde 1917 in Stuttgart geboren, wuchs in einer kommunistischen Familie auf, wurde in der von Schulreformern geführten Karl-Marx-Schule in Berlin-Neukölln Mitglied des Sozialistischen Schülerbundes. Als Student im Kommunistischen Jugendverband Deutschlands leistete er illegale Arbeit im Kampf gegen den Faschismus und trat 1943 als Soldat der Wehrmacht auf die Seite der Roten Armee. Später war er Schüler und schließlich Lehrer an Antifa-Schulen in der UdSSR. Bis 1955 arbeitete er als Funktionär der SED und anschließend bis zu seiner Emeritierung an der Humboldt-Universität, Berlin und an der Akademie der Wissenschaft der DDR. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit war und ist die Faschismusforschung, er gehört zu jenen Historikern der DDR, denen internationale Anerkennung zuteil wurde. Nach 1990 kehrte Kurt Gossweiler seinem ursprünglichen Forschungsgegenstand den Rücken und wendete sich der Untersuchung der Niederlage des Sozialismus zu. Im Jahre 2002 erschien sein wohl wichtigstes Werk: „Die Taubenfußchronik oder die Chruschtschowiade“, ein zweibändiges Tagebuch aus der Zeit von 1953 bis 1976. (Siehe auch: Kurt Gossweiler zum 97. Geburtstag)

Der Antistalinismus – das Haupthindernis für die Einheit aller antiimperialistischen Kräfte und der kommunistischen Bewegung

Für Marxisten ist es keineswegs überraschend, dass das Ende der Sowjetunion und der europäischen sozialistischen Staaten die Wiederkehr des Krieges nach Europa und den Beginn einer Generaloffensive des Kapitals gegen die Arbeiterklasse und das ganze werktätige Volk nach sich zog. Diese brutale Kapitaloffensive kann nur durch die gemeinsame, einheitliche Abwehr aller Betroffenen zurückgeschlagen werden. Allein schon deshalb ist die Wiederherstellung einer einheitlichen kommunistischen Bewegung dringlich erforderlich, gar nicht zu reden von der Aufgabe, die Herrschaft des Imperialismus zu beenden. Unglücklicherweise ist die kommunistische Bewegung jedoch noch weit entfernt davon, eine einheitliche Bewegung zu sein.

Meinungsverschiedenheiten

Dabei sind, so scheint es mir jedenfalls, das Haupthindernis für die Herstellung der Einheit der Kommunisten weniger Meinungsverschiedenheiten über die Gegenwartsaufgaben, als gegensätzliche Auffassungen über die Einschätzung des Charakters und der Politik der sozialistischen Länder, insbesondere der Sowjetunion, in der Vergangenheit. Einige sind der Überzeugung, die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder Europas – Albanien ausgenommen – seien seit dem XX. Parteitag überhaupt keine sozialistischen, sondern staatskapitalistische Länder gewesen, und sie betrachten jeden, der diesen ihren Standpunkt nicht teilt, als Revisionisten, mit dem es keine Gemeinsamkeit geben kann. Andere wieder sehen – wie es ihnen seit dem XX. Parteitag und seit Gorbatschow mit wachsender Intensität erzählt wurde – in Stalin den Verderber des Sozialismus, weshalb sie erklären, mit „Stalinisten“ könne es keine Gemeinsamkeit geben. Auf dieser Position stehen die meisten Organisationen, die sich nach dem Zerfall der kommunistischen Parteien aus deren Trümmern gebildet haben, und zwar nicht nur jene, die sich nunmehr offen als sozialdemokratische Parteien bekennen, sondern auch die Mehrzahl jener, die sich als kommunistische Parteien verstehen, und auch die zwischen diesen beiden manövrierende PDS.

Die Anti-Stalin-Kampagne

Der Antistalinismus ist heute tatsächlich das größte Hindernis für den Zusammenschluss der Kommunisten, wie er gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten war. Für diese Behauptung möchte ich nur zwei Kronzeugen anführen, die über jeden Verdacht erhaben sind, „Stalinisten“ zu sein. Der Erste ist der ehemalige US-amerikanische Außenminister John Foster Dulles, der Zweite kein anderer als Michael Gorbatschow. Dulles äußerte sich nach dem XX. Parteitag der KPdSU hoffnungsvoll so: „Die Anti-Stalin-Kampagne und ihr Liberalisierungsprogramm haben eine Kettenreaktion ausgelöst, die auf lange Sicht nicht aufzuhalten ist.“ [1] Gorbatschow hat den Antistalinismus treffend gekennzeichnet – und damit unfreiwillig auch den Hauptinhalt seines eigenen Wirkens –, als er in einem Interview für die FKP-Zeitung „Humanite“ am 4. Februar 1986 auf die Frage nach dem „Stalinismus“ in der Sowjetunion sagte: „Stalinismus ist ein Begriff den sich die Gegner des Kommunismus ausgedacht haben und der umfassend dafür genutzt wird, die Sowjetunion und den Sozialismus insgesamt zu verunglimpfen.“ Niemand kann also sagen, Gorbatschow habe nicht gewusst, was er mit seiner Anti-Stalin-Kampagne getan hat!

Frisst die Revolution tatsächlich ihre Kinder?

Das bei weitem wirkungsvollste Element des Antistalinismus ist die Darstellung Stalins als eines machtgierigen Despoten, als eines blutdürstigen Mörders von Millionen Unschuldiger. Dazu wäre sehr viel zu sagen. Hier in Kürze nur folgende Anmerkungen:

Erstens: Man mag das zutiefst bedauern, aber es ist eine Tatsache, dass noch niemals eine unterdrückte Klasse das Joch der Unterdrückerklasse abgeworfen hat, ohne dass ihr revolutionärer Befreiungskampf und die Abwehr da konterrevolutionären Restaurationsversuche auch das Leben vieler Unschuldiger gekostet hat.

Zweitens: Noch immer hat die Konterrevolution diese Tatsache dazu benutzt, die Revolutionäre in den Augen der Massen zu verabscheuungswürdigen Verbrechen, zu Mördern und Blutsäufern zu stempeln: Thomas Müntzer, Cromwell, Robespierre, Lenin, Liebknecht, Luxemburg.

Drittens: Nur blinde Voreingenommenheit kann den kausalen Zusammenhang übersehen oder leugnen, der zwischen dem Machtantritt des deutschen Faschismus sowie dessen von den westlichen Siegermächten wohlwollend geförderter Aufrüstung und Ermunterung zur Expansion gen Osten hier und den Moskauer Prozessen sowie den repressiven Maßnahmen gegen Ausländer, die ausländischen Emigranten eingeschlossen, dort bestand. Bertold Brecht sah diesen Zusammenhang sehr wohl, als er formulierte: „Die Prozesse sind ein Akt der Kriegsvorbereitung.“ Noch exakter formuliert: Sie waren eine Antwort auf die faschistisch-imperialistische Vorbereitung zum Überfall auf die Sowjetunion. Ohne die Gewissheit des früher oder später erfolgenden faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion – keine Moskauer Prozesse und keine drakonischen „Säuberungen“ zur Verhinderung einer Fünften Kolonne im Lande.

Viertens: Nur politisch Blinden oder sehr Naiven blieb verborgen, dass Chruschtschow und Gorbatschow bei ihren Anklagen gegen Stalin gar nicht von Gefühlen des Abscheus gegenüber Unrecht und Unmenschlichkeit geleitet waren; wäre dem so gewesen, dann hätten sie den Imperialismus und seine Exponenten mindestens mit der gleichen Unversöhnlichkeit attackieren müssen, die sie Stalin gegenüber an den Tag legten. Das Gegenteil aber war der Fall: der hervorstechendste Zug ihrer Politik war die Vertrauenswerbung für den Imperialismus, trotz dessen blutiger Verbrechen an der Menschheit!

Fünftens: Im krassen Gegensatz zu dieser Haltung steht die Tatsache, dass selbst der diplomatische Vertreter der imperialistischen Hauptmacht, der Botschafter der USA, Joseph A. Davies, Stalin eine positive Bewertung zuteil werden lässt, dass aber diese und andere in gleiche Richtung gehende positive Äußerungen von Zeitzeugen über die Sowjetunion seit dem XX. Parteitag in der Sowjetunion unterdrückt wurden. Daher erstens einige Ausführungen zu den Moskauer Prozessen.

DIE MOSKAUER PROZESSE

Zunächst Auszüge aus dem 1943 in Zürich erschienenen Buch von J. E. Davies, „Als USA-Botschafter in Moskau. Authentische und vertrauliche Berichte über die Sowjetunion bis Oktober 1941“. Davies verfolgte – wie alle Diplomaten, die das wünschten – die Moskauer Prozesse als Augen- und Ohrenzeuge, (er war von Beruf Jurist). Seinen Eindruck über den Prozess gegen Bucharin und andere kabelte er am 17. März 1938 nach Washington. Die Depesche hat folgenden Wortlaut (Auszug):

„Trotz Vorurteil bin ich nach täglicher Beobachtung der Zeugen und ihrer Art und Weise, auszusagen, auf Grund der unbewussten Bestätigung, die sich ergab, … zu der Auffassung gelangt, dass, was die politischen Angeklagten betrifft, von den in der Anklageschrift aufgezählten Vergehen gegen die Sowjetgesetze eine genügende Zahl bewiesen und für vernünftiges Denken außer Zweifel gestellt sind, um den Schuldigbefund des Landesverrats und die Verhängung der vom Sowjetkriminalgesetz dafür vorgeschriebenen Strafen zu rechtfertigen. Die Meinung derjenigen Diplomaten, die den Verhandlungen am regelmäßigsten beigewohnt haben, war allgemein, dass der Prozess die Tatsache einer heftigen politischen Opposition und eines höchst ernsten Komplotts aufgedeckt hat, das den Diplomaten viele bisher unbegreifliche Vorkommnisse der vergangenen sechs Monate in der Sowjetunion erklärte.“(S.209)

Davies hatte 1937 bereits den Prozess gegen Radek und andere verfolgt und darüber am 17. Februar 1937 an den US-Staatssekretär berichtet. In diesem Bericht schrieb er u.a.:

„Objektive Betrachtung … ließ mich (jedoch) widerstrebend zu dem Schluss kommen, der Staat habe tatsächlich seine Anklage bewiesen,

(wenigstens insofern, als das Vorhandensein einer ausgedehnten Verschwörung und geheimer Ränke gegen die Sowjetregierung unter den politischen Führern außer Frage gestellt und gemäß den bestehenden Gesetzen die in der Anklageschrift behaupteten Verbrechen begangen worden und strafbar seien). Ich habe mit vielen, ja fast allen Mitgliedern des hiesigen Diplomatischen Korps gesprochen, und nur vielleicht einer einzigen Ausnahme waren alle der Auffassung, die Verhandlungen hätten deutlich das Vorhandensein eines politischen Geheimplanes und einer Verschwörung zum Zweck der Beseitigung der Regierung bewiesen.“ (S.33 ff)

In einem Tagebuch notierte Davies am 11. März 1937 folgende bezeichnende Episode:

„Ein anderer Diplomat machte mir gegenüber gestern eine sehr aufschlussreiche Bemerkung. Wir sprachen über den Prozess, und er äußerte, die Angeklagten seien zweifellos schuldig; wir alle, die wir den Verhandlungen beiwohnten, seien uns darüber einig. Die Außenwelt hingegen schiene den Prozessberichten zufolge zu denken, dass der Prozess die reine Aufmachung sei (er nannte es eine Fassade); er wisse zwar, dass dies nicht zutreffe, es sei jedoch wahrscheinlich ebenso gut, wenn die Außenwelt dies annehme.“ (S.86)

Davies berichtete auch über die vielen Verhaftungen und sprach über die „Säuberungen“ am 4. Juli 1937 mit dem Außenminister Litwinow. Über Litwinows Ausführungen berichtete er:

„Litwinow… erklärte, man habe durch diese Säuberung die Sicherheit gewinnen müssen, dass keine Verräterei mit der Möglichkeit der Zusammenarbeit mit Berlin oder Tokio mehr existierte. Eines Tages würde die Welt verstehen, dass das Geschehen notwendig gewesen sei, um ihre Regierung vor dem ‚drohenden Verrat‘ zu schützen. Ja, sie leisteten in Wahrheit der ganzen Welt einen Dienst, denn wenn sie sich vor der Gefahr der Weltherrschaft der Nazis und Hitler schützen, bilde die Sowjetunion ein starkes Bollwerk gegen die nationalsozialistische Bedrohung. Der Tag würde kommen, wo die Welt erkennen dürfte, welch überragend großer Mann Stalin sei.“ (S. 128)

Aufschlussreich ist auch Davies‘ Schilderung seines Gespräches mit Stalin in einem Brief an seine Tochter vom 9. Juni 1938. Er war von der Persönlichkeit Stalins stark beeindruckt, schrieb er doch:

„Wenn du dir eine Persönlichkeit ausmalen kannst, die in allen Stücken das volle Gegenteil von dem ist, was der rabiateste Stalingegner sich auszudenken vermöchte, dann hast du ein Bild dieses Mannes. Die Zustände, von denen ich weiß, dass sie hier herrschen, und diese Persönlichkeit gehen so weit auseinander wie zwei Pole. Die Erklärung liegt natürlich darin, dass die Menschen für ihre Religion oder für eine‚ Sache zu tun bereit sind, was sie niemals ohne dies tun würden.“ (S. 276)

Seine Einsichten fasst Davies 1941, nach dem Überfall der Faschisten auf die Sowjetunion, mit den Worten zusammen, die Landesverratsprozesse haben „Hitlers Fünfter Kolonne in Russland den Garaus gemacht.“ (S. 209)

Bereits 1936 hatte der Prozess gegen Sinowjew und andere stattgefunden. Ihn zu beobachten hatte der namhafte britische Kronanwalt D. N. Pritt Gelegenheit gehabt. Über seine Eindrücke hatte er in seinem Erinnerungsbuch‚ From Right to Left‘, 1965 in London erschienen, berichtet:

„Mein Eindruck war, … dass der Prozess im Allgemeinen fair geführt wurde und die Angeklagten schuldig waren … Der Eindruck aller Journalisten, mit denen ich sprechen konnte, war ebenfalls, dass der Prozess fair war und die Angeklagten schuldig; und gewiss dachte jeder ausländische Beobachter, von denen es etliche gab, vorwiegend Diplomaten, das Gleiche. … Ich hörte einen von ihnen sagen: natürlich sind sie schuldig. Aber wir müssen das aus Propagandagründen abstreiten.“ (Pritt, S. 110/111).

DIE URTEILE WAREN RICHTIG: SCHULDIG!

Es ergibt sich also, dass nach dem sachkundigem Urteil solcher bürgerlicher Rechtsexperten, wie Davies und Pritt, die Angeklagten der Moskauer Prozesse von 1936,1937 und 1938 zu recht verurteilt wurden, da die ihnen vorgeworfenen Verbrechen nachgewiesen wurden. In diesem Zusammenhang soll auch noch einmal in Erinnerung gerufen werden, was Bertold Brecht seinerzeit zu diesen aufwühlenden Prozessen an Überlegungen anstellte; er schrieb z. B. über die Konzeption der Angeklagten:

„Die falsche Konzeption hat sie tief in die Isolation und tief in das gemeine Verbrechen geführt. Alles Geschmeiß des In- und Auslandes, alles Parasitentum, Berufsverbrechertum, Spitzeltum, hat sich bei ihnen eingenistet. Mit all diesem Gesindel hatten sie die gleichen Ziele. Ich bin überzeugt, dass dies die Wahrheit ist, und ich bin überzeugt, dass diese Wahrheit durchaus wahrscheinlich klingen muss, auch in Westeuropa, vor feindlichen Lesern … Der Politiker, dem nur die Niederlage zur Macht verhilft, ist für die Niederlage. Der der ‚Retter‘ sein will, führt eine Lage herbei, in der er retten kann, also eine schlimme Lage … Trotzki sah zunächst den Zusammenbruch des Arbeiterstaates in einem Krieg als Gefahr, aber dann wurde er immer mehr die Voraussetzung des praktischen Handelns für ihn. Wenn der Krieg kommt, wird der ‚überstürzte Aufbau zusammenkrachen, der Apparat sich von den Massen isolieren, nach außen wird man die Ukraine, Ostsibirien und so weiter abtreten müssen, im Innern Konzessionen machen, zu kapitalistischen Formen zurückkehren, die Kulaken stärken oder stärker werden lassen müssen; aber all das ist zugleich die Voraussetzung des neuen Handelns, der Rückkehr Trotzkis. Die aufgeflogenen antistalinistischen Zentren haben nicht die moralische Kraft, an das Proletariat zu appellieren, weniger, weil diese Leute Memmen sind, sondern weil sie wirklich keine organisatorische Basis in den Massen haben, nichts anbieten können, für die Produktivkräfte des Landes keine Aufgaben haben. Es ist ihnen ebenso zuzutrauen, dass sie zu viel als zu wenig gestehen.“ [2]

CHRUSCHTSCHOW UND GORBATSCHOW HABEN GELOGEN

Wenn wir davon ausgehen, dass Davies und Pritt (und Brecht) mit ihrer Beurteilung der Moskauer Prozesse recht hatten, dann ergibt sich zwangsläufig die Frage: Taten diejenigen, die – wie Chruschtschow und Gorbatschow nachträglich die in den Prozessen Verurteilten zu unschuldigen Opfern erklärten, dies nicht vielleicht deshalb, weil sie mit diesen sympathisierten oder gar ihre heimlichen Komplizen waren und weil sie deren damals gescheiterte Sache zu Ende führen wollten? Und wenn wir dann bei genauerer Betrachtung ihrer – (der Chruschtschow und Gorbatschow und ihresgleichen) – politischen Tätigkeit feststellen müssen, dass sich die Geständnisse der Angeklagten der Moskauer Prozesse über ihre Absichten und Ziele und der zu ihrer Erreichung angewandten Methoden wie das Drehbuch zu ihrem – Chruschtschows und insbesondere Gorbatschows – Wirken liest, dann legt das einen doppelten Schluss nahe: Zum einen den, dass die Moskauer Prozesse als Schlüssel dienen können für die Erhellung und Entschlüsselung dessen, was seit dem XX. Parteitag der KPdSU die Sowjetunion, die anderen sozialistischen Länder und die kommunistische Bewegung auf die abschüssige Bahn geführt hat; und zum anderen den, dass das Wirken der Chruschtschow und Gorbatschow und dessen Ergebnis den Rückschluss zulässt, dass es sich bei den Moskauer Prozessen eben nicht um Inszenierungen von Schauprozessen gehandelt hat, sondern dass in diesen Prozessen Komplotte der gleichen Art aufgedeckt und vereitelt wurden, wie sie von Gorbatschow schließlich zum bereits damals geplanten Ende geführt werden konnten, weil ihm kein Moskauer Prozess mehr Einhalt gebot.

Diente die Darstellung Stalins als eines blutgierigen Despoten und „seines“ Regimes als das einer Hölle auf Erden dazu, den Widerstand gegen die Chruschtschow-Gorbatschow Konterrevolution zu paralysieren, so zielt die Darstellung Stalins als eines Verfälschers der Leninschen Grundsätze auf die theoretische und ideologische Entwicklung der kommunistischen Bewegung und aller Sozialisten. Der größte Teil solcher Art von Munition stammt aus dem Arsenal des Trotzkismus. Ich will dafür nur einige wenige Beispiele anführen.

l. DIE FRAGE DES SIEGES DES SOZIALISMUS IN EINEM LANDE

Der Zusammenbruch der europäischen sozialistischen Länder und vor allem der Sowjetunion wird als „Beweis“ für die Richtigkeit der trotzkistischen These von der Unmöglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande ins Feld geführt, wobei gewöhnlich verschwiegen wird, dass es Lenin war, der 1915 erstmals die These von der Möglichkeit des Sozialismus in einem Lande niederschrieb. Bekanntlich stellte Lenin damals in einem Artikel „Die Vereinigten Staaten von Europa“ [3] fest: „Die Ungleichmäßigkeit der ökonomischen und politischen Entwicklung ist ein unbedingtes Gesetz des Kapitalismus. Hieraus folgt, dass der Sieg des Sozialismus zunächst in wenigen Ländern oder sogar in einem einzeln genommenen Lande möglich ist.“ Trotzki, seit Jahren schon einer der verbissensten Gegner Lenins, widersprach sofort mit der Feststellung, es sei aussichtslos zu glauben, „dass zum Beispiel ein revolutionäres Russland einem konservativen Europa gegenüber sich behaupten… könne“. [4]

Stalin, nach der Behauptung heutiger Trotzkisten angeblich der Erfinder der These von der Möglichkeit des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande hat in Wirklichkeit diese Leninsche These gegen Trotzki verteidigt:

„Was bedeutet die Möglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande? Das bedeutet die Möglichkeit, die Gegensätze zwischen Proletariat und Bauernschaft mit den inneren Kräften unseres Landes zu überwinden, die Möglichkeit, dass das Proletariat die Macht ergreifen und diese Macht zur Einigung der vollendeten sozialistischen Gesellschaft im unserem Landes ausnutzen kann, gestützt auf die Sympathien und die Unterstützung der Proletarier der anderen Länder, aber ohne vorherigen Sieg der proletarischen Revolution in anderen Ländern. Was bedeutet die Unmöglichkeit des vollen, endgültigen Sieges des Sozialismus in einem Lande ohne den Sieg der Revolution in anderen Ländern? Das bedeutet die Unmöglichkeit einer vollständigen Garantie gegen die Intervention und folglich auch gegen die Restauration der bürgerlichen Ordnung, wenn die Revolution nicht wenigstens in einer Reihe von Ländern gesiegt hat.“ [5]

Stalin hat aber nicht nur Lenins These verteidigt, die KPdSU hat unter seiner Führung durch den sozialistischen Aufbau und die Behauptung der Sowjetmacht gegen die faschistische Aggressoren den Beweis für die Richtigkeit dieser Leninschen These erbracht. Dagegen wurde Trotzki ebenso oft von der Geschichte widerlegt, wie er den Zusammenbruch der Sowjetmacht vorausgesagt bat, und das geschah fast in jedem Jahr mehrfach. Eine seiner letzten derartigen Voraussagen, veröffentlicht am 23. Juli 1939, lautete: „Das politische Regime wird einen Krieg nicht überleben.“ [6] Der Wunsch war eindeutig der Vater dieser Prophezeiung! Dies sprach so deutlich aus allen Äußerungen Trotzkis aus jenen Jahren, dass der deutsche bürgerliche Schriftsteller Lion Feuchtwanger daraus die Schlussfolgerung zog: „Was also war wohl die ganzen Jahre der Verbannung hindurch, was muss heute noch Trotzkis Hauptziel sein? Wieder ins Land hinein, um jeden Preis wieder an die Macht kommen.“ Selbst um den Preis der Zusammenarbeit mit den Faschisten: „Wenn Alkibiades zu den Persern ging, warum nicht Trotzki zu den Faschisten?“ [7] (Auch Feuchtwanger war Augen- und Ohrenzeuge eines der Moskauer Prozesse, des zweiten, gegen Radek, Pjatakow und andere, Januar 1937)

2. STALIN UND DIE NÖP

Einer der Vorwürfe Gorbatschows gegen Stalin bestand in der Behauptung, Lenin habe in seinen letzten Arbeiten mit der Ausarbeitung der ‚Neuen Ökonomischen Politik‘ einen neuen Weg zum Aufbau der neuen sozialistischen Gesellschaft gewiesen, den Stalin aber verlassen habe. Dieser Vorwurf wird von Antistalinisten verschiedenster Färbung aufgegriffen, wobei behauptet wird, Stalin habe Lenins Konzeption der NÖP durch einen „staatsmonopolistischen Kurs“ ersetzt und dadurch den Sozialismus ruiniert. Für Lenin bestand der Kern der Neuen Ökonomischen Politik in der Untermauerung des politischen Zusammenschlusses der Arbeiterklasse und ihres Staates mit der breiten Bauernschaft durch den ökonomischen Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft. „Wenn wir den Kapitalismus schlagen und den Zusammenschluss mit der bäuerlichen Wirtschaft herstellen, dann werden wir eine absolut unbesiegbare Kraft sein“, führte er auf dem XI. Parteitag 1922 der KPR(B) aus. [8] Genau so fasste Stalin die NÖP auf und führte sie nach Lenins Tod weiter:

„Die NÖP ist die Politik der proletarischen Diktatur, die gerichtet ist auf die Überwindung der kapitalistischen Elemente und den Aufbau der sozialistischen Wirtschaft durch Ausnutzung des Marktes, vermittels des Marktes, nicht aber durch direkten Produktenaustausch ohne Markt, unter Ausschluss des Marktes. Können kapitalistische Länder, zumindest die entwickelsten unter ihnen, beim Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus ohne die NÖP auskommen? Ich denke, sie können das nicht. In diesem oder jenem Grade ist die Neue Ökonomische Politik mit ihren Marktbeziehungen in der Periode der Diktatur des Proletariats für jedes kapitalistische Land absolut unerlässlich. Bei uns gibt es Genossen, die diese These in Abrede stellen. Was bedeutet es aber, diese These in Abrede zu stellen? Das bedeutet erstens, davon auszugehen, dass wir unmittelbar nach Machtantritt des Proletariats bereits über hundertprozentig fertige den Austausch zwischen Stadt und Land, zwischen Industrie und Kleinprodukten vermittelnde Verteilungs- und Versorgungsapparate verfügen würden, die es ermöglichen, sofort einen direkten Produktenaustausch ohne Markt, ohne Warenumsatz, ohne Geldwirtschaft herzustellen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie absurd eine solche Annahme wäre. Das bedeutet zweitens, davon auszugehen, dass die proletarische Revolution nach der Machtergreifung durch das Proletariat den Weg der Expropriation der mittleren und kleinen Bourgeoisie beschreiten und sich die ungeheuerliche Last aufbürden müsse, den künstlich geschaffenen Millionen neuer Arbeitsloser Arbeit zu beschaffen und für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Man braucht diese Frage nur zu stellen, um zu begreifen, wie unsinnig und töricht eine solche Politik der proletarischen Diktatur wäre.“ [9]

Warum ein so ausführliches Zitat über ein so wenig aktuelles Thema? Erstens weil wir überzeugt sind, dass dieses Thema – die ökonomische Politik zum Aufbau des Sozialismus – nur vorübergehend in Europa von der Tagesordnung abgesetzt ist (und anderswo überhaupt nicht); zweitens – weil es notwendig ist, daran zu erinnern, dass es einen ungeheuren Reichtum an theoretischen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen erfolgreichen sozialistischen Aufbaus gibt, der aber von den revisionistischen Nachfolgern Lenins und Stalins als „Stalinismus“ auf den Index gesetzt wurde, damit er in Vergessenheit gerate; schließlich drittens, weil sich unter der antikapitalistischen Linken eine pseudo-linke Lehre breitmacht, deren bekanntester Propagandist Robert Kurz ist; nach ihm ist die Wurzel allen Übels nicht der Kapitalismus, sondern die Warenproduktion; der Sozialismus habe untergehen müssen, weil er die Warenproduktion beibehalten habe, statt zum direkten Produktenaustausch überzugehen. Angesichts solcher Lehren ist das obige Zitat sogar sehr aktuell!

Warum konnte es gelingen, die Ergebnisse von Jahrzehnten sozialistischen Aufbaus zu zerstören? Natürlich gibt es dafür viele Gründe. Ein ganz wichtiger ist nach meiner Überzeugung der: der Revisionismus trat lange Zeit stets als Anti-Revisionismus, als Verteidigung des Leninismus gegen dessen angebliche Verfälschung durch Stalin auf erst als sein Zerstörungswerk so gut wie vollendet war, legte Gorbatschow die Maske des Kommunisten des Leninisten ab und bekannte sich öffentlich als Sympathisant der Sozialdemokratie, also als Antikommunist und Anti-Leninist. Der Antistalinismus war aber von Anfang an seinem Wesenskern nach – Antileninismus, Antimarxismus, Antikommunismus. Doch selbst jetzt erkennen das viele sogar im kommunistischen Lager noch nicht, weil sie noch unter dem Einfluss der jahrzehntelangen antistalinistischen Hasspropaganda der antikommunistischen Generalsekretäre der KPdSU seit dem XX. Parteitag stehen, die Stalin mit Hitler gleichsetzten, – eben jenen Stalin, der – wie Ernst Thälmann das voraussagte – Hitler das Genick brach!

Wir müssen klarmachen, dass es beim Kampf gegen den Antistalinismus nur vordergründig um die Person Stalins geht, dem Wesen nach aber um die Existenzfrage der kommunistischen Bewegung: bleiben wir – wie Marx und Engels, Lenin und Stalin – fest auf dem Boden des Klassenkampfes oder begeben wir uns wie die Antistalinisten Chruschtschow, Gorbatschow und ihresgleichen – auf den Boden der Aussöhnung mit dem Imperialismus? Dies ist die Frage, von deren Beantwortung das Schicksal der kommunistischen Bewegung abhängt. Und weil diese Frage nur richtig beantwortet werden kann, wenn sie das revisionistische Gift in allen seinen Erscheinungsformen ausscheidet, muss sie auch den Antistalinismus in ihren Reihen überwinden.

Fußnoten:

[1] Aus: Archiv d. Gegenwart. 11. Juli 1956
[2] Bertold Brecht, Schriften zu Politik und Gesellschaft, Bd. I, 1919-1941, Aufbauverlag Berlin und Weimar, 1968, S. 172 f.
[3] Werke Bd. 21, S. 345
[4] Trotzki, Schriften, Bd. III, Teil 1, S. 89 f.
[5] Stalin, Werke Bd. 8, S. 58
[6] Leo Trotski, La lutte antibureaucratique en URSS, Paris, 1937 S. 257, zit. nach: Ludo Martens, Un autre regard sur Staline, Version non définitive, Bruxelles, 1993, S.133
[7] Moskau 1937. Ein Reisebericht für meine Freunde, erstmals erschienen 1937 im Querido-Verlag, Mexiko; Neuauflage im Aufbau Taschenbuch Verlag Berlin 1993, S.89
[8] Lenin, Werke, Bd.33, S.272
[9] Stalin, Werke, Bd.11, 5.128f.

Anhang zu Gossweilers Vortrag

1. Das Vorwort von Hanfried Müller zur Veröffentlichung von Kurt Gossweilers Artikel in den »Weißenseer Blättern«

Eine vielleicht zweckmäßige Vorbemerkung betreffend die Instrumentalisierung des Antistalinismus gegen antiimperialistische Sammlung

In einem Heft eine Gratulation zum fünfundvierzigsten Geburtstag der Volksrepublik China und eine pointierte Abrechnung mit dem Antistalinismus als dem „Haupthindernis“ (wie der Autor meint) für eine Einigung von Kommunisten in der Gegenwart – da werden die einen sagen: nun ist klar: Die WBl sind maoistisch, die anderen: Wir haben es doch immer gewusst, stalinistisch sind sie. Sie sind weder noch! – Und wenn sie einen Autor erläutern ließen, was er zum Beispiel gegen die Verurteilung Trotzkis zu bedenken geben möchte oder etwa für die Beurteilung Bucharins, dann wären sie darum auch nicht einfach trotzkistisch oder bucharinistisch – was dann übrigens auch kaum einer behaupten würde. Es gibt in der Redaktion der WBl keinen Konsens über alle möglichen historischen Fragen, und die Redaktion bedarf auch keines solchen.

Erst kürzlich hatten wir einen lebhaften Disput untereinander über Recht oder Unrecht des Umgangs der Alten Kirche mit der Gnosis, eine Frage, die vielen, deren Adrenalinspiegel sooft steigt, wenn sie das Wort Stalin hören, belanglos er scheinen wird. Allerdings könnte sie für Gegenwartshaltungen viel mehr bedeuten. Denn sie hängt ja eng damit zusammen, ob wir geneigt sind, beim Anblick der Welt zu resignieren, oder welche Hoffnung wir für sie haben – und was der Grund unserer Hoffnung ist. Aber ob solch Dissens über Vergangenes eine Gemeinschaft in der Gegenwart belastet oder gar sprengt, hängt davon ab, ob eine Seite den Konsens über Probleme der Vergangenheit zum Maßstab möglicher Zusammenarbeit in der Gegenwart macht. Genau das halten wir für falsch! Wo es geschieht, scheint es uns, dass die Vergangenheit die Gegenwart – und dann auch die Zukunft! – gefangen nimmt und die Freiheit nach vorn orientierten Denkens und Handelns verloren geht.

Natürlich verkennen wir nicht, dass sich auch im Subjekt Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart treffen, indem die je eigene Herkunft die Perspektive der Zukunft mitprägt. Darum ist es wohl heilsam, gegenüber der eigenen Geschichte kritisch zu sein und diese nicht etwa zu verabsolutieren, vor allem nicht in ihr zu erstarren oder sie gar wiederholen zu wollen, sondern frei aus ihr heraus in die Zukunft zu gehen. Aber gefährlich scheint es uns, Menschen zwingen wollen, ihrer Geschichte abzuschwören. Das kann nur allzu leicht in Verzweiflung oder Nihilismus enden. Und genau dies geschieht mit der unkritisch pauschalen Ächtung einer ganzen historischen Periode sozialistischer Entwicklung. Eines der Mittel dazu ist die zumeist fast terroristische Handhabung des dunklen Begriffs „Stalinismus“ – wollte man spotten, möchte man sagen, mit einer „stalinistischen“ Verwendung dieses Wortes. Denn wo man den politischen Gegner des „Stalinismus“ anklagt, braucht man ihm nicht mehr konkret einen Irrtum oder ein Fehlverhalten nachzuweisen, um ihn zu verurteilen: Verdammenswert ist er dann sowieso, einfach darum, weil er „Stalinist“ ist – ganz so, wie sich in Stalins Zeit der Begriff Trotzkismus bis dahin ausweitete, dass im Einzelfall kaum mehr nachgewiesen werden musste, was eigentlich an etwas verwerflich sei, wenn man es nur „trotzkistisch“ nannte.

Wir kennen solche Methoden aus unserer eigenen Geschichte der kirchlichen Ketzer- und Judenverfolgungen: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!“ Und solche Verhorreszierung wirkt – bis dahin, dass ich vermute, ich hätte diesen „Vorspann“ für überflüssig gehalten, wenn in den WBl etwa nicht die Rede von Kurt Gossweiler über den Antistalinismus, sondern, sagen wir eine solche von Wolfgang Harich über den Antitrotzkismus als Hindernis kommunistischer Einigung hätte dokumentiert werden sollen. Das hat seinen Grund. Antitrotzkismus – wie Antimaoismus und Ähnliches – im Wesentlichen eine innerkommunistische Angelegenheit, wie übrigens der Antistalinismus dann auch, wenn man ihn historisch konkret fasst. Und beispielsweise auf die leider allzu blutig entschiedenen Auseinandersetzungen Stalins mit Trotzki und Bucharin oder auf die Streitfragen zwischen Stalin und Tito bezieht. Täte man nur das, dann stünden mit diesem Begriff geschichtliche Sachfragen zur Diskussion: zum Beispiel das Problem, dass die sozialistische Umwälzung notwendig globalrevolutionären Charakter trägt, aber in der Realität auf die ungleichmäßige Entwicklung der sozialen Widersprüche stößt, aus denen sie erwächst, sodass sie sich nur regional und temporal differenziert vollzieht – scheinbar keineswegs als weltweit qualitativer Umschlag, sondern in widersprüchlichen Schritten des Übergangs.

Oder – übrigens so eng mit diesem Problem verbunden, dass man Stalin diesbezüglich geradezu als Repräsentanten der „Mitte“ zwischen Trotzki und Tito interpretieren könnte – die Schwierigkeit, die Internationalität des Kommunismus in der sozialistischen Übergangsphase mit der Spezifik und Nachwirkung historisch gegebener nationaler Besonderheiten zu vermitteln – eine Frage notabene gerade auch an Stalin selbst, denn hat nicht gerade er den sowjetischen Sozialismus deutlich regional eurasisch geprägt, etwa besonders anschaulich in der Bezeichnung des antifaschistischen Krieges zur Verteidigung des Sozialismus (und also allenfalls des s o z i a l i s t i s c h e n Vaterlandes) als „Großen Vaterländischen Krieg“ (und das in erheblicher Anknüpfung an die zaristische Geschichte Russlands von 1912/13)? Aber solche – denkbare – innerkommunistische Spezifik ist ja im Begriff „Stalinismus“ kaum gemeint. (Sie war es allenfalls ansatzweise in jener ganz kurzen Periode nach dem Kriege, in der die kommunistische Bewegung selbst Stalin zum „Klassiker“ erklärte und sich folgerichtig „marxistisch-leninistisch-stalinistisch“ nannte)

Inzwischen bezeichnet der Begriff keineswegs nur – wie die Begriffe Trotzkismus, Titioismus, Maoismus – einen innerkommunistischen Gegensatz, sondern er ist zugleich und (weil die Ideen der herrschenden Klasse die in der Gesellschaft herrschenden Ideen zu sein pflegen) sogar primär ein Kampfbegriff der Bourgeoisie, die sich mit ihm die innerkommunistische Problematik der revolutionären Entwicklung der Sowjetunion zur Zeit Stalins zu Nutze macht. Darum ist der Antistalinismus sozusagen die Speerspitze des Antikommunismus und richtet sich gleichermaßen gegen Apologeten wie gegen Ankläger Stalins, sofern sie nur Marxisten und Kommunisten sind. „Stalinismus“ meint in diesem Sprachgebrauch einfach jegliche prinzipienfeste, gesinnungstreue, nicht opportunistisch erweichte und entschieden antirevisionistische kommunistische Option, die sich weder auf fromme Wünsche im Sinne einer sozialistischen Vision noch auf kosmetische Operationen am Imperialismus in Richtung sozialer Reformen reduzieren lässt, sondern in den Niederungen harter historischer Realitäten, wie der Imperialismus sie setzt, Wichtigeres kennt, als beim Reinigen dieses Augias-Stalles eine weiße Weste zu behalten.

In der durch diesen Gebrauch des Begriffs „Stalinismus“ vergifteten Atmosphäre wird jeder Versuch, die pauschal vornormierte Verurteilung der Stalin-Ära historisch-kritisch und nüchtern zu überprüfen, zum tabuisierten Sakrileg. Tabus, die darauf zielen, dass bestimmte Fragen nicht mehr aufgeworfen werden dürfen und diejenigen, die das doch tun, mundtot gemacht werden, bevor man sich die Mühe gemacht hat, sie zu widerlegen, haben die WBl noch nie respektiert. Stalin muss und wird umstritten bleiben in der sozialistisch-revolutionären Tradition wie Robespierre in der bürgerlich-revolutionären. In beiden Fällen besteht die Gefahr das revolutionäre Erbe zu verspielen, wenn der Konterrevolution aus Scham über revolutionäre Exzesse ein auch nur relatives historisches Recht eingeräumt wird. Denn was sind schon alle Exzesse von Revolutionen – so tief sich auch die Revolution mit ihnen ins eigene Fleisch geschnitten hat – gegenüber dem andauernden Elend von Armut, Hunger und Sterben unter den Verhältnissen, die die Revolutionen umzustürzen unternahmen, ganz zu schweigen von der Grausamkeit konterrevolutionären weißen und braunen Terrors. So wenig wie ärztliche Kunstfehler ein Argument gegen die Notwendigkeit medizinischen Kampfes gegen Krankheit, sind revolutionäre Kunstfehler ein Argument gegen die Notwendigkeit, lebensgefährlich gewordene Gesellschaftsordnungen, und sei es gewaltsam, zu beseitigen – so verhängnisvoll tödlich auch in beiden Fällen Kunstfehler zu sein pflegen.

2. Reaktion im »Neuen Deutschland« vom 4.11.1994 Stalin-Weihe

Zwei Seiten „Vorbemerkung“ wendet diesmal Hanfried Müller auf, um den Vorwürfen, die massiv über die »Weißenseer Blätter« hereinbrechen werden, zumindest die Spitze zu nehmen. Und er findet auch Worte, die das Skandalon, das er dann druckt, zumindest sozialpsychologisch erklären: „Gefährlich scheint es uns, Menschen zwingen zu wollen, ihrer Geschichte abzuschwören. Das kann nur allzu leicht in Verzweiflung … enden.“ Wohin individuelle Notwehr gegen den Zeitgeist einen Menschen treiben kann, offenbart dann der Text, den die WBl [4/1994) dokumentieren: eine Rede des Historikers Kurt Gossweiler, gehalten auf einem, internationalen Seminar kommunistischer und Arbeiterparteien“ am l. Mai 1994 in Brüssel. In ihr stellt Gossweiler die These auf: „Der Antistalinismus ist heute das größte Hindernis für, den Zusammenschluss der Kommunisten, wie er gestern der Hauptfaktor der Zerstörung der kommunistischen Parteien und der sozialistischen Staaten war.“ Was sich in früheren Artikeln andeutete, lesen wir jetzt im Klartext: Nicht der Stalinismus war das Grundübel der kommunistischen Bewegung, sondern der „Revisionismus“ mit dem Chruschtschow und Gorbatschow diesen Stalinismus zu überwinden trachteten. Und weil dessen wirkungsvollstes Element die Darstellung Stalins als eines blutdürstigen Mörders sei, rehabilitiert Gossweiler im Umkehrschluss Stalin und die Moskauer Prozesse (1936-38) als legitime „Antwort auf die faschistisch-imperialistische Vorbereitung zum Überfall auf die Sowjetunion“. Als „Beweis“ aber bietet er nicht neue Tatsachen, sondern Zitate aus der damaligen Zeit! Es tut immer weh, wenn ein guter Mann in die Irre geht. Gefährlich aber wird es, wenn er seine, fürs eigene Seelenheil ja vielleicht taugliche Sicht der Linken als „Theorie“ offeriert. Ein „Zurück zum Klassiker Stalin“ – das ist nach den Verbrechen des Stalinismus der denkbar schlechteste Dienst, den ein Kommunist der linken Opposition heute überhaupt erweisen kann. [Brigitte HERING]

3. Resonanz auf das Referat in den Weißenseer Blättern (Auswahl)

Kurt Gossweiler: Zu Revisionismus, „Kindheitsmustern“ und revolutionären Exzessen

Natürlich wusste ich, worauf ich mich einlasse mit meiner Zustimmung zum Abdruck meiner Brüssel-Rede in den WBl, und ich nehme an, dass auch die WBl wussten, worauf sie sich damit einließen. Der Startschuss zu dem unvermeidlichen Echo, der am 4. November im ND abgegeben wurde, gab immerhin eine ‚Tonlage vor, die, einem harten Widerspruch angemessen, sachlichen Meinungsstreit nicht hemmt. Kopfschütteln hat allerdings die Überschrift „Stalin-Weihe“ und die Kennzeichnung meiner Rede als „Skandalon“ bei mir bewirkt. Wieso soll es denn – angesichts des auf der offenen Weltbühne aufgeführten Skandals der „Gorbatschowiade“ – ein „Skandalon“ sein, wenn die Auffassung laut wird, nicht der so genannte „Stalinismus“ – den noch keiner zu definieren vermochte –, sondern der Revisionismus von Gorbatschow und seinem Vorläufer Chruschtschow hätten den Untergang des Sozialismus bewirkt?

Es kann schon traurig und bestürzt machen, wenn sogar Genossen und Genossinnen, die man schätzt und die einen für einen „guten Mann“ halten, sich eine solche Meinung nur psychologisch als individuelle Notwehr gegen den Zeitgeist erklären können. Es ist jedoch in Wahrheit viel schlimmer. Dieser „gute Mann“ hat sich seine Meinung nicht erst ausgedacht, nachdem der jetzige Zeitgeist über uns gekommen ist. Nein, ich habe mir schon vor Jahrzehnten die Meinung gebildet, dass die Chruschtschow-Politik zur Restauration des Kapitalismus führen wird, wenn ihr nicht Einhalt geboten wird. Leider wurde ihr nur zeitweilig und höchst inkonsequent Einhalt geboten, so dass sie zwanzig Jahre nach Chruschtschow als „Perestroika“ wieder aufleben konnte und prompt zu dem Ergebnis führte, das ich schon vor Jahrzehnten befürchtet, von dem ich aber bis 1988 angenommen hatte, dass es abwendbar sei.

Behauptet wird auch, ich rehabilitierte die Moskauer Prozesse „ohne Beweis“. Ich habe jedoch nur – weil das seit dem XX. Parteitag der KPdSU hier zu Lande niemand mehr lesen konnte – Aussagen von Augen- und Ohrenzeugen der Prozesse zitiert, die übereinstimmend aussagten, die Angeklagten seien der ihnen zur Last gelegten Delikte schuldig gewesen. Welche Beweise kann denn der, der den Aussagen von Augen- und Ohrenzeugen keine Beweiskraft zubilligt, dafür bringen, dass der damalige USA-Botschafter Davies und all jene Diplomaten und Journalisten des Auslandes, die an den Prozessen teilnahmen, Unrecht hatten, Recht dagegen alle, die sie als „Schauprozesse“ bezeichneten – von der Hearst- bis zur Hitler-Presse –, außer der Tatsache, dass sich von einem bestimmten Zeitpunkt an auch Sowjetführer diese Version zu eigen machten, zum Beispiel Chruschtschow, der zur Zeit der Prozesse zu den wütendsten und gefürchtetsten „Entdeckern“ von „Volksfeinden“ gehörte, oder Gorbatschow, der zu dieser Zeit gerade erst geboren wurde, also seine Meinung, die Prozesse seien „getürkt“ gewesen, nicht aus eigener Anschauung gewonnen hatte, sondern dadurch, dass er als Angehöriger der „Generation des XX. Parteitages“ durch ihn und den XXII. Parteitag eine unauslöschliche Anti-Stalin-Prägung erhalten hatte – wie auch die meisten Angehörigen dieser Generation in allen sozialistischen Ländern.

Chruschtschow und der Krypto-Sozialdemokrat Gorbatschow verankerten (bekleidet mit der Autorität von Führern der KPdSU, die immer noch das Denken und Handeln der Kommunisten in den Ländern des Warschauer Paktes maßgeblich formten) ihr Geschichtsbild so fest in den Köpfen, dass heute die Infragestellung dieses Geschichtsbilds als kaum begreifliches Abweichen vom Denken in normalen Bahnen erscheint. Für mich zeugt das nur davon, wie tiefgreifend und langanhaltend die Prägung der „Kindheitsmuster“ das Denken von Generationen bestimmt; aber auch davon, wie notwendig es ist, ihnen vor Augen zu führen, dass sie sich in einem Bannkreis bewegen, aus dem man ausbrechen maß, wenn man Geschichte wieder vorurteilslos und objektiv betrachten und beurteilen will. Nur so aber kann man aus der Vergangenheit der kommunistischen Bewegung die richtigen Schlussfolgerungen für ihre Programmatik und künftige Politik ziehen.

Noch etwas. Die ND-Kolumne erweckt den Anschein, mir ginge es um die Rehabilitierung der Person Stalin, um ein „Zurück zum Klassiker“ Stalin, und ich leugnete, dass in der Sowjetunion unter Stalins Führung viele Menschen schreckliches Leid und Unrecht bis zu Todesurteilen und Lagertod aufgrund haltloser Beschuldigungen erlitten haben. Hätte ich wirklich versucht, erwiesene Tatsachen zu leugnen, und ließe mich menschliches Leid und Unrecht, das auf unser Konto, das Konto der der kommunistischen Bewegung geht, tatsächlich kalt, dann gäbe es dafür keine mildernden Umstände, auch nicht sozial-psychologischer Art, wie sie mir im ND immerhin mit der Vermutung eines Aktes „individueller Notwehr gegen den Zeitgeist“ eingeräumt werden. Wer aber meine Rede sorgfältig gehört hat, wird zugeben, dass Vorwürfe auf der Linie „Stalin-Weihe“ oder „Zurück zum Klassiker Stalin“ zu Unrecht erhoben werden.

Was ich fordere und zu erreichen suche, ist ganz einfach: auch die Oktoberrevolution, ihre führenden Gestalten und deren Handeln aus den Entstehungs- und Entwicklungsbedingungen dieser Revolution, aus den Bedingungen auch des Kampfes um ihre Verteidigung, zu erklären – so wie das für die Revolutionen und die Revolutionäre vergangener Jahrhunderte längst selbstverständlich ist. Die Erklärung revolutionärer Exzesse aus dem bösen Charakter der Revolutionäre sollten wir endlich auch in Bezug auf die Oktoberrevolution der Konterrevolution und ihren Ideologen überlassen.

4. Ein Leserbrief von Hanfried Müller zum Artikel im »Neuen Deutschland« vom 4.11.1994

Zur „Stalin-Weihe“ in den Weißenseer Blättern – oder zur antistalinistischen Panik und zum Revisionismussyndrom

Ich habe Kurt Gossweilers Thesen in den WBl zur Diskussion gestellt, weil ich sie für diskussionswürdig halte. Ich hätte das kaum gekonnt, wenn sie als „Stalin-Weihe“ zu verstehen wären. Denn für „Weihen“ haben die WBl keinen Sinn – sie bleiben evangelisch und werden nicht katholisch. Und ich hätte das auch nicht getan, wenn Gossweilers Rede zu der Parole führte, die das ND hineingelesen hat, nämlich „Zurück zum Klassiker Stalin“. Wir wollen jedenfalls vorwärts! Allerdings muss man Gorbatschow und Chruschtschow preisgeben, um über Stalin hinausgehen zu können, das heißt (ich füge dies an, weil ich weiß, dass hier noch mehr Missdeutungen als Missverständnisse lauern): um Stalin endlich hinter sich lassen zu können. Denn seine Zeit ist vergangen, und unsere Zeit mag alle möglichen Alternativen stellen, die Alternative „für oder gegen Stalin“ stellt sich schon darum nicht, weil es, soweit ich sehe, zwar eine Unzahl Antistalinisten, aber kaum noch Stalinisten gibt. Darum ist die Stalinhysterie anachronistisch und lenkt von den wirklichen Gegenwartsaufgaben im antiimperialistischen Widerstand ab. Und wenn das nicht immer ihr Zweck ist, so ist es doch stets ihr Ergebnis. Dazu gehört es, wenn jeder, der das Thema „Stalin“ zu versachlichen versucht, behandelt wird wie im Palästina der Zeitenwende jemand, der Aussätzige berührt hat. Wenn Mut dazu gehört, bestimmte historische Erscheinungen vorurteilsfrei zu untersuchen, fördert das nicht gerade eine wissenschaftlich-kritische Geschichtsschreibung.

Dr. Kurt Gossweiler wird vorgeworfen, er argumentiere mit zeitgenössischen Zitaten. Das gehört allerdings zur Methode seriöser Historiografie. Beweiskräftiger für eine Zeit sind allemal ihre eigenen Äußerungen als spätere Reflexionen über sie. Und hinsichtlich der „neuen Tatsachen“ ist zu differenzieren zwischen neu entdeckten alten und wirklich neuen Tatsachen. Zu letzteren gehören die Ergebnisse vergangenen Handelns. Sie können zwar vergangenes Handeln nicht erklären, sind aber wichtig, um es zu beurteilen. Eine solche neue Tatsache – die für das historische Urteil gravierend ist – ist die Niederlage des Sozialismus. Kurt Gossweiler fragt nach den Gründen, nämlich, ob der Sozialismus durch Zurückweichen vor seinen Gegnern, also durch Revisionismus und Opportunismus bei der (nicht durch die) Beendigung der Stalin-Ära oder durch revolutionäre Exzesse in ihr mehr geschwächt wurde.

Die Grundsatzfrage lautet: Ist die Niederlage des Sozialismus eine Fernfolge revolutionärer Exzesse oder die unmittelbare Folge der Unfähigkeit, sie sachgerecht statt opportunistisch zu überwinden? Sie erregt die Gemüter, wie mir scheint, weil es leichter fällt, den Vätern die Schuld revolutionärer Exzesse zuzuschreiben, als sich selbst die Schuld, die Errungenschaften des Sozialismus preisgegeben zu haben, zuerst von Chruschtschow, dann von Gorbatschow verführt. Die Leidenschaften brechen auf, wo man den Imperialismus beschwichtigen möchte und nicht hören will, dass Revisionismus keineswegs zur Domestizierung des Imperialismus, sondern stets zur Domestizierung seiner Opfer dient. Dass Gutwillige nicht merken, dass es nicht um Stalin, sondern um den Revisionismus als Selbstkastration revolutionärer Kräfte geht, finde ich in diesem Zusammenhang besonders schlimm. Aber es ist schwierig, dieser Verwirrung zu begegnen, solange jede Warnung vor Revisionismus und Opportunismus nur dazu führt, sich die Ohren zuzuhalten, die Augen zu verschließen und voller Entsetzen „Stalinismus“ zu rufen

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Andrea Schön – Geschichtslügen: Fundamente des Anti-„Stalinismus“

Quelle: offen-siv

Die wichtigsten Forschungsergebnisse nach Öffnung der Kreml-Archive

lügenDer Anti-„Stalinismus“, das trojanische Pferd in der kommunistischen Bewegung, steht und fällt mit dem Begriff des Stalinismus, d.h. einer aus der Personalisierung erwachsenen begrifflichen Verallgemeinerung „unsozialistischer“ Phänomene – vulgo: In der Stalinzeit wurde heftig von „sozialistischen Prinzipien“ abgewichen, und daran ist vor allem Stalin schuld. Verstanden wird dabei im abstrakt-revisionistischen Sprachgebrauch ein mehr oder minder kohärenter „Politiktyp“ einer auf sozialistischer Ökonomie basierenden Gesellschaft, der auf Elementen wie „Überzentralisierung“ in den Strukturen von Partei und Gesellschaft, administrativ-bürokratischen Methoden anstelle von kollektiven Entscheidungsprozessen bis hin zu „Kommandostrukturen“ insbesondere in der Wirtschaft etc. beruht, zur Entfremdung des einzelnen vom kollektiven Eigentum, zu gesellschaftspolitischer Passivität und schließlich zur Abstumpfung der Massen zu unkritischen Befehlsempfängern führt. Damit einher geht die Kritik, dass jener „Politiktyp“ sich außerstande erwiesen habe, die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution (Gewaltenteilung, bürgerliche Freiheitsrechte, Pluralismus etc.) positiv aufzuheben, d.h. ihre progressiven Aspekte in die Entwicklung der sozialistischen Gesellschaft einzubeziehen. Noch weiter zugespitzt, wird in geschichtsphilosophischer Manier in Anlehnung an den Verlauf der französischen Revolution ein „Thermidor“ in der Sowjetunion ausgemacht, d.h. die angebliche Vernichtung der Avantgarde der Revolution zugunsten der Herrschaft einer privilegierten bürokratischen Kaste.

Obwohl diese Ansätze sich marxistischer Begrifflichkeiten befleißigen, zeigt sich beim näheren Hinsehen, wie wenig die Dialektik zwischen Ökonomie und Politik im Sozialismus und damit einhergehend der Zusammenhang zwischen nationalem und internationalem Klassenkampf unter den konkret-historischen Bedingungen beachtet wird. Die Thematik ist allerdings zu komplex, um sie in einem kleinen Artikel auch nur ansatzweise sinnvoll zu behandeln. Es sind dazu auch schon viele wertvolle Analysen in der offensiv und in der Zeitschrift Rotfuchs erschienen und werden sicherlich auch noch in Zukunft erscheinen.

Ich möchte mich in diesem Artikel auf jene Zahlen und Fakten konzentrieren, die als „Hintergrundstrahlung“ der vorgenannten „Stalinismus“-Debatte immer mitschwingen – ob man sich auf sie explizit bezieht oder nicht: Es handelt sich um die „Opfer des Stalinismus“, deren vermutete Zahl den zumeist völlig unreflektierten Ausgangspunkt einer solchen Debatte bildet; unreflektiert deshalb, weil es an erster Stelle die Frage des Gegners ist, an der man (Kommunist) sich abarbeitet, dabei unmerklich bis unweigerlich in eine völlig metaphysische, d.h. ahistorisch moralisierende Diskussion gerät – und in jene Defensive, in die eigentlich der Gegner gehört, der es bis heute nicht verwinden kann, dass die Sowjetunion unter Stalin dem imperialistischen Lager seine bisher größten und schmachvollsten Niederlagen beigebracht hat.

Man stelle sich z.B. vor, Stalin hätte mit seinem Team in nur einem Jahrzehnt die Sowjetunion aus dem Mittelalter in die Neuzeit navigiert, anschließend die Hitlerarmee zerschmettert und im Anschluss daran das Land binnen fünf Jahren wieder auf Vorkriegsniveau gebracht – und das Ganze ohne eine „Unzahl“ von Opfern, die natürlich ein riesiges Ausmaß annehmen muss, damit auch der skrupelloseste Genosse, moralisch bis ins Mark erschüttert, niemals mehr aus der Frage entlassen wird: „War das die Sache wert?“

Nach Vernachlässigung des ideologischen Phrasengeflechts um den Stalinismus-Begriff bleibt als Kern: die Anzahl der Opfer. Im folgenden möchte ich mich mit dem hierzu vorliegenden Datenmaterial beschäftigen, wie es insbesondere von Mario Sousa, Parteimitglied der schwedischen KPML(r), in seinem Artikel „Lies concerning the history of the Soviet Union“ (Lügen in Bezug auf die Geschichte der Sowjetunion) zusammengetragen wurde.

Nach Öffnung der Archive des Zentralkomitees der KPdSU erschienen im Jahre 1990 einige wissenschaftliche Arbeiten zu diesem Thema, die in der Weltöffentlichkeit kaum Beachtung fanden – anders als etwa das berüchtigte „Schwarzbuch des Kommunismus“ (Stephane Courtois et al., Frankreich 1997), das die „Stalin-Opfer“ auf bis zu 20 Millionen hochrechnet (pikanterweise entspricht diese Zahl den russischen Kriegsopfern im Zweiten Weltkrieg) oder ähnlich illustre Literatur, die nach dem „Wer bietet mehr?“-Paradigma operiert.

Nazis lancieren Opfer-Legende

Bevor die aufgedeckten statistischen Daten genauer betrachtet werden, sei zunächst ein kurzer Blick auf die Entstehungsgeschichte der Opferlegende geworfen.

Wie bereits 1925 in Hitlers „Mein Kampf“ angekündigt, galt die Ukraine als die „Kornkammer“ für das „Volk ohne Raum“ und damit als eines der wichtigsten Kriegsziele des deutschen Faschismus im Osten. Um den kriegerischen Feldzug propagandistisch vorzubereiten, startete Goebbels eine Hetzkampagne gegen die Bolschewiken der Ukraine, die angeblich ihr Volk einer bewusst von Stalin provozierten Hungerkatastrophe auslieferten. Die Kampagne erwies sich allerdings als allzu durchsichtig im Hinblick auf die dahinter stehenden faschistischen Kriegsziele.

Unterstützung nahte jedoch von William Hearst, dem Gründer der Regenbogenpresse in den USA, dem in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts 25 Tageszeitungen, 24 Wochenzeitungen, 12 Radiostationen, eine der ersten Fernsehstationen und 2 Nachrichtenagenturen gehörten. Die Gesamtauflage der Zeitungen betrug 13 Millionen Exemplare pro Tag und wurde von einem Drittel der erwachsenen Bevölkerung in den USA gelesen. 1934 wurde der ultra-konservative Nationalist und Antikommunist Hearst von Hitler als Gast und Freund empfangen. Nach diesem Besuch waren Hearsts Zeitungen plötzlich voll von Horrorstories über die Sowjetunion – von angeblichem Völkermord über Fälle von Sklaverei, einer im Luxus schwelgenden Führung etc. Das Material lieferte die Gestapo.

Zu den ersten Kampagnen gehörte die besagte über die ukrainische Hungersnot: „6 Millionen Menschen sterben Hungers in der Sowjetunion“, titelte die Chicago American am 18.2.1935 und lancierte Berichte, wonach diese von den Bolschewiki absichtlich herbeigeführt worden sei.
(Nebenbei: Der dafür bezahlte Lohnschreiber nannte sich Thomas Walker, ein angeblich weitgereister Journalist, der jahrelang die Sowjetunion durchquert hatte. Wir kommen auf ihn noch zurück.)

Tatsächlich wissen wir, dass der Beginn der dreißiger Jahre von heftigen Klassenauseinandersetzungen auf dem Lande geprägt war: Arme, landlose Bauern revoltierten gegen die Kulaken, reiche Landbesitzer, um die Bildung von Kolchosen (Genossenschaften) durchzusetzen. Ein großer Teil der Kulaken wiederum versuchte seinerseits die Einbringung seines riesigen Privateigentums an Boden und Landwerkzeugen in die Kolchosenwirtschaft zu verhindern – indem er sein Vieh abschlachtete, durch Sabotageaktionen oder durch gezielte Unterwanderung der Kolchosen. Insgesamt waren 120 Millionen Bauern in diese heftigen Klassenkämpfe verwickelt. Die Partei hatte dabei die extrem schwierige Aufgabe, die Massenbewegung zur Enteignung der Kulaken in geordnete Bahnen zu lenken und zugleich die Landfrage als Klassenfrage grundsätzlich zu lösen (d.h. die Enteignung der Kulaken durchzusetzen). Insbesondere die Zusammenstöße mit rechten Nationalisten in der Ukraine führten zu heftigen Nahrungsmittelengpässen. Aber es war gerade diese reaktionäre Clique, die die Nazis während der Besatzung in ihrem Völkermord an den Juden unterstützte und nach dem Zweiten Weltkrieg im U.S.-amerikanischen Exil zynischerweise die Mär vom „ukrainischen Holocaust“ in die Welt setzte, der auch noch der Opferzahl der Juden entsprach: 6 Millionen (vgl. dazu Martens, S. 129 ff).

Opfer-Legende zum Zweiten

Die Lügen der Nazis überstanden den Zweiten Weltkrieg, indem sie vom amerikanischen und vom britischen Geheimdienst (CIA und MI5) kultiviert wurden und immer einen bevorzugten Platz in der Propaganda gegen die Sowjetunion einnahmen. Auch McCarthys Hexenjagd in den fünfziger Jahren basierte auf den Märchen der Millionen Hungertote in der Ukraine. 1953 erschien in den USA ein Buch mit dem Titel „Black Deeds of the Kremlin“ (Die schwarzen Taten des Kreml), finanziert von in die USA geflüchteten ukrainischen Nazi-Kollaborateuren. Während der US-Präsidentschaft von Ronald Reagan in den Achtzigern wurde dieselbe Propaganda-Platte erneut aufgelegt, und 1984 erhielt diese durch das Buch eines Harvard-Professors mit dem Titel „Human Life in Russia“ (Leben in Rußland) wissenschaftliche Weihen. Im Jahre 1986 erschien ein weiteres Buch zum Thema, diesmal von einem ehemaligen Mitglied des britischen Geheimdienstes, Robert Conquest, seines Zeichens Professor an der Stamford University in Kalifornien, mit dem Titel „Harvest of Sorrow“ (in deutscher Übersetzung: Ernte des Todes). Für dieses Werk erhielt Robert Conquest 80.000 US-Dollar von der faschistischen Ukraine National Organisation, die 1942 in der Ukraine eine Partisanenarmee zur Unterstützung der Nazis aufbaute und deren Mitglieder zum größten Teil als Polizisten, Hinrichtungskommandos, Partisanenjäger und örtliche Verwaltungsbeamte für die Gestapo oder die SS gearbeitet hatten (vgl. Martens, S. 127). Diese Organisation finanzierte im übrigen auch 1986 einen Film mit dem Namen „Harvest of Despair“ (wörtlich: Ernte der Verzweiflung), der u.a. auf Conquests Material basiert. Zu jenem Zeitpunkt hatten die angeblichen Hungertoten der Ukraine bereits eine stattliche Zahl von 15 Millionen erreicht.

Ein Lichtblick in dem immer wieder neu aufgelegten Lügengespinst ist die Veröffentlichung von Douglas Tottle, einem kanadischen Journalisten, dessen Buch mit dem Titel „Fraud, Famine and Fascism, The Ukrainian Genocide Myth from Hitler to Harvard“ (Fälschung, Hunger und Faschismus,Der Mythos vom ukrainischen Völkermord von Hitler bis Harvard) 1987 in Toronto erschien und materialreich die hartnäckig konservierte Lügenpropaganda widerlegte. Unter anderem konnte er nachweisen, dass diverse Autoren, darunter Conquest, Fotos von hungernden Kindern verwendet haben, die nachweislich aus dem Jahre 1922 stammen – Folgen des Interventionskrieges gegen die Sowjetunion! Des weiteren weist Tottle nach, dass Thomas Walker, jener Journalist, der für die Horrorberichte der Ukraine verantwortlich zeichnete, in Wirklichkeit auf den Namen Robert Green hörte, ein entlaufener Strafgefangener aus dem Staatsgefängnis von Colorado war und vor Gericht zugab, niemals in der Ukraine gewesen zu sein. Und ausgerechnet die Berichte des eigentlichen Moskau-Korrespondenten der Hearst-Presse, Lindsay Parrott, z.B. über die ausgezeichnete Ernte in der Sowjetunion im Jahre 1933 und die erzielten Fortschritte in der Ukraine, seien nie veröffentlicht worden. Parrott hielt sich 1934 in der Ukraine auf und konnte nach dem erfolgreichen Erntejahr keinerlei Anzeichen einer Hungersnot bemerken (Tottle; zit. n. Martens, S. 116).

Conquest und Solschenizyn – Opferlegende zum Dritten

Nach wie vor zu den berühmtesten Autoren über Millionentote in der Sowjetunion gehört Robert Conquest, der eigentliche Schöpfer aller Mythen und Lügen, die nach dem Zweiten Weltkrieg Verbreitung fanden. Seine bekanntesten Bücher sind „The Great Terror“ (Der große Terror) von 1969 und „Harvest of Sorrow“. Danach sind nicht nur Millionen Menschen in der Ukraine Hungers gestorben, sondern ebenso in den Arbeitslagern des Gulag und im Zuge der Moskauer Prozesse 1936-38. Die Quellen von Conquest sind exilierte Ukrainer in den USA, eine illustre Gesellschaft, die den rechtesten Parteien angehörte und die Nazis im Zweiten Weltkrieg unterstützte. Viele der Helden von Conquest sind bekannt als Kriegsverbrecher, die am Genozid an der jüdischen Bevölkerung in der Ukraine 1942 beteiligt waren, darunter der verurteilte Kriegsverbrecher Mykola Lebed, Sicherheitschef in Lwow während der Besatzung. Er wurde unter die Fittiche der CIA genommen, der er als „Informations“quelle zur Verfügung stand.

Conquests Vergangenheit als ehemaliger Agent in der Desinformationsabteilung (Information Research Department (IRD)) des britischen Geheimdienstes – zuständig für das gezielte Lancieren von „Informationen“ in der ausländischen Presse – wurde am 27.1.1978 in einem Artikel des Guardian enthüllt. Das IRD wiederum erhielt traurige Berühmtheit durch seine Verstrickung in den Rechtsextremismus, weshalb es seine Tätigkeit 1977 einstellen musste. Bis dahin gelang es ihm, mehr als 100 der bekanntesten Journalisten Großbritanniens – von der Financial Times, The Times, dem Economist, dem Daily Mail und Daily Mirror, The Express, The Guardian etc. – mit Desinformationsmaterial zu versorgen. Robert Conquest arbeitete für den IRD bis 1956 mit der Aufgabe, zur sogenannten „schwarzen Geschichte“ der Sowjetunion beizutragen. Auch nachdem Conquest offiziell den Dienst verlassen hatte, schrieb er seine Bücher mit dessen Unterstützung. So bestand „The Great Terror“ im wesentlichen aus Material, das er in seiner Zeit beim Geheimdienst gesammelt hatte, und erschien mit Unterstützung des IRD. Conquests Hauptadressaten waren nützliche Idioten wie Universitätsprofessoren und Medienleute, die seinen Lügen ein breitestmögliches Publikum bescherten.

Ein weiterer berühmter „Gulag“-Autor ist der hinlänglich bekannte Alexander Solschenizyn, der wegen konterrevolutionärer Aktivitäten in Form von Verbreitung antisowjetischer Propaganda 1946 zu acht Jahren Arbeitslager verurteilt worden war. Er vertrat die Ansicht, dass der Krieg gegen Nazideutschland durch einen Kompromiss mit Hitler zu verhindern gewesen wäre, und klagte die sowjetische Regierung und Stalin an, angesichts der schrecklichen Kriegsfolgen eine noch schlimmere Rolle als Hitler gespielt zu haben. Solschenizyn machte keinen Hehl aus seinen Nazisympathien. Mit Zustimmung und Hilfe Chruschtschows begann er 1962 mit der Veröffentlichung seiner Bücher, 1970 erhielt er für seinen „Archipel Gulag“ den Nobelpreis für Literatur, 1974 emigrierte er in die Schweiz und anschließend in die USA. Dort wurde er gerne als Vortragsreisender herumgereicht, u.a. zum AFL-CIO Gewerkschaftskongress im Jahre 1975 geladen und am 15.7.1975 sogar vor den US-Senat zur Einschätzung der Weltlage. Er agitierte für eine erneute Intervention in Vietnam (nach der Niederlage der USA!) zur Befreiung der angeblich Tausenden von gefangenen und versklavten U.S.-Soldaten sowie für einen amerikanischen Einmarsch in Portugal angesichts der sogenannten Nelken-Revolution 1974. Konsequenterweise betrauerte er die Befreiung der portugiesischen Kolonien in Afrika und propagierte die weitere Aufrüstung der USA gegen eine Sowjetunion, die angeblich über fünf- bis siebenmal so viele Panzer und Flugzeuge verfügte und über zwei- bis drei-, wenn nicht fünfmal so viele Atomwaffen. Besonders pikant: Im spanischen Fernsehen warnte er 1976 vor demokratischen Liberalisierungen u.a. mittels Verweis auf die 110 Millionen Opfer des russischen Sozialismus. Solschenizyns Sympathie für das ehemalige Zarenregime, die russisch-orthodoxe Kirche und seine pro-faschistischen Äußerungen ließen ihn als antisozialistischen Propagandisten schließlich in den Augen kapitalistischer Meinungsmacher erheblich an Wert verlieren (vgl. Sousa).

Die statistischen Methoden der Opferzähler

Conquest, Solschenizyn sowie der ebenfalls hinlänglich bekannte „Antistalinist“ Roy Medwedew verwendeten für ihre Opferzählungen statistisches Material aus der Sowjetunion, z.B. nationale Volkszählungen. Auf diese wurde ungeachtet der konkreten Situation im Lande noch ein statistischer Bevölkerungszuwachs geschlagen. Daraus ergab sich eine Soll-Einwohnerzahl für die jeweils betreffenden Jahre. Die Differenz zu den Ist-Zahlen bedeutete danach entweder Tod oder Gefangenschaft. Tottle beschreibt diese Methode an folgendem Beispiel: „Nimmt man die Angaben der Volkszählung des Jahres 1926 () und diejenigen der Erfassung vom 17. Januar 1939 () sowie einen jährlichen Wachstumsdurchschnitt vor der Kollektivierung (2,36%), so kann errechnet werden, dass die Ukraine () im Zwischenzeitraum dieser beiden Volkszählungen 7,5 Millionen Menschen verloren hat“ (zit. n. Martens, S. 122). Es ist klar, dass jeder halbwegs ernst zu nehmende westliche Wissenschaftler sich gegen eine solche Methode verwahren würde – ginge es nicht um die Sowjetunion. (Die Ukraine hatte im Jahre 1939 nicht einmal die gleichen Grenzen wie 1926, abgesehen von weiteren Faktoren wie Geburtenrückgang infolge des Interventionskrieges, Wechsel von eingetragener Nationalitätszugehörigkeit, Migrationen etc.)

Conquest errechnete auf diese Weise 1961 6 Millionen Hungertote in der Sowjetunion zu Beginn der 30er Jahre und erhöhte diese Zahl 1986 auf 14 Millionen. Für die Moskauer Prozesse allein errechnete er sieben Millionen Gefangene 1937-38 und eine Gesamtzahl von 12 Millionen politischen (!) Gefangenen in den Arbeitslagern im Jahre 1939 (im Jahre 1950 soll es abermals 12 Millionen politische Gefangene in der SU gegeben haben). Die gewöhnlichen Kriminellen haben nach Conquest diese Zahl noch bei weitem übertroffen, so dass in den Arbeitslagern angeblich 25-30 Millionen Gefangene saßen. Von den politischen Gefangenen seien zwischen 1937 und 1939 eine Million ermordet worden, weitere zwei Millionen seien Hungers gestorben. Einschließlich „statistischer Anpassungen“ kam Conquest auf insgesamt 12 Millionen getötete politische Gefangene zwischen 1930 und 1953. Zusammen mit den Hungertoten der dreißiger Jahre ergibt das 26 Millionen Todesopfer auf das Konto der Bolschewiken (Stalin).

Die Phantasiezahlen erschienen in der bürgerlichen Presse der sechziger Jahre als Fakten, die angeblich auf wissenschaftlich-statistischen Methoden beruhen, und – obwohl maßgeblich aus dem Hause CIA/MI5 stammend – wurden bzw. werden sie bis heute von weiten Teilen der westlichen Bevölkerung (einschließlich der Linken) als bare Münze genommen. Gerade von jenen sich als links, progressiv, marxistisch etc. verstehenden Kreisen sollte man annehmen, dass sie die Quellen jeder Berichterstattung über die SU schon aus Prinzip unter die Lupe nehmen anstatt zwanghaft jeden Horrorbericht (insbesondere über die „Stalinzeit“) nachzuäffen.

Doch die Situation verschlimmerte sich noch wesentlich unter Gorbatschow. Bis 1990 konnten Figuren wie Solschenizyn, Sacharow und Medwedew in der Sowjetunion niemanden mit ihren Hirngespinsten beeindrucken. Als dann aber die „freie Presse“ eröffnet wurde, galt alles Oppositionelle und gegen den Sozialismus Gerichtete plötzlich als positiv und berichtenswert – mit desaströsen Folgen: Eine unglaubliche Inflation der angeblich Verhafteten und Getöteten setzte ein, und nach dem Motto „Wer bietet mehr?“ verstieg man sich schon bald in die zig Millionen „Opfer der Kommunisten“. Die Hysterie der von Gorbatschow protegierten „freien Presse“ spülte wieder die Lügen von Conquest und Solschenizyn an die Oberfläche und forderte die Öffnung der Archive.

Gorbatschow öffnet die Archive und die Opferlegende zerbricht. Der offizielle Bericht über das sowjetische Strafsystem

Als im Jahre 1990 schließlich Gorbatschow die Archive des Zentralkomitees der KPdSU für historische Studien öffnen ließ, geschah etwas sehr Merkwürdiges: Die so lange Zeit ersehnte Öffnung der Archive, die allen Todesopferspekulanten die endliche Bestätigung ihrer mühsamen Rechnereien verheißen hatte, wurde plötzlich mit völligem Desinteresse und Grabesstille in den Medien quittiert.

Die Forschungsergebnisse, die die russischen Historiker W.N. Zemskow, A.N. Dugin und O.W. Xlewnjuk (Schreibweise aus dem Englischen übertragen!) seit 1990 in wissenschaftlichen Fachzeitschriften vortrugen, blieben völlig unbeachtet. Die Forschungsergebnisse gelangten nie über die engen professionellen Kreise der Fachzeitschriften hinaus und waren damit unfähig, die allgemeine Opferhysterie der großen Medien auch nur anzukratzen.

Auch im Westen wurden die Ergebnisse der Archivöffnung ignoriert und fanden sich weder in den großen Blättern der Printmedien noch in irgendeinem Fernsehsender. Die linke Presse dokumentierte ebenfalls wenig sichtbares Interesse an den Forschungsergebnissen, nicht zu reden von offizieller Revidierung bis dato unkritisch kolportierter Schauermärchen zum Thema „Verbrechen des Stalinismus“. Was war geschehen?

Der offizielle Bericht über das sowjetische Strafsystem umfasst beinahe 9.000 Seiten. Es haben viele Autoren daran mitgearbeitet, zu den bekanntesten zählen die genannten russischen Historiker Zemskow, Dugin und Xlewnjuk. Im Westen wurde der Bericht als Ergebnis der Zusammenarbeit von Forschern aus verschiedenen westlichen Ländern vorgestellt. Die Daten, auf die sich Mario Sousa bezieht und die wie eingangs erwähnt das eigentliche Thema dieses Artikels sind, wurden im Jahre 1993 veröffentlicht:

  • in der französischen Zeitschrift „L’Histoire“ (Die Geschichte) von Nicholas Werth, Forschungsleiter des französischen Forschungszentrums Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS – Nationales wissenschaftliches Forschungszentrum)
  • in der Zeitschrift „American Historical Review“ (Amerikanische Geschichtsbetrachtung) von J. Arch Getty, Geschichtsprofessor an der Universität von Kalifornien, Riverside, zusammen mit G.T. Rettersporn, einem CNRS-Forscher, sowie dem russischen Wissenschaftlicher Zemskow vom Institut für russische Geschichte an der russischen Akademie der Wissenschaften

Mario Sousa weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hin, dass keiner der beteiligten Forscher dem sozialistischen Lager zuzurechnen ist, es sich vielmehr um bürgerliche, zum Teil offen reaktionäre Forscher handelt – mit dem entscheidenden Unterschied allerdings, dass diese ihre wissenschaftliche Integrität über jede ideologische Befangenheit stellen, d.h. keine Datenfälschung im Interesse ihrer ideologischen Orientierung bzw. ihres Geldbeutels betreiben.

So geben die Daten reichhaltig Auskunft zu den folgenden Fragestellungen:

  • Bestandteile des sowjetischen Strafsystems
  • Anzahl der politischen und nicht-politischen Gefangenen-Anzahl der Todesopfer in den Arbeitslagern
  • Anzahl der Todesurteile vor 1953, insbesondere in den Säuberungen der Jahre 1937-38
  • durchschnittliche Dauer der Gefängnisstrafen

Der Gulag

Ab 1930 zählten zum sowjetischen Strafsystem Gefängnisse, die Arbeitslager und Arbeitskolonien des Gulag sowie spezielle offene Bereiche und Geldstrafen.

Die Untersuchungshaft fand in den normalen Gefängnissen statt. Die Strafen bei einem Schuldspruch reichten von einer Geldstrafe in Form eines bestimmten Prozentsatzes vom Lohn für einen definierten Zeitraum über eine Haftstrafe bis hin zum Todesurteil.

In die Arbeitslager wurden jene geschickt, die ein schweres Verbrechen begangen hatten (Mord/Totschlag, Raub, Vergewaltigung, Wirtschaftskriminalität etc.), sowie ein großer Teil der wegen konterrevolutionärer Aktivitäten Verurteilter. Auch jene, die zu mehr als drei Jahren Freiheitsstrafe verurteilt wurden, konnten in Arbeitslager geschickt werden. Umgekehrt konnten Gefangene nach einer bestimmten Zeit im Arbeitslager in eine Arbeitskolonie oder in einen speziellen offenen Bereich überführt werden.

1940 gab es 53 Arbeitslager, in denen die Inhaftierten in großen Gebieten unter strenger Aufsicht arbeiteten.

Es gab 425 Arbeitskolonien, d.h. viel kleinere Einheiten als die Arbeitslager, mit einem freieren Reglement und weniger Aufsicht. Hierhin kamen Gefangene mit kürzeren Haftstrafen, deren Verbrechen bzw. politische Vergehen weniger schwerwiegend waren. Sie arbeiteten als gleichberechtigte Bürger in Fabriken oder auf dem Land und bildeten einen Teil der Zivilgesellschaft. In den meisten Fällen gehörte der gesamte Arbeitslohn dem Gefangenen, er war damit seinen Kollegen gleichgestellt.

Die speziellen offenen Bereiche waren in der Regel landwirtschaftliche Gebiete, in die Kulaken verbannt wurden, die im Zuge der Kollektivierung enteignet worden waren. Außerdem kamen dorthin auch Gefangene, die minderschwere Verbrechen begangen hatten.

454.000 sind nicht 9 Millionen!

Die nachfolgende Tabelle gibt eine Übersicht über die in den jeweiligen Lagern bzw. Gefängnissen zwischen 1934 und 1953 Inhaftierten, darunter den Anteil der wegen politischer Verbrechen Verurteilten sowie alle Todesopfer:

 

z. 1.

Janu-ar

Arbeits-lager

politi-sche
Gefan-gene

Anteil in %

Ge-stor-ben

Anteil in %

vorzeitig
entlassen

Ent-kom-men

Arbeits-kolonie

Gefäng-
nisse

Häftlinge
insgesamt

1934

510.307

135.190

26,5

26.295

5,2

147.272

83.490

510.307

1935

725.438

118.256

16,3

28.328

3,9

211.035

67.493

240.259

965.697

1936

839.406

105.849

12,6

20.595

2,5

369.544

58.313

457.088

1.296.494

1937

820.881

104.826

12,8

25.376

3,1

364.437

58.264

375.488

1.196.369

1938

996.367

185.324

18,6

90.546

9,1

279.966

32.033

885.203

1.881.570

1939

1.317.195

454.432

34,5

50.502

3,8

223.622

12.333

355.243

350.538

2.022.976

1940

1.344.408

444.999

33,1

46.665

3,5

316.825

11.813

315.584

190.266

1.850.258

1941

1.500.524

420.293

28,7

100.997

6,7

624.276

10.592

429.205

487.739

2.417.468

1942

1.415.596

407.988

29,6

248.877

18,0

509.538

11.822

360.447

277.992

2.054.035

1943

983.974

345.397

35,6

166.967

17,0

336.135

6.242

500.208

235.313

1.719.495

1944

663.594

268.861

40,7

60.948

9,2

152.113

3.586

516.225

155.213

1.335.032

1945

715.506

283.351

41,2

43.848

6,1

336.750

2.196

745.171

279.969

1.740.646

1946

600.897

333.833

59,2

18.154

3,0

115.700

2.642

956.224

261.500

1.818.621

1947

808.839

427.653

54,3

35.668

4,4

194.886

3.779

912.794

306.163

2.027.796

1948

1.108.057

416.156

38,0

27.605

2,5

261.148

4.261

1.091.478

275.850

2.475.385

1949

1.216.361

420.696

34,9

15.739

1,3

178.449

2.583

1.140.324

2.356.685

1950

1.416.300

578.912

22,7

14.703

1,0

216.210

2.577

1.145.051

2.561.351

1951

1.533.767

475.976

31,0

15.587

1,0

254.269

2.318

994.379

2.528.146

1952

1.711.202

480.766

28,1

10.604

0,6

329.446

1.253

793.312

2.504.514

1953

1.727.970

465.256

26,9

5.825

0,3

937.352

785

740.554

2.468.524

Quelle: „Custodial Population 1934-1953“ (Bevölkerung in Gewahrsam in der UdSSR 1934-1953), The American Historical Review

Aus diesen Zahlen lässt sich eine Reihe von Schlussfolgerungen ableiten:

Zunächst kann man sie mit den Daten von Robert Conquest vergleichen. Wir erinnern uns, dass nach Conquests Behauptung im Jahre 1939 12 Millionen politische Gefangene in den Arbeitslagern gewesen und davon 3 Millionen in der Zeit von 1937 bis 1939 ums Leben gekommen sind.

Und Conquest spricht in diesem Zusammenhang ausschließlich von politischen Gefangenen!

Im Jahre 1950 gab es nach Conquest ebenfalls 12 Millionen politische Gefangene. Wie man nun ersehen kann, stimmen seine Daten nicht einmal entfernt mit den recherchierten Archivdaten überein. 1939 betrug die Gesamtzahl aller Gefangenen in allen Formen des Gewahrsams insgesamt 2 Millionen. Von diesen waren 454.000 politischer Verbrechen für schuldig befunden – nicht 12 Millionen wie Conquest behauptet, und rund 165.000 starben zwischen 1937 und 1939 im Arbeitslager – nicht etwa 3 Millionen; das sind in diesem Zeitraum 5,3% aller Arbeitslagerinsassen. Zum leichteren Überblick:

Im Zeitraum nach Behauptung Conquests nach Archivdaten
1939 12 Mio. pol. Gefangene in Gulags 454.432
1937-39 3 Mio. tote politische Gefangene 166.424 Tote insg.
1950 12 Mio. politische Gefangene 578.912

Insgesamt lebten im angegebenen Zeitraum 2,5 Millionen Sowjetbürger in Gefangenschaft, d.h. 2,4% der erwachsenen Bevölkerung – sicherlich keine geringe Zahl und ein Indikator für die noch bestehenden Widersprüche in der Gesellschaft. Trotzdem lag die Zahl noch unter der der imperialistischen Hauptmacht. Ein Vergleich mit den Daten aus den USA: 1996 gab es im reichsten Land der Welt 5,5 Millionen Gefangene, d.h. 2,8% der erwachsenen Bevölkerung.

Nun zur Frage der Todesopfer. Der prozentuale Anteil der im Arbeitslager Verstorbenen variiert im angegebenen Zeitraum zwischen 0,3% und 18%. Die Todesursachen waren im wesentlichen auf die allgemeine Mangelsituation im Lande zurückzuführen, insbesondere die medizinische Versorgungslage zur Bekämpfung von Epidemien. Das betraf damals allerdings wie erwähnt nicht nur die Sowjetunion, sondern auch alle entwickelten Länder. Erst mit der Erfindung des Penicillin während des Zweiten Weltkrieges wurde ein wirksames Mittel gegen ansteckende Krankheiten geschaffen. Tatsächlich waren es wiederum die Kriegsjahre, in denen die Hälfte aller Todesfälle im untersuchten Zeitraum zu verzeichnen war. Nicht zu vergessen die 25 Millionen Todesopfer, die „in Freiheit“ starben. Der systematische Rückgang der Todesopfer nach dem Zweiten Weltkrieg (nominal und prozentual) ist denn auch auf die verbesserte medizinische Versorgung zurückzuführen.

Todesurteile und Hinrichtungen

Robert Conquest behauptet, die Bolschewiken hätten 12 Millionen politische Gefangene in den Arbeitslagern zwischen 1930 und 1953 getötet. Davon sei 1 Million bei den Säuberungen 1937 und 1938 umgekommen. Solschenizyn spricht gar von zig Millionen Toten in den Arbeitslagern, davon 3 Millionen allein 1937/38. Diese Zahl wurde im Zuge der „Wer bietet mehr?“-Kampagne unter Gorbatschow noch weit übertroffen. So nennt die Russin Olga Schatunowskaja etwa 7 Millionen Tote während der 1937/38 Säuberungen.

Die Daten aus diversen Archiven sprechen hingegen eine andere Sprache: Man muss dabei berücksichtigen, dass die Forscher sich verschiedener Quellen bedienten und diese miteinander abglichen. Dabei waren Doppelzählungen sicherlich nicht zu vermeiden. So wurden beispielsweise nach Dimitri Wolkogonow, von Jelzin als Verantwortlicher für die Sowjetarchive ausersehen, 30.514 Personen bei Militärtribunalen in den Jahren vom 1.10.1936 bis 30.9.1938 zum Tode verurteilt. Eine andere Zahl stammt vom KGB: Nach Informationen, die im Februar 1990 der Presse freigegeben wurden, sind in den 23 Jahren zwischen 1930 und 1953 786.098 Menschen wegen Verbrechen gegen die Revolution zum Tode verurteilt worden, davon 681.692 in den Jahren 1937 und 1938. Diese Zahlen bedürfen allerdings noch der Überprüfung. Nach den vorliegenden Daten aus den Archiven schätzt Mario Sousa die Zahl der tatsächlich vollstreckten Todesurteile 1937-38 auf ca. 100.000. Viele Todesurteile seien in Haftstrafen umgewandelt worden bzw. basierten auf Verbrechen wie Mord oder Vergewaltigung.

Schließlich bleibt noch die Frage nach der durchschnittlichen Dauer der Strafe in einem Arbeitslager. Die antikommunistischen Propagandisten erwecken den Eindruck, dass ein Strafgefangener normalerweise das Arbeitslager nicht überlebte bzw. endlos lange gefangen gehalten wurde. Es zeigt sich jedoch, dass die Strafzeit in der Stalinzeit für den größten Teil der Gefangenen maximal 5 Jahre betrug. So erhielten nach der American Historical Review 82,4% der gewöhnlichen Kriminellen im Jahre 1936 Haftstrafen von bis zu 5 Jahren und 17,6% zwischen 5 und 10 Jahren. Von den politischen Gefangenen erhielten 44,2% Haftstrafen bis zu 5 Jahren und 50,7% zwischen 5 und 10 Jahren. Für 1939 liegen von sowjetischen Gerichten folgende Zahlen vor: 95,9% bis zu 5 Jahre, 4% zwischen 5 und 10 Jahre und 0,1% über 10 Jahre.

Was die Kulaken betrifft, so wurden 381.000 Familien, d.h. 1,8 Millionen Menschen im Zuge der Enteignung in die Verbannung geschickt, wovon der kleinere Teil Arbeit in den Lagern oder Kolonien verrichten musste. Aufgrund heftiger Klassenauseinandersetzungen zwischen den Kulaken und den ärmeren Bauern, die schließlich darin gipfelten, dass die Großbauern Kolchosfarmen überfielen, Bauern und Parteiarbeiter töteten, Felder anzündeten und Vieh abschlachteten, um Hungersnöte zu provozieren, wurden schließlich 1,8 Millionen der 10 Millionen Kulaken verbannt oder verurteilt. Bei diesen Klassenzusammenstößen waren wie erwähnt 120 Millionen Menschen involviert, so dass mit Sicherheit in diesem Zusammenhang auch manche Ungerechtigkeiten geschehen sind.

Die „Säuberungen“ von 1937

Die Moskauer Prozesse waren der Endpunkt langjähriger Auseinandersetzungen mit Trotzki und seinen Anhängern, die die Beschlüsse des ZK kritisierten, umgingen, sabotierten und grundsätzlich nicht die innerparteilichen Mehrheitsverhältnisse akzeptierten. Das führte schließlich zu Kampfmitteln jenseits offizieller Diskurse: Industriesabotage, Spionage für den potentiellen Kriegsgegner (Deutschland, Japan) und schließlich er Landesverrat (Vereinbarungen zwischen Leo Trotzki und der deutschen Reichswehr bzw. Reichsregierung über die Abtretung großer Landesteile der Sowjetunion im Falle einer Naziinvasion, Umsturz der bestehenden und Ersetzung durch eine trotzkistische Regierung); vgl. u.a. Kahn & Sayers, Drittes Buch, S. 215 ff. Die Untersuchung der Umstände der Ermordung Kirows brachten nach und nach das verschwörerische Netzwerk ans Tageslicht.

Eine weitere Verschwörung fand in der Armee um Marschall Tuchatschewski statt, die eine Säuberung in der Roten Armee nach sich zog. Auch hierzu liegen von Conquest Horrorzahlen vor: Danach wurden 15.000 Offiziere und 20.000 Kommissare (d.h. die Hälfte der angeblich 70.000 Offiziere und politischen Kommissare der Roten Armee) gefangen genommen und entweder hingerichtet oder zu lebenslanger Haft in den Arbeitslagern verurteilt. Der Historiker Roger Reese gibt in seiner Arbeit „The Red Army and the Great Purges“ (Die Rote Armee und die großen Säuberungen) hingegen folgende Fakten: Im Jahre 1937 gab es 144.300 Offiziere und politische Kommissare in Armee und Luftwaffe und 282.300 im Jahre 1939. Während der Säuberungen 1937/38 wurden 34.300 Offiziere und Kommissare aus politischen Gründen entlassen. Bis zum Mai 1940 wurden allerdings 11.596 rehabilitiert und wieder in ihre Posten eingesetzt. Das heißt, zu den Entlassenen zählten 22.705 Offiziere und Kommissare (davon 13.000 Armeeoffiziere, 4.700 Luftwaffenoffiziere und 5.000 politische Gefangene). Das sind insgesamt 7,7% aller Offiziere und Kommissare, wovon wiederum nur ein geringer Teil als Verräter verurteilt wurde, während der Rest ins zivile Leben zurückkehrte.

Insgesamt wird die Verfolgung der Konterrevolution als Klassenfrage unter anderem anhand der Zugehörigkeit politischer Gefangener zu bestimmten Berufsgruppen deutlich. So nennt Medwedew u.a.: Juristen, Verwalter im Erziehungswesen, Biologen, technische Intelligenz, Betriebsleiter, Chefingenieure, Maler, Schauspieler, Musiker, Architekten und Filmschaffende – klein- bis großbürgerliche Intelligenz. Das Wesen der „Repression“ hat sich demnach von Lenin zu Stalin nicht geändert – daher im übrigen auch der Hinweis bürgerlicher Kritiker, bereits Lenin habe Verrat an den marxistischen Prinzipien begangen, Stalin habe das Ganze nur noch ins Monströse gesteigert. Tatsächlich war und ist die Bekämpfung der Konterrevolution die zentrale Klassenfrage, die Machtfrage der proletarischen Revolution, die Frage von Sein oder Nichtsein einer sozialistischen Gesellschaft. Sie ist mithin keine moralische Frage, zumal eine Revolution der denkbar ungünstigste Zeitpunkt ist, metaphysische Überlegungen über den Wert eines Menschenlebens anzustellen. Das mag zynisch klingen, ist darum aber weder weniger wahr noch wirklich: Der Imperialismus tötet täglich in der Dimension von Millionen; kein Mittel darf daher gescheut werden, diese Mordmaschinerie WIRKSAM außer Kraft zu setzen – damit die Menschheit endlich ihre Geschichte selbst in die Hand nehmen kann und alsbald KEINE Opfer mehr zu zählen sind.

Andrea Schön, Dortmund

P.S. Noch ein Hinweis von Kenneth Neill Cameron, ehemaliger Professor an der New York University: In der Pariser Commune von 1870 war die Arbeiterklasse sich noch nicht der Brutalität bewusst, mit der die Bourgeoisie versucht, die verlorene Macht zurück zu gewinnen – wenn’s sein muss, mit Hilfe ihrer erbitterten Feinde. Das Ergebnis: 30.000 Leichen säumten die Straßen von Paris, Bürgertum und Monarchie triumphierten. Dieser Erfahrung sollte man sich auch in Zukunft bei einem erneuten „Anlauf“ wieder erinnern.

Literatur:

Cameron, Kenneth Neill: „Stalin – Man of Contradiction“ (Stalin – Mann der Widersprüche), NC Press Limited, Toronto 1987
Martens. Ludo: „Stalin anders betrachtet“, EPO VZW Verlag, Berchem/Belgien 1998
Sayers, Michael und Kahn, Albert E.: „Die große Verschwörung“, Verlag Volk und Welt, 1949
Sousa, Mario: „Lies concerning the history of the Soviet Union“, in: Proletären (Schweden), April 1998

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